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'^JLJ@A£^ 



ARCHIV 



DEE 



PHARMACIE. 

Eine Zeitschrift 

des 

allgemeinen deutschen Apotheker -Vereins, 

Abtheilung Norddeutsch] and. 



Herausgegeben vom Directorium unter Redaction 



H. Ludwig. 



* v\ 



XIX. Jahrgang. 



Im Selbstverlage des Vereins. 
In (.'omraission der Buchhandlung des Waisenhauses in Halle a/S. 

1869. 



Wittitock'sohes Vereinsjahr. 



ARCHIV 



DER 



PHARMACIE. 



/3"7 

Zweite Reihe CXXXVII. Band. 
Der ganzen Folge CLXXXVII. Band. 

Unter Mitwirkung der Herren 

A. Büchner, 0. Facilides, A. Faust, Flückiger, A. Fröhde, 
E. Hallier, Hirschberg-, Henkel, F. Kostka, Mirus, H. Müller, 
J. Müller, J.Philipps, J. Potyka, T.Schmieden, L. Sondermann, 

G. C. Wittstein 

herausgegeben vom Directorium unter Redaction 



H. Ludwig. 




^ :^ r ^ H i c A L 

^Vittstock'sches Vereinsjal:«^ 



Im Selbstverlage des Vereins. 
In Commission der Buchhandlung des Waisenhauses in Halle a/S. 

1869. 



i^ < Vis t\. ' 












V 3 






ARCHIV DEE 




CLXXXYII. Bandes erstes und zweites Heft. 



A. Originaliiiittheilungeii. 

I. Clieiiiie \ind Pliarmacie. 



Chemiselie IJiitersiieliimg des Wassers der Schwefel- 
quelle zu Oberdorf im Algäu. 

Von Prof. A. Buchner in München.*) 

Unweit dem Orte Oberdorf bei Hindelang, in einem der 
schönsten Theile des Algäu's, entspringt auf einer das weite 
Gebirgsthal beherrschenden Anhöhe, über welche die Strasse 
nach Tyrol führt, eine Schwefelquelle, welche der thätige 
praktische Arzt Herr Dr. Leonhard Stich von Sonthofen 
seit ein Paar Jahren zu Heilzwecken benützt, wozu er in 
der Nähe der Quelle eine gern besuchte Badanstalt errichtet 
hat. Einer an mich ergangenen Einladung zufolge habe ich 
das Wasser dieser Quelle einer chemischen Untersuchung 
unterworfen, deren Ergebnisse ich im Folgenden mittheile. 

Bei der von mir vorgenommenen Besichtigung der Quelle 

konnte schon in einiger Entfernung von der mit einer Thüre 

verschlosseneu Brunnstube, in welcher sich das Wasser der 

■—Quelle ansammelt, ein Geruch nach Schwefelwasserstoff ganz 

^^gut wahrgenommen werden. Beim Oeffnen der gemauerten 

Stube trat dieser Geruch noch stärker hervor und das darin 

(^befindliche Wasser erschien weisslich getrübt, gerade so wie 

^eine an der Luft stehende Auflösung von Schw^efelwasserstoff 

^in Wasser, deren Schwefelw^asserstoff durch den Sauerstoff 

der Luft unter Ausscheidung von Schwefel zersetzt wurde. 



*) Tom Herrn Verf. als Separatabdruck erhalten. H. L. 

Arch. d. rharm. CLXXXVII. Bds. 1. u. 2. Hft. 1 



2 Chem. Untersuchung d. Wassers d. Schwefelquelle zu Oberdorf im Algäu, 

Nachdem das Wasser aus der Brunnstiibe abgelassen 
worden war, bemerkte man, dass auf dem mergeligen Grunde 
das Quellwasser theils seitwärts, theils von unten hervor 
sickert und dann die Brunnstube bis zur Höhe von einigen 
Fuss füllt. 

Der Mergel dieses G-rundes sieht im feuchten Zustande 
schwarzgrau und getrocknet hellgrau aus. Er enthält, wie 
die damit vorgenommene chemische Untersuchung bewies, 
Gyps, etwas organische Substanz und ein wenig freien Schwe- 
fel beigemengt, welcher letztere offenbar von der in der 
Brunnstube beständig vor sich gehenden Zersetzung des im 
AVasser aufgelösten Schwefelwasserstoffes herrührt. 

Die quantitative Bestimmung des Schwefelwasserstoffes 
in diesem Wasser wurde an einem Herbstmorgen vorgenom- 
men, nachdem sich die am Abend zuvor entleerte Brunnstube 
frisch mit Wasser gefüllt hatte. 

Auch diesmal roch das klare Wasser sehr stark nach 
Schwefelwasserstoff; der Geschmack desselben war hepatisch 
und bald darauf schwach bitterlich - salzig , ähnlich dem einer 
Auflösung von schwefelsaurem Kalke. 

Man bestimmte die Menge des Schwefelwasserstoffes mit- 
telst einer stark verdünnten wässerigen Jodauflösung, welche 
in einem Liter 1,27 Grm., d. h. 0,01 Mischungsgewicht freien 
Jodes enthielt. 

Yon dieser Jodlösung wurden 0,2 C. C. gebraucht, um 
100 CG. eines schwefelwasserstofffreien Wassers, dem man 
ein wenig dünnen Stärkekleister beigemischt hatte, deutlfch 
blau zu färben. Hingegen waren , um die nämliche Erschei- 
nung in 100 e.G. des fraglichen Mineralwassers hervorzubrin- 
gen , in Mittel von mehren sehr gut übereinstimmenden A^er- 
suchen 15,05 G.G. Jodlösung erforderlich. 

Da nun 1 Mischungsgewicht Jod (= 127) einem Mi- 
schungsgewichte Schwefelwasserstoff (= 17) äquivalent 
ist und beide Stoffe in diesen Mengenverhältnissen sich 
umsetzen in Jodwasserstoff und freien Schwefel, so ergiebt 
sich, dass das Gberdorfer Scliwefelwasser in einem Liter 
0,02525 Grm. Schwefelwasserstoff enthält, was bei der gefun- 



Chem. Untersuchung d. Wassers d. Schwefelquelle zu Oberdorf im Algäu. 3 

denen Temperatur des Wassers, in Volumen ausgedrückt, 
17,22 C.C. beträgt. 

Daraus geht hervor, dass die Schwefelquelle zu Ober- 
dorf Terhältnissmässig sehr reich an Schwefelwasserstoff ist 
und desshalb zu den stärkeren Hydrothionquellen Bayerns 
gezählt werden muss. 

Indessen zeigte sich dieser hohe Gehalt in constanter 
Weise erst, als man das Wasser aus grösserer Tiefe der 
Brunnstube schöpfte. Die oberen, zunächst mit der Luft in 
Berührung kommenden Schichten des Wassers zeigten aus 
leicht erklärbarer Ursache einen etwas geringeren und mehr 
schwankenden Gehalt an Schwefelwasserstoff. 

Das Wasser hat eine Temperatur von + 8^,5 E. oder 
100,6 C. 

Das specifische Gewicht desselben wurde bei + 15 ^ B. 
= 1,0014 gefunden. 

Das nach München in wohlverschlossenen Flaschen ge- 
brachte Wasser, welches nach sechsmonatlicher Aufbewahrung 
noch stark nach Schwefelwasserstoff roch und sich an der 
Luft wegen Ausscheidung von Schwefel trübte, verhielt sich 
gegen Beagentien wie folgt: 

Geröthete Lackmustinctur wurde davon blau 
gefärbt, mithin ist das Wasser alkalisch. 

Salpetersaures Silbe roxyd bildete in dem Wasser 
sogleich eine braune Färbung, dann Trübung und endlich 
einen schwarzbraunen in Salpetersäure unlöslichen und auch 
in Ammoniak bis auf eine sehr geringe Menge Chlorsilber 
unlöslichen ^Niederschlag von Schw^efelsilber. In dem vom 
Schwefelwasserstoff befreiten Wasser erzeugte Silberlösung 
eine weisse Opalisirung und nach dem Ansäuern mit Salpeter- 
säure und Schütteln einen sehr geringen Niederschlag von 
Chlorsilber. 

Chlorbaryum bewirkte sogleich starke, in Salzsäure 
unlösliche Trübung nebst Niederschlag von schw^efelsaurem Baryt. 

Kalkwasser bildete beim Vermischen mit dem Wasser 
eine weisse, auf Zusatz von Salmiak wieder verschwindende 
Trübung. Nach und nach setzte sich dann an der Wand des 

l*- 



4: Cheiu. Untersuchung d. Wassers d. Schwefelquelle zu Oberdorf im AlgaU. 

des verschlossenen Glases ein kiystallinisches Pulver von 
kohlensaurem Kalk ab. 

Ammoniak bewirkte eine weisse Trübung und hierauf 
einen flockigen Niederschlag, der sich nach Zusatz von Sal- 
miak wieder auflöste (Magnesia). 

Oxalsaures Ammoniak gab eine starke weisse Trü- 
bung und i^iederschlag von oxalsaurem Kalk. In dem mit 
Salmiak vermischten und von diesem Niederschlage abfiltrirten 
Wasser wurde dann auf Zusatz von p hos p hör sau rem 
Natron und Ammoniak niich eine weisse Trübung und 
später ein kryställinischer Niederschlag von phosphorsaurer 
Ammoniak- Magnesia hervorgebracht. 

Beim Verdampfen des Wassers schied sich zuerst koh- 
lensaurer Kalk und etwas kohlensaure Magnesia aus. Der 
nach vollkommenem Verdampfen zurückgebliebene E-ückstand 
war fast ganz weiss und schwärzte sich auch bei stärkerem 
Erhitzen kaum, woraus hervorgeht, dass das Wasser beinahe 
frei von organischen Stoffen ist. 

100 C. C. Wasser hinterliessen im Mittel von zwei sehr 
genau übereinstimmenden Versuchen 0,1845 Grrm. bei 180^ C. 
scharf ausgetrockneten Rückstandes. In einem Liter Wasser 
sind demnach 1,845 Grm. fixer Stoffe nach directer Bestim- 
mung enthalten. Also sind in einem Pfunde zu 16 Unzen 
(= 7680 Gran) 14,15 Grane fixer Bestandtheile , direct 
bestimmt, aufgelöst. 

Nach schwachem Glühen betrug der Verdampfungsrück- 
stand von 100 C. C. Wasser 0,1725 Grm. 

Aus obigen Versuchen und aus der näheren qualitativen 
Analyse des Verdampfungsrückstandes geht hervor, dass in 
diesem Wasser folgende Stoffe enthalten sind: 

1) Von gasförmigen Stoffen: 

Schwefel wassersto ff und Kohlensäure. 

2) Von fixen Stoffen : 

Kali, Natron, Ammoniak, Kalk und Magne- 
sia, gebunden an Ohio r (sehr wenig), Schwefelsäure 
und Kohlensäure; ferner Kieselsäure und Spu- 
ren von Lithion, T honerde, Eisenoxyd, Salpe- 



Chem. Untersuchung d. Wassers d. Schwefelquelle zu Oberdorf im Algäu. 5 

tersäiire, Phosphorsäiire und organischer Sub- 
stanz. 

Um zu entscheiden, ob das Wasser den Schwefelwasser- 
stoff g-anz im freien Zustande oder theilweise auch chemisch 
gebunden (als Sulfhydrat) enthalte, wurde durch eine gewisse 
Menge des Wassers bei Abschluss von Luft so lange gerei- 
nigtes Wasserstoffgas geleitet, bis kein Schwefelwasserstoff- 
gas mehr entwich. Das so behandelte Wasser zeigte sich 
vollkommen frei von gebundenem Schwefelwasserstoff und 
ebenfalls frei von einem unterschwefligsauren Salze, denn 
die hierauf durch salpetersaures Silberoxyd erzeugte schwache 
Trübung war weiss und in Ammoniak vollkommen löslich. 
Uebrigens wurde die Abwesenheit eines Sulfhydrates in die- 
sem Wasser auch dadurch bewiesen, dass eine Auflösung 
von Mtroprussidnatrium weder sogleich, noch nach einiger 
Zeit eine blaue oder purpurrothe Färbung hervorbrachte. 

Es musste also das im Wasser zuerst gebildete Schwe- 
felcalcium durch die vorhandene freie Kohlensäure vollkom- 
men umgewandelt worden sein in freien Schwefelwasserstoff 
und in kohlensauren Kalk. Das Schwefelcalcium seinerseits 
entsteht hier offenbar durch die reducirende Wirkung in Ver- 
wesung begriffener organischer Stoffe auf den Gyps (schwefel- 
sauren Kalk), von welchem oberhalb der Schwefelquelle ein 
Lager vorkommt. 

Die Menge der im Wasser aufgelösten freien und soge- 
nannten halbgebundenen Kohlensäure w^urde nach v. Petten- 
kofer's genauer Methode bestimmt. In 100 C. C. Wasser 
fand man 0,01850 Grm. und bei einem zweiten Versuche 
0,1855 G-rm. solcher Kohlensäure. Mithin enthält ein Liter 
0,18525 Grm. freier und halbgebundener Kohlensäure, was 
nach dem Volumen, auf die Temperatur der Quelle berechnet, 
97,62 C. C. beträgt. 

Die quantitative Bestimmung der übrigen in wägbarer 
Menge vorhandenen Bestandtheile des Wassers wurde ebenfalls 
mittelst als genau bewährter Methoden vorgenommen. 

Die folgende Zusammenstellung enthält die in diesem 
Wasser vorhandenen Bestandtheile und deren Menge einmal 



G Chem. Untersuchung d. Wassers d. Schwefelquelle zu Oberdorf im Algäu. 

in Grammen auf ein Liter (= 1000 C. C.) und dann in 
Granen auf ein Pfund zu 16 Unzen (= 7680 Gran) berechnet. 
Es sind enthalten: 

In 1 Liter *) : In 1 Pfd. = 7680 Gm. 

A. Gasförmige Bestand- 

theile: 
Schwefelwasserstoff .... 0,02525 Grm. 

= 17,22 C.C. 
Freie und halbgebundene Koh- 
lensäure 0,18525 Grm. 

= 97,62 0. 0. 

B. Fixe Bestandtheile: 
a. In wägbarer Menge: 

Chlornatrium 0,00132 Grm. 0,01012 Gran. 



0,19365 Gran. 
= 0,551 C. Z. 

1,42073 Gran. 
= 3,12C.Z.**) 



Schwefelsaures Natron . . 0,02240 

Kali . . . 0,01076 

„ Ammoniak . 0,00371 

Schwefelsaure Magnesia . . 0,22698 

Schwefelsaurer Kalk . . . 1,28216 

Kohlensaurer Kalk . . . 0,22675 

Kohlensaure Magnesia . . 0,01195 

Kieselsäure 0,00344 

Summe der Menge der wäg- 



0,17179 
0,08252 
0,02845 
1,74077 
9,83322 
1,73901 
0,09165 
0,02638 



baren fixen Bestandtheile 1,78947 Grm. 13,72391 Gran. 

b. In unw^ägbarer oder nicht genau w^ägbarer Menge: 

Lithion, 

Thonerde, 

Eisenoxyd, 



*) Bei der geringen Differenz zwischen dem spec. Gewichte des rei- 
nen Wassers und demjenigen des untersuchten Mineralwassers kann man, 
ohne einen erheblichen Fehler zu begehen , die in 1 Liter (= 1000 C. C) 
enthaltene Menge der einzelnen Bestandtheile auch für 1000 Gramme Was- 
sers gelten lassen. 

**) Die oben angegebenen Zahlen für das Volumen des Schwefel- 
wasserstoff- und kohlensauren Gases sind berechnet für die Quellen - 
Temperatur (= 10",6 C.) und für 760 M. M. Barometerstand. 



Darstellung v. Kalk -, Magnesia- u. Chlormagnesium - Cylindern etc. 7 

Salpetersäure, 

Phosphorsäure, 

Organische Substanz. 
Dieser Zusammensetzung nach muss das Mineralwasser 
zu Oberdorf zu den stärkeren erdig - salinischen Schwefel was- 
sern mit vorherrschendem Gehalt an Kalk- und Magnesia - 
Salzen gezählt werden. 



Die Darstellung Ton Kalk-, Magnesia- und Chlor- 

magnesium - Cylindern zur Anwendung bei dem 

Drummond'sehen Lichte. 

Von Apotheker Dr. Jos. Philipps in Cöln, 

Kalkcylinder. Am besten eignet sich zur Darstel- 
lung derselben weisser eisenfreier Marmor (carrarischer). Der- 
selbe wird in Stückchen, wie dieselben bei der Bearbeitung 
der Marmorplatten abfallen von etwa 10 — 15 Quadratcenti- 
meter, in einen gut ziehenden Ofen gelegt, welcher mit gro- 
bem Coaks geheizt ist. Auf die Stücke schichtet man eben- 
falls eine Lage groben Coaks und glüht eine bis anderthalbe 
Stunden, jedoch nicht zu stark. Alsdann nimmt man ein 
Stück heraus, durchschlägt dasselbe und sieht, ob die Masse 
ihre Kohlensäure verloren hat, was man schon am Bruche 
erkennen kann. Die Stücken werden nach dem Erkalten in 
längliche Stückchen gesägt von etwa 7 Centimeter Länge und 
15 Millimeter Breite und Dicke. Man bew^ahrt dieselben in 
abfallendem Kalkpulver gut verschlossen auf. Die auf diese 
Weise erhaltenen Cylinder geben im Knallgase ein schönes 
Licht, sind sehr haltbar, da sie nicht springen und sintern 
äusserst wenig zusammen. 

Magnesiacy linder. Frisch gebrannte Magnesia (die 
käufliche englische Magnesia usta eignet sich nicht gut dazu) 
wird mit Wasser zu einem dicken Teige angestossen und so 
rasch wie möglich in eine gerollte nicht gelöthete Blechform 



8 Ueber den Farbstoff der Faulbaumrinde. 

gefüllt. (Die Form ist etwa so dick wie ein Daumen und 
ein Decimeter lang). 

Alsdann schlägt man die Form mit dem Inhalte senk- 
recht auf eine harte Unterlage einige Zeit lang. Durch diese 
Operation wird die Masse dünner und entlässt die etwa ein- 
geschlossenen Luftbläschen. Nach einigen Minuten fängt die 
Masse an sich zu erwärmen, man legt sie alsdann in einen 
warmen Backofen , die Masse wird hierin sehr heiss , so dass 
die Form reissen würde, wenn sie gelöthet wäre. Hält die 
Masse noch Luft eingeschlossen, so springt sie oft in Stücke. 
Nach etwa einer Stunde ist der Process beendet und die Cy- 
linder können heraus genommen werden. Ich habe zu klei- 
neren Versuchen hübsche Cylinder in dicken Höllensteinfor- 
men erhalten. Die Magnesiacylinder geben ein brillantes 
Licht, sind aber nicht so haltbar wie die Kalkcylinder. 

Chlor magnesiumcylinder von basischem Chor- 
magnesium. EinTheil gebrannter Magnesia, etwa 20 Gramme, 
wird mit Salzsäure versetzt und zwar mit so viel, dass die 
Masse dickflüssig wird, hierauf wird so viel gebrannte Magne- 
sia zugesetzt , dass ein dicker Teig entsteht. Im Ilebrigen wird 
dann wie bei der Bereitung der Magnesiacylinder verfahren. 

Diese Cylinder erhalten ein porzellanartiges Ansehen, 
geben ein schönes Licht, nutzen aber rasch ab und belästigen 
sehr durch die ekelhaften Dämpfe, welche sie beim Glühen 
entwickeln. 



lieber den Farbstoff der Faulbaumrinde. 

Von August Faust, z. Z. in der Rathsapotheke des H. Dr. Jordan 

zu Göttingen. 

(Gekrönte Preisschrift der Hagen - Bucliolz'sclien Stiftung.) 

Bekanntlich ist die Faulbaumrinde wiederholt chemisch 
bearbeitet worden, ohne dass die Arbeiten die chemische Na- 
tur ihres Farbstoffes genügend aufgeklärt hätten. In Folge 
dessen hat das DirecLorium des Norddeutschen Apothekervereins 
diesen Gegenstand zu einer Preisfrage gewählt, welche zugleich 



lieber den FarbstoflF der Faulbaumrinde. 9 

die Beziehung des Farbstoffes Frangulin zur Chrysophan- 
säure, wie auch die Erkennung des Frangulins in Aus- 
zügen darzuthun hatte. Ich habe versucht, die verschiedenen 
Angaben über den Farbstoff zu prüfen und sie einer einheit- 
lichen Lösung entgegen zu führen. 

Was die Literatur über diesen Gegenstand anbelangt, 
so erwähne ich die altern Arbeiten kaum mehr als dem Na- 
men nach, da sie für uns jetzt kein Interesse mehr haben. 

Gr. F. F erb er*) in Hamburg bearbeitete die Faulbaum- 
rinde zuerst 1828 und fasste seine Schlüsse in fünf Sätzen 
zusammen; diese Arbeit hat für uns keinen Werth mehr. 

Hierauf hat Biswanger**) über die Binde des Stam- 
mes und der Wurzel des Faulbaums eine Arbeit veröffent- 
licht, worin er angiebt, dass die Bestandtheile beider gleich 
seien, höchstens in der Menge differiren. Er stellte seine Ar- 
beit in zehn Sätzen zusammen, von denen uns nur der zweite 
interessiren kann. Dieser erwähnt einen gelben, krystallisirten 
Farbstoff, das Bhamnoxanthi n. 

Buchner ***) erhielt das Bhamnoxanthin darauf ebenfalls 
unrein und beobachtete, dass es unter ihm unbekannten Um- 
ständen statt in gelben in morgenrothen , federartigen Kry- 
stallen sublimirt, und hält diese letztern für eine Modification 
des Ehamnoxanthins. In neuerer Zeitf) ergänzte Buchner 
seine Angaben dahin, dass dieser Stoff ein Zersetzungsproduct 
des Ehamnoxanthins sei und verspricht Fortsetzung seiner 
Versuche, die bis jetzt nicht erschienen ist. 

Dann machte Win kl er ff) darüber Beobachtungen 
bekannt, die von weiter keinem Belange sind. 

Wichtiger als diese Arbeiten waren die Untersuchungen 
Casselmanns. fff) Dieser stellte das Bhamnoxanthin zuerst 



*) Repertorium für Pbarmacie III. 4. S. 145. 

**) Daselbst (3). IV. 47. 145. Ann. Chera. Pharm. 76. 356. 

***) Annalen Cbem. Pharm. 87. 218. Zeitschr. für Chemie 1865, 699. 

t) Zeitschrift für Chemie 1865, 699. 

tt) Neues Repert. für Pbarmacie. 4. 145. 

ttt) Annalen Cbem. Pharm. 104. 77. 



10 Ueber den Farbstoff der Faulbaumrinde. 

rein dar und nannte es Frangulin, übersah dabei aller- 
dings die chemische N'atur des Frangulins, berechnete 
deshalb aus seinen Analysen eine zu niedrige Formel dafür, 
und Hess in Folge dieser Umstände das Product der Einwir- 
kung von Salpetersäure auf Frangulin, die s. g. Nitrofrangu- 
linsäure in schwer zu begreifenden Beziehungen zum Fran- 
gulin selbst. 

Endlich hat Kubly *) in neuerer Zeit eine Untersuchung 
über die Faulbaumrinde veröffentlicht, deren Ergebnisse fol- 
gende sind. Die Rinde enthält nach ihm: 

1) Ein wirksames Princip, analog der Cathartinsäure. 

2) Ein Glykosid, das Avornin. 

3) Eine Säure, Spaltungsproduct des Avornins. 

4) Ein amorphes Harz, ebenfalls Spaltungsproduct des 
Avornins. 

Diese Arbeiten geben genügenden Stoff zum Nachden- 
ken; es galt zunächst durch geeignete Wiederholung der 
Versuche die Arbeiten zu prüfen und in einen Zusammenhang 
zu bringen. Der Gedanke lag nahe, dass die verschieden 
angegebenen Körper: Rhamnoxanthin , Frangulin, Avornin 
und dessen Spaltungsproducte , wie auch B u c h n e r ' s roth 
krystallisirender , federartiger Körper aus einer Quelle abzu- 
leiten und nur in Folge der mehr oder minder energisch ein- 
wirkenden Darstellungsmethode aufgetreten seien. Dieser Ge- 
danke leitete mich bei meinen Arbeiten. Hiernach musste 
die Faulbaumrinde einer aufeinander folgenden Ausziehung: 

1) durch destillirtes Wasser, 

2) durch ammoniakalisches Wasser, 

3) durch ätznatronhaltiges Wasser 

in der Hitze unterworfen , und die einzelnen Auszüge für sich 
auf ihre Farbstoffe untersucht werden. Ferner habe ich (hier- 
bei aber jedesmal neue) Faulbaumrinde 1) durch Alkohol 
und 2) durch sodahaltiges Wasser ausgezogen und auch 
diese Auszüge für sich untersucht. 

*) Pharm. Zeitschrift für Russland. Jahrg. V. Heft 3. 



üeber den Farbstoff der Faulbaumrinde, 11 

1) Wässriger Auszug, nach Kubly dargestellt; 
dessen wirksames Princip, so wie Avornin und 

A V r n i n s ä u r e. 

5 Pfund Faulbaumrinde wurden in einer bedeckten zin- 
nernen Blase zweimal je 1 Stunde mit dest. Wasser ausge- 
zogen, die abgepressten und colirten Flüssigkeiten im Dampf- 
bade zu einem dünnen Sja-up eingeengt und dieser erkaltet 
mit einem gleichen Volum 90grädigem Alkohol gemischt. 
Die fast klare Mischung wurde filtrirt und mit der fünffachen 
Menge Alkohol von 90^ ausgefällt. Die niedergefallenen 
braunen Flocken stellten Kubly 's „wirksames Princip der 
Faulbaumrinde " dar ; ich werde weiter unten darauf zurück- 
kommen. 

In dem alkoholischen Filtrat hatte ich Kubly 's Avor- 
nin zu suchen. Zu diesem Zwecke destillirte ich den Alkohol 
grösstentheils ab, verdampfte den Rückstand zur dünnen 
Extractconsistenz , löste wieder in starkem Alkohol und fällte 
mit Aether aus. Das Avornin war jetzt in der ätherischen 
Lösung. Nach dem Abfiltriren von dem enstandenen Nieder- 
schlag wurde das Filtrat wieder abdestillirt , der Rückstand 
in starkem Alkohol gelöst und mit Aether nochmals ausge- 
fällt. Hierauf wurde die Lösung filtrirt, von dieser der Aether 
abdestillirt, und die rückständige alkoholische Lösung durch 
Wasser ausgefällt , die entstandenen braunrothen Flocken auf 
einem Filter gesammelt und mit Wasser einigemal ausge- 
waschen. Das Waschwasser lief röthlich gefärbt ab, und 
färbte sich mit Ammoniak roth, zum Beweise, dass der Nie- 
derschlag in Wasser nicht ganz unlöslich war. Dieser flockige, 
braunrothe Niederschlag musste das Avornin sein; er wurde 
wiederholt aus alkoholischer Lösung durch Wasser gefällt, 
mit Wasser ausgewaschen und endlich getrocknet. — Wenn 
ich bei der Reinigung dieses s. g. Avornins etwas von Ku- 
bly 's Angaben*) abgewichen bin, so war dies nur in unwe- 
sentlichen Punkten und hatte eine bessere Reinigung zum 



*) Pharm. Zeitschrift für Russland. Jahrgang V. Heft 3. 



12 lieber den Farbstoff der Faulbaiimrinde. 

Zwecke, — So dargestellt und noch nicht getrocknet, stellte 
das Avornin unter dem Mikroskope bräunlich rothe Kugeln 
dar, die kein besonderes Vertrauen für Reinheit einflössten. 
Getrocknet war es eine bräunliche Masse, die sich in fixen 
Alkalien braunroth auflöste und aus dieser Lösung durch 
Säuren mit hellerer Farbe wieder abgeschieden wurde. Die 
alkoholische Lösung des Avornins mit Salzsäure gekocht, zer- 
setzt sich, wie Kubly richtig angiebt, in Zucker und Avor- 
ninsäure, unter Abscheidung einer amorphen schmutzigen gefärb- 
ten Substanz. Letztere hält Kubly ebenfalls für ein Spaltungs- 
product seines Avornins und nennt es einstweilen „amorphes 
Harz. " Wenn wir unten die Natur des Frangulins erst 
etwas näher kennen gelernt haben, werden wir uns überzeu- 
gen, dass dieses „amorphe Harz'' nur eine Verunreinigung des 
8. g. Avornins ist und dazu gedient hat, Kubly irre zu führen. 
Das Frangulin ist nemlich ein Glykosid, was die bis- 
herigen Bearbeiter desselben übersehen haben, und Kubly 's 
Avornin nichts anderes als unreines Cass elmann' sches 
Frangulin. Beide liefern dieselben Spaltungsproducte , die 
s. g. Avorninsäure , die ich deshalb von jetzt an auch Fran- 
gulinsäure nennen werde. Hierbei will ich bemerken, dass 
das Frangulin wie auch die Frangulinsäure hartnäckig den 
amorphen Zustand beibehalten, wenn sie noch irgend wie 
verunreinigt sind. 

Kubly 's wirksames Princip der Faulbaumrinde, welches 
ich durch Fällen des wässrigen, eingedickten Auszugs der 
Binde mit Alkohol in braunen Flocken erhielt, wurde nach 
seiner Angabe weiter gereinigt, durch Auflösen in Wasser 
und Versetzen mit Salzsäure, Sammeln des entstandenen Nie- 
derschlags, Auswaschen desselben mit Wasser, Wiederauf- 
lösen in schwächerm Weingeist unter Erwärmen, Ausfällen mit 
absolutem Alkohol und Trocknen. 

So erhalten hatte das „wirksame Princip" eine dunkle 
Farbe und bot gar keinen Anhalt für chemische Beinheit. 
Ich konnte mich deshalb auch nicht zu einer Elementaranalyse 
einer chemisch so schlecht charakterisirten amorphen Sub- 



Ueber den Farbstoff der Faulbaumrinde. 13 

stanz entschliessen. Ebenso habe ich ihre Wirkung auf den 
Organismus nicht untersucht. In unserer Zeit, wo die 
neuere Medicin immer mehr von der Anwendung der Ex- 
tracte abkommt, und Vegetabilien am hebsten als Aufguss, 
Abkochung oder Pulver anwendet, kann dem Arzneischatze 
durch Einverleibung eines Mittels, das am Ende nichts ande- 
res ist, als ein gereinigtes Extract , nichts gedient sein. Am 
wenigsten ist dies aber bei der Faulbaumrinde der Fall, deren 
wässrige Abkochung zu den angenehmsten und gebräuchlich- 
sten Arzneimitteln gehört. 

2. Ammoniakalischer Auszug. 

Die zweimal mit destillirtem Wasser heiss erschöpfte 
Faulbaumrinde, wurde jetzt im heissen Dampfbade mit dest. 
Wasser ausgezogen, welchem ungefähr 5 Procent Salmiak- 
geist zugesetzt w^aren , die abgepresste und colirte Flüssig- 
keit mit Salzsäure angesäuert, der entstandene Niederschlag 
mit Wasser ausgewaschen, getrocknet und zerrieben. 

Letzteres ging ziemlich schwer von Statten. Hierauf wurde 
der gepulverte Niederschlag zweimal mit Alkohol unter Zusatz 
von Bleizucker ausgekocht, heiss abfiltrirt und das Filtrat mit 
Bleiessig ausgefällt. Die entstandene rothe Bleiverbindung 
wurde mit Alkohol ausgewaschen, unter Alkohol vertheilt, 
durch Schwefelwasserstoff zersetzt, hierauf zum Kochen erhitzt 
und heiss abfiltrirt. Beim Verdünnen des Filtrats mit Was- 
ser entstand ein gelber Niederschlag, der gesammelt, gewa- 
schen, getrocknet, zur Entfernung des Schwefels aus dem 
Schwefelwasserstoff, einigemal mit Benzin ausgekocht, und 
dann in Weingeist kochend gelöst wurde. Ein Tropfen die- 
ser Lösung auf einem Objectglase verdunstet, liess unter dem 
Mikroskope Krystalle von Frangulin säur e in langen, mor- 
genrothen Nadeln, neben einem gelben Krystallpulver erken- 
nen. Letzteres war, wie ich mich später überzeugte, Cas- 
selmann's Frangulin; es trat hier in verhältnissmässig 
geringer Menge auf 



14 tleber den Farbstoff der Faulbaumrinde. 

3. Auszug mit ätznatronhaltigem Wasser. 

Die Rinde, welche durch heisses destillirtes und 
durch ammoniakalisches Wasser erschöpft war, wurde 
endlich noch mit dest. Wasser heiss ausgezogen, dem einige 
Procente Aetznatron zugegeben waren. Die Colatur wurde 
mit Salzsäure ausgefallt und der Niederschlag auf Frangulin 
und Frangulinsäure weiter so behandelt , wie ich es bei dem 
ammoniakalischen Auszuge beschrieben habe. — Es sei hier 
bemerkt, dass die Reinigungsmethode mit unwesentlichen Ab- 
änderungen dieselbe ist, welche Gas seimann bei seinem 
Frangulin eingeschlagen und angegeben hat. — Hier resul- 
tirte nur noch wenig Frangulinsäure. 

Faulbaumrinde mit sodahaltigem Wasser zuerst 
heiss ausgezogen und der Auszug in der beschriebenen Weise 
weiter verarbeitet, gab ebenfalls fast nur Frangulinsäure. 
— Während ich diese Versuche anstellte und ehe ich die 
verschiedene Wirkung von ammoniakalischem Wasser im Ge- 
gensatze zu soda- und ätznatronhaltigem Wasser auf die 
Faulbaumrinde erkannte, hatte ich eine grosse Menge Rinde 
mit ätznatronhaltigem Wasser ausgekocht und in obiger 
AVeise auf Frangulin verarbeitet; ich erhielt sehr wenig 
Frangulin neben der vielleicht 20 fachen Menge FranguHn- 
säure. — Ich will hier daran erinnern, dass die Reinigung 
der Frangulinsäure eine schwierige, kostspielige Arbeit ist; 
ich konnte sie von dem begleitenden Schwefel (aus dem Schwe- 
felwasserstoff) und von ihren andern amorphen Begleitern 
nur dadurch trennen, dass ich sie wiederholt in absolutem 
Alkohol löste und dann aus dieser Lösung durch Benzin (des 
Handels) fällte. Bleiben nun zwar in der überstehenden 
P"'lüssigkeit nicht geringe Mengen Frangulinsäure, so war 
diese Methode doch die einzige, welche mich zu einem reinen 
Präparate führte. — Die Ausbeute an Frangulinsäure ist eine 
äusserst geringe, sie beträgt etwa Vio Fi'ocent. — Von dem 
Frangulin erhielt ich im Granzen sehr wenig. Aus dem ammo- 
niakalischen Auszug und dem Auszuge mit Aetznatron zusam- 
men 0,G Gramm. Das Frangulin Hess sich von dei- Frangu- 



Ueber den Farbstoff der Faulbaumrinde. 15 

linsäure, wegen seiner geringern Löslichkeit in Alkohol, leicht 
trennen. 

Endlich hielt ich es für interessant, zu erfahren, welche 
Farbstoffe Alkohol aus der Faulbaumrinde zieht. Ich über- 
goss 2 Pfund Rinde mit Alkohol von 90^, liess 3 Tage bei 
25 — 30^ stehen, presste ab, destillirte den Alkohol theil- 
weise ab, versetzte mit Bleizucker und fällte nach dem Abfil- 
triren das Filtrat mit Bleiessig aus. Mit dem Bleiessignie- 
derschlage verfuhr ich weiter, wie oben angegeben. Hierbei 
erhielt ich nur Frangulin, zum Beweise, dass die Frangu- 
linsäure nicht als solche in der Binde enthalten war, sondern 
erst bei der Bearbeitung, d. h. bei der Einwirkung der Alka- 
lien in der Hitze, gebildet wurde. Die Menge des erhalte- 
nen Frangulins war äusserst gering; es kann dies nicht auf- 
fallen, da wir wüssen, dass die Löslichkeit des Frangulins in 
kaltem Alkohol unbedeutend ist, und Alkohol jedenfalls nicht 
wie Wasser, andere Körper mit auszieht, welche dann das 
Frangulin veranlassen mit in Lösung zu gehen. 

Das Frangulin, 02oH2o^ioj l>esitzt die von Cassel- 
mann angegebenen Eigenschaften. Es sind gelbe, unter 
dem Mikroskope krystallinische Massen. Casselniann 
giebt an, unter dem Mikroskope quadratische Tufeln 
erkannt zu haben. Ich habe wieder an meinem Frangu- 
lin noch an dem Frangulin, welches C asselmann selbst 
dargestellt und ich mir zum Vergleiche verschafft hatte, qua- 
dratische Tafeln erkennen können. Dagegen will ich aber die 
Frage über die eigentliche Krystallform einstweilen offen las- 
sen. Mein Frangulin schmilzt bei 226^0. Das Frangulin 
Casselmann's, nach meiner vergleichenden Bestimmung, 
bei 225^0. — Casselmann selbst giebt den Schmelzpunkt 
seines Frangulins zu ungefähr 249^ an. — Ich will hier bemer- 
ken, dass ich die Schmelzpunktbestimmungen nach der jetzt 
gebräuchlichen Weise, durch Befestigen einer fein ausgezoge- 
nen Glasröhre, welche eine Kleinigkeit der betreffenden Sub- 
stanz enthält, mittelst eines Gummiringes an ein Thermometer 
und durch Eintauchen dieses so vorgerichteten Thermometers 
in sich allmälig erwärmendes Paraffin, machte. — Diese Art 



16 tJeber den Farbstoff der Faulbaumrinde. 

der Schmelzpunktbestimmungen gewährt bekanntlicli die grösste 
Schärfa 

Alkalien lösen das Erangulin, wie schon Casselmann 
angiebt, mit intensiver, prachtvoll purpurrother Farbe auf. 
Ammoniak lässt es anfangs farblos, nach und nach wird die 
Farbe röther, bis endlich vollständige Lösung eintritt. — 
Säuren fällen die Lösungen des Frangulins in Alkalien gelb 
aus; dieser gelbe Niederschlag wird wohl Frangulinsäure 
sein. — Es hat mir eben so wenig wie Casselmann gelin- 
gen wollen, aus Frangulin mit Basen Salze zu erhalten. — 
Löst man Frangulin in heiss^m Alkohol, versetzt die Lösung 
mit etwa ^3 Volum Salzsäure und kocht das Gemisch einige 
Minuten, so spaltet es sich in Zucker und Frangulinsäure. 
Ich habe diesen Versuch wiederholt und mit gleichem Erfolg 
mit meinem Frangulin, und dem von Casselmann selbst 
bereiteten, angestellt. Beim Verdünnen der alkoholischen 
Frangulinsäurelösung mit Wasser scheidet sich Frangulin- 
säure ab. Im Filtrat lässt sich nach dem Uebersättigen mit 
kohlens. Natron und Verdampfen des Alkohols, mit Feh- 
ling'scher Lösung der Zucker nachweisen. — Leider hatte 
ich zu wenig Frangulin erhalten, um seine Spaltungsproducte 
quantitativ bestimmen oder auch nur einige Elementaranaly- 
sen damit vornehmen zu können. Allein nach Betrachtung 
des von Casselmann dargestellten Frangulins zweifle ich 
nicht, dass sein Präparat rein und so die von ihm gefundene 
procentische Zusammensetzung richtig ist; ich werde letztere 
einstweilen beibehalten, bis ich sie später selbst controliren 
kann. Nur muss ich seine Formel Cg H^ O3 um SVsmal ver- 
grössern und in C20H20O10 verwandeln. Diese Formel 
gewährt, wie wir weiter unten sehen werden, den Beziehun- 
gen dos Frangulins zu seinen Spaltungsproducten den natür- 
lichsten Zusammenhang. 

An eine Identität dieses Frangulins mit der Chry- 
sophansäure ist nicht mehr zu denken. Die besser 
studirte Chrysophansäure ist kein Glykosid, hat eine 
andere procentische Zusammensetzung und ihr Schmelzpunkt 



lieber den Farbstoff der Faulbaumrinde. 17 

liegt*) bei 162^. Dagegen werden wir später einfache Be- 
ziehungen zwischen der Chrysophansäure und der Frangulin- 
säure erkennen. 

Hier könnte aber die Frage auftreten, ob das Frangulin 
etwa mit dem s. g. Chrysophan, welches Kubly kürzlich 
beschrieb und welches als Spaltungsproduct erst die Chryso- 
phansäure geben soll, identisch sei. Ich habe leider diese 
Arbeit Kubly 's **) zu spät gelesen, um seine Angaben noch 
experimentell prüfen zu können. Allein schon die Beschrei- 
bung der Eigenschaften des Chrysophans spricht gegen eine 
solche Identität. Xubly beschreibt sein Chrysophan als ein 
goldschwefelfarbiges , orangegelbes Pulver, welches bei 145^ 
schmilzt, und sich nach einiger Zeit klar und mit citronen- 
gelber Farbe in Wasser löst. — Frangulin ist rein citronen- 
gelb, schmilzt bei 226^ und ist im Wasser so gut wie unlös- 
lich. Endlich müssten die Spaltungsproducte beider Glyko- 
side dieselben sein, und dies ist entschieden nicht der Fall. 
Gerhardt giebt der Chrysophansäure die Formel Oj 4 Hj ^ O^ 
und neuere Bearbeiter derselben, wie H. Müller, unterstützen 
sie. Bestätigen sich meine Analysen durch weitere Derivate, 
so hat die Frangulinsäure die Formel Ci4HioOr,, und unter- 
scheidet sich von der Chrysophansäure durch einen Mehrge- 
halt von 1 im Molekül.* Es ist hiernach sehr wahrschein- 
lich, dass man durch Behandeln der Bromchrysophausäure 
Cj^HgBrO^ mit Silberoxyd, event. Schmelzen derselben 
mit Aetzkali, zur Frangulinsäure oder einem isomeren Körper 
von der Formel Oi4Hio^5 übergehen könne. 

Frangulins äure ,- Gi4 HjQ O5. Sie bildet sich, wie 
oben erwähnt, neben Zucker aus dem Frangulin nach der 
Gleichung : 

^20 H20 ^Kt + Hcj O = Ci4 H, O5 -f- Oß Hj2 Oß- 



*) Nach meiner eignen Bestimmung in Uebcreinstimmung mit andern 
Angaben. Siehe Wo hier 's Grundriss der org, Chemie vonFittig bear- 
beitet. 7. Aufl. 1868. Seite 298. 

**) Pharm. Zeitschrift für Russland. VI. 003 --627. Auch Wig- 
gers Jahresbericht 1867. 

Arch. d. Pharm. CLXXXVH. Bds. 1. u. 2 Hft, 2 



13 Ueber den Farbstoff tler Faulbaurarinde. 

Zu ihrer Darstellung in etwas grösserem Maassstabe 
kocht man Faulbaumrinde mit ätznatronhaltigem Wasser aus 
unl verfährt mit der Abkochung wie oben beschrieben. 

Die Frangulinsäure bildet eine goldschwefelfarbige, leichte 
Krystallmasse. Unter dem Mikroskope stellt sie lange Säu- 
len dar. Lässt man sie dagegen aus einer verdünnten alko- 
holischen Lösung auf einem Objectglase krystallisiren , so 
erhält man prachtvolle röthliche Nadeln , die oft sternförmig 
o-ruppirt sind. Oft sind diese Nadeln gebogen; wodurch diese 
Biegung hervorgebracht wird, habe ich noch nicht erkannt; 
ich glaube fast, dass hierbei unwesentliche Verunreinigungen 
im Spiele sind. Lässt man die Frangulinsäure aus einer con- 
centrirten alkoholischen Lösung auf einem Objectglase kry- 
stallisiren, so erhält man sie oft in Krystallanhäufungen, 
welche an ausgeschweifte längliche Tafeln erinnern, und oft 
beinahe amorph erscheinen. Ehe mir dieser Umstand bekannt 
war, habe ich geglaubt, zwei Körper unter den Händen zu 
haben. Denn diese eigenthümliche Gruppirung kleiner Kry- 
stallnadeln tritt auch neben den langen Nadeln mitunter auf, 
wenn sich die ursprünglich verdünnte Lösung der Frangulin- 
säure durch Verdampfen concentrirt. 

Erst als ich aus einer concentrirten alkoholischen Lösung 
der Frangulinsäure diese eigen thümlichen, länglichen, geschweif- 
ten Krystallanhäufungen, aus derselben Lösung nach weiterem 
Verdünnen mit Alkohol neben diesen Krystallanhäufungen 
auch wohlausgebildete Nadeln, und endlich bei noch weiterem 
Verdünnen der ursprünglichen Lösung mit Alkohol nur Na- 
deln bekam, war ich überzeugt, dass ich es nur mit einem 
Körper zu thun hatte, dessen Krystalle sich, je nach 
der Concentration ihrer alkoholischen Lösung, verschieden 
gruppiren. 

Die Frangulinsäure ist leicht löslich in heissem und auch 
noch reichlich löslich in kaltem Alkohol und Aether; in Was- 
ser löst sie sich schwer. Ferner löst sie sich in den wässri- 
gen Lösungen der Alkalien und des Ammoniaks mit pracht- 
voll rother Farbe auf; Säuren scheiden sie aus diesen Lö- 
sungen unverändert ab. Chloroform und Benzin lösen sie 



Heber den Farbstoff der Faulbaumrinde. 19 

auch etwas. Ilir Schmelzpunkt liegt zwischen 248 — 250^0. 
Die Frangulinsäure wird in ammoniakalischer Losung durch 
alkalische Erden und viele Metallsalze meistens röthlich gefällt. 
Doch sind diese Verbindungen unansehnlich , weshalb ich auch 
keine derselben analysirt habe. Bleiessig fallt sie namentlich 
schön roth. Brom fällt sie ebenfalls aus ihrer alkoholischen 
Lösung als schwer lösliches Bromsubstitutionsproduct. Bothe, 
rauchende Salpetersäure löst die Frangulinsäure; nach dem 
Verdünnen dieser Lösung mit Wasser und Verdampfen im 
Wasserbade bleibt eine rothe krj^stallinische Masse. Ich hatte 
zu wenig Frangulinsäure, um genügend nitriren zu können. 
Diese nitrirte Säure wird wohl dieselbe sein , welche C a s - 
seimann als Nitrofrangulinsäure beschreibt und durch Be- 
handeln seines Frangulins mit rauchender Salpetersäure neben 
Oxalsäure erhalten hat. Hierbei wird eine Spaltung des Gly- 
kosid's Frangulin eingetreten, die abgespaltene Frangulinsäure 
nitrirt, und der abgeschiedene Zacker in Oxalsäure verwan- 
delt worden sein. 

0,853 Gr. lufttrockner Frangulinsäure verloren beim Er- 
hitzen auf 120« 0,0505 Gr. Wasser = 5,92%. 

0,299 Gr. Frangulinsäure verloren bei 120*^ 0,018 Gr. 
Wasser = 6,02%. 

0,38 Gr. Frangulinsäure verloren bei 120*^ 0,024 Gr. 
Wasser = 6,32%. 

0,2507 Gr. bei 120^ getrockneter Frangulinsäure gaben 
beim Verbrennen 0,599 Gr. O02=65,167o C und 0,0893 Gr. 
H2a=3,96«/oH. 

0,188 Gr. gaben beim Verbrennen 0,449 Gr. QO^ = 
65,13% C und 0,0645 Gr. H^O = 3,81 7o H. 

Für C,4H,o05+H,a. 



berechnet 


gefunden 


Oi4 168 65,12 


65,12 65,16 


H^o— 10— 3,88 


3,81 3,96 


O5 - 80- 




258 




H^O 18 6,52 


5,91 6,02 6; 



276. 



20 Ueber den Farbstoff der Faulbaiirarinde. 

Dibromfrangulinsäure, Q^^^B^Br^O^. Wird leicht 
erhalten, \Yenn man in eine alkoholische Lösung von Fran- 
gulinsäure Brom im Ueberschuss träufelt; sie fällt alsdann als 
ein hellrothes Krystallpulver zu Boden, da sie in kaltem 
Alkohol sehr schwer löslich ist. Man erhält die Dibromfran- 
guliusäure auf diese Weise übrigens nicht frei von Monobrora- 
1 ran giili 11 säure, weshalb die Analysen einen zu hohen Kohlen- 
stoft' und zu niedrigen Bromgehalt ergeben. Die Dibromfran- 
gülinsäure ist eine hellrothe, sehr leichte Krystallmasse , die 
unter dem Mikroskope feine, kurze Nadeln erkennen lässt. 

ü,70.'i5 (jr. Dibromfrangulinsäure verloren bei 120^ 
0,0105 Cir. Wasser =- 1,5%. 

(►,141 Gr. bei 120^ getrocknete Säure gaben 0,120 Gr. 
AgBr = 0,0511 Gr. Br = 36,35 Vo- 

0,1844 Gr. Säure gaben beim Verbrennen mit Kupfer- 
üxyd und vorgelegtem blanken metallischen Kupfer 0,2895 Gr. 
4;0g =- 42,82% C und 0,039 Gr. HgO = 2,35% H. 

0,1708 Gr. Säure, ebenso verbrannt, gaben 0,268 Gr. 
4;0g = 42,797o ^ lind 0,037 Gr. HgO = 2,4l7o H. 
Für G.^H^Br.O^ 

berechnet: gefunden: 

4Ji4 — 168 — 40,32 42,82 42,79 

Hg — 8— 1,92 2,35 2,41 

Br^ — 160 — 38,46 36,20 

0, — 80 



416. 
Neben der Frangulinsäure tritt noch ein zweiter Körper 
in sehr geringer Menge auf, der mit ihr grosse Aehnlichkeit 
hat und in naher Beziehung zu ihr zu stehen scheint. Ich 
nenne ihn einstweilen Difrangulinsäure ; er scheint zur Fran- 
gulinsäure in dem Verhältnisse eines Anhydrides zum Hydrate 
zu stehen und durch Wasseraustritt aus letzterem entstanden 
zu sein: 2(0,, H,o O^) _ H^ 0=0^8 H.g 0,. 

Oder, wenn das Radical der Frangulinsäure Oj^H^O, 
ist, durch Eintritt dieses Radicals an die Stelle von Wasser- 
stoff' in einem andern Atom Frangulinsäure: Q^^B^ (^14^904)05. 



ücber den Farbstoff der Faiilbaumrinde. 21 

Durch die Arbeiten R-ochledcrs sind uns ja solche Verbindun- 
gen im Pflanzenreiche bekannt geworden. 

Diese Difrangulinsäure , OggHigöj, -{- 2H2O, habe ich 
hauptsächlich aus den Rückständen von der Bereitung der 
Frangulinsäure gewonnen , namentlich aber durch Zersetzung 
mit Schwefelwasserstoff derjenigen Fällungen, welche bei der 
Reinigung des Frangulins durch Bleizucker erhalten wurden. 
Die Difrangulinsäure hat grosse Aehnlichkeit mit der Frangu- 
linsäure, sie ist aber dunkler roth und schillert oft eigen- 
thümlich. Auf einem Objectglase aus alkoholischer Lösung 
verdunstet, bildet sie unter dem Mikroskop prachtvolle rad- 
förmig gruppirte Nadeln. Brom fällt sie ebenfalls aus ihrer 
alkoholischen Lösung als Substitutionsproduct. — Ihr Schmelz- 
punkt liegt , wie der der Frangulinsäure , zwischen 248 
— 250^ 0. Diese üebereinstimmung der Schmelzpunkte 
scheint davon herzurühren , dass bei der Temperatur des 
Schmelzens oder kurz vorher die Frangulinsäure in Difran- 
gulinsäure übergeht. 

0,9885 Gr. Difrangulinsäure verloren bei 120<^ 0,06 Gr. 
Wasser = 6,07%. 

0,665 Gr. Difrangulinsäure verloren bei 120^ 0,0425 Gr. 
Wasser = 6,40/0- 

0,1755 Gr. bei 120*^ getrocknete Difrangulinsäure gaben 
beim Verbrennen mit Kupferoxj-d 0,432 Gr. OOg = 67,13% C 
und 0,0642 Gr. HgO = 4,06^0 H. 

0,188 Gr. Säure gaben 0,462 Gr. OOg = 67,02"^ C und 
0,0705 Gr. B^Q = 4,17% H. 



ür G28 H,3 0, + 2H2O 






berechnet : 


gefunden : 


^28 336 67,47 


67,44 


67,02 


H18 18 3,62 


4,06 


4,17 


0, -144 






498 






2H2O 36 — 6,74 


6,4 


6,07 



534. 
Beim Schlüsse dieses chemischen Theiles meiner Abhand- 
lungkann ich mich einiger kritischen Betrachtungen über dieselbe 



22 lieber den Farbstoff der Faulbaumriiide. 

nicht enthalten. Wenn es hiernach auch feststeht, dass 
Khamnoxanthin und Avornin nur mehr oder weniger verun- 
reinigtes Frangulin sind, und dass dasselbe Glykosid Frangulin 
weder mit Chrysophan noch mit der Chrysophansäure iden- 
tisch ist, wenn es ferner feststeht, dass die Avorninsäure und 
Buchners rothes Zersetzungsproduct seines Rhamnoxanthins 
nur ein Spaltungsproduct des Frangulins, die Frangulinsäure 
eventuel die Difrangulinsäure, bilden, so ist hiermit die che- 
mische Zusammensetzung des Frangulins, die Beziehung zu 
seinen Spaltungsproducten, und endlich die Beziehungen die- 
ser zu einander noch keineswegs in der Weise bestätigt, wie 
dies eine gut ausgeführte chemische Arbeit erfordert. Wenn 
ich dies bis jetzt nicht habe leisten können, so lag der Grund 
darin, dass ich zu wenig dieses kostbaren Materials besass, 
um durch hinreichend daraus dargestellte Derivate die For- 
meln erhärten zu können. Zu diesem Zwecke habe ich jetzt 
noch einen Centner Faulbaumrinde verarbeitet und hoffe, wenn 
ich neues Material besitze , noch im Laufe dieses Jahres obige 
Fragen zum Abschlüsse zu bringen. 
Von Präparaten folgen bei: 

1) Avornin Kubly's = unreines Frangulin. 

2) Frangulin. 

3) Frangulinsäure und Dibromfrangulinsaure. 

4) Difrangulinsäure. 

5) Chrysophansäure. Letztere aus Bhabarber von mir 
in derselben Weise wie Frangulin dargestellt. Sie stellt unter 
dem Mikroskope gelbe , rhombische Tafeln dar und schmilzt 
bei 162 ^C. — Sämmtliche Präparate sind mit ihren Namen 

ezeichnet. 



Zur Nachweisung der Faulbaumrinde in Aus- 
zügen. 

Die Nachweisung der Faulbaumrinde in Auszügen wird 
keine Schwierigkeiten haben , wenn diese nur von Aloe, Ler- 
chenschwamm , Safran und dergleichen begleitet wird. Die 
entschiedene Böthung solcher wässriger wie alkoholischer 



Ueber den Farbstoff der Faulbauniriude. 23 

Auszüge durch Ammoniak und mehr noch durch Aetzkali, 
lassen hierüber keinen Zweifel. Misslich wird aber diese 
Frage, wenn man zugleich Rh ab arber zu berücksichtigen 
hat. Denn die Farbstoffe der Faulbaumrinde und die der 
Khabarber zeigen trotz ihrer chemischen Verschiedenheit 
doch eine grosse Uebereinstimmung in ihrem chemischen Ver- 
halten, Avie schon daraus hervorgeht, dass ich Frangulinsäure 
und Chrysophansäure auf dieselbe Weise dargestellt habe. — 
Die Auszüge der Faulbaumrinde und der Rhabarber durch 
starken Alkohol, werden beide durch Aetzkali etwas gefallt, 
und diese gefällten Kaliverbindungen* der Farbstoffe, lösen 
sich leicht und mit rother Farbe in Wasser. — Arbeiter, die 
sich hiermit mehr beschäftigt haben, werden vielleicht aus 
der intensivem rothen Färbung eines alkoholischen Faulbaum- 
rinden-Auszuges durch Aetzkali im Vergleiche zu einem sol- 
chen aus Rhabarber , einen Unterschied erkennen. Diese Un- 
terschiede zeigen aber nur Auszüge mit starkem Alkohol. 
Derartige Auszüge mit schwachem Alkohol muss man daher 
erst zur Trockne verdampfen und dann in starkem Alko- 
hol lösen. 

Etwas bessern Anhalt bieten folgende Erscheinungen. 
Ein im Dampf bade bereiteter wässriger x\uszug der Faul- 
baumrinde, ist nach dem Erkalten und Filtriren stets klar, 
auch dann , wenn Aloe und Lerchenschwamm zugegen sind. 
Ein solcher Auszug der Rhabarber ist stets trübe, selbst 
nach dem Filtriren. Durch Uebersättigen mit Aetzkalilauge 
werden beide Auszüge schön roth und klar; der Faulbaum- 
rinden - Auszug ist stets tiefer roth. Kocht man diese mit 
Aetzkalilauge übersättigten Auszüge einmal auf und übersät- 
tigt sie dann mit Salzsäure , so wird der Faulbaumrinden - 
Auszug dunkler, flockig und stärker geföllt und lässt sich 
von dem Gefällten leicht und klar abfiltriren. Ein Rhabar- 
berauszug wird unter denselben Umständen mehr gelb und 
pulvrig gelallt, verstopft beim Filtriren die Poren des Papiers 
und das Filtrat ist stets trübe. Löst man den durch Salz- 
säure in dem kaiischen Auszuge bewirkten und mit Wasser 
ausgewaschenen Niederschlag in kochendem Alkohol, fallt mit 



24 Ueber die Identität von Hydrocarotin und Cholesterin. 

Bleizucker aus und liltrirt heiss, so wird das Filtrat durch 
viel Aetzkalilauge tief blutroth gefärbt, wenn Faulbaumrinde 
im Auszuge vorhanden ist, dagegen ist die Färbung nur 
weinroth, wenn bloss Rhabarber vorhanden war. - — Alle diese 
Eeactionen gelten für Auszüge von gleicher Stärke, d. h. von 
gleichem Verhältnisse zwischen angewandter Substanz und 
erhaltener Colatur. — Wir sehen, dass das Erkennen der 
Faulbaumrinde neben der Rhabarber in Auszügen, wegen des 
gleichen Verhaltens beider Körper, grosse Schwierigkeiten 
hat. Es hat mir bei den mannigfaltigsten Versuchen nicht 
gelingen wollen, einen durchgreifenden Unterschied zwischen 
beiden Auszügen aufzufinden. Doch werden obige Angaben, 
unter Zuziehung des Greschmacks in den meisten Fällen genü- 
genden Anhalt zur Erkennung beider Körper gewähren. Zwei- 
fellos wird sich der chemische Nachweis der Faulbaumrinde 
bei Gegenwart von Rhabarber nur dadurch darthun lassen, 
dass man die Frangulinsäure nach obigen Verfahren in reinem 
Zustande abscheidet und mit reiner Frangulinsäure und Chry- 
sophansäure vergleicht. 



Ueber die Identität von Hydrocarotin und 
Cholesterin. 

Von Dr. ,A. Froelide.*) 

Das Hydrocarotin w^urde von Boedeker **) aus der 
rothen Mohrrübe dargestellt und später von Husemann 

*) Als Separatabdruck aus dem Journ. f. pract. Chem. CII , 7. vom 
Hr. Verfasser eingesandt. Die Redaction. 

**) Als gelegentlich der Darstellung des Carotins das einmal mit 
Schwefelkohlenstoff behandelte curotinhaltige Coagulum zufallig in flacher 
Lage an der Luft ausgebreitet wurde, bekleidete es sich nach einiger 
Zeit mit einer weissen Efflorescenz, die aus dünnen Lamellen bestand, 
welche einzeln die Grösse eines Viertelquadratzolls erreichten. Diese 
Schuppen waren sehr leicht löslich in kochendem Alkohol. [Bödeker , 
Ami. d.Chem. Pharm. 117, 200.). 



lieber die Identität von Hydrocarotin und Cholesterin. 25 

seinen physikalischen und chemischen Eigenschaften nach wei- 
ter untersucht. Es wurde von ihnen aus den Abkochungen 
mit 80procentigem Weingeist aus dem Coagulum des Mohr- 
rübensaftes erhalten und zeigte folgende Eigenschaften. Es 
krystallisirte in dünnen Lamellen aus Schwefelkohlenstoff, die 
sich leicht in kochendem Alkohol lösten, und aus Aether in 
rhombischen Tafeln. Concentrirte Schwefelsäure färbte die 
weissen Blättchen feurigroth und nahm eine hochrothe Fär- 
bung an ; den Joddämpfen in directem Sonnenlicht ausgesetzt, 
wurden sie dunkler und zuletzt schwarz. Aus der Analyse 
berechnete sich die Formel O^süggO. Es lieferte Chlor-, 
Brom- und Jodsubstitute. Nach den analytischen Daten Hess 
sich für das Chlorsubstitut die Formel Q^^'H2qC]^0, für das 
Jodsubstitut OigHggJO und für das Bromsubstitut Q^^'H27^Ys^ 
aufstellen. Das Bromsubstitut gab mit Kalihydrat behandelt, 
einen rothen Körper, der grosse Aehnlichkeit mit dem Carotin 
zeigte und aus dem die Formel des letzteren zu OigH240 
abgeleitet wird, wobei aber die Analyse des aus diesem Brom- 
substitut erhaltenen Körpers fehlt. 

Durch seine Löslichkeit in kaltem und warmem Alkohol, 
in Aether, diu'ch die Reactionen gegen Schwefelsäure und 
gegen Jod und durch seine Krystallformen zeigt das Hydro- 
carotin eine grosse Aehnlichkeit mit dem Cholesterin. Man 
fühlt sich zunächst geneigt anzunehmen, beide seien homologe 
Verbindungen, die im Thier- und Pflanzenorganismus vor- 
kommen können und die, sobald man das Cholesterin seiner 
inneren Natur nach kennt, sich darstellen lassen müssen. In 
diesem Fall könnte die Formel des Hydrocarotins O^gllggO sein 
und das Cholesterin wäre 

Aber bei Aufstellung dieser Formel ist der gefundene 

Kohlenstoff zu hoch, der Wasserstoff zu niedrig, denn es 

ergiebt : 

die Berechnung das Experiment 

, , 

Ci8 83,08 82,20 82,40 82,36 

H28 10,77 11,64 11,50 11,45 

O 6,15 6,16 6,10 6,21. 



26 lieber die Identität vou Hydrocarotin uud Cholesterin. 

Dagegen wird das A'^erhältniss der Aequivalente von 

Kohlenstoff zu Wasserstoff genau durch die Zahlen 26 : 44 

ausgedrückt, was zur Formel des wasserfreien Cholesterins 

hinzuleiten scheint, 

Cholesterin Hydrocarotin im Mittel 

G 83,87 82,22 

H 11,83 11,53 

O 4,30 6,15. 

Indessen stimmen Versuch und Theorie so wenig, dass 
es scheint, als wenn man an eine Identität nicht denken 
könne. Diese anscheinende Schwierigkeit beseitigt sich aber 
durch die bekannte Thatsache, dass das krystallisirte Cho- 
lesterin leicht einen Theil seines Wassers verliert, so dass 
sein Wassergehalt gewöhnlich durch den Versuch geringer 
gefunden wurde, als die Rechnung verlangt. Der Wasser- 
gehalt des Cholesterins aus den Erbsen (Kolbe, Ann. d. 
Chem. u. Pharm. 122, 254) ergab sich beispielsweise zu 
4,2 p.c., während er nach der liechnung zu 1H20 = 4,62 
sein musste. 

öch wendler und Meissner (Ann. d, Chem. u. Pharm. 
127, 105) erhielten, als sie eine ätherische Lösung von Cho- 
lesterin mit x\lkohol versetzten und der Krystallisation über- 
liessen, schöne wohlausgebildete Krystalle, w^elche bei 100^ 
Mittel von vier Bestimmungen 2,83 p.C. Wasser verloren, 
ii längerem Stehen über Chlorcalcium gaben sie sogar bei 
gewöhnlicher Temperatur ihr Wasser ab. Der Wasserverlust 
von 2,83 p.c. entspricht einem Hydrat von 2026H^4 0-|-H2 0. 
Berechnet man dieses Hydrat auf 100 Theile, so erhält man 
ziemlich genau dieselben Zahlen, wäe sie die Analysen des 
sogenannten Hydrocarotins ergeben. 

^26^4d^~l~ V2-^2^*) Hydrocarotin 
O 81,89 82,22 

H 11,81 11,53 

O 6,31 6,15. 

■*) S c h w e n d 1 c r und Meissner (a. a. 0.) geben dem wasserhalti- 
f,^cu Cholesterin die Formel Cf,4n7203 -}- 2HCF?S^ Obige Formel verlangt 
• inen Wasscrvcrlust von 2,62 p.C. Gef. 2,83 



Ueber die Identität von Ilydrocarotin und Cholesterin. 27 

Es wird nicht angegeben, dass das Hydrocarotin bei 100^ 
getrocknet sei. Wäre dies der Fall, so ist die Interpretation, 
es sei dasselbe ein Hydrat des Cholesterins, unzulässig. Der 
zu hohe Sauerstoff der Analysen muss dann durch Beimengung 
eines anderen Körpers erklärt werden ; es liegt nahe , dass 
diese Beimengung Pflanzenwachs sein könne, wie denn über- 
haupt es sich vermuthen lässt, dass die Körper, die man 
mit dem Namen Pflanzenwachs bezeichnet, cholesterinhal- 
tig seien. 

Das Hydrocarotin ist also mit grosser Wahrscheinlich- 
keit Cholesterinhydrat ; in einer früheren Arbeit (Karsten, 
Botanische Untersuchungen I, 43 — 47 und Arch. d. Pharm, 
von Bley und Ludwig, 126, 193) ist dargethan, dass 
Cholesterin in Daucus Carota und mit einem rothen Farb- 
stoff' imprägnirt in den rothen Abarten derselben vor- 
komme. Ist beides der Fall, so müssen die Chlorungspro- 
ducte der einen und andern Verbindung einander gleich sein: 
und mit denen des Cholesterins übereinstimmen. 

In der That geben Hydrocarotin und Carotin Chlorderi- 
vate von demselben Chlorgehalt, jenes nahm nahezu 55,86 p.C. 
Chlor auf und sein Chlorsubstitut lieferte 37,06 p.C. Chlor; 
dieses vermehrte durch Chloraufnahme sein Gewicht um 
55,36 p.c. und das Chlorungsproduct enthielt 35,5, ein anderes 
35,11 p.c. Chlor. Letzteres war entstanden, indem Hydro- 
carotin in Wasser suspendirt und mit Chlor behandelt wor- 
den war. 

Diese Chlormengen stimmen nicht zu denen des bekann- 
ten Chlorsubstituts von Cholesterin , welches die Formel 
C26H37CI7O besitzt und 40,51 p.C. Chlor oder eine Zunahme 
von 64,94 p.c. verlangt. Allein Schwendler und Meiss- 
ner erwähnen ausdrücklich (a. a. 0.), dass bei weniger lan- 
gem Einleiten von Chlor das Product weniger Chlor enthält. 
Es ist auch kein Grund vorhanden, wesshalb es nicht noch 
andere Chlorsubstitute als O26H37CI7O geben sollte. 

Die Formel OgeHggClßO verlangt 36,61 p.C. Chlor und 
eine Gewichtszunahme von 55,64 p.C, was besser mit den 
analytischen Daten stimmt. 



28 lieber die Identität von Hydrocarotiu und Cholesterin. 

Ber. Gef. 



CggHggClgÖ Carotin Hydrocarotiu 

Chlor . . 36,61 37,06 35,50 35,11 

Zunahme. 55,64 55,86 55,36 

Dieses Prodiict, für welches die Formel O26H38CI6O passt, 
kann auch ein Gemenge von O28H37CI7O, dem bekannten 
Chlorsubstitiit des Cholesterins und ^26^39^^^ sein, welches 
letztere dann für sich noch nicht dargestellt sein würde. Das 
Bromprodiict , dem die Formel OigHaT^rgO zugeschrieben 
wird, würde als Cholesterinsubstitut aufgefasst, die Formel 
02gH4QBr40 besitzen. 

Das Hydrat des sogenannten Hydrocarotins , wie es aus 
Alkohol erhalten wird, stimmt seinen Eigenschaften nach 
ganz gut mit dem Cholesterinhydrat, O26H44Ö + HgO, über- 
ein. „ In der alkoholischen Flüssigkeit, aus der sich am Boden 
des Gefässes Krystalle abgesetzt hatten, schwimmen gleich- 
zeitig farblose, äusserst dünne und deshalb irisirende bis zu 
4'" lange, rhombische Blättchen, die beim Herausfischen nach 
einiger Zeit roth wurden, und rasch in Benzin gelöst, auf 
einem Uhrgläschen in dieser Lösung der Verdunstung über- 
lassen, farblose, ungewöhnüch scharf ausgebildete rhombische 
sechsseitige Prismen, wahrscheinlich wasserhaltig, lieferten. 
Mit concentrirter Schwefelsäure wurden sie blau, aber nach 
einigen Tagen trat die blaue Färbung nicht mehr ein." (Hu- 
semann a. a. 0.). Die von mir erhaltenen Blättchen hatten 
ganz das Aussehen von Cholesterinblättchen und konnten 
allerdings nicht ganz rein von dem rothen Farbstoff erhalten 
w^erden. „Eisenchlorid ertheilte der weingeistigen Lösung 
eine bei auffallendem Licht grünlich erscheinende Färbung." 
Die Krystallformen des Hydrocarotins waren „äusserst dünne, 
nicht biegsame Blättchen oder flache rhombische Tafeln, ähn- 
lich einigen Formen der Hippursäure mit Seidenglanz." (Hu- 
semann a. a. 0.). 

Sechsseitige Prismen hat man auch am Cholesterin 
beobachtet. Dieselben als eine dimorphe Form des Choleste- 
rins anzusehen, ist nicht hinlänglich bewiesen. Es sind diese 



lieber die Identität von Hydrocarotin und Cholesterin. 29 

lang-gestreckten sechsseitigen Täfelchen nur die gewöhnliche 
rhombische Form mit 2 Flächenabstumpfungen. Lehmann 
(Physiologische Chemie 2, 351) beobachtete am Cholesterin 
des Eidotters parallelopipedische Blätter, deren Winkel von 
denen am Cholesterin beobachteten verschieden waren. „Wäh- 
rend die Cholesterintafeln meistens einspringende Winkel 
bilden, sind bei diesen langen Tafeln die spitzen Winkel 
schief abgestumpft; aus alkoholisch - ätherischer Lösung schei- 
den sich diese bei laugsamem Verdunsten in schönen feder- 
artigen Gruppen ab." Es sind dies jedenfalls die in die 
Länge gezogenen Tafeln , die sich am Cholesterin der Mohr- 
rübe zeigen. 

Das Cholesterin, das wahrscheinlich dem zwei- und ein- 
gliedrigen (monoklinoedrischen) System angehört, besitzt also 
folgende mikroskopische Hauptformen : 

1) Rhombische Tafeln mit Winkeln von 100 und 80^ 
nach den Messungen von C. Schmidt 100 72 und 7972°- 

2) Rhombische Tafeln mit Winkeln von 140 oder 139<^ 
und 40 oder 41^. 

3) Sechsseitige Tafeln mit Winkeln von 138 bis 140^ 
und 100 bis 101^, welche aus den Rhomben mit Winkeln 
von 100 und 80^ dadurch entstehen, dass die spitzen Winkel 
von 79^2^ durch Flächen der Diagonalzone abgestumpft werden. 

4) Drei-, Vier-, Fünfseite mit den spitzen Winkeln von 
circa 50^ d.h. dem Winkel 138 bis 140^ — R = 48 bis 
50^. Diese Formen finden sich natürlich gebildet in der 
Mohrrübe und lassen sich aus dieser durch Benzin künstlich 
erhalten. Solche Krystallformen waren bisher noch nicht 
beobachtet. 

5) Durch Verlängerung der Krystalle nach den Diago- 
nalen, namentlich der rhombischen Tafeln, entstehen Nadeln, 
wie sich solche sehr häufig in der Mohrrübe finden und aus 
Benzin erhalten werden können. 

Die gefärbten Krystalle, die man durch Benzin aus der 
Mohrrübe erhält, d. h. mit Farbstoff" imprägnirtes Choleste- 
rin, zeichnen sich ausserdem noch durch Krümmung der 
Flächen aus. 



30 Mittheilungon aus dem pharmaceutisclien Laboratorium. 

Das Ei und Samenkorn enthalten als wichtigste orga- 
nische Verbindungen Albuminate, Fette, Kohlehydrate und 
Amide, deren Vorhandensein im Samenkorn Boussingault 
dargethan hat. Hierzu kommen noch Cholesterin und 
Farbstoffe. Auch die Wurzeln und unterirdischen Stengel 
der Culturgewcächse, d. h. die Organe, welche die Reserve- 
stoffe für die Vegetation des folgenden Jahres herangebildet 
haben, zeichnen sich durch diese physiologisch höchst wichti- 
gen Verbindungen aus. 

Ueber den Farbstoff" der rothen Mohrrübensorten, der 
den Keactionen nach mit den rothgelben Farbstoffen vieler 
Früchte, mit dem Xanthogen der Blüthen, dem Scoparin und 
wahrscheinlich auch mit dem Xanthophyll übereinstimmt, 
behalte ich mir eine w^eitere Mittheilung vor. 



Nachschrift. Dieser Aufsatz, dessen Veröffentlichung ich 
gleich nach dem „Beitrag" vor hatte und die sich ohne meine 
Absicht verzögerte, vervollständigt die früheren Angaben des 
Beitrags, nimmt jedoch keine Bücksicht auf die Bemerkungen 
Husemann's (Arch. d. Pharm. 129, 30 und Zeitschr. f. Chem. 
1867, S. 190), die mir erst am 6. December zu Gesicht 
gekommen sind. 

Luckau, den 10. December 1867. 



Mittheiluiigeii aus dem pliarmaeeutisclien 
Laboratorium 

von Dr. J. Potyka, Apotheker in Gleiwitz. 

1) Bereitung der Essigsäure aus essigsaurem 

Kalk. 

Von einem Essigfabrikanten aufgefordert, den von ihm 
dargestellten essigsauren Kalk einer Prüfung zu unterwerfen 
und die Qualität und Quantität der darin enthaltenen Essig- 
säure festzustellen , kam ich um so bereitwilliger dieser Auf- 



Bereitung v. Essigsäure aus essigs. Kalk. 31 

forderung noch, als mir bis dahin noch keine Gelegenheit 
geboten worden war, Essigsäure aus diesem Salze darzu- 
stellen. Das zur Verwendung genommene Präparat bildete 
eine bröckliche, weissliche, lufttrockene Masse, durch Sättigen 
von Schnellessig mit Kalk erhalten, wobei 5 Quart Essig von 
einem Gehalte an 6,5 Proc. wasserfreier Essigsäure ein Pfund 
essigsauren Xalk gaben. Die Zersetzung geschah durch rohe Salz- 
säure und zwar etwas abweichend von den atomistischen Ver- 
hältnissen. Nach diesen hätten nämlich auf 100 Th. essigs. 
Kalk 138 Th. roher Salzsäure kommen müssen, da die Atom- 
gewichte von CaO,C*H303= 79 und HCl + B,1H0 (spec. 
Gew. = 1,165) = 109,5 sich zu einander verhalten, wie obige 
Zahlen. In Rücksicht darauf, dass der essigsaure Kalk sich 
nicht vollkommen in Wasser löst und um einen möglichen 
Ueberschuss von Salzsäure zu vermeiden, kamen auf 100 Th. 
essigs Kalk nur 120 Th. Salzsäure zur Anwendung. Die mit 
4^/2 Pfund Kalksalz und 5^3 Pfund Säure aus einer Eetorte 
mit vorgelegtem E,öhrenkühler vorgenommene Destillation 
ging sehr leicht von Statten, da nach vorhergegangener, 
zwölfstündiger Einwirkung und darauf erfolgter Erwärmung 
das Ganze eine Flüssigkeit bildete, aus der ohne jeglichen 
unangenehmen Zwischenfall die Essigsäure leicht und schnell 
abgezogen werden konnte. Gegen Ende der Operation 
schäumte die Masse und drohte den Retortenhals zu verun- 
reinigen. Das fractions weise in Gläsern von ^/g Pfund Inhalt 
aufgenommene Destillat gab eine Essigsäure von nachstehen- 
den spec. Gewichten. 



r. 1. 


1,055 


Nr. 5. 


1,062 


„ 2. 


1,060 


„ 6. 


1,060 


„ 3. 


1,065 


„ 7. 


1,058 


„ 4. 


1,063 


„ 8. 


1,045 



Sämmtliche Nummern waren mehr oder weniger chlor- 
haltig; bis Nr. 6. incl. hatte die Essigsäure einen angeneh- 
men, reinen Geruch, während 7 und 8 durch Empyreuma ver- 
unreinigt waren. Das absolute Gewicht betrug bis incl. 6 
3^/4 Pfund, von 7 und 8 ^/^ Pfund, so dass im Ganzen 4^/2 Pf. 
Essigsäure erhalten wurden. Die Entfernung des Empyreu- 



32 lieber Oleum Olivarum albuni. 

mas gelang sehr gut durch Anwendung einer Chamäleon- 
lösung, von der tropfenweise zu der unreinen Säure hinzu- 
gefügt wurde, bis die rothe Färbung stehen blieb. Nach 
Eintritt dieser Erscheinung war auch der Geruch der Säure 
vollkommen rein. Sämmtliche I^ummern jetzt vereinigt und 
über 90 Gramme essigsauren Natrons rectificirt gaben 
eine von Chlor und Empyreuma vollkommen reine, sehr 
kräftig riechende Essigsäure von nachstehenden specifischen 
Gewichten : 

Nr. 



1. 


1,050 


2. 


1,055 


3. 


1,060 


4. 


1,065 


5. 


1,067. 



Die Mischung gab 4 Pf. 165 Gramm Essigsäure von 
1,065 spec. Gewicht bei 8^C. und 46,5 Proc. wasserfreier 
Essigsäure. Nelkenöl wurde nicht gelöst. 100 Th. dieser 
Säure mit 75 Th. Wasser verdünnt, geben die officinelle ver- 
dünnte Essigsäure; die Gesammtmenge der letzteren würde 
also 7V4 Pf. betragen. 

Betreffs des Kostenpunkts sei bemerkt, dass bei einem 
Preise von 7 Sgr. pro Pfund Kalksalz die verdünnte Essig- 
säure auf 6 Sgr. pro Pf. sich calculirt; die Ersparniss von 
Eracht und Gefässen bleibt demnach als Gewinn übrig. Der 
Bereitung aus essigsaurem Natron gegenüber sind als Yor- 
theile zu erwähnen: die schnelle und leichte Destillation, die 
Erzielung grösserer Mengen Essigsäure bei einer Operation 
und die leichte Reinigung der Destillationsgefässe. 

2) Ol. Olivarum album. 

Die Erfahrung, dass das im Handel vorkommende gebleichte 
Olivenöl stets von so ranzigem Geschmack und Geruch ist, 
dass dasselbe für den innerlichen Gebrauch als sogenanntes 
„weisses Lilienöl" ganz zu verwerfen ist, veranlasste mich, 
über die Entfärbung der Oele einige Versuche zu machen. 
Die verschiedenen Mittel, welche hierbei zur Anwendung 
kamen, wie Kohle, unterchlorig saures Natron, 



Mittheilungen aus dem pharmaceutischen Laboratorium. 33 

Chlor, Chromsäure erwiesen sich lange nicht so prak- 
tisch, wie das übermangansaure Kali, das mir bei der 
Entfernung des Empyreumas aus der Essigsäure so gute 
Dienste geleistet hatte. Dieser Umstand führte mich auch 
auf die Idee, dasselbe bei den Oelen anzuwenden. Da der 
Erfolg auch hier ein günstiger war, erlaube ich mir das Ver- 
fahren näher zu beschreiben. 

1^2 bis 2 Theile übermangansaures Kali, wie dasselbe mit 
13 — 15 Sgr. pro Pfund in Preiscouranten verzeichnet ist, 
werden in 80 — 100 Th. warmen Wassers gelöst; zu dieser 
Lösung setzt man 100 Th. Provencer - Oel hinzu. Das lini- 
mentartige Gemisch bleibt einen Tag bei gelinder Wärme 
unter öfterem Umschütteln stehen, alsdann fügt man 8 — 
10 Th. rohe Salzsäure hinzu und schüttelt in Zeiträumen 
tüchtig um. Nach einiger Zeit der Ruhe erfolgt vollkommene 
Trennung des Oeles. Nachdem dasselbe auf irgend eine 
praktische Weise von der wässerigen Flüssigkeit abgesondert, 
mit Wasser mehrere Male gewaschen worden, erwärmt man 
das jetzt wieder abgeschiedene Oel im Dampfbade so lange, 
bis es vollkommen klar geworden und die letzten Wasseran- 
theile ausgeschieden worden sind. Das nun schöne, klare, 
entfärbte Oel giebt filtrirt ein ganz befriedigendes Präparat, 
das für den innerlichen Gebrauch vollkommen verwendbar ist. 
Versuche mit Mohnöl fielen ebenfalls ganz günstig aus, dage- 
gen war die Wirkung des Chamäleons auf Rüböl und Leber- 
thran keineswegs zufriedenstellend. Fuseliger Weingeist 
mit Chamäleon behandelt, wird auch fuselfrei, die Wirkung 
ist indess eine langsame und desshalb das Verfahren ein 
nicht zu empfehlendes. 10 Quart Weingeist mit Yg Pi'ocent 
Chamäleon blieben 4 Wochen unter öfterem Schütteln ste- 
hen; darauf destillirt, war immer noch eine Spur von EuselÖl 
bemerkbar. 



Arch. d. Pharm. CLXXXVII. Bds. 1. u. 2. Hft. 



34 Calabar - Blättchen. — Nochmals d. Infusum Sennae compositum. 

Calabar - Blättchen. 

Von Heinrich Müller, Apotheker in Hersfeld. 

Die Anwendung von Calabar papi er theils mit Ex- 
tract-Lösung theils mit Glycerin (s. Arch. d. Pharm. 1864. 
S. 233 etc.) führt wesentliche Uebelstände mit sich, der mecha- 
nischen Wirkung des Papiers sowohl als der Unsicherheit 
der Dosis halber. 

Um diesem zu entgehen, bereitete ich nach den eben- 
daselbst befindlichen Angaben Extract (aus 20 Grm. resultirte 
1 Grrm. Extr.), löste davon 0,1 Grm. in 5 G-rm. Alkohol, 
anderseits quellte ich 1 Grm. Gelatine in destill. Walser, 
goss nach 1 Stunde das überstehende Wasser ab, erwärmte 
im Dampfbade zum Flüssigwerden, setzte die Extract -Lö- 
sung und einige Tropfen Eoseinlösung zu und goss die innige 
Mischung auf eine Glasplatte auf eine Fläche von etwa 
50 D Centimeter. 

Nach dem Austrocknen löste sich die durchscheinende, 
röthliche dünne Schicht mit Hülfe von etwas Dampf ziemlich 
leicht vom Glase ab und Hess sich durch Ausstechen mit 
einem Korkbohrer leicht in genau gleich grosse runde Blätt- 
chen von ca. ^4 üC.Mtr. abtheilen, deren jedes nahezu 
0,0005 Grm. Extract oder 0,010 Grm. Bohne entspricht. 

Diese Blättchen verursachen keinen Reiz im Auge, da 
sie alsbald erweichen und sich bald ganz auflösen und wir- 
ken aus diesem Grunde auch sehr schnell.*) 



Nochmals das Infusum Sennae compositum; sowie 
über Etiquetten, 

Von Otto Facilides. 
Schon vor Jahren wurde von unserem geistigen Pfad- 
finder Dr. Mohr der Vorschlag gemacht, den dieses Präparat 
begleitenden Fatalitäten durch Bereitung eines Extractes zu 
begegnen. Jetzt, da in die Pharmacopoea German. Extr. sennae 
aufgenommen, scheint mir dieser Ausweg, wenn das proble- 



*) Herr Müller hat mir einige Blättchen mitgeschickt und diese 
empfehlen sich ausserordentlich zur Anwendung. W. B. 



Ueber Etiquetten. 35 

raatische Extract, wie alle übrigen officinellen auch wirklich 
von den früher mehr oder weniger dieselben begleitenden 
Vehikeln frei, erlaubt, und zwar analog dem der Coloquinten. 
Zu dem Zwecke muss aber die Manna, welche unter den 
hierbei in Frage kommenden Substanzen den grössten Theil 
der fremden unwirksamen Stoffe einschliesst , gereinigt sein, 
was ausserdem ihren Werth nicht nur erhöht, sondern sol- 
che isolirt auch zum Dispensiren gefalliger erscheinen lässt, 
ohne den Preis um ein bedeutendes zu steigern. Löst man 
die Manna des Handels in 2 Theilen warmen Wassers , lässt 
eine Nacht absetzen, trennt gut von dem Sedimente, ver- 
dampft auf die Hälfte, scheidet durch ein starkes wollenes 
Colatorium von dem ausgeschiedenen Pflanzenschleim und dickt 
auf dem Dampfapparate (um eine Zersetzung der Manna 
zu vermeiden) ein, so kann man dieselbe in Morsellenform 
bringen, oder auch bei Erreichung dieser Consistenz in Ge- 
fässe zum ferneren Gebrauche giessen. Diese alle wirksamen 
Stoffe enthaltende Manna genau nach der Vorschrift der Pharm, 
zur Bereitung eines Inf. sennae verwendet, solches ganz gleich 
der Manna selbst in Form eines steifen Extr. vorräthig gehal- 
ten, liefert mit warmem Wasser angerührt jeder Zeit leicht 
ein vollkommen helles wirksames Inf. sennae comp. 

Rationeller und meiner Ansicht nach bei der strengsten 
Gewissenhaftigkeit statthaft, dürfte es sein, ein Extr. sennae, 
dessen Stärke man genau bestimmt hat, (da die Ausbeute zu 
verschieden) mit der gereinigten Manna, so wie mit dem Pulver 
von Tart. natron. nach den vorgeschriebenen Verhältnissen 
auf dem Dampfkessel zusammenzuschmelzen, in dieser Form 
aufzubewahren und beim Verbrauche analog zu verdünnen. — 

Etiquetten, 
wie solche jetzt zur Anwendung an Arzeneiflaschen die frü- 
her gebräuchlichen zum Anbinden mehr und mehr verdrängen, 
sich selbst zu gummiren, hierzu bewährt sich nach wiederhol- 
ten Versuchen folgende Vorschrift als vorzüglich. 

Guter Cölner Leim, 5 Theil e, mit 18 — 20 Theilen Was- 
ser einen Tag macerirt, aufgekocht und in demselben 9 Theile 
weissen Candis und 3 Theile arabisches Gummi (keinesfeills 

3* 



36 Vorkommen v. Cholesterin im Mutterkorn. 

aber Kirschgummi, noch die im Handel vorkommenden Surro- 
gate) gelöst, wird lauwarm auf das Papier aufgetragen. Diese 
Masse hält sich sehr gut, wird weder brüchig noch runzelig, 
klebt, wenn die fertigen Etiquetten auf einander geschichtet 
sind, nicht zusammen und haftet an den Grefässen leicht, 
sowie mit Beharrlichkeit. 

Zu den Etiquetten für Selters - und Sodawasserflaschen 
benutze ich einen Kleister aus Roggenmehl und Leim, setze 
aber der fertig gekochten Masse auf das Pfund Y2 I^oth guten 
Leinölfirniss und ^2 I^o^^ Terpenthin zu. Auf diese Weise 
befestigte Schilder haben den Vortheil, selbst in feuchten 
Kellern sich nicht loszulösen. Will man zur Bequemlichkeit 
diese Papiere vorräthig gummiren, so fand ich als praktisch, 
der Masse, die oben für Arzneiflaschen angegeben, auf das 
Pfund Y2 I^oth guten Leinölfirniss und ^4 Loth Magnesia in 
wenig Wasser angerührt zuzusetzen. 



Yorkonmien ron Cholesterin im Mutterkorn. 

Von Prof. Dr. H. Ludwig in Jena. 
Aus dem fetten Oele von 3000 Grammen guten frischen 
Mutterkorns (Seeale cornutum) wurden durch Krystalli- 
sation, Behandlung mit Aether und Alkohol gegen 0,250 Grranmi. 
perlglänzender Schuppen Krystalle erhalten , von denen eine 
Portion a schon bei 141^0. schmolz (gegen 0,120 Grranime 
betragend), eine andere Portion b gegen 0,080 Grramme erst 
bei 160^ Gels. Sie reagirten in alkoholischer Lösung neu- 
tral, Hessen sich nicht mit Kalilauge verseifen und gaben 
mit Eisenchlorid und Salzsäure die Schi ff sehe Beaction auf 
Cholesterin. (Schön blaue Färbung). Diese schon im Jahre 
1865 von meinem damaligen Assistenten Hr. Leopold Stahl 
erhaltenen Krystalle wurden im Mai 1868 von meinem gegen- 
wärtigen Assistenten Hr. Heinrich Höhn näher geprüft 
und von Demselben meine Vermuthung, dass sie aus Cho- 
lesterin bestehen möchten, bestätigt. Bei mikroskop. Betrach- 
tung zeigten sich die ungleichsechsseitigen Täfelchen bei b und 
die prismatischen Krystalle bei a des Cholesterins sehr deutlich. 



37 



II. Toxikologie und gerichtliche 

Ohemie. 



lieber die Bildung von Schwefelarsen in den Leichen 
mit arseniger Säure Vergifteter. 

Von Prof. A. Buchner in München.*) 

Die Umwandlung' der arsenigen Säure in gelbes Schwe- 
felarsen in faulenden Eingeweiden ist schon öfter als einmal 
nachgewiesen worden. 

Ich selbst habe eine solche Veränderung vor einigen 
Jahren zufällig beobachtet, als ich Theile des Magens und 
Darmkanales aus der Leiche eines Menschen, den man für 
vergiftet hielt, nachdem dieselben zerschnitten und mit Koch- 
salz gemengt waren, der zersetzenden Einwirkung concentrir- 
ter Schwefelsäure unter Mithülfe der Wärme unterwarf, um 
etwa vorhandene arsenige Säure in flüchtiges Chlorarsen 
überzuführen. Es fiel mir auf, dass während der Entwick- 
lung des salzsauren Gases sowohl in der Wölbung und im 
Halse der Eetorte, worin die Zersetzung vor sich ging, als 
auch in dem Eecipienten, der das zur Absorption der salzsau- 
ren Dämpfe nöthige Wasser enthielt, ein gelber Anflug zum 
Vorschein kam, welcher nichts anderes als feinzertheiltes 
Schwefelarsen war. Das vorgeschlagene Wasser enthielt 
arsenige Säure in nicht unbedeutender Menge. 

Es ist mir nicht erinnerlich, dass die Schleimhaut dieser 
untersuchten Eingeweide, welche trotz der Gegenwart von 
Arsenik in starker Fäulniss begriffen waren, einen gelben 
TJeberzug hatte, allein es ist eine von mir und Anderen schon 
öfter beobachtete Thatsache, dass Schwefelarsen durch heisse 



*) Vom Hr. Verfasser als Separatabdruck erhalten. H. L. 



38 lieber die Bildung von Schwefelarsen in Leichen etc. 

concentrirte Salzsäure vermöge chemischer Massenwirkung 
zersetzt und in Chlorarsen und Schwefelwasserstoff umge- 
wandelt werden kann, dass hingegen die beiden letzteren 
wieder Schwefelarsen bilden, wenn, indem sie sich gleichzei- 
tig mit einem Ueberschuss von Salzsäure verflüchtigen, der 
Dampf in kalte Luft oder in Wasser gelangt , wodurch Salz- 
säure und Chlorarsen stark verdünnt und geschwächt wer- 
den. Jener gelbe Anflug musste auf solche Weise entstanden 
sein ; er rührte ohne Zweifel von in den untersuchten Einge- 
weiden vorhandenem Schwefelarsen her, welches den zur 
Hervorrufung der erwähnten reciproken Yerwandtschaftsäusse- 
rung nöthigen Schwefelwasserstoff lieferte. 

Durch den Ende Januars 1862 in Darmstadt öffentlich 
verhandelten Process gegen Jacobi, welcher des Giftmordes, 
begangen an seiner Frau, angeklagt war und, dieses Ver- 
brechens überwiesen, zum Tode verurtheilt wurde, wurden 
wir von einem weiteren Fall einer Verwandlung der arse- 
nigen Säure in Schwefelarsen unterrichtet. Frau Jacobi 
starb im Monat August des Jahres 1861 in Folge einer Ver- 
giftung mit arseniger Säure, welche ihr, wie sich bei der 
Untersuchung herausstellte, von ihrem Manne als Pulver bei- 
gebracht worden war. Zwei Monate darauf, nämlich im Octo- 
ber, nachdem der Verdacht einer Vergiftung rege geworden, 
wurde die Leiche wieder ausgegraben, und bei der vorge- 
nommenen Obduction und Section fand man in den Einge- 
weiden eine gelbe Masse und namentlich auf der Schleimhaut 
des Magenmundes einen gelben TJeberzug, welcher -bei der 
von Herrn Obermedicinalrath Dr. Win ekler ausgeführten 
chemischen Untersuchung als Schwefelarsen erkannt wurde. 
Uebrigens war die Umwandlung der arsenigen Säure in 
Schwefelarsen in dieser Leiche nur eii\e partielle , wie die 
nähere Untersuchung dargethan hat. 

Einen ebenfalls ganz sicheren Beweis der Umwandlung 
der arsenigen Säure in Schwefelarsen in faulenden Einge- 
weiden lieferte mir vor zwei Jahren die chemische Unter- 
sechung der Eingeweide der Bauersfrau M. T. von Gr. Die- 
selbe erkrankte nach kaum viermonatlicher Ehe plötzlich sehr 



üeber die Bildung von Schwefelarsen in Leichen etc. 39 

heftig und starb kurz darauf am 19. Juli 1864. Dass man 
damals trotz der auffallenden Krankheitserscheinungen und 
des schnellen Todes an keine Vergiftung dachte, ergiebt sich 
daraus, dass die Leiche unsecirt und ohne das geringste 
Hinderniss nach zwei Tagen beerdigt wurde. Erst einige 
Monate später wurde das Gerücht, dass M. T. durch ihren 
Ehemann vergiftet worden sei, so laut, dass gegen diesen die 
gerichtliche Untersuchung eingeleitet werden musste. 

Die Exhumation der Leiche fand am 12. Juni 1865 , also 
47 Wochen nach der Beerdigung statt. Das ober dem Sarge 
befindliche Erdreich war sehr trocken und steinig und der 
fichtene Sarg , obwohl er nur 3 V2 Euss tief mit Erde bedeckt 
war, noch vollkommen gut erhalten. 

Aus dem SectionsprotocoUe entnehmen wir, dass das Ge- 
sicht der Leiche mumienartig geschwärzt und eingetrocknet 
war, ebenso die oberen Extremitäten in ihren Eleischtheilen ; 
die Glieder der Finger w^aren nur mehr in einem lockeren 
Verbände. An der Brust sowie an der vorderen Bauchdecke 
zeigte sich die Oberhaut gleichfalls schwärzlich, während das 
darunter liegende Fettgebilde noch ziemlich gut erhalten 
war. Auch die Haare am Kopfe und an den Genitalien, 
sowie die Nägel an den Zehen und Fingern waren noch gut 
erhalten. 

Aus der Brust- und ünterleibshöhle quoll bei der Er- 
öffnung ein höchst übelriechender Dunst heraus; die Muscu- 
latur an der vorderen Brustwand, sowie an der Bauchdecke 
bot noch eine gut kennbare Böthe dar und in den Achsel- 
höhlen sowie in den beiden Leistengegenden und in den 
noch ziemlich gut erhaltenen Kleidungsstücken hatte sich 
bereits viel Ungeziefer eingenistet. 

Als Grund der noch ziemlich guten Conservirung der 
Leiche giebt der Sectionsbericht ausdrücklich das trockene 
san^lige Erdreich und die hohe Lage des Leichenackers an. 

Die mir zur chemischen Untersuchung überschickten 
Eingeweide dieser Leiche fand ich sehr weich, faulig und 
trotzdem, dass sie der Vorschrift gemäss mit Weingeist Über- 
gossen waren, im hohen Grade übelriechend. Beim Oeffnen 



40 Ueber die Bildung von Schwefelarsen in Leichen etc. 

der unterbundenen Speiseröhre war nichts Besonderes zu 
beobachten, aber beim Aufschneiden des unterbundenen leeren 
Magens und Dünndarmes und Besichtigen der inneren Mäche 
fiel es mir im hohen Grade auf, dass ein grosser Theil der 
blass und wenig geröthet aussehenden Schleimhaut, beim 
Magen besonders gegen das Duodenum zu , mit einer lebhaft 
gelben Schicht eines zarten Pulvers bedeckt war, was sich 
mit Wasser theüweise von der Schleimhaut wegspülen Hess. 
Gegen den unteren Theil des Dünndarms zu verlor sich die 
gelbe Eärbung der Schleimhaut und auf der Mucosa des 
Dickdarmes konnte gar nichts davon bemerkt werden. 

Es bedurfte nur weniger Versuche, um über die Natur 
dieses gelben TJeberzuges ins Beine zu kommen. Das abge- 
spülte Pulver löste sich in Ammoniak; die ammoniakalische 
Lösung hinterliess beim Verdampfen in einem Schälchen gelbe 
Binge; beim Ansäuern dieser Lösung entstand ein gelbe 
Trübung. Beim Erhitzen in einer Glasröhre verflüchtigte sich 
das Pulver vollkommen ; es bildete sich oberhalb der erhitzten 
Stelle ein rothbraunes Sublimat, welches während des Erkal- 
tens blassgelb wurde. Als der Dampf in einer zu einer 
Spitze ausgezogenen Bohre über glühende Kohlensplitterchen, 
welche mit Soda imprägnirt waren, geleitet wurde, legte sich 
im weiteren Theile der Bohre ein Spiegel von metalHschem 
Arsen an. 

Diese Erscheinungen bewiesen hinlänglich, dass der gelbe 
Ueberzug auf der Schleimheit aus Dreifach - Schwefelarsen 
bestand. Es war nun die Frage zu erörtern, ob diese Ver- 
bindung als schon gebildet in den Magen und Darmkanal der 
M. T. gelangt sei , d. h. ob die Verstorbene Schwefelarsen 
bekommen habe, oder ob sie mit arseniger Säure vergiftet 
worden sei, welche dann erst in den genannten Eingeweiden 
durch den während der Fäulniss entwickelten Schwefelwas- 
serstoff in Schwefelarsen umgewandelt wurde? 

Diese Frage war leicht mit Hülfe folgender Thatsachen 
zu beantworten: 

Das auf der Schleimhaut liegende gelbe Pulver zeigte 
ganz das Aussehen und die Feinheit des aus einer Lösung 



Ueber die Bildung von Schwefelarsen in Leichen etc. 41 

der arsenigen Säure durch Schwefelwasserstoff präcipitirten 
Schwefelarsens. Hätte M. T. gepulvertes Auripigment bekom- 
men, so wäre dasselbe jedenfalls nicht so fein zertheilt 
gewesen, wie das hier vorgefundene Pulver. 

Als ein Theil des Magens und Dünndarmes in einer 
Retorte mit Salzsäure gekocht worden war, fand sich in dem 
vorgeschlagenen Wasser, in welches man die salzsauren 
Dämpfe leitete , so viel arsenige Säure, dass Schwefelwasser- 
stoff sogleich eine starke gelbe Trübung darin hervorbrachte. 
Diess wäre gewiss nicht der Fall gewesen, wenn diese Ein- 
geweide das Arsen nur als > Schwefelarsen und nicht auch 
als arsenige Säure enthalten hätten. Schwefelarsen wird, 
wie schon vorhin erwähnt, durch heisse concentrirte Salzsäure 
wohl auch zersetzt und in Chlorarsen übergeführt, aber doch 
nur in geringer Menge , jedenfalls nicht der verhältnissmässig 
grossen Quantität Chlorarsen entsprechend, das sich mit den 
salzsauren Dämpfen entwickelte und durch das vorgeschlagene 
Wasser wieder zu arseniger Säure wurde. Dass auch hier 
wieder eine theilweise Zersetzung des in diesen Eingeweiden 
enthaltenen Schwefelarsens stattfand, ergab sich daraus, dass 
besonders gegen das Ende der Einwirkung Wölbung und 
Hals der Eetorte sich aus der schon angegebenen Ursache 
mit einem gelben Anfluge bedeckten und auch das die salz- 
sauren Dämpfe aufnehmende Wasser durch die auftretenden 
Spuren Schwefelwasserstoff gelblich getrübt wurde. 

Reines Schwefelarsen wird wegen seiner XJnlöslichkeit 
in Wasser und schwach sauren Flüssigkeiten von Magen und 
Darmkanal aus nicht oder kaum absorbirt und in das Blut 
übergeführt. Hätte M. T. Schwefelarsen bekommen, so wären 
in deren Leber und Milz kaum mehr als Spuren von Arsen 
übergegangen. Allein diese Organe enthielten, wie die che- 
mische Untersuchung bewies, ebenfalls eine verhältnissmässig 
grosse Menge Arsen, woraus geschlossen werden muss, dass 
dieses als arsenige Säure in die genannten Eingeweide 
gelangt ist. 

Aber den sichersten Beweis, dass in den untersuchten 
Eingeweiden noch arsenige Säure vorhanden war, lieferte der 



42 Ueber die Bildung von Schwefelarsen in Leichen etc. 

dialytisclie Versuch. Klein zerschnittene Theile des Magens 
und Dünndarmes mit Wasser, welches nur schwach mit Salz- 
Stäure angesäuert war, in den Dialysator gebracht, gaben 
binnen 24 Stunden an das vorgeschlagene Wasser so viel 
arsenige Säure ab, dass Schwefelwasserstoff darin eine deut- 
liche gelbe Trübung hervorbrachte. Diess wäre gewiss nicht 
der Fall gewesen, wenn die Eingeweide bloss Schwefelarsen 
enthalten hätten, denn dieses wird, wie schon erwähnt, durch 
schwach angesäuertes Wasser bei gewöhnlicher Temperatur 
kaum zersetzt, noch aufgelöst. 

Aus allen diesen Beobachtungen, sowie aus den dem 
Tode vorausgegangenen Erscheinungen muss mit Gewissheit 
geschlossen werden, dass die Bauersfrau M. T. an den Folgen 
einer Vergiftung mit arseniger Säure gestorben und dass das 
im Magen und Dünndarm der nach fast eilfmonatlicher Be- 
erdigung wieder ausgegrabenen Leiche vorgefundene Schwe- 
felarsen das Product der Einwirkung des während der 
Fäulniss entwickelten Schwefelwasserstoffes auf die arsenige 
Säure ist. ♦ 

Die Bildung von Schwefelarsen in den Leichen von mit 
arseniger Säure Vergifteten ist der sicherste Beweis, dass 
die arsenige Säure in der Menge, in welcher sie bei damit 
bewirkten Vergiftungen gewöhnlich in den Leichen bleibt, die 
Fäulniss derselben nicht zu verhindern im Stande ist. Ich werde 
meine Erfahrungen über diesen Gegenstand, sowie über die 
sogenannte Mumification solcher Leichen später ausführlich 
mittheilen; vorläufig sei nur erwähnt, dass der Verlauf der 
Fäulniss und überhaupt der Zersetzung von Leichen, welche 
Arsenik enthalten, und von solchen, die frei davon sind, 
vorausgesetzt, dass sie sich unter sonst gleichen Umständen 
befinden, ganz derselbe ist. 

Aber es bleibt noch die Frage zu lösen übrig, warum 
man die Umwandlung der arsenigen Säure in Schwefelarsen 
in faulenden Eingeweiden bisher nicht häufiger wahrgenommen 
hat? Ich habe sie, wie schon erwähnt, nur zweimal beobach- 
tet, trotz meiner zahlreichen Untersuchungen arsenhaltiger 



Ueber eine neue Beobachtung der. Bildung von Schwefelarsen etc. 43 

Eingeweide, welche aus den Leichen in den verschiedensten 
Stadien der Zersetzung vom zweiten Tage nach dem Tode 
bis zum fiinften Jahre nach der Beerdigung , genommen wor- 
den w^aren. 

Beiläufig will ich noch erwähnen, dass der Bauer T., 
des Giftmordes, begangen an seiner Frau, angeklagt, in der 
öffentlichen Verhandlung vor dem Schwurgerichtshofe zu 
Straubing dieser That für schuldig befunden und zum Tode 
verurtheilt wurde. 



lieber eine neue Beobachtung der Bildung von Schwe- 
felarsen in der Leiche einer mit arseniger Säure 

Tergifteten. 

Von Prof. A. Buchner in München.*) 

In der Sitzung der mathem. physik, Classe der K. 
Bayer. Akad. vom 9. November 1867 habe ich einige 
Beobachtungen über die Umwandlung der arsenigen Säure 
in gelbes Schwefelarsen in faulenden Eingeweiden mitge- 
theilt. **) Gegenwärtig erlaube ich mir, einen weiteren Fall 
einer derartigen Bildung von Schwefelarsen zur Kenntniss 
zu bringen, welchen ich erst vor wenigen Wochen durch die 
chemische Untersuchung der Eingeweide einer wieder ausge- 
grabenen weiblichen Leiche kennen lernte. Diese neue 
Beobachtung überzeugte mich, dass eine solche Bildung schon 
innerhalb der ersten Wochen der Zersetzung der Leiche, 
also während des höchsten Eäulnissgrades stattfinden könne 
und dass es namentlich derjenige Theil der arsenigen Säure, 
welcher im festen feinkörnigen Zustande auf der Schleimhaut 
des Magens und Darmkanales hängen bleibt, ist, der die Um- 
w^andlung in gelbes Schwefelarsen in auffallender Weise zei- 
gen kann. 



*) Vom Hr. Verf. als Separatabdruck erhalten. H. L. 

**) S. Sitzungsberichte 1867. IL Heft III, S. 395. 



44 Ueber eine neue Beobachtung der Bildung von Schwefelarsen etc. 

Die mit einem um ungefähr 20 Jahre jüngeren Manne 
in zweiter unfriedlicher Ehe lebende und circa 70 Jahre alte 
kränkliche Häuslersfrau A. W. starb nach mehrstündiger 
Krankheit und wiederholtem heftigen Erbrechen am 25. Au- 
gust 1867 und wurde zwei Tage darauf unbeanstandet 
beerdiget. Aber nach einigen Wochen ging das Gerede 
von einer Vergiftung der A. W. so laut, dass sich das Ge- 
richt veranlasst sah, eine Untersuchung der Sache einzulei- 
ten. Die Exhumation und Obduction der Leiche fand am 
17. October 1867, mithin in der achten Woche nach der 
Beerdigung statt. Der Sarg war im Allgemeinen unversehrt, 
aber die darin liegende Leiche schon so verändert, dass der 
anwesende Bruder der Verstorbenen diese nicht mehr erkannte. 
Es waren sowohl die Kleidungsstücke als auch das braune 
schmierige Gesicht, die Hände und andere Theile der Leiche 
theils mit weissem, theils mit gelben und grauen Schimmel 
bedeckt. Die Augen waren nicht mehr zu erkennen, die 
obere Fläche des Körpers erschien mit Ausnahme des Ge- 
sichtes trocken, aber die untere Seite war ganz nass von 
einer sehr stinkenden graubraunen schmierigen Flüssigkeit. 

Die Gedärme waren auf der Oberfläche etwas gelb 
gefärbt; den Magen fand man an der rechten Seite durch 
eine mit einigen Quersprüngen versehene glänzende trockene 
feine Masse von intensiv - gelber Farbe an den Querdarm 
angeklebt. Der ungefähr zwei Unzen betragende dünnbreiige 
Mageninhalt hatte eine auffallende intensive gelbbraune Farbe, 
gerade so als wenn er viel Gallenpigment enthielte. Auf 
seiner rothgelben und gegen den Pförtner zu an der grossen 
Krümmung etwas blaurothen Schleimhaut befanden sich mehre 
lebhaft gelbe Kreise, deren Anblick mich sogleich auf 
den Gedanken brachte, dass sich hier Schwefelarsenik gebil- 
det und niedergeschlagen haben könnte. Einer derselben hatte 
ungefähr die Grösse eines Halbguldenstückes, daneben befand 
sich ein zweiter, der nicht ganz den Umfang eines Silber- 
kreuzers hatte. Dann lagen gegen den Pförtner zu noch drei 
solcher Ringe von Gulden-, Sechser- und Erbsengrösse. Dieselben 
gelben ringförmigen Conturen wurden bei der Section auf der 



üeber eine neue Beobachtung der Bildung von Schwefelarsen etc. 45 

Aussenseite des Magens an seiner Hinterwand bemerkt; der 
die Obduction vollziehende kgl. Bezirksarzt glaubte, dass sie 
von Grallendurchtränkung herrührten, jetzt aber wissen 
wir, dass sie von Schwefelarsen gebildet worden sind. 

Im Zwölffingerdarme wurden nur einige Tropfen einer 
dickUchen gelbbraunen Flüssigkeit angetroffen; seine stark 
geröthete Schleimhaut zeigte eine gelbe Beimischung (von 
Schwefelarsen). Der Dünndarm enthielt ungefähr zwei Unzen 
einer dicklichen rÖthlich - grauen Masse; auf seiner Schleim- 
haut war nichts Besonderes zu bemerken. Der Dickdarm war 
frei von Inhalt und seine Schleimhaut geröthet. 

Was die chemische Untersuchung des Magens und Darm- 
kanales und deren Inhalt aus der Leiche der A. W. betrifft, 
so überzeugte ich mich bald, dass hier eine verhältnissmässig 
grosse Menge Arsens und zwar als arsenige Säure zugegen 
sei. Der Umstand, dass bei der Destillation genannter Ob- 
jecte mit Salzsäure*) die grösste Menge des Arsens nicht 
als Chlorarsen verflüchtiget wurde, sondern im Rückstande 
blieb, worin er, nachdem die Masse unter fortgesetztem Er- 
wärmen mit Salzsäure und chlorsaurem Kali weiter zersetzt 
worden war, auf die bekannte Weise durch Ausfällung mit 
Schwefelwasserstoff etc. aufgefunden wurde, belehrte mich, 
dass hier ausser der arsenigen Säure noch eine andere Arsen- 
verbindung und zwar in Betracht der intensiv-gelben Färbung 
der genannten Untersuchungsobjecte höchst wahrscheinlich 
Schwefelarsen vorhanden sei. In der That konnte ich diese 
Verbindung aus dem schleimigen Mageninhalte durch Verdün- 
nen mit wässerigem Weingeist und öfteres Abschlämmen als 
zartes gelbes Pulver in hinreichender Menge isoliren, um 
deren Natur sicher zu erkennen; auch war es, indem ich 
Stücke von den am meisten gelb gefärbten Stellen der Ma- 
gen-Schleimhaut in Ammoniak legte, möglich, das Schwefel- 



*) Auch bei dieser Destillation wurde das "Wasser, in welches die 
salzsauren Dämpfe geleitet wurden, aus dem in meiner ersten Mittheilung 
angegebenen Grunde diirch Spuren gebildeten Schwefelarsens gelb 
getrübt. 



46 Beschaffenheit des Blutes nach einer Vergiftung mit Blausäure. 

arsen daraus auszuziehen und dieses durch Verdunstung des 
Ammoniaks für sich zu erhalten. 

Dass A. W. kein Schwefelarsen, sondern arsenige Säure 
bekommen und dass sich jenes aus dieser erst in den Einge- 
weiden während der Fäulniss gebildet habe, ergiebt sich, 
abgesehen davon, dass nicht nur im Magen und Darmkanal, 
sondern auch in der Leber und Milz verhältnissmässig viel 
arsenige Säure vorhanden war, schon aus der zarten Be- 
schaff enheit des im Magen aufgefundenen Schwefelarsens 
und der Art seiner Ablagerung auf der Schleimhaut. Die 
Bildung des Schwefelarsens ging hier offenbar von den Stellen 
aus, an welchen Körnchen der arsenigen Säure so fest hafte- 
ten, dass sie trotz des wiederholten heftigen Erbrechens nicht 
mehr entfernt werden konnten. Indem sie durch das bei der 
Fäulniss gebildete Schwefelwasserstoff- Ammoniak zersetzt und 
zugleich aufgelöst wurden, konnte das so gebildete Schwefel- 
arsen durch Infiltration der Auflösung zum Theil auch in und 
durch das Gewebe des Magens dringen, auf welchem es dann 
bei der darauf folgenden Zersetzung und Oxydation des 
Auflösungsmittels als gelbes zartes Pulver niedergeschlagen 
wurde. 



lieber die BeschafPenlieit des Blutes nach einer 
Vergiftung* mit Blausäure.*) 

Von Prof. A. Buchner in München.**) 

Beobachtungen über die Beschaffenheit des Blutes von 
Thieren , welche mit Blausäure getödtet worden waren , sind 
in neuester Zeit mehre gemacht worden. In München haben 
hierüber die Herren Collegen Voit und Heinrich Bänke 



*) Vom Hm. Verf. als Separatabdruck aus dem Neuen Repert. für 
Pharm, erhalten. B. L. 

**) Vorgetragen in der Sitzung der math.-phys. Classe der k. bayer. 
Akademie d. Wissensch. vom 7. December 1867. 



Beschaffenheit des Blutes nach einer Vergiftung mit Blausäure. 47 

genaue Versuche angestellt und in Bonn hat Hr. Dr. W. 
Frey er die Blausäure zum Gregenstand einer ausführlichen 
physiologischen Untersuchung gemacht, deren bisherige Er- 
gebnisse er in seiner vor wenigen Tagen erschienenen Schrift: 
„Die Blausäure physiologisch untersucht. Er- 
ster Theil. Bonn 1868" bekannt gemacht hat. 

Der am 21. November 1867 in München geschehene 
Mord an Frau Gräfin Chorinsky Ledske, welcher, wie 
schon die Section vermuthen Hess und wie die darauf von 
mir vorgenommene chemische Untersuchung ausser Zweifel 
stellte, mittelst Blausäure verübt worden war, hat mir Gele- 
genheit verschafft, die Beschaffenheit von menschlichem Blute 
nach einer solchen Vergiftung näher kennen zu lernen, denn 
unter den mir zur chemischen Untersuchung übergebenen 
Objecten befand sich auch das bei der Section der Leiche 
der genannten Gräfin gesammelte Blut, dessen Menge 285 
Gramme, mithin etwas über ^2 Pfu^id betrug. 

Meines Wissens ist man über die Art und Weise, wie 
der genannten Gräfin das Gift beigebracht wurde, noch voll- 
kommen unaufgeklärt. Der Best des Thee's, den die Un- 
glückhche unmittelbar vor ihrem Tode in Gesellschaft ihrer 
angeblichen Mörderin getrunken, so wie die übrigen auf 
dem Tische vorgefundenen Flüssigkeiten, nämlich Milch, Bum 
und Trinkwasser, dann der Inhalt des Nachttopfes enthiel- 
ten weder Blausäure noch Cyankalium; auch die anderen 
zur Untersuchung gebrachten Gegenstände aus der Woh- 
nung der Gräfin waren mit Ausnahme eines Gläschens mit 
Kirschlorbeerwasser, welches aber noch ganz voll war und 
dessen Inhalt der Aufschrift zufolge als ein Mittel gegen 
Leibschneiden benutzt werden sollte, vollkommen frei von 
diesen Giften. 

Die aufgeworfene Frage, ob Gräfin Ch. mit freier Blau- 
säure oder mit Cyankalium vergiftet worden sei, konnte durch 
die chemische Untersuchung nicht bestimmt beantwortet wer- 
den, wohl aber kann ich mit Gewissheit behaupten, dass vier 
Tage nach dem Tode das Cyan im Mageninhalt und auch 
im Blute nur als freie Blausäure und nicht als Cyankalium 



48 Beschaffenheit des Blutes nach einer Vergiftung mit Blausäure. 

vorhanden war und dass folglich, wenn auch G-räfin Ch. 
Cyankalium bekommen hätte, dieses durch chemische Zer- 
setzung vollkommen in Cyanwasserstoff (Blausäure) verwan- 
delt worden wäre. 

Der dickbreiige Mageninhalt, welcher hauptsächlich aus 
zerkleinertem Schinken, Brod- und Kartoffelresten bestand, 
roch etwas faulig, aber ausserdem so auffallend nach Blau- 
säure, dass man schon dadurch auf die Vermuthung einer 
Blausäure - Vergiftung geführt wurde. Dieser mit Wasser 
gehörig verdünnte Magenbrei röthete Lackmuspapier ziemlich 
stark; als ein Theil davon destillirt wurde, ging gleich An- 
fangs so viel Blausäure über, dass das Destillat nicht nur 
den characteristischen Blausäure - Geruch im hohen Grrade 
besass, sondern auch die bekannten chemischen Beactionen 
der Blausäure in unverkennbarer Weise zeigte. 

Dass der Mageninhalt ausser Blausäure nicht auch Cyan- 
kalium oder eine derartige Cyanverbindung enthalte, konnte 
schon aus der sauren Beaction desselben geschlossen werden, 
indessen wurde, um den Beweis davon vollständig zu liefern, 
die Destillation des Magenbreies mit Wasser so lange fort- 
gesetzt, bis keine Blausäure mehr überging, worauf man den 
Destillationsrückstand mit Phosphorsäure vermischte und aber- 
mals destillirte. Aber diessmal konnte im Destillat keine 
Spur von Blausäure mehr entdeckt werden. 

Ich habe, um die Menge der im Mageninhalt am 9. Tage 
nach dem Tode der Gräfin Ch. noch vorhandenen Blausäure 
beiläufig zu bestimmen, die Quantität dieser Säure in jenem 
Destillat, welches aus ungefähr einem Drittel des Magen- 
breies erhalten worden war, ausgemittelt. Es ergab sich 
hiebei eine Menge, welche auf den ganzen Mageninhalt 
berechnet nahezu 0,075 Grm. oder 1,2 Gran wasserfreier 
Blausäure entspricht. Eine solche Menge ist in einem Quent- 
chen der officinellen Blausäure und ungefähr zwei Unzen 
Bittermandel- oder Kirschlorbeerwassers enthalten. Gräfin 
Ch. musste aber eine grössere Menge Blausäure erhalten 
haben, weil ein Theil des Giftes, abgesehen von der Ver- 



Beschaffenheit des "Blutes nach einer Vergiftung mit Tllausäure. 49 

dimstung, in das Blut und in andere Organe überg-ing* und 
desshalb nicht mehr im Magen gefunden werden konnte. 

Nebenbei will ich bemerken, dass das wässerige Destil- 
lat aus dem Speisebrei Lackmuspapier nicht röthete und dass 
demnach dieser Chymus ausser Blausäure keine andere flüch- 
tige freie Säure und namentlich keine freie Salzsäure ent- 
hielt. Die das Lackmuspapier röthende Substanz blieb im 
Destillationsrückstand und ist demnach fixer Natur; dieser 
saure Bückstand lieferte nach dem Filtriren und durch Ein- 
dampfen auf ein kleines Volumen eine gelbliche Flüssigkeit, 
welche bei der Dialyse an das vorgeschlagene Wasser haupt- 
sächlich die Säure und einige Salze abgab. Diese Flüssig- 
keit wurde bis zur Syrupsconsistenz eingedampft und dann 
ein paarmal mit warmem Weingeist behandelt, wobei sich 
ein Theil auflöste. Der Verdampfungsrückstand der weingei- 
stigen Flüssigkeit röthete Lackmus sehr stark, zeigte sich 
aber frei von Phosphorsäure; die darin vorhandene fixe Säure 
w^ar vielmehr organischer Natur und verhielt sich wie Milch- 
säure ; die Asche, w^ eiche beim Verbrennen zurückblieb, rea- 
girte nicht mehr sauer, sondern im Gegentheil schwach alka- 
lisch; Kali war darin in nur sehr geringer Menge und, wie 
es scheint, als Chlorkalium vorhanden; der Hauptsache nach 
bestand diese Asche aus Chlornatrium. 

Der in Weingeist unlösliche Theil des Dialysirten rea- 
girte schwach sauer und war reich an Phosphorsäure und an 
Kali; ausser phosphorsaurem Kali konnte darin nichts Bemer- 
kenswerthes gefunden werden. 

Das ganze Verhalten der in Wasser löslichen Stoffe aus 
dem Destillationsrückstande des Mageninhaltes stimmt also 
mit demjenigen des Fleischsaftes überein; dasselbe unter- 
stützt keineswegs die Annahme, dass Gräfin Ch. durch Cyan- 
kalium vergiftet worden sei.*) 



*) Die in Wien im Monat April vor. Jahres stattgefundene öffent- 
liche Verhandlung gegen die des erwähnten Mordes angeklagte und die- 
ses Verbrechens auch überwiesene Baronin Julie von Ebergenyi hat 
herausgestellt, dass die Mörderin sich zur Tödtung der von ihrem Manne 
Arcli. d. Pharm. CLXXXVII. Erls. 1. u. 2. Hft. 4 



50 Beschaffenheit des Elutes nach einer Vergiftung mit Blausäure. 

Was nun die Beschaffenheit des Blutes aus der Leiche 
der Gräfin Ch. betrifft, so bot dasselbe einige auffallende 
Verschiedenheiten von gewöhnlichem menschlichen Leichen- 
blute dar. Es fiel zunächst auf, dass dieses Blut eine helle 
kirschrothe Farbe hatte und diese Farbe mehre Tage lang 
behielt, so wie dass dasselbe am fünften Tage und auch noch 
längere Zeit nach dem Tode nicht geronnen, sondern voll- 
kommen flüssig war. Erst nach einigen Wochen fand man 
denjenigen Theil des Blutes, welchen man in einem lose 
bedeckten Gefässe bei ziemlich niedriger Temperatur der 
Luft ausgesetzt hatte , in eine dünne Gallerte verwandelt. 
Der hohe Grad der Unveränderlichkeit dieses Blutes gab sich 
ferner durch seine lange Unfähigkeit zu faulen zu erkennen. 
Am fünften Tage nach dem Tode roch es, obwohl vor dem 
Zutritt der Luft nicht geschützt, wie ganz frisches Blut; spä- 
ter nahm es einen etwas ranzigen Geruch, demjenigen alter 
Butter nicht unähnlich, an; ein Theil des Blutes, welcher in 
einem verschlossenen Glase aufbewahrt wurde, zeigte erst 
nach mehren Wochen schwachen Fäulnissgeruch. Auch 
konnte an dem der Luft ausgesetzten Blute lange keine 
Schimmelbildung beobachtet werden; erst als das Blut etw^as 
geronnen war, waren auf seiner Oberfläche einzelne Schimmel- 
partien zu bemerken. Ich habe diesem noch hinzuzufügen, 
dass bei einer wenige Tage nach der Section vorgenommenen 
mikroskopischen Beobachtung des Blutes die meisten rothen 
Blutkörperchen darin zerstört waren. 

Um zu sehen, ob sich in diesem Blute, w^elches, wie 
vorhin erwähnt, wie ganz frisches Blut, aber durchaus nicht 
nach Blausäure roch , diese Säure am fünften Tage nach dem 
Tode chemisch nachweisen lasse, wurde ein Theil desselben 
gehörig mit Wasser verdünnt und der Destillation unterwor- 

getrennten Gräfin C h. wirklich des Cyankaliums bedient hatte , welches 
sie sich von besonderer Reinheit von einem Wiener Photographen zu 
verschaffen wusste und welches sie nach ihrer Ankunft in München 
in Wein auflöste. Nun musste aber dieses Gift durch die Säure des 
Weines vollständig zersetzt und in Cyanwasserstoff verwandelt wor- 
den sfiii. 



Beschaffenheit des Blutes nach einer Vergiftung mit Blausäure. 51 

fen. Die erste Portion des Destillats, welche besonders auf- 
gefangen wurde , besass den Geruch nach Blausäure ganz 
unverkennbar. Silberlösung brachte darin sogleich eine 
weisse Trübung hervor, die sich beim Schütteln zu einem 
flockigen, sich wie Cj^ansilber verhaltenden K^iederschlag 
zusammen begab. Das mit Kalilauge und hierauf mit ein 
Paar Tropfen Eisenoxyduloxyd -Lösung vermischte Destillat 
wurde beim Ansäuern mit Salzsäure intensiv blau und bildete 
nach einiger Zeit einen Niederschlag von Berlincrblau. Mit 
einigen Tropfen Schwefelammonium vermischt und auf ein 
kleines Volumen eingedampft, gab es mit Eisenchlorid eine 
intensiv blutrothe Färbung, die bewies, dass sich hier E-ho- 
danammonium gebildet hatte, welches nur aus der im Destillat 
vorhandenen Blausäure entstanden sein konnte. 

Durch diese Versuche ist also der Beweis auf das Be- 
stimmteste geliefert, dass sich noch am fünften Tage nach 
dem Tode Blausäure in dem Blute damit Vergifteter sicher 
erkennen lässt. Es ist mir diess selbst ein paar Wochen 
später noch gelungen, ja sogar in dem fast vertrockneten 
Blute, welches sich aus der Mundhöhle der Leiche über den 
oberen Theil der Kleidung und auf die Stelle des Zimmer- 
bodens , auf welcher Gräfin C h. am zweiten Tage nach ihrer 
Ermordung liegend gefunden 'wurde, ergossen hatte, konnte 
ich auf die vorhin beschriebene Weise Spuren von Blausäure 
deutlich nachweisen, ebenso in den mir zur Untersuchung 
überschickten Eingeweiden und namentlich in der Leber 
und Milz. 

Als die empfindlichste Methode, um geringe Spuren von 
Blausäure zu entdecken , hat sich hierbei die von Herrn 
V. Lieb ig ausgemittelte *) gezeigt, welche auf der leichten 
Umwandlung der Blausäure in Rhodanammonium durch 
Schwefelammonium und der Reaction des Eisenchlorides auf 
das Rhodanammonium beruht. Dieser Methode am nächsten 
steht hinsichtlich der Empfindlichkeit die Umwandlung der 



*) Annaleu der Chemie und Pharmaeie 1847. LXI, 127, 

4* 



52 Beschaffenheit des Blutes nach einer Vergiftung mit Blausäure. 

Blausäure in Berliiierblan. Aber man muss, um bei sehr 
gering-en Spuren von Elausäure die blaue Färbung sichtbar 
zu machen , das mit Kalilauge versetzte Destillat zuvor auf 
ein kleines Volumen eindampfen , ehe man sie mit einem 
oder zwei Tropfen Eisenoxyd- Oxydullösung vermischt und 
mit Salzsäure ansäuert. Auch kommt der Niederschlag von 
Berlinerblau in Form blauer Flöckchen oft erst zum Vor- 
schein, wenn man die Flüssigkeit in einer Probirröhre ein 
Paar Tage lang massiger Wärme ausgesetzt hat. Spuren 
von Blausäure werden auch durch Silberlösung angezeigt, 
allein da das Cyansilber keine charakteristische Farbe hat 
und Spuren desselben von Chlorsilberspuren nicht wohl unter- 
schieden werden können, so würde natürlich diese Beaction 
allein nicht hinreichen, um eine sehr geringe Menge Blau- 
säure sicher zu erkennen. Ich habe mich übrigens jüngst 
bei der Untersuchung des mir von Hrn. Collegen V o i t zur 
Verfügung gestellten Blutes von einem Hunde, der mit einer 
Minimaldosis von Cyankalium getödtet worden war, über- 
zeugt, dass in dem Destillat eines solchen mit Phosphorsäure 
angesäuerten Blutes weder durch Silber- noch durch Eisen- 
lösung, sondern nur durch die Bhodanreaction an der Gränze 
chemischer Wahrnehmung stehende Blausäurespuren wahrge- 
nommen werden konnten. • 

In neuester Zeit hat Hr. Schönbein in Basel ein 
sehr interessantes Verhalten der Blausäure zu den Blutkör- 
perchen beobachtet und in der Zeitschrift für Biologie *) 
beschrieben, welches, wie auch ich mich überzeugt habe, als 
das empfindlichste Reagens auf Blausäure und namentlich 
zur Nachweisung derselben im Blute bezeichnet werden 
muss. Dieser Chemiker hat schon vor einigen Jahren gefun- 
den, dass die Blutkörperchen in einem ausgezeichneten Grade 
die Fähigkeit besitzen, nach "^rt des Platins das Wasser- 
stoffhyperoxyd in Wasser und gewöhnlichen Sauerstoff umzu- 
setzen. Diese Fähigkeit, welche offenbar von dem wesent- 

*) Jahrgang 1867. Ifl. n. Heft. 



EeschaflFenheit des Blutes nach einer Vergiftung mit Blausäure. 53 

liehen Bestandtheil der Blutkörperchen, dem sauerstoffsaiig'en- 
den Hämaglobin herrührt, hat auch das mit Wasser ver- 
dünnte defibrinirte Blut, worin die Blutkörperchen aufgelöst 
sind, denn auch dieses katalysirt das Wasserstoffliyperoxyd 
mit stürmischer Lebhaftigkeit. Fügt man aber nach Schön - 
bein eine nur sehr geringe Menge wässeriger Blausäure zu 
solchem mit zwei Raumtheilen reinen Wassers verdünnten 
Blute, so wird die katalytische Wirkung der Blutkörperchen 
oder vielmehr des Hämaglobins so sehr geschwächt, dass bei 
der darauf folgenden Vermischung mit Wasserstoffhyperoxyd 
eine kaum noch merkliche Entbindung von Sauerstoffgas 
bewirkt wird. 

Sehr bemerk enswerth ist die weitere von Schönbein 
festgestellte Thatsache, dass das verdünnte blausäurehaltige 
Blut durch Wasserstoffhyperoxyd bis zur Undurchdringlich- 
keit gebräunt wird , was auf eine tief gehende Veränderung 
hindeutet, welche das Hämaglobin unter diesen Umständen 
erleidet. 

Dass die Blausäure für sich allein auf das Hämaglobin 
weder chemisch noch anderweitig einwirkt, ergiebt sich schon 
aus dem Umstände, dass die Färbung der Blutflüssigkeit 
nach Zusatz von Blausäure unverändert bleibt (bei mehr 
Blausäure sich höher röthet) amd dass blausäurehaltiges, mit 
Wasser gehörig verdünntes Blut im Spectrum die zwei so 
charakteristischen Absorptionsstreifen des sauerstoffhaltigen 
Hämaglobins ( Oxyhämaglobins ) zeigt. Schönbein hat 
gefunden, dass solches Blut seine frühere katalytische Wirk- 
samkeit wieder äussert, nachdem man aus ihm die Blausäure 
hat verdampfen lassen. Die blausäurehaltige Blutflüssigkeit, 
welche man mehre Stunden lang in einem flachen Gefässe 
und an einem massig erwärmten Ort offen an der Luft hatte 
stehen lassen, vermochte das Wasserstoff hyperoxyd wieder 
lebhaft zu zerlegen, ohne durch Letzteres im Mindesten 
gebräunt zu werden, während die gleiche in einer luftdicht 
verschlossenen Flasche Tage lang gehaltene Flüssigkeit Was- 
serstoffhyperoxyd immer nur schwach katalysirte und durch 
dieses stark gebräunt wurde. 



5i Beschaffenlieit des Blutes nach einer Vergiftung mit Elausäure. 

Die Eigenschaft blausäurehaltigen Blutes, durch Was- 
sers boffhyperoxyd tief gebräunt zu werden, macht es mög- 
lich, in jener Flüssigkeit noch eine verschwindend kleine 
Menge von CyanwasserstofFsäure nachzuweisen. Um dieses 
zu beweisen, hat Schönbein 50 Grramme defibrinirten Ochsen- 
blutes mit 450 Grammen Wassers und 5 Milligrammen Blau- 
säure (auf die wasserfreie bezogen) versetzt. Dieses Ge- 
misch wurde durch WasserstofFhyperoxyd noch tief gebräunt, 
obgleich darin nur ein hunderttausendtel Blausäure enthalten 
war. Ja es konnte die Mischung noch mit der siebenfachen 
Menge Wassers verdünnt werden, so dass es nur noch 
Vsooooo Blausäure enthielt, um beim Zufügen von Wasserstoff- 
hyperoxyd noch immer auf das Deutlichste gebräunt zu werden. 

Schönbein konnte bei Anwendung dieses Verfahrens 
in gewöhnlichem Kirschwasser noch augenfälligst Blausäure 
nachweisen, die darin durch kein anderes Beagens mehr zu 
erkennen war; er bezeichnet desshalb die Blutkörperchen in 
Verbindung mit Wasserstoffhyperoxyd als das empfindlichste 
Beagens auf Blausäure. Uebrigens ist es, um die beschrie- 
bene Beaction zu erhalten, keineswegs gleichgiltig, in welcher 
Aufeinanderfolge man Blausäure und Wasserstoffhyperoxyd 
zu der Blutflüssigkeit fügt; denn wird das Hyperoxyd in eini- 
ger Menge zuerst beigemischt,- so verursacht die Blausäure 
nicht die geringste Bräunung und wird das Wasserstoff- 
hyperoxyd ebenso lebhaft katalysirt, als wenn keine Blausäure 
in dem Blute vorhanden wäre. 

Ueber das iVbsorptionsspectrum des durch Wasserstoff- 
hyperoxyd gebräunten blausäurehaltigen Blutes hat Hr. Prof 
Hagenbach in Basel Versuche angestellt. Er hat gefun- 
den , dass in eben dem Masse , als die rothe Farbe der Blut- 
flüssigkeit in die braune übergeht, die beiden charakteristi- 
schen , zwischen E und D liegenden Absorptionsstreifen des 
Oxyhämaglobins im Spectrum verschwinden, ohne dass dafür 
ein neuer Streifen aufträte. Es erstreckt sich dann die Ab- 
sorption ziemlich gleichmässig über das Spectralfeld, das Both 
ausgenommen , welches bei einiger Concentration der Blut- 
flüssigkeit allein noch durch dieselbe dringt. Dadurch kann 



Beschaffenheit des Blutes nach einer Vergiftung mit Blausäure. 55 

man das blausänrehaltige durch Wasserstoffhyperoxyd gebmunte 
Blut von demjenigen , dessen Bräunung durch Schwefelsäure 
bewirkt ist^ und welches jenem bis zum Verwechseln gleicht, 
unterscheiden, denn die schwefelsäurehaltige Blutflüssigkeit 
zeigt einen deutlichen Absorptionsstreifen im Roth, welcher 
dem durch Wasserstoffhyperoxyd gebräunten blausäurehaltigen 
Blute vollkommen fehlt. 

Der an Gräfin C h o r i n s k y begangene Giftmord bot mir 
eine ganz passende Gelegenheit dar, die Tauglichkeit des 
Schönbein 'sehen Verfahrens zur Nachweisung der Blau- 
säure im Blute eines mit Blausäure vergifteten Menschen 
zu erproben. Ich brauche kaum zu sagen, dass ich hiebei 
die Angaben Schönbein 's vollkommen bestätiget gefunden 
habe. Das Blut aus der Leiche der Gräfin C h. hat sich 
auch bei dieser Prüfung als ein verhältnissmässig stark blau- 
säurehaltiges erwiesen. Ich habe seitdem schon öfter die- 
ses A^erfahren an blausäure - , sowie an cj^'ankaliumhaltigem 
Blute geprüft und mich dabei von dem hohen Grade seiner 
Empfindlichkeit überzeugt. Das Blut von dem Hunde, wel- 
chen Hr. College Voit mit einer sehr geringen Menge 
Cyankaliums vergiftet hatte, wurde beim Vermischen mit 
Wasserstoff'hyperoxyd auf das Deutlichste gebräunt, obwohl 
sich aus der Flüssigkeit ziemlich viele Sauerstoff'bläschen 
entwickelten, während in demselben Blute, wie oben erwähnt 
wurde, bloss noch durch die Bhodanreaction an der Gränze 
chemischer Wahrnehmung stehende Blausäurespuren ent- 
deckt werden konnten. Das durch Wasserstoff'hyperoxyd 
erfolgende Dunklerwerden eines Blutes, welches nur Spuren 
von Blausäure enthält, nimmt man am besten durch einen 
vergleichenden Versuch wahr, indem man von gleichen 
Hälften des zu prüfenden Blutes die eine mit Wasserstoff'- 
hyperoxyd und die andere mit demselben Volumen reinen 
Wassers vermischt und dann die Farbe der beiden Flüssigkeiten 
betrachtet; wenige Tropfen Blutes genügen zu diesem Versuche. 

Ich halte das Schönbein' sehe Verfahren für das 
bequemste und empfindlichste zur Nachweisung der Blausäure 
im Blute. Aber damit man die Erscheinung des Dunkler- 



56 Nachweisuug des Cyans im Cyansilber durch Jod. 

Werdens durch WasserstofFhyperoxyd wahrnehmen könne, 
darf das Bhit nicht schon so alt sein, dass es durch frei- 
willige Zersetzung dunkler geworden ist, denn ein solches 
blausäurehaltiges Elut wird durch Wasserstoffhyperoxyd in 
seiner Farbe nicht mehr verändert. Im Blute aus der Leiche 
der Gräfin Ch. habe ich noch lange, nachdem Wasserstoff- 
hyperoxyd keine Farbenänderung mehr darin bewirkte, mit- 
telst der anderen Reagentien Blausäure nachweisen können. 



Nachweisung" des Cyans im Cyansilber durch Jod; 

Nach Ossian Henry (Sohn) und E, Humbert. 

Man bringt den wohlgewaschenen, gut getrockneten Nie- 
derschlag des fraglichen Cyansilbers in einer unten zuge- 
schmolzenen, etwa 20 CM. langen Grlasröhre mit reinem Jod 
zusammen, dessen Menge jener des vorhandenen Cyansilbers 
nicht ganz gleichkommen darf. Erhitzt man dann die Glas- 
röhre an der Stelle, wo das Gemenge liegt, ganz schwach 
über der Spiritusflamme, so sieht man, wie die schönen farb- 
losen, glänzenden, sehr flüchtigen, nadeiförmigen Krystalle des 
Jodcyans entstehen und sich an den kalten Stellen der 
Glasröhre anlegen. Wenn die verwendeten Substanzen und 
die Glasröhre trocken sind , so kann man selbst mit einem 
Milligramm Cyansilber noch deutliche Nadeln von Jodcyan 
erhalten (AgC^N -f 2J = AgJ + C^NJ). 

Diese Nadeln von Jodcyan besitzen einen die Augen und 
die Schleimhaut der Nase heftig reizenden Geruch und einen 
ungemein beissenden Geschmack. Mischt man dieselben mit 
etwas Eisenvitriollösung, darauf mit überschüssiger Natron- 
lauge und säuert die Mischung nach 10 Minuten mit Salzsäure 
an, so erhält man Berlinerblau, (Yergl. die Vergiftungen 
in gerichtsärztlicher und klinischer Beziehung, dargestellt von 
Ambroise Tardieu; der gerichtlich - chemische Theil bearb. 
von Z. K-oussin. Autorisirte deutsche Ausgabe, bearbeitet 
von Dr. F. W. T heile und Dr. H. Ludwig; Erlangen, bei 
F. Enke 1868; Artikel Blausäure. S. 586.). H. L, 



57 



III. ISTatnrgesoliichte und 
Pliarraacogiiosie. 



Die Grewinmmg der Borsäure, namentlich in Central - 

Italien. 

Mitgetheilt vom Prof. Dr. Henkel in Tübingen. 

Eines der interessantesten Erzeugnisse Central- Italiens 
ist ohne Zweifel die Borsäure, welche in stets steigender 
Menge im Grossen dort dargestellt wird und theils für sich, 
theils in Borax umgearbeitet einen wichtigen Exportartikel 
bildet. Während man noch vor 100 Jahren keine Ahnung 
von der Existenz dieser Säure in Europa hatte, wird gegen- 
wärtig allein von Livorno aus für mehr als 1 Million Gulden 
an Werth nach England ausgeführt, um zum grössten Theil 
in den sogenannten „potteries," der Umgebung von Stafford, 
[N'ewcastle, Burslam etc., zur Glasur der dortigen berühmten 
Töpferwaaren verwendet zu werden, wovon bekanntlich Eng- 
land jährlich für mehr als 3 Millionen Pfund Sterling erzeugt. 
Der hohe Aufschwung, den die Gewinnung dieser Säure in 
Italien gefunden, dürfte gewiss den Versuch rechtfertigen, die 
Geschichte ihrer Entdeckung in Italien kurz darzulegen. 

Der italienische Geologe Giovanni Targioni Te- 
zett i, besuchte bei einer 1742 durch die Maremmen Tosca- 
na's unternommenen Beise die Salzwerke von Volterra und 
machte von da aus südlich durch Pomarance einen Ausflug 
nach Monte Cerboli, um sich die sonderbaren Dampfviilkane 
oder „soffioni" anzusehen, die so häufig in dortiger Gegend 
auftraten. Er schildert den Eindruck, den die öde, trostlose 
Gegend auf ihn machte, wobei er bemerkt, dass derselbe 
wohl geeignet sei, einen unwissenden und furchtsamen Men- 
schen mit Grauen zu erfüllen, während er als eifriger I^^atur- 



58 Die Gewinnung der Borsäure, namentlich in Central- Italien. 

forscher mächtig' durch das sich darbietende Phänomen ange- 
regt, gerne genauere Untersuchungen angestellt hätte, um 
über die Ursache der auffallenden Erscheinung klar zu wer- 
den, wenn nicht die heissen Dämpfe ihn in respectvoller Ent- 
fernung gehalten hätten. Er bemerkte zugleich, dass die aus- 
gestossenen Dämpfe einen deutlichen Geruch nach Schwefel- 
wasserstoffgas verbreiteten und dass sich eine Anzahl soge- 
nannter „lagoni" gebildet hatten, Behälter mit einer schmutzig 
bläulichen Flüssigkeit gefüllt, welche durch die von unten 
eintretenden Dämpfe in fast ununterbrochener kochender Be- 
wegung erhalten wurde. Sein Führer bemerkte ihm, dass 
nach starken Regengüssen oft diese Lagoni überfliessen und 
sich in die am Fusse des Monte Cerboli vorbeifliessende Pos- 
sera ergiessen, was in Folge der starken Hitze des Inhalts 
jener Behälter auf eine beträchtliche Entfernung hin den Tod 
aller in jenem Flusse vorhandenen Fische verursache. To- 
zetti musste sich aber begnügen, diese interessanten „soffionf 
gesehen zu haben und konnte nichts thun, den Ursprung der- 
selben in irgend einer Weise zu erklären. Erst 1777 fand 
Höfer, ein von dem Grossherzog von Toscana angestellter 
Chemiker , *) Borsäure bei Monte Botondo und Castel- 
nuovo, welche Thatsache zwei Jahre später von Prof Mas ca- 
gni bestätigt wurde. Schon 1808 wurde der Versuch 
gemacht, die Borsäure dieser Lagoni zu verwerthen, indem 
man Borax daraus fabricirte, und während der napoleonischen 
Begierung erhielt M a s c a g n i sogar ein Patent , welches ihn 
zu der alleinigen Ausnützung dieser heissen Quellen ermäch- 
tigte. Derselbe cedirte aber bald sein Recht einem gewissen 
Fossi, dem er auch den Vorschlag machte, Kessel mit der 
Lösung der Borsäure über den Dampfkanälen anzubringen 
und den ausströmenden Dampf statt des Feuers zur Concen- 



*) Hubert Franz Höfer, Director der Grossherzogl. Apotheke 

in Florenz, Mitglied der Akad. d. Wiss. zu Siena, geb. den (?) 

zu Cöln, gestorben den .... (?) Verfasste Memor. sopra il sale sedative 
naturale della Toscanu, c dcl borace che con quello si compone , scoperto 
da Uberto Fr. Höfer, Firenze 177 8. {Poggendorffs Biogr. litter. Hand- 
wörterbuch 1863. Bd. I. S. 1119.). H. L. 



Die Gewinnung der Borsäure, namentlich in Central - Italien. 59 

trirung zu verwenden. F o s s i gewann allerdings nennens- 
werthe Mengen Borsäure am Monte Eotondo und stellte 
auch 1818 in Florenz ein weisses, mit Hülfe von Borax 
gewonnenes Glas aus. G a z z e r i und B r o u z e t benutzten 
gleichfalls einen Theil jener Lagoni von 1815 — 1818 und 
hatten einen eigenen Ingenieur Ciaschi angestellt, um 
künstliche Beservoirs anzulegen, in welchen sich die Dämpfe 
verdichten sollten; derselbe hatte bei einer derartigen Arbeit 
das Unglück in eine Spalte hinabzustürzen , aus welcher er 
halb todt und gebrüht herausgezogen wurde und nach mehr- 
tägigen Qualen starb. Trotz aller Anstrengungen gelang es 
aber jenen beiden Unternehmern nicht, innerhalb 9^/2 Mona- 
ten mehr als etwa 6572 Centner sehr unreiner Borsäure nach 
Frankreich liefern zu können und die Unternehmung erwies 
sich als wenig prosperirend, bis 1818 ein Franzose, Larda- 
rell, die Sache in die Hand nahm, als er sich gerade einige 
Zeit in Italien aufhielt. Einige Jahre hindurch wurden nur 
geringe Fortschritte gemacht; die Borsäure war wohl leicht 
abzusetzen, der Gewinn aber nur ein sehr massiger, weil die 
Kosten für das Feuerungsmaterial grösstentheils denselben 
absorbirten, bis endlich La r dareil auf die glückliche Idee 
kam, die Dämpfe, die aus den soffioni hervortraten, sich statt 
einer besonderen Feuerung zu Nutzen zu machen. Dieser 
Process war ein Triumph für jene Zeit, wo man noch nicht 
gewohnt war, Dampf bei industriellen Unternehmungen zu 
verwenden; von dieser Zeit an wurden die Boraxwerke mehr 
und mehr erweitert, der Verbrauch an Borsäure wurde ein 
viel ausgedehnterer und Lardarell hat sich seit dieser Zeit 
enorme Summen bei seinem Unternehmen erworben. 

Wir wollen hier nicht weiter auf die Gewinnung der 
Borsäure in jenen Werken eingehen, da die Handbücher der 
pharmaceutischen und technischen Chemie, wie namentlich 
Gottlieb und Wagner die Fabrikation im Detail angeben 
und sogar durch Abbildungen versinnlichen. Wir bemerken 
nur noch, dass die Darstellung der Borsäure in Italien in 
sehr fühlbarer Weise auf den Bezug des Tinkals, über 
welchen wir unten noch einige Worte beifügen wollen, ein- 



GO Die Gewinnung der Borsäure, namentlich in Central - Italien. 

gewirkt und dessen Import wesentlich geschmälert hat. Zur 
Zeit als Jervis, dem wir diese Mittheilungen theilweise ent- 
nehmen, darüber berichtete , '^') besass Conte Lardarell 
neun getrennte Etablissements, welche sämmtlich wenige 
Meilen von Castelnuovo, einer kleinen Stadt, halbwegs zwi- 
schen Volterra und Massa maritima liegen; sie fiihren die 
iS^amen: Lustignano, Lardarello, Lago, Sasso, 
Monte Rotondo, Serrazzano, San Federigo, San 
Edoardo und Castelnuovo. Ein gewisser Durval ist 
in Besitz eines Etablissements am See von Monte E<o- 
tondo, während sich eine neu gegründete Gresellschaft in 
T r a V a t e bei Volterra niedergelassen hat. 

Eigenthümlich ist der Umstand, dass man noch nirgends 
im Boden der Umgegend jener soffioni bis jetzt Borsäure 
gefunden hat, ausser an Plätzen, wohin sie durch Sublimation 
gelangt war, Kach der Theorie von Dumas ist dieselbe 
wahrscheinlich hervorgegangen aus der AVechselzersetzung 
von Wasserdampf und einer flüchtigen Borverbindung, wie 
etwa Chlorbor on, Schwefelbor on, wobei sich im ersten 
Falle neben Borsäure Salzsäuregas, im letzteren Schwefel- 
wasserstofFgas bildet. Die aus den soffioni aufsteigenden 
Gase enthalten Kohlensäure (57,30), Stickstoff (34,81), 
Sauerstoff (6,57) und Schwefelw^asserstoff (1,32) 
zufolge der Analyse von Payen. **) 

Was die P r od uctions menge der auf Conte Lar- 
darell's Etablissements erzeugten Borsäure betrifft , so 
giebt Jervis für 1861 mehr als 1800 Tonnen (ä etwa 
20 Centner) an, während im Jahr 1819 erst 521 Tonnen 
erzeugt wurden. 

Der See am Monte Rotondo, wo sich die Fabrik 
Durval 's befindet, enthält V500 Borsäure in seinem Wasser 
gelöst; im Jahr 1854 gewann man dort durch Verdunsten 



*) Technologist III. 1863. 

**) Ein Zusammenhang zwischen den soffioni und vulkanischen Kra- 
tern hat eine Bestätigung darin gefunden, dass man in Erdspalten bei 
Torre del Greco , die nach einer Eruption des Vesuvs 1861 entstanden 
•waren, krystallinische Borsäure entdeckt hat. 



Die Gewinnung der Borsäure, namentlich in Central - Italien. Gl 

des Wassers nur 64 Tonnen Boi'säure, doch hat sich jetzt 
die Production auf etwa 20Ü Tonnen gesteigert, welche 
fast alle nach Frankreich exportirt werden, während Larda- 
rell sein Product hauptsächlich nach England absetzt. 

Bevor die Gewinnung der Borsäure in Italien zu ihrer 
jetzigen Ausdehnung gelangt war, wurde der Bedarf an Bo- 
rax für die verschiedenen technischen Zwecke durch die Zu- 
fuhren von rohem Borax oder Tinkal gedeckt, wovon noch 
1853 von Calcutta aus etwa 10,800 Ctr. nach England 
gelangten; damals betrug der Import von Borsäure nach 
England erst 20,793 Ctr., war aber schon 1859 auf 35,927 Ctr. 
gestiegen, während der des Tinkal im letztgenannten Jahre 
nur noch 4136 Ctr. betrug. Dieser Tinkal war den Arabern, 
besonders Geber, schon im 8. Jahrhundert unter dem Na- 
men „Baurach" bekannt und findet sich in verschiedenen 
Districten Tibets, wo er theils gegraben und durch Kry- 
stallisation oberflächlich gereinigt, besonders aus der Nach- 
barschaft von Taschi Lhunpo, etwa 5 Meilen von Hlassa, 
der Hauptstadt Tibets, ferner vom See Pel-ta aus, in den 
Handel gelangt. Etwa 100 Meilen von letzterem See soll 
sich nach den Angaben der Eingebornen ein anderer sehr 
grosser See befinden, wo sich dicke Krusten von Borax in 
grossen sechsseitigen Prismen am Rande ausscheiden und 
ohne grosse Mühe gesammelt werden können. H u c schildert 
schon in seinen Eeisen in der Tartarei die Ebenen von T s a i - 
dam, wo die Tibetaner grosse Mengen von Tinkal sammeln 
und an ihre einheimischen Goldarbeiter verkaufen oder auf 
den Bücken von Schafen gepackt über die Berge nach Indien 
schafi'en, welche keines der gewöhnlichen Lastthiere zu über- 
schreiten im Stande ist. Nach Europa gelangt der Tinkal 
von Ostindien (Calcutta, Bombay, Madras) in doppelten Gunny- 
Säcken von etwa 2 Maunds (a etwa 82 engl. Pfund); vor 
dem Verpacken soll man die Krystalle zur Verhütung des 
Verwitterns mit etwas Oel und geronnener Milch befeuchten 
und daher die auff'allende Fettigkeit beim Anfühlen rohen 
Tinkals rühren. 



62 Die 2inngruben der Insel Banka im ostindischen Archipel. 

Ein weiteres Material für die Gewinnung von Borsäure 
hat man als borsauren Kalk in der Pampa von Ta- 
rn arugal in Peru, also in den vor Kurzem durch ein ent- 
setzliches Erdbeben heimgesuchten Gegenden, gefunden. Man 
trifft dieses borsaure Salz dort in der weichen Erde in Stücken 
von Erbsengrösse bis zu 2' Durchmesser und die Umwohner 
jener Gegend, von ihrer Beschäftigung ,,borateros" genannt, 
sammeln mit leichter Mühe dort grosse Mengen, ohne ein 
Kapital zu benöthigen, was bei der Ausbeutung der Lager 
von salpetersaurem Natron in derselben Gegend, 
namentlich bei Iquique, unumgänglich nöthig ist. Am rein- 
sten findet sich dieser borsaure Kalk, wovon schon im Jahre 
gegen 10000 Quintais nach England geliefert und pr. Tonne 
dort mit 30 Pf. Sterling bezahlt wurden, bei Binconado, 
Cabreria, Tronco etc. und der Gehalt an Borsäure beträgt 
nach Analysen von BoUaert bis zu 42,20 ^/q. 



Die Zinngruben der Insel Banka im ostindisclien 

Archipel. 

Von Dr. Johannes Müller. 

Bei einer aufmerksamen Betrachtung der Schwierigkeiten 
und Gefahren, welche in verschiedenen Himmelsstrichen mit 
der Gewinnung der Metalle aus der Erde verbunden sind, 
ruht der Blick mit einem gewissen Wohlgefallen auf den 
Orten, wo der Boden Schätze in sich birgt, die mit verhält- 
nissmässig geringer Arbeit erhalten werden. So will ich hier 
die Aufmerksamkeit auf die Insel Banka lenken, welche in 
der Nähe von Sumatra und zwar südöstlich liegt, von 230 
Quadratmeilen Oberfläche und wegen ihrer geologischen und mine- 
ralogischen Beschaffenheit im Besitze der reichsten Minen der 
AVeit sich befindet. Das Zinnerz enthält von 40 — 80 Pro- 
cent fast chemisch reines Zinn nebst wenigen Sand- und Erd- 
theilen, welches dort zw^ischen Felsen von Eeldspath und 



Bie Zinngniben der Insel Banka im ostindischen xirchipel. G3 

Quarz in Körnern eingesprengt ist, und zwar von einigen 
wenigen Fuss unter der Erdoberfläche bis zu einer Tiefe von 
35 — 40 Fuss. Der Kern der Insel besteht aus Granit, 
wovon hier und da mehr oder weniger schwere Blöcke aus 
der Erde emporragen. 

Was die Beschaffenheit des Banka -Zinns zum technischen 
Gebrauche betrifft, so ist bekannt, dass dasselbe durch 
eine andere Zinnsorte nicht ersetzt wird und man es zu Spie- 
gelfolien und zum Verzinnen des Eisenblechs verw^endet. Da- 
her auch der hohe Werth des Products auf allen Märkten 
Europa's, ein Werth, welcher noch durch andere Producenten 
gehoben wird, da die Gewinnung an andern Orten mit grössern 
Schwierigkeiten und Kosten verknüpft ist und jene desshalb 
höhere Preise stellen. 

Was den Ursprung des Zinnerzes auf Banka betrifft, so 
sind die Meinungen sehr verschieden und bei Einigen besteht 
noch bis heute die Yermuthung, dass es aus den Gebirgen 
der Insel herstammend, im Laufe der Zeiten durch äussere 
Einflüsse abgeschieden, sich in den Thälern aufgehäuft habe. 
Andere dagegen und mit mehr Wahrscheinlichkeit glauben, 
dass das Erz alluvialen Ursprungs sei und aus Hinter- Indien, 
vermuthlich wohl in Folge einer gewaltigen Bevolution und 
südlichen Strömung nach Banka hingeführt wurde. Verschie- 
dene Umstände bestätigen die letztere Vermuthung, vorzüg- 
lich in Bezug auf die Küstendehnung, auf welcher die Strö- 
mung stattgefunden. In etw^as westlicher Bichtung an der 
Ostküste von Malacca hinlaufend, hat sie da einen Nieder- 
schlag von Metall zurückgelassen, üeber die Küste des östli- 
chen Sumatra streichend und nach der Sundastrasse ziehend, 
scheint sich der Strom gerade zu auf Banka gewendet 
und sich hier das wichtigste Alluvium niedergesetzt zu 
haben , während die Inseln Billiton , Lienguga und die Kari- 
naba - Gruppe , welche nicht so in der Stromlinie lagen , weni- 
ger begünstigt wurden. Für die Alluvial- Ansicht, welche 
mit grosser Wahrscheinlichkeit anzunehmen, zeugen das Vor- 
handensein von Baumstämmen und Gegenständen der Industrie 
und Kunst, deren Arbeit andeuten, dass sie in eine Zeitperiode 



64 Die Ziniigruben clei' lusel Banka im ostindisclien Archipel. 

gehören, wovon keine Tradition an die Nachkommenschaft 
vorhanden ist. Unter diesen Umständen wird es doch wohl 
Kiemanden einfallen, zu glauben, dass dergleichen Gegen- 
stände auf verschiedene Plätze durch Menschen tief in den 
Boden niedergelegt wurden , noch dass in einem Lande von 
plutonischer Formation die Erdoberfläche in solchem Verhält- 
niss gesunken sein soll. Die geologische Beschafi'enheit von 
Banka lässt eine solche Voraussetzung nicht zu. 

Um einen Begriff" von dem mineralischen Beichthum von 
Banka zu erhalten, sowie auch die eigenthümlichen Vor- 
theile der Arbeit in den Minen kennen zu lernen, scheint es 
uns wünschenswerth, einen Vergleich mit den Zinnminen von 
Cornwallis anzustellen. Die Minen in Cornwallis liefern bei 
der sehr gefahrvollen Arbeit jährlich 140,000 Centner Metall, 
welches ein Capital von 1 Million Pfund Sterling reprasentirt 
und den Betheiligten mit genauer Noth 2 Procent einbringt. 
Das Erz in Cornwallis enthält nur l^/g Procent Metall und 
es befindet sich in gefährlichen tiefen Schachten mit ausge- 
dehnten Gallerien, welche in den Granit ausgehauen sind. 
Die Mine z. B. in Dalcoath, worin 500 Personen arbeiten, hat 
einen Schacht von 2000 Euss Tiefe und Gallerien, welche 
zusammen eine Oberfläche von ^4 englische Meilen einneh- 
men. Aus diesem Schacht wird das Erz an die Oberfläche 
befördert, gepocht und geröstet und alsdann in Stradfordshire 
in Eormen geschmolzen. Fortschreitend mit Anwendung aller 
Hülfsmittel , welche die heutige "Wissenschaft empfiehlt, um 
die menschliche Arbeit zu erleichtern, sind verschiedene mecha- 
nische Einrichtungen daselbst vorhanden. Bedenken wir nun, 
dass der geringe Gewinn dieser Minen unter schwerer Arbeit 
und zuweilen auf Kosten von Menschenleben erhalten wird, 
dann fühlt man sich gedrungen, das Beharren zu bewundern, 
mit welchem man sich dem traurigen Betriebe zuwendet und 
alle Gefahren verachtet, die mit einer solchen Arbeit ver- 
knüpft sind. 

AVenn wir nun unsere Blicke nach Banka richten, wel- 
ches jährlich durchschnittlich 111,800 C-entner Metall liefert, 
und nach Abzug aller Unkosten und Ausgaben 56 Procent 



Die Zinngruben der Insel Banka im ostindisclien Arcliipel, 65 

reinen Gewinn giebt, muss man in der That staunen, dass 
man nicht diejenigen Hülfsmittel anwendet, welche die In- 
dustrie darbietet, um die Production zu vermehren und die 
Arbeit zu vereinfachen. Durch gehäuterte Ansichten und bei 
Anwendung probehaltiger Theorien kann eine ansehnliche 
Grewinnverbesserung eintreten, welche bei einer mangelhaften 
Schmelzung und Grabung der hin und wieder mit Wasser 
gefüllten Minen fast entbehrt werden muss. Der hierin lie- 
gende Wink verdient um so mehr Berücksichtigung, weil die 
trichterfönnigen Minen von Banka nur bis zu einer Tiefe von 
35 — 40 Tuss liegen und fast über die ganze Insel verbrei- 
tet sind. Bei Erwägung so vieler günstiger Umstände ist 
man unwillkührlich geneigt, die Frage aufzuwerfen, ob nicht 
Verwahrlosung als die Ursache dieser Umstände betrachtet 
werden könne, eine Verwahrlosung, welche jedenfalls, wenn 
sie fortdauert, Gefahr bringen müsste. Jetzt bereits sind 
sichtbare Beweise vorhanden und zwar in der rohen und 
zwecklosen Umwühlung des Bodens, wozu noch kommt, dass 
dort Menschen arbeiten, welche nur ihren eigenen zeitlichen 
Vortheil im Auge haben. Das Gouvernement begnügt sich 
mit einer jährhchen Lieferung von 80 — 90000 Centner und 
man hat die Minen unter Aufsicht von Beamten gestellt, von 
denen man überzeugt sein muss, dass sie nicht mit der- 
jenigen Kenntniss ausgerüstet sind, welche dazu nöthig 
ist. Man folgt dabei auch wohl chinesischen Ansichten und 
Bergleuten. Um einen richtigen Begriff über den Zustand 
der Insel Banka zu erhalten, scheint es mir nöthig, zu der 
Geschichte einer frühern Zeitperiode zurückzukehren, wo über 
die Insel noch ein König regierte, dessen Wittwe im Jahre 
1670 sich wieder mit dem Palembang'schen Fürsten IS'gab- 
doel-Rahman mit dem Beinamen Solnan-Tjindeh- 
Balang vermählte und welcher dadurch in den Besitz beider 
Inseln gelangte. Anfangs aber waren die Besitzungen von 
wenig Belang, erst im Jahre 1707 entdeckte man in Folge 
eines Brandes, dass der Boden von Banka Zinnerz entlialte 
und kaum wurde dies bekannt, als Hunderte von chinesischen 
Glücksrittern ankamen , um in Banka Zinn zu graben. Ganz 

Arch. d. Pharm. CLXXXVII. Bds. 1, u. 2, Hft. 5 



66 Die Zinngruben der Insel Banka im ostindischen Archipel. 

unbekannt mit dem mineralischen Eeichthum der neuen Be- 
sitzung begnügten sich die Fürsten lange mit den Vortheilen, 
welche ihnen so unverhofft zugefallen. Indess verpachteten 
sie die Minen an Chinesen, wodurch die Fürsten keinen grossen 
Gewinn hatten. Als aber der schwache Kawar-Oedin 
1714 auf den Thron kam, wurden die Minen auf Banka 
fürchterlich vernachlässigt, wozu vorzüglich die Trägheit des 
Yolks beitrug, bis der übermüthige Mangkoe-Boemi, 
welcher 1718 durch seinen Einfluss vom Fürsten zum Mit- 
regenten gewählt wurde, sich überall die Herrschaft aneignete 
und der wirkliche Fürst nur ein Scheinfürst war. Alle Bück- 
sichten bei Seite setzend trat Mangkoe-Boemi so her- 
risch gegen den wirklichen Fürsten auf, dass letzterer den 
Beistand der ostindischen Compagnie anrufen musste, welche 
auch im Monat Juni desselben Jahres Abraham Patras 
(spätem Landvoigt) als Commissarius nach Palembang sen- 
dete , um mit einer begleitenden Macht gegen den auf- 
rührerischen Prinzen einzuschreiten. Alle Vermittlung verwer- 
fend, trotzte der Prinz dem Fürsten, so dass der Commissair 
sich in den Streit mischte und den Prinzen zu weichen 
zwang. Lange vergeblich Beistand in der Umgegend 
suchend, begab er sich nach Banka, wo er sich vereinigt mit 
Arom-Apala zur Wehr setzte, und die Insel zehn 
Jahre lang in Aufstand erhielt, wodurch der rechtmässige 
Fürst sehr viel Schaden erlitt. Mit der trügenden Hoffnung, 
dass er noch Anhang finde, begab er sich im Jahre 1735 
wieder nach Palembang, wo aber inzwischen der verständige 
Badar-Oedin den Thron bestiegen, der solche Maass- 
regeln gegen den Bebellen traf, dass er sich auf dem 
Palembang' sehen Gebiete nicht sehen lassen durfte. So ver- 
folgt gerieth er in die Hände des Fürsten, der ihn, als er 
eben ein Fahrzeug besteigen wollte, erschiessen Hess. Mit 
dem Tode dieses gefährlichen Feindes entstand für Palem- 
bang und Banka eine Zeit der Buhe und Wohlfahrt, was 
sich Badar-Oedin, auch Solnan-Lemabang genannt, 
zu Nutzen machte und alle Hülfsquellen seines Reiches zur 
kräftigen Entwicklung brachte. 



Die Zinngruben der Insel Banka im ostindischen Archipel. 67 

Diesem verständigen Fürsten, welcher 33 Jahre lang mit 
Ruhm regierte , konnte es nicht entgehen , dass die reichen 
Minen von Banka schlecht verwaltet wurden und unter dem 
Empörer Mangkoe-Boemi gewaltig gelitten hatten. Er 
liess desshalb aus andern Gegenden Bergleute kommen, 
welche sehr erfahren waren, sich über die ganze Insel 
verbreiteten und so unter Aufsicht angestellter Beamten 
arbeiteten. Dass die Absicht des Fürsten vollkommen erreicht 
wurde, mag man daraus sehen, dass die Ausbeute bereits im 
Jahre 1740 25,000 Centner Zinn betrug und diesem Umstände 
und der regelmässigen Arbeit ist es wohl zuzuschreiben, dass 
die Aufmerksamkeit der ostindischen Compagnie mehr und 
mehr darauf gerichtet wurde. Bei Erneuerung der Contracte 
am 10. September 1755 wurde derselben das Monopol für 
das Zinn auf Banka und Billiton zuerkannt und zwar gegen 
Zahlung von 10 Spanischen Thalern für den Centner. Im 
Jahre 1763 wurde das Maximum auf 30,000 Centner gesetzt, 
später musste aber von dieses Quantum überschreitenden 
Massen ebenfalls soviel gezahlt werden. 

In der hier angegebenen geschichtlichen Uebersicht der 
ersten Zeitperiode der bergmännischen Bearbeitung der Minen 
finden wir die Yermuthung , dass die Compagnie , obgleich 
auf ihre kaufmännischen Vortheile bedacht, anfänglich auf die 
Erhaltung des kostbaren Zinns wenig Werth gelegt habe. 
Was davon die Ursache gewesen , ist schwer zu errathen ; 
vielleicht kann man diese scheinbare Gleichgültigkeit dem 
damals noch geringem Gebrauche des Zinns zuschreiben, der 
aber jetzt zu technischen Zwecken in ausgedehntem Maass- 
stabe stattfindet. Mir scheint es indess, dass man diese 
Gleichgültigkeit der Compagnie auch dem Umstände zuschreiben 
muss, dass sie noch keine genauen Berichte von dem mine- 
ralischen Beichthum der Insel Banka hatte und auch von 
den Betheiligten Alles vermieden wurde, was die Eifersucht 
erwecken konnte. Besonders waren es die Bergleute, welche 
ihre Erfahrungen geheim hielten, und so konnte es denn nicht 
fehlen, dass man die geologische und mineralogische Be- 
schaffenheit der Insel wenig kennen lernte. Der grösste 

5* 



68 Die Zinngruben der Insel Banka im ostindischen Archipel. 

Vortheil liegt indess darin, dass die Minen viel leichter zu 
bearbeiten sind, als diejenigen Englands und ganz Europas. Schon 
der Oberboden der Insel enthält Zinnerz, natürlich haben sich 
die schwereren Massen bei der Strömung gesenkt, weshalb 
man auch meist nur den Untergrund bearbeitet, was aber nur 
geringe Beschwerden darbietet. 

Eei dem Betriebe ist nur eine Beschwerde, nämlich die 
Trockenhaltung der Gruben, welche zuweilen von Quell- und 
Begenwasser gefüllt werden und die Fortsetzung der Arbeit 
erschweren. Dies kann aber nicht befremden, wenn man die 
Wirkung und Construction der chinesischen Kettenmühlen 
betrachtet, deren Kraft zu schwach ist, um Meister des Was- 
sers zu werden; wenn namentlich das Wasser zu ihrer 
Bewegung fehlt, muss das Bad durch menschliche Kraft 
gedreht werden. Diese beschwerliche Arbeit giebt dann oft 
Veranlassung, dass man eine angefangene Mine ganz ver- 
lässt, obgleich eine reiche Ausbeute zu erwarten ist. 

Die unregelmässige Umwühlung des Bodens ist nicht 
allein Ursache , dass ziemlich gute Erzlagerungen verschmäht 
werden, sondern auch, dass Begriffsverwirrungen von spätem 
Bergleuten entstanden, welche eine Unternehmung auszuführen 
wünschten, wovon sie aber die verschiedene Auskunft abschreckte. 
Die Hauptursache hiervon muss vorzüglich in ihrer Unkennt- 
niss der Schmelzung des Erzes gesucht werden, welche eine 
bemerkenswerthe Menge Metall in den Schlacken zurücklässt. 
Die Construction der Oefen, welche offen, keine genügende 
Glühhitze hervorbringen und die Arbeiter dagegen einer 
unerträglichen Feuersgluth und Ausstrahlung der Metallhitze 
aussetzen, tragen viel dazu bei, dass die Arbeiter sich vor 
der schlecht belohnten Arbeit scheuen. Dazu kommt, dass 
das Erz oder die Schlacken nach der ersten Schmelzung mit 
eisernen Dreschflegeln zerkleinert werden , wozu ebenfalls die 
Anwendung von bedeutenden Kräften erfordert wird. Man 
muss also hier die bescheidene Frage aufwerfen, warum man, 
wie die Erfahrung gelehrt, einen Verlust von ungefähr 16 Pro- 
cent nicht bereits lange durch Anwendung anderer Mittel 
verhütete. Durch stählerne Cylinder würde diesem üebel 



Die Zinngruben der Insel Banka in ostindischen Archipel. 69 

abgeholfen und viel Zeit und mehr Metall gewonnen werden. Nach 
der üebersicht des gegenwärtigen Zustandes von Banka in 
Beziehung auf die Minen scheint es nicht unzweckmässig, 
an die Unglücksfälle zu erinnern, welche die Insel betroffen. 
Die bösen Fieber, welche daselbst zu verschiedenen Zeiten 
herrschten, sind noch frisch im Gedächtnisse und man kann 
nur mit Wehmuth daran denken. Wegen des Entstehens 
der Epidemien, welche so viele Menschen dahin rafften, sind 
die Meinungen verschieden. Auf der einen Seite glaubte 
man die Ursache davon dem mit Zinnoxj^d geschwängerten 
Trinkwasser zuschreiben zu müssen. Andere glaubten, es 
seien die schädlichen Morastdünste Schuld, welche der See- 
wind von den Ufern der See ins Land treibe und die noth- 
wendige Ausdünstung der Haut erschwere. Eür letztere 
Meinung zeugen die Erscheinungen, welche in Indien überall 
an morastigen Küstenstrecken vorkommen. 

Zuletzt hat man wahrgenommen, dass die Ausdünstung 
schädlicher Gewächse, welche dort in Menge vorkommen, eine 
Hauptursache sein könne, was namentlich beim Umhauen von 
Bäumen auf Plätzen der Fall ist, wo neue Minen angelegt 
werden. 

Namentlich wurden hierdurch im Jahre 1825 unzähhge 
Menschen hingerafft, worunter auch la Fontaine, Couvreur und 
van den Hoenacker begriffen sind, denen die höchste Lebens- 
zeit beschieden schien; sie folgten einander binnen wenigen 
Tagen. Dies is^ auch eine der Hauptursachen, warum Euro- 
päer sich nur selten auf Banka niederlassen. 

Bei dem immensen Beichthum Banka's an Zinn und der nur 
oberflächlichen Ausbeutung desselben durch die jetzigen Unter- 
nehmer, die Chinesen, welche nämlich Erze, die unter 40 
Procent Zinn enthalten, gar nicht bearbeiten lassen, würde 
eine unternehmende Gesellschaft grosse Beichthümer erwer- 
ben können. 



70 lieber die Erdnuss. 

Uelber die Erdnuss. 

Beitrag zur Kenntniss ölgebender Samen. 
Von F. A. Fliickiger. 

In der pharmaceutischen Welt nimmt seit langer Zeit 
das Oel der Olive den ersten Rang unter den Fettkörpern 
ein, obwohl die an demselben hauptsächlich geschätzten Eigen- 
schaften sich eben so gut bei andern Oelen wiederfinden. 
In der Arena des Welthandels haben denn auch einige der 
letztern erfolgreich den Kampf mit dem „Baumöle^' aufge- 
nommen und für industrielle und häusliche Zwecke eine hohe 
Bedeutung gewonnen. Der Olivenbaum gehört einem be- 
schränkten pflanzengeographischen Gebiete an und hängt trotz 
seiner Widerstandsfähigkeit als Baum in Betreff des Anbaues 
und des Ertrages doch sehr von der Bodenbeschaffenheit, von 
der Witterung und von der Laune seiner kleinen Feinde unter 
dem Insectenvolke ab. Einige der Hauptconcurrenten des 
Oelbaumes dagegen dürfen beinahe Kosmopoliten genannt 
werden oder sind bei nur einiger menschlicher Nachhülfe im 
Stande, sich durch breiteste Erdgürtel auszudehnen, und ihre 
Erträge zeigen sich fast beliebiger Steigerung fähig. 

Die Olive ist die einzige Frucht, welche im grossen 
Oel liefert, ihre Verarbeitung daher an die Scholle gebun- 
den. Die ölspendenden Samen aber werden vom Welthandel 
an den entlegensten Stellen geschöpft und nach Bedarf unter 
dem Einflüsse bleibender oder vorübergehender Conjuncturen 
aller Art auf beliebige Mittelpunkte des Handels und der 
Industrie geworfen. Die vom Hindu gesammelten Bicinus- 
samen lässt der Grosshändler von New -York oder Boston 
pressen, der bengalische Boden spendet den erschöpften Gü- 
tern Englands im Leinsamen, abgesehen vom Oele, unschätz- 
baren Futter- und Düngstoff und von dem geringen Fleisse 
ost- und westafrikanischer Stämme hängt ein grosser Theil 
der Betriebsamkeit Marseille's in der Industrie der Fette ab. 

Auch wenn wir die Bedeutung der Oele mineralischen 
Ursprungs vollkommen würdigen, behalten die Pflanzenfette 
immer noch eine ganz ausserordentliche Wichtigkeit. Sesam 



Ueber die Erdnuss. 71 

und Arachis, welche uns hier hauptscächlich vorschweben, 
liefern ausserdem in ihren Samen werthvoUe Nahrungsmittel 
für Millionen unserer schwarzen Mitmenschen. Dem Besucher 
der grossen Weltausstellungen drängen sich diese und andere 
Momente anschaulichst auf und fordern auch die Aufmerk- 
samkeit des Pharmaceuten heraus. 

Vor einiger Zeit habe ich (Schweizerische Wochenschrift 
für Pharmacie 1866. 273, Wittstein 's Yierteljahres- 
schrift f. pr. Pharm. XVI (1867) 42 und Wiggers- Huse- 
mann's Jahresbericht 1866. 63) von solchen Gesichtspunk- 
ten aus den Sesamsamen beleuchtet. Denselben Versuch sollen 
die nachstehenden Zeilen für die Samen der Arachis hypo- 
gaea unternehmen, obwohl auch jene Arbeit über Sesam heute 
schon wesentlicher Erweiterung und Verbesserung bedürftig 
und fähig wäre. 

Der ]S"ame Erdnuss wurde in früherer Zeit und wird zum 
Theil auch wohl jetzt noch mehreren verschiedenen knolligen 
Wurzelbildungen beigelegt, wie z. B. derjenigen von Carum 
Bulbocastanum Koch. Die Unbestimmtheit des Ausdruckes 
wurde noch vermehrt durch andere ähnliche Bezeichnungen, wie 
z. B. Erdeichel (Lathyrus tuberosus L.) und Erdmandel (Cype- 
rus esculentus L.). Heutzutage wird unter dem i!s^amen Erd- 
nuss nun wohl am gewöhnlichsten die Erucht der krautigen 
einjährigen Arachis hypogaea L. , Familie der Legumino- 
sen, verstanden. Seltener nennt man sie auch Erdeichel, Erd- 
mandel, Mandubibohne oder Erdpistacie. Bei den Englän- 
dern heisst sie Ground-nut, Earth-nut, Pea-nut, auch wohl 
Manila -nut; bei den Eranzosen Arachide oder Pistache de terre. 

Die ästige, niederliegende oder höchstens zwei Fuss hoch 
ansteigende Pflanze trägt zweipaarige Fiederblätter, in deren 
Winkeln gewöhnlich paarweise gelbrothe Schmetterlingsblü- 
then sitzen.*) Nach dem Abblühen verlängert sich das Blü- 
thenstielchen der nicht zu hoch am Stengel hinaufgerückten 
Blumen, senkt sich und lässt den Fruchtknoten 5 bis 8 Cen- 
timeter tief in den Boden eindringen. Nur hier erreicht die 

*) Fig. A. p. 73. 



72 " üeber die Erdnuss. 

Frucht ihre Eeife. Dieser höchst merkwürdige Vorgang ist 
meines Wissens noch nicht Gegenstand genauer Untersuchung 
geworden, obwohl er dieselbe in vollen Maasse verdienen 
würde. 

Auch mehrere andere Leguminosen verhalten sich ähn- 
lich, so besonders die ohnehin der Arachis sehr nahe stehende 
Voandzeia subterranea Dupetit-Thouars (Glycine L.), 
die der Mittelmeerflora angehörigen Vicia amphicarpa 
Korth. und Trifolium subterraneum L., in Syrien auch 
Lathy'rus amphicarpus L., vermuthlich die dem Alter- 
thum als Arachidna bekannte Pflanze, deren Eigenname nun 
auf unsere Arachis übertragen ist. Yoandzeia wird ebenfalls 
angebaut , obwohl sie weniger vortheilhaft zu sein scheint, und 
es werden ihre Samen unter dem Namen Angola -Erbsen geges- 
sen. Es ist mir zu meinem Bedauern nicht gelungen, mir die- 
selben zu verschafften, um sie mit Arachis zu vergleichen, was 
um so mehr zu wünschen wäre, als Voandzeia in Brasilien, 
Surinam, Südafrika, Madagascar, im oberen Nilgebiete, 
in Java gleich der Arachis verbreitet ist und vermuthlich 
da und dort mit ihr verwechselt wird. In Java heisst 
sie Katjang manila, Arachis selbst gewöhnlich Katjang. 
Jedoch ist dieser Ausdruck als eine ganz allgemeine Be- 
zeichnung der nutzbaren Leguminosen in der malaiischen 
Sprache aufzufassen , wie z. B. aus Dr. Forbes Watson's 
Index to the native and scientific names of Indian and 
other eastern economic plants and products (London 1868) 
hervorgeht. 

In allgemeiner verbreiteten Werken, etwa Gruibourt's 
Histoire naturelle des drogues simples (III. 356.) ausge- 
nommen, vermisst man Abbildungen der Arachis hypogaea. 
Die beistehende Skizze derselben, nach einem aus Java erhal- 
tenen Exemplare, dürfte daher an dieser Stelle nicht unwill- 
kommen geheissen werden. A. Ein Exemplar von Arachis 
hypogaea L. mit Blüthen und Früchten; verkleinert. B. Hül- 
senfrucht ders. in natürl. Grösse. C. Dieselbe, der Länge 
nach geöff"net. D. Die Cotyledonen eines Samens, der 
eine mit Knöspchen und Würzelchen. 



Ueber die Erdnuss. 



73 




Die Pflanze wird in vielen Tropengegenden und in wär- 
mern Ländern der gemässigten Zone im grossen angebaut 
und liefert sehr gute Erträge, deren E,egelmässigkeit ver- 
muthlich auch durch die angedeuteten eigenthümlichen Wachs- 
thumsverhältnisse begünstigt wird. Grewiss ist auch dieser 
Umstand bei der ausserordentlichen Verbreitung der Pflanze 
im Spiel. 

Wie bei so vielen hervorragenden Culturpflanzen, so 
lässt sich auch bei Arachis die Heimat nicht mit voller Ge- 



74 lieber die Erdnuss. 

wissheit angeben. Jedenfalls muss diesselbe ausserhalb des 
Bereiches der alten CulturvÖlker gesucht werden, da in der 
Literatur des griechisch-römischen Alterthums sowohl als in 
der indischen oder chinesischen, oder in den Denkmälern 
Aegyptens bis jetzt keine Spur dieser s^o ausserordentlich 
charakteristischen Pflanze nachgewiesen worden ist. 

Eine der frühesten Andeutungen über das Vorkommen 
der Erdnuss, wenn es nämlich wirklich erlaubt ist, sie auf 
unsere Arachis zu beziehen, findet sich im Reiseberichte des 
Adelfach um Naturgeschichte verdienten Marokkaners I b n E a - 
tuta,*) welcher die Erdnuss im Sudan getroiBFen zu haben 
scheint. Sicher ist sie heutzutage im ganzen mittlem Striche 
Afrikas von äusserster Wichtigkeit und viel verbreitet von 
der Küste von Mosambik *'^') an durch das Gebiet des Bahr-el- 
Gazal, des Weissen Mls bis Kordofan und Darfur,**^') ferner 
im ganzen Becken des Tsad-Sees, durch Sudan bis zur Westküste. 
Antinori traf 1861 die Arachis in Cultur bei den Dschiur- 
Negern, in 6 ^50' N. Breite und ungefähr 28^0. Länge v. Oreenw f) 

Gegen Ende des XVL Jahrhunderts fand Sloaneff) 
die „ Arachidna Indiae utriusque tetraphylla , " wie er unsere 
Pflanze nennt, in Westindien in Gärten und erwähnt aus- 
drücklich, dass sie aus Guinea dahin gebracht worden sei, 
indem dort die Sklavenschiffe die Erucht als Nahrung für die 
Sklaven einnähmen. In ähnlicher Weise scheint die Erdnuss, 
wie Sloane berichtet, auch (gelegentlich) durch die Portu- 
giesen von St. Thome, im Busen von Guinea, nach Lissabon 
gebracht und dort, vermuthlich 1564, Clusius bekannt 
geworden zu sein. 

Diese Thatsachen sprechen sehr für eine westafrikanische 
oder centralafrikanische Urheimat der Arachis, welcher An- 



*) Vergl. Meyer, Geschichte der Botanik III. (1856.) 323. 

**) Peters, Naturwissenschaftliche Reise nach Mosambique. Ber- 
lin I. (1862.) 42. 

***) Kotschy, Plantae Tinneanae in Petermann's Geogr. Mitthei- 
lungen 1868. 186. 

t) Das Ausland 1868. p. 1058. 

tt) Voyage to the islands of Madera etc. and Jamaica I. (1707.) 104. 



Ueber die Erdnuss. 75 

sieht sich auch Peters (1. c.) zuneigt, indem er sie sogar in 
Mosambik wildwachsend annimmt. 

Gewichtige Gründe aber lassen sich auch zu Gunsten 
Westindiens und Südamerikas beibringen. Nach Oviedo 
(1535) wurde die Pflanze schon zu Anfang des XYI. Jahr- 
hunderts auf St. Domingo unter dem Namen Mani angebaut, 
den sie heute noch auf Cuba führt. Gegen Ende desselben 
Jahrhunderts gedachte ihrer Monardes als Anchic in Peru. 
In Brasilien ist sie ohne Zweifel älter als die europäische 
Einwanderung, wie denn z. B. Soares de Souza 1589 
behauptete, man kenne diese Frucht, welche er Amendao (grosse 
Mandel) nannte, nur in Brasilien. Martius,*) dem diese 
letztern Angaben entnommen sind, hält es für möglich, dass 
die Caraiben die Erdnuss nach Brasilien gebracht hätten. 
Schwieriger dürfte ihre frühzeitige Wanderung nach Peru zu 
erklären sein. 

An den schon erwähnten Namen Mani erinnert Man- 
dubi oder Mandobi, wie die Erdnuss noch jetzt in Bra- 
silien genannt wird, und so bezeichnete sie auch Marc graf,**) 
indem er von der Pflanze 1648 in seiner Naturgeschichte 
Brasiliens eine gute Abbildung gab. Auch schon Parkin- 
son ***) scheint um diese Zeit die Arachis Amerika zuge- 
schrieben zu haben , indem er sie Aracus hypogaios america- 
nus nannte. Sonst aber hält es bisweilen schwer, in altern 
Schriften diese Pflanze zu verfolgen, wenn nicht Abbildungen 
vorliegen und die willkürlichen Namen deuten helfen. Noch 
in Plukenet's Phytographia I. (1691) tab. LX. heisst sie 
Sena tetraphylla seu Absi congener, ist aber an der ganz 
gelungenen Abbildung sofort kenntlich. 

Nach diesen Erwägungen ist begreiflich, dass De Can- 
dolle,t) so wie IJngerff) dafür halten, Arachis hypogaea 



*) Gelehrte Anzeigen der Münchener Akademie. Dccember 1839. 
969. 
**) Hist. rerum natural. Brasiliae. Leyden et Amsterdam p. 37. 
***) Bei Ray, Hist. plantar. I. (1686). 919. 
t) Geographie botanique (1855). 962. 
tt) Sitzungsberichte der Wiener Akademie XXIII. (1857). 188. 



76 Ueber die Erdnuss. 

sei eine ursprünglich Brasilien angehörige Pflanze, um so 
mehr als sich dort noch andere Arten derselben Gattung 
finden. Dieser Auflassung erlaube ich mir aber entgegen 
zu setzen, dass die Erdnuss, Amendoim der heutigen Brasilianer, 
gegenwärtig keine nennenswerthe Stelle unter den Nutzpflan- 
zen Brasiliens einnimmt.*) Ihre dortige Bedeutung ist ganz 
gewiss nicht entfernt zu vergleichen mit der Bolle, welche 
ihr in Afrika zukommt. Mcht wichtiger ist sie in Uruguay. 
Sollte sich aber die transandinische Verbreitung bestätigen 
und nicht auf menschlichen Einfluss zurückführen lassen, so 
müsste wohl in unserer Pflanze eine Bürgerin beider Conti- 
nente erblickt werden. 

Die frühere Meinung Bumpf's, welche noch in der 
Gegenwart von Bobert Brown getheilt wurde, dass Ara- 
chis aus China oder Japan stamme, scheint am wenigsten 
für sich zu haben, indem von dort alte Berichte und einhei- 
mische Namen der Arachis fehlen. Auch heute noch sind die 
in Cochinchina, China, Japan und den pacifischen Inseln 
erzeugten Mengen der Erdnüsse oder ihres Oeles nicht von 
grossem Belange. Ebenso wenig hat diese Cultur im Gebiete 
des Mittelmeeres einen erheblichen Aufschwung genommen, 
obwohl gelegentliche A'^ersuche z. B. in Griechenland,**) im 
französischen Departement des Landes, in Spanien,"^**) in 
Algerien wohl gelungen sind. In letzterem Lande liefert 
Arachis vom Hectare den sehr hohen Ertrag von 2400 .bis 
3000 Kilogrammen Samen, während z. B. bei Sesam nur 
1500 Kilogr. gerechnet werden, f) Die erste Anregung zum 
Anbau unserer Pflanze in Europa scheint von Brioli, Pro- 
fessor der Botanik in Novara (1810), ausgegangen zu sein, ff) 



*) Das Kaiserreicli Brasilien bei der Pariser Ausstellung 1867. 
Deutscbe Ausgabe, p. 103. 113. 117. 

**) V. Heldreich, Nutzpflanzen Griechenlands 72. 

***) Dingler, Polyt. Journal 82. (1841). 80. 

t) Exposit. univers. de 1867. Algcrie. Catalogue special, p. 77. 

tt) Angeführt von Gössmann, Ann. d. Chem. und Pharm. 89. 
(1854). p. 1. 



Ueber die Erdnuss. - 77 

In grossem Maasstabe wird gegenwärtig Arachis in der 
Nähe von Calcutta und in der Präsidentschaft Madras ange- 
baut. Ein Hauptplatz der Ausfuhr ihres Oeles ist Madras, 
von wo schon über 100,000 Gallonen (ungefähr 425,000 
Kilogr.) in einem Jahre verschifft wurden,*) und noch bei wei- 
tem grossartiger sind die Ernten Westafrikas, ganz besonders 
des Küstenstriches im 9 bis 10^ nördl. Breite, an den Elüssen 
Maneah, Morebaiah, Forekareah, Mellacort, welcher unter dem 
Namen Sumbaya bekannt ist.**) Die westafrikanischen Erd- 
nüsse werden nördlich von Lagos sammt den Hülsen aus- 
geführt; südlich von Lagos, aus Congo, nur die enthülsten 
Samen.***) Die jährliche Ausfuhr der Küstenländer von Se- 
negambien bis Congo wird von den Franzosen auf 80,000 Ton- 
nen (80 Mill. Kilogr.) im Werthe von etwa 16 Millionen Francs 
(1865) angeschlagen. Davon hat Marseille 1866 allein über 
60,000 Tonnen, z. Th. sogar in ausgeschälten, Samen, ver- 
arbeitet, Bordeaux, Nantes und Ha Vre 20,000 T. empfan- 
gen und einige Londoner Häuser führen ebenfalls sehr bedeu- 
tende Mengen in London ein. Auch in Hamburg werden 
ansehnliche Quantitäten Erdnüsse gepresst. Die eigenen Nie- 
derlassungen der Franzosen am Senegal und Casamansa lie- 
fern jährlich 10,000 Tonnen; hier entwickelt sich die Cultur 
erst seit Anfang unseres Jahrhunderts, f) In Senegam- 
bien wird sie in höchst eigenthümlicher Weise durch Neger 
aus dem Innern des Continentes betrieben, welche jedes Jahr 
gesellschaftlich nach jenen Gegenden wandern und nach der 
Ernte den Erlös hunderte von Meilen wxit ihren Familien nach 
Hause bringen, ff) Auch die englischen Colonien Sierra Leone 
und Gambia führten z. B. zwischen 1863 und 1865 jährlich 



*) Madi-as exhibition of raw products etc. of soiithern India. 1855 . 
30. — Auch Drury, useful plants of India. Madras 1858. 44. 

**) Vlvien de Sai nt -Martin , l'Annee g^ographique 1867. 135. 

**'*) Exposition universelle de 1867. Rapports du Jury interna- 
tional. XL 111. 

t) Catal. des prod. des colon. francj. Exposit. univers. 1867. p. 87. 94. 

tt) Eevue des Deux Mondes. Vol. 77. (1868). p. 904, nach Dela- 
noye, le Niger 1858. 



78 lieber die Erdnuss. 

ungefähr 30 Mill. Kilogr. Erdnüsse im Werthe von über 3 Mill. 
Francs, grösstentheils gleichfalls nach Frankreich aus.*) 

Von äusserster Wichtigkeit ist die Erdnuss in einigen 
Binnenländern Afrikas, z. B. in Adamaua und Bornu, wo die 
Bevölkerung sie sowohl frisch als zu Brei gekocht in grosser 
Menge geniesst; Barth konnte sich jedoch mit dieser Speise 
nicht befreunden und hielt sie für nicht sehr gesund,*"^') wie 
denn auch schon Marcgraf dem reichlichen Genüsse der 
Samen üble Wirkungen zugeschrieben hatte. 

Die Frucht der Arachis ist bei ihrer Beife eine eiförmige 
oder cylindrische, nicht aufspringende strohgelbe oder etwas 
grauliche Hülse, **'*-) 15"^"^ bis 30""™ lang und 10 bis 15™*" dick, 
welche im Handel noch bisweilen ein kurzes Stückchen des 
gegen 2"""" dicken Fruchtstieles trägt. An seiner Eintritts- 
stelle, welche nicht mit der Basis des Fruchtgehäuses zusam- 
menfällt, sind die Hülsen etwas abgeflacht; legt man diesel- 
ben so vor sich hin, dass diese Abplattung immer nach oben 
und links sieht, so bieten die längern Hülsen in ihrer Mitte 
eine mehr oder weniger deutliche Einschnürung in einer zur 
Abplattung parallelen Richtung, wobei die obere Fruchthälfte 
meist bauchig aufgetrieben, die untere etwas nach rechts kiel- 
artig verschmälert erscheint. Dieser auf die rechte Seite 
der Frucht hinübergerückte kurze Kiel endigt mit einem 
stumpfen Schnäbelchen ; verbindet man dasselbe durch eine Dia- 
gonale mit der Eintrittsstelle des Fruchtstielchens , so schnei- 
det diese Linie die Axe der Frucht unter sehr spitzen Win- 
keln. Die genannten Endpunkte der Diagonale stehen mit 
einander durch 12 gerundete Rippen in Verbindung, deren 
den Wölbungen des Fruchtgehäuses folgende Curvenlinien im 
allgemeinen parallel mit der gedachten Diagonale verlaufen. 
Aus den Vertiefungen zwischen den Bippen erheben sich 
kurze Querwülstchen, häufig auch noch untergeordnete Längs- 



*) Statistical tables relating to the colonial and other possessions of 
the United kingdom 1867. p. 589. 597. 

**) Eeiscn und Entdeckungen in Nord- und Centralafrika H. (1857). 
p. 518. 521. 

***) Fig. B., oben p. 7.3. 



Ueber die Erdnuss. 79 

rippeii, wodurch die ganze Frucht ihr quer gefeldertes oder 
beinahe netzartiges Aussehen erhält. — Die kürzern, nur 
einsamigen Früchte entsprechen ebenfalls dieser Beschreibung, 
nur fehlt ihnen die Einschnürung. 

In der Eippe, welche durch den erwähnten Kiel geht, 
öffnet sich die Hülse leicht, wenn sie hier gedrückt wird und 
zeigt alsdann 1 bis 3, am häufigsten 2 kupferrothe bis vio- 
lettbräunliche, seltener weissliche Samen von der Gestalt der 
Hülse und ohne Scheidewand dieselbe nahezu ausfüllend. *) ■ 
Das mürbe trockene Fruchtgehäuse ist ungefähr 1"™ dick, 
innen mit weissem glänzendem oder braun gefeldertem mar- 
kigem Gewebe ausgekleidet. 

In dem gewöhnlichen Falle, wo zwei Samen vorhanden 
sind, trägt jeder da, wo sie zusammen treffen, eine jener 
Einschnürung entsprechende Abflachung, während das entge- 
gengesetzte Ende des einen Samens sich gerundet nach oben, 
das des andern etwas gekielt nach unten wölbt. Am untern 
Ende jedes Samens (wenn die anfangs für die Frucht gewählte 
Lage beibehalten wird) tritt der kurze Nabelstrang, durch 
eine weissliche Narbe bezeichnet, in den Samen ein, bei dem 
obern Samen also in dem durch die Abflachung verschmäler- 
ten Ende, bei dem untern hingegen in dem dieser Abflachung 
entgegengesetzten Ende. 

Yen Nabel aus gehen ungefähr 6 etwas verzweigte Ner- 
ven auf der leicht ablösbaren ziemlich dünnen Samenhaut und 
treffen oben wieder zusammen. 

Die beiden Cotyledonen, in welche der Same durch 
sanften Druck leicht gespalten wird, liegen flach und in der- 
selben Eichtung an einander, die schon durch die Spaltbarkeit 
der Hülse selbst angedeutet ist, oder die Berührungslinie ist 
etwas rinnig oder wellenförmig gebogen. Die Cotyledonen 
umfassen am Grunde das nur wenig herausragende dicke 
Würzelchen, welches ein schon mit zahlreichen Blattanlagen 
ausgestattetes Knöspchen trägt. Fig. D. p. 73. 

Die Samen wiegen durchschnittlich ungefähr 0,5 Gramm. 

*) Fig. C. oben. 



80 Ueber die Erdnuss. 

Sie brechen und schneiden sich leichter, als z. B. die 
weit mehr hornartigen Mandeln, deren milden Geschmack die 
Arachis - Samen theilen, jedoch alsbald einen wenig angeneh- 
men Beigeschmack noch Bohnen entwickeln. Im Innern 
Afrikas traf Barth*) eine bittere ölreichere, nach der An- 
sicht der Eingebornen besonders zuträgliche Spielart. 

Die Samenhaut besteht aus tafelförmigen Zellen, welche 
in der äussern Schicht dicke poröse Wände von vieleckigem 
oder rundlichen, sehr ungleichen Umrisse zeigen, während 
die innern Lagen, die sich nach dem Aufweichen erst abzie- 
hen lassen , aus dünnwandigem farblosen Parenchym mit mehr 
gerundeten Zellen, bestehen. Die äussere Schicht ist durch 
eisenbläuenden Gerbstoff braun gefärbt; ihre Nerven erweisen 
sich als Bündelchen von dünnen abrollbaren Spiralgefässen 
mit zartem Prosenchym. 

Die Samenlappen selbst sind aus ziemlich gleichförmigen 
porösen Zellen zusammengesetzt, die im Innern rundlich poly- 
edrisch, bis ungefähr 100 Mikromillimeter gross, nach aussen 
etwas regelmässiger rechteckig sind und in der äussersten 
Schicht nur noch würfelige oder etwas verlängerte, nach aussen 
sanft gewölbte Formenvon ungefähr 20 bis 30 Mikromillimeter 
Weite darbieten. An der Berührungsfläche der Cotyledonen 
sind die äussern Wände dieser oberflächlichen Schicht merk- 
lich verdickt. Im Innern finden sich da und dort auch Ge- 
fässbündelanlagen von zarten prosenchymatischen Zellsträngen. 

Das Gewebe der Cotyledonen strotzt von Oeltropfen, 
nach deren Beseitigung durch Benzol sich die Zellen mit 
kugeligen Amylumkörnchen (5 bis 15 Mikromillimeter) und 
mehr noch mit Klümpchen von Eiweisstoffen gefüllt zeigen. 
Jod färbt die erstem blau, die letztern braungelb; wird ein 
Schnittblättchen mit frisch bereiteter Auflösung von alkalischem 
Kupfertartrat getränkt , so nehmen die Proteinstoffe eine tief 
blauviolette Färbung an. Der grösste Theil derselben ist 
in Wasser nicht löslich, ein anderer An theil jedoch wird von 
kaltem Wasser aufgenommen. Diese völlig neutrale Lösung 
lässt beim Kochen nur wenig Eiweiss fallen; ein Tropfen 

*) 1. c. IL 518. 



üeber die Erdnuss. 81 

Essigsäui'e hingegen bewirkt eine sehr reichliche Ausschei- 
dung derselben, welche im Ueberschusse der Säure wieder 
löslich ist. "Wird das geronnene Eiweiss abfiltrirt, so entsteht 
selbst beim Kochen mit der genannten Kupferlösung kein 
Niederschlag von Oxydul; die Ursache des ölig -süssen Ge- 
schmackes muss daher in der Gegenwart von Rohrzucker 
gesucht werden, welcher in der That auch durch O'S hau gh - 
n e s s y *) dargestellt worden zu sein scheint , indem er 
wenigstens unter den Yon ihm ermittelten Bestandtheilen 
krystallisirten Zucker anführt. 

Die Weichheit der Samen erklärt leicht, dass die Praxis 
im grossen,, selbst bei unvollkommener Einrichtung, durch 
Pressen aus denselben leicht gegen 50 pC. , oder doch wenig- 
stens 43 pC.**) fetten Oeles gewinnt, w^elches sowohl als 
Speiseöl, wie auch zu den verschiedensten technischen Ver- 
wendungen, namentlich zur Beleuchtung dient. Besonders 
das aus geschälten Samen in der Kälte gepresste farblose Oel 
besitzt einen ganz angenehmen, milden, beim Erwärmen an 
Olivenöl erinnernden Geschmack; warm gepresstes ist gelb- 
lich und von weniger angenehmem Geruch und Geschmack. 
Das erstere ist dünnflüssiger als Olivenöl, von 0,918 spec. 
Gewichte bei Ib^C, trübt sich bei + 3^, gesteht bei — 3^ 
oder 4^ zur weichen, bei — 7^C. zur derberen Masse und 
gehört zu den haltbareren, nicht trocknenden Oelen, indem es 
nur langsam Sauerstofi" aufnimmt. 

Das Arachis - Oel ist im w^esentlichen ein Gemenge von 
Glycerinverbindungen drei verschiedener krystalUsirbaren Fett- 
säuren, wovon die eine, Arachinsäure C^^H^^O*, bei 75^ 
schmelzend, von Heintz auch noch in der Butter, von 



*) Bengal dispensatory and pharmacopoeia. Calcutta 1841. 304. 

**) Berjot, Journ. de Pharm. 43. (1863) 277 erhielt nur 38 pC. 
im kleinen vermittelst Schwefelkohlenstoff; Anderson, Kopp-WiU's 
Jahresbericht d. Chemie 1860. 714. ebenfalls bloss 41,2 pC. Oel und 
28,2 Proteinstotfe. — Cloez, ebendaselbst 1865. 631 dagegen hatte 
50,5 pC. Oel erhalten. Der Catalog des indischen Theiles der Londoner 
Ausstellung von 1862, bearbeitet von Dr. J. Forbes Watson (p. 90) 
nimmt 44 pC. Oel an. 

Arch. d. Pharm. CLXXXVII. Bds. 1. u. 2. Hft. 6 



82 tJeber die Erdnuss. 

Oudemans*) im Talge der ostindischen Sapindacee Nephe- 
lium lappaceum L aufgefunden wurde. Die zweite im Erd- 
nussöle vorkommende Säure, Hypogaeasäure C^^H^^O* (bei 
34^ bis 35^ schmelzend) wurde von Gössmann und Sche- 
ven für eigen thümlich gehalten, von andern dagegen**) für 
identisch mit Physetölsäure aus dem Oele der Wale, 
besonders des Physeter macrocephalus L., erklärt. 

Als dritte Säure des Arachis - Oeles wurde die so viel 
verbreitete Palmitinsäure C^^H^^O* (bei 62^ schmelzend) 
erkannt. 

Zum Zwecke der Stickstoffbestimmung verbrannte ich die 
lufttrockenen, mit Natronkalk gemengten fein zerriebenen Samen, 
führte die Dämpfe in Normaloxalsäure und mass die übrig 
gebliebene Säure mit Zehntelnormalnatron.***) (I) 0,8781 
gepulverter Samen sättigten 172 C. C. Zehntel - Normalna- 
tron und (II) 1,0358 gepulverter Samen sättigten 167 CG. 
Zehntel - Normalnatron. 

Hieraus folgt Stickstoff nach (I) 4,464 pG. 

(11) 4,460 „ 

im Mittel 4,462 pG. 

entsprechend 27,86 „ Protemstoffen, 
Anderson!) fand in geschäl- 
ten Erdnüssen 4,52 „ Stickstoff, 

entsprechend 28,25 „ Proteinstoffen. 
Für Gummi und Zucker giebt derselbe 7,16 „ an, und in der 
That ist die geringe Menge des erstem in Arachis sehr auf- 
fallend. Dasselbe ist übrigens vielmehr als Schleim zu bezeich- 
nen. Wird nämlich aus einem wässerigen Auszuge der Sa- 
men das Eiweiss durch Kochen und Ansäuern mit einer 



*) Jahresb. d. Chem. 1866. 696. 

**) Vergl. Gmelin, organ. Chem. IV b. 1237. 1785. 

***) Die Ausführung geschah unter meiner Leitung durch Herrn 
Stud. chem. Trechsel. 

t) Kopp-WiH's Jahresbericht 1860. 713. — Unter „geschält" ist 
an dieser Stelle wohl nichts anderes zu verstehen als enthülst, d. h. die 
ßamen allein, wie ich sie auch untersuchte. 



lieber die Erdnuss. 83 

geringen Menge Essigsäure gefällt, die Flüssigkeit zur Trockne 
verdampft und mit wenig Wasser wieder aufgenommen, so 
entsteht durch neutrales essigsaures Bleioxyd ein reichlicher 
Niederschlag. Was in Betreff der geringen Menge des Schlei- 
mes gesagt wurde, gilt auch vom Zucker. Von der Procent- 
zahl 13,87, welche Anderson für „Holzfaser" giebt, ist 
der grösste Theil auf Bechnung des Stärkemehls zu setzen, 
da das Mikroskop lehrt, dass das zarte weitmaschige Gewebe 
dieser Samen nicht ins Grewicht fallen kann. 

Bei 100*^ geirocknete Samen gaben mir 2,8 p.C. , die 
leeren Hülsen nur 0,72 p.C. Asche, wonach bei dieser Frucht 
die Gefahr der Bodenerschöpfung sehr gering anzuschlagen 
ist. — C 1 e z *) hatte 1 ,6 p.C. , Anderson**) hingegen 
3,25 p.c. Asche gefunden. Unter den 50 verschiedenen 
ölhaltigen Samen, welche der erstere untersuchte, lieferten die 
der Arachis die geringste Aschenmenge. 

Wo das Erdnussöl sich billiger stellt, als Sesamöl, wie 
es in manchen Gegenden des westlichen Indiens der Fall ist, 
ersetzt es das letztere und wird überhaupt dort auch zu 
medicinischen Zwecken und als Speiseöl vollkommen dem 
besten Olivenöl gleich gestellt. Bei uns empfiehlt sich das 
Erdnussöl weniger, weil es schon bei etwas niedriger Tem- 
peratur allzu unangenehm dickflüssig wird, wo Sesamöl noch 
leichter zu handhaben bleibt. 

Wie schon die frischen Samen, so dienen auch die 
Presskuchen der Arachis in den Tropenländern noch als werth- 
voUes Nahrungsmittel für Menschen und auch für das Vieh. 

Bei aller Aehnlichkeit des Erdnussöles mit dem Sesam- 
öle genügt doch die in meiner Arbeit über den Sesamsamen 
zur Erkennung des Sesamöles hervorgehobene Beaction, um 
das Arachisöl davon zu unterscheiden. Man schüttelt am 
besten ungefähr 5 Volumina des zu prüfenden Oeles mit 
1 Vol. Eisessig in der Wärme durch und giesst das Oel ab. 



*) 1. c. 
**) 1. c. 



***) Pharmacopoeia of India. London 1868. p. 447. 

6* 



84 Flora uud Fauna des Soolgrabeüs zu Arterii. 

Zu dem erkalteten Eisessig, der sich nicht gefärbt hat, giebt 
man nun ein abgekühltes Gemenge gleicher Volumina concen- 
trirter Schwefelsäure und Salpetersäure. Ungefähr 1 Gramm 
des Säuregemenges wird zu 2 bis 3 Gr. des Oeles gesetzt 
und durch Neigen des Probirrohres alimälig gemischt. Bei 
Anwendung von Arachisöl entsteht hierbei keine Färbung, 
wird der Versuch aber mit Sesamöl angestellt, so nimmt der 
Eisessig sofort eine ziemlich beständige schön gelbe, etwas 
ins Grüne spielende Farbe an. Man sieht, es handelt sich 
hierbei um eine Spur eines vielleicht harzartigen Stoffes, 
welcher im Sesamöl, nicht aber in den andern Oelen, nament- 
lich nicht in dem der Erdnuss enthalten ist. Auch vermit- 
telst Weingeistes kann dieser Körper dem Sesamöl entzogen 
werden; nach dem Verjagen des Weingeistes färbt sich der 
geringe Rückstand bei vorsichtigem Zusätze des erwähnten 
Säuregemisches anfangs blau, dann grünlich gelb. 



Flora und Fauna des Soolgral)ens zu Artern. 

Von L, Sondermann, Apotheker in Artern. 

Das grosse Becken, welches zwischen dem Harz und 
dem Thüringer Walde liegt, und zwar in der Nähe einer 
Hebung, welche sich vom KylFhäuser über Bottendorf nach 
Wendelstein an der ünstrut in der allgemeinen Richtung 
von Nordwest nach Südwest verfolgen lässt, enthält die Saline 
Artern. Nördlich von der Stadt gehen die altern Glieder der 
bunten Sandstein - Formation zu Tage aus , und hier findet 
sich eine Einsenkung, welche mit Gypsschlotten und Erdfäl- 
len zusammen zu hängen scheint. 

Vermuthlich aus solchen Schlotten trat in dem soge- 
nannten Salzthale einige tausend Fuss von der Stadt ent- 
fernt, umgeben von Gypsmassen, die hier in Kuppen zu Tage 
treten, die Salzquelle hervor, die früher gradirt und so con- 



Flora und Fauna des Soolgrabens zu Ariern . 85 

centrirt, zur Salzfabrikation diente, jetzt aber wegen stärker, 
erbohrte Soole, als unbrauchbar in die Unstrut läuft. 

Im Jahre 1580 kaufte der Kurfürst August von Sach- 
sen von dem Dr. Candler und dem Kramer v. Claus - 
bürg die Saline für 40,000 Gulden. Zwei Jahre darauf 
wurde das jetzige Salzthal mit einer Mauer umgeben, mit 
Pfannen versehen und in Betrieb gesetzt. Doch w^urde bereits 
im Jahre 1585 das Werk an die Grafen von Schwarzburg 
und die Pfännerschaft zu Frankenhausen veräussert, welche 
eine Concurrenz für die schwarzburgische Saline Frankenhau- 
sen fürchtete, den Betrieb mit der Zeit aussetzte, doch 
Soolquelle und Salzthal als Eigenthum des Fürsten von 
Schwarzburg bis in die neueste Zeit behielt. 

Erst durch den Staatsvertrag von 1816 fiel sie dem 
Preussischen Staate zu, welcher auch das Salzthal für den 
Preis von 2000 Thaler acquirirte. 

Die Soolquelle selbst liegt in der Mitte des Salzthales, 
und das IS^iveau, bis zu welchem die Quelle im Bassin auf- 
steigt, liegt -411^ über dem mittlem Spiegel der Ostsee, 
die constante Temperatur der Quelle beträgt 13^,5 0., die 
Ausflussmenge dagegen ist verschieden, im Durchschnitt 
127,5 0. F. in der Minute, variirt dagegen von 101 bis 360 0. F. 
Fluthen und Gewitterregen verstärken die Ausflussmenge, 
zugleich vergrössert sich dann merkwürdigerweise der Salz- 
gehalt, der im Mittel 3,7% beträgt, und ein Zeichen ist, dass 
sie mit Tagewässern in Verbindung steht. Die Zugänge selbst 
vermuthet man in der Gegend von dem circa 4 Stunden ent- 
fernten Agnesdorf, da nach einem dort niedergegangenen 
Wolkenbruch sich nach kurzer Zeit die Quelle ungewöhnlich 
ergiebig zeigte. Ein ferneres Zeichen für den Zugang der 
Tagewässer ist, dass sie hin und wieder organische Stoffe, 
wie Holz , Wurzeln , Knochen ausstösst , welche erst von oben 
hinab geschlemmt sein müssen. Durch Bohrversuche ist 
ermittelt worden, dass die unterliegenden Schichten beste- 
hen aus: 



86 Flora und Fauna des Soolgrabens zu Artem. 

335' aufgeschwemmten Gebirge und Geröllschichten mit 

Sand und Thon, 
250' Formation des bunten Sandsteins, 
165' Gyps, als tiefste Schicht des bunten Sandsteins, 

34' Kalkstein zur Zechstein -Formation gehörend, 
173' Gyps, als Zechstein - Gyps anzusehen. 



957' 




Die Soole selbst besteht in 100 Theilen aus: 


kohlensaurem Kalk 


0,005 


kohlensaurem Eisenoxydul 


0,003 


Gyps 


0,429 


schwefelsaurem Kali 


0,053 


Chlormagnesium 


0,061 


Chlornatrium 


2,449 


Wasser 


97,000 



100,000. 

Das ohngefahr 100 Quadratfuss grosse in Bohlen gefasste 
Bassin hat 3 Quellen, die ziemlich dicht beisammen liegen, 
und wird von hier aus durch ein gemauertes Gerinne 100' 
durch das Salzthal geführt, dort aber, wo die Soole das offene 
Thor passirt und in das offene Feld tritt, fliesst sie auf thoni- 
ger Unterlage nach der Stadt zu in die Unstrut. Ueberrascht 
ist der Sammler durch die Fülle der Vegetation, die ihm hier 
entgegentritt und die beiden Ufer des Baches umsäumt. Die 
durch ihren rigiden Habitus sich unterscheidenden Salzpflan- 
zen wechseln in bunter Beihe mit denen des Thaies, die 
auch auf salzhaltigem Boden kräftig gedeihen. 

Grosse Massen von Algen schwimmen vorüber, die an 
manchen Stellen vomBöhricht gehalten den Bach völlig bedecken. 

Doch die Zeit ist günstig, und da wir uns vor keinem 
Flurschützen zu fürchten brauchen, beginnen wir sofort mit 
der Einsammlung der Phanerogamen und sammeln auf dem 
terrassenförmigen Terrain folgende Salzpflanzen. 

Am Boden des Baches fluthet mit der Strömung die 
Kuppia maritima L. und Buppia rostellata Koch, während die 
Ufer bedeckt sind von Spergula media Garcke, Spergula marina 
Gj*ck. , Melilotus dentatus Pers., Lotus corniculatus ß terni- 



Flora und Fauna des Soolgrabens zu Artem. 87 

folius XEsb. , Bupleurum tenuissinum L., Aster Tripolium L., 
Artemisia rupestris L., Artemisia maritima a) salina Wild, 
b) gallica Wild., Samolus Valerandi L., Glaux maritima L., 
Plantago maritima L. , Chenopodium maritimum Mq. , Salicor- 
nia herbacea L., Obione pedunculata Mq. , Atriplex nitens 
NEsb., Atriplex maritima Deth., Atriplex litoralis L. , A. laci- 
niatum L., Rumex maritimus L., Triglochin maritimum L., Pota- 
megeton marinus L., Juncus Gerardi LoisL, Juncus compressus 
Jacq., Scirpus maritimus L. , Carex vulpina L. 

Ausserdem haben wir noch zu sammeln Gelegenheit von : 

Ranunculus acris L., Sisymbrium officinale Jacq., Alys- 
sum calycinum L. , Cochlearia Armoracia L. , Thlaspi arvensis 
L., Lepidium ruderale L., Dianthus Carthusianorum L. , Ho- 
losteum unbellatum L., Myosurus minimus L., Stellaria media 
Vill., Linum catharticum L., Malva sylvestris L., Althaea offi- 
cinalis L. , Lavatera thuringiaca L. , Geranium pusillum L., 
Erodium cicutarium Ltr. , Tetragonolobus siliquosus Rchb., 
Potentilla reptans, verna, opaca L., Sedum acre L., Eryn- 
gium campestre L. , Dipsacus sylvestris L., Artemisia campe- 
stris L., Centaurea Jacea L., Tragopogon major Jacq., Trag, 
pratense L. , Crepis biennis L. , Hieracium Pilosella L., Aspe- 
rugo procumbens L., Veronica verna L. , Yer. praecox All., 
Salvia pratensis L., Chenopodium rubrum L., Triglochin palu- 
stre L. , Avena tenuis Mch., Poa annua L. , Poa compressa 
ti., Eestuca ovina, c) duriuscula d) glauca Seh,, Lolium perenne 
L.; auch Lemna gibba L. finden wir im Brunnen nebenan. 

Yon den Laubmoosen haben wir Gelegenheit am Ufer 
und in unmittelbarer Nähe zu sammeln: 

Phascum cuspidatum Salb. , Phase, nervicollum Hdw,, 
Barbula ruralis H. , und steril Barbula muralis Tim. , Barbula 
rigida Seh., Grimmia pulvinata Smith, Bryum cespitosum L., 
Eumaria hygrometrica L. , Pottia Heimii Turh., Pottia cavi- 
folia Ehrh. , Ephemerum cohaerens Ny., Eiedleria subsessilis 
Bab. , Didymodon cordatus Schp. u. Did. , luridus Schp. , Ba- 
comitrium canescens Brid., Orthotrichum obtusifolium Schrad., 
u. Orth. affine Schd. auf den Pappeln am Brunnen, Thui- 
dium abietinum B. u. Seh., Thuidium tamariscinum B. u. 



88 Flora und Fauna des Soolgrabens zu Artern. 

Sch., Homalothecium sericeum Seh., Erachythecium rutabulum 
E. u. Sch., E. salebrosum Schp.: 

Von Lebermoosen finden wir Lophocolea minor K u. Rc. 

Von den Flechten: 

Parmelia parietina Ach., Parm. pulchella Eh., Baeomyces 
roseus Pers., Cladonia rufa Ny. 

Von den höherei» Thieren kommt das kleine Wieselchen 
Mustela vulgaris L. häufig vor, das neben Eidechsen Lacerta 
agilis L. in Löchern, welche sich in dem Ufer, das sich terras- 
senförmig nach dem Gottesacker zu erstreckt, wohnt. 

In der Soole tummeln sich Heerden kleiner Fische und 
zwar 2 Arten Gaster osteus trachurus C. und Gasterost. laevis 0., 
die, sobald man sich ihnen nähert, schnell in den am Eoden 
wuchernden Euppien sich zu verstecken suchen. Interessant 
sind die Nester, die sie aus Holzstückchen und Pflanzen- 
resten am Ufer im Schlamme zu bauen verstehen, in welchen 
sie laichen und sich gegen Feinde vertheidigen. 

Einer eigenthümlichen Krankheit sind die Fischchen unter- 
worfen. Einzelne schwellen blasenförmig in der Nähe des 
Hinterleibes auf, wodurch das Schwimmen verhindert wird, 
und sie auf die Seite oder den Eücken zu liegen kommen 
und so in den Algen mit ihren Stacheln hängen bleiben und 
sterben. Tagelang kann man sie so beobachten, bevor der 
Tod erfolgt, die Krankheit entsteht durch Ansammlung von 
Luft, die den Unterleib blasenförmig auftreibt. 

Hin und wieder findet man auf diesen Fischen einen 
niedlichen Schmarotzerkrebs, der grosse Aehnlichkeit mit dem 
Argutus foliaceus hat, und sich nur durch die beiden anders 
geformten Saugnäpfe, worin das erste Fusspaar endet, von 
ihm unterscheidet. Dieser Krebs bewegt sich schnell über 
die Haut der Fische hin, doch ist derselbe seiner Saug- 
näpfe wegen nur schwer zu trennen. 

Von den Fröschen findet sich in der Nähe des Ufers 
häufig Eana temporaria oxyrrhinus L. vor. Wirft man den- 
selben in die vorüberfliessende Soole, so giebt er einen eigen- 
thümlichen Laut von sich und strebt mit aller Macht das 



Flora und Fauna de» Soolgrabens zu Artern. 89 

Ufer zu gewinnen, ein Zeichen wie höchst unangenehm das 
Salzwasser auf ihn einwirkt. 

Die Orthopteren sind neben dem gemeinen Gryllus cam- 
pestris durch Gryllotalpa vulgaris Latr. vertreten, deren Röh- 
ren man häufig im feuchten Ufer antrifft, so wie eine 10^" 
lange braune Forficula. 

Von den Lepidopteren habe ich bis jetzt wenig beobach- 
tet. Auf der x\rtemisia gallica trifft man im Sommer hin und 
wieder eine Raupe mit periweisser Grundfarbe , fünf gelben 
Streifen, dazwischen mit schwarzen Linien und Punkten. Ob aus 
den gesammelten Raupen die Cucullia tanaceti, mit der sie 
der Beschreibung nach übereinstimmt, entstehen wird, muss 
das Frühjahr lehren. Von den Dipteren findet man im 
Monat August zwischen Algen umherschwimmend, eine ein 
bis zwei Zoll lange Larve, der Gattung Cristalis angehörend, 
in ungeheuren Mengen an, doch da ich kein Fliegenkenner 
bin, ist die sich daraus entwickelnde Fliege nicht gesammelt 
und bestimmt worden. Dasselbe gilt auch von den beson- 
ders reich vertretenen Spinnen und Wanzen. 

Von den Kerbthieren findet sich ausser dem Schmarotzer- 
krebs noch massenweise ein Oniscus unter Steinen vor. 

Von den Conchilien trifft man im Sommer die niedliche 
Pupa muscorum L. unter Steinen am Ufer an, während Pla- 
norbis spirorbis Müll, im Brunnen nebenan aufzufinden ist. 

Gehen wir nun zu den Coleopteren über und fangen zu 
sammeln an. Hier am Ufer auf bewachsenem Untergrunde 
liegt eine Partie Steine, von denen wir einige umlegen. 
Welches Leben — wir haben nicht Hände genug, schnell 
Alles das zu sammeln, was durcheinander umherläuft. Hier 
ein Nest rother Ameisen, dazwischen der Claviger longicornis 
Müll. , der blind , von den Ameisen sorgfältig gepflegt und 
gefüttert wird, dort Dutzende von Dichirotrichus (Bradycellus) 
pubescens Paj. , die zusammen hocken , dazwischen Stenolo- 
phus elegans Dej., der sich eiligst aus dem Staube machen will. 

Wir heben nun die bei der Reinigung herausgezogenen 
deckenbildenden Algen und Conferven auf, wo wir jedenfalls 
reiche Beute machen werden. Richtig! — Wie das von 



90 Flora und Fauna des Soolgrabens zu Artern. 

Insecten wimmelt und krabbelt — Käfer, T'liegen, Wanzen, 
Spinnen aller Art laufen bestürzt durch einander, und suchen 
sich eiligst in ihren selbstgegrabenen Löchern zu verkriechen. 
Ein Cephalotes vulgaris, in seiner Höhle von den vielen As- 
seln und Wanzen, die ihm bei der PüUe der Insectenwelt 
leicht zur Beute fielen, ordentlich fett geworden, daneben 
eine auf dem Rücken liegende und sich todt stellende Amana 
convexiuscula March., die wir leicht an der rothbraunen Brust 
und dito Füssen erkennen, — türwahr kein schlechter An- 
fang. — 

Schnell eilen die leichtfüssigen kleinen Bembidien, das 
schwarze metallisch glänzende B. pusillum Gyll., das gelbe 
scutellare Dej., und das bronceschimmernde mit dem in der 
Sonne leuchtenden rothen Fleck am Hintertheile , aspericolle 
Germ, vorüber — daher hurtig zugegriffen! und bringen sie, 
um sie nicht zu beschädigen, mit dem befeuchteten Finger in 
unsere Benzin enthaltende Fläschchen. Dies thun wir auch 
mit der kleinen Bryaxis Helferi Schrd. und dem kleinen An- 
thicus humilis Germ., der hier zuweilen vorkommt, sonst 
aber sicher an den Wurzeln der Salicornia herbacea aufge- 
funden wird. Auch die drei Dyschirien, D. chalceus Ev. , D. 
extensus Putz und salinus Schaum., die sämmtlich hier 
zu Hause sind, finden wir, so wie den von Redtenba- 
cher am Neusiedler - See entdeckten Dichirotrichus lacustris 
Redt.*) der bis jetzt in Deutschland noch nicht aufge- 
funden worden ist. 

Eben daselbst versteckt finden wir den sonst so selte- 
nen 5'" langen metallisch grünglänzenden Anisodactylus 



*) Die meisten entomologischen Weske haben den D. lacustris noch 
nicht aufgenommen, ich füge daher die Beschreibung nach Dr. Böse bei. 
Bradycellus lacustris unterscheidet sich leicht von pubescens durch das 
hinten breitere Halsschild, dasselbe ist bei letzterem mehr herzförmig, vor 
den fast spitzwinkeligen Hinterecken etwas ausgeschweift. Es ist bei 
ersterem dichter punktirt, — die Flügeldecken sind bei erster schwächer 
gestreift, in den Streifen kaum punktirt, ihre Zwischenräume fein und 
sehr dicht punktirt, — bei pubescens sind die Streifen der Flügeldecken 
wenn auch schwach, doch dicht punktirt, ihre Zwischenräume mit einer 
oder zwei Reihen ziemlich grober Punkte. 



Flora und Fauna des Soolgrabens zu Artern. 91 

pseudo - aeneiis Dej. , der eiligst in seinem senkrechten Loche 
nach der Tiefe geht. 

Unter der dichten Decke der Artemisien und Chenopo- 
dien, die keinen Sonnenstrahl durchlassen, finden wir auf dem 
feuchten Boden am Ufer die reich vertretenen Staphylinideen 
— Homalota meridionalis Muls., Philanthus salinus Kiesw, 
so wie noch eine Menge dieser schwer zu bestimmenden Fa- 
milie, während wir auf den sterilen Stellen, die nur hin und 
wieder von der Salicornia herbacea eingenommen werden, 
die jagende Cincidela maritima Dej. und auf Plantago und 
Triglochin maritimum die Chrysomela concinna Steph. und Ma- 
lachius spinosus Er. antreffen. 

Wir bemerken kleine Häufchen Erde, die truppweise 
auf dem Eoden aufgeworfen sind, — sollten hier in dem 
feuchten Untergrunde Erdwespen wohnen? Wir graben nach 
und finden perpendiculäre Gränge, die sich 6 bis 10 Zoll tief 
erstrecken, in denen die seltensten Troglodyten: der Bledius 
taurus Grerm., unicornis Ger., bicornis Ger. und tricornis Hbst. 
auf- und abkriechen. Finden wir aber die Gänge leer, so 
gelingt es uns vielleicht in der Abendstunde, zu welcher sie 
aus ihren Löchern hervorkommen, sie im Fluge zu fangen. 

Gehen wir im Frühjahre nach der Soole und ziehen die 
am Boden wachsenden Buppien, so wie die obenschwimmen- 
den Algen mit einem Stocke heraus. Wir breiten sie in 
dünnen Schichten auf dem Boden aus, und untersuchen sorg- 
fältigst. Hier ist eine Fundgrube der seltensten Sachen. 
Hydroporus lautus Schaum., Hydrop. parallelogrammus Ahr., 
Hyd. nigrida Gyll, Philhydrus testaceus, Halypeus fulvicol- 
lis Er., Ochthebius foveolatus Germ., Ochth. marinus Payk., 
sowie ein noch unbeschriebenes Philhydrus habe ich hier 
gesammelt, während in der Nähe der Quelle, wo vermöge 
des grössern Umfangs das Wasser ruhiger ist, Gyrinus mari- 
nus Gyll., seine Kreise zieht, welchem jedoch der grossen 
Tiefe wegen nur selten beizukommen ist. 

Die Heterocerus - Arten , den grössern parallelus Geb., 
sowie den kleinern femoralis Kies., haben wir unmittelbar am 
Ufer in nassem Boden zu suchen, wo sie aus ihren Löchern 



92 Flora und Fauna des Soolgrabens zu Artern. 

hervorkriechen, sobald sie Geräusch hören; in den ersten Ta- 
gen des Frühjahrs sind sie überall im Fluge zu fangen. Zu 
dieser Zeit von April bis Anfang Juni kommen auf dem rech- 
ten Ufer unter Steinen und Erdspalten die Pogonen, wie luridi- 
pennis Germ., iridipennis Nicol. und halophilus Nicol. war. 
Letzterer ist bis zum Herbste anzutreffen und zu den hier 
gemeinsten Käfern zu zählen. 

Die Salzkäfer haben wir nur, da sie gute Tauschobjecte 
abgeben, in Menge gesammelt, und nehmen nur noch von 
den hier vorkommenden folgende mit nach Hause. Von der 
Distel den Larinus Jaceae, von dem Labkraut Agelactica 
hallensis, ausserdem noch Cryptophagus pilosus GylL, Ago- 
num marginatum, Meloe proscarabaeus L. , — violaceus M., 
Carabus cancellatus HL, auratus L. und Platysma pici- 
mana Duft. 

Mit einer Anzahl stearingetränkter Papierblätter ver- 
sehen, worin wir die Algen einstweilen aufbewahren, um 
sie zu Hause bei 250 — SOOfacher Vergrösserung zu 
untersuchen, beginnen wir nun die Excursion zum Ein- 
sammeln der Algen und Bacillarien. Ein Mikroskop füh- 
ren wir nicht bei uns, das Gefühl muss daher das seinige 
thun, um eine Partie von der anderen zu unterscheiden. So 
fühlen sich die Enteremorphen häutig, die Cladophoren rauh 
und trocken, die Melosiren schleimig, andere wie die Vauche- 
rien seidenartig an, und wir fangen mit dem Einsammeln bei 
der Quelle an, da hier die interessantesten anzutreffen sind. 

Eund um die Quelle herum, mehre Fuss über dem 
Niveau auf sumpfiger Unterlage treffen wir auf die Vauche- 
ria clavata Ag., einen dunkelgrünen filzartigen Ueberzug 
bildend, der im Monat August Sporen ansetzt; unmittelbar in 
der Quelle selbst, 1 — 2' unter der Oberfläche und in dem 
daranstossenden Gerinne die Spirulina solitaris Ktz. Die Fä- 
den der Spirulina sind zu zusammengefilzten Massen vereinigt, 
und überziehen die ganzen Flächen des Mauerwerkes. Hin 
und wieder trifft man sie auch völlig rein auf der Oberfläche 
des Wassers zwischen andern Algen an, und sind sie leicht 
durch ihre spangrüne Farbe kenntlich, wahrscheinlich durch 



Flora und Fauna des Soolgrabens zu Artern, 93 

die sich entwickelnde Luft losgerissen. Ihre Form lässt sich 
mit einem Korkzieher vergleichen, nur vielleicht 500 mal klei- 
ner, und sind sie, so lange sie leben, bei Tag und bei Nacht, 
Sommer und Winter (die Temperatur ist constant), in fort- 
währenden Oscillationen begriffen. Die Bewegung besteht 
in fortwährenden Kreispendelschwingungen, dabei noch 
vorwärts und rückwärts. Der Durchmesser der Alge ist 
^500 Millimeter bei einer Länge von nur wenigen Win- 
dungen bis zu 1^3 Millimeter und dauert bei grössern 
Exemplaren eine Kreispendelschwingung ohngefähr 5 Secun- 
den, kleinere rücken unter Drehung nur vor und gehen wie- 
der zurück. Da man linke und rechte Spiralen unterscheidet, 
so geht die Drehung stets nach der Seite, wo die Eadenspitze 
sich in das Wasser einschrauben kann, die Spitze sonach 
nicht nachgezogen wird. Häufig beobachtet man doppelt 
gewundene Fäden. Diese Doppelspiralen sind einfach durch 
Ineinanderdrehung entstanden und keine besondere Art, indem 
ich solche beobachtet, die oben ein Oehr bildeten. In süssem 
Wasser lässt sie sich einige Zeit aufbewahren , in der Soole 
dagegen wird sie nach kurzer Zeit zerstört, indem sich 
Schwefelwasserstoffgas entwickelt. 

Der Eindruck, den diese Alge auf den Beobachter macht, 
ist ein im höchsten Grade überraschender, durch das Leben 
und die stete Bewegung hervorgebracht. In seinem gan- 
zen Laufe ist das Wasser mit dichten Watten der ver- 
schiedenartigsten Algen bedeckt, welche Sommer und W^in- 
ter über wuchern, daher sie, um die Stauung oberhalb der 
Brücke zu verhindern, von Zeit zu Zeit herausgezogen wer- 
den müssen. 

Reich vertreten sind die Ulvaceen und zwar Entero- 
morpha intestinalis L. , b) capillaris Hab., c) tubulosa R., 
salina Ktz., b) ramosa A. Ferner Lyngbya salina Ktz. mit 
Oscillaria maxima Ktz. und major A. Während Chthonoblastus 
salinus mit Schizosiphon salinus Ktz. mehr auf dem rechten Ufer 
auf sterilen Stellen vorkommt, füllt Rhizoclonium salinum Ktz., 
die seichten ausgetretenen Stellen am linken Ufer in unge- 
heuren Massen aus. Auf den Steinen im Bache neben fuss- 



94 Flora und Fauna des Soolgrabens zu Artei'n. 

langen Melosiren die Dasyactis salina Ktz. mit Lyngbya salina 
und pannosca Ktz.; Schizosiphon salinus Ktz. dagegen über- 
zieht auch hier die Brettereinfassung als krustenartiger Ueber- 
zug. Die Cladophoren wie flavida Ktz., crispata und brachy- 
stelecha Rb., sind weiter unten in der Nähe der Unstrut auf- 
zufinden, wo die Einfassung des Gerinnes mit diesen Algen 
bewachsen ist. Eine Yaucheria, zu clavata gehörend, doch steril, 
daher nicht genau zu bestimmen, wächst auf dem Grrunde 
der Soole, dicht besetzt mit den verschiedensten Bacillarien, 
vorzüglich Synedra - Arten. 

Die Diatomeen sind überaus reich vertreten, und einzelne 
Algen wie Rhizoclonium etc. sind förmlich incrustirt. Durch 
die massenhafte Verbreitung der Melosiren wird das Wasser 
oft braun gefärbt. Folgende Arten habe ich aufgefunden: 

Melosira salina Ktz., Synedra Unna Ehb., S. subtilis Ktz., 
S. tenuis Ktz., S. saxonica Ktz., Amphiprosa alata Ktz., Dia- 
toma tenue Ktz., Cocconeis salina R. , Achnanthes subsessilis 
Ktz., A. brevipes Ag., Pleurosigma angulata K, Eragilaria 
Lyngb. ? Amphora affinis Ktz., A. coffeaeformis Ktz., Suri- 
rella striatula Turp., Epithemia Westermanni Ktz., Stauroneis 
Phönicenteron Ehb., Mastogloia Danseii Thu., Cyclotella? Ktz., 
Bacillaria paradoxa Gmel. , Campylodiscus costatus Sm., 
Frustulia salina Ehb., sowie einige mir unbekannte Formen, 
den Gattungen Pleurosigma, Nitzschia und Navicula ange- 
hörend. 

Da sie überall vorkommen, genügt es, eine Partie Algen 
auszudrücken, das trübe Wasser zu sammeln und durch Ab- 
setzenlassen zu sondern, wodurch man sie ziemlich rein erhält. 
Behufs Darstellung mikroskopischer Objecto werden dieselben 
mit Chlorwasserstofi'säure , der man einige Tropfen Salpe- 
tersäure zugesetzt hat, einmal aufgekocht. Man lässt dann 
absetzen, süsst gut aus, und bringt sie dann auf Gläser, die 
man entweder als trockene Objecto braucht, oder mit einem 
Tropfen Balsam erwärmt und verschliesst. Nur Pleurosigma 
muss trocken aufbewahrt werden, da sie leicht zu durch- 
sichtig wird. 



Empfangsanzeige. Ö5 

Noch muss ich bemerken, dass Mastogloia und die Ampho- 
ren sich mehr in der Spirulina aufhalten, während Spithemia 
mehr im Soolschlamm gefunden wird. Die Spirulina wird 
direct der Einwirkung der Säure ausgesetzt, von welcher sie 
leicht zersetzt wird, unter Zurücklassung der reinen Kiesel- 
panzer. Alle diese Bacillarien zeigen bei starker Vergrösse- 
rung feine Liniensysteme, und können so füglich als Probe- 
objecte bei Prüfung der Mikroskope benutzt werden. Lässt 
man bei tiefem Stande der Sonne directes Sonnenlicht bei 
schiefer Spiegelstellung seitwärts auf Pleurosigma angulatum 
fallen, so treten bereits bei SOOfacher Yergrösserung alle drei 
Liniensysteme gleichzeitig hervor. 

So beschliesse ich denn meine Wanderung in dem Glau- 
ben , dass es wohl wenige Orte geben mag , wo dem Samm- 
ler auf so kleinem Raum von Erde und Wasser eine so 
reiche Beute zu Theil werde. , 



Empfangsanzeige. 

Von Herrn Dr. Ernst Hallier, Professor zu Jena, ist 
ein gedrucktes Sendschreiben an deutsche und auswärtige 
Grelehrte erschienen, enthaltend: Rechtfertigung gegen 
die Angriffe des Herrn Professor Dr. de Bary. 
Der Unterzeichnete erhielt ein Exemplar desselben vom Hrn. 
Verfasser und hat solches der Vereinsbibliothek einverleibt. 

K L. 



96 



B. Monatsbericht. 

I. XJeber die Fortscliritte der Chemie. 



Ein Vortrag des Prof. Frankland aus London 

gehalten 

in der British association for the advencement 
of science zu Norwich im August 1868. 

(Aus dem Englischen übersetzt von R, Bender, Coblenz). 

Es ist Gebrauch, dass der Präsident der chemischen 
Section in den jährlichen Versammlungen von Männern, welche 
Interesse für die Chemie nehmen, eine Uebersicht über die 
Portschritte des verflossenen Jahres in kurzen Umrissen dar- 
lege. Ich unterziehe mich gern dieser Pflicht und will ver- 
suchen, bevor wir zur gewöhnlichen Arbeit unserer Sectionen 
schreiten, verschiedene Gregenstände zu Ihrer Kenntniss zu 
bringen, wofür ich Ihre Aufmerksamkeit für einen Augen- 
blick erbitte. 

Man kann sicher behaupten, dass bei keiner der frühern 
Versammlungen sich ein so lebhaftes Interesse für die expe- 
rimentellen Wissenschaften und besonders für die Chemie 
kund gegeben hat und erstreckt sich dieses auf die ganze 
Ausdehnung unseres Landes. Die internationale Entwicklung 
der Producte unserer Fabriken, die grosse Industrie - Aus- 
stellung in Paris haben bei den Besuchern derselben aus Gross- 
britannien einen Eindruck hervorgerufen, welcher einmüthig 
in der Ueberzeugung ist, dass die Erziehung der Jugend 
unseres Landes, worin man den naturwissenschaftlichen Un- 
terricht vernachlässigt oder systematisch ausschliesst, nichts 
vergleichbares hat mit dem irgend einer grössern europäischen 
Nation. Ich gestehe, viele unter uns sind der Meinung, dass 
unsere Fabriken und unser Handel auf eine sehr empfindliche 
Art an diesem Hauptmangel unseres Erziehungssystems leiden. 



Frankland über die Fortschritte der Chemie. 97 

Einige denken im Gegentheil, dass die Unkenntniss der 
Directoren, der Werkführer und Arbeiter in Betreff der wissen- 
schaftlichen Thatsachen, auf welchen viele Fabrikgeheimnisse 
beruhen, noch keinen wesentlich nachtheiligen Einfluss auf den 
Wohlstand unserer Fabriken ausgeübt habe. Welches indess 
auch die Meinungsverscliiedenheit über unsere industrielle 
Lage unter den Nationen sein möge, ohne die Einführung eines 
gründlichen naturwissenschaftlichen Unterrichts werden wir 
nicht lange mehr den Vorrang in der Manufacturproduction 
einnehmen, welchen wir viele Jahre dauernd behielten. 

Die Hochschulen der Wissenschaft des Continents finden 
keine ^Nebenbuhler in unserem Lande. Die entmuthigende 
Art, wie die naturwissenschaftlichen Studien in unseren alten 
Universitäten eingeführt sind, der Mangel an nothigen Fonds 
für die Dotation der Professoren, an Aufführung von geeig- 
neten Gebäuden und Versorgung mit Apparaten unserer 
neuern Institute, der Mangel einer Stiftung für Belohnungen 
für solche Schüler, welche mit Erfolg die Wissenschaft berei- 
chert haben, wirken natürlich sehr nachtheilig auf die Förde- 
rung des Studiums der Chemie. Während man in Heidel- 
berg, Zürich, Bonn, Berlin, Leipzig und Carlsruhe prachtvolle 
Gebäude sich erheben sah, überreich ausgestattet mit den 
neuesten Apparaten und zur Verfügung gestellt denen , die 
sich dem Studium der Chemie widmen, sind wir gezwungen, 
Unterricht zu ertheilen und Untersuchungen anzustellen in 
engen und ungeeigneten Gebäuden, ganz und gar ausser den 
Erfordernissen der heutigen Wissenschaft. Die grossen Sum- 
men, welche verausgabt wurden von den Regierungen Deutsch- 
lands und der Schweiz, beweisen hinreichend, welche natio- 
nale Wichtigkeit das Studium der Chemie erlangt hat. Das 
Laboratorium in Zürich kostet 250,000 Franken, das von 
Bonn 460,000 Fr., das von Leipzig, jetzt fast vollendet, 
300,000 Fr., endlich das in Ausführung begriffene Laboratorium 
in Berlin mit 70 Säälen, kostet mehr als eine Alillion. 

In Betreff der sehr entmuthigenden Bedingungen, unter 
welchen in unserem Lande Chemie studirt wird, darf man sich 
nicht darüber wundern, dass die Zahl der Forscher und die 
Menge der neuen Entdeckungen in diesem Gebiete keinen 
Vergleich aushalten können mit denen von begünstigteren 
I^ationen. Im Jahre 1866 wurden 1273 Abhandlungen von 
805 Chemikern veröffentlicht, was im Mittel 1,58 auf 
jeden Schriftsteller ausmacht. Unter dieser Zahl ist Deutsch- 
land mit 445 Schriftstellern und 777 Abhandhmgen , Frank- 
reich mit 170 Autoren und 245 Arbeiten, Grossbritannien 

Arch. d. Pharra. CLXXXVH. Bds. 1. u. 2. Hft. 7 



98 Frankland über die Fortschritte der Chemie. 

mit 95 Scliriftstellern und 127 Abhandlungen, endlich alle 
andern Ländern mit zusammen 93 Schriftstellern und 124 Ab- 
handlungen vertreten. 

Unser untergeordneter Rang ist noch grösser als es diese 
Ziffern bezeugen, denn eine beträchtliche Zahl von Arbeiten 
ist das Werk von Chemikern, welche in Deutschland geboren 
und erzogen sind, aber in unserem Lande wohnen. Ich weiss 
nicht, welches die Resultate des Vergleiches mit anderen Wis- 
senschaften sein würden, aber wenn die Stellung des ver- 
einigten Königreichs hierin sich ebenso verhalten würde, so 
würde dies wahrlich einer Nation, welche mehr wie jede 
andere so Bedeutendes den Entdeckungen der ISaturwissen- 
schaften verdankt, nicht zur Ehre gereichen, und dieses ein- 
zig in Eolge der Vernachlässigung in der Ausdehnung und 
der Ermunterung zu wissenschaftlichen Eorschungen. 

Diese nationale Gleichgültigkeit wird glücklicherweise 
von den Chemikern selbst nicht getheilt und das verflossene 
Jahr hat nicht ohne bedeutenden Zuwachs zum Schatze 
unserer Kenntnisse seinen Lauf vollendet. Der Director der 
Münze, Herr G-rant, hat seine ausgezeichneten Eorschungen 
über die Aufnahme der Gase durch Metalle fortgesetzt. 
Die Eigenthümlichkeit, welche verschiedene Metalle und beson- 
ders das Palladium besitzen, grosse Volumina gewisser Gase 
zu absorbiren, ist eine der interessantesten neuern Beobach- 
tungen; sie wird nicht verfehlen, Licht zu verbreiten in jene 
dunkle Klasse von Erscheinungen, ivelche auf den Grenzen 
des bekannten Gebietes der Chemie und der Cohäsionsat- 
traction liegen. — Verschiedene kosmische Erscheinungen, ebenso 
die Veränderungen im Thier- und Pflanzenleben, gehen zu 
langsam vor sich, um sie genauer studiren zu können. An- 
dererseits ist die Eolge der chemischen Reactionen im Allge- 
meinen zu rasch, um eine andere Beobachtung zuzulassen 
als die des Endresultates. Indessen die Herren Harcourt und 
Esson haben gezeigt, dass das Studium dieser Phase der 
ehem. Action interessante Resultate geben könne. Im Falle 
der Einwirkung der Oxalsäure auf Uebermangansäure und 
der Jodwasserstoffsäure auf Hydroxyl sind sie zu folgenden 
Schlüssen gelangt: 1) die Schnelhgkeit , mit welcher eine 
chemische Veränderung eintritt, ist constant in ihren Ver- 
hältnissen und unabhängig von der Zeit, welche verflossen 
ist, seit die Veränderung begonnen hat. 2) Wenn zwei oder 
mehre Substanzen auf einander einwirken, so ist die Quan- 
tität der Einwirkung direct proportional der Menge der Sub- 
stanz. 3) Sobald die Schnelligkeit irgend einer chemischen 



Frankland über die Fortschritte der Chemie. 99 

Veränderung bewirkt wird durch die Gregenwart einer anderen 
Substanz, welche selbst nicht Antheil genommen an der 
Reaction, so ist die Yerlangsamung oder Beschleunigung 
direct proportional der Menge der trägen Substanz. 4) Der 
Zusammenhang zwischen der Schnelligkeit einer chemischen 
Veränderung eines Körpers, welcher sich in einer Auflösung 
befindet, mit der Temperatur ist ein solcher, dass auf jeden 
Grad der Temperatur, welcher zuwächst, die Schnelligkeit um 
einen constanten Coefficienten vermehrt wird. — In der Mine- 
ralchemie hat ein thätiges Mitglied dieser Section uns 
einen ausgezeichneten Dienst erwiesen , indem er mit grosser 
Sorgfalt die Verbindungen des Vanadins revidirte. Die 
Untersuchungen des Professor R o s c o e haben zu der Ent- 
deckung gefuhrt, dass das Vanadin nicht, wie man früher 
glaubte, zur Gruppe des Schwefels, sondern zur Gruppe des 
Stickstoffs gehört. Sie haben gezeigt, dass das sogenannte 
Vanadinchlorid mit unbestimmter Dampfdichte ein normales 
Oxychlorür sei. Man wird ferner mit Interesse vernehmen, 
dass es gelungen, das Vanadium rein darzustellen und dass 
das Atomgewicht dieses Elements ihm eine Zwischenstell ang 
zwischen Phosphor und x\rsenik anweist. — Die Chemiker 
haben lange mit Bedauern die Mühe betrachtet, welche sich 
die Meteorologen geben, die Quantität des Ozons der Atmo- 
sphäre zu bestimmen, solange die Existenz des Ozons in der 
Luft nicht in einer sicheren Weise festzustellen war. Es 
ist desshalb sehr zufriedenstellend, dass Prof. Andrews, 
welcher über die Eigenthümlichkeit des Ozons soviel zu unse- 
rer Kenntniss brachte, nachwiess, dass die Beaction auf ozo- 
nometrisches Papier in der Entfernung von Städten dem Ozon 
wirklich zuzuschreiben ist. Die zahlreichen Beobachtungen 
so vieler Jahre werden dadurch einen Werth erlangen, wel- 
chen sie vorher nicht besassen. — Das analytische und syn- 
thetische Feld der organischen Chemie hat bedeutenden 
Zuwachs erhalten durch den Erfinder der Anilinfarben. — Herr 
Perkin hat seine interessanten Versuche über die Salicyl- 
reihe fortgesetzt und es ist ihm gelungen auch künstlich das 
Cumarin, das wohlriechende Princip der Tonkabohne und 
vieler analoger Substanzen, herzustellen. — Wir verdanken 
demselben Chemiker auch eine Arbeit über die wahrschein- 
liche Verschiedenheit zwischen den Aequivalen- 
ten der Formen des Kohlenstoffs, ein Gegenstand, 
welcher in Betreff der Isomerie die Aufmerksamkeit der 
Chemiker erregt hat. 



100 Frankland über die Fortschritte der Chemie. 

Die Herren Perkin und Duppa haben die Glyoxyl- 
säure, gewöhnlich erhalten aus der Dibrom essigsaure , einer 
neuen Untersuchung unterworfen, um ihre Zusammensetzung 
zu Studiren und sind zu dem Schlüsse gekommen, dass diese 
Säure identisch ist mit einer von jenen, welche Debus 
durch langsame Oxydation des Alkohols erhalten hat; sie 
haben die Thatsache nachgewiesen, dass 2 Halbmoleküle 
Hydroxyl sich verbinden können mit einem und demselben 
Atom Kohlenstoff. — Herr Maxwell Simpson hat seine Un- 
tersuchungen fortgesetzt über die Constitution der Bernstein- 
säure und die directe Umwandlung vonChloräthyljodür inGlykol. 

Die Herren Stenhouse und G r i e s s haben sich eben- 
falls um die organische Chemie verdient gemacht, erste- 
rer durch seine Untersuchungen über Chloranil, letzterer 
durch sein Studium der Einwirkung des Cyans auf die Amid- 
säuren. 

Die physiologische Chemie hat einen neuen Auf- 
schwung erhalten durch die wirklich instructiven Versuche 
der Herren Crum, Brown und Fräser über den Zusam- 
menhang zwischen chemischer Constitution und physiologischer 
Wirkung. Bunsen hat gezeigt, dass die Kakodylsäure, 
obgleich leicht löslich und 54 Procent Arsenik enthaltend, 
keine erheblich giftige Wirkung zeigt , wenn sie Thieren ein- 
gegeben wird ; zugleich hat Prof. L a n d o 1 1 nachgewiesen, 
dass die narkotischen Eigenschaften des Antimons verschwin- 
den bei den Salzen des Tetramethylantimons. Die Herren 
Crum, Brown und Eraser haben auch die Einwirkung 
des Methyljodürs auf Alkaloide z.B. auf Strychnin, Brucin, 
Thebain, Kodein, Morphin und Nicotin und die physiologische 
Wirkung der entstandenen Verbindungen studirt; sie sind zu 
dem Schlüsse gelangt, dass die physiologische Wirkung dieser 
methylirten Gifte an Intensität sehr abnimmt und ihren Charakter 
vollständig verändert. Ihre Erfahrungen haben noch zu dem 
wichtigen Schlüsse geführt, dass, sobald eine Nitrilbase eine 
analoge Wirkung wie Strychnin besitzt, die Salze der ent- 
sprechenden Ammoniakbasen eine dem Curare identische 
Wirkung besitzen. Man weiss sehr wohl, dass Curare und 
Strychnin von zu derselben Gattung gehörigen Pflanzen 
abstammen und so ist es interessant eine ähnliche physiolo- 
gische Verwandtschaft zu beobachten. Ausserdem haben die 
Versuche des Herrn Arthur Gumgee bezüglich der Wir- 
kung des Kohlenoxydgases auf das Blut ein Beispiel 
geliefert von der Anwendung der feinsten Versuche der ehem. 
Analyse auf physiologische Erscheinungen. 



Frankland über die Fortschritte der Chemie. 101 

Ich kann diese kurze und selir unvollkommene Zusam- 
menstellung der Fortschritte der Chemie in England während 
des verflossenen Jahres nicht beenden, ohne der Section Glück 
zu wünschen für die Vollendung des Wörterbuches der 
Chemie von Watts, eines Werkes von grossem Werthe für 
unsere Literatur Die Ausführlichkeit, die Genauigkeit und 
die Gleichförmigkeit der Zeichnungen in diesem grossen Werke 
geben Eeweis von dem Talente seines Verfassers. — 

Statistische Werke, welche die vergleichende ehem. Thä- 
tigkeit dieses und anderer Länder nachweisen, liefern eine 
genaue Uebersicht über das, was in fremden Ländern gesche- 
hen ist; ich kann mich nur auf 2 oder 3 namhafte Arbeiten 
beschränken, w^elche im Auslande während des verflossenen 
Jahres zur Ausführung kamen. 

In der Mineralchemie ist ein Fortschritt die Anwendung 
der Atomenlehre auf die Formeln der Mineralien in der neuen 
Ausgabe des AVerkes von Dana über Mineralogie, welches 
nicht verfehlen wird, in dieser Wissenschaft ebenso wichtige 
Resultate einzuführen, wie in der Chemie selbst. In der 
organischen Chemie verleiht die von A. W. Hofmann 
gemachte Entdeckung einer Reihe von Cyanverbindungen 
einen neuen Aufschwung den Forschungen über die Isomerie 
und sie wird für lange Zeit ein Zielpunkt des Studiums der 
organischen Chemie bleiben. Die jährlichen Erndten von 
synthetischen Arbeiten im Laboratorium des Prof. H. Kolbe 
haben wiederum reiche Ausbeute geliefert. Die directe Um- 
wandlung von wasserfreier Kohlensäure in Oxalsäure von 
H. Drechsel nimmt ihren Platz ein unter den glänzendsten 
Arbeiten dieser Art. — 

Die künstliche Darstellung des Neurins von Prof. 
Wurtz liefert ein Beispiel, mit welcher Genauigkeit die 
ehem. Reactionen vorherbestimmt werden können. — Die ato- 
mistische Theorie von D a 1 1 o n , entwickelt durch die Ato- 
menlehre selbst, nimmt unter dem ehem. Erscheinungen die 
Stellung ein, welche die Theorie der Gravitation in der Astro- 
nomie einnimmt. Nach einer langen Periode der Unentschie- 
denheit und Verwirrung bezüglich des Atomengewichts einer 
grossen Anzahl von Elementen, ist es angenehm, mittheilen 
zu können, dass gegenwärtig eine fast vollständige Ueber- 
einstimmung zwischen den Professoren der Chemie besteht. 
Es ist sehr zu bedauren, dass diese Einstimmigkeit sich nicht 
ausdehnt auf die Formeln und die Nomenclatur. Was diese 
letztere betrifi't, so besteht in Frankreich eine viel grössere 
Uebereinstimmung als in diesem Lande. Es ist wirklich sehr 



102 Geschichte des Ozons. 

ZU wünschen, dass man Versuche anstelle, um in diesem 
Punkte ein besseres Einvernehmen hervorzurufen. Für den 
Studirenden ist die Annahme einer allgemein bekannten 'No- 
menclatur von vielleicht grösserm Nutzen als die einer allge- 
mein angenommenen Formel. Für jetzt scheint die Einfüh- 
rung einer allgemeinen Formelbezeichnung unmöglich, aber 
mit einigen Zugeständnissen von Seiten der Coryphäen der 
Wissenschaft und noch mehr von Seiten der Schriftsteller 
"wird die Hoffnung sich aufrecht erhalten, eine Einheit der l^omen- 
clatur bei allen Chemikern erreicht zu sehen. (Frankland). 

R. Bender. 



II. ^nor^anisclie Cliemie. 



(jescliichte des Ozons. 

Im Jahre 1774 entdeckte Priestley den Sauerstoff, 
und bald beschäftigten sich mit den Wundern des neu gefun- 
denen Elements alle europäischen Chemiker. Ausser den 
solchergestalt hervorgerufenen Forschungen, die bestimmt 
waren, eine so edle Frucht zu tragen, wurde eine Menge 
abgesonderter Versuche angestellt, und einer von diesen war, 
nachdem man ihn genauer kennen gelernt, von der höchsten 
Wichtigkeit. Im Jahre 1785 gerieth van Mar um, der sich 
vorzugsweise dem Studium der Electricität widmete, auf den 
Gedanken, electrische Funken durch Sauerstoff 
gehen zu lassen, wahrscheinlich als ein blosses Versuchs- 
experiment, um zu sehen, was geschehen werde. Er fand, 
dass der Sauerstoff einen eigenthümlichen Ge- 
ruch erlangte und damit die Kraft, unmittelbar 
auf Quecksilber zu wirken. Er erhielt also Ozon; 
allein da die chemische Methode noch jung, so wurde durch 
den Versuch nur wenig wirkliche Kenntniss gewonnen. Der 
Geruch war der nämliche wie derjenige, den man in der Nähe 
einer in Thätigkeit befindlichen electrischen Maschine in der 
Luft beobachtete. Van Marum begnügte sich daher mit der 
Annahme, dass es der natürliche Geruch der „electrischen 
Materie" sei. In diesem Zustande blieb die Sache bis 1840, 
als Prof. Schönbein in Basel sie in die Hand nahm und 
bald eine Anzahl merkwürdiger Thatsachen ans Licht brachte. 
Er fand, dass sich die riechende Substanz durch mehre abge- 
sonderte Processe bilden lasse, dass sie in dem Sauerstoffgase 
vorhanden sei, welches man durch die Volta'sche Wasserzer- 



Geschichte des Ozons. 103 

Setzung" erhielt, und dass man sie sogar erzeugen könne 
ohne Mitwirkung von Electricität, durch lang- 
same Oxydation von Phosphor, oder, mit anderen 
Worten, dass, wenn ein Theil Sauerstoff durch Phosphor auf- 
gesaugt sei, ein anderer Theil stets sich in Ozon verwandele. 

Die Eigenschaften des Ozons, oder richtiger gesagt, des 
ozonisirten Sauerstoffs, wurden von Schönbein mit 
grosser Sorgfalt und vielem Scharfsinn studirt. Die bei wei- 
tem merkwürdigste dieser Eigenschaften ist, wie er fand, 
seine ausserordentlichoxydirende Kraft. Eine 
grosse Menge Substanzen, welche die Fähigkeit nicht besitzen 
sich unmittelbar mit Sauerstoff zu vereinigen, selbst nicht 
bei hoher Temperatur , werden augenblicklich von Ozon oxy- 
dirt und zwar nicht nur oxydirt, sondern zugleich in ihren 
höchsten bekannten Oxydatio nszustand erhoben; 
so z. B. das Silber. Aus demselben Grunde ist Ozon ein 
kräftiges Bleichungs- und D esinficirungsmittel, 
indem es in diesen Beziehungen eine so grosse Aehnlichkeit 
mit Chlor hat, dass Schönbein anfangs glaubte, es sei ein 
neues Analogen dieses Elements. Allein dies wider- 
legte sich durch die Thatsache, dass die durch die Vereini- 
gung von Ozon mit anderen Körpern entstandenen Verbindun- 
gen Oxyde waren, die in keiner Hinsicht von den durch 
andere Mittel erhaltenen Oxyden abwichen. Auf die thätige 
Oxydationskraft des Ozons gründete Schönbein eine 
höchst empfindliche Probe auf dasselbe. 

Die bekannte Bläuung des Stärkekleisters durch Jod 
kann nur durch freies Jod erlangt werden. Man kann 
Jodkalium mit Stärkekleister mischen , ohne die Erzeugung 
irgend einer Earbe, und der Sauerstoff der Luft ist durchaus 
nicht im Stande, das Jodkalium zu zersetzen, wogegen die 
kleinste Spur von Ozon augenblicklich die Zersetzung bewirkt; 
es entsteht Aetzkali und die Mischung wird der Bildung des 
Jodamylum wegen blau. Diese Mischung (Jodkalium - Klei- 
ster) wird, auf Papierstücke ausgebreitet, zum Ozonreactions- 
Papier, das jetzt so starke Verwendung findet, und die 
„Ozonometer" sind bloss Instrumente zur Begistrirung 
der Tiefe der Färbung, die sich dadurch erzeugt, dass man 
eines der Papiere eine gewisse Zeit lang einer gewissen 
Quantität Luft aussetzt. Die Angaben der Ozonometer sind 
bloss vergleichende, indem sie auf einer willkürlichen 
Scala von 1 bis 10 ausgedrückt sind. lieber die sonstigen 
Eigenschaften des Ozons kann man für jetzt mit wenig Wor- 
ten hinweggehen. Es ist unlöslich in Wasser und ohne 



104 Geschichte des Ozons. 

Einwirkung auf dasselbe. Es wird durch Hitze zer- 
stört — eine Temperatur, welche ungetahr gleich ist der 
von schmelzendem Zinn, reicht hin, es ganz in gewöhnlichen 
Sauerstoff zu verwandeln — und endlich wird es durch 
schwarzes Manganoxyd und einige andere Substanzen, die von 
ihm selbst nicht oxydirt werden, zerstört. 

Der erste Schritt zur wahren Theorie der Ozonbildung 
wurde von Marignac und de la E,ive gethan, welche 
bewiesen, dass Ozon kein anderes Element enthalte, als Sauer- 
stofl' und dass es sonach nur eine etwas geänderte, oder 
„allotropische" Eorm dieses Elementes sein könne. Im 
Jahre 1852 wurde eine andere wichtige Fortschrittsstufe von 
Becquerel und F r e m y erreicht , welche nicht nur die 
Schlussfolgerungen Marignacs und de la Eive's bestätigten, 
sondern auch zeigten, dass man durch die verlängerte 
Electricitätseinwirkung reinen Sauerstoff gänz- 
lich in Ozon verwandeln könne. Es ist wahr, dass 
diess nur geschehen kann, wenn das Ozon ebenso schnell 
aufgesaugt als erzeugt wird (wenn man z. B. die electrischen 
Funken durch eine über Quecksilber oder Jodkalium aufge- 
richtete Sauerstoffröhre hindurchziehen lässt) und dass man es 
bisher für unmöglich hielt, von gewöhnlichem Sauerstoff freies 
Ozon zu bereiten; allein die gänzliche Umwandlung ist dess- 
ungeachtet bedeutungsvoll für die wahre l^atur der Substanz. 

Im Jahre 1856 zeigte Dr. Andrews aufs Bündigste, 
dass Ozon immer eine und dieselbe Substanz sei, 
durch welches Verfahren man es auch bereite, 
und widerlegte endlich vollkommen die Beweisgründe, durch 
welche Williamson und Baumert darzuthun gesucht 
hatten, dass es ein dreifach oxydirter Wasserstoff sei. 

In einem Briefe an Faraday, d. d. 25. Juni 1858, wagte 
Schönbein, obgleich er die quantitativen Methoden, auf 
welche allein sich eine Theorie sicher gründen lässt, kaum 
berührte, doch die Aufstellung einer neuen Hypothese, der 
er seitdem treu geblieben und der es nie an Vertheidigern 
gefehlt hat, obwohl sie bestimmt und förmlich verworfen wor- 
den ist. Er nahm das Vorhandensein zweier verschie- 
dener und entgegengesetzter Arten von Sauer- 
stoff an, einer negativen und einer positiven Art. 
Die erstere — die durch Electricität, die Phosphoroxyda- 
tion u. s. w. erhaltene — nannte er fortdauernd Ozon, die 
letztere unterschied er als Antozon, und behauptete, dass 
gewöhnlicher oder neutraler Sauerstoff durch 
die Vereinigung beider Arten gebildet werde. 



Geschichte des Ozons. 105 

Von diesen hypothetischen Eestandtheilen des Sauerstoffs 
wurde ferner angenommen, dass sie in einer grossen Mannig- 
faltigkeit von Oxyden vorhanden seien. Diejenigen Oxyde, 
welche Ozon enthielten, wurden Ozonide genannt und zu 
denselben die höheren Oxyde des Mangans, Chroms und 
Eisens, so wie die Oxyde der Edelmetalle gezählt. Die ent- 
gegengesetzte Classe von Oxyden, die Antozonide, um- 
fassten die Dioxyde der Metalle der Alkalien und Erdalkalien, 
das Wasserstoffhyperoxyd und einige andere Substanzen. 
Diese scharfsinnige Hypothese war fast ganz auf den Um- 
stand gegründet, dass, wenn eines der sogenannten Ozo- 
nide unter passenden Bedingungen mit einem Antozo- 
nide gemischt wird, gewöhnlicher Sauerstoff ent- 
wickelt werde, indem Herrn Schönbein zufolge, das Ozon 
des einen sich mit dem Antozon des anderen verbinde. Ohne 
jedoch in Abrede stellen zu wollen, dass Schönbeins Hypo- 
these fähig ist , Thatsachen wie diese zu erklären , sind wir 
durch die Forschungen Sir B. C. Brodie's genöthigt zu 
glauben, dass sie sich ebenso befriedigend und einfacher 
durch eine Verweisung auf die gewöhnlichen Gresetze 
chemischer Veränderung erklären lassen. 

Die neuerlich ausser Zweifel gesetzte Dichtigkeit des 
Ozons ist überdiess ganz unverträglich mit der Schönbein- 
schen Hypothese, die man mit Stillschweigen hätte überge- 
hen können, nur bemerkend, dass immer noch eine beträcht- 
liche Anzahl Männer der Wissenschaft sich zu ihr bekennt. 

Wir kommen nun zu einer viel wichtigeren und achteren 
Anzahl von Entdeckungen. Im Jahre 1860 veröffentlichten 
Andrews und Tait in den „Philosophical Trans- 
actions" eine Abhandlung „über die vo lum etrischen 
Verhältnisse des Ozons (on the Volumetrie relations 
of ozone,") die als die wichtigste Denkschrift über den Ge- 
genstand betrachtet werden muss, welche seit der ursprüng- 
lichen Entdeckung Schönbeins erschienen ist. Sie fanden, 
dass während der Bildung des Ozons mittelst des Durchgangs 
der electrischen Entladung durch Sauerstoffgas eine Ver- 
dichtung stattfinde, dass sonach Ozon schwerer 
sein müsse als Sauerstoff. Der Betrag der Verdich- 
tung stand in directem Verhältniss zum Betrag des Ozons, 
das sich gebildet. Sie war am grössten, wenn die stille 
Entladung angewendet wurde, welche gleichfalls die grösste 
Menge Ozon entwickelte, in keinem Ealle aber ein Zwölftel 
des urspiünglichen Volumens des Sauerstoffs überschritt. Bei 
Erhitzung des Gases, welch das Ozon zerstörte, wurde 



106 GeschicMe des Ozons. 

das ursprüngliche Volumen genau wiederherge- 
stellt. Dann gingen sie daran, zu bestimmen , welche wei- 
tere Verdichtung durch die Entfernung des früher erzeug- 
ten Ozons mittelst Quecksilbers oder irgend eines anderen 
dasselbe absorbirenden Stoffes hervorgebracht werden könne. 
Diese zweite Verdichtung werde, vermutheten sie, das Volu- 
men des Ozons geben, welches vom Quecksilber aufgesaugt 
worden, und da man über seine Schwere leicht dadurch Ge- 
wissheit erhalten könne, dass man den Betrag finde, welchen 
das Quecksilber gewonnen hatte, so werde es auch leicht 
sein, die wirkliche Dichtigkeit des Ozons zu finden. Das Er- 
gebniss ist ein schlagendes Beispiel der Art und Weise, in 
welcher das Experiment oftmals der Hypothese widerspricht. 
Die Entfernung des Ozons änderte nicht im ge- 
ringsten das Volumen des Grases — : (Ein imaginäres 
Beispiel wird diess einleuchtender machen. Wir nehmen 
100 Kubikzoll Sauerstoffgas ; durch die Einwirkung der electri- 
schen Entladung wird dieses vermindert auf 92 K. -Z. ozoni- 
sirten Sauerstoffgases, welches wirklich eine Mischung von 
Ozon und Sauerstoff' ist. Nach Aufsaugung des Ozons durch 
Quecksilber bleiben noch übrig — 92 Kubikzoll Sauerstoff- 
gas), — so dass das Ozon überhaupt kein Volumen einzuneh- 
men und seine Dichtigkeit absolut unendlich zu sein schien. 
Dieses merkwürdige Experiment wurde von Andrews und 
Tait in mehren Formen wiederholt, das Ergebniss war aber 
stets das nämliche. Sie drückten selbst aufrichtig ihr Erstau- 
nen und ihre Verlegenheit über das Phänomen aus und 
waren sehr behutsam in ihren Versuchen es zu erklären. 

Bald indess ergoss sich neues Licht über dasselbe. Die 
Experimente waren zu schlagend und dabei zu sorgfältig vor- 
genommen worden, um lange unfruchtbar zu bleiben, und 
gerade die Absurdität, welche sie in sich zu schliessen 
schienen, brachte den scharfsinnigen Geist Odling's 
auf eine einfache Lösung des Problems. Um den Werth die- 
ser Lösung zu würdigen, darf man den theoretischen Begriff 
von der Natur der Gase nicht vergessen. Jedes Gas, 
sei es ein elementares oder ein zusammengesetztes, besteht 
aus winzigen Theilchen, Moleküle genannt. Die Moleküle 
aller Gase, ob nun elementar oder zusammengesetzt, haben 
eine gleiche Grösse, und bei derselben Temperatur und 
demselben Druck enthält ein gegebenes Volumen stets die 
nämliche Anzahl derselben. Daher werden alle Gase durch 
rein physische Operationen, wie z. B. durch Vermehrung oder 



Geschichte des Ozons. 107 

Yermmderung der Temperatur oder des Drucks, in gleicher 
AVeisse afficirt. 

Der Unterschied zwischen Gasen hängt ganz von der 
Natur, oder, so zu sagen, von der Structur der Moleküle 
ab. Die Moleküle sind in AYirklichkeit Anhäufungen oder 
Eündel von letzten untheilbaren Atomen. Die Natur, die 
Anzahl und die Anreihung der Atome in jedem Molekül 
bestimmen sein Gewicht und seine Eigenschaften. Elemen- 
tare Moleküle enthalten Atome von nur einer Art, indem 
die Anzahl in verschiedenen Elementen verschieden ist. So 
enthalten die Quecksilbermoleküle und einige andere Elemente 
nur ein Atom, die Moleküle von Wasserstoff, Sauerstoff, 
Kali u. s. w. zwei Atome, und die Moleküle von Phosphor 
und Arsen vier Atome. Die Moleküle zusammenge- 
setzter Gase enthalten zwei oder mehre verschie- 
dene Arten von Atomen, deren Gesammtzahl nur zwei 
sein, deren Summe aber auch sechzig oder achtzig, oder selbst 
mehr betragen kann. Die von den Chemikern gebrauchten 
Formeln sind jetzt stets so eingerichtet, dass sie ein Mole- 
kül jedes Elementes oder jeder Zusammensetzung bezeichnen, 
indem jedes Symbol ein Atom andeutet. So repräsentiren 
Hg, H^, 0^, P^ einzelne Moleküle von Quecksilberdampf, Was- 
serstoffgas, Sauerstoffgas und Phosphordampf, und HCl, H^O ^, H^N 
einzelne Moleküle von Chlorwasserstoffgas , Wasserdampf und 
Ammoniakgas. Die Hypothese ist natürlicherweise nur eine 
passende Erklärung wohlbekannter und zuverlässiger That- 
sachen, allein selbst wenn die Atomentheorie aufgegeben 
würde, könnten die Eormeln immer noch gebraucht werden, 
um Thatsachen auszudrücken. 

Dr. Odling's Ozontheorie lässt sich nun in sehr 
wenig Worten geben. Das S auerstoffmolekül enthält 
zwei Atome, das Ozonmolekül enthält deren drei, 
so dass die Bildung des letzteren Körpers einfach die Ver- 
dichtung des Sauerstoffs in zwei Dritttheile seines früheren 
Volumens bedeutet. Wie die Formel für Sauerstoff 0^ ist, 
so ist die für Ozon 0^, und seine oxydirende Kraft rührt von 
der Leichtigkeit her, womit jedes Molekül sein drittes Sauer- 
stoffatom verliert. Unter diesem Gesichtspunkte werden An- 
drew's und Tait's Ergebnisse bloss selbstverständliche Dinge, 
wie man an unserem früheren Beispiele leicht sehen kann. 
100 Kubikzoll Sauerstoffgas gaben 92 Kubikzoll ozonisirten 
Sauerstoff, weil 8 Kubikzoll sich mit 16 vereinigten, um 
16 Kubikzoll Ozon zu bilden. Wenn das Gas erhitzt wird, 
stellt sich das ursprüngliche Volumen wieder her, weil 



108 Geschichte des Ozons. 

die 16 Kubikzoll Ozon, 0^, 24 Kubikzoll Sauerstoff, 0^ 
liefern. 

Wird das Ozon durch Quecksilber aufgesogen, so ist es 
wirklich nur das dritte Atom, welches sich mit dem Quecksilber 
verbindet; die 16K.-Z. Ozon werden dabei zu 16K-Z. Sauerstoff 
und das Volumen bleibt unverändert. Diese schöne Hypothese 
war, obgleich sie vollkommen alle bekannten Thatsachen erklärte, 
doch nur eine Wahrscheinlichkeit. Ein Glied fehlte in der Be- 
weiskette, und gerade dieses Grlied ist es, w^elches Herr Soret 
(1865) durch ein glücklich ersonnenes Experiment ergänzt 
hat. Er entdeckte, dass, während die meisten Substanzen 
bloss das dritte Atom Sauerstoff vom Ozon entfernen, das 
Terpenthinöl die Fähigkeit besitzt, das ganze Ozon- 
molekül aufzusaugen. Wenn man die 92 K.-Z. ozoni- 
sirten Sauerstoffs in unserem imaginären Experiment, anstatt 
mit Quecksilber mit Terpenthinöl behandelte, so würde eine 
weisse Wolke erzeugt und man fände, dass der zurückblei- 
bende Sauerstoff ein Volumen von nur 76 K.-Z. einnähme. 
Die einzige mögliche Erklärung hier ist, dass die 92 K-Z. 
aus 16 Ozon, 0^, und 76 unveränderten Sauerstoff, 0^, bestan- 
den, und dass das erstere durch das Terpenthinöl ganz auf- 
gesaugt und in tropfbarflüssiger Form entfernt wurde. Es 
kann kaum ein Zweifel obwalten, dass dieses bestätigende 
Experiment die Frage bereinigt, und dass man die Natur des 
Ozons , so wie die Ursache seiner eigenthümlichen Kräfte 
hinfort als festgestellt betrachten wird. 

Ausgestattet mit dieser Kenntniss und einer sehr beträcht- 
lichen Masse werthvoller Belehrung über die Eigenschaften 
des Gases, können die Chemiker jetzt mit einigem Vertrauen 
an die sehr schwierige Frage über das Vorhandensein 
und dieFunctionen des Ozons in der Atmosphäre 
herantreten. Kaum sollte man es glauben — allein es ist 
dennoch wahr — erst in den letzten wenigen Monaten hat 
man bestimmt bewiesen, dass überhaupt Ozon in der Luft 
vorhanden ist. Schönbein fand im Jahre 1840, dass sein 
Reactionspapier blau wurde , wenn er es der Luft aussetzte, 
und er folgerte daraus, dass Ozon in derselben vorhanden 
sei. Hier war ein neues und leichtes Feld für wissen- 
schaftliche Entdeckungen! Beactionspapiere wurden aller- 
wärts der Luft ausgesetzt und zahllose Beobachtungen über 
den Betrag der Luft an Ozon aufgezeichnet. Unglücklicher 
AVeise aber haben einige radicale Fehler und Zweifel diesen 
wohlgemeinten Anstrengungen Eintrag gethan und der grössere 



Geschichte des Ozons. 109 

Theil derselben ist daher werthlos. Ozon ist keineswegs 
das einzige Gas, welches die Papiere afficirt. Concentrirte 
rauchende Salpetersäure, salpetrige Säure und 
Chlor haben eine gleiche Einwirkung auf dieselben, ja das 
Sonnenlicht allein ist im Stande die Zersetzung zu bewir- 
ken, selbst wenn das Papier in eine zugeschmolzene Eöhre 
eingeschlossen ist. Daher war es bei der grossen Mehrzahl 
der Forschungen ganz unmöglich zu sagen, ob die Färbung 
— und wenn irgend welche, wie viel davon — wirklich von 
Ozon herrühre (da jedenfalls salpetrige Säure in der Atmo- 
sphäre vorhanden ist). Selbst bei denjenigen Versuchen, bei 
denen man mit der grössten Umsicht und Sorgfalt allen Zwei- 
fel zu vermeiden suchte, w^ie bei den neusten Forschungen 
Dr. Daubeny's, blieb immer noch einige üngewissheit , so 
dass die vorsichtigeren Chemiker Bedenken trugen auszu- 
sprechen: Ozon sei ein Bestandtheil der Atmosphäre. 
Innerhalb der letzten Monate hat indessen Dr. Andrews, 
dem wir in dieser Beziehung bereits zu grossem Dank ver- 
pflichtet sind, der Königl. Societät die Ergebnisse einiger 
sorgfältigen Experimente mitgetheilt, welche zu beweisen 
scheinen, dass die beobachteten Wirkungen nur vom Ozon 
herrühren können. Der entscheidendste Beweis besteht in 
dem Durchgang der Luft durch eine massig er- 
hitzte Bohre, wodurch alle Spuren ihrer Kraft 
auf das Reactionspapier zerstört gefunden wurden. 
Was die Art und Weise der Erzeugung von Ozon 
in der Luft betrifft, so sind wir hierbei nur auf Wahrschein- 
lichkeiten angewiesen. Es kann kaum ein Zweifel obwalten, 
dass es in gewissem Maasse durch Einwirkung des 
Blitzes gebildet wird und dass dies möglicherweise die ein- 
zige Art seiner Erzeugung ist. So viel ist gewiss, dass 
Ozon in der Luft vorkommt und dass es, obgleich an Menge 
gering, seiner ausserordentlichen Thätigkeit halber wichtige 
Functionen in der Natur zu erfüllen haben muss. Allein 
gerade diese Gewissheit ist unglücklicherweise eine sprudelnde 
Quelle phantastischer Annahmen und blosser spe- 
culativer Muthmassungen gewesen , welche dem Fort- 
schritt wahrer Kenntnisse unendlichen Schaden gebracht 
haben. Einige haben behauptet, dass Ozon der Ansteckung 
Einhalt thue und die Keime epidemischer Krankheiten zer- 
störe; es ist höchst wahrscheinlich, dass solches der Fall ist 
und es ist gewiss, dass sein Vorhandensein unverträglich ist 
mit dem Vorhandensein vieler schädlicher Gase. Aber es ist 
nicht gewiss, dass Epidemien von schädlichen Gasen her- 



110 Ueber Trinkwasser - Analyse. 

rühren, und wenn sie, wie wahrscheinlicher, durch Sporen 
verbreitet werden , so haben wir noch zu beweisen , dass die 
winzige Spur von Ozon in der Luft auch im Stande ist, diese 
Sporen zu zerstören. Wir können es ebensowenig annehmen, als 
wir annehmen konnten, dass es Vögel tödtete. IS^och unbestimm- 
ter und unwahrscheinlicher ist die mehrfach geäusserte Meinung: 
dass ein Üeberschuss von Ozon in der Luft eine 
Wohlthat für uns sei. Man hört die Leute sagen: Man 
müsse ans Meeresgestade hinabgehen „ um etwas mehr Ozon 
zu bekommen," gerade als ob es nicht möghch wäre, dass 
eine etwas grössere Menge Ozon ihnen schaden statt nützen 
könnte, wenn sie es bekämen. In grosser Menge ist es 
sicher ein intensiv mächtiges reizendes Grift, und 
dass es in kleinen Quantitäten nützlich sei, ist vorläufig nur 
eine Yermuthung. 

Was die Meinung betrifft, dass es den Process der 
Blutoxydation unterstütze, so ist die Wahrscheinlich- 
keit eine ganz entgegengesetzte , denn es würde durch seine 
Energie viel wahrscheinlicher die Lunge zerstören, als dass 
es ruhig in das Blut überginge und die durch den sanf- 
teren Sauerstoff verrichtete Arbeit bewerkstelligte. Die 
einfache Thatsache ist, dass wir nahezu nichts über die- 
sen Zw^eig des Gegenstandes wissen, und wenn wir, statt 
aufs Grerathewoh-l zu muthmassen, daran gingen, einige der 
Dunkelheiten aufzuhellen, von denen er umgeben ist, oder 
ein wenig warteten, bis andere es für uns gethan, so würden 
wir eine viel vernünftigere und bescheidenere Bolle spielen. 
(Aus dem Intellectual Ohserver, im Ausla7id , vom 
9. April 1868.). Ä L. 



lieber Trinkwasser -Analyse. 

Die bisherigen Methoden zur Bestimmung der organi- 
schen Bestandtheile des Trinkwassers erklärt Frankland alle 
für ungenügend. Statt derselben bringt er ein Verfahren zur 
Anwendung, welches aus drei verschiedenen Operationen 
besteht. Die organische Materie wird nicht selbst dem Ge- 
wichte nach bestimmt, sondern zwei ihrer Bestandtheile, Stick- 
stoff und Kohlenstoff; dann bestimmt man den Gehalt an sal- 
petrigsauren und salpetersauren Salzen, endlich das Ammo- 
niak. Auf diese Weise ergiebt sich die Gesammtmenge des 



Ueber Trinkwasser - Analyse. 111 

im Wasser vorhandenen Stickstoffs, im Besonderen des durch 
Oxydation unschädlich gewordenen, imgleichen des noch der 
Päulniss fähigen, in organischer Verbindung vorhandenen 
Stickstoffs. 

Kohlenstoff und Stickstoff werden nach Art der organi- 
schen Elementaranalyse durch Verbrennung bestimmt. Da 
jedoch jedes Wasser kohlensaure Salze enthält, so muss die 
Kohlensäure derselben vorab beseitigt werden. Dies geschieht 
vermittelst schwefliger Säure, welche die Carbonate zersetzt, 
ohne auf organische Substanzen zerstörend einzuwirken. Da- 
gegen zersetzt sie vorhandene salpetersaure und salpetrig- 
saure Salze. Der Verdampfungsrückstand von einem mit 
schwefliger Säure versetzten Wasser enthält daher den Stick- 
stoff der organischen Substanz , so wie die vorhandenen Am- 
moniaksalze. Durch eine besondere Bestimmung der letztern 
und Subtraction des Besultats von der mittelst der Verbren- 
nung gefundenen Gesammtmenge erfährt man den Betrag des 
organischen Stickstoffs. 

Die Ausführung obiger Operationen geschieht nun folgen- 
dermassen: 1 Liter Wasser wird in einer Flasche, deren 
Mündung mit einem Uhrglase bedeckt ist, mit 15 CG. gesät- 
tigter, wässriger, schwefliger Säure einige Minuten zum Ko- 
chen erhitzt und dann in einem halbkugligen Glasgefässe 
vorsichtig zur Trockne abgedampft, wobei man gegen das 
Ende die Hitze kurze Zeit bis lÜO^ steigert. Mit dem Rück- 
stände mischt man hierauf eine kleine Quantität chromsaures 
Bleioxyd und bringt das Ganze in ein Verbrennungsrohr, mit 
Kupferoxyd nachfüllend so weit, dass nur für eine kurze Spi- 
rale reducirtes Kupfer Platz bleibt. Das offene Ende des 
Bohrs wird ausgezogen, zweimal im rechten Winkel gebogen 
und mittelst eines Kautschukrohrs mit dem Seitenrohr eines 
Sprengel'schen Vacuum- Apparats verbunden. ]5^achdem 
die atmosphärische Luft aus dem Verbrennungsrohr ausge- 
pumpt worden, wird die Verbrennung auf die gewöhnliche 
Weise vorgenommen und Kohlensäure und Stickstoff mittelst 
eines besonders dazu vom Verfasser construirten Apparats 
gemessen. 

Es bleibt noch die Bestimmung der salpetersauren und 
salpetrigsauren Salze übrig. Die vom Verfasser in Anwen- 
dung gebrachte Methode gründet sich auf Bildung von Stick- 
stoffoxydgas, welches gemessen wird. Dazu dient ein 8 Zoll 
langes Glasrohr, welches einen Zoll vom Ende in einen schmalen 




112 Verhalten der Überjodsauren Salze in höherer Temperatur. 

Hals ausgezogen ist. Durch diesen Hals geht ein 
Grlashahn. Man füllt das Rohr bis zu der Verenge- 
rung mit Quecksilber und stürzt es in eine Queck- 
silberwanne um. Der Verdampfungsrückstand des 
zu untersuchenden Wassers wird in den nach oben 
stehenden becherförmigen Ansatz des Eohrs gegos- 
sen und durch Oeffnen des Hahns auf das Queck- 
silber gelassen. Dann lässt man auf gleiche "Weise 
ein wenig concentrirte Schwefelsäure hinzutreten. 
Die E-eaction tritt nicht sogleich ein, wenn man aber 
das untere Ende des Kohrs mit dem Daumen ver- 
schliesst und das Ganze vorsichtig schüttelt, so 
fühlt man starken Druck von innen heraus, den 
man dadurch hebt, dass am Boden etwas Queck- 
silber heraus gelassen wird. Es findet nun bald 
eine Ansammlung von Gas im Rohre statt, nach 
zwei Stunden ist die Eeaction zu Ende. Darauf 
wird das Gas in dem vom Verfasser zu diesem 
Zwecke angegebenen Apparate gemessen. {Pkarmac. 
Journ. and Transact. Febr. 1868. See. Series. Vol. IX. 
Nr, VIIl P. 376.). 

Wp. 



lieber das Yerhalten der überjodsauren Salze in 
höherer Temperatur. 

C. Rammeisberg hat gefunden, dass manche Perjo- 
date bloss Sauerstoff entwickeln und neutrale Jodide hinter- 
lassen. Zu diesen gehören die normalen Salze einwerthiger 
Metalle, RJO*, welche sich in RJ und 0* zersetzen, d. h. die 
Salze von K,IS"a, Ag. Eine grosse Anzahl von Perjodaten ent- 
wickelt Sauerstoff und Jod , und es bleibt entweder reines 
oder fast reines Oxyd (Salze von Mg,]S"i) oder ein Gemenge 
von Jodid und Oxyd (Salze von Pb, Cu, Cd) zurück. Die 
Quecksilbersalze geben Jodid und Metall und die Ammoniak- 
salze zerfallen unter heftiger Detonation in J, N,0 und H^O. 

Von den halb - überjodsauren Salzen giebt nur das Sil- 
bersalz, Ag^J^O^ einen sauerstoiffreien Rückstand, indem ein 
Gemenge von AgJ und Ag resultirt. Die entsprechenden 
Salze von K und Na verlieren nur % ihres Sauerstoffs und 
geben R^J^O, welches entweder als 2RJ+R20 oder als 
ein Oxyjodür R^(J^,0) zu betrachten ist. Das Natriumsalz 



Untersuchungen üb. die ehem. Constitution d. Fluorverbindungen etc. 113 

giebt dieses Eesultat erst bei sehr hoher Temperatur, während 
das Glühen in Glasgefässen stets zu dem constanten Product 
Na'^J^O^ führt. Es sind also nur 2/3 des Sauerstoffs ausge- 
trieben worden. Magnus und Ammer müU er haben diese 
Natriumverbindung schon früher dargestellt und dieselbe als 
ein jodigsaures Natron mit Jodnatrium oder als ein 
unterjodigsaures Natron betrachtet. C. Ramme Is- 
berg's Versuche führen zu einer anderen Deutung der Na- 
tur dieses Salzes. Derselbe betrachtet dasselbe als eine Ver- 
bindung von 3 Mol. Jodnatrium und 1 Mol. eines fünfte 1- 
überjodsauren Natrons, denn: 

3NaJ + Na^JOe = 2(Na*J203). 
Es fallen nämlich Silbersalze aus seiner Lösung ein brau- 
nes Gemenge von Jodsilber und fünftel - überjodsaurem Silber- 
oxyd. Barytsalze fallen basisch über jodsauren Baryt 
und in der Flüssigkeit bleibt Jodbaryum. Bammelsberg 
ist nun der Ansicht, dass möglicherweise das Perjodat erst 
durch Berührung mit Wasser aus dem Glührückstande ent- 
steht, da die Annahme eines sehr basischen überjodsauren 
Salzes in dem Glührückstande schwierig sei. Auch ist früher 
von demselben Autor gezeigt worden , dass ein Gemisch von 
einem Jodür und einem Hyperoxyd nach dem Erhitzen ein 
Product giebt, in welchem ein fünftel -überjodsaures Salz nach- 
weisbar ist. Deshalb nimmt B. an, dass auch der Glührück- 
stand des halb -überjodsauren Natrons als 2NaJ -f- Na^O^ 
aufzufassen sei, wenn auch ein solches Hyperoxyd des Na- 
triums bis jetzt nicht bekannt ist. Bei der Einwirkung des 
Wassers entsteht aus NaJ 4- 2Na20^ die Verbindung Na^JO^. 
Von den Perjodaten des Lithions ist das normale LiJO* mit 
dem Ag-,Am- und Na -Salz isomorph. Das halb-überjod- 
saure Lithion Li^J^O^ -f- 3aq. giebt beim Glühen Jod, und 
Li^JO*». Dieser Glührückstand verhält sich in Auflösung wie 
fünftel -überjodsaures Lithion, allein auch hier nimmt B. an, 
dass derselbe aus LiJ4-2Li^O^ bestehe und sich bei Berührung 
mit Wasser in Perjodat umsetze. Das Lithionsalz verhält sich 
genau so wie das Baryt - , Strontian - und Kalksalz. {Bericht 
der Deutschen Chemischen Gesellschaft Juni 1868.). Seh. 



Untersuchungen über die ehemisclie Constitution der 
Fluorverlbindungen und über die Abscheidung des 

Fluors Ton Prat. 

Dumas berichtet darüber an den Präsidenten der Aca- 
demie und trägt darauf an, dass die Prat 'sehe Abhandlung 

Arch. d. Pharm. CLXXXVII. Bds. 1. u. 2, Hft. 8 



114 Untersuchungen üb. die cliem. Constitution d. Fluorverbindungen etc. 

einer Commission zur Prüfung übergeben werde, in deren 
Beisein Herr Prat seine Versuche wiederholen solle. Herr 
P r a t glaubt, dass man sich bisher über die Zusammensetzung 
der Fluorverbindungen und die Eluortheorie im Irrthum befun- 
den habe. Er betrachtet die zeitherigen Fluorüre als Oxy- 
fluorüre, nimmt folglich auch das Aequivalent des Fluors 
weit höher an, als man bisher gethan. Er drückt die Zusam- 
mensetzung des Elussspathes (des sogenannten Fluorcalcium) 
aus durch: in 100 Theilen: 

2 Aequivalente Calcium == 40,0 — 51,5 Proc. 



1 Aequivalent Sauerstoff = 8,0 
1 Aeq. des neuen Eluors =29 



;J -48,5 



77,6 100,0 „ 

Verdoppelt man das alte Aequivalent des Eluors (E = 
19), so hat man 38, d.h. nahezu die Summe der Aequiva- 
lente = 8 und F = 29,6 nemlich 37,5. 

Um nach Prat das neue Eluor zu erhalten, muss man 
das Eluorcalcium mit überchlorsaurem Kali erhitzen. Es ent- 
wickelt sich Sauerstoffgas und ein durch Silber absorbir- 
bares Product. Das so gebildete Eluor silber ist unlös- 
lich in Wasser, löslich in Ammoniak, aus welcher Lö- 
sung es durch NO^ gefällt wird. Durch Licht ändert es sich 
noch rascher als Chlorsilber. Chlor und Sauerstoff wirken 
nicht darauf, selbst nicht auf die schmelzende Verbin- 
dung. Durch Aetzkali wird es bei Eothgluht zersetzt; es 
besteht aus 

1 Aeq. Silber = 108,0 = 0,785 
1 Aeq. Eluor = 29,6 = 0,215 

137,6 1,000. 

Dieses Eluorsilber (unlösslich und sehr beständig) hat 
viel Aehnlichkeit mit dem Chlorsilber und den Silberverbin- 
dungen der übrigen Halogene. Das bisher sogenannte Eluor- 
silber (löslich und unbeständig) hat nach Prat die Eormel 
AgO,AgE (wasserfrei); das wasserhaltige = AgO,HO,A gE. 

Vermischt man die Fluorwasserstoffsäure der Chemiker 
in verdünnter Lösung mit wässriger unterchloriger Säure, so 
erhält man das Eluorchlorid ECl, nach der Grleichung (HO,HE) 
+ CIO = ECl + 2H0. Das Fluorchlorid ist gasförmig, 
von intensiverer Farbe als Chlorgas; es verwandelt das Sil- 
ber in ein Gemenge von AgCl und AgF. 

Nach Prat erhält man das Fluor auch durch Erhitzung 
des Fluorkaliums der Chemiker (1 Thl.) mit Salpeter (5 Th.) 
oder mit Manganhyperoxyd (3 Th.). Es entweichen Sauerstoff 



Untersuchungen üb. die ehem. Constitution d. Fluorverbindungen etc. 115 

und Fluor. Man muss in einer Platinretorte erhitzen. Das 
SauerstofFgas entzieht man dem Gemenge durch Stücken 
erhitzten Baryts. 

Das Fluor ist gasförmig, beinahe farblos, von chlor- 
ähnlichem Geruch; es giebt an der Luft einen sichtbaren 
Eauch, ist unverbrennlich , schwerer als Luft. Es entfärbt 
Indigo, röthet und entfärbt dann das Lackmuspapier. 

Ammoniak giebt mit Fluor in Berührung Nebel und zeigt 
noch Spuren desselben an. Das Fluor zersetzt das Wasser 
auf der Stelle und bei gewöhnl. Temperatur. Es verbindet 
sich mit dem Wasserstoff im zerstreuten Lichte. 

Das Fluor zersetzt das Chlorwasserstoffgas; es treibt 
Brom und Jod aus ihren Verbindungen. 

Es vereinigt sich mit Bor und Siliciiim, mit allen Metallen 
der 5 ersten Ordnungen; im Betreff seines Verhalten gegen 
Gold und Platin müssen neue Untersuchungen angestellt 
werden. 

Dumas schliesst seinen Bericht: Ich habe hier das 
Characteristische und Wesentliche der Arbeit des Hrn. Prat 
hervorgehoben. Schon vor längerer Zeit hat er mir die ersten 
Resultate derselben mitgetheilt und sehe ich, dass er diese 
Studien fortsetzt, wie ich ihm gerathen, ohne sich allzu sehr 
zu beeilen, die Aufmerksamkeit der Chemiker auf dieselben 
zu lenken. Ich bin weit entfernt zu behaupten, dass man die 
Ansicht des Hrn. Prat ohne Discussion annehmen könne und 
dass seine Versuche nicht eine andere Deutung zulassen. Es 
wäre leicht in den Untersuchungen Marignac's und vieler 
anderer Chemiker Gründe für Zweifel aufzufinden. Aber die 
Verknüpfung der Thatsachen, die geduldigen Studien, welche 
sie den Augen ihres Urhebers evident erscheinen lassen, die 
Reserve, mit welcher er seine Arbeiten mittheilt, nehmen 
mich für ihn ein und bestimmen mich eine Commission zu 
verlangen, welche aufgefordert werde, ihre Meinung darüber 
auszusprechen. 

So sehr ich auch wünsche, dass er richtig beobachtet 
habe und dass durch ihn das Problem des Fluors endlich 
gelöst w^erde, so lange die Thatsachen, auf welche Hr. 
Prat sich stützt, nicht controlirt worden sind, enthalte ich 
mich jeden Ausspruchs und reservire mir meine Meinung. 
{Journ. d. I*harm, et de Chim. Odobre 1867.). 

Ueber Versuche von Cillis, welche gegen die Prat' sehe 
Ansicht sprechen, folgt in der Kürze eine Mittheilung. H, L. 

~ ~ 8* 



116 Explosion von schlagenden Wettern etc. — Anzünden v. Holzkohlen. 

Explosion TOii schlagenden Wettern in einem Schiffe. 

Merkwürdig und lehrreich ist der nachstehende Fall, 
welcher den Beweis liefert, dass selbst ausserhalb eines Berg- 
werkes lagernde Steinkohlen noch so viel Grrubengas 
aushauchen können, dass bei dessen Entzündung Explosionen 
entstehen. Derselbe ereignete sich im März 1868 zu Char- 
leroi in Belgien auf einem am Kai der Briquetten - Fabrik von 
Gosselies - Coreilles liegenden, mit fetten Steinkohlen bela- 
denen Schiffe. Die Frau des Schiffers versuchte in der Ca- 
jüte früh des Morgens mit einem Streichhölzchen Licht zu 
machen, hatte aber kaum eine Flamme damit erzielt, als die 
Cajüte durch eine Explosion auseinanderflog und kein Nagel an 
derselben sitzen blieb. Das Gesicht der Frau war eine Brand- 
wunde, doch hatte sie die Augen erhalten. Ihr auch in der 
Cajüte befindlich gewesener kleiner Sohn erhielt eine grosse 
Verbrennung an einem Beine. Die Verletzungen von Mutter 
und Sohn sind indess nicht lebensgefährlich. Die Trümmer 
der Cajüte wurden durch die Explosion ziemlich weit vom 
Ufer geworfen. Die von den Steinkohlen ausgehauchten Gase 
hatten sich in der Nacht in der dichtverschlossenen Kammer 
aus dem Schiffsräume so stark angesammelt und am Feuer 
entzündet; die Explosion war davon die Folge. (Ueber die 
Explosion eines schlagenden Wetters am Bord eines englischen 
Schraubendampfers berichtete das Ausland 1867. S. 864.). 
Diese Fälle mahnen zur Vorsicht bei der Lagerung von Stein- 
kohlen, besonders der fetten, in eingeschlossenen Bäumen. 
Licht und Feuer müssen davon entfernt gehalten werden. 
{Ausland, vom 9. April 1868. Nr. 15. S. 359.). H. L. 



Ueher das Anzünden Ton Holzli^ohlen. 

Wie sich hinsichtlich der Entzündlichkeit zwischen Coaks 
und Holzkohlen ein grosser Unterschied zu erkennen giebt, 
so zeigen auch wieder die Holzkohlen unter einander, je 
nach Abstammung von einen mehr oder weniger harten Holze, 
die grössten Verschiedenheiten. Die lockere Nadelholzkohle 
entzündet sich weit leichter, als die harte Buchenholzkohle. 
Der klingende Character der Kohle dient im Allgemeinen als 
Kennzeichen ihrer Härte und Schwerentzündlichkeit. Die 
sogen. Bäckerkohle ist am leichtesten entzündlich, da sie von 
Nadelholz kommt und ausnehmend locker ist. Auch die beim 



Kohlensäuregebalt der Seeluft. — Lithium carbonicum aus Lepidolitb. 117 

gewöhnlichen Holzfeuer des Ofens oder Küchenheerdes zurück- 
bleibende Kohle zeichnet sich durch leichte Brennbarkeit aus. 
Ein Stückchen Bäckerkohle an eine brennende Kerze gehal- 
ten, kommt sofort ins Glimmen und entzündet schnell eine 
grössere Menge Kohlen. In Ermangelung solcher Kohlen 
bringt man ein Eeuer mit schwerbrennenden Buchenholzkoh- 
len in der gewöhnl. Kohlenpfanne sehr schnell zu Wege, wenn 
man die untersten Kohlenstücke vorher mit Spiritus 
begiesst und durchtränkt; man reicht mit ganz wenig davon 
aus. Im Zeitraum einer Minute, zumal wenn man ein etwa 
1 Fuss hohes Blechrohr auf die Kohlenpfanne stellt, gelangt 
deren ganzer Inhalt ins Glühen. {Badische Gewerhezeitung 
1867, S. 197 ; Polyt NotizUatt Nr. 2. 1868.). H. L. 



Kohlensäuregelialt der Seeluft. 

E. Thorpe hat die Seeluft auf der irischen See und 
auf dem atlantischen Ocean untersucht und ist durch 77 ange- 
stellte Versuche zu dem Resultate gelangt, dass die Seeluft 
im Durchschnitt 3 Vol. Kohlensäure in 10000 Baumtheilen 
enthält, dass dieses Verhältniss in verschiedenen Breitegra- 
den, sowie auch zu verschiedenen Jahreszeiten nahezu constant 
ist und keinen bemerklichen täglichen Schwankungen unter- 
liegt. Auf dem Lande wechselt die Menge von Kohlensäure 
beträchtlich und schwankt zwischen 2,5 und 8 Baumtheilen 
in 10000 Luft. 

Aus den Versuchen geht ferner hervor, dass das Meer 
nicht dazu beiträgt, den Kohlensäuregehalt der Luft zu ver- 
grössern, sondern dass im Gegentheil die Seeluft weniger 
Kohlensäure enthält als die Landluft, indem das Wasser Koh- 
lensäure aus der Luft aufnimmt, {Ännalen d. Ch. u. Vharm. 
CXLV, 94 — lOi.). G. 



Lithium carbonicum aus Lepidolith. 

Nach St. Mierzinski werden 25 Pfd. fein gepulverter 
Lepidolith mit 30 Pfd. engl. Schwefelsäure gut gemischt und 
24 Stunden digerirt, sodann in einem Tiegel oder im Calci- 
nirofen so lange geschmolzen, bis alle überschüssige SO^ aus- 
getrieben ist. Die rückständige Masse wird in heissem destil- 
lirten Wasser gelöst, wobei die Kieselsäure im pulverförmigen 



118 Die grosse Lichtintensität d. im Sauerstoffgase verbrennend. Magnesium. 

Zustande zurückbleibt und als solche verwerthet werden kann. 
Von den in der Lösung befindlichen Easen werden AI ^0 ^ u. Fe ^0 ^, 
sowie Spuren von MnO durch H^JS" ausgefällt. Die vom Nie- 
derschlage abfiltrirte Flüssigkeit wird mit Chlorbaryum 
behandelt, und es wird der gefällte schwefelsaure Baryt als 
B 1 a n c fix verwerthet. Die davon abfiltrirte Flüssigkeit enthält 
Chlorlithium , Chlorkalium (und Chlorammonium). Sie wird in 
einem emaillirten Kessel bis zur Trockne verdampft und mit 
rectificirtem Weingeist digerirt; das Chlorlithium geht in Lö- 
sung, das Chlorkalium bleibt ungelöst. 

Nach dreimaligem Digeriren, was unter häufigem Um- 
rühren geschieht, ist alles LiCl gelöst und wird der Wein- 
geist davon abdestillirt. Die syrupdicke Lösung des Chlor- 
lithium wird mit kohlensaurem Ammoniak gefällt, der Nie- 
derschlag wiederholt mit Weingeist gewaschen und getrock- 
net. {Zeüschr. d. allg. österr. Äpoih. - Vereins 1868. Nr. 3. 
S. 53.). H. L. 



Die grosse Lichtintensität des im Sauerstoffgase 
yerbrennenden Magnesium 

zeigt man nach E,. Böttger, indem man ein dünnes Magne- 
siumband in vielen Windungen um einen Eisenstab wickelt, 
die Spirale dann vom Eisenkern abzieht, am Ende mit einer 
Scheere zuspitzt, auf dieses zugespitzte Ende ein Stückchen 
Zündschwamm schiebt, diesen anzündet und dann die Spirale 
in ein mit Sauerstofi'gas angefülltes etwas geräumiges Glas 
einsenkt. Die plötzliche auftretende Hitze des mit unerträg- 
lich blendend weissem Lichte verbrennenden Magnesium ist 
so gross, dass das Glasgefäss in den meisten Fällen (doch 
auf gefahrlose Weise) zerspringt. {Polytechn. Notizblatt 
Nr. 11. 1868. S. 176). 

H. L. 



119 



IIT. Organisclie Clieraie 
im ^llgeraeinen und Pliytoclieraie. 



Uelber die zum Färben dienenden Kreiizdornbeeren 

(Baccae Spinae cervinae, Glraines des Nerpruns tineto- 

riaux) in cliemischer und industrieller Hinsielit 

Ton Lefort. 

Mit dem Namen „Gelbbeeren" bezeichnet man im Han- 
del und in der Wissenschaft die Früchte mehrer Rhamnus- 
arten, deren Farbstoff zum Gelbfärben von Baumwollen-, 
Seiden- und Wollengeweben dient. Die graines d'Avi- 
gnon stammen von dem, in dürren Landstrichen des südlichen 
Frankreichs wachsenden Rhamnus infectoria; die graines de 
Perse, de Turquie, d'Espagne, de Moree stammen von 
Rhamnus saxatilis, oleoides, amygdalina; sie sind in physikali- 
schen Eigenschaften und im Handelswerthe von einander ver- 
schieden. Andere zu den Rhamneen gehörigen Gewächse geben 
Früchte, die sich von den vorigen wesentlich durch auf die 
Sinne wirkende (organoleptische) Charaktere unterscheiden ; 
die chemischen Eigenschaften sind bei den meisten dieselben, 
so liefert z. B. Rhamnus cathartica purgirende Früchte, die 
auch zur Darstellung des Saftgrüns dienen. 

Die Gelbbeeren und die Früchte von Rhamnus cathar- 
tica sind oft Gegenstand sehr eingehender, aber einander sehr 
widersprechender chemischer Untersuchungen gewesen. 

1840 machte Fleury bekannt, dass, wenn man den 
Pressrückstand der Beeren von Rhamnus cathartica zum Sie- 
den erhitzt, die Flüssigkeit beim Erkalten eine gelbe, blu- 
menkohlähnlich krystallisirende Substanz absetzt, die er 
R h a m n i n nennt , deren physikalische und chemische Eigen- 
schaften er angiebt, aber nicht die Elementarformel. 

1843 veröffentlichte Kane seine Untersuchungen über 
die Farbstoffe der graines de Perse; er erhielt durch 
Aether eine goldgelbe Substanz, das Chrysorhamnin = 
Q24j£iiQii^ und eine andere ebenso gefärbte Substanz, Xan- 



120 üeber die zum Färben dienenden Kreuzdornbeeren. 

thorhamnin = C^^H^^Qi*^ ein Derivat des erstem durch 
.Berührung mit Luft. 

1853 fand Buchner in der Wurzelrinde von Bham- 
nus Erangula das Bhamnoxanthin. Grellaty konnte 1866 
Kane's Chrysorhamnin nicht isoliren, erhielt aber durch Be- 
handlung der graines de Perse und d'Avignon mit Alkohol 
und Aether als einen in Wasser und Alkohol löslichen Grrund- 
farbestoff das Xanthorhamnin = C^^Hi^Oi^ + 5H0 
und eine zweite in Wasser, Alkohol und Aether fast unlös- 
liche Substanz, dargestellt durch Erhitzen des Xanthorhamnins 
mit Schwefelsäure, welche er E-hamnetin nennt = C ^ ^H ^0 ^. 

Bolley entzog 1866 denselben Beeren einen in Nadel- 
sternen krystallisirten Körper von mehr als zweifelhafter Rein- 
heit, denn seine Elementaranalysen ergaben weit von einan- 
der entfernte Zahlen. Der von ihm aus den graines de Perse 
erhaltene Stoff erschien ihm identisch mit Quercetin; er 
kommt zu dem Schluss , dass Kane's Chrysorhamnin , Gella- 
ty's Bhamnetin und Quercetin (C^^H^O^^) dasselbe seien. 

1861 untersuchte Ortlieb dieselben Beeren und isolirte 
durch siedendes Wasser mehre Substanzen, unter welchen er 
Eleury's Rhamnin wieder findet. Den einen Körper nennt er 
Oxyrhamninhydrat = C^^H^O^^, den andern Eham- 
ninhydrat = C^^H^O^^, einen dritten Farbstoff B h a m n i n 
= C^^H^O^, der sich nach langem Kochen der Gelbbeeren mit 
Wasser neben Zucker abscheidet. 

Schützenberger und B erteche erhielten 1865 durch 
Behandeln einer Abkochung der graines de Perse mit Schwe- 
felsäure in der Wärme einen flockigen gelben Körper, der 
durch Alkohol und Aether gereinigt in Körnern und endlich 
in schön goldgelben Nadeln krystallisirte. Sie nennen densel- 
ben Chrysorhamnin; es ist dieselbe Substanz, die wir 
gegenwärtig Bhamnin nennen, nach den genannten Unter- 
suchern = C^^H^O^, fast mit der Formel Lefort's überein- 
stimmend. 

Nach dieser historischen Uebersicht geht Lefort zu sei- 
nen Untersuchungen über. 

Die meisten diesen Gegenstand bearbeitenden Chemiker 
haben zur Isolirung des Farbstoffs sich des A e t h e r s bedient ; 
dieser löst aber, ohne die beabsichtigte Wirkung zu haben, 
eine grosse Menge grünes Harz, welches die Aussenseite der 
Beeren bedeckt, und welches schwierig zu umgehen ist, da 
es sich ebenso in starkem Alkohol löst. Benutzt man Was- 
ser und Alkohol, und den Aether nur zur Reinigung der 
schon erhaltenen Farbstoffe, so erhält man nach Lefort von allen 



lieber die zum Färben dienenden Kreuzdornbeeren. 121 

Yarietäten der Gelbbeeren gleichmässig zwei Hauptfarbstoffe in 
relativ beträchtlicher Menge , die im ganzen Verlaufe der sehr 
umfänglichen Arbeit Ehamnegin und Ehamnin genannt 
werden. Beide sind stickstofffrei und neutral , verschieden in 
ihrem Verhalten zu Wasser, und völligisomer. Das ßhamnin 
scheint durch eine Molecularveränderung während des Reifens 
der Früchte aus dem Rhamnegin hervorzugehen, ebenso kann 
diese Umbildung durch chemische Einflüsse hervorgerufen 
werden. 

Die frischen oder getrockneten Beeren von Rhamnus 
cathartica enthalten gleichmässig eine grosse Menge Rham- 
nin, welches mit dem aus andern Rhamnusarten erhaltenen 
identisch ist, aber die Gegenwart der Farbstoffe und anderer 
Substanzen dieser Früchte, und die Schierigkeit alles in Was- 
ser Lösliche abzuscheiden, hat das Rhamnegin nicht mit Sicher- 
heit erkennen lassen. Doch die Betrachtung, dass Rhamnin 
aus Rhamnegin entsteht, lässt die Annahme zu, dass das 
letztere ebenfalls m allen Arten Gelbbeeren enthalten sei. 

Das Rhamnegin. 

Das Rhamnegin ist in den Gelbbeeren der hauptsächlichste 
wenn nicht der einzige im Wasser leicht lösliche Farbstoff, während 
Rhamnin darin schwer löslich ist. Um es darzustellen bringt 
man in einen im Sand- oder Wasserbade stehenden Ballon 
3 Th. Alkohol von 90*^ und 1 Th. abgesiebtes Pulver der 
graines de Perse oder graines d'Avignon. !N^ach mehrstündiger 
Digestion wird filtrirt ; das Filtrat ist stark gelbbraun gefärbt, 
und enthält viel Rhamnegin, wenig Rhamnin, grünes Harz, 
gährungsfähigen Zucker und verschiedene andere Stoffe von 
untergeordneter Bedeutung. Nach 12 stündiger Ruhe wird 
abermals filtrirt; es hat sich das in heissem Alkohol lösliche 
Rhamnin zum grössten Theile abgesetzt. Das Filtrat überlässt 
man in Glas - oder Porzellan schalen, leicht mit Papier bedeckt, 
der Verdunstung in einem Räume, dessen Temperatur nicht 
über 15 ^C. sein darf. Xach mindestens 5 bis 6 Tagen haben 
sich am Boden und an den Wänden der Schalen mehr oder 
weniger gelb gefärbte Krystallkrusten und Körner abgesetzt, 
die in Massen vereinigt Blumenkohl ähneln, unter dem Mi- 
kroskope bei starker Vergrösserung aber gelbliche, durch- 
sichtige, prismatische Tafeln mit quadratischer Grundfläche 
zeigen. Das sich absetzende Rhamnegin beträgt etwa 57o ^^^ 
Gewichte des Gelbbeerenpulvers. Aus der syrupartigen Mut- 
terlauge, die noch viel Rhamnegin enthält, entfernt, wird der 



122 üeber die zum Färben dienenden Kreuzdornbeeren, 

Krystallabsatz in starkem Alkohol vertheilt, der in der Kälte 
fast nichts löst und mehrmals durch Decantiren gewaschen, bis 
der Alkohol farblos abläuft, darauf wird durch Aether gerei- 
nigt, der etwas Harz auszieht. 

Das Hhamnegin hält den Alkohol sehr hartnäckig 
zurück, so dass dasselbe, nach dem Auspressen zwischen 
Fliesspapier und vor der Behandlung mit Aether in den 
Trockenofen gestellt, zerfliesst; wäscht man jedoch sorgfältig 
mit Aether, so verdrängt dieser den Alkohol, und man kann 
das Rhamnegin ohne Zerfliessen vollständig zwischen Papier 
bei 120^ trocknen. Es ist nun hell citronengelb , ohne Geruch 
und Geschmack, ohne Wirkung auf blaues und rothes Lack- 
muspapier, leicht löslich in kaltem Wasser, welches damit 
beim Schütteln schäumt, jedoch krystallisirt der Farbstoff aus 
diesem Vehikel bei keiner Concentration. Kalter starker Al- 
kohol wirkt wenig auf Hhamnegin, in der Wärme tritt sehr 
schnell Lösung ein, über Schwefelsäure verdunstet, bilden 
sich leicht Krystalle. Aether und Schwefelkohlenstoff lösen 
nur wenig. Kali, l^atron, Ammoniak, Earyt und Kalk lösen das 
Ehamnegin vollständig und bilden gelbröthliche, lebhaft gefärbte, 
nicht krystallisirbare Lösungen, die sich an der Luft schnell 
bräunen. Operirt man unter Alkohol, so setzen sich dieselben 
Verbindungen als braune, schmierige, an der Luft sehr 
veränderliche Massen ab, die sich nur schwierig isoliren und 
analysiren lassen. 

Concentrirte Salpetersäure zerstört schnell das Ehamne- 
gin unter lebhaft rother Färbung; mit sehr verdünnten und 
erwärmten Flüssigkeiten wird dabei Ehamnin gebildet. Con- 
centrirte Schwefelsäure und gepulvertes Ehamnegin geben 
eine lebhaft rothe Lösung; wird diese durch Wasser verdünnt, 
filtrirt, durch Kreide gesättigt und Bierhefe zugesetzt, so ent- 
wickelt sich keine Kohlensäure, so dass demnach das Eham- 
negin kein Glykosid ist. 

Die löslichen alkalischen Carbonate färben Ehamneginlö- 
sungen lebhaft gelb, ebenso gewisse Neutralsalze, wie Alaun, 
wovon das Nähere weiter unten bei Färberei mit Gelbbeeren 
angegeben werden wird. Concentrirte wässrige Lösungen 
geben mit alkoholischer Lösung von basisch essigsaurem Bleioxyd 
schön orangerothe Niederschläge, löslich in Wasser und von be- 
stimmter Zusammensetzung. Mit alkoholischer Lösung von neu- 
tralem und basisch essigsaurem Kupferoxyd erhält man bräun- 
lich gelbe, in Wasser lösliche Niederschläge von constanter 
Zusammensetzung. Eisenoxydul- und Oxydsalzc färben wäss- 
rige oder alkoholische Ehamneginlösungen dunkelgelbgrün. 



Ueber die zum Färben dienenden Kreiizdornbeeren. 123 

Diese Reaction ist für Färber wichtig, die sich hüten müssen, 
zur Gelbbeerenküpe eisenhaltiges Wasser oder dergleichen 
Alaun, noch auch eiserne Geräthe anzuwenden. 

Mit Chlorplatin scheint Rhamnegin keine bestimmte Ver- 
bindung einzugehen; es entstand nach Mischung beider Sub- 
stanzen über Schwefelsäure nur eine schmierige braune Masse 
mit sehr geringen Spuren von Krystallisation. Alkoholische 
Rhamneginlösung reducirt Silbernitrat. Zucker ist nicht vor- 
handen und lässt sich weder durch Gährung, noch durch die 
Trommer'sche Probe nachweisen. 

Die Elementaranalyse des bei 120<^ getrockneten Rham- 
neffins ergab in 100 Theilen: 

I. II. 

C 52,97 52,38 
H 6,11 6,18 
40,92 41,44 

der Formel entsprechend C^^ 52,94 

H» 5,88 oder Ci^H^O^ -j- 2H0 
7 41,18 

100,00 
(wenn C = 6, H = 1, = 8). 

In den Metallverbindungen ersetzt 1 Aeq. Metalloxyd 
immer 2 Aeq. Wasser. 

I. n. 

Bleiverbindung: erhaltenes Bleioxyd 48,80 49,09 
Die Formel Ci^H^Os + PbO verlangt PbO 48,59 — 

I. II. 
Kupferverbindung: erhalten. Kupferoxyd 25,17 25,76 
Die Formel C^m^O^ + CuO verlangt CuO 25,10 — 
Diese Analysen bestätigen die Formel des Rhamnegins 

und finden sich weiter bestätigt durch die Untersuchung des 

Rhamnins und seiner Verbindungen. 

Das Rhamnin. 

Das in allen Gelbbeeren enthaltene Rhamnin ist Ort- 
lieb's Rhamnin , Gellaty's Rhamnetin , Schützenberger's und 
Berteche's Chrysorhamnin. Nach Fleury's Methode durch 
Auskochen der Pressrückstände darstellbares Rhamnin wird 
am schönsten und reichlichsten erhalten aus den graines de 
Perse, dann aus graines d'Avignon. Die andern Arten geben 
nur stark gefärbte Abkochungen mit sehr wenig Rhamnin. 
In einer alten, fast schwarzen Probe von graines d'Espagne 
waren Rhamnegin und Rhamnin völlig verschwunden. 



124 lieber die zum Färben dienenden Kreuzdombeeren. 

Zur Darstellung des Ehamnins werden die Beeren grob 
zerstossen, um die Fruchthüllen abzusondern, ohne die nur fet- 
tes Oel enthaltenden Samen zu zerbrechen. Das Pulver wird 
mit destillirtem Wasser in eine grosse Porzellanschale gebracht 
und etwa eine Stunde damit erhitzt. Wenn man graines de 
Perse von guter Qualität in Arbeit hat, so bläht sich die Masse 
auf und nimmt eine lebhaft citronengelbe Farbe an in Folge 
der Abscheidung von Rhamnin und seiner Wasseraufnahme, 
während das Ehamnegin in der Mutterlauge bleibt. Man 
bringt das Granze auf ein enges Haarsieb und wäscht 
den Absatz mit kaltem Wasser, welches alles Rhamnin als 
kleine, schön goldgelbe, perlmutterglänzende Blättchen 
aufnimmt. Die trübe ablaufende Flüssigkeit enthält Rham- 
nin in Suspension und Rhamnegin in Lösung, welches 
man auf sehr einfache Weise in Rhamnin verwandelt. Man 
mischt das zum Auskochen des Pulvers bestimmte Wasser 
mit ^/gQ Volumen Schwefelsäure, Salpetersäure oder Salzsäure, 
um diese Umwandlung auszuführen und die Ausbeute an 
Rhamnin zu vergrössern. Nach einigen Stunden hat sich alles 
Rhamnin am Boden des Gefasses abgesetzt; es wird mehr- 
mals durch Decantiren gewaschen und im Trockenschranke 
getrocknet. Um dieses rohe Präparat zu reinigen , behandelt 
man es mit siedendem Alkohol von 90^, der es leicht löst, 
aber beim Erkalten einen grossen Theil wieder abscheidet. 
Es wird so eine je nach dem Alter der Beeren grössere 
oder geringere Menge eines braunen Farbstoffs entfernt. Dem 
siedenden Alkohol wird Thierkohle zugefügt, die auf die 
eigenthümliche gelbe Farbe des Rhamnins ohne Einfluss ist. 
N'ach mehren Reinigungen mit Alkohol und mehren Wa- 
schungen mit Aether, um das Harz zu entfernen, krystallisirt 
das Rhamnin blumenkohlartig aus absolutem Alkohol, unter 
dem Mikroskope als gelbe, durchsichtige prismatische Tafeln 
mit quadratischer Basis erscheinend. 

Das Rhamnin ist citronengelb oder leicht bräunlich gelb, 
je nach der Art der ange^vandten Beeren und der Reinigungs- 
methode, doch ist die Farbe immer viel lebhafter als die des 
Rhamnegins. Obgleich in kaltem Wasser kaum löslich, färbt 
es dasselbe doch blassgelb, in der Wärme ist es löslich in 
absolutem Alkohol, der beim Erkalten nur 2,5% ^^ Lösung 
hält, unlöslich in Aether und Schwefelkohlenstoff, leicht löslich 
in Aetzalkalicn und erdigen Oxyden mit gelbrother Farbe, 
daraus nicht krystallisirbar ; absoluter Alkohol fällt daraus 
braune, schmierige Massen , die sich an der Luft leicht ver- 
ändern und sich in Wasser leicht lösen. 



üeber die zum Färben dienenden Kreuzdornbeeren. 125 

Auf Zusatz einer Mineralsäure zu den alkalischen Rham- 
ninlösungen fällt Rhamnin als eine dem Kieselerdehydrat oder 
gallertartigem Pectin ähnliche Masse. In älter die Lösung 
ist, um so weniger fallt daraus, indem so ein grosser Theil 
des Rhamnins in eine braune, in Wasser lösliche Verbindung 
umgewandelt wird. Salpetersäure färbt es lebhaft roth, jedoch 
nicht in sehr verdünnten Lösungen; concentrirte Schwefelsäure 
und gepulvertes Rhamnin geben eine lebhaft rothe Lösung, 
w^elche in Wasser vertheilt, filtrirt, um gefälltes Rhamnin 
abzusondern, mit Kreide gesättigt und mit Hefe in einen 
Gährungsapparat gebracht, keine Kohlensäure entwickelt; also 
ist auch Rhamnin kein Glykosid. Rhamnin und Rhamnegin 
scheinen in dieser Hinsicht dem Alizarin, Indigotin und Lu- 
teolin nahe zu stehen. 

Weniger löslich ist Rhamnin in kohlensauren Alkalien 
als in ätzenden , bildet jedoch mit ersteren stark rothgelb 
gefärbte Lösungen, die später durch Lufteinfluss braungelb 
werden. In absolutem Alkohol gelöst, entsteht mit basisch 
essigsaurem Bleioxyd ein schön zinnoberrother Niederschlag, 
löslich in Wasser und von bestimmter Zusammensetzung. 
Mit neutralem oder basisch essigsaurem Kupferoxyd entsteht 
unter gleichen Umständen und mit denselben Eigenschaften 
ein dunkelbrauner !f^iederschlag. Wässrige und alkoholische 
Rhamninlösungen färben Eisenoxydul- und Eisenoxydsalzlö- 
sungen schmutzig grün, reduciren Silbernitrat und geben mit 
Chlorplatin nicht krystallisirbare Verbindungen. 

Die Elementaranalyse des bei 120^ getrockneten Rham- 
nins ergab: 

Rhamnin aus Rhamnin aus 

graines de Perse. Rhamnus cathartica. 
C 52,97 52,40 

H 5,89 6,05 

41,14 41,55 

100,00 100,00. 

der Formel Ci2ii(i05 4-2HO entsprechend, also mit Rhamne- 
gin isomer. 

Bleiverbindung: erhaltenes Bleioxyd 48,89. 
Die Eormel Ci^HeO^ + PbO verlangt PbO 48,59. 
Kupferverbindung: erhaltenes Ku- 
pferoxyd 25,61. 
Die Formel C^^ueos^-CuO verlangt CuO 25,10. 



126 Ueber die zum Färben dienenden Kreuzdornbeeren. 

Ehamnegin und Khamnin , bis auf ihr verschiedenes Ver- 
halten zu Wasser identisch, verhalten sich in den Gelbbeeren 
wie Stärke und Cellulose derselben Pflanze, die atomisch ver- 
schieden gruppirt, der Zahl der Elemente nach identisch 
sind. Wie auch andere organische Steife während der Ent- 
wickelung der Pflanze Veränderungen erfahren, ebenso ver- 
wandelt sich Rhamnegin leicht in Rhamnin. Die Umwand- 
lung erfolgt, abgesehn von dem Vegetationsprozesse auch 
unter folgenden Umständen: 

1) Behandelt man von zwei gleichen Theilen Gelbbeeren- 
pulver den einen mit starkem siedenden Alkohol, so entzieht 
man alles Rhamnegin, der Eiickstand giebt an siedendes Was- 
ser nur kleine Mengen Rhamnin ab. Wendet man dagegen 
gleich auf den andern Theil des Pulvers siedendes Wasser 
an, so erhält man eine grosse Menge Rhamnin, Ehamnegin 
findet man in der Abkochung nur in geringer Menge. Also 
durch Einwirkung von Wasser, Wärme, sauren oder andern 
in den graines de Perse normal enthaltenen Stoffen wird 
Ehamnegin in Ehamnin verwandelt. Man könnte eine Bil- 
dung von Ehamneginhydrat annehmen, dem ist aber nicht so, 
denn reines, krystallisirtes Ehamnegin mit destillirtem Was- 
ser erhitzt, giebt kein Ehamnin, vertheilt man es aber in 
einer Abkochung von Gelbbeeren, so findet die Umwandlung 
durch die eigenthümlichen Bestandtheile der Beeren, viel- 
leicht durch eine organische Säure statt. 

2) Alkoholisches Extract in destillirtem Wasser gelöst 
und erhitzt, giebt kein Ehamnin , fügt man aber einige Tropfen 
Mineralsäure hinzu, so trübt sich die Mischung und das Eham- 
negin wird zu Ehamnin. Dieser Versuch ergänzt und bestä- 
tigt theilweise den ersteren. 

3) Schützt man eine dunkelbraune Abkochung von grai- 
nes de Perse lange Zeit vor Luftzutritt, so wird sie gelb 
und setzt einen gelben Earbstoff" ab, unlöslich in Wasser, 
löslich in absolutem Alkohol. Man hat dies durch ein in der 
Abkochung enthaltenes Ferment erklären wollen, welches den 
Earbstoff" unter Zuckerbildung zerlege, was mit den Beobach- 
tungen Lefort's nicht übereinstimmt. Das E^hamnin bildet 
sich allein unter Einfluss einer vegetabilischen Säure, die in 
den Abkochungen der Gelbbeeren nach einiger Zeit entsteht, 
Lackmus wird in einer frischen Abkochung nur wenig verän- 
dert, in einer alten dagegen stark geröthet. 

4) Eeines, in destillirtem Wasser gelöstes Ehamnegin 
bildet beim Kochen mit einigen Tropfen Mineralsäure Ehamnin 
von schön goldgelber Farbe ohne Zuckerbildung und nur durch 



Ueber die zum Färben dienenden Kreuzdornbeeren. 127 

TJmlagerung der Molecüle, denn man erhält bis auf ein in 
dem Vehikel gelöstes Minimum ebenso viel Ehamnin als man 
Rhamnegin zu dem Versuche ange^vandt hat. 

5) An Rhamnegin sehr reiche Beeren geben 4 — 6^0 
Rhamnin beim Kochen mit einigen Tropfen Mineralsäure; 
man wäscht dasselbe, trocknet und löst in siedendem Alko- 
hol, dem man Thierkohle zusetzt, um den braunen Stoff zu 
entfernen, der sich immer bei der künstlichen Dai;stellung 
des Rhamnins bildet. 

Das Rhamnin wird vielleicht einst vortheilhafte Verwen- 
dung in der Färberei finden. Nach Pichon in Aix kann man 
das Rhamnin von Rhamnus cathartica ohne Beize in den Ge- 
weben fixiren. 

Rhamnegin bildet mit alkalischen und erdigen Oxyden, 
ebenso mit gewissen Metalloxyden Lösungen und JS^iederschläge 
von lebhaft gelber, sehr schöner Farbe so mit Bleioxyd. Mit 
Alaun bildet Rhamnegin dunkelgelbe Lösungen. Diese 
Reaction enthüllt uns die Theorie der Färberei mit Grelbbee- 
ren, und wahrscheinlich ist es das Rhamnegin, welches in den 
Färbeküpen die Farbe giebt, durch ein Beizmittel avivirt wird 
und sich in den Geweben niederschlägt, nicht das Rhamnin, 
wie man a priori annehmen könnte. Diese Reaction bestä- 
tigt ferner eine Beobachtung von Persoz in Bezug auf die 
Darstellung der Färbeküpen mit graines de Perse. Er schlägt 
vor, statt die Stofi'e mit Alaun zu beizen, solle man die Gelb- 
beeren mit Wasser infundiren, welches eine Quantität Alaun 
gelöst enthält, der in die Farbe eingehe; oder noch besser, 
man solle in die Abkochung Alaun bringen oder Bleizucker, 
wodurch man ein reineres Gelb erhalte. Man fixirt so das 
durch Alaun a\ävirte Rhamnegin und hat es unter Bedingun- 
gen in die Gewebe gebracht, unter welchen man eine unlös- 
liche, dem Waschen widerstehende Verbindung erhalten hat. 

Das Schüttgelb, welches man durch Vertheilen von 
Kreide in einer Alaun haltigen Abkochung von graines de Perse 
oder d'Avignon erhält, verdankt seine rein gelbe, gleichmässige 
Farbe der Mischung wenn nicht der Verbindung des kohlen- 
sauren Kalkes mit dem durch Alaun avivirten Rhamnegin. 

Die graines de Perse sind in der Färberei die geschätz- 
testen. Sie werden in Kleinasien gesammelt, das General- 
depot ist Smyrna, von wo die Beeren theils nach Marseille, 
theils nach England verschifft werden. Die Einfuhr nach 
Frankreich betrug 1862 — 1864 jährlich im Mittel 100,000 Ki- 
logramme. 



128 lieber die zum Färben dienenden Kreuzdornbeeren. 

In Bezug auf die Färbekraft sind die nächst besten die 
graines d'Avignon, die der Handel von Paris aus Montpellier 
bezieht. Nach sichern Angaben werden die Beeren im Departe- 
ment Yaucluse seit langer Zeit nicht mehr gesammelt. Fast 
alles in der Färberei verwandte Material kommt aus dem 
Departement du Gard, wo man die Pflanze nicht besonders 
cultivirt. 

Die vergleichende Untersuchung beider Varietäten, das 
Verfahren, ihre Farbstoffe zu isoliren, hat gezeigt, dass, wenn 
Bhamnus infectoria cultivirt würde und man die Friichte 
zu geeigneter Zeit sammelte, die graines d'Avignon die 
graines de Perse vortheilhaft ersetzen könnten, die von Asien 
importirt werden und eine verhältnissmässig hohe Summe 
kosten. Unter dem Namen graines d'Avignon gehen auch 
oft graines d'Espagne und de Valachie, die bei Weitem nicht 
solche Färbekraft haben. Die graines de Moree, de Bessarabie 
und d'Adrianople trifft man nur ausnahmsweise in den Dro- 
guerien an. 

Die Gelbbeeren sind am w^erth vollsten, wenn sie zu gün- 
stiger Zeit gesammelt sind. Sind sie frisch und von guter 
Qualität, so haben sie eine grünlichgelbe Farbe; braune oder 
schwärzliche Farbe zeigt von grossem Alter oder davon, dass 
die Beeren lange nach der Eeife geerntet sind. Im letzten 
Falle geben sie stark gefärbte Abkochungen, das Bhamnegin 
ist vermindert und das Bhamnin ist bräunlich gelb, welche 
Färbung allein durch Kohle verschwindet. Das Bhamnin 
guter graines de Perse und graines d'Avignon ist stets reich- 
lich vorhanden und von citronengelber Farbe. 

Das Bhamnegin ist der wesentliche gelbe Farbstoff der 
Gelbbeeren ; bei dem Behandeln derselben mit siedendem Was- 
ser, um die Küpe darzustellen, wird ein grosser Theil dessel- 
desselben zu Bhamnin, was ein Verlust für den Färber ist; 
deshalb versuchte Lefort, durch Alkohol ein rohes Bhamnegin 
darzustellen, jedoch rein genug, um zur Bereitung der Küpe 
dienen zu können. In dem alkoholisch - wässrigen Extract ist 
alles Ehamnegin enthalten. Die Darstellung der Farbestoff- 
extracte von Wau, Quercitron, Campecheholz, Orseille ist ein 
eigener Industriezweig geworden, der immer mehr an Bedeu- 
tung gewinnt. Behandelt man Gelbbeerenpulver mit Alkohol 
von 50^ in der Wärme, so erhält man eine gelblich braune 
Tinctur, die in einem besondern Apparate bis zur Extract- 
consistenz eingedampft, eine braune, in Wasser leicht lösliche 
Masse bildet, die sich beim Kochen mit Wasser nicht mehr in 
Bhamnin verwandelt. Das Extract beträgt mehr als ^4 ^^^r 



Unterschiede in d. anscheinend gleichen Verhalten d. Morphins etc. 129 

angewandten Beeren und bildet in siedendem Alaunwasser 
gelöst eine Küpe, die von leicht bestimmbarem Gehalte und 
den besten Abkochungen gleich ist. 

Das in grosser Menge in den Abkochungsresten blei- 
bende Rhamnin werfen die Färber als unbrauchbar fort, weil 
sie es nicht abscheiden können. Seine Fixirung auf Gewebe 
ist ohne Schwierigkeit und bildet eine hellere Nuance als das 
Rhamnegin. Das in einer kleinen Menge Ammoniak gelöste 
und mit Wasser verdünnte Rhamnin giebt eine Küpe von 
beträchtlicher Färbekraft mit bräunlich gelber Farbe, die durch 
Eintauchen in durch Salzsäure angesäuertes Wasser blassgelb 
wird. Die Säure sättigt das Alkali, leistet den Dienst der 
Beitze und fixirt das Bhamnin in unlöslichem Zustande 
in die Gewebe, aus welchen es durch kein Waschen zu ent- 
fernen ist. (Jourfi. de Hiarm. ei de Chim.). R. 



Unterschiede in dem anscheinend gleichen Verhalten 

des Morphins einerseits und der Präparate aus Oe- 

würznelken oder Pimentkörnern andrerseits gegen 

Salpetersäure und Eiscnclilorid ; nach Fane. 

Die Gewürznelken (von Caryophyllus aroraaticus, Fam. 
Myrtaceae) enthalten äther. Oel, Gerbsäure, Harz, Extractiv- 
stofFe etc. Salpetersäure röthet den Aufguss derselben, Eisen- 
chlorid bläut ihn und das Gewürznelkenöl verhält sich gegen 
NO^ und Fe^Cl^ ebenso. Das Nämliche gilt von dem Aufgusse 
und der Essenz der Pimentkörner (Myrtus Pimenta). Auch 
Morphinlösungen zeigen dieselben Beactionen, bei welchen 
sich indessen folgende Unterschiede bemerklich machen. 

Verhalten der Salpetersäure gegen: 

Morphin. Gewürznelken. 

1) M. färbt sich durch NO ^ 1«) Gewürznelkenöl 

rasch roth; doch geht die Fär- wird durch NO^ granatroth, 
bung, namentlich bei Verdün- diese Färbung ist eine dauernde ; 
nung binnen 1 — 2 Stunden l/?)Gewürznelkena uf- 

erst in Orange, dann in Gelb guss reagirt wie Morphin, 
über. doch tiefer; die rothe Farbe 

verschwindet sofort wieder; 

1 /) Gewürznelkenölmit 
Wasser geschüttelt färbt sich 
durch NO^ gelbroth. 

Arch. d. Pharm. CLXXXVII. Bds. 1. ü. 2. Hft. 9 



130 lieber das Concliinln. 

2) Chlorcalcium zu der sal- 2) Grewürznelkenpräparate 
petersauren Morphinlösuug ge- verhalten sich unter gleichen 
setzt entfärbt dieselbe am Lichte Umständen ebenso; die Mi- 
vollständig", schung wird jedoch durch Son- 
nenlicht nur blassgelb. 

Verhalten des Eisenchlorids gegen 

Morphin. Gre würznelken. 

3) Ee^CP giebt mit Mor- Fe^Cl^ giebt 
phinlösung eine blaue Fär- 3 a) mit alkohol. Lösung von 
bung, welche nach einigen G. IST. Oel eine stundenlang 
Stunden in Blassgrün übergeht, bestehende grüne Färbung, 

Sß) mit wässriger Mi- 
schung d. Gr. N. Oels eine 
gelbe, in Braun übergehende 
Färbung, und 

Sy) mit Gr. N. Infus um 
olivengrüne Färbung mit star- 
kem Niederschlag. 
Pimentkörner (Sem. Amomi). 

Ihr Infusum sowohl, so wie das äther. Oel derselben 
färbt sich mit NO^ blutroth mit einem Stich ins Rosenrothe; 
beim Aufguss spielt das Roth mehr ins Gelbliche. Das Ver- 
halten dem Fe^Cl^ gegenüber ist das beim Gewürznelkenöl 
angegebene. 

Mit Recht hebt Chevallier als in die Augen sprin- 
gende Unterschiede des Morphins und der genannten Myrta- 
ceen - Producte die Geruchlosigkeit des Morphin's und 
das Nichteintreten der wichtigen Jodsäure- 
reaction bei den Gewürznelken- und Pimentkörner - Präpa- 
raten hervor: Doch ergiebt sich hieraus, dass man bei forensisch - 
chemischen Untersuchungen nicht mit Anstellung w^eniger, 
anscheinend auch noch so charakteristischer Reactionen sich 
beruhigen darf. {Journ. d. chim. mHicale. Odobre 1867. 
jp. 512, daraus in Zeüschr. f. d. gesammt. Naturwissenscli. 
März 1868. S. 233—234.). H. L. 



lieber das Conehinin. 

Mit diesem Namen bezeichnet 0. Hesse eine Chinabase, 
welche mit Chlor und Ammoniak dieselbe grüne Färbung 
giebt wie das Chinin, auch mit demselben isomer ist, sich aber 



TTeber das Conctinin. 131 

im Uebrigen den Cinchonin nähert. Da nun ferner das natür- 
liche Vorkommen dieser Base auf eine nahe Beziehung der- 
selben zum Cinchonin hinweist, so hat 0. Hesse diesem 
früher Pitoyin, Chinidin, ß - Chinidin, ß - Chinin, B - Chinin, kry- 
stallisirtes Chinoidin und Cinchotin genannten Alkaloid obigen 
Namen gegeben, welcher durch Versetzen der beiden ersten 
Vocale in dem Worte „Cinchonin" erhalten wurde. 

Das Conchinin lenkt gleich dem Cinchonin die Polari- 
sationsebene nach rechts ab und bildet mit Bechtsweinsäure 
ein leicht lösliches neutrales Salz, welches durch verdünnte 
Seignettesalzlösung nicht gefällt wird. Das Cinchonin verhält 
sich ganz so wie das Conchinin, während Chinin und Chinidin 
die Polarisationsebene nach links drehen, mit Rechtsweinsäure 
schwerlösliche neutrale Salze bilden, die unlöslich in verdünn- 
ter Seignettesalzlösung sind. Aus einer neutralen Salzlösung 
dieser vier Alkaloide werden somit durch verdünnte Seignet- 
tesalzlösung die linksdrehenden Alkaloide gefällt, während die 
rechtsdrehenden Basen in Lösung bleiben. Vermischt man 
ferner die verdünnte Lösung der letzteren Basen mit Jodka- 
liumlösung, so wird nur das Conchinin gefällt. — Andere 
Basen als die genannten finden sich nicht in den sogenann- 
ten Fabrikrinden vor; es wäre denn, dass die Binde beim 
Einsammeln, Transport etc. Schaden gelitten hätte, in wel- 
chem Falle die amorphen Modificationen dieser Basen auf- 
treten. 

Das Conchinin findet sich in jeder Fabrikrinde vor, 
besonders aber in den Pitoyarinden , die es bis zu 1,6^0 
enthalten. In dem Chinoidin findet es sich in solcher erheb- 
lichen Menge vor, dass diese Substanz als das beste Mate- 
rial zur Conchinin bereitung empfohlen werden kann. Die Ge- 
winnung des Conchinins aus dem Chinoidin ist folgende: 

Man schüttelt das gepulverte Chinoidin mit der acht- 
fachen Menge Aether, giesst nach dem Absetzen des Pulvers 
den Aether ab und wiederholt diese Operation nach Bedarf, 
filtrirt die gesammte Aethermenge, destillirt den Aether ab 
und löst den Bückstand in verdünnter Schwefelsäure. Die in 
der Wärme genau mit Ammoniak neutralisirte Lösung wird 
mit Seignettesalzlösung vermischt, bis kein krystallinischer 
Niederschlag mehr entsteht. Dieser aus Chinin- und Chinidin- 
tartrat bestehende Niederschlag wird mit verdünnt. Seignette- 
salzlösung ausgewachsen, das Filtrat mit Thierkohle behandelt 
und die erwärmte und verdünnte Lösung mit der genügenden 
Menge Jodkaliumlösung vermischt, worauf beim Erkalten der 
Lösung milchige Trübung derselben, bald jedoch die Abschei- 

9* 



132 Ueber das Conchinin. 

düng eines krystallinischen Pulvers, des Conchininjodürs, 
erfolgt. Den I^iedersclilag sammelt man, wäscht ihn mit Was- 
ser aus und scheidet daraus mittelst Ammoniak das Alkaloid 
ab, welches man an verdünnte Essigsäure überführt. Die 
neutralisirte Lösung entfärbt man mit Thierkohle, schlägt mit 
Ammoniak die Base nieder, die man durch IJmkrystalhsiren 
aus heissem Alkohol reinigt. Das Conchinin scheidet sich 
aus heissem Alkohol beim Erkalten in grossen vierseitigen, 
glänzenden Prismen ab; welche sehr leicht verwittern. Das 
Conchinin hat die Formel C^QÜ^i^^^i} schmilzt bei 168^ C. 
zu einer farblosen Flüssigkeit, welche beim Erkalten krystal- 
linisch erstarrt. Mit Chlor und Ammoniak giebt seine alko- 
holische Lösung eine eben so intensiv grüne Färbung wie 
das Chinin; auch besitzen die sauren wässerigen Lösungen, 
besonders verdünnt, blaue Fluorescenz. 

Mit Wasser scheint das Conchinin mehre Hydrate zu bil- 
den, nämlich C40H24N2O4' ^^0 und €^^1124^^2^4.^ '^^^■ 
Säuren bilden mit dem Conchinin meist gut krystallisirte 
Yerbindungen , welche den entsprechenden Cinchoninsalzen 
näher stehen als den Chininsalzen. 

Neutrales salzsaures Conchinin 

040^24^2 04,HC1 H- 2H0 
ist unter den entsprechenden vSalzen der übrigen Chinaalka- 
loide am schwersten in kaltem Wasser löslich, die verdünnte 
wässerige Lösung dieses Conchinin - Chlorhydrats mit HCl 
angesäuert, giebt mit Platinsolution vermischt einen eigelben 
Niederschlag, der aus 

C4oH24N204,2HCl + 2PtCl2 + 2H0 
besteht. Mit JodwasserstofFsäure bildet das Conchinin zwei 
Salze. Das neutrale Jodür hat die Formel C4oH24^2^4'S'^? 
das saure ist nach der Formel C4qH24N2 04,2HJ -j- 6H0 
zusammengesetzt. 

Letzteres krystallisirt in schönen grossen goldglänzenden 
Prismen, wenn die angesäuerte erwärmte Lösung des Bisul- 
fats mit Jodkalium vermischt wird. 0. Hesse hat eine ganze 
Reihe von Salzen des Conchinins dargestellt. Unter diesen 
Salzen ist das neutrale schwefelsaure Conchinin, 

2C4oH24N2 04,S2H2 03 + 4H0 
das wichtigste. Es bildet zarte weisse Prismen, die an trock- 
ner Luft nicht verwittern; bei 10^ C. lösten 108 Theile Was- 
ser einen Theil des Salzes. 

Das Conchininsulfat wird seit einiger Zeit in grösserer 
Menge und in ziemlich reiner Form von einer Firma unter 
dem Namen B- Chininsulfat in den Handel gebracht, und da 



Bestimmung d. Nicotins im Tabak. — Die Abscheidung d. Strychninsalze. 133 

dasselbe billiger ist als das Chinin siüfat, so ist leicht eine 
Yerfälschiing des letztern mit Conchinin resp. B- Chinin denk- 
bar, dessen therapeutischer Werth nicht viel höher sein dürfte 
als der des Cinchonins. Zum lSI"achweis des Conchinins im 
Chinin und Chinidin kann nach Mann das ungleiche Verhal- 
ten ihrer Sulfate zu einer massig gesättigten Seignettesalz- 
lösung dienen; auch giebt nach Kern er ein mit Conchinin 
vermischtes Chininsulfat eine Lösung, die mit der für Chinin 
zulässigen Menge Ammoniak versetzt einen bleibenden Nie- 
derschlag giebt. {Annalen der Chemie und Fharmacie. Bd. 146. 
Juniheft 1868.). Seh. 



Bestimmung des Nicotins im Tabak; nach Lieeke. 

Man behandelt die trocknen Tabakblätter zu drei wie- 
derholten Malen mit schwefelsäurehaltigem Wasser und lässt 
die Flüssigkeit bis zur Extractconsistenz verdampfen. Dieses 
Extract wird nun mit seinem gleichen Volumen Alkohol 
geschüttelt ; die alkoholische Flüssigkeit wird filtrirt u. das Unge- 
löste auf dem Filter mit Alkohol gew^aschen. Alles Nicotin 
findet sich als schwefelsaures Salz in dieser Lösung. Nach 
der Verdunstung des Alkohols wird das schw^efels. Nicotin 
durch Aetzkali in einem Destillirapparat (Glasretorte etc.) zer- 
legt, indem man im Oelbade nach und nach bis auf 260^ C. 
erhitzt. Das überdestillirte wässrige Nicotin wird mit ver- 
dünnter Schwefelsäure neutralisirt. {Journ. d. fharm. et d. 
chim. Bec. 1867. 5. ser. t. VI. p. 451.). H. L. 



Die Absclieidung der Stryclininsalze durch Plienyl- 
säure von Paul Bart. 

Schüttelt man eine verdünnte Lösung von salzsaurem 
Strychnin (etwa 0,02 Grm. auf 100 Grrm. Wasser) mit einigen 
Tropfen Phenylsäure, so nimmt die Flüssigkeit das Aussehn 
einer Emulsion an. Sie ist dann hypodermatisch angewandt 
sehr wenig wirksam, w^eil sie nur langsam absorbirt wird, 
und nicht, w^eil das Strychnin durch die Säure zersetzt ist, 
denn wenn man durch Aether die Phenylsäare entfernt, so 
entsteht eine klare, ebenso giftige Lösung als vorher. 

Filtrirt man die Emulsion, so ist das mit Aether behan- 
delte Filtrat nicht mehr giftig, der auf dem Filter gebliebene 



134 Physostigmiri. 

Rückstand, in Wasser vertheilt und zur Entfernung' der Phe- 
nylsäure mit Aether behandelt, giebt das Strychnin wieder. 
Die Säure hält das Strychninsalz in Suspension und erleich- 
tert seine Trennung. Bart hat nicht mit Extr. nuc. vomic. 
gearbeitet, aber seine an Curare gemachten Erfahrungen 
führen ihn zu der Ansicht, dass diese Methode vielleicht in 
der Industrie Anwendung finden könnte. Ebenso lässt sich 
das Strychnin aus faulenden thierischen Stoffen ausziehn, so 
dass diese Methode auch für die gerichtliche Chemie anwend- 
bar ist. {Gazette mHicale. — Journ. de Pharm, et de Chim). 

B. 



Physostigmin. 

Zu den interessantesten Pflanzengiften ist unbedingt das 
Physostigmin zu zählen, das vor einigen Jahren von J.Job st 
und 0. Hesse (Ann. Ch. Pharm. 129, 115) in der Ca- 
labarbohne aufgefunden wurde. 0. Hesse hat eine 
genauere Analyse desselben veröffentlicht. Zur Darstellung 
desselben vermischt man das frischbereitete alkohol. Extract 
der Calabarbohne mit einem Ueberschuss von doppelt kohlens. 
!N"atron und schüttelt die Lösung in einem hohen Glascylinder 
mit Aether, behandelt den abgehobenen Aether mit sehr 
verdünnter SO^ und erhält so eine kaum gefärbte saure Lö- 
sung des Physostigmins. Man trennt sie sorgfältig vom Aether, 
filtrirt durch ein benetztes Filter, fügt einen Ueberschuss 
von doppelt kohlensaurem Natron hinzu und behandelt abermals 
mit Aether, welcher abgehoben bei seiner Verdunstung das 
reine Physostigmin zurücklässt. Es muss mit verdünnter Es- 
sigsäure eine klare farblose Lösung geben. 

Eigenschaften des Physostigmins. Die bei 100^ C. 
getrocknete Basis hat die Eormel C^^H^iüsF^O* und erscheint 
als farbloser spröder Eirniss (V e e , recherch. chim. et physiolog. 
sur la feve du Calabar, Paris 1865, hat das Alkaloid in glän- 
zenden rhomb. Blättchen erhalten und nannte es E serin, 
nach esere, wie die Neger von Alt - Calabar die Grottesurtheil- 
bohne nennen). Das Physostigmin schmilzt zwischen 40 und 
,45 ^C. und zersetzt sich bei etwas über 100^. Es ist leicht 
löslich in Alkohol, Aether, Benzin, C^S^, Chloroform, w^eniger 
leicht in kaltem Wasser, reagirt stark alkalisch und neutrali- 
sirt die Säuren vollständig. Die Lösung in kohlensaurem 
Wasser ist ohne allen Geschmack; erwärmt scheidet sich das 
Alkaloid daraus in farblosen Oeltröpfchen ab; bei längerer Er- 



Physostigmin. 135 

hitzung färbt sich die Lösung kirschroth. Die Salze des Phy- 
sostigmins sind wie dieses selbst geschmacklos. Verdünnte 
SO^jHCl und Essigsäure lösen zwar das Alkaloid farblos auf, 
aber nach kurzer Zeit färben sich diese Lösungen roth. HS 
und SO^ entfärben diese Lösungen wieder. Die rothe Färbung 
tritt auch bei Einwirkung der Alkalien bei Luftzutritt ein. 
Chlorkalk färbt die Lösung anfangs intensiv roth, bei weiterem 
Zusatz aber entfärbt sich dieselbe wieder. 1^0^ löst das Physo- 
stigmin mit gelber Farbe; ebenso SO^; später wird letztere 
Lösung olivengrün. 

Physostigmin fällt aus Fe^CP Lösung Fe203,3HO, giebt 
mit jodirtem Jodkalium kermesfarbenen Niederschlag, und seine 
Salze werden durch HgCl, AuCl^ und Gerbsäure gefallt. 
Durch PtCl^ wird eine Veränderung der Substanz veranlasst. 
KJ,HgJ fällt die weisse Verbindung C30H2iK3O^HJ+ 2HgJ 
welche bei 70 ^C. schmilzt. 

Schüttelt man die durch Luft veränderte alkalische Physo- 
stigminlösung mit Aether, so nimmt dieser neben dem noch 
unverändert gebliebenen Alkaloide auch farbige Zersetzungs- 
producte auf und liefert mit SO^ bald rothe, bald blaue Lö- 
sungen. (0. Hesse). 

Die Darstellung des Alkaloids nach Vee ist 
folgende. Das alkoholische Extract reibt man mit einer 
kleinen Menge Weinsäure an, nimmt in Wasser auf, über- 
sättigt mit doppelt kohlens. Kali und behandelt die Lösung mit 
Aether, welcher das Alkaloid aufnimmt und beim Verdunsten 
hinterlässt. Das so erhaltene Alkaloid ist noch mit fremden 
Stoffen gemengt und kryst. gewöhnl, nicht aufs erste Mal, aber 
es genügt manchmal, um es zur Krystallisation zu bringen, den 
Rückstand wieder in Aether zu lösen und die Lösung langsam 
verdunsten zu lassen. Man kann auch das Alkaloid in verd. 
Säure aufnehmen , die Lösung mit Bleiacetat fallen , filtriren, 
mit einem IJeberschuss von KO,HO,C^O^ vermischen, nochmals 
filtriren und wieder mit Aether behandeln. Man erhält dann 
krystallinische Krusten , welche die Wände des Gefässes , in 
welchem die Verdunstung stattfand, auskleiden. Will man es in 
isolirten Krystallen haben, so löst man es in einer kleinen 
Menge verdünnter Säure, und vermischt die Lösung mit concentr. 
Lösung von Kalibicarbonat. Es scheidet sich das Alkaloid 
entweder sogleich oder nach einigen Augenblicken in glänzen- 
den rhombischen Blättchen aus. {An?i. Chem. Pharm. Bd. 14:1. 
8.82 — 86. Vergl Ärch. Pharm. 2. R. 117. Bd. S. 235. 
und 13i. Bd. S. 127.). H. L. 



136 Die Cyanverbindungen des Mangans. 

Die CyaiiTerbiiidimgeii des Mangans. 

Die Versuche von James H. Eaton und E. Fittig 
zeigen, dass das Mangan sich bei der Bildung von Doppel- 
cyaniden vollständig analog dem Eisen verhält, so dass für 
die Verbindungen beider Metalle mit Cyan analoge Formeln 
gelten. In Betreff der Eigenschaften tritt indess eine nicht 
unwesentliche Verschiedenheit hervor ; denn , während die 
Eisendoppelcyanide sehr feste und beständige Verbindungen 
sind, ist bei den entsprechenden Manganverbindungen, die 
sich sämmtlich durch ihre prachtvollen Farben auszeichnen, 
gerade die ausserordentlich leichte Zersetzbar- 
keit ein charakteristisches Merkmal. 

Das Mangancyanür-Cyankalium bildet sich, wenn 
man zu einer concentrirten Cyankaliumlösung so viel der 
essigsauren Manganlösung setzt, dass eben ein bleibender 
Niederschlag entsteht, dann rasch filtrirt und die Lösung an 
einen kühlen Ort stellt. Die sich ausscheidenden tiefblauen 
Krystalle bestehen aus 2KCy + MnCy -|- 3H0, haben also eine 
dem gelben Blutlaugensalze, 2KCy + FeCy + 3H0 analoge 
Zusammensetzung. Sie lösen sich in Wasser von gewöhnlicher 
Temperatur leicht zu einer klaren, fast farblosen Flüssigkeit 
auf, die sich aber nach kurzer Zeit unter Abscheidung eines 
grünen Niederschlags zersetzt ; dieser besteht aus KCy + 
2MnCy. 

Das Mangancyanid-Cyankalium erhält man aus 
den blauen Krystallen, wenn man dieselben in der cyanka- 
liumhaltigen Mutterlauge einige Tage stehen lässt, wobei sie 
sich wieder auflösen und in Mangancyanid - Cyankalium über- 
gehen. Das Salz krystallisirt in grossen glänzenden, durch- 
sichtigen, rothen, wasserfreien Krystallen von der Formel 
3KCy -f Mn^Cy^, ist demnach dem rothen Blutlaugensalz 
analog zusammengesetzt, mit welchem es auch isomorph ist. 

Das Mangancyanür-Cyannatrium, 2NaCyH-MnCy + 
8H0, stellt grosse, durchsichtige, prachtvoll ausgebildete Octae- 
der von amethystrother Farbe dar, die sehr leicht verwittern 
und 4 At. Krystallwasser weniger enthalten , als das analoge 
Eisencyanür - Cyannatrium. 

Mangancyanid- Cyannatrium besteht je nach dem 
verschiedenen Krystallwassergehalt entweder aus beinahe 
schwarzen Octaedern, oder aus rothen Prismen, die so leicht 
verwittern, dass eine genaue Bestimmung des Wassers nicht 
ausgeführt werden konnte. 



Heber die Nitroprussidverbindnngen. 137 

Das Mangancy anür- Cyanammonium, 2H*]SrCy, 
MnCy, scheidet sich aus einer Lösung von Cyanammonium 
auf Zusatz von essigsaurem Manganoxydul als ein grünlicher 
Niederschlag ab, der sich durch seine leichtere Zersetzbarkeit 
wesentlich von den entsprechenden Kalium- und Natriumver- 
bindungen unterscheidet. 

Das Mangancyanür-Cyanbaryum, 2BaCy,MnCy, 
bildet kleine, rein blaue, zu concentrischen Gruppen verei- 
einigte Krystalle, welche ihr Krystallwasser bei 100^ verlie- 
ren. Das Salz ist beständiger als die Alkalisalze. 

Mangancyanid-Cyanbaryum, 3BaCy,Mn^Cy^, stellt 
eine hellrothe krystallinische Masse dar. 

Das Mangancyanür-Cy ancalcium, 2CaCy,MnCy, 
ist gleichfalls nur krystallinisch und von blauer Farbe, ebenso 
wie das Cyanidsalz, welches aber hellroth gefärbt ist. {An- 
nalen d. Ch. u. Pharm. Bd. CXL F, Februar 1868.). G. 



lieber die MtroprussidTerbindiingen. 

Gmelin gab die erste Kunde von der Einwirkung der 
Salpetersäure auf Ferrocyanverbindungen , ohne jedoch die 
entstandenen Producte näher zu charakterisiren. Dies that 
Play fair, welcher den Nitroprussidverbindnngen die allge- 
meine Formel Fe5C2 4Ni5 03R5 gab und zugleich annahm, dass 
diese Verbindungen als Ferrocyanmetalle zu betrachten seien, 
in welchen 3 Aeq. Cyan durch 3 Aeq. Stickoxydul vertreten 
wären. Grerhardt gab den Nitroprussidverbindnngen die 
Formel 

(C2N)5N02Fe2 \ 
Na,f' 
indem er annahm, dass in der Ferridcyanwasserstoffsäure ein 
Atom Stickoxyd für ein Atom Cyanwasserstoff eintrete und 
gab diesen Verbindungen den Namen Nitroferridcyanverbin- 
dungen. 

Da nun viele Zersetzungen der Nitroprusside durch die 
Formel Gerhardt's nicht erklärt werden, so hat W. Weith 
letztere einer Prüfung unterworfen. Aus den von Play fair 
und Kyd angegebenen analytischen Daten geht hervor, dass 
die Formel der Nitroprussidverbindungen auf dem Wege der 
Verbrennung allein nicht festgestellt werden kann. Auch die 
von Rose zur Analyse der Cyanverbindungen benutzte Me- 



138 lieber die Mtroprussidverbindungen. 

thode, nämlich Kochen mit Q,uecksilberoxyd unter Bildung 
von Eisenoxyd und Quecksilberoxydul, Hess sich hier bei der 
Analyse der Nitroprusside nicht anwenden. Wird dagegen, 
wie schon Play fair beobachtet hat, das Nitroprussidnatrium 
mit Natronhydrat gekocht, so wird ersteres vollständig zer- 
setzt und es bilden sich salpetrigsaures Salz, Eisen oxyd 
und Ferrocyannatrium. W. Weith hat nun bei dieser Zer- 
setzung beobachtet, dass sämmtlicher Stickstoff, der nicht als 
Cyan im Nitroprussidnatrium enthalten ist, in der Form von 
salpetrigsaurem l^atron abgeschieden wird. Eine Gasent- 
wicklung findet bei der Zerlegung des Nitroprussidnatriums 
durch K"atronhydrat nicht statt. Auch hat "W. Weith durch 
eingehende Versuche nachgewiesen , dass das durch Alkali- 
hydrate aus dem Mtroprussidnatrium abscheidbare Eisen im 
Oxydzustand in demselben von vornherein vorhanden ist und 
dass sich die durch Alkalien aus dem Mtroprussidnatrium 
abscheidbare Eisenmenge zu der, welche in dem gebildeten 
Ferrocyannatrium enthalten ist, verhält wie 1:5. Die Grer- 
hardt'sche Formel 

(0N)5Fe]^0 \ 
Na^ [ 

kann diese Zersetzung nicht erklären. W. Weith betrachtet 
das Nitroprussidnatrium als fünffaches Ferrocyannatrium, in 
welchem 5 Atome Natrium durch 5 (NO) und drei weitere Na- 

triumatome durch ein Atom Fe vertreten sind. 

Im krystallisirten Zustande hätte das Nitroprussidna- 
trium die Formel 

[(m)eFe], LioH,0 

CNÖ)5feNai, J 
und die Zersetzung desselben durch Natronhydrat würde nach 
folgender Gleichung verlaufen: 

(N0)5reNai, J 



Fei 
H3I 



Ö3+55}o- 



Die Synthese des Nitroprussidnatriums , welche Weith 
ausgeführt hat, gründet sich auf die Umkehr der Zersetzung, 
die das Nitroprussidnatrium bei Behandlung mit Natronhydrat 



Einwirkung des Chlorcyans auf das Zinkäthyl. 139 

erleidet. Bei dieser Eeaction entstand Ferrocyannatrium, 
Eisenoxyd und salpetrigsaures Kali. Durch Zusammenbringen 
dieser Zersetzungsproducte wird das Nitroprussidnatrium 
regenerirt. Versetzt man eine verdünnte Lösung von Ferro- 
cyannatrium und Kaliumnitrit mit stark verdünnter Schwefel- 
säure und Eisenchlorid, so löst sich der x\nfangs entstandene 
^Niederschlag von Berlinerblau sogleich nach dem Schütteln 
wieder zu einer braunen Flüssigkeit auf und nach drei Tagen 
enthält die Lösung weder Ferro- noch Ferridcyanverbindun- 
gen. Mit l!Natriumcarbonat neutralisirt und mit Kupfersulfat 
gefällt, entsteht reines ]S"itroprussidkupfer. {Annalen d. Ch. 
u. Pharm. Bd. U7. Septemierheft 1868.). Seh. 



Einwirkung des Chlorcyans auf das Zinkäthyl, 
nach H. Gral. 

Die Cyanwasserstoffsäure spaltet sich bei der Einwirkung 
von Kali in Ameisensäure und Ammoniak, gemäss der Gflei- 
chung: HC^N + 4H0 = C^H^O* + H^X. 

Dabei ist schwer zu sagen, in welchem der beiden Pro- 
ducte der Wasserstoff der Blausäure steckt. Ersetzt man 
den Wasserstoff der Blausäure durch ein Alkoholradikal, durch 
C*H^ z. B. und lässt man das Kalihydrat auf diese neue Ver- 
bindung einwirken, so sollte man durch Untersuchung der 
dabei stattfindenden Zersetzung zur Beantwortung dieser 
Frage gelangen, 

Nun giebt es aber 2 solcher isomeren Verbindungen : 

1) das bei 98^0. siedende C^H^C^JS" von Dumas, Leb- 
lanc und Malaguti, welches durch Kali folgende Zer- 
setzuns* erleidet * 

C4H5C2]S^ + 4H0 = C6H60* (Propionsäure) + H^N; 

2) das bei 82» C. siedende C^H^C^N von Hofmann, 
für welches die Zersetzungsgleichung ist : 

C^H^C^N + 4H0 = C^H^O^ + C^H^H^N 
(Ameisensäure) (Aethylamin). 

Die erste Gleichung sagt uns also, dass C*H^ an die 
Stelle von 1 Aeq. Wasserstoff in der Ameisensäure tritt und 
dass mithin unter den Zersetzungsproducten der Blausäure 
die Ameisensäure es sei, in welcher wir den Wasserstoff 
des Cyanwasserstoffs suchen müssen. 

Die zweite Gleichung sagt uns aber das Gegentheil und 
spricht dafür, dass der H der HC^N sich in dem H^N wie- 
derfinde. 



140 Ein Mittel, nach Belieben Senföl zu produciren etc. 

In Folge der Existenz dieser beiden isomeren Verbin- 
dungen bleibt also die Frage unentschieden. Zieht man jedoch 
die Darstellungsweise dieser beiden Aether in Betracht, so 
möchte man versucht sein, den zweiten (Hofmannschen) 
als den wahren Abkömmling des Cyanwasserstoffs zu betrach- 
ten, denn man erhält ihn durch Einwirkung des Jodäthyls 
auf Cyansilber: C^H^J + AgC^N = C^H^C^N + AgJ. 

Diese Gleichung scheint doch anzudeuten , dass der 
betreffende Aether durch Substitution von C^H^ an die Stelle 
des Ag im Cyansilber und folglich an die Stelle des Wasser- 
stoffs in der Blausäure hervorgehe. Wenn man aber nach 
Gal's Versuchen gasförmiges Chlorcyan C^Ü^Cl auf 
Zinkäthyl ZnC^H^ einwirken lässt, so erhält man eine bei 
98^ siedende, mit dem länger bekannten Cyanwasserstoffsäure- 
äther identische Flüssigkeit, nach der Gleichung: 
C^IS^Cl -1- ZnC^Hö = C^H5C2]S" -f ZnCl. 

Diese Bildungsweise der Aether ist eine eben so allge- 
meine, als die, welche auf der Einwirkung des Jodäthyls auf 
das entsprechende Silbersalz beruht; man müsste somit erwar- 
ten, dass dieses Verfahren dieselbe Verbindung ergebe, wie 
die von Meyer in Anwendung gebrachte Beaction, was aber 
eben nicht der Fall ist; so dass nach allen Untersuchungen 
über die Cyanwasserstoffsäure es jetzt noch unmöglich ist, 
zu sagen , welche Constitution derselben wirklich zukommt 
und welcher von den bekannten beiden isomeren Aethern als 
dieser Säure homolog zu betrachten ist. {Gompt. rend, 66, 
48 ; daraus in den Ann. d. Chem. u. Pharm. Juli 1868 ; auch 
im Journ. d. Pharm, et d. Chim. Äoüt. 1868). H. L. 



Ein Mittel, nach Belieben Senföl zu i)rodueiren und 
tragbare Sinapismen herzustellen 

besteht nach E. Lebaigue darin, ein Blatt Papier mit einer 
concentrirten Lösung von myronsaurem Kali, ein zweites 
Blatt mit einer concentrirten Lösung von Myrosyn zu trän- 
ken und beide vorsichtig zu trocknen. Benetzt man beid« 
Blätter und legt sie auf einander, so entwickelt sich reichlich 
ätherisches S e n f ö 1. 

Die Lösung des myronsauren Kalis wird erhalten, 
indem man Pulver von schwarzem Senf in siedendes 
Wasser wirft, wobei das Myrosyn coagulirt und unwirksam 



Senfpapier. — Ueber die dem Senföl entsprechenden Isomeren etc. 141 

gemacht, das myronsaure Kali aber aufgelöst wird und in der 
filtrirten Elüssigkeit befindlich ist. 

Die Myrosynlösung erhält man durch Anrühren von 
gepulvertem weissen Senf mit Wasser von 40^0. und 
Filtration des wässrigen Auszuges. {Journ. de pharm, et d, 
chimie. Aoiä 1868. 4. S6r. tom. 8. p. 118,). H. L. 



Senfpapier. 

Eine neue Modification des Senfpflasters, eine Charta 
sinapisata, wird von Lind (Pharm. Centralhalle 1868. 
Nr. 4.) wie folgt gefertigt: Peingestossener Senfsamen wird 
mit gleichviel Benzin 1 bis 2 Stunden digerirt, sodann scharf 
ausgepresst. (Dasselbe Benzin kann 2 bis 3 mal verwendet 
werden). 

Nun trägt man auf gut geleimtes Papier von einer aus 
. V2 Th. Colophonium und 1 Th. Kautschuk in 30 Thl. Benzin 
bereiteten Lösung in dicker Schicht, bestreut die frische 
Pläche mit jenem Senfpulver (am besten durch Sieben auf 
dasselbe), vertheilt es mittelst einer Holzwalze recht gleich- 
massig und hängt das Papier zum Trocknen auf. Zur voll- 
ständigen Glättung lässt man es noch durch eine Metallwal- 
zenpresse gehen. ^ Wittsteins Vierteljah^sschrift 1868. S. 590.). 

H.L. 



Ueber die dem Senföl entsprechenden Isomeren der 
Scliwefelcyanwasserstoffätlier 

hat Beferent schon zweimal Bericht erstattet. A. W. Hof- 
mann hat nun eine dritte Mittheilung folgen lassen und zwar 
über das Benzylsenföl, welches durch Destillation der Schwe- 
felkohlenstoffverbindung des Benzylamins mit Quecksilber- 
chlorid erhalten wurde. Löst man Benzylamin in Schwefelkoh- 
lenstoff, so entsteht unter beträchtlicher Wärmeentwicklung 
eine schöne, weisse, krystallinische Verbindung, welche mit 
Alkohol und Quecksilberchlorid versetzt, bei der Destillation 
eine penetrant riechende Flüssigkeit liefert. Auf Zusatz von 
"Wasser zu dem alkoholischen Destillat scheidet sich das 
Benzylsenföl in klaren Tropfen aus, welche in Wasser unter- 
sinken. Das Benzylsenföl 



142 Freie Oxalsäure. — Ueb. ein. Bodensatz v. säur, traubensauren Kali etc. 



(CS)'' ( -^ 



besitzt in auffallendem Grade den Geruch der Erunnenkresse 
{Berichte de?- Deutsche?i Chemischen Gesellschaft. I. Jahrgang. 
Nr. 15. August 1868.). Seh. 



Freie Oxalsäure 

findet sich nach E^ochleder in den männlichen Blüthen- 
kätzchen des Walinussbaums (Juglans regia) in grosser Menge. 
{Berichte d. Wiener Akadem. ; Zeitschr. d. allg. österr. Apoth.- 
Vereins ; Wittsteijis Vierteljahr sschrift 1868. S. 603.). H. L. 



üeber einen Bodensatz Yon saurem traulbensauren 
Kall Im Rothwein. 

In einem E,othwein von Paris bemerkte Phipson zahl- 
reiche glänzende Krystalle, die im Weine schwammen und 
sich in der Ruhe absetzten. Sie waren 1858 im Weine von 
Meudon und Bordeaux sehr häufig. 1866 wurde Phipson 
von einer englischen Gesellschaft aufgefordert, einen Boden- 
satz, der sich in Londoner Magazinen in 7200 Flaschen Roth- 
wein von Bordeaux gebildet hatte, zu untersuchen. Es waren 
dieselben Krystalle wie in dem Pariser Weine 1858. Der 
Niederschlag wurde auf dem Filter gesammelt und sowohl 
mikroskopisch, als chemisch untersucht. Die getrockne- 
ten Krystalle zeigten sich unter dem Mikroskope als acht- 
seitige Tafeln ohne Hemiedrie, theilweise durch Rothwein 
gefärbt. 

Um die Säure in ein Kalksalz überzuführen, wurden die 
Krystalle gelöst; das Kalksalz war in kalter und heisser Es- 
sigsäure unlöslich; es bildete schöne rhombische Prismen mit 
Octaederflächen , alle Flächen gleichmässig entwickelt; dann 
aber auch vollständige Octaeder. Dadurch war ausser Zwei- 
fel gesetzt, dass der krystallinische Absatz Traubensäure oder 
Paraweinsäure enthielt. Die Analyse ergab; 

Saures traubensaures Kali 88,8 

!N"eutralen wein sauren Kalk 6,2 

Rothen Farbstoff, andere organische Stoffe . 5,0 

100,0. 



Methylendichlorid aus Chloroform. 143 

Es ist dies wohl das erste Mal, dass man Traubensäure 
als besondern Bodensatz angetroffen hat und allem Anscheine 
nach frei von saurem weinsauren Kali. Phipson hat 
indess unter dem Mikroskope hie und da prismatische Kry- 
stalle gesehn, die dem letztern Salze angehören können, doch 
war ihre Menge zu gering, um die Resultate der Analyse zu 
beeinflussen. 

Phipson betrachtet das traubensaure Salz für einen 
Beweis der Güte des Weines , besonders da man annehmen 
kann, dass in unreinen und gemischten Weinen dieses Salz 
sich zersetzen würde. Seine Gegenwart in kleiner Menge 
beeinträchtigt wxder den Geschmack , noch den Geruch , noch 
die Klarheit des Weines. Man kann es ja leicht durch Abzie- 
hen entfernen, wenn es sich in Tonnen bilden sollte. Es ist 
jedoch möglich, dass es nur in Flaschenweinen entsteht, viel- 
leicht durch langsame Zersetzung des weinsauren Aethyloxyds, 
von dem man ja weiss, dass es Bacemsäure (Paraweinsäure) 
giebt; vielleicht wirken bei Bildung dieses Salzes auch andere 
Ursachen mit. {Journ. de Pharm, et de Chim). R. 



Methylendiclilorid aus Chloroform. 

W. H. Perkin brachte eine alkoholische Chloroformlö- 
sung mit einem IJeberschusse von gepulvertem Zink und w^e- 
nig Ammoniak in einer mit aufsteigendem Kühler verbundenen 
Elasche zusammen. Beim ümschütteln stieg die Temperatur 
und die Mischung gerieth bald ins Sieden. Als Hauptpro- 
ducte der Reaction wurden Methylendichlorid und 
Sumpfgas beobachtet; Chlormethyl hingegen schien, wenn 
überhaupt, nur in sehr geringer Menge aufzutreten. Nach 
Beendigung der Reaction wurde abdestiüirt und das Destillat 
mit Wasser versetzt. Es schied sich ein Oel ab, welches 
aus Chloroform und Methylendichlorid bestand. Diese wurden 
nach Entfernung der Feuchtigkeit durch fractionirte Destilla- 
tion von einander getrennt. Das so erhaltene Methylen- 
dichlorid siedete zw^ischen 40 bis 42 ^C. Um Spuren von 
Alkohol zu entfernen, w^urde es mit etwas Schwefelsäure 
geschüttelt und darauf von IsTeuem destillirt. Analyse und 
Dampfdichte stimmten genau für die Formel C^H^CH. Dieses 
Methylendichlorid besass demnach denselben Siedepunkt, wie 
das von Butlerow aus dem Methylendijodid erhaltene. Da- 



144 Die Bestandtheile der Kartoffel. 

gegen scheint es von dem gechlorten Chlormethyl 
Regnaults, welches schon bei 30^,5 0. sieden soll, verschie- 
den zu sein. Perkin ist damit beschäftigt, letztere Verbin- 
dung darzustellen, um sie direct mit obigem Methylendichlorid 
vergleichen zu können. {Chem. News, August 28, 1868, 106 ; 
Zeitschr. f. Chem. 1868, 7U.). H. L. 



Die Bestandtheile der Kartoffel nach Vogel und 

Rabe. 

KartofFelasche enthält 80% lösliche Salze, die in der 
Knolle sehr ungleich vertheilt sind. In dieser Hinsicht wur- 
den untersucht das zellige Gewebe die Stärke und stickstoff- 
haltige Substanz. Die zwei untersuchten Arten enthielten: 

1. 2. 

Wasser 11% l^^j^ 

Trockensubstanz 23 „ 26 „ 



ioo7o 


100%. 


Die Trockensubstanz bestand aus: 




1. 


2. 


Stärke 12,4% 


14,6% 


Zellige Substanzen 6,8 „ 


6,9 „ 


In Wasser lösliche 




N haltige Substanz 3,8 „ 


4,5 „ 



23. 26. 

Die Asche vertheilt sich auf diese drei Substanzen: 

1. 2. 

Stärke enthält 1,57% 1,31^0 ^sche 

Zellige Substanzen 0,58 „ 0,45 „ „ 
N haltige Substanz 1,95 „ 2,02 „ „ 

. 4,10%. 3,78% Asche. 
Die Asche der Trockensubstanz enthält 14,7% PO ^; die 
der zelligen Substanz 4,2%, die der Stärke nur Spuren; der 
ganze Rest, also etwa 10% PO^ steckt in der Asche der N 
haltigen Substanz. 

Es verhält sich also mit der Phosphorsäure der Kartoffel 
wie mit der Kieselsäure im Hafer nach N o r t o n ' s Unter- 
suchungen, die auch in den verschiedenen Theilen der Pflanze 
sehr ungleich vertheilt ist. (V. Bepeti. d. Pharm. XV. 1. ; 
daraus im Journ. Pharm. Gh. — Wills Jahresh. etc.). B. 



145 



YV. ISTatiirgescliichte, Pliarmacognosie 
und ^gricnltnrclieiiiie. 



Die Zusammensetzung yerschiedener Hopfenproben 
aus der Altmark; von M. Siewert in Halle. 

Es wurden 5 Proben Hopfen aus der Altmark unter- 
sucht; die sechste Analyse betrifft acht baierischen Hopfen. 

I. Späthopfen auf gesundem Torf gewachsen, ist röth- 
lich, sehr locker, enthält sehr viel Samenkörner und Stengel, 
hat kaum bemerkbaren Geruch und wenig LupulinkÖrner ; 
sehr kleine Kätzchen. 

II. und III. Von grüner Farbe, die Kätzchen sind meist 
kurz, haben aber angenehmen Geruch. 

IV. Späthopfen von lichthell grüner Farbe, sehr angeneh- 
mem Geruch, mit langen, dicken Kätzchen, enthält mehr Samen 
als der baierische Hopfen; das Harz fühlt sich beim Reiben 
zwischen den Fingern härter an als beim baierischen. 

V. Später Grünhopfen. Ist auf Kali- und humusreichem 
fetten Lettenboden gewachsen. Ansehen dem baierischen 
sehr ähnlich. Geruch und Weiche des Harzes dem baierischen 
Hopfen nichts nachgebend. 

VI. Baierischer Grünhopfen. 

Sämmtliche Proben sind ungeschwefelt. 

I. IL in. IV. V. VL 

13,24 13,54 10,85 11,53 13,45 
1,06 2,58 0,48 2,87 0,97 
6,94 7,53 8,06 6,74 6,70 

78,76 76,35 80,61 78,06 78,88 

20,00 19,60 18,00 25,50 23,00 

Arch. d. Pharm. CLXXXVH. Bds. 1, u. 2. Hft. 10 



Wasser 


12,06 


Sand 


1,72 


Asche 


9,20 


Organische Bestand- 




theile 


77,02 


In Alkohol lösliche 




Bestandtheile 


13,50 



146 Die Zusammensetzung verschied. Hopfenproben aus d. Altmark. 

T. n. in. TV. V. VI. 

Hierin Hopfenharz 9,78 11,66 12,00 13,82 16,70 18,40 
Nach der Extraction 

in Alkohol waren in 

Wasser lösliche Be- 

standtheile 8,56 11,50 11,00 12,50 12,00 12,50 

Hopfen ohne vorherige Behandlung durch Alkohol mit 
Wasser ausgekocht, enthielt im Wasserextract : 

I. II. ni. IV. V. VI. 

Gerbsäure 4,56 3,79 4,38 4,00 3,49 3,24 

Asche 4,56 5,18 4,53 4,82 5,16 5,18 

In Wasser u. Alkohol 
unlöslich waren 65,88 55,26 55,86 58,65 50,97 51,05 
Aus vorstehenden Zahlen scheint der Schluss gezogen 
werden zu können, dass der beste Hopfen derjenige ist, wel- 
cher am wenigsten Asche enthält und beim Extrahiren mit 
Alkohol und Wasser den geringsten Bückstand lässt, und 
dass die an Hopfenharz reichsten Proben V. und VI. bezie- 
hungsweise am wenigsten Gerbsäure und ^am meisten in 
Wasser lösliche Mineralsubstanz enthalten. 



In 100 Theilen 


Asche waren enthalten: 




• 


I. IL in. IV. 


V. VI. 


Kieselsäure 


13,53 13,81 16,17 14,89 


15,58 10,69 


Phosphor säure 


17,90 17,54 17,69 15,52 


16,48 17,21 


Phosphors. Eisenoxyd 


1,12 1,32 2,00 1,27 


2,26 1,62 


Schwefelsäure 


4,09 4,74 3,79 3,85 


4,71 4,14 


Chlor 


2,06 2,01 1,30 2,60 


2,50 0,84 


Kalk 


16,16 15,33 17,63 13,74 


14,91 15,58 


Magnesia 


5,70 6,18 5,22 4,74 


3,92 7,66 


Kali 


23,95 35,15 25,19 35,51 


33,93 32,21 


Natron 


0,93 0,94 1,18 1,00 


1,07 0,82 


Kohlensäure *) 


14,56 2,98 9,85 6,88 


4,64 9,23 


Beim baierischen 


Hopfen gegenüber den übrigen Proben 


des Hopfens ist erwähnenswerth, dass er den niedrigsten Kie- 


selsäure- und den höchsten Magnesiagehalt hat; 


während die 


schlechteren Sorten 


aus der Altmark den niedrigsten Kali- 


und höchsten Natrongehalt besitzen. {Zeitschrift des landAJU. 


Central -Vereins der D^ovinz Sachsen etc.). 


Bbg. 



*) Die Kohlensäure ist als Differenz berechnet, da die Resultate für 
die übrigen Bestandtheile das Ergebniss je zweier fast übereinstimmenden 
Analysen sind. 



Die russische Schwarzerde. 147 

Die russische Sehwarzerde. 

Wenn man die grosse von Moskau nach Charkow füh- 
rende Poststrasse verfolgt, so findet man, dass die ßegion der 
Schwarzerde ungefähr 20 Werst (3 Meilen) hinter Tula 
beginnt. Die Form der Oberfläche der Ländereien dieser 
Schwarzerde gleicht nicht der des Steppenlandes; sie hat 
nicht die dort vorhandene langgedehnte Wellenform, sondern 
bildet mehr dichter stehende convexe Flächen von etwa 1 bis 
2 Werst, selten von grösserer Ausdehnung, deren Zwischen- 
räume aus mehr oder weniger tiefen und breiten Thälern 
bestehen. Alle diese, mit Ausnahme einiger steilen Abhänge 
und der in den Flussthälern im Frühling und Herbst über- 
schwemmten unbedeutenden Flächen, sind mit einer mächtigen 
Schicht der Schwarzerde bedeckt und werden fast alle zum 
Ackerbau benutzt. Man sieht daher oft meilenweit Nichts 
als Getreidefelder; Landgüter und Dörfer befinden sich fast alle 
in Flussthälern und in Thälern, wo Teiche aufgestaut, und 
wie das Land daher einen sehr monotonen, so bietet der 
Anblick desselben im Vergleich zu den nördlichen Gregenden 
einen grossen Gegensatz dar. Da nämlich der Boden der 
zum Ackerbau benutzten Höhenflächen die Schwarzerde ist, 
so findet im Vergleich zum l^orden, so wie überhaupt zu den 
Gegenden, wo die Schwarzerde nicht existirt und die Anhöhen 
oder Berge kahl, abgespült und humusarm, die Niederungen 
dagegen humusreich sind , hier das umgekehrte Verhältniss 
statt: selbst die höchsten Spitzen sind mit einer sehr mächti- 
gen Humusschicht, selten wohl unter einem Fuss, oft aber 
bis nahezu drei Fuss betragend, bedeckt, während man nur 
an steilen Hohen und in einigen Flussthälern humusarme 
Flächen findet. 

Der Hauptmasse nach besteht diese Erde aus feinem 
Sandstaube und Humus. Eine von dem im Gouvernement 
Tula gelegenen Gute Sergiewsk genommene Erdprobe von 
dem höchsten Punkte des Feldes ist von Professor Dra- 
gendorff analysirt worden und ergab folgendes Re- 
sultat : 

100 Theile der Erde enthielten: 

Gesammtsumme von 
Feuchtigkeit 2,25 1 Stickstoff* =0,619 

Verbrennliches 12,93 j Ammoniak = 0,221 

Salpetersäure = 0,0372 
Asche 84,55. 

10-^ 



148 Salzsäure zur Diingerbereitung aus thierischen Stofifen jeder Art. 



Die Asche enthielt: 




- 


a) in Salzsäure löslich: 






Eisenoxyd 




4,63 


Thonerde 




2,96 


Kalkerde 




2,38 


Talkerde 




1,38 


Kali 




0,52 


Natron 




0,52 


Schwefelsäure 




0,273 


Chlor 




0,082 


Phosphorsäure 




0,190 


Kohlensäure 




1,60 


b) in Salzsäure unlöslich: 






Kieselerde 




61,04 


Thonerde und Eisenoxyd 


6,28 


Kalkerde 




0,74 


Kali 




0,39 


I^atron 




0,76 


Talkerde 




0,83 


Mangan und Phosphorsäure 


Spuren 



84,575. 

Eine eigenthümliche Erscheinung bei diesem Boden ist, 
dass eine fortwährend ohne Dünger zum Gretreidebau benutzte 
Fläche, wenn man sie ruhen lässt, sich sogleich mit Wer- 
muth überzieht und fast keine Spur einer anderen wild- 
wachsenden Pflanze zu finden ist. Dieser Zustand dauert 
einige Jahre, erst sehr langsam finden sich andere Pflan- 
zen ein, und mit dem Erscheinen von Graspflanzen hält man 
den Boden wieder für den Anbau des Getreides tauglich. 
{Annalen der Landwirthschaft). Hbg. 



Salzsäure zur Düngerbereitung aus thierischen 
Stoffen jeder Art. 

Nach Pouche rie kann man durch Salzsäure, kalt 
oder warm angewendet, 

1) bei allen thierischen Substanzen der Eäulniss vor- 
beugen ; 

2) die Fleischtheile , Knochen und Gräten auflösen oder 
doch desagregiren ; 



Ueber die Wurzel von Jean Lopez und andere Producte etc. 149 

3) die Producte ihrer Lösung oder Desagregation an 
freier Luft aufheben, ohne stinkende und ungesunde Emana- 
tionen einer fauligen Zersetzung befürchten zu müssen; 

4) alle diese Substanzen der Erde direct wieder zurück- 
geben, nachdem man damit Gemenge hergestellt hat, welche 
das Keimen der Samen und die Entwickelung der Pflanzen 
durch ihren Sticktoffgehalt, sowie durch ihren Gehalt an 
Kohlenstoff, Phosphorsäure, Kalk, Schwefelsäure, Natron und 
Kali begünstigen. (Jowm. d. pharm, et d. chim. Aoiit 1868. 
p. 115— 117.). H.L. 



Ueber die Wurzel Ton Jean Lopez und andere 
Producte der Insel Reunion. 

Frappier schreibt über dieselben unterm 8. Febr. 1867 
aus Saint -Pierre (Reunion) an Guibourt: Toddalia acu- 
leata ist hier sehr gemein, aber das Einsammeln ihrer unge- 
mein langen Wurzeln, die oft in den Spalten der Basaltfelsen 
stecken, ist mühsam. Die Rinde ist saftreich, aromatisch und 
von einer characteristischen Schärfe. Bei den Creolen heisst sie 
Bois de ronce. Sie wächst in Gesellschaft einer anderen 
Zanthoxylee, deren Blätter nach Anis riechen, und welche 
gewöhnlich „Patte de poule" genannt wird (wahrschein- 
lich Toddalia inermis Lamark). Toddalia aculeata 
wird auf Reunion gegen Wechselfieber angewendet. 

Die Faham (Angraecum fragrans) und Ayapana 
(Eupatorium Ayapana) werden zu Brustthee verwendet; 
eine Pavetta gegen typhöse Fieber; Danais fragrans, 
eine niedliche lianenförmige Rubiacee, nahe verwandt der Gin- 
chona und deren Rinde ähnliche Eigenschaften zu besitzen 
scheint, hat eine Wurzel, die von einem orangefarbenen Safte 
strotzt, der bei Flechten, aufgesprungenen Brustwarzen ange- 
wendet wird und auch gleich dem Krapp als Färbematerial 
dienen könnte. Psiadia glutinosa mit klebenden Blät- 
tern; Bois de reinet te, von einer harzreichen Sapindacee; 
Bois de jolicoeur, von einer Pittosporee, deren Samen 
einen Geruch gleich dem des Copaivabalsams verbreiten, ver- 
dienen Erwähnung. 

Ebenso Ficus morifolia, deren Blätter ein untrügliches 
Emmenagogum sind ; der „ P a p a y e r , " ein mächtiges Wurm- 
mittel, dessen Saft die sonderbare Eigenschaft besitzt, in weni- 
gen Stunden das lederartigste Fleisch mürbe zu machen; 



150 Der Oleander, Nerium Oleander, und seine Eigenschaften. 

Senecio Ambavilla und Cacalia flexuosa besitzen 
Blumen vom Geruch des officinellen Baldrians; 

Die Stammesrinde von Zanthoxylon heterophyl- 
lum besitzt genau den Geschmack der Parakresse; 

Aphloia theaeformis besitzt eine brechenerregende 
Rinde. Die Blätter von Allophyllus Commersonii 
besitzen die nämlichen Kräfte wie die der Digitalis; 

Die Wurzeln von Vinca rosea, Cassia occiden- 
talis und Myonyma obovata die der Simaruba; endlich 

Sapindus rigidus, dessen Früchte, und Gouania 
v i t i f 1 i a , deren sämmtliche Theile reichlich S a p o n i n liefern. 

Einige Gelidiumarten unserer „Becifs" geben beim 
Kochen, zuweilen schon in der Kälte die Payen'sche Gelose. 

In unseren Elüsschen und Teichen findet sich eine stach- 
liche IS" er ita (Schnecke), deren Bouillon täglich genossen nach 
14 Tagen bis 4 Wochen sicher die Wassersucht heilt. {Journ. 
d. pha?^m. et d. chimie. Juin 1867. p. 403 — 40i.). H. L. 



Der Oleander, Nerium Oleander, und seine 
Eigenschaften. 

Schon seit des Dioscorides und des Plinius Zeit bekannt, 
damals Bhododaphne und Bhododendron , das ist Bosenbaum, 
genannt, wurde er von jeher von Gartenfreunden in Ehren 
gehalten, nicht allein der immergrünen Blätter und der Pracht 
seiner Blumen wegen, sondern hauptsächlich auch deshalb, 
weil seine Blüthezeit in die heissesten Monate des Jahres 
fallt und dort, wo er im Freien wächst, den andern Blü- 
thenpfianzen gegenüber, welche von der sengenden Sonne fast 
verbrannt sind, einen sehr angenehmen Contrast bildet; dieser 
ausgezeichneten Eigenschaft wegen giebt es in Süden wohl 
kaum einen Garten, wo diese Pflanze nicht den Hauptschmuck 
während des heissen Sommers bildet. Bei uns (Triest), wo 
wir keine geschlossenen Hecken und Bosquets davon bilden, 
um dessen flammende Blüthen recht bewundern zu können, 
wie in den südlichen Ländern, findet man ihn nicht selten 
sich an Wänden grosser Gebäude bis zu den Baikonen hinauf 
mit prächtiger Vegetation erheben. Die Liebhaber dieser 
Pflanze kennen aber vielleicht nicht alle Eigenschaften derselben ; 
es würde sonst Mancher seinen Liebling mit verdächtigen 
Augen ansehen. Die ganze Pflanze ist scharf narkotisch, ihre 
Blätter wurden früher gegen chronische Hautkrankheiten 



Ricinus communis. 151 

angewendet. Der Geruch der Blüthen ist betäubend und 
gefährlich. Delongchamps erwähnt, dass mehre französi- 
sche Soldaten auf Corsica, wo der Oleander sehr häufig vor- 
kommt, sich eines Spiesses von dessen Holze zum Braten 
vom Wildpret bedienten, in Folge dessen alle, die von 
diesem Braten genossen, vergiftet wurden. 

Wie sehr gefährlich diese Pflanze dem Viehe ist, wurde 
nicht nur durch Orfila, der sehr specielle Versuche anstellte, 
sondern auch durch mehre ältere und neuere Schriftsteller auf 
das Bestimmteste constatirt. Besonders sind es die Esel, 
denen der geringste Genuss davon schädlich wird, nach den 
Eseln ist es die Bace der Wiederkäuer. Als Beispiel will 
ich anführen: In einer ländlichen Besitzung von Saragna 
verendeten zwei Ochsen und drei Kühe zwischen 24 bis 
48 Stunden nach dem Genüsse einiger Oleanderzweige, die 
aus Versehen mit unter das Futter gekommen waren. (Aus 
den Akten de?' Acclimatisations - Gesellschaft in Sicilien. M. Jah- 
7'esbencht der Schles. Gesellschaft für vaterländische Cultur). 

Bhg. 



Ricinus communis. 

In Italien Bicino oder Fagiolo romano (römische Bohne), 
Fagiolo deir India (indische Bohne) , Fico d'inferno (Höllen- 
feige), JVlirasole (Sonnenkorn) , Zecche (Schaaflaus) , Gaffe da 
oglio (Oelkaffe), Manteca (Pomadenbohne), Palma Christi; 
von den Engländern Castor - oil plant, von den Franzosen Bicin 
ordinair, von den Deutschen Wunderbaum, von den Arabern 
Charna oder Kerva, von den Indiern Karapal genannt. 

Er zeichnet sich durch seine sehr ölreichen Samen vor 
vielen anderen Oelgewächsen aus. Diese Eigenschaft dessel- 
ben wurde im verflossenen Jahrhundert in der sehr verdien- 
ten patriotischen Gesellschaft zu Mailand beobachtet, welche 
sich damit beschäftigte, den öconomischen Werth der ver- 
schiedenen Oelgewächse und Oele zu untersuchen. 

Hierbei ergab sich , dass die Samen dieser Euphorbiacee 
50^/(, ihres Gewichtes Oel geben. Dieses Oel, so trübe und 
schmierig, wie es aus der Presse kommt, ist zu den ver- 
schiedensten Seifen verwendbar; als Schmiere für Leder ver- 
wendet macht es dasselbe weich und geschmeidig, auch als 
Schutzmittel gegen die Motten soll es dem Lavendel- und 
Terpenthinöl nicht nachstehen. 



152 Ricinus communis. 

Alt und sehr gebräuchlich ist die Anwendung des E,ici- 
nusöls in der Medicin. Die Neger in Gruiana, Guadaloupe, 
Martinique und St. Domingo benutzen das ßicinusöl, um sich 
von Ungeziefer zu befreien und sich davon rein zu halten; 
in dieser Beziehung ist es mindestens so wirksam wie die 
Früchte von Evonymus europäus L., welche in einigen Thei- 
len Europas zu gleichen Zwecken verwendet werden. (Die 
Früchte des Evonymus europaeus werden getrocknet, pulveri- 
sirt und so benutzt, um Läuse zu tödten. Siehe Fr. Gruim- 
pel, Abbildungen der deutschen Holzarten). 

Acht Körner des Ricinus sind das Mittel, welches die 
Neger gegen das Fieber anwenden. Auf den Antillen und 
am Senegal wird ein Blatt von Bicinus auf die Stirn gelegt, 
um die Migräne zu vertreiben. Auch werden die Blätter 
benutzt, um bei den Wöchnerinnen die Milch zu unterdrücken, 
indem ein Blatt auf jede Brust gelegt wird. Der Gebrauch 
dieser Pflanze ist unter dem Volke in Toscana so allgemein, 
dass in Florenz im botanischen Garten ein Gewächshaus zur 
Cultur derselben bestimmt ist, um auch im Winter Blätter 
von ihr vertheilen zu können. 

Die Bewohner von Brasilien, erzählt Pisone, machen 
täglich Gebrauch von Eicinusöl und hauptsächlich als äusser- 
liches Mittel, um Geschwülste und Beulen damit zu vertrei- 
ben ; sie reiben den Bauch damit ein , als wirksames Mittel 
gegen die Kolik und Blähungen, auch wird es angewendet, 
um Geschwüre damit zu heilen; vielfach wird es bei Kindern 
zur Vertreibung der Würmer gebraucht, indem der Nabel 
damit eingeschmiert wird, auch kommt es öfters gegen Krätze 
und andere Hautkrankheiten in Anwendung. 

Das Brennen, welches man im Schlünde empfindet, wenn 
man ein Cotyledon von Ricinus zerkaut und hinunterschlingt, 
beweist genügend , wie herb und beizend seine Bestand- 
theile sind, und dass, Oel und Samen ein sehr heftiges Ab- 
tührungsmittel sein können. Zwanzig enthülste Samen- 
körner genossen, bewirken nicht nur sehr heftiges Abfüh- 
ren, sondern auch Erbrechen, als ob der Magen zerreissen 
wollte; aber auch in viel geringerer Anzahl eingenommen, 
kann der Genus s der Samen recht traurige Folgen haben. 
Die Bewohner von Brasilien, welche an den Gebrauch dieses 
Medicaments gewöhnt sind, würden zu sterben befürchten, 
wenn sie eine Dosis von nur 7 Körnern, als solche, einneh- 
men sollten, während es mitunter vorkommt, dass sie bis 
20 Körner in Emulsionen einnehmen. Die scharfen Bestand- 
theile befinden sich in Keim, Haut und Fasern, daher können 



Einführung der Cultur der Chinabäume auf Java und in Indien. 153 

die Ueberbleibsel , welche nach dem Auspressen des Oeles 
zurückbleiben , nicht wie Leinkuchen zur Viehfütterung ver- 
wendet werden, sondern sie dienen nur als Düngemittel und 
erweisen sich auch nützlich zum Vertilgen der Erdmäuse. 

Peter Castelli sagt in seinen medicinischen Briefen: 
ich w^ar bestürzt, als ich sah, dass bei einem Jünglinge ein 
einziges Cotyledon von Kicinus genossen, die heftigsten Kopf- 
schmerzen, Magenentzündung, Fieber, Ohnmacht, Krämpfe und 
den Tod herbeiführte. Das E-icinusöl erhellt des Abends die 
Hütte des armen Ostindiers. Bei dem schwachen Scheine 
seiner Lampe sitzt er, sich mit seinem Manioc erquickend, 
von dem schweren und mühevollen Tagewerk ausruhend; 
durch Gewohnheit ist ihm der unausstehliche Dunst und Gre- 
ruch, den seine Lampe verbreitet, so w^enig lästig, wie dem 
Lappländer der Dunst seiner durch Fischthran erhellten unter- 
irdischen Höhle während des langen Winters. 

Da die Blätter des Ricinus von Bombyx Cynthia, einer 
Lepidoptere aus Bengalen als IS^ahrung angenommen werden, 
so glaubte man den Bicinus für den Seidenbau nutzbar zu 
machen, indem man durch Bombyx Cynthia die Seiden- 
raupe ersetzen zu können vermeinte, aber man fand, dass 
das eine Ende der Cocons nicht geschlossen war, wodurch 
die Abhaspelung derselben bei den gegenwärtigen Einrich- 
tungen viele Schwierigkeiten verursachen würde. 

Brasilien, Guiana, Yucatan, Mexico und andere amerika- 
nische Länder, die Küste von Coromandel, die feuchten Di- 
stricte von Senegal und Egypten scheinen die Heimath des 
E/icinus zu sein; aber auch im südlichen Spanien, Sicilien 
und Candia erreicht er die Grösse stattlicher Bäume; Stämme 
von der Stärke eines Mannes sind nicht selten. 

Diese ausserordentliche Vegetation, w^elche der Ricinus 
in den heissen Ländern durch längere Zeit entwickelt, ist bei 
uns durch das kalte Klima gehemmt, er ist bei uns wie 
andere einjährige Pflanzen, er entwickelt sich, fructificirt und 
stirbt ab im Laufe eines Jahres. (Aus den Akten der Äccli- 
matisations- Gesellschaft in Sicilien. ^5. Jahresbericht der Schles. 
Gesellsch. für vaterländische Cultur). Hbg. 



Einführung der Cultur der Chinabäume auf Java 

und in Indien. 

Decaisne erhielt von Hooker Samen von Cinchona 
officinalis, die in so fern von Interesse sind, als sie von China- 



154: Einführimg der Cultur der Chinabäume auf Java und in Indien. 

bäumen in Ceylon stammen und den Erfolg der dortigen China- 
Cultur beweisen. Director des botanischen Grartens von P e - 
radenia bei Candy ist Dr. Thawaites, dem die Ehre 
dieser Culturerfolge zukommt. Die Verwüstungen der ameri- 
kanischen Chinadi stricte bedrohen ernstlich die Production 
der Chinarinden; der Preis der China ist seit 25 Jahren 
beträchtlich erhöht und einige Sorten, wie die China von 
Pitayo, sind fast nicht mehr zu haben. Die Furcht, dass 
diese werthvolle Einde eines Tages ganz verschwunden sein 
dürfte, ist nicht unbegründet. Besonders die Holländer und 
Engländer haben sich der China angenommen; sie haben für 
diese das gethan, was Erankreich für den Kaffee durch An- 
pflanzung dess. in der neuen Welt, und England für die Thee- 
cultur gethan, die in grosser Ausdehnung auf dem Himalaya 
blüht. Das Unternehmen in Betreff der China war nicht 
leicht, besonders wurden im Heimathlande der China der Aus- 
fuhr der Samen und jungen Pflanzen viele Hindernisse in den 
Weg gelegt; jedoch glückte es den holländischen und eng- 
lischen Sammlern mit ihrer Beute Indien glücklich zu 
erreichen. 

Man kannte allerdings die Boden- und klimatischen Be- 
dingungen, unter welchen die China in den Anden wächst, 
es war aber fraglich, ob man die absolut gleichen Verhält- 
nisse auch unter einem andern Himmelsstriche antreffen 
würde. Da die Pflanzen sich den etwas verschiedenen klima- 
tischen Verhältnissen anschmiegten, so suchte man doch so 
viel als möglich ihrer Heimath sich zu nähern und es fanden 
sich günstige Chancen für die Erfolge der Cultur. Zur grösse- 
ren Sicherheit wurden die amerikanischen Samen in mehren 
weit von einander entlegenen Gärten in sehr verschiedenen 
Höhen gesät. Die gewählten Orte waren : der Garten von 
Pe radenia unter dem 7. Grade, der von Otacamund im 
Nil - Gherri - Gebirge unter den 11. Grade in einer Höhe von 
2200 Meter, endlich Darjeeling im Himalaya unter dem 
27. Grade. In dem letzten Etablissement sind 5 Versuchs- 
stellen in Höhen von 600, 850, 1200, 1400 und 1800 Meter. 
Ende 1865 zählten diese 5 Orte allein 37,382 Chinastämme 
von Cinchona succirubra, C. Calisaya, C. micrantha, C. offici- 
nalis und C. Pahudiana. Die Pflanzungen stehen unter der 
Obhut zuverlässiger, geübter Leute. Man weiss, dass einige 
Arten besser im Norden , andere besser im Süden Indiens 
fortkommen. Die Bäume geben Alkaloide von derselben 
Kraft wie die amerikanischen. Der Erfolg hat die Hoff'nun- 
gen noch übertroff'en, indem man die Alkaloüde in Blättern 



Ueber Schimmelbildung in Chininlösungen. 155 

und Rinde gefunden und schon erfolgreiche Heilversuche gegen 
Febris intermittens angestellt hat. 

Decaisne nimmt hier Gelegenheit, auf die Nothwen- 
digkeit von Yersuchsgärten und agriculturchemischen Labora- 
torien hinzuweisen, die sich in England und Holland zahlreich, 
einige auch in französischen Colonien, in Frankreich selbst 
aber gar nicht finden, und die durch botanische Gärten und 
Eezirkbaumschulen nicht ersetzt werden können. {Jou?m. de 
Pharm, et de Chim.), 

De CandoUe, der dem botanischen Congresse in Lon- 
don präsidirte, erwähnt in einer Sitzung der Academie des 
sciences, dass die Chinabäume in Indien schon nach Hundert- 
tausenden zählen und an Chinin reicher sind als in ihrem 
Heimathlande. {Les Mondes). R, 



lieber Schimmelbildung in Cliininlösiingen. 

In der Sitzung der physikalischen Section der Nieder- 
rheinischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde am 2. Juli 
1868 wurden von Prof. Binz in Bonn 19 Präparate vorge- 
zeigt, (deren Yergleichung genaue Anhaltspunkte für die vor- 
liegende Frage darbot. Zuerst vier Solutionen von neutralem 
chlorwasserstofFsauren Chinin ; die eine von 1 : 60 steht seit 
15 Monaten, die zweite von 1 : 50 seit 12, die dritte von 
1 : 144 in Aq. Melissae seit 9, die vierte von 1 : 90 seit 
7 Monaten. In keiner derselben befindet sich Schimmelbil- 
dung, nur in den beiden ältesten entsteht beim Schütteln eine 
feine staubige Trübung , die unter dem Mikroskop sich als 
gewöhnliche Verunreinigung aus der Luft und als aus klei- 
nen Aggregaten verkümmerter und geschrumpfter Sporen 
(gewöhnlich als amorphe Massen und Detritus bezeichnet. — 
J. Lüders) bestehend erwies; von Fädenbildung keine Spur. 
Alle 4 Präparate waren stets dem Tageslicht ausgesetzt und 
sind in Folge dessen, wie das dem salzsauren Chinin eigen 
ist, tief braun geworden. — Um den Unterschied in der Halt- 
barkeit verschiedener Lösungen näher kennen zu lernen, 
waren am 8. April v. J. in Glaskolben folgende Ansätze 
gemacht worden : 

1) Chinin, sulfuric. officinale 0,5 in 50 Aq. destill, mit 
Acid. sulfur. concent. 2^2 Tropfen. Bildete damals eine voll- 
kommen klare Lösung. 



156 üeber Schimmelbildung in Chininlösungen. 

2) Dasselbe an Chinin und Wasser, jedoch nur l^/g Tr. 
Säure. Es bleibt ein Theil des Salzes ungelöst am Eoden 
liegen. 

3) Chinin, sulfuric. officinale 0,07 in 50 Wasser, eben 
gesättigte Lösung. 

Sc}i 4) Chinin, sulfuric. officin. 0,5 in 50 Wasser mit 8 Tropf. 
wefelsäure. 

5) Dasselbe mit 16 Tropfen Säure. 

6) Chinin, sulfuric. acidul. 0,5 in 50 Wasser. Klare 
Lösung. 

7) Chin. sulfuric. offic. ebenso, mit 2 Tropfen Salzsäure. 

8) Dasselbe mit 6 Tropfen Salzsäure. 

9) Chinin, hydrochlorat. neutral. 0,5 in 50 Wasser. Ohne 
allen Zusatz sich wasserklar lösend. 

10) Chinin, purum 0,15 in 60 Wasser, gesättigte Lösung. 

11) Aqua destillata, das nämliche, was zu sämmtlichen 
Solutionen verwandt worden war, 50 Gramm mit 1^2 Tropfen 
conc. Schwefelsäure. Es schwammen darin die gewöhnlichen 
Verunreinigungen, die auch in diesem Präparat wie in den 
andern absichtlich nicht entfernt wurden. 

12) Aq. destill. 50 Gramm ohne irgend einen Zusatz. — 
Die Kolben wurden mit frischen Korken versehen und an 
einen dunkeln, stets 18 — 20 Grad R. warmen Ort gesetzt. 
Heber der Flüssigkeit befand sich in allen Kolben gegen 
20 Cubikcentimer Luft. 

Nach 2 Monaten schon boten die aufgezählten Präparate 
den gegenwärtigen Befund dar , wobei die Beschreibung der 
einzelnen, ganz damit correspondirenden Entwickelungsstufen 
hier der Kürze wegen übergangen werden soll:' 

1) ist von einer zusammenhängenden Pilzwucherung so 
durchsetzt, dass nur etwas weniger als die Hälfte der Flüs- 
sigkeit frei geblieben. Widerlicher Geruch. 

2) scheint frei; auf dem Boden des Kolbens liegt das 
ungelöste Salz. Beim Einbringen einer Probe in ein Böhr- 
chen und Lösen des Inhalts mit ein wenig Säure zeigen sich 
jedoch einzelne Pilzfäden in der Flüssigkeit schwimmend. 
Conglomerate sind nicht vorhanden. 

3) Schwache, aber mit blossem Auge schon sehr deut- 
lich erkennbare Pilzbildung. 

4) Ebenso. 

5) Keine Spur davon. 6) Wie 3) und 4) aussehend ; 
grössere Quantität. 

7) Schöne kleine Pilzballen, jedoch viel geringer als wie 
bei 1) beschrieben, etwa ^/^q davon. 



tTeber Schimmelbildung in Chininlösungen. 157 

8) Einige verkümmerte, jedoch mikroskopisch noch erkenn- 
bare Anfiinge. i 

9) Wasserklar, wie vor 2 Monaten. 10) Ganz leichte 
staubige Trübung. 11) Ein schöner Pilzballen von etwa 
1^/2 Centimeter Durchmesser. 12) Klar, nur ganz geringe 
verkümmerte Anfänge. Es wurde sodann ein Präparat vor- 
gezeigt, das gleichzeitig und mit dem nämlichen Melissen- 
wasser wie Nr. 3 der ersten Reihe angefertigt worden war, 
nämlich Quecksilberchlorid 1 : 144. 

Dasselbe hatte allmählich einen weislichen unzusammen- 
hängenden Bodensatz von sehr geringer Dicke gebildet. Eine 
Zunahme liess in den letzten Monaten sich nicht constatiren. 
Das Mikroskop (Hartnackg) erwies, dass dieser innerhalb der 
Lösung entstandene und darin persistirende Niederschlag aus 
unbestimmbaren, grünlichen, unregelmässig geformten Conglo- 
meraten bestand, an deren Peripherie höchst feine Pilzfäden 
hervorwuchsen. Der unerwartete Befund veranlasste, vor 
Allem einer Yerwechslung mit Krystallnadeln vorzubeugen. 
Es blieb jedoch kein Zweifel über den vegetativen Character 
des Niederschlags übrig. — Sodann zeigte der Vortragende 
eine Lösung von Gerbsäure vor, worin die bekannte Pilz- 
masse in Form eines Schwammes sich angehäuft hatte. Fer- 
ner wurde eine Infusion aus 3 Gramm in Würfel zerschnitte- 
nem Muskelfleisch, 30 Wasser und 0,2 neutralem chlorwasser- 
stoffsauren Chinin, die nun seit 9 Monaten steht, demonstrirt. 
Sie befindet sich jetzt in ganz demselben frischen Zustand, wie 
selbige in der Sectionssitzung vom 17. Januar sich darbot. Von 
einem Beginn fauligen Geruches ist trotz der langen heissen 
Witterung keine Spur vorhanden. — Die Versuche über die 
vorliegende Frage werden fortgesetzt. Aus den bisherigen 
ergiebt sich, dass die Schimmelbildung in sauren (besonders 
schwefelsauren) Chininlösungen der Eigenschaft dieses Stof- 
fes, thierische Gewebe energisch vor Fäulniss zu schützen, 
durchaus nicht widersprechen kann; dass ferner Lösungen 
von neutralem chlorwasserstoffsauren Chinin unter bisher 
bekannten Umständen keine Pilze bilden; dass sodann für 
Chininlösungen, die nicht rasch verbraucht werden, es kaum 
eine schlechtere Form geben kann, als die fast allgemein 
gebräuchliche. {Bcrl. Klinische Wochenschrift). Hb9' 



158 Analyse eines Berliner Opium. — Lycoperdon Bovista. 

Analyse eines Berliner Opium.*) 

Yor einiger Zeit erhielt Dr. C. 0. Harz von Herrn Leh- 
rer Schulze einige 100 Gramme eines Opium, welches die- 
ser Herr zu Pankow, nach der in der Zeitschrift für Accli- 
matisation, 1866, X. XII. angegebenen Methode selbst gewon- 
nen hatte. 

Dieses Opium besass den intensiven Geruch und 
Geschmack des besten türkischen; es war, nach län- 
gerem Aufbewahren in einer Pappschachtel, sehr hart 
und zähe, besass eine graubraune Farbe und bildete eine 
compacte, von linsen- bis erbsengrossen Poren durchsetzte 
Masse. 

15 Gramme dieses Opium gaben an kaltes destillirtes 
Wasser 7,41 Gramme lösliche Bestandtheile ab; die wässrige 
Lösung hierauf im Wasserbade bis fast zur Trockne verdun- 
stet, wurde durch Alkohol von 80 p.C. von den gummösen 
Stoffen und unorganischen Salzen befreit, das alkoholische 
Filtrat nun vorsichtig mit Ammoniak übersättigt, lieferte nach 
10 Tagen 1,63 Gramme Morphiumkry stalle, d. i. 10,9 p.C. 

Dieses Opium entspricht demnach allen Ansprüchen der 
Pharmakopoe, sein geringer FarbstofFgehalt begünstigt die 
Keindarstellung der Morphinsalze ungemein, und lassen sich 
diese ohne Schwierigkeit in schönster weisser Earbe aus dem- 
selben darstellen. 

lieber Ausführlicheres im Betreff der Opiumgewinnung 
bei Berlin und Opium - Analysen verweist Dr. Harz auf sei- 
nen Aufsatz in Wittstein's Yierteljahresschrift für Phar- 
raacie, 1868. Big. 



Lycoperdon BoYista. 

Dr. A. Hewson in Philadelphia (Americ. Journ. of 
Pharm. 1867. Bd. 39. S. 113) hat den Bovist wieder in die 
Heilkunde eingeführt und zwar gegen Nervenkrankhei- 
ten in Form einer Tinctur, zu welcher er folgende Vor- 
schrift giebt: 

Lycoperdon Bovista 4 Unzen. 

Wasser 4 „ 

Starken Weingeist 12 „ 



*) Bericht aus dem phys. Laboratorium des landw. Lehrinstituts in 
Berlin. Annalen der Landwirthschaft. 



TJeber den Caragheensclileira. 159 

Den pulverigen Pilz lässt man erst 24 Stunden lang in 
dem Wasser maceriren, dann giesst man den Weingeist hinzu, 
lässt noch eine Woche stehen, kolirt und filtrirt. Von dieser 
tief rothbraunen Tinctur ist die Dosis für einen Erwachsenen 
1 Theelöffel voll. {Wittsteins Vierteljahrsschrift 1868, S.580.). 

H.L. 



Uelber den Caragheensclileim 

haben Flückiger und Obermaier Untersuchungen ange- 
stellt. Nach den Angaben von Blondeau sollte dieser 
Schleim (welchen er Goemin nannte, nach Goemon, dem 
Namen des Pucus crispus an der nordfranzösischen Küste) 
21,36 Proc. Stickstoff enthalten (neben 21,87oC, 4,87% H, 
2,51^/o S und 49,46^0 0). Einige Versuche verriethen einen 
unbedeutenden Stickstoffgehalt der Alge selbst; 1,012 Gramme 
derselben, mit Natronkalk verbrannt gaben nur 0,0113 Gramme 
Stickstoff, also nur 1,012% Stickstoff. 

1,345 Gramme desselben bei 100^ getrockneten Cara- 
gheens gaben 0,210 Gramm Asche = 15,6 Proc. Asche. 

Marchand (Ann. d. Chim. et d. Phys. 1866. VIII, 320) 
fand in 100 Theilen von 





Laminaria 


Lara. 


Fucus 


Fucus 


Fucus 




digitata 


sacharina 


serratus 


siliquosus 


vesiculosus 


N 


1,07 


1,75 


1,25 


1,80 


1,22 Theile. 


Asche 


17,82 


13,85 


18,46 


11,38 


15,58 „ 



Ausgesuchtes Caragheen wurde einen Tag lang mit der 
40 — 50fachen Gewichtsmenge Wasser im vollen Dampf bade 
stehen gelassen und die abgepresste Flüssigkeit mittelst AVein- 
geist gefällt. Der in langen dicken Eäden abgeschiedene 
Schleim wurde nach dem Abtropfenlassen wieder in Wasser 
gelöst, nochmals durch Weingeist gefällt und endlich zum 
3. Male so behandelt. Obgleich die Eäden ziemlich rein w^eiss 
erschienen, so nahmen sie doch beim Trocknen eine bräun- 
liche Färbung und hornartige Beschaffenheit an, so dass sie 
nur mit Mühe zu feinem Pulver zerrieben werden konnten. 
Von diesem w^eisslichen , bei 100^ getrockneten Pulver liefer- 
ten 0,79 Gramme 0,125 Gramme Asche und 0,91 Gramme 
0,147 Gramme Asche, im Mittel also 15,97o. Also selbst die 
3malige Fällung Hess den Aschengehalt unverändert über 
15% erscheinen. 0,836 Gramme dieses gereinigten Präpara- 
tes gaben mit Natronkalk verbrannt soviel Ammoniak, dass 
5,3 C. C. Zehntel Normalsalzsäure = 0,0193 Gramme HCl 
gesättigt w^urden = 0,00742 Gramme N oder 0,88% N. 



160 Heber den Caragheenschleim. 

Von einer Concentration des Stickstoffs in dem gereinig- 
ten Schleime war also keine Kede und können Flückiger 
und Obermaier die obige Angabe Blondeaus nicht 
betätigen. Sie trafen nicht unerhebliche Mengen von schwe- 
felsauren Salzen im Caragheen, wie denn auch Mar- 
chand dergleichen bis zum Betrage von 2 — 4% an SO^ in 
den oben erwähnten grossen Fuco'ideen gefunden hat. Unoxy- 
dirten Schwefel konnten Fl. und 0. in Caragheen nicht auf- 
finden; der gepulverte Caragheenschleim gab nämlich nach 
dem Schmelzen mit Aetznatron eine Lauge, in welcher Mtro- 
prussidnatrium nicht die geringste Färbung hervorrief. 

Der gepulverte Caragheenschleim quillt im kalten Was- 
ser sogleich sehr stark auf und löst sich in einer genügen- 
den Menge desselben zu einer ziemlich klaren Flüssigkeit, 
welche Lackmus nicht verändert. Ebensowenig thut solches 
der frische Schleim, welcher auch weder durch Fe^Cl^, noch 
durch ]^aO,Si02 gefällt wird. Wohl aber wird der Caragheen- 
schleim durch Bleizucker niedergeschlagen (während Blondeau 
behauptet, er werde dadurch nicht gefällt) und das Filtrat dann 
durch Alkohol nicht getrübt, woraus hervorgeht, dass dieser 
Schleim kein mit dem arabischen Gummi übereinkommendes 
oder ähnliches Gummi enthält. Mit SO^ befeuchtet wird der 
Caragheenschleim durch Jod nicht blau und weder in gepul- 
vertem noch in dickflüssigem Zustande von Kupferoxydammo- 
niak aufgenommen. 

Hingegen liefert er mit starker Salpetersäure anhaltend 
gekocht eine ansehnliche Menge von Schleimsäure, so 
dass vielleicht zur Gewinnung derselben das Caragheen als 
sehr billiges Material in Betracht kommen könnte. 

Der Schleim dieser Alge verhält sich daher in den erör- 
terten Beziehungen wie ein wahrer Schleim, wesentlich ver- 
schieden von Cellulose, Stärkmehl und Arabin, aber dem 
Schleime der Eibischwurzel am nächsten verwandt. Ob das- 
selbe auch von anderen Meeresalgen gilt, haben Fl. und 0. 
vorerst nur an jenem schönen Präparate der Chinesen und 
Japaner, dem sehr reinen Schleime von Sphärococcus 
tenax Agardh und verwandten Arten geprüft. Derselbe 
spielt im Ostasiatischen Handel unter dem Namen Agar- 
Agar oder Tjentjan (Dschinschan) eine sehr bedeutende 
Kolle und zeigt wenigstens zu Kupferoxydammoniak das Ver- 
halten des Caragheenschleims. (Bern, März 1868. Aus der 
Schweizer. Wochenschr. f. Fharm. in Wittsteins Viertel) akrsschr. 
XVin, 519.). B. L. 



161 



V". Zoologie. 



lieber die Finnen in den Muskeln der Rinder. 

In Folge seiner Beobachtungen über diesen Gegenstand 
glaubt Dr. J. Knoch (Bulletin der Akademie von St. Peters- 
burg) folgende Sätze als sicher aufstellen zu dürfen: 

1) In Bussland kommen nicht allein im Schwein, son- 
dern auch im Bind Cysticercen vor , und zwar wird der 
Cysticercus cellulosae zufolge K n o c h s vielfachen Un- 
tersuchungen ausser den häufigen Psorospermien in Cysten 
und Canälen beim Schwein nicht selten angetroffen; ferner ist 

2) nur beim Bind die Gegenwart des Cysticercus 
Taeniae mediocanellatae und zwar ebenso zahlreich 
als die der bewaffneten Finnen beim Schwein nachzuweisen ; 
endlich 

3) kommt in Bussland beim Menschen ausser dem 
am meisten vertretenen Botriocephalus latus sowohl die 
Taenia mediocanellata als auch die Taenia solium, 
sowie der Echinococcus und die Trichina spiralis vor. 

Durch die hier gewonnenen Thatsachen können wir zugleich 
die Frage, betreffend die Species der von Dr. Weisse etc. 
bei Kindern nach Genuss des rohen geschabten 
Bindfleisches beobachteten Bandwürmer als erle- 
digt betrachten, da sowohl Knoch 's directer Nachweis der 
Taenia mediocanellata bei einem Kinde aus St. Petersburg, 
als auch der zahlreiche Befund der unbewaffneten rüs- 
sellosenCysticercen im Bind fleisch entschieden für 
die Taenia mediocanellata sprechen. 

Ferner lassen Knoch's Beobachtungen und Erfahrungen, 
gewonnen in Folge zahlreicher Untersuchungen, sowohl des 
Schweine- als auch des Bindfleisches, keineswegs die Vermu- 
thung Leuckart's u. Küchenmeister's zu, als wenn auch 
beim Schwein sich der Cysticercus Taeniae mediocanellatae 
entwickele. {Ausland, N?\ 28. S. 618. 25. Juni 1868 ; mit 
Ahhildung auf S. 617.). 

Ueber Dr. Weisse'sMusculin-Latwerge vergleiche 
man Archiv d. Pharm. 1867, 2. B. Bd. 129. S. 148. H. L. 



Arch. d. Pharm. CLXXXVH. Bds. 1. u. 2. Hft. 11 



162 Die Trichinen und die Trichinose. 

Die Triehinen und die Trieliinose. 

Die Trichine gehört zu den Fadenwürmern, einer Klasse 
niederer sehr zahlreicher Thiere, die man im Meere, 
in den Flüssen, der Erde, den Elumen und Früchten, eben 
so in Thieren aller Familien findet. Ni ekles fand Faden- 
würmer in der Erde, in Regen würmern, in der Raupe von 
Bombyx chrysorrhoea und in einer Birne. Die allgemeine 
Aufmerksamkeit wurde besonders in Deutschland auf diese 
Thiere gelenkt, als man sie in E,üben fand, und in diesem 
Umstände die Ursache der Trichinenepidemie finden wollte. 
Diese Parasiten bestehen aus sehr dünnen Fäden von ver- 
schiedener Länge und sind mit grosser Lebenszähigkeit begabt. 
Die grössten sind der Palisadenwurm (Strongle geant) und der 
Medinawurm (Filaria medinensis über 3 Fuss lang). Der 
erstere findet sich bei Wolf, Hund, Rind, Pferd, wo er die 
Harnwege angreift ; der zweite, den schon Plutarch erwähnt, 
bekannt unter dem Namen Hautwurm (dragonneau) und 
Guineawurm (ver de Gruinee), ist ein für den Menschen sehr 
unbequemes Thier. Man findet ihn nur in Arabien, Indien 
und Centralafrika. Die Reisenden Gr o m e r und Jean Bruce 
haben damit sehr schmerzhafte Erfahrungen gemacht. 

Die meisten Fadenwürmer haben bestimmte Aufenthalts- 
orte, die sie nicht ohne Gefahr wechseln können: die Trichine 
macht eine Ausnahme. Sie findet sich beim Menschen, Schweine, 
Dachs, Katze, Ratte, Maus, Maulwurf, Fledermaus, bei meh- 
ren Raubvögeln. Es ist übrigens möglich, dass man Trichina 
spiralis mit andern verwandten Arten, wie Trichina affinis, 
zugleich antrifi't: dies ist eine ofi'ene Frage. 

Trichina spiralis wurde 1835 zuerst von dem englischen 
Arzte und Naturforscher Richard Owen entdeckt und 
beschrieben. Der englische Anatom Hilton fand sie zuerst 
in einem menschlichen Leichnam; es waren als weisse Punkte 
erscheinende eingekapselte Trichinen. Der gegebene Wink 
ermunterte zu weitern Forschungen. Gleiche Beobachtungen 
wurden im Hospital zu Strasburg von Köberle gemacht; 
Kestner, Dengler u. A. veröfi'entlichten Arbeiten über die- 
sen Gegenstand. 

Die Muskeltrichine ist das Alles zu verwüsten bereite 
Thier in seiner vollen Jugendkraft. Ein davon befallener 
Mensch kann in seinem Muskelfleische Millionen dieser Thiere 
beherbergen. Die schrecklichste Trichinenepidemie oder Tri- 
chinose war die von Hedersleben bei Quedlinburg, einem 
Orte von 2000 Einwohnern; es waren 300 Leute von der 



Die Trichinen und die Trichinose. 163 

Krankheit befallen, 80 starben. Die erste Beobachtung die- 
ser Krankheit machte 1860 in Dresden Zencker, die 
beobachteten Pälle hatten tödtlichen Ausgang. Zahlreiche 
deutsche Aerzte und Naturforscher stellten Untersuchungen 
darüber an; das meiste zur Kenntniss der Trichine als einem 
pathologischen Elemente hat Virchow beigetragen. 

Wenn der Parasit hinlänglich ernährt ist, kapselt er sich 
in eine Art Cocon ein, ähnlich der Puppe der Insecten. Bei 
dieser Metamorphose behält das Thier ein latentes Leben, 
bis der Zufall ihm Grelegenheit giebt, wieder in die Einge- 
weide eines seiner Natur angemessenen Greschöpfes zu gelan- 
gen. Eingekapselte Trichinen haben ihre Lebensfähigkeit 
13^/2 Jahre erhalten. Der eingekapselte Parasit bewirkt für 
das betreffende Geschöpf, in welchem er sich befindet, keine 
weitere Lebensgefahr. Kommen diese Kapseln in einen geeig- 
neten Magen, so werden sie wieder ausgebrütet, der Faden- 
wurm entwickelt sich, erlangt seinen frühern Zustand und 
wird reif zur Fortpflanzung: es sind die Intestinal trichinen. 
Die Geschlechter sind getrennt, das Weibchen bringt leben- 
dige Junge zur Welt wie der Palisadenwurm. Die jungen 
Trichinen von unwahrnehmbarer Kleinheit durchbohren die 
Schleimhäute, durchwandern die Gewebe, bis sie in die 
Muskeln gelangen, wo sie bleiben und ihre Verwüstungen 
anrichten. Man hat noch nie Trichinen in Gehirn, Herz, 
Lunge und Leber des Menschen gefunden. 

Das Studium der Trichinen hat zu mikroskopischen Un- 
tersuchungen der Gewebe einer grossen Anzahl Säugethiere 
geführt; so fand man im Muskelfleische von Maus, Ratte, 
AVildschwein, Huhn, dann im Herzen von Schaf, Kalb, Bind, 
Beh cylindrische Schläuche mit mehr oder weniger runden läng- 
lichen, auch nierenförmigen Körperchen, denen man einigen Zu- 
sammenhang mit den Trichinen zuschrieb. Diese Beobachtungen 
wurden zuerst von Mi e seh er gemacht, dann von He sl in g, 
Siebold, Bischoff. Man nannte sie Miescher'sche 
Schläuche. Bainey fand sie im Schweinefleisch und hielt 
sie für die ersten Keime der Finnen; darauf nannte man sie 
B.ainey'sche Körperchen. Virchow nennt sie Pso- 
rospermien-Schläuche, doch ist ihr Wesen noch dun- 
kel. Die Physiologen halten sie mehr für pflanzlicher als für 
thierischer Natur. Vielleicht ist es eine Art Mycelium, das 
zu flechtenartigen Vegetationen auf der Haut Anlass giebt. 
Bei dem Menschen hat man sie noch nicht gefunden. 

Namentlich wo es Sitte ist, wie in Deutschland, das 
Schweinefleisch roh oder nur wenig gekocht zu verzehren, hat 

11* 



164 Ueber Tricbiniasis unä Fleischbescliau in Thüringen. 

man die Trichinose im hohen Grade beobachtet. Besonders 
war es der Fall in Tübingen, Würzburg und Heidelberg. In 
vielen Städten Deutschlands ist mikroskopische Untersuchung 
des Schweinefleisches angeordnet, zu welchem Amte Vir- 
chow namentlich die Apotheker empfiehlt, als besonders 
geschickt zu Untersuchungen, die eine gewisse Geschicklich- 
keit, grosse Gewissenhaftigkeit, minutiöse Beobachtungsan- 
lage und naturwissenschaftliche Kenntnisse erfordern. 

Der Elsass ist von dieser Plage verschont geblieben, da 
dort das Schweinefleisch scharf gekocht wird. {Nicki es , 
Journ. de Fharm. et de Chim.). E. 



lieber Triehiiiiasis und Fleisclibescliau in Thüringen 

sind von Dr. L.Pfeiffer in Weimar in der Jenaischen Zeit- 
schrift für Medicin und Naturwissenschaften (4. Bd. 1868, 3. 
u. 4. H. S. 504 — 521.) die bisherigen Erfahrungen zusammen- 
gestellt worden, aus welcher Zusammenstellung das Nachste- 
hende entnommen wurde. 

Ergebniss der mikroskopischen Untersuchungen: 

Zeitraum der Anzahl d. unter- Davonmit 
Untersu- suchten ganzen Trichinen 



Ort 


chung. 


Schweinen, d. ein- 


behaftet 






zeln. Theile solcher. 


gefunden, 


1) Stadt Altenburg April 1866—67 


5280 


3 


2) Stadt Weimar 


1866 


2310 


2 


7J 7? 


1867 


3040 


2 


„ „ I. Quart. 


1868 


1020 




3) Stadt Gotha 


1866 


5000 


5 


>? ?> 


1867 


6061 


1 


4) StadtWaltershausenNov.65b.Ende65 262 




» ?> 


1866 


1520 


1 


j> )j 


1867 


2170 


1 


5) Amt Waltershausen 


1867 


430 




6) Ebenhausen in S. Gotha 


1867 


9 


1 


7) Nazza u. Lauterbach 


1866 


2 




}> »> 


1867 


19 


1 


8) Stadt Ohrdruff' 


1866 


151 


— 


)f yy 


1867 


193 




I. Quart. 


1868 


82 


— 


9) Amt Ohrdruff 




? 


? 


10) Amt Gotha 


1867 


12374 




11) Kreis Nordhausen Win- 








tersemester 1^ 


^67/1868 


> 


40 



Ueber Tricliiniasis und Fleischbeschau in Thüringen. 165 

In Sachsen-Gotha (ohne Coburg), von welchem Lande 
allein eine fast vollständige Uebersicht der Fleischbeschau 
vorliegt (Mittheilung des Hr. Med.-E. Dr. Schuchardt in 
Gotha), kommen auf 28264 untersuchte Schweine neun solcher 
mit Trichinen, d. h. 1 : 3140. 

In der Stadt Weimar kommen auf 6370 Schweine 
bereits vier solcher, d. h. 1 : 1590. 

l^ach dem Mitgetheilten muss man einer allgemeinen 
obligatorischen Fleischbeschau entschieden das Wort reden. 
Thüringen hat, abgesehen von seiner nördlichen, stark von 
Trichinen heimgesuchten Grenze, noch verschiedene Trichinen- 
herde (Waltershausen, Grosskromsdorf, Gegend 
von Altenburg und Weimar), durch die alljährlich eine 
verhältnissmässig grosse Anzahl von Schweinen inficirt wird. 
Von den meisten Gegnern der obligatorischen Fleischbeschau 
wird letztere doch für solche Distriete für nöthig gehalten, 
in denen öfter Trichinen vorkommen und steht die Mehrzahl 
der Sanitätsbehörden in Thüringen auf diesem Standpunkte. 
Die Fleischbeschau muss aber Obigem zu Folge auch eine 
allgemeine, über die Landgemeinden sich gleicherweise 
erstreckende sein und lassen sich die angeblich unüberwindl. 
Hindernisse, wie die Beispiele von S. Weimar und S. Gotha 
lehren, bei g u t e m W i 1 1 e n beseitigen. Der bequeme Grund- 
satz , dass durch vernünftiges Zubereiten der Speisen und 
durch passende Belehrung nach dieser Eichtung hin jeder 
Einzelne die Gefahr von sich wenden könne, passt schon in 
so fern nicht für Thüringen, als bei dem grossen Consum von 
Schinken und Cervelatwurst , die nur leicht geräuchert wer- 
den, um sie „saftig" zu erhalten, von dieser Seite immer 
wieder eine Epidemie wie die von Weimar verursacht wer- 
den kann. An eine Verminderung des Consums derartiger 
Fleischpräparate oder an eine Aenderung der Zubereitungs- 
weise dieses grossen Industrieartikels aber ist in Thüringen 
nicht zu denken. 

Schliesshch noch eine Beobachtung, die von einem erheb- 
lichen Einfluss auf die zukünftige Gesetzgebung sein könnte. 
Die tägl. Erfahrung lehrt, dass trotz obligatorischer Fleisch- 
beschau immer noch ein grosser Theil der geschlachteten 
Schweine den Untersuchungen entzogen wird. (In Walters- 
hausen nach Dr. Köllein z.B. die Hälfte). In der Stadt 
Weimar betrug die Zahl der Untersuchungen 1866 circa 2360, 
1867 c. 3090 und in I. Quartal von 1868 1060. Diese rapide 
Steigerung der zur Untersuchung gekommenen Schw^eine hängt 
nicht mit einer Vermehrung des Consums zusammen. Sie 



166 Australische Ambra. 

erklärt sich einfach daraus, dass seit Mitte 1867 von den 
meisten Fleischern mit ihrem Fleischbeschauer eine jähr- 
liche Pauschalsumme vereinbart wurde , für w^elche 
letzterer alle von dem betreffenden Fleischer geschlachteten 
Schweine untersuchen muss. Dadurch hat der Fleischer kein 
Interesse mehr, w^öchentl. 1 oder mehre Schweine der Untersuchung 
zu entziehen und liegt hierin nach dem einstimmigen Urtheil 
aller Fleischbeschauer der Grrund der obigen raschen Steigerung. 
Derartige Accordirungen dürften zum wirksameren Schutze 
des Publikums überall von den betreffenden Behörden anzu- 
ordnen sein. Ein weiterer Punkt, den die Gesetzgebung noch 
nicht genügend berücksichtigt hat, ist die Verstopfung 
der Quellen, aus denen die Schweine die Trichinen bezie- 
hen. Für den Waltershäuser Trichinenherd sind die Trichinen 
in den Ratten von Dr. Köllein nachgewiesen worden, der 
Trichinenherd der Schinderei zu Weimar enthält ebenfalls 
zahlreiche trichinige Ratten und dürfte es an der Zeit sein, 
diese Infectionsquelle zu verstopfen. Ausgedehntere Unter- 
suchung der Ratten und Vernichtung derselben, Belehrung in 
landwirthschaftl. Vereinen über Einrichtung der Ställe etc., 
würden bei den betreffenden Regierungen noch in Anregung 
zu bringen sein. Eine gänzliche Vernichtung (nicht Zurück- 
stellung an den früheren Eigenthümer) von trichinenhaltigem 
Fleisch ist eben so für eine vorsichtige Sanitätspolizei gebo- 
ten. Die Concessionirung von Fleischbeschauern über den 
wirklichen Bedarf hinaus kann durch Herabdrü'cken der Un- 
tersuchungsgebühren nur nachtheilig auf die Genauigkeit 
der einzelnen Untersuchungen einwirken. Wenn durch neu 
concessionirte Fleischbeschauer die Gebühr für die einzelne 
Untersuchung nach und nach bis fast auf 1 Silbergroschen 
herabgedrückt wird, so muss das Zutrauen auf die Zuver- 
lässigkeit der Untersuchung schwinden. {L. Pfeiffer^ Wei- 
mar, Mai 1868, Jenaische Zeitschr. f. M. u. N. 26. Nov. 1868.). 

I1.L. 



Australische Ambra. 

Es ist nun endgültig erwiesen, dass es in Gross Gulley, 
bei Rokewood in Australien, Ambra in Fülle giebt. Sie soll 
mit der europäischen Substanz dieses Namens identisch sein. 
{Les Mondes; Ausland vom 9. Apnl 1868.). H. L. 



167 



VI. Medicin und Ph-armacie. 



Die elektrischen Heilmittel. 

Die Frage ist für viele Tausende von grösster Wichtig- 
keit, ob man sich den elektrischen Kuren anvertrauen solle 
oder nicht ? Unsere Antwort (Bernstein's Naturwiss. Volks- 
bücher 1867) hierauf ist folgende: Wissenschaftlich steht es 
fest, dass die Elektricität eine grosse Rolle im menschlichen 
Körper spielt und man sollte meinen, dass hieraus schon 
folge, dass es im Allgemeinen heilend auf den Körper einwir- 
ken müsse, wenn man ihn den elektrischen Strömen aussetzte; 
allein dies ist gewiss nur in sehr beschränktem Masse der 
Fall. Hätte man ein Mittel, die elektrische Thätigkeit der 
Nerven oder der Muskeln selber anzuregen, so liesse sich 
die Sache schon eher hören; hierfür aber ist kein Mittel vor- 
handen, sondern man versucht jetzt dadurch ein Heilverfahren 
herzustellen, dass man durch zwei Metalle einen elektrischen 
Strom erzeugt und diesen Strom durch den menschlichen 
Körper, oder durch ein erkranktes Glied einfach oder mit 
häufigen Unterbrechungen hindurchströmen lässt. Man erzeugt 
also nicht im menschlichen Körper eine Elektricität, sondern 
man benutzt ihn nur als Leiter eines ausserhalb des Körpers 
erzeugten elektrischen Stromes. Ob hierdurch irgend wie die 
eigene körperliche Thätigkeit geweckt oder gestärkt werde, 
ist an sich schon sehr zu bezweifeln. Ja, wenn es auch durch 
du Bois-E,eymond's Forschungen ausgemacht ist, dass 
künstlich erzeugte elektrische Ströme, die in einem kleinen 
Stück Nerv erzeugt werden, den ganzen Nervenfaden in einen 
eigenen elektrischen Zustand versetzen, so ist es eben durch 
denselben Forscher festgestellt, dass je nach der Richtung 
dieses Stromes der eigene Strom des Nervs ebenso geschwächt 
wie gestärkt wird. 

So ohne Weiteres also metallisch erregte Elektricität 
durch den menschlichen Körper leiten und sich einbilden, dass 
man dadurch die thierische Elektricität des Körpers stärke, 
ist gewiss eine sehr oberflächliche Ansicht. Jeder vernünftige 
Arzt weiss es, dass man nicht einmal mit wirklichen heilsa- 
men Medicamenten so verfahren kann, und wenn jeder z. B. 
gesteht, dass im Blute des Bleichsüchtigen Eisen fehlt, so 



168 Die elektrischen Heilmittel. 

weiss er gleichwohl, dass er zwar eisenhaltige Medicin in den 
Magen des Kranken, aber darum noch nicht sicher in die 
Blutkörperchen des Patienten bringen kann. Hiernach darf 
man es für jetzt als ausgemacht annehmen, dass das vorgeb- 
liche Heilen aller Arten von Krankheiten durch das Hindurch- 
leiten elektrischer Ströme durch den menschlichen Körper 
eine Charlatanerie ist,* die auf Täuschung oder Selbsttäuschung 
hinausläuft, denn weder die Theorie noch die Praxis spricht 
für irgend welche sichere Erfolge und der Glaube der Leute 
daran ist nicht höher anzuschlagen als der Glaube an Eeva- 
lenta arabica, Wunderkinder, Besprechungen, sympathetische 
Kuren, heilige Quellen u. dergl. Aberglauben. 

Gesunde l^ahrung, Bewegung in freier Luft, 
Leibesübung, Turnen, Erheiterung des Gemüths 
und frische geistige Begung sind sichere Erzeuger 
kräftiger Leibesthätigkeit, also auch gute Mittel zur Erweckung 
der thierischen Elektricität , die eine so grosse Bolle im Kör- 
per spielt; wer nur einigermassen noch zu diesen Mitteln 
seine Zuflucht nehmen kann, der versäume sie nicht und 
bilde sich nicht ein, dass sich eine organisirend im Kör- 
per wirkende Kraft ersetzen lasse durch eine aus todten 
Metallen angeregte elektrische Strömung, wenn sie auch mit 
der Strömung im menschlichen Körper die grösste Aehnlich- 
keit hat. 

Bis auf einen gewissen Punkt ist die organische und 
anorganische Chemie auch ganz gleich; aber die fortgeschrit- 
tene Wissenschaft hat schon gelehrt, dass der menschliche 
Magen nicht zu ersetzen ist durch ein chemisches Laborato- 
rium und wird wahrscheinlich auch einmal eben so sicher dar- 
thun, dass die thierische Elektricität sich nicht ersetzen lässt 
durch die mittelst Kupfer und Zink entwickelte. Wir erklä- 
ren uns im Allgemeinen gegen die elektrischen Kuren 
als Ersatzmittel oder Erreger der thierischen Elektricität. Dahin- 
gegen ist es ganz etwas anderes, wenn man die metallisch erregte 
Elektricität nur als ein heilsames Reizmittel anwendet, um die 
gelähmte Thätigkeit der Haut und der Muskeln zu erhöhen. Für 
ein solches Heilverfahren in bestimmten einzelnen Eällen spricht 
sowohl die Theorie als der praktische Erfolg. Ebenso wie 
man die Thätigkeit der Haut durch Bäder, kalte Begiessun- 
gen, kalte Einhüllungen, Senfpflaster u. s. w. reizen und erhö- 
hen, den Blutumlauf, die Ernährung und Ausscheidung beför- 
dern kann, eben so kann man diess durch elektrischen Beiz. 
Man hat hierzu verschiedene sinnreiche Vorrichtungen erfun- 
den. Man setzt einen Menschen in ein lauwarmes Bad, in 



Therapeutische Anwendung des reinen Sauerstoffgases. 169 

welches der Pol einer Batterie mündet, an den zweiten Pol 
der Batterie befestigt man eine metallene Euthe und schläg-t 
mit derselben ganz leise den Körper des Kranken. Hierdurch 
entsteht eine fortwährende Entladung der Elektricität auf der 
Haut des Kranken, die diese etwas empfindlich prickelt und 
röthet und somit die Thätigkeit der Haut anregt, was in ange- 
messenen Fällen heilsam wirken muss und auch wirkt Hier 
aber wirkt nicht die Elektricität als solche, sondern nur der 
K.eiz, den sie auf der Haut verursacht, und als solcher ist 
sie medicinisch gewiss anwendbar. 

Nicht minder können bei Lähmungen der Muskeln die 
Reizungen wirksam sein, die man durch galvanische Apparate 
auf den Muskel ausüben kann ; denn die Zuckungen, die man 
im Muskel erzeugen kann, begünstigen den Blutumlauf und 
befördern in geeigneter Weise angewandt, auch die Aus- 
scheidung oder Zertheilung krankhafter Stoffe in demselben. 

Auf diese Weise können theilweis und selbst ganz 
gelähmte Muskeln ihre Fähigkeit, sich zusammenzuziehen, 
wieder erlangen, indem durch die elektrische Eeizung der 
Muskel sich bewegt und durch die Hebung kräftigt. Wir 
beantworten daher die obige Frage wegen den elektiischen 
Kuren dahin : dass die metallisch erregte Elektricität keineswegs 
die thierische irgendwie direct ersetzen, wahrscheinlich auch 
nicht heilbringend verstärken kann; dass aber der Beiz der 
Elektricität auf Haut und Muskeln in einzelnen Fällen wohl 
heilsam einzuwirken vermag, und 'wir schUessen diese Reihe 
der Betrachtungen mit der Behauptung, dass es Charlatanerie 
ist, wenn man den Galvanismus als einzige Medicin anpreisen 
hört, dass es aber absprechender Dünkel wäre, wenn man 
den Beiz der galvanischen Behandlung ganz und gar aus dem 
Reiche der Heilmethode verbannen wollte. {Bernstein , a. 
a. 0. , daraus im Polytechn. NotizUatt 1868. Nr. 11. S. 165 — 
168). H. L. 



Therapeutische Anweiiduiig' des reinen Saiierstoffga- 

ses; Menge des beim Einathmen dieses Grases 

entstehenden Kohlensäuregases. 

Seit der Arbeit von Demarquay und Leconte spielt 
der Sauerstoff in der medicinischen Praxis eine Bolle. Des- 
halb sucht Limousin diese Medication allgemeiner zu machen, 
eine praktische Darstellung des reinen Sauerstoffs zu finden, 
sowie Mittel ihn zu messen und ihn leicht anzuwenden. 



17Q Therapeutische Anwendung des reinen Sauerstoffgases. 

Die erste Idee zu den nachfolgenden Untersuchungen 
ging von Bussy, Director der Ecole de pharmacie de Paris 
aus. Oft kann der Arzt zu der Annahme gelangen, dass 
Sauerstoffeinathmung pathologische Zustände bessern könne, 
die von SauerstojfFmangel im Blute herrühren, ebenso oft wird 
er aber auch befürchten müssen, dass diese abnorme Einath- 
mung schädlich werden kann. Die völlige Lösung dieses 
Problems überlässt Limousin geübteren TJntersuchern, hält aber 
die Ermittelung für interessant, wie viel Kohlensäure sich 
beim Einathmen des Sauerstoffs bildet, verglichen mit der 
Menge beim Einathmen gewöhnlicher Luft. Es wurden aus 
einem Ballon 20 Liter atmosphärische Luft eingeathmet. Die 
ausgeathmete Luft strich durch eine 2 Liter Aetzbarytlösung 
enthaltende Elasche, welche zwei Bohren enthielt, deren erste 
in die Lösung tauchte und einen mittelst Kautschuk befestig- 
ten Ansatz hatte, der in den Mund genommen wurde. Die zweite 
kürzere diente zum Entweichen der durch die Barytlösung 
gewaschenen Gase, Der in der Lösung entstandene Nieder- 
schlag wurde auf einem Filter gesammelt, getrocknet, gewo- 
gen und ergab für 20 Liter Luft 2,58 Grm. kohlensauren 
Baryt «oder mit Berücksichtigung der geringen in der Luft 
normal enthaltenen Menge Kohlensäure 2,48 Grm. BaOjCO^. 

Derselbe Versuch wurde in gleicher Weise mit 20 Liter 
Sauerstoffgas gemacht. Der trockne Niederschlag betrug 6 Grm., 
der verbrauchte Sauerstoff kann aber bedeutend mehr erge- 
ben. Indem der Organismus unveränderlichen Naturgesetzen 
gehorcht, kann er eine grössere Menge Sauerstoff nicht fixi- 
ren, sondern der üeberschuss geht ohne Wirkung durch die 
Lungen fort, andernfalls würden ohne Zweifel Entzündungen 
entstehn. Die durch die Lungen bei der Exspiration ausge- 
schiedene Menge reinen Sauerstoffs ist so gross, dass sich 
ein in die Beceptionsflasche gebrachtes oder in den Mund 
genommenes noch glimmendes Zindhölzchen wieder entzündet. 

Die physiologische Wirkung des Sauerstoffs geht weiter, 
auch wenn man die Inhalation unterbricht. Nach 15 Minuten 
Unterbrechung betrug die Menge des kohlensauren Baryts 
für dasselbe Volumen 3,20 Grm. Man kann hieraus den 
Schluss ziehen, dass die während der Inhalation einer bestimm- 
ten Menge Sauerstoff entstehende Kohlensäure nicht so gross ist, 
um die Eurcht einer zu energischen Wirkung zu erregen, jedoch 
hinreichend ist, einen therapeutischen Effect hervorzubringen. 

In Bezug auf die Frage, welche Zeit die beste sei zu 
Sauerstoffinhalationen und welche Art die wirksamste, bezieht 
sich Limousin auf die Arbeit von Claude Bernard. Die- 



Therapeutische Anwendung des reinen Sauerstoffgases. 171 

ser hat gefunden, dass das Blut nüchterner Thiere mehr 
Sauerstoff aufnehme als während der Arbeit der Verdauung. 
Es wird also der Sauerstoff wohl auch bei nüchternen Men- 
schen angewandt werden müssen. Gerechtfertigt wird diese 
Anwendung auch durch die 'Beobachtung von Demarquay 
und Andern, dass der Sauerstoff den Appetit überreizt. Den 
Widerstand der Absorption des Sauerstoffs während der Di- 
gestion setzt Bernard in den sehr reichlichen Zucker, welchen 
während dieses Aktes die Leber in die Circulation ergiesst. 
Zugleich vermehren und erleichtern gewisse Körper die Oxy- 
genirung, wie alkalische Stoffe, Chlornatrium. 

Man vereinigt daher die Inhalationen mit der Anwendung 
alkalischer Salze, lässt auch das Gas, bevor es in die Eespi- 
rationswege gelangt, durch eine Lösung von Seesalz streichen. 
Oft ist es auch nöthig, die Wirkung des Sauerstoffs abzu- 
schwächen und zwar nach den Beobachtungen von Sales- 
Girons dadurch, dass man das Gas durch eine gesättigte 
Lösung von Theer streichen lässt. Mit Theerdämpfen gesättigter 
Sauerstoff wirkt nicht mehr mit der gleichen Stärke auf Phos- 
phor; eine Phosphorstange hört in diesem Medium auf zu 
phosphoresciren. Ob sich aber daraus für Physiologie und 
Medicin ein Schluss ziehen lässt, ist fraglich. 

Limousin's Inhalateur ist so construirt, dass man dem 
Sauerstoff leicht andere Arzneistoffe beimengen kann, indem 
man sie in dem Waschwasser entweder löst oder vertheilt. 
Ein Kautschukball von 30 Liter Gehalt dient als Eeservoir 
für den Sauerstoff; er ruht auf einem Kupfergestelle; eine 
Flasche wie bei der Wasserpfeife (Nargilhe) dient als Wasch- 
apparat. Letztere enthält zwei Köhren, von welchen die län- 
gere mit einem Ende in die Flüssigkeit taucht, mit dem 
andern mittelst Kautschuk und einem Hahne mit dem Sauer- 
stoffballon in Verbindung steht; das Ende der kürzern Eöhre 
nimmt der Patient in den Mund. Beim Saugen tritt das 
Gas durch die Waschfiüssigkeit in die Respirationswege. Ein 
Druck auf den Ballon verstärkt natürlich das Ausströmen; 
man macht davon Gebrauch bei Asphyxie und Asthma. Will 
man den Eintritt atmosphärischer Luft durch die Nase ver- 
hindern, so klemmt man diese mit dem Finger zu. 

Der Apparat von Limousin, der im Repertoire de phar- 
macie, t. XXIII, sept, 1866 beschrieben ist, eignet sich nur 
zur Darstellung in grosser Menge. Zur Darstellung klei- 
nerer Mengen dient folgender Apparat, der selbst in der- 
gleichen Arbeiten ungeübten Personen in wenigen Minu- 
ten 30 Liter Gas liefert. Zwei halbkugelige Calotten 



172 Therapeutische Anwendung des reinen Sauerstoffgases. 

"von Stahl sind auf einander gepasst und dienen als Ke- 
iorte. Der Verschluss ist hermetisch durch ein Schrauben- 
system und einen Kautschukring, der sehr hohen Temperatu- 
ren widersteht. Eine eigenthümliche Vorrichtung hindert das 
Einspringen des Ringes in das Innere, seine Lage zwi- 
schen den beiden Calotten und seine schlechte Leitungsfähig- 
keit verhindern zu grosse Erhitzung des obern Theiles. 
Die Eetorte wird beschickt durch das gewöhnliche Gemenge 
von ganz trocknem chlorsauren Kali und reinem Braunstein, 
der weder Chlorüre noch Mtrate enthält. Dann wird fest 
zugeschraubt und eine Waschflasche angefügt, die Aetzkali- 
lösung enthält, und eine Spirituslampe untergesetzt. Das Gas 
entwickelt sich schnell und sammelt sich in dem an den kur- 
zen Tubus der Waschflasche befestigten Kautschukball. So 
kann man in wenigen Minuten 30 Liter reines Sauerstoffgas 
erhalten, welches salpetersaures Silberoxyd nicht trübt und 
Lackmus nicht röthet. Das Zurücksteigen der Waschflüssigkeit 
in die Retorte verhindert man durch Abheben der verbinden- 
den Kautschukröhre nach beendigter Operation. 

Um eine andere Anwendung des Sauerstoff's zu ermögli- 
chen, stellt Limousin auch ein mit Sauerstoff" gesättigtes 
Wasser dar. In einen bei Darstellung des Selterserwassers 
gebräuchlichen Apparat wird destillirtes Wasser und reines 
Sauerstoff'gas gebracht. Ein Rührer bewirkt mit grosser Schnel- 
ligkeit eine vollständige Mischung. Bei einem Drucke von 
7-^-8 Atmosphären wird auf gewöhnliche Weise auf Flaschen 
gefüllt. Trotz der geringen Löslichkeit des Sauerstoffgases ist 
das Wasser so gesättigt, dass es beim Zerschneiden des Drah- 
tes den Pfropfen abwirft. Ein brennendes Zündhölzchen, in 
den leeren Raum der Flasche gebracht, muss beim Zupfropfen 
glühend bleiben und entzündet sich bisweilen wieder, wenn 
das Wasser gut dargestellt ist. 

Dieses Wasser steht in keiner Beziehung zu Thenard's 
WasserstofFdioxyd. Es ist ein starkes Stimulans, man giebt 
davon 1 — 2 Gläser bei jeder Mahlzeit rein oder mit Wein 
gemischt. Es ist angewandt gegen Affectionen der Dige- 
Ktionswege, doch ist seine Wirkung noch nicht sicher ergrün- 
det. {Journ. de Pharm, et de Chim). R. 



173 



VU. Toxikologie ixnd gericlitliclie 

ClierQie. 



Empflndliehlieit der yerscliiedenen Methoden der 
Arsenikausmittelimg ; nach Fraiick, 

Der Apparat von Marsh lässt 0,0003 Milligramm AsO^ 
erkennen, gelöst in 150 Millionenmal so viel Flüssigkeit; die 
Methode von Fresenius und von Babo ergiebt noch 0,002 
Milligr. AsS^; die von Reinsch durch Kupfer 0,001 Milligr. 
AsO^ in 5 Millionenmal so viel Flüssigkeit; die von Kieckher 
durch ammoniakalisches salpetersaures Silberoxyd 0,002 Milligr. 
in 3 Millionen Theilen Flüssigkeit. {Journ. de Fhann. et de 
Chim.). B, 



Die medico ■ legale Pliospliorermittelung ron Otto. 

Der Methode von Dussart ist nicht zu ti'auen, wenn 
ausser dem Phosphor noch Schwefel vorhanden ist. In die- 
sem Falle kann die smaragdgrüne Phosphorflamme durch die 
blaue Schwefelflamme maskirt werden. Um diesem üebelstande 
zu begegnen, muss man das Gas vorher durch eine TJ för- 
mige Röhre leiten, die mit durch concentrirte Kalilösung 
getränkten Bimsstein gefüllt ist. 

Eine andere (wohl noch gefahrlichere) Irrthumsquelle 
kann ein Phosphorgehalt des zur Entwickelung des Wasser- 
stoff'gases dienenden Zinks sein. Selbst destillirtes , von Ar- 
sen freies Zink kann genug Phosphor enthalten, um die 
Flamme grün zu färben. (Journ. de Phann. et de Chim.). 

R. 



Uiitersueliiiugeii über die giftigen Eigenschaften des 

Bnndu, eines (xottesurtheilgiftes der Glabons; von 

Peeholier und Saintpierre. 

Der Bundu (Icaja oder M'Boundou) ist ein zu 
der Familie der Apocyneen gehöriger Strauch und theilt mit 
andern Pflanzen dieser Familie die Eigenschaft, ein heftiges 



174 Eine Vergiftung mit Goldregenrinde. 

Gift zu sein. Man bereitet daraus zu Gabon eine Flüssigkeit, 
die bei zweifelhaften Rechtsfällen zur Entscheidung durch 
ein Gottesurtheil dient. 

Die Verfasser erhielten durch den Marinearzt Falot 
einige Wurzeln der Pflanze; zu einer eingehenden Untersu- 
chung des giftigen Principes war die Menge des Materials 
nicht hinreichend. Wässrige oder alkoholische Auszüge dien- 
ten zu Versuchen an Kaninchen, Hunden, Fröschen und erga- 
ben folgende Resultate: 

1) Der Bundu enthält ein in Wasser und Alkohol lös- 
liches Gift. 

2) Dieses Gift wirkt ähnlich der Nux Yomica hauptsäch- 
lich auf das sensitive Nervensystem. 

3) Durch den Magen oder die Haut beigebracht bewirkt 
es zuerst eine Vermehrung der Athemzüge und der Herz- 
schläge, dann eine beträchtliche Verminderung beider. 

4) Zu gleicher Zeit wird die Sensibilität erhöht, es fol- 
gen dann Starrkrampf, Unempfindlichkeit, Lähmung, Tod. 

5) Nur secundär wirkt das Gift auf das motorische Ner- 
vensystem, gar nicht auf die Contractilität des Muskelsy- 
stems. Es ist kein Herzgift. 

6) Einige Versuche ergaben unter sehr schweren Sympto- 
men schnellen Tod, bei andern blieben die Thiere am Leben, 
indem sie sich langsam erholten. Bei der analogen Wirkung 
auf den Menschen haben demnach die nach dem Gottesur- 
theil Genesenden ihre Unschuld bewiesen, die Schuldigen 
sterben. {Journ. de Pharm, et de Chim.). 



Eine Vergiftung mit Groldregenrinde (ron Cytisus 

Laburnum L.) 

hat sich in Yorkshire ereignet. Ein Kind nagte etwas Rinde 
von den Zweigen dieses Strauches mit den Zähnen ab und 
starb in Folge dessen nach etwa 11 Stunden mit allen 
Symptomen der Wirkung eines reizenden Giftes. {Pharm. 
Journ. and Transact Fehr. 1868. S. 395. Buchners N. Bepert 
f. Pharm. Bd. 17. S. 252.). H. L. 



Wirkung des Schlangengiftes. — Auswanderung. 175 

Wirkung des Schlangengiftes. 

Im Laufe des Augusts v. J. hatte man in der Sorbonne 
in Paris Gelegenheit über die Intensität der Wirkung des 
Schlangengifts einen belehrenden Versuch anzustellen. Ein 
Zeichner ritzte sich an dem Giftzahne einer todten Klapper- 
schlange, die er abzuzeichnen hatte, den Einger blutig. Er 
nahm sofort ärztliche Hülfe in Anspruch; es ward die Wunde 
geätzt und dann mit einem durch eine galvanische Batterie 
glühend gemachten Platindraht ausgebrannt. Um sich nun 
Gewissheit zu verschaffen, ob und wie lange das Gift auch 
in dem Zahne des todten Reptils wirksam bleibe, brachte man 
mit demselben Zahne, der bereits den Zeichner verletzt hatte, 
einem Kaninchen eine kleine Verwundung bei. Nach ^/2 
Stunde verendete das Thier unter den schrecklichsten 
Zuckungen, In Folge der energischen Behandlung verspürte 
der Zeichner nicht das geringste Symptom einer Vergiftung. 

Hbg. 



VIII. Mliscellen. 



Auswanderung nach Amerika. 

lieber Bremerhafen und Geestemünde wanderten in den 
15 Jahren von 185.S bis 1867 aus: 

im Jahre 1853 58,111 Personen in 228 Schiffen. 



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1854 


76,875 


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1855 


31,477 


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1856 


36,483 


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1857 


49,399 


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1858 


23,109 


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1859 


21,947 


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1860 


30,240 


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162 


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1861 


16,469 


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100 


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1862 


15,087 


yy 


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90 


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1863 


18,022 


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1864 


27,486 


jj 


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88 


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yy 


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1865 


44,181 


yy 


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128 


77 


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1866 


62,254 


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168 


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1867 


74,208 


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213 


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Somit im Ganzen 585,348 Personen in 2465 Schiffen. 



176 Auswanderung nach den Ver. - Staaten. 

Dem officiellen Berichte aus New -York zufolge betrug 
die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten 1867 — 
242,371 Personen. Mit Bezug auf das Heimathland classificiren 
sich die Einwanderer wie folgt: Deutschland 117,591; Irland 
65,134; England 33,712; Schottland 6315; Schweden 4843; 
Schweiz 3985; Frankreich 3204 ; Holland 2156; Belgien 1623; 
Dänemark 1372; Italien 1032; JSTorwegen 309; Polen 268; 
Westindien 214; Spanien 203; Eussland 185; Wales 142; 
Südamerika 97; Japan 87; Portugal 79; Australien 44; Ca- 
nada 42; Mexiko 28; Neu - Schottland 22; China 17; Grie- 
chenland 8; Central - Amerika 7; Türkei 6; Ostindien 4; 
Afrika 2. Wie in frühern, so hat auch im Jahre 1867 
Deutschland, England und Irland das Haupte ontingent ge- 
stellt und zwar hat aus Deutschland die Einwanderung 
abermals zugenommen, während aus England und Irland eine 
Abnahme gegen das Vorjahr ersichtlich ist. Während der letzten 
2 Decennien war der Strom der Einwanderung im Jahre 1854 
am stärksten, 1861 beim Ausbruch der Bebellion am schwäch- 
sten, nahm aber seitdem mit nur einer Unterbrechung 1865 
stetig zu, wie folgende Aufstellung zeigt: 

1848 189,176 Einwanderer. 

1849 220,791 

1850 212,603 

1851 289,601 

1852 300,992 

1853 284,945 „ 

1854 319,223 

1855 136,323 

1856 142,342 

1857 183,773 „ 

1858 78,589 

1859 79,322 

1860 105,162 

1861 65,529 

1862 76,306 

1863 156,844 „ 

1864 225,916 „ 

1865 196,347 

1866 233,398 

1867 242,371 

Es sind also in 20 Jahren in die Vereinigten Staaten 
eingewandert 3,739,553 Personen. R> 



Neger in Amerika. — Ein gross. Hecht. — Pferdesehlächterei. — Goldlack. 177 

Die Neger in Amerika. 

Man schätzt in Nord- und Südamerika die Zahl der Per- 
sonen , ^N'elche aus Afrika stammen, auf etwa 14^/2 Millionen, 
nemlich in den Vereinig'ten Staaten 4,500,000, in Brasilien 
4,150,000, in den südlichen und mittleren Republiken 1,200,000, 
in Haiti 2,000,000, in den britischen Besitzung:en 800,000, in 
den französischen 250,000 , in den holländischen, dänischen und 
mexikanischen 200,000, und in Cuba 1,500,000. B, 



Ein grosser Hecht. 

Aus Zürich wird gemeldet: Die Fischer von Eglisau 
haben einen Hecht gefangen von gegen 40 Pfund Gewicht 
und 4^2 Fuss Länge. Die Schwanzflosse war 13 Zoll breit. 
Es ist einer der grössten Fische, die seit Jahren in der Ge- 
gend gefangen sind. {Com'Her de la Cöte). R. 



Pferdeschläcliterei. 

Die Verwerthung des Pferdes als Schlachtthier, vor etwa 
25 Jahren vom berliner Thierschutzverein eingeführt, ist im 
Zunehmen. Es sind in Berlin 1867 ungefähr 3500 Pferde 
geschlachtet worden. Seit Ende 1867 ist eine neue Central - 
Rossschlächterei vor dem Königsthore im Gange. Zu der 
x^usnutzung der einzelnen Körpertheile gehört seit einiger Zeit 
auch die Benutzung der dünnen Därme. Diese werden nach 
zweckmässiger Reinigung und Abschleimung getrocknet und 
nach Spanien zur Aufbewahrung der Butter versendet, da man 
in Spanien die Butter nach Längenmassen verkauft. (Köl- 
nische Zeitung. Nr. M. Februar 1868.). B.. 



Gr 1 (11 a c k. 



Zu einem vorzüglichen Goldlack zum Ueberziehen von 
Goldleisten wird empfohlen : Man löse 30 Pfund Schellack in 
30 Quart Alkohol, 5 Pfund Mastix in 5 Quart Alkohol, 5 Pfund 
Gummigutt in 5 Quart Alkohol, 1 Pfund Drachenblut in 1 Quart 
Alkohol , extrahire 3 Pfund Santel mit 3 Quart Alkohol und 
löse 3 Pfund Terpentin in 3 Quart Alkohol. Die einzelnen 
Lösungen werden filtrirt und bei gelinder Wärme gemischt. 
{Bl f. Hell. u. Gew.). B. 



Arch. d. Pharm. CLXXXVII. Bds. 1. u, 2. Hft. 12 



178 



IX. Handel "and Ge^v^erbe. 



Die Messe Ton Mschnij -Nowgorod und der russische 

Theehandel. 

Nischnij - K^owgorod , am Zusammenfliisse der Oka und 
Wolga und an der grossen Strasse nach Sibirien gelegen , ist 
auf dem Eisenbahnwege von Moskau 410 Werst = 58,57 Mei- 
len, von Petersburg 1014 Werst = 144,85 Meilen entfernt 
und zählte 1863 41,543 sesshafte Einwohner. So lange das 
weiter unterhalb an der Wolga gelegenen Kasan Hauptstadt 
eines selbstständigen Staates war, hatte es seinen eigenen 
grossen Markt, der jedoch durch Ivan den Schrecklichen 
(Gi-rodnoi) 1641 den Eussen verboten wurde. Einen andern 
Marktplatz gab er ihnen aber, indem er dem Mönchskloster 
zu St. Macarius in Mäkariew unterhalb Nischnij - Nowgorod 
besondere Privilegien gewährte, in deren Folge der Handels- 
verkehr sich dorthin zog. Die Abgaben - Erhebung der Mönche 
ging 1751 an den Staat über, der dieselbe für 1000 Thaler 
jährlich verpachtete, später aber stieg die Pachtsumme auf 
28,500 Thaler, denn bis 1790 war der Werth der jährlich dort 
umgesetzten Waaren von 72,800 Thaler auf 28,500,000 Tha- 
ler gestiegen. Durch einen grossen Brand ging Mäkariew 
fast ganz zu Grunde, so dass 1824 die Messe nach Nischnij - 
Nowgorod verlegt wurde. Für Benutzung- der vom Gouver- 
nement errichteten ständigen Verkaufsräume kommen jährlich 
mehr als 53,000 Thaler Miethe ein. 

Es finden jährlich 3 Märkte zu Nischnij - Nowgorod statt. 
Der erste hauptsächlich mit Holz waaren in Januar auf den 
zugefrorenen Strömen, der zweite am 6. Juli neuen Kalenders, 
wo besonders Pferde zum Verkaufe kommen, der dritte, 
die eigentliche weltberühmte Messe, beginnt mit dem 5. August 
n. K. und dauert mit allen damit verbundenen Geschäften bis 
tief in den September hinein. Hauptgegenstände des Handels 
sind Thee, Getreide, buch arische Baumwolle, 
Wolle, Boss- und Kameelhaare, Felle, Krapp, 
Eisen, Kupfer, Bad feigen, Zucker, Edelsteine, Ma- 
nu factur waaren aller Art, orientalische Schmuck- 
sachen. Der Werth der zur Messe kommenden^ besonders 
für den inländischen Bedarf bestimmten Waaren wird jetzt 



Der russische Talghandcl. 179 

Über 106 Millionen Thaler, die Zahl der täglich anwesenden 
Käufer und Verkäufer auf durchschnittlich 150 — 200,000 
Köpfe geschätzt. 

Auf die Messe 1866 kamen 44,000 Kisten Thee (1 Kiste 
= 85 — 100 russische Pfund), darunter 9000 Kisten Blumen - 
und 7000 Kisten Ziegelthee, der letztere (Kirpitschni) fast 
nur über Kiachta, der übrige theils auf demselben Wege, 
theils zur See von Canton. Bis zum Ukas vom 30. März/ 
11. April 1861 durfte zur See kein Thee eingeführt werden, 
was für das Theegeschäft von Kiachta ausserordentlich vor- 
theilhaft war, indem ein bedeutender Tauschhandel von russi- 
schen Tüchern und Plüschen gegen Thee gemacht wurde. 
Die unbeschränkte Seezufuhr hat Kiachta entschiedene Con- 
currenz gemacht, besonders in den bessern Sorten des Han- 
delthees, zugleich haben englische Tuche und Plüsche Eingang 
in China gefunden, so dass die russischen Kaufleute den Thee 
mit Metallgeld bezahlen müssen, indem die Papierrubel bei 
ihrem schwankenden und niedrigen Curse nur schwierig und 
mit Nachtheil in Zahlung genommen werden. 

lieber Kiachta gehen zur Zeit noch namentlich zwei 
Theesorten: der gelbe und der Ziegelthee; auf dem See- 
transporte leidet der letztere. Bei den Nomadenvölkern 
Russlands, den Kalmücken, Kirgisen, Baschkiren u. s. w. ist 
der Ziegelthee sehr beliebt; er dient ihnen als gewöhnliches 
Nahrungsmittel. Sie sägen davon Stücke aus und kochen 
diese mit Milch und Hammelfett. Ebenso vertritt der Zie- 
gelthee bei diesen Völkerschaften in Zahlungen die Stelle 
des Geldes. 

Der Marktpreis in Nischnij - Nowgorod war 1866 für 
Kiachtathee 115 — 117 Rubel die Kiste, für Canton -Thees 
90 Kopeken bis 1 Rubel 70 Kopeken das russische Pfund. 
{Preussisches Handels - Archiv 1867.). R. 



Der russische Talghandel. 

Seit 1856 hat Russland grösstentheils das Monopol für 
Talg in Europa verloren. Während des Krimkrieges nahm 
die Ausfuhr von Talg aus Südamerika und Australien 
erstaunlich zu ; als dieser Krieg beendigt, waren die russischen 
Talghändler noch der Meinung, dass sie noch das alte Mono- 
pol hätten und hielten den Preis auf einer künstlichen Höhe, 
wodurch sie sich selbst grossen Schaden bereiteten und der 
Talgmarkt sich immer mehr aus Russland entfernte. Dazu 

12* 



180 Einfulir von Wolle aus Australien. 

kam noch, dass man in andern Ländern, vorzüglich in Ame- 
rika, eine verbesserte Methode des Schmelzens einführte, 
wodurch der Artikel sowohl an Qualität gewann, als im 
Preise fiel. 

Seit der Zeit ist der russische Talghandel stets zurück- 
gegangen. Man unternahm nichts, um die Veredlung des 
Yiehs vorzunehmen, welches wie gewöhnlich den Steppen und 
der Viehpest überlassen wurde. Hunderte und Tausende von 
Rindern gingen verloren und dies hatte nicht wenig Einfluss 
auf den Talghandel. Das Steppenvieh w^urde in ganzen Heer- 
den durch die Viehpest weggerafft; die Bauern sind dadurch 
verhindert, etwas zur Verbesserung des Viehes zu thun und 
die grossen Landwirthe besitzen nicht Capital genug, bessere 
Weiden anzulegen. 

Der Talghandel von Russland mit dem Auslande hat 
sich bis zur Hälfte seiner frühern Ausbreitung vermindert und 
diese Verminderung wird nur für einen kleinen Theil durch 
einen grössern Export von Kerzen vergütet. Dieser betrug 
im Jahre 1864 800 Tonnen. Der Grebrauch des Talges hat 
indessen in Russland zugenommen. Die Fabrikation von 
Stearin -, Talg - und anderen Kerzen schreitet sehr fort und 
hat eine Steigerung des Preises der Grundstoffe zur Folge. 

Die gesammte Menge der in E-ussland fabricirten Stea- 
rinkerzen beträgt ungefähr 7250 Tonnen oder gegen 
2500 Tonnen weniger als in Frankreich. Die jährlich in 
Russland verfertigte Menge Talgkerzen beträgt 95,800 Ton- 
nen. Auf der Ausstellung zu Moskau waren nur 12 Ein- 
sender von Stearinkerzen, von welchen noch 3 aus Polen. 
Die bedeutendste Fabrik von Stearinkerzen in Petersburg (die 
Newsky Fabrik) gehört einer englischen Gesellschaft." Die 
Preise der in Moskau ausgestellten Stearinkerzen waren von 
Fl. 0,35 bis Fl. 0,44. {The Technologist). J. M. 



Einfuhr Ton Wolle aus Australien. 

In den ersten 11 Monaten 1867 trafen von Australien 
im Ganzen in London 127,803,814 Pfund Wolle ein, wogegen 
in der gleichen Periode 1866 109,758,417 Pfund und 1865 
106,147,729 Pfund nach London gelangten. Es steht fest, 
dass die Einfuhr von 1867 die stärkste bis jetzt erzielte ist, 
überhaupt hat sich die Wolleinfuhr in den letzten 15 Jahren 
verdreifacht. R. 



181 



C. Literatur und Kritik. 



Dr. S. Ruchte's Repetitorien. 

1) Repetitorium d c r Mineralogie, München 1863, Verlag 
von E. H. Gummi. Preis 12 ^^ (Eine Anzeige und kurze Besprechung 
desselben von L. F. Bley findet sich im Märzheft des Archivs der Pharm. 
1864 S. 291). 

2) Repetitorium der Chemie, München 1863, ebendaselbst; 
Preis 1 Thlr. 15 Sgr. (In der Besprechung desselben von L. F. Bley, 
Juniheft des Archivs der Pharm. 1864, S. 290 — 292, wird der Fleiss und 
die Umsicht gerühmt, mit welchen die Fragen behandelt seien und auch 
die Ausstattung des "Werkes als lobenswerth hervorgehoben.) 

3) Repetitorium der Zoologie. Neun und zwanzig Fragen 
aus der Zoologie für Mediciner und Pharm acciitcn, beantwortet von Dr. 
S. Ruchte, München 1866; Verlag von E. H. Gummi. 12 Bogen klein 
Octav (Preis 1 Fl. 12 Xr.). 

Die erfolgreiche Benutzung dieses Leitfadens bedingt, wie der Herr 
Verfasser selbst erwähnt, noch das Studium eines zoologischen Hand- 
buches. Die Beantwortung der Fragen geschahen nach den "Werken von 
Carus, von der Hoeven, von Siebold, Troschel und Ruthe, 
Leunis und Winckler. 

Die beantworteten Fragen lauten : 

I. Unterschiede zwischen Pflanzen und Thieren? Die 
Aufnahme geformter Nahrung komme wohl nur bei Thieren vor und 
besitze dieses Merkmal vielleicht eine grössere Bedeutung als die sogen, 
willkührliche BcAvegung. Das "Wichtigste bleibe aber die Beobachtung 
eines vollständigen Entwickelu^gskreises , indem man einzelne Zustände, 
bei gleichzeitigem Mangel an Beobachtuiigen über die Ernährung, kaum 
je mit absoluter Sicherheit als Pflanzen oder Thieren zugehörig werde 
bestimmen können. 

II. Organisation und Topographie thierischer Körper 
im Allgemeinen? Die Hauptverrichtungen des Thieres sind E m p f i n - 
düng, Bewegung, Ernährung und Fortpflanzung. Das 
Organ der Empfindung ist das Nervensystem. Die Empfindungen der 
Aussenwelt vermitteln die Sinne. Als Organe der Bewegung wirken die 
Muskeln (active Bewegungsorgane), Skelett nennt man das zusammen- 
hängende Ganze der im Inneren gelegenen passiven Bewegungsorgane, 
der Knorpel oder Knochen ; ausser der Bewegung dienen die Theile desselben 
zum Schutze der hauptsächlichsten Theile des Nervensystems , des Gehirns 
und Rückenmarks. Ernährungsorgane: Speisekanal, Magen, Darmkanal, 
Gefässystem, Athmungsorgane. Fortpflanzung: getrennte Geschlech- 
ter, Zwitter, Ovipara, Vivipara. Metamorphosen, Generationswechsel, 
Parthenogenesis. 

III. Nervensystem und Sinnesorgane der Thierer Am 
verbreitetsten ist der Gefühlssinn ; den Geruchssinn und Geschmackssinn in 
der Thierreihe zu verfolgen, hält oft sehr schwer. Als einfachste Form 
des Gehörorganes stellt sich ein mit Flüssigkeit gefülltes Bläschen dar, 
an welchem sich von den Centraltheilen des Nervensystems mehr oder 



182 Literatur und Kritik. 

•weniger entfernt, der Gehörnerv ausbreitet, wie es zuerst C. Th. E. von 
Siebold bei einigen Bivalven entdeckte. In denselben befinden sieb in 
der Eegel 1 oder mehre Kalkconcremente, die Otolithen, deren Funk- 
tionen H a r 1 e 8 s mit Eecht als die der Resonanz der in das mit Was- 
ser gefüllte Bläschen dringenden Schallwellen bestimmte. 

Gesichtssinn: einfache und zusammengesetzte Augen. Dass und 
wie das deutliche Sehen bei den zusammengesetzten Augen der Arthro- 
poden zu Stande kommt, hat J. Müller nachgewiesen. 

IV. Muskelsystem.'* Aktive und passive Bewegungsor- 
gane der Thiere? 

V. Verdauung und ihre Organe? Morphologie der Ver- 
dauungswerkzeuge. Was den Magen betrifft, so sehen wir einen 
bedeutenden, von der Nahrung abhängigen Unterschied bei den Vögeln, 
wenn wir den ausserordentlich muskulösen Magen der Körnerfresser 
mit dem dünnwandigen der Fleischfresser vergleichen: bei ersteren 
überwiegen die mechanischen, bei letzteren die chemischen Ver- 
dauungsfunktionen. 

Unter den Säugethieren sehen wir bei Pflanzenfressern den Magen 
nicht selten mehrfach, z. B. in 2 Abtheilungen geschieden, wie bei meh- 
ren Nagern, oder in 4 gesonderte , verschieden eingerichtete Höhlen zer- 
fallen, wie bei den Wiederkäuern; dagegen ist er mehr rundlich und 
stets einfach bei den reissenden Thieren. 

VI. Blut? Blut circulationsorgane ? 

VII. Respiration und ihre Organe? Lungen, Kiemen 
und Tracheen ? 

VIII. Thierisehe Wärme? Entstehung und Bedeutung 
derselben. 

Die mittlere Temperatur des menschlichen Körpers beträgt beim 
Erwachsenen 37 bis 38*^ C, beim Kinde 39'^ C, beim Greise ist sie 
etwas niedriger als beim Erwachsenen. Die der Vögel ist beträchtlicher, 
41 bis 44*^' C. , die der Amphibien weit niedriger, doch immer um einige 
Grade höher als die des umgebenden Medium. Ebenso bei den Fischen, 
nur dass hier die Eigenwärme die Temperatur des umgebenden ]\[edium 
nur um Bruchtheile eines Grades übersteigt. Insecten erzeugen deutlich 
Wärme: in Bienenstöcken kann dieselbe im Winter auf 30 bis 35^0. 
steigen. Auch die Mollusken und die übrigen wirbellosen Thiere zeigen 
eine Eigenwärme, welche aber nur um Bruchtheile eines Grades von der 
des umgebenden Medium differirt. 

IX. Absonderung? A b sonder ungs or gan e ? 

X. Verschiedene Hautbedeckung? 

XI. Geschlechtli che und geschlechtslose Fortpflan- 
zung, Generationswechsel, Part henogene sis und Meta- 
morphose? Hier Averden die betrefi'enden interessanten Beobachtungen 
von S i e b 1 d mitgetheilt. 

XII. Brüten und Brutpflege, Instinct und Kunsttrieb 
der Thiere? Schraarda hat in seinen Andeutungen aus dem Seelen- 
leben der Thiere (Wien 1846) alles zusammengetragen, was sich über 
die Fähigkeiten der Thiere in den verschiedensten AVerken zerstreuet findet. — 
W ändert hiere (Lemminge , Wanderratte, Wandertaube, Häring, Thun- 
fisch, Salm). Gesellige Thiere (Biber, Ploceus socius) ; Notizen 
über den Hamster, das Schoberthier , den Ameisenlöwen, die Minirspinne, 
den Todtengräber etc. 

XIII. Winterschlaf der Thiere? 



Literatur und Kritik, 183 

XIV. Künstliche und natürliche Systeme? Reich, Kreise, 
Klassen, Ordnungen, Familien, Gruppen, Zünfte , Tribus , Gattungen, 
Arten, Abarten, Racen, Unterarten, Spielarten, Varietäten, Bastarde. 

XV. Die wichtigsten giftigen Thiere.^ 

Giftige Thiere finden sich vorzüglich nur in der Klasse der Amphi- 
bien. Ophidia (Serpentes) Schlangen: Naja tripudians (Hut- oder 
Brillenschlange); Naja Haje (Schlange der Kleopatra, ägyptische Aspis) ; 
Pelias berus (Kreuzotter); Vipera ammodytes (Sandviper, Viper 
mit gehörnter Schnauze iu Dalmatien und Ungarn); Cerastes cornutus 
(gehörnte Viper, häufig auf ägyptischen Denkmälern dargestellt,; Redi- 
sche Viper in der südlichen Schweiz und in Italien; Lachesis 
rhorabeata (Rautenschlange, Surukuku, in Südamerika, ihr Gift ein 
homöopath. Arzneimittel) Trigonocephalus atrox (scheussliche Kufie, 
in Brasilien und Surinam) ; Tr. lanceolatus (Lanzenschlange, auf Marti- 
nique imd St. Lucie, wo jährlich viele Sklaven auf den Zuckerfeldern 
durch ihren Biss sterben); Crotalu» horridus (die sehr gefährliche 
südamerikanische Klapperschlange) ; Cr. durissus (nordamerikanische 
Klapperschlange). 

Unter den Spinne nthieren wird Buthus afer (der afrikanische 
Scorpion) erwähnt, dessen Stich tödtlich ist. Kein Vogel ist giftig. Kein 
Fisch hat Giftzähne oder Giftorgane. Schädlich wird der Genuss mancher 
Fische in Folge eines krankhaften Zustandes. Obgleich kein Säugethier 
an und für sich giftig ist, so gefährden doch wuthkranke Hunde und 
Katzen durch ihren Biss, so wie milz- kranke Kühe durch ihr Fleisch 
das Leben des Menschen sehr. Ja sogar unschädliche Insecten, welche 
an milzbrandigem Vieh gesogen haben, können durch ihre Stiche dem 
Menschen tödtlich werden. 

XVI. W i rbelthier e, wirbellose Thiere, Eintheilung 
derselben? Nach Linne und nach Georges Cuvier. 

XVII. Character und Eintheilung der Säugethiere? 12 
Ordnungen: Zweihänder, Vierhänder, Flatterthiere, Raiibthiere, Beutelthiere, 
Nager, Zahnlose, Vielhufer oder Dickhäuter, Einhufer, Zweihufer oder 
Wiederkäuer , Flossenfüsser und "Wale. 

XVIII. Character und E intheilung der V ö gel? 8 Ordnungen: 
A. Vögel mit Gangbeinen (Unterschenkel bis zur Fussbeuge befiedert) 
Singvögel, Schreivögel, Klettervögel, Raubvögel, Hühnervögel. B.Vögel 
mit "Wadbeinen (Unterschenkel nur am oberen Theile befiedert) Lauf- 
vögel, "Wadvögel und Schwimmvögel. 

XIX. Character und Eintheilung der Fische? 

Die Eintheilung in Knorpel- und Grätenfische, die auch Cuvier bei- 
behielt, ist durch die wichtigen Untersuchungen Johannes Müller's 
verdrängt worden, dessen System Verfasser aufgenommen hat. 

XX. Character und Eintheilung der Amphibien? Schild- 
kröten, Eidechsen, Schlangen, Lurche. 

XXI. Naturgeschichte und Eintheilung; der Insecten? 
8 Ordnungen: A. Mit Verwandlung. I. Nager: Käfer (Coleoptera) 
Geradflügler (Orthoptera) , Hautflügler (Hymenoptera), Netzflügler (Neuro- 
ptera). II Sauger: Halbflügler (Hemiptera), Schmetterlinge (Lepido- 
ptera), Zweiflügler (Diptera). B. Ohne Verwandlung: Ohnflügler 
(Aptera). 

XXII. Character und Eintheilung der "Würmer? 4 Ord- 
nungen; Gliederwürmer (Annulata) , Strudelwürmer, Eingeweidewürmer 
(Entozoa), Räderthiere. 

XXIII. Charac^ter und Eintheilung der Arachniden? 4 
Ordnungen: Gliedleibige , Spinnen, Tracheearachniden , Apneusta. 



184 Literatur und Kritik. 

XXIV. Character und Eintheilung der Krustenthiere? 
10 Ordnungen: I. Schalenkrebse, (Malacostraca) : Krebse, Maulfüsser, 
Flohkrebse, Kehlfüsser , Asseln. IL Entomostraea: Stachelfüsser, 
Blattfüsser , Muschelkrebse , Schmarotzer , Rankenfüsser. 

XXV. Strahlthiere, Echinodermata (Stachelhäuter), 
Acalepha (Quallen de r M edusen) , Polypen, Mooskorallen? 
Die Korallen durchwanderten im System alle 3 Naturreiche, his ihnen 
als Thiergehäuse 1723 durch P eyssonell ihre richtige Stelle angewiesen 
wurde. Man kennt über 3000 meist fossile Korallenarten. 

XXVI. Naturgeschichte der Weichthiere (Animalia mollusca) ? 
Sie zeigen unter den rückgratlosen Thieren die vollendetste Ausbildung 
der inneren Organe. 

XXVII. Protozoa (Infusorien und Rhizopoden).^ 

XXVIII. Entozoa (Helmintha)? Die wichtigsten Parasiten des 
Menschen? Einiges aus der Naturgeschichte der Eingeweidewürmer. 

Ektozoen (äussere Schmarotzer: Läuse, Flöhe, Wanzen, Milben); 
Entozoen (Eingeweidewürmer, Echinococcen, Bandwürmer, Trichinen). 

XXIX. Die Avichtigsten officinellen Thiere? Fnter ihnen 
Biber, Schwein, Hirsch, Schaf, Rind, Pottwall, Kabljau, Stör, Spanische 
Fliege , Ameisen , Cochenille , Flusskrebs , Blutegel. 

Die Sorgfalt in der Auswahl von Wissensv/erthem aus dem weiten 
Gebiete der Zoologie ist anzuerkennen, ebenso die klare Weise der Mit- 
theilung des Gewählten. Leider stören eine Menge von Druckfehlern in 
peinlicher Weise den Leser (z. B. auf Seite 141 Catus statt latus, modi- 
nensis statt medinensis, lambridoides statt lumbricoides , vermiculäres statt 
vermicularis). Ein Register erleichtert das Aufsuchen von Einzelnheiten. 

Jena, den 4. Dec. 1868. H. L. 



Otto Ho f f m a n n. Utile cum dulci , Heft IV. Ungereimtes 
aus der Pflanzenanatomie und Physiologie oder kein Durch- 
fall im Examen mehr. Breslau^ Maruschke &Berendt 
1868. 86 pp. sedez. 

Das unter diesem Titel vorliegende Büchlein ist offenbar nur ein 
Scherz und als solchen wollen wir es gelten lassen. Mag der Botaniker 
sowohl wie der praktische Mediziner und Pharmazeut immerhin am Abend 
nach gethaner Arbeit sich mit diesem harmlosen Schriftchen ein Stünd- 
chen erheitern; — dagegen lässt sich nichts einwenden. Hoffentlich wird 
der Titel nicht Studirende veranlassen, das kleine Buch im Ernste als 
Hülfsmittel zum Studium anzukaufen. Der könnte nur nachtheilig wirken, 
denn der Anfänger wird die Spreu vom Weizen nicht scheiden und Spreu 
ist in diesem Scherz mehr angehäuft als Weizen. 

In 11 kleinen Abschnitten sind einige der wichtigsten Gesetze der 
Morphologie und Physiologie der Pflanzen mehr angedeutet als genannt, 
geschweige denn ausgeführt. Aber auch in diesen blossen Andeutungen 
liegen manche Dinge versteckt, durch welche Anfänger leicht könnten irre 
geführt werden. So heisst es gleich in der Einleitung: 

„Man nennt sie Phancrogamen itzt. 

„ So stehn sich beide gegenüber : 

5, Die Letztern üben alle lieber 

„ Deutlich Befruchtung in den Blüthen. 

,, Wenn jene noch so sehr sich mühten, 



Literatur und Kritik. 185 

,, So brächfen sie hervor doch nichts, 
„ Denn an der Bliithe ja gebrichts 
,.Den Acotyledouen allen, u. s. w. 

Solche grobe Fehler , den Cryptogamen die Befruchtung abzusprechen, 
welche doch grade bei Moosen, Farnen und manchen Algen am genauesten 
kekannt ist, hätte der Herr Verfasser auch im Scherz nicht machen sol- 
len. Auch die Fundamentalerscheinungen des Zellenlebens , soweit sie 
Plasma und Lumen betreffen, sind theils unklar, theils falsch dargestellt. 
Im dritten Kapitel lässt der Herr Verfasser die Verdickungsschichten der 
Zelle durch Ablagerung entstehen. Im fünften Kapitel betitelt : „ Vom 
anatomischen Bau der Stengelorgane,'' werden die Jahresringe als etwas 
jedem Dicotyledonen - Stamm Eigenthümliches aufgefasst. Ebenso leicht 
kann die kurze Notiz über die Milchsaftorgane Anfänger irre leiten. Völ- 
lig unrichtig sind die Kork - und Borkenbildung beschrieben. Den Ursprung 
der Spiegelfasern weiss jeder gebildete Tischler richtiger anzugeben; der 
Verfasser verwechselte offenbar Hirnholz und Spiegelfaser und ausserdem 
lässt er die Markstrahlen „dicht und glänzend" und dadurch zu „Spiegel- 
fasern" werden. 

Diese wenigen Beispiele mögen genügen , um zu zeigen , dass das 
genannte Büchlein bei manchem Guten doch auch seine sehr schwachen 
Seiten hat. Wollten wir auf diese noch weiter eingehen, so würden wir 
selbst uns des Fehlers schuldig machen, den Scherz in Ernst zu verwandeln. 

H. 



J. E.. Strohecker. E-epetitorium der sj-^stematisch - medici- 
nischen Eotanik. Eine Eeihe üblicher Prüfungsf ragen für 
Mediciner und Pharmazeuten. München 1869. E.H.Gummi. 

Eine Kritik über ein Büchlein wie das genannte setzt stets den Kri- 
tiker in das unangenehme Dilemma , ob er mehr dem Verleger oder dem 
Schriftsteller die Herausgabe zum Vorwurf machen solle. 

Die Ausstattung ist einfach, wie es einem für praktische Zwecke 
bes^'iinmten Buch zu kommt; dagegen lässt sich nichts einwenden; aber 
das ganze Buch wimmelt von Druckfehlern und wird schon dadurch fast 
unbrauchbar , da viele derselben den weniger Geübten gradezu in Verwir- 
rung setzen müssen. 

So z. B. wird, offenbar nur durch eine grobe Nachlässigkeit im Druck, 
bei den ümbelliferen die Gattung Levisticum zur ,, Subfamilie " erhoben. 

Noch weniger können wir den Inhalt des Buches rühmen. 

Sind überhaupt Bücher in Form von Eepetitorien , Examenvorberei- 
tungen u. s. w. meist nur sogenannte Eselsbrücken, nicht geeignet, wirk- 
liche gründliche Kenntnisse zu verbreiten, so muss man das von der vor- 
liegenden Schrift im höchsten Grade aussprechen. Sie ist selbst zur Vor- 
bereitung zum Examen unbrauchbar. Dabei macht der Verfasser noch 
obendrein den Anspruch, ein den gegenwärtigen Anforderungen entsprechen- 
des Lehrbuch der medicinischen Botanik geschaffen zu haben und behaup- 
tet, dass ein solches bis jetzt fehle. 

Dem eigentlichen Inhalt des Buches, welcher durch die Ueberschrift 
„Phytologie und Pharmacologie der in der Mitte des 19. Jahrhunderts 
offizineilen Gewächse " angekündigt wird , geht eine historische Einleitung 
voran unter dem Titel : ,, Grundriss der Geschichte der systematisch - medi- 
cinischen Botanik. Diese Einleitung ist das Beste an dem Buche, obgleich 
oder vielmehr weil man schon aus der Eintheilung die Quelle , welche der 
Herr Verfasser benutzte, leicht erräth. 



186 Literatur und Kritik. 

Der Haupttheil des Buches besteht aus einer Anzahl von Pflanzen- 
beschreibungen (Diagnosen von Arten), welche der Herr Verfasser als 
Monographieen bezeichnet. Die Beschreibungen der Species sowohl wie 
noch mehr diejenigen der Gattungen und Familien sind äusserst dürftig 
und auf die Characteristik der officinellen Organe ist fast gar keine Eück- 
sicht genommen. Nach dem Buche eine Pflanze aus den grösseren Fami- 
lien z. B. eine Labiate oder Umbellifere aufsuchen zu wollen, wäre ver- 
gebliches Beginnen, denn es fehlt an jeder bei solchen Familien so nöthi- 
gen gründlichen Characteristik der ganzen Gruppe und ihrer Abtheilungen. 

Bei jeder Familie und Art ist die Characteristik in mehre Kategorien 
getheilt, so bei den „Monographieen" in ,,Phytologie'- und „Pharmacolo- 
gie," die „Phytologie" zerfällt wieder in ,, Etymologie," „Geographie," 
„Morphologie" und „Chemie," die „Pharmacologie" zerfällt in: „Anwen- 
dungslehre" und ,, Verwechselungslehre." Die Rubrik „Etymologie" giebt 
dem Ganzen einen gelehrten Anstrich, meistens sind die hier gegebenen 
JSTotizen aber leider nicht auf gründliches historisches und sprachliches Stu- 
dium, sondern auf sehr unkritische Konjecturen gestützt. Was würden z. B. 
die Sprachforscher sagen zu Ableitungen wie die folgenden: Petroselinum 
von n^TQa , Fels und asXrjvr] , Mond , nach Standort und Fruchtform, 
Carum von xdoa Kopf, weil der Same auf den Kopf wirkt, Phellandrium 
von (fiiXog , Freund und üi^ojo , Wasser nach dem Standort, Coriandrum 
von y.ögcg , Wanze und avrjnov Anis , Hedera von €(fo(c , Sitz , nach dem 
Sitzen des windenden Stengels etc. Nehmen wir einige Beispiele für die 
Behandlung der zweiten Rubrik „Geographie" heraus, so sehen wir an 
ihnen eine ähnliche Leichtfertigkeit in der Behandlung des Stoffes. Die 
Cycadeen sollen „in China und Japan zu Hause" sein, die Gattung 
Chondrus nur ,, in nördlichen Meeren," die Chondrus crispus nur ,,in der 
Nordsee an Steinen wachsend" vorkommen. Bei vielen Pflanzen, wo der 
Verfasser die geographische Verbreitung nicht kennt , theilt er statt dessen 
den Standort mit. Von den Pilzen wird gesagt, dass eine Anzahl von 
ihnen ,, selbstständig" vegetire. Die Mycophyceen , eine , beiläufig bemerkt, 
längst aufgegebene Pilzgruppe , sollen „vegetiren in Flüssigkeiten , welche 
von Pflauzenfrüchten herkommen." Ungeachtet der Arbeiten von Bail, 
Hoffmann und Anderen wird die liefe als besondere Gattung und Art 
aufgeführt und bei dieser Gelegenheit folgt die Bemerkung : „ Nach 
Beobachtungen des Professor Ha liier in Jena giebt Hormiscium cerevi- 
siae Ursache der Cholera." 

Nicht besser steht es mit der dritten Rubrik ,, Morphologie," in 
welcher kurze Diagnosen der Arten, Gattungen und FamiUen gegeben 
werden. Es ist oft gradezu unmöglich , aus diesen Diagnosen die Fami- 
lien zu errathen, welche durch jene characterisirt werden sollen. So 
wird von den Reproductionsorganen der Farrenkräuter nichts weiter 
gesagt als: ,, Sie zeichnet ein einfacher Generationswechsel aus und haben 
theils monoecische , theils dioecische Prothallien." Es ist unmöglich, 
rhizoma filicis maris nach der vom Herrn Verf. mitgetheilten Beschrei- 
bung zu erkennen, abgesehen von mehren groben Irrthümern; so z. B. 
soll der Stock schwarzbraun, die Spreuschuppen sollen goldgelb sein etc. 

Von der Gliederung der Pflanzenfamilien hat der Verfasser meistens 
gar keine Ahnung, So beginnt er bei den Umbelliferen mit Levisticum, 
einer Angelicea, darauf folgen die Ammineen und Seselineen und darauf 
wieder Archangelica. Die wichtigen Untersuchungen Berg's über Ferula 
erubescens Boiss. und Scorodosma hat der Verf. unberücksichtigt gelassen. 
Auf den Bau der Früchte ist nirgends genügende Rücksicht genommen. 
Die Rubrik „Chemie" enthält eine kurze Angabe der wichtigeren Vorkomm- 
nisse, aber keineswegs so viel, wie man in jedem Handbuch der Pharma- 



Literatur und Kritik. 187 

kognosie findet, während doch der Verf. in seiner Vorrede Berg den 
Vorwurf macht, die „Phytochemie" vernachlässigt zu haben. Die Eubrik 
„Anwendungslehre" ist im höchsten Grade dürftig und in der „Verwechse- 
lungslehre" werden kaum die vorkommenden Verwechselungen und 
Fälschungen theilwoise genannt, von einer Angabe ihrer Erkennung ist 
nirgends die Rede. 

Jedem Pharmazeuten, dem es Ernst ist um seine Wissenschaft, kön- 
nen wir mir rathen, tüchtig aus eigener Anschauung die Natur zu studi- 
ren, statt durch ein solches Buch sich eine Menge theils richtigen theils 
unrichtigen Materials einlernen zu wollen, wovon vier Wochen nach dem 
Examen, und das ist vielleicht nicht das Schlimmste bei der Sache, wenig 
oder nichts mehr übrig bleibt. S- 



J. R. Stroh ecke r. Repetitoriuin der allgememen Botanik. 
Eine Keihe üblicher Prüfungsfragen für Mediziner und Phar- 
mazeuten. München 1868. E. H. Grummi. 

Von diesem Büchlein gilt im Allgemeinen dns Nämliche, was wir 
von dem ,,Repetitorium der systematisch -mediciuischen Botanik" desselben 
Verfassers zu sagen hatten. Dass Jemand aus Büchern Botanik lerne, ist 
überhaupt undenkbar , wenn ein Buch aber eine Stütze beim Lernen gewäh- 
ren soll, so muss es wenigstens gründlich und vollständig abgefasst sein 
und auf eigener Naturanschauung fussen. 

Das Buch zerfällt in folgende Abschnitte : Phytochemie , Lehre von 
der Pflanzenzclle, Organologie, Systemkimde und Genealogie und Geogra- 
phie des Pflanzenreiches. 

Die Phytochemie war, nach des Verfassers Ausdruck ,, Gegenstand 
der Unwissenheit, bis Justus v. Liebig ihr Dunkel lichtete." 

Uebrigens ist der chemische Theil des Büchleins einer der besten, wenn 
auch immerhin nicht geeignet, Anfängerin die Phytochemie einzuführen. Für 
den Ernährungsvorgang in der Pflanze verraisst man besonders eine klare 
Auseinandersetzimg über die Diti\ision, Imbibition und Capillarität. Sehr 
bedenklich und jedenfalls einem veralteten Standpunkt entsprechend ist die 
Lehre von der Pflanzenzelle behandelt. So ist namentlich die freie Zell- 
bildung nach den jetzigen Kenntnissen gänzlich unrichtig aufgefasst. Die 
Hefe soll aus einem „Nucleus" entstehen, welcher sich frei in einer proto- 
plasmareichen Flüssigkeit (Fruchtsaft) ,, durch mechanische Anziehung" 
ausbildet, um welchen Protoplasma kugelig sich lagert u, s. w. 

Manche Angabe geht aus ofi"enbarem groben Missverstand der benutz- 
ten Quellen hervor , so z. B. die Angabe , dass die Pflanzenzellen niemals 
Luft enthalten sollen. Die Genesis der Zellen, Gewebe und Organe hätte 
überall vollständiger und klarer dargestellt werden müssen. Der so ein- 
fache Unterschied zwischen apicalarem und intercalarem Wachsthum ist 
falsch angegeben. 

Nicht minder unrichtig ist die Erklärung für Holzparenchym , für 
Borke und andere Gewebetheile. 

Nun wir wollen die Leser nicht mit Aufzählung einer grösseren 
Zahl von Unrichtigkeiten und Mängeln ermüden. 

Im Ganzen ist das Schriftchen etwas sorgfältiger ausgearbeitet als 
das „Repetitorium der systematisch -medicinischen Botanik" von demselben 
Verfasser, aber ein besseres Verdienst hätte sich derselbe durch sorgfältige 
Ausarbeitung eines gründlichen Lehrbuches erworben. H. 



188 



D. Taxangelegenlieiten. 

Die Veränderungen 

der Königl. Preussischen Arzneitaxe 

für 

186 9. 



Publicandum. 

Die eingetretenen Veränderungen in dem Einkaufspreise mehrer 
Droguen haben eine gleichmässige Aenderung in den Taxpreisen verscMe- 
dener Arzneimittel nothwendig gemacht. 

Die hienach abgeänderten im Drucke erschienenen Taxbestimmungen 
treten mit dem 1. Januar in Kraft. 

Berlin, den 4. December 1868. 

Der Minister der geistl. , Unterrichts - und Medizinal - Angelegenheiten. 
In Vertretung, (gez.) Lehnert. 



Namen der Arzneimittel. 



Gewichte. 



Gew. - 
Bez. 



Neue 
Preise 



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Alte 
Preise, 



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Acetura aromaticum . 

Aq. chamomillae .... 

„ menthae piperitae . . 

„ „ „ spiri- 

tuosa 

Balsamum peruvianum . . 

Bismuthum hydrico - nitri- 
cum , 

Castoreum canadense subti- 
liss. pulverat 

Cetaceum ...... 

Chinium sulfuricum . . . 

Cortex cinnamomi zeylonici 
cont 

Decoct. sarsaparillae con- 
centratum 

Elaeosaccharum chamomil- 
lae 



30 Gramm 
250 „ 
30 „ 
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1 Decigr. 
1 Gramm 

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1 Gramm 

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- 3 — 



Die Veränderungen der Kgl. Preussischen Arzneitaxe für 1869. 189 



Namen der Arzneimittel. Gewichte. 



Il Neue \\ Alte 
Gew.- IpreiseJ Preise 
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Elaeosaccharum menth. cri- 
spae 

Elaeosaccharum nienth. pi- 
peritae 

Elaeosaccharum rosarum . 

Electuariuni e senna . . . 

Emplastr. cantharid. per- 
petuum 

Extractum ipecacuanhae 

opii .... 

,, ratanhae . . 

Ferrum oxydulat. lacticum 

Flores chamomill.rom. conc. 

„ 1, vulgaris 

conc. et gr. m. pulv. 

Flores chamomill. vulgaris 
conc. et gr. m. pulv. 

Flores chamomill. vulgaris 
suhtiliss. p 

Flores kusso concisi . . 

„ „ suhtiliss. pulv. 

Fol. menth. crisp. conc. et 
gr. m. p 

Fol. menth. crisp. suhtiliss. 
pulv 

Fol. menth. piper. conc. et 
gr. m. pulv 

Fol. menth. piper. suhtiliss. 
pulverat 

Fol. sennae conc. et gr. 
m. pulverat 

Fol. sennae suhtiliss. pul- 
verat 



1 Gramm 

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1 Centigr 
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190 Die Veränderungen der Kgl. Preussischen Arzneitaxe für 1869. 





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Namen der Arzneimittel. 


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Fructus cardamomi min. . 


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Gallae conc. et gr. m. pulv. 


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Herba centauri min. conc. 






















et gr. m. pulv. . . . 


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Herba centauri min. sub- 






















tiliss. pulv 


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Infusum sennae compositum 


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Macis 


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Morphium hydro chloratum 


1 Centigr. 


0,01 


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1 Decigr. 


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6 


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Moschus 


1 Centigr. 


0,01 


1 


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1 


2 


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— 


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2 




1 Decigr. 


0,1 


8 


— 


9 


— 


— 


— 


1 


— 


Natrum biboracicum . . . 


30 Gramm 


30,0 


1 


6 


1 


10 


— 


— 


i — 


4 


„ « P"l^- • 


5 „ 


5,0 


— 


6 


— 


6 


— 


— 


— 


— 




30 „ 


30,0 


2 


2 


2 


6 


— 


— 


— 


4 


Oleum cajeputi rectificatum 


1 „ 


1,0 


— 


4 


— 


5 


— 


— 


— 


1 




5 „ 


5,0 


1 


4 


1 


6 


— 


— 


— 


2 


„ chamomillae citratum 


1 Tropfen 


— 


— 


10 


— 


7 


— 


3 


— 


— 


ji 


1 Gramm 

1 


1,0 


17 


4 


10 


6 


6 


10 


i 





Die Veränderungen der Kgl. Preussischen Arzneitaxe für 1869. 191 



K^amen der Arzneimittel. Gewichte. 



Oleum crotonis . . . 
„ menthae crispae 

„ „ piperitae 

„ rosarum*) . . 

„ rorismarini . . 

„ sinapis . . . 

„ terebinthinae 

j, „ rectificat 

Opium subtiliss. pulverat. 

Oxymel simplex **) . 

Pulv. glycyrrhiz. composit 

„ ipecacuanhae opiatus 
Ead, colombo concisa . 

„ „ subtiliss. pulv 

„ ipecacuanhae conc. 
„ „ subtil. 

pulver 

Rad. ratanhae conc. 



„ „ subtil, pulv 

„ sarsaparillae cont. 

„ „ subtil, p 

Rad. senegae concisa , 

„ „ subtil, pulv 

„ serpentariae virg. conc 



sub 



tiliss. pulver. 
Resinabenzoes 



jalapae 
ma tiche . 



subtil, pulv 



1 Gramm | 
1 Tropfen! 
1 Gramm | 
1 Tropfen 
1 Gramm j 
1 Tropfen 
iDecigr. I 
5 Gramm j 

30 „ ! 
1 Tropfen 
1 Gramm 

30 „ 
250 „ 
5 Gramm 

30 „ 
1 Decigr. 
1 Gramm 

30 „ 

5 „ 

30 „ 

1 ,, 

5 „ 

30 „ 

5 „ 

30 „ 

1 „ 

1 „ 

5 „ 

30 „ 

5 „ 

30 „ 

250 „ 

5 „ 
30 „ 

5 „ 

30 „ 

^ „ 

30 „ 

5 „ 

5 „ 

30 „ 

5 „ 
1 Decigr. 
1 Gramm 

30 .. 



■ iSeue 
Gew.- Ipreise. 
Bez. ! 



Alte 
Preise. 



\!/^ I '^, 



iw: I ;^ 



Er- jl Ernie- 
höht II drigt 
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1,0 

1,0 

1,0 

0,1 

5,0 

30,0 

1,0 

30,0 

250,0 

5,0 
30,0 

0,1 

1,0 

5,0 
30,0 

5,0 
30,0 

1,0 

5,0 
30,0 

5,0 
30,0 

1,0 

1,0 

5,0 
30,0 

5,0 

30,0 

250,0 

5,0 
30,0 

5,0 
30,0 

5,0 

5,0 
30,0 

5,0 
5,0 

30,0 
5,0 
0,1 
1,0 
5,0 

30,0 



192 Die Veränderungen der Kgl. Preussischen Arzneitaxe für 1869. 









II - 




Er- 


Ernie- 


Namen der Arzneimittel. 


Gewichte. 


Gew.- 
Bez. 


-Neue 
Preise 


Alte 
■Preise 


höht 
um 


drigt 
um 




^ 


|A 


)^/:| A 


^ 


a||^ 


A 


Resina raastiche subtil, pulv. 


5 Gramm 


5,0 


2 


10 


3 


6 








8 


Eotulae menthae piper. 


30 


)j 


30,0 


2 


10 


3 


4 






— 


6 


Sapo jalapinus . , , . 


1 


>> 


1,0 


2 


6 


2 


6 






— 


— 




5 


)> 


5,0 


10 


— 


10 


2 






— 


2 


Semen cydoniae .... 


5 


?> 


5,0 


1 


3 


— 


10 


— 


5 


— 


— 


Species aromaticae . . . 


30 


5) 


30,0 


2 


8 


2 


10 


— 





— 


2 




250 


>> 


250,0 


16 


— 


17 


— 


— 





1 


— 


Species laxantes St. Germain 


5 


)> 


5,0 


1 


8 


1 


6 





2 


— 







30 


J» 


30,0 


7 


8 


7 


— 





8 


— 





Spiritus sinapis .... 


5 


n 


.5,0 


— 


7 


— 


7 


— 


— 


— 


— 


11 11 


30 


j» 


30,0 


2 


8 


2 


10 


— 


— 


— 


2 


Syrupus bals. peruviani 


30 


jj 


30,0 


2 


— 


1 


10 


— 


2 


— 


— 


„ ipecacuanbae . . 


30 


j) 


30,0 


1 


10 


2 


— 


— 


— 


— 


2 


,, sennae c. manna 


30 


>> 


30,0 


2 


8 


2 


4 


— 


4 


— 


— 


Tinctura aromatica . . . 


5 


J5 


5,0 


— 


10 


— 


10 








— 


— 




30 


>> 


30,0 


4 


4 


4 


— 





4 


— 


— 


acida . 


5 


17 


5,0 


— 


10 


— 


10 


— 





— 


— 




30 


1? 


30,0 


4 


4 


4 


2 


— 


2 


— 


— . 


„ benzoes . . . 


5 


11 


5,0 


1 


— 


1 


— 


— 





— 


— 




30 


11 


30,0 


5 


— 


4 


10 


— 


2 


— 


— 


„ castorei canadensis 


1 


11 


1,0 


— 


9 


— 


7 


— 


2 


— 


— 




5 


11 


5,0 


3 


— 


2 


2 


— 


10 


— 


— 


,, ipecacuanbae . . 


5 


11 


5,0 


1 


4 


1 


6 


— 


— 


— 


2 


„ opii benzoica 


5 


11 


5,0 


— 


10 


— 


10 


— 


— 


— 


— 




30 


11 


30,0 


4 


4 


4 


2 


— 


2 


— 


— 


,, ,, crocata . . 


1 


11 


1,0 


— 


10 


— 


9 


— 


1 


— 


. — ■ 




5 


11 


5,0 


3 


2 


2 


10 


— 


4 


— 


— 


„ » Simplex . . 


1 


•>■> 


1,0 


— 


6 


— 


6 


— 


— 


— 


— 




5 


15 


5,0 


2 


— 


1 


6 


— 


6 


— 


— 


,, ,, ratanhae 


5 


11 


5,0 


1 


— 


1 


— 


— 


. — 


— 


— 




30 


11 


30,0 


4 


10 


5 


2 


— 


— 


— 


4 


Tubera jalapae gr. m. pulv. 


5 


15 


5,0 


1 


8 


1 


10 


— 


— 


— 


2 




30 


15 


30,0 


8 


8 


9 


2 


— 


— 


— 


6 


,^ „ subtil, pulv. 


1 


55 


1,0 


— 


6 


— 


6 


— 


— 


— 


— 




5 


51 


5,0 


2 


— 


2 


3 


— 


— 


— 


3 


„ salep subtil, pulv. 


5 


55 


5,0 


1 


2 


1 


3 


— 


— 


— 


1 




30 


11 


30,0 


5 


8 


6 


— 


— 


— 


— 


4 


Ungt. glycerini .... 


5 


11 


5,0 


— 


8 


— 


10 


— 


— 


— 


2 




30 


11 


30,0 


3 


4 


4 


4 


— 


— 


1 


— 


„ rorismarini comp. 


5 


11 


5,0 


1 


4 


1 


4 


— 


— 


— 


— 




30 


55 


30,0 


6 


4 


6 


6 


— 


— 


— 


2 


Veratrium 


ID 


ecigr. 


0,1 


— 


8 


— 


9 -1 


— 


— 


1 


Es sind erhöht worden 7 


1 Preise um 


in Summa 1 Tblr. 13 Sgr. 3 Pf. 


Und erniedrigt worden 9 


9 Preise um 


L in Sun 


ima 


1 


Tbl] 


r. 2 


OS 


gr. 


5] 


?f. 



*) Ol -Rosarum 1 Gramm ist verdruckt für 1 Decigramm. 
**) Bei Oxymel simplex ist der Preis in den Veränderungen für 1869 
derselbe, wie in der Taxe von 1868. 
.Festenberg, den 21. December 1869. Z. Hof mann. 



Halle, Druck der Waiaenhaus-Bucbdruckerei. 



AECHIV DER PHARMACIE. 



CLXXXYII. Bandes drittes Heft. 



A. Originalmittheilungeii. 

I. Cliemie -and Pharmaoie. 



Bericht über die eingegangenen Arbeiten der Lehr- 
linge zur Beantwortung der für 1868 gestellten 
Preisfrage im Betreff der Aloe. 

Eingegangen waren zehn iVrbeiten: 

I. Die Arbeit mit dem Motto: „Si te deficiant 
vires etc." (Nr. 2.). 

Verfasser ist Cobus Bail, Zögling seines Vaters 
Adolph Bail in Bamberg seit dem 12. September 1865. 

Der Verfasser führt im 1. Abschnitt der 1. Abthei- 
lung 13 Species der Gattung Aloe auf, welche die Aloe lie- 
fern, und erwähnt genau den anatomischen Bau der Blätter 
und die Lage derjenigen Zellen, welche den Bitterstoff und 
Harz enthalten. 

Im 2. Abschnitt der 1. Abtheilung wird die Berei- 
tung der drei Hauptsorten des Handels abgehandelt und 
zwar 1) der Leber-Aloe, welche sich durch den Gehalt 
an unverändertem krystallinischen Aloin auszeichnet, wozu die 
Sorten Aloe hepatica oder graeca, arabica, barbadensis und 
de Curacao gehören, 2) der gewöhnlichen Aloe, welche aus 
innigen Mischungen von Aloeharz und Aloebitter bestehen, kein 
krystallinisches Aloin oder doch nur so wenig enthalten, dass 
sie durchsichtig sind. Dazu die Aloe soccotrina, capensis und 
de Curacao. 3) Die Aloe in sortis, welche wahrschein- 
lich durch Quetschen und Auspressen, vielleicht durch Aus- 
kochen der Blätter erhalten wird. Dahin gehörig sind Aloe 
de Mocca, indica und caballina. Demnächst wer- 

Arch. d. Pharm. CLXXXVII. Bds. 3. Hft. 1 3 



194 Bericht üb. d. zur Beantwortung der für 1868 gestellten Preisfrage etc. 

den diese verschiedeneii Sorten nach ihrer Abstammung, 
dem Vaterlande und der Art, wie sie im Handel vorkommen, 
abgehandelt. 

Alsdann beschreibt der Verfasser noch einige andere 
Aloesorten, welche früher im Handel vorkamen. Hierauf 
werden die frühern Untersuchungen der Aloesorten von 
Trommsdorff, Vogel, Wiggers, Bouillon La- 
g ränge, Vogel, Winkler und J. von Liebig nach ihren 
Resultaten kurz erwähnt, endlich die Bereitung und tech- 
nische Anwendung der Aloetinsäure in der Wollfärberei 
und zum Schluss die Stoffe aufgezählt, mit welchen man die 
Aloe verfälscht gefunden hat. 

Im 1. Abschnitt der 2. Abtheilung werden 4 der 
am häufigsten im Handel vorkommenden Sorten Aloe, die 
hepatica, barbadensis, capensis und soccotrina untersucht und 
darin der Wassergehalt, das wässrige Extract, auf kaltem 
und heissem Wege bereitet, und das Harz quantitativ bestimmt. 
Ebenso werden bestimmt: der Aloingehalt nach den Metho- 
den von Liebig' s und von Wiggers, die Aloetinsäure, das 
principe puce Braconnots, der Aloestoff (Alom ?) die aus der Lö- 
sung von 50 proc. und von 90 procentigem Alkohol ausgeschie- 
dene Substanz, das Verhältniss von Aloin und Extractivstoff im 
wässrigen Extracte der Aloe. Endlich ist noch eine Behand- 
lung der Spirituosen Lösung von Aloe mit Chlorgas vorge- 
nommen. Bei dieser letztern Operation scheidet sich eine 
ca. 25% betragende harzartige Substanz aus, welche der 
Verfasser Chloraloeharz nennt. Zum Schluss f ol gen 
4 Tabellen, den Procentgehalt an den vorgenannten Stoffen 
in den 4 untersuchten Aloesorten nachweisend. 

Im 2. x\bschnitt liefert der Verfasser eine ver- 
gleichende Tabelle über den Gehalt der vier untersuchten 
Aloesorten an den vorerwähnten Stoffen, und über das spec. 
Gew. der wässrigen Auszüge 1 zu 5 bei 14^, ferner eine des- 
gleichen über das Aeussere der 4 Aloesorten, über 
die Farben derselben l)im ganzen Zustande, 2) im 
zerriebenen, 3) und 4) beim Anrühren mit kaltem und heissem 
Wasser, 5) 6) und 7) beim Anrühren mit 50, 60 und 90 proc. 



Bericht üb. d. zur Beantwortung der für 186^ gestellten Preisfrage etc. 195 

Alkohol, 8) beim Einleiten von Chlor, ß) und 10) des Extrac- 
tivstofFes nach Liebig und Eraconnot, 11) und 12) der 
kalten und warmen Infusion des wässrigen Extractes, 13) und 
14) desgleichen des Harzes, 15) und 16) des Aloins nach 
Liebig und Winkler, 17) der Farbe von Aloetinsäure und 
18) des Chloraloeharzes. 

Den Beschluss macht ein Verzeichniss der bei der Ar- 
beit benutzten Werke. 

Als Anhang fügt der Verfasser noch mikroskopische 
Beobachtungen mit dem Motto: „Aller Anfang ist schwer" 
bei. Dieselben erstrecken sich auf die 4 untersuchten Han- 
delssorten der Aloe und sind durch 14 recht gute Eeder- 
zeichnungen der mikroskopischen Bilder illustrirt. Beobachtet 
ist bei jeder Sorte a) die Lösung des Extractes in Wasser 
1 zu 3, meist 1 zu 6. b) Das leichte Harz d. h. der beim An- 
brühen der Aloe mit heissem Wasser oben schwimmende 
Theil und c) der hierbei zu Boden sinkende Antheil. Ver- 
fasser glaubt schliesslich in den Bissen, welche beim Ein- 
trocknen der Extractlösungen auf den Objectträgern von den 
verschiedenen Aloesorten entstehen, Unterschiede gefunden 
zu haben. Das leichte Harz bot ihm wenige Unterschei- 
dungsmerkmale, mehr dagegen das schwere Harz. 

Sind nun auch die Resultate , welche aus diesen Unter- 
suchungen hervorgehen, nicht von besonderem Werth, so ist 
doch das Streben des jungen Mannes um so mehr anzuer- 
kennen, als es eine Erstlingsarbeit in der Mikroskopie ist. 

Die Auffassung der Frage selbst zeugt aber von Talent 
und ist die Bearbeitung in allen Theilen so fleissig durchge- 
führt, dass die Prüfungs - Commission einstimmig beschlossen 
hat, dieselbe mit dem ersten Preise zu belohnen. 

IL Die Arbeit mit dem Motto: „Per aspera ad 
astra." (Nr. 8.). 

Verfasser Grustav Klug, seit dem 1. Februar 1866 
Lehrling beim Apotheker Herb in Pulsnitz in Sachsen. 

In einer Einleitung giebt Verfasser die verschiedenen 
Aloesorten, welche er untersuchte, an. Es sind Curacao, 
Barbados, Mocca , lucida, hepatica, soccotrina, Zanzibar und 

13* 



196 Bericht über die zur Beantwortung der für 1868 gestellten Preisfrage etc. 

indica. Meist mehre -^ dieser Sorten aus verschiedenen Be- 
zugsquellen stammend sind untersucht. Nach Angabe der 
benutzten 3 Werke von Wigand, Wiggers und Winkler 
wird dann die Bereitungsweise des Extractes mittelst heissen 
dest. Wassers nach der Ph. Germaniae, des Harzes mittelst 
Behandlung des Bestes durch Alkohol angegeben, der unlös- 
liche Best ist sodann bestimmt und das Fehlende, allerdings 
zuweilen etwas hoch bei einer Sorte gar zu 26^0 ^^s W^ as- 
ser in Bechnung gebracht. Bei der hierauf folgenden Be- 
schreibung der Gattung Aloe erwähnt der Verfasser irrig, 
es komme davon auch das Aloeholz, giebt zwar richtig 
dessen Stammpflanze Aloexylon Agallochum Lureiro 
an, ohne zu erwähnen, dass diese zu den Caesalpiniaceen, 
also den Dicotyledonen gehöre, daher auch nicht entfernt mit 
der zu den Monocotyledonen zählenden Gattung Aloe ver- 
wandt sein könne. 

Hierauf folgt die kurze Angabe der Besultate an Extract, 
Harz und Bückstand von 23 Untersuchungen von Sorten 
Aloe, welche zu den oben erwähnten gehören. Die pharma- 
cognostische Beschreibung der einzelnen Sorten ist gut, aber 
über Abstammung der verschiedenen wenig oder nichts 
gesagt. Am Ende ist eine Tabelle über den Gehalt an Extract, 
Harz und unlöslichen Bückstand in den untersuchten Sorten 
gegeben. 

Die Arbeit bekundet Eleiss , ist mit Geschick ausgeführt 
und sehr sauber geschrieben. Es ist ihr der Preis Nr. 2. 
zuerkannt worden. 

III. Die Arbeit mit dem Motto: „Utile cum dulci." 
(Nr. 9.). 

Verfasser Bobert Ebert, seit dem 1. October 1866 
Lehrling beim Apotheker Eder in Dresden. 

Nach einer kurzen geschichtlichen Einleitung handelt der 
Verfasser die Gattung Aloe ab, giebt ihre Stellung in den 
verschiedenen botanischen Systemen und die Charakteristik 
an. Dann werden 5 Species namhaft gemacht, deren Blätter 
zur Bereitung der Aloe dienen, einige davon auch speciell 
botanisch beschrieben, was als nicht zur Frage gehörig, um 



Bericht üb. d. zur Beantwortung der für 1868 gestellten Preisfrage etc. 197 

so mehr überÜüssig ist, da es nur ein Excerpt aus einem 
botanischen Werke sein kann. Dann folgt eine Beschreibung 
des anatomischen Baues des Blattes von Aloe und der den 
Bitterstoff fiihrenden Gefasse, hieran schliesst sich eine Be- 
sprechung der verschiedenen Bereitungsweisen der Aloesor- 
ten. Dann werden die Hauptbestandtheile der Aloe erwähnt, 
wobei irrig die Löslichkeit des Aloeharzes in Aether angege- 
ben ist. Sodann folgt die specielle Bearbeitung, wobei die 
Sorten in 2 Grruppen abgetheilt werden. In der ersten 
Gruppe sind beschrieben und auf Gehalt an Extractivstoff, 
Harz und unlöslichen Rückstand untersucht: Aloe soccotrina, 
Zanzibar, capensis, de Curagao, Mocca. Die A. indica ist nur 
als hieher gehörig beschrieben , nicht untersucht , weil dem 
Verfasser keine Probe zu Gebote stand. 

Zur zweiten Gruppe (A. hepatica) werden vom Ver- 
fasser gezählt : A. arabica oder Bombay - Aloe und graeca 
als identisch, so wie barbadensis. Nur die letztere Sorte ist 
untersucht, weil von ersteren der Verfasser keine Proben 
hatte. Am Schluss ist noch der A. caballina gedacht und 
eine kleine Tabelle über den Procentgehalt der untersuchten 
6 Sorten an Extract und Harz zugefügt. 

Die Arbeit ist in fliessendem Style geschrieben und mit 
Fleiss durchgeführt. Es ist derselben der 2. Preis Nr. 1. 
zuerkannt worden. 

IV. Die Arbeit mit dem Motto: „Nulla dies sine 
linea. — Aurora Musis amica." (Nr. 6.). 

Verfasser Carl Hahn aus Esslingen, seit März 1866 
Lehrling beim Apotheker Hölzle in Kirchheim, Würtemberg. 

Nach einer wenig zur Sache gehörigen Einleitung giebt 
der Verfasser nicht sehr passend unter der TJeberschrift Aloe 
eine IJebersicht der in den Pflanzen gebildeten Stoff'e, Milch- 
saft, Balsam, Harz, äther. Oel, Stärkemehl, Zucker u. s. w. 
und zählt hiernach die Aloe zu den Extracten. Dann wer- 
den richtig die Aloespecies erwähnt, welche die Handel sdro- 
guen liefern, ferner die unter der Epidermis der Blätter lie- 
genden eigen thümlichen Gefässe, worin der extractivharzige 
Bitterstoff enthalten ist und dessen mikroskopische Unter- 



198 Bericht üb. d. zur Beantwortung der für 1868 gestellten Preisfrage etc. 

siichiing von Smith, endlich die verschiedenen Bereitungs- 
arten der x\loe. Hierauf folgt eine recht gute pharmacogno- 
stische Beschreibung der untersuchten 7 Aloesorten, auch nach 
Henkel mittelst des Mikroskops unter Befeuchtung mit 
Alkohol resp. Wasser. Von Aloe soccotrina, de Zanzibar I. 
und II., capensis I. und II., curassavica, hepatica, Mocca (lucida) 
und barbadensis I. und II. werden sodann die Besultate der 
quantitativen Prüfung an Extractivstoff, Harz und Unreinig- 
keiten angegeben. Ueberall ist x\.loisinsäure als Spur ange- 
geben, es ist jedoch nicht beschrieben, wie diese Spur ermit- 
telt ist, da übrigens AI oisin säure oder Alo'isol ein Zer- 
setzungsproduct der Aloe durch Aetzkalk ist, so wie die 
Aloetinsäure durch Einwirkung von Salpetersäure entsteht, so 
liegt hier wohl ein Irrthum vor. 

Endlich beschreibt der Verfasser 2 vergebliche Versuche, 
um Aloinkrystalle zu erhalten und verspricht weitere, um, 
wenn sie von Erfolg, durch eine organische Analyse die For- 
mel für Aloin festzustellen. Eine Zusammenstellung der Pro- 
centgehalte an Extractivstoff und Harz liegt bei. 

Die ganze Arbeit hat trotz einiger Mängel doch vieles 
Gute ; es ist derselben in Folge dessen der 2. Preis Nr. 2. 
zuerkannt worden. 

V. Die Arbeit mit dem Motto: „Quidquid agis, 
prudenter agas etc.'' (Nr. 7.). 

Verfasser August Schulze aus York in der Provinz 
Hannover, Lehrling seit d. 1, Januar 1866 zuerst beim 
Apotheker Mielck in Hamburg, dann bei seinem Vater in York. 

Zunächst ist die benutzte Literatur erwähnt, Archiv der 
Pharmac. , Berzelius, Hannöv. Pharmac, Mohrs Commentar, 
Wiggers Pharmacognosie , auch Hermbstädts Katechis- 
mus und Hagens Lehrbuch. 

Der Verfasser führt dann einige Aloe - Species auf, aus 
deren Safte Aloe durch Eintrocknen an der Sonne oder durch 
künstliche Wärme gewonnen werde, erwähnt dann Klasse 
nach Linne und Familie und giebt hierauf die Eintheilung 
der Aloe -Arten in grandiflorae, curviflorae und par- 
viflorae an. In der Aufführung von einigen Beispielen der 



Bericht üb. d. zur Beantwortung der für 1868 gestellten Preisfrage etc. 199 

ZU den beiden letztern Abtheil imgen gehörigen Species ist der 
Verfasser aber im Irrthume. Einmal liefern die Arten dieser 
Abtheilungen keine im Handel vorkommende Aloe, dann gehö- 
ren alle angeführten Arten zu den grandiflorae, wenn 
nemlich unter den beiden zweifelhaften A. ferrea und cassia 
A. Serra und caesia zu verstehen sind. 

Demnächst sind die vom Verfasser untersuchten Sorten 
aufgeführt. Aloe capensis, soccotrina, Barbados, hepatica und 
caballina. 

Von jeder derselben sind 30 Gramme verwendet, eine 
recht gute Beschreibung geliefert und die Untersuchungen 
selbst anscheinend recht exact durchgeführt. Eine Tabelle 
über die Besultate ist beigefügt, ebenso eine Umrechnung 
derselben auf 100 Theile. 

Die Arbeit ist recht fleissig durchgeführt und enthält 
manches Gute, doch auch manches Unrichtige und sind die aus- 
geführten Untersuchungen wenig zahlreich. Verfasser erhält 
den dritten Preis. 

VI. Die Arbeit mit dem Motto: „Früh übt sich, 
was ein Meister werden will." (Nr. 3.). 

Verfasser Paul Hamberger, seit dem 1. Januar 1866 
beim Apotheker P. Hühner in Strehlen. Devise offen! 

Verfasser erwähnt zunächst die Heimath der Aloespecien, 
giebt dann ausführlich den Gattungscharakter und beschreibt 
hierauf mehre Aloe liefernde und einige als Zierpflanzen cul- 
tivirte Arten, etwas breit aber richtig. Ferner die den 
Aloesaft führenden Gefässe und die Zubereitungsmethoden 
der Drogue. Demnächst wird diese im Allgemeinen und den 
Hauptbestandtheilen und ihren Eigenschaften nach beschrie- 
ben , auch des Preises der verschiedenen Sorten erwähnt. 
Dann folgt die specielle Beschreibung der untersuchten Sor- 
ten Aloe lucida seu capensis (rubra et viridis) A. soccotrina, 
A. curassavica, A. Mocca, A. Barbados u. A. Zanzibar. Zur 
Prüfung sind jedesmal sehr zweckmässig 10 Gramme verwen- 
det mit 40 Gramme Wasser bis zur Lösung erwärmt und 
mit 10 Gramme V^^asser (wohl zu wenig) verdünnt, das Harz 
ist durch Lösung in Alkohol von den Beimengungen geschie- 



200 Bericlit üb. cl. zur Beantwortung der für 1868 gestellten Preisfrage etc. 

den, der Wassergehalt aber nicht besonders bestimmt, son- 
dern zugleich mit dem Verluste in Rechnung gestellt worden. 
Es ist das Extract dann noch vergeblich auf Metalle und 
Gerbsäuregehalt geprüft. Endlich sind noch je 5 Gramme 
der obengenannten Aloesorten heiss mit 40 Gramme Salpeter- 
säure behandelt bis zur Auflösung, die Flüssigkeit gelinde 
abgedampft, bis sich ein gelbes Pulver auszuscheiden begann, 
dann erkaltet, 60 Gramme dest. Wasser zugelügt und der 
Niederschlag aus Aloetin- und Chrysammin - Säure bestehend 
gesammelt und gewogen. Die Zahlen sind den erhaltenen 
Resultaten an Extractivstoff' in keiner Weise entsprechend. 

Die Arbeit ist correct, auch mit Eleiss und Geschick 
angefertigt, indess sind zu wenige Proben untersucht, üeber- 
dies hat sich der Verfasser der Bestimmung zuwider am 
Schlüsse genannt. Es konnte ihm daher kein Preis zuer- 
kannt werden; einer sehr lobenden Anerkennung ist seine 
Arbeit würdig. 

VII. Die Arbeit mit dem Motto: „Ein Vollendetes 
hienieden etc." (Nr. 1.). 

Verfasser Martin Wegner 18 Jahr alt, seit d. 1. Oc- 
tober 1866 Lehrling bei Herrn Apotheker Meyer in Cöslin. 

Der Verfasser giebt einige Aloespecies als Mutterpflan- 
zen, Familie und Linn. Klasse an, erwähnt kurz der den Ge- 
fässbündeln der Blätter folgenden Aloesaft -führenden Zellen 
und der Bereitungsweisen der Drogue. Hierauf wird diese 
beschrieben und der Eintheilung der verschiedenen Sorten 
gedacht. 

Zur Untersuchung einiger Sorten übergehend, bespricht 
Verfasser die verschiedenen Methoden zur Trennung des Har- 
zes vom Extractivstoff'e und wählt wohl sehr richtig das An- 
brühen des Aloepulvers mit 3 — 4 Theilen kochenden Was- 
sers, nach völligem Erkalten Verdünnen der Flüssigkeit mit 
vielem Wasser, bis alles Harz niedergeschlagen. Trennen und 
Filtriren der Auflösung. In practischer Ausführung scheint 
Verfasser jedoch mit zu kleinen Mengen, 3 Grammen, gear- 
beitet zu haben. Das Harz ist durch Lösung in Alkohol und 
Eindampfen gewonnen. 



Bericht üb. d. zur Beantwortung der für 18G8 gestellten Preisfrage etc. 201 

Untersucht sind Aloe lucida, Zanzibar, Cura^ao, hepa- 
tica^ Mocca, dabei die einzelnen Sorten gut beschrieben, in 
den quantitativen Resultaten ist der Wassergehalt berücksich- 
tigt und gewiss als zwischen 3— -5^/q schwankend sehr rich- 
tig angegeben. 

Die Arbeit ist sehr exact und sauber, jedoch auf zu we- 
nige Untersuchungen beschränkt, sonst würde ihr ein Preis 
haben zuerkannt w^erden müssen. Sie verdient jedoch 
lobende Anerkennung. 

VIII. Die Arbeit mit dem Motto: „Ut desint vires, 
tarnen etc." (Nr. 4.). 

Verfasser Hermann Hercher aus Vieselbach im Grossh. 
Sachsen - Weimar, seit April 1867 Lehrhng bei dem Apothe- 
ker W. Frenzel in Erfurt. 

Zunächst giebt Verfasser die Definition von Extract 
resp. ExtractivstotF, geht dann zur Aloe über, erwähnt kurz 
der Gattung Aloe, ausführlicher der Zubereitung der Drogue. 
Dann w^erden als die 3 Hauptsorten lucida seu capensis, 
hepatica und caballina beschrieben. Alsdann meint der Ver- 
fasser, um den Gehalt an Extractivstolf so genau als möglich 
zu ermitteln sei es nöthig die Aloe 1) mit Wasser kalt und 
heiss, 2) mit durch Schwefels, angesäuertem Wasser, 3) mit 
Weingeist, 4) mit Aether zu extrahiren. Untersucht sind auf 
diese Weise Aloe capensis , A. curassavica und A. Barbados, 
die erhaltenen Eesultate in Procentzahlen angegeben. Es 
wird dann der Satz aufgestellt, je mehr sich von einer Aloe 
in Alkohol löse, desto besser sei dieselbe. 

Aus dem wässrigen i^uszuge Aloin - Krystalle herzustel- 
len durch Fällung mit Bleisalz etc. hat Verfasser vergebens 
versucht, dagegen gelang ihm solches aus einem wässrigen 
Auszuge von Barbados- Aloe nach Behandlung mit Thierkohle 
durch Verdunstung über Aetzkalk unter dem Becipienten der 
Luftpumpe. Es wurden 16% desselben erhalten. xVus dem 
sauren Auszuge der Aloe einen alkalischen Körper her- 
zustellen gelang nicht. 

Der Verfasser hat in der Hauptsache die Frage nicht 
richtig aufgefasst und in dieser Beziehung zu w^enige Aloe- 



202 Bericht üb. d. zur Beantwortimg der für 1868 gestellten Preisfrage etc. 

Sorten untersucht. In anderer Rücksicht ist jedoch sein Fleiss 
anzuerkennen und ihm eine lobende Anerkennung sei- 
nes Strebens zuerkannt worden. 

IX. Die Arbeit mit dem Motto : „Die Aloe sehr 
bitter ist etc." (Nr. 10.). 

Verfasser Johannes Oberreit aus Klingenthal, Lehr- 
ling seit October 1864 beim Apotheker Eder in Dresden. 

Eingangs giebt der Verfasser 12 Aloespecies als Stamm- 
pflanzen an, nach Erwähnung von Eamilie und Linn. Klasse, 
des Vaterlandes, des anatomischen Baues der Blätter und der 
das Aloebitter führenden Zellen in denselben, w^ird bemerkt, 
dass der Saft in den verschiedenen Aloearten nicht wesent- 
lich verschieden sei , die Sorten des Handels nur auf ver- 
schiedene Art dargestellt seien und der Bitterstoff auf ver- 
schiedene Weise aus den Blättern gewonnen werde. Als- 
dann werden die Bestandtheile der Aloe besprochen und rich- 
tig als Ursache der verschiedenen Beschafi^enheit der Sorten 
der Gehalt an amorphem oder krystallinischen Alo'in angege- 
ben, welches letztere schon bei 50^ in ersteres übergehe. 
Hiernach werden die Handelssorten klassificirt I. mit kry- 
stallinischem Aloin: A. graeca, arabica und barbadensis; 
IL mit amorphem: soccotrina, capensis und de Curagao, 
zuletzt wird noch eine III. Klasse unrichtig durch Auskochen 
bereiteter Aloesorten erwähnt, welche ebenfalls amorphes 
Alo'in enthalten, wozu Verfasser A. de Mocca, indica und 
caballina zählt. 

Dann wird die Art der ausgeführten Untersuchungen von 
6 Sorten, A. barbadensis, soccotrina, capensis, de Curagao, 
de Mocca und Zanzibar nach Anleitung der Ph. Germaniae 
erwähnt, dieselben beschrieben und das Resultat der Unter- 
suchung vermerkt, wobei das Harz nicht durch Lösung in 
Alkohol von den unlöslichen Beimengungen geschieden ist. 
Zum Schluss wird eine Zusammenstellung der Besultate an 
Extractivstoff und Harz nebst den Preisen den verschiedenen 
Sorten gegeben. 

Die Arbeit ist nicht ohne Geschick ausgeführt, indess 
nicht erschöpfend, daher konnte dem Verfasser nur eine 



lieber die Bedeutuug der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 203 

Anerkennung seines lob enswer then Strebens zu 
Theil werden. 

X. Die Arbeit mit dem Motto: „Kein Preis ohne 
Fl ei SS." (Nr. 5.). 

Verfasser Paul Reder, seit dem 1. April 1866 Lehr- 
ling beim Apotheker Ullbruch in Reichenbach in Schlesien. 

Im Allgemeinen werden zuerst vom Verfasser Abstammung, 
Vaterland der Pflanzen, Bestandtheile der Aloe, deren Sorten 
und Bereitung, etwas bunt durch einander besprochen, zuletzt 
8 Species als Stammpflanzen genannt. Demnächst zu den 
einzelnen Aloesorten übergehend, werden beschrieben A. lucida 
(capensis), soccotrina, Curacao, de Zanzibar, Barbados und de 
Mocca, dabei ohne Angabe der Darstellung, bei einigen der 
Gehalt an Aloebitter und Harz, bei andern aber nur das Er- 
stere angegeben, der Gehalt an unlöslichen Verunreinigungen 
ist nirgends erwähnt. 

Das Ganze ist nicht klar und übersichtlich, und die eige- 
nen Versuche sind sehr dürftig ausgefallen, desshalb konnte 
dem Verfasser kein Preis zuerkannt werden; immerhin ist 
das Streben desselben lobenswerth. 



Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzen- 
reich. 

Von Theophil Schmieden.*) 

1) Was ist Gerbstoff? 

Bevor ich zu näheren Betrachtungen übergehe, halte ich 
es für nöthig, Einiges zur Erläuterung dieser Erage zu sagen, 
denn vor allen Dingen ist es wohl erforderlich, dass wir uns 
klar werden darüber, welche Stoff'e überhaupt tür Gerbstofi'e 
zu halten seien. 



*) Als Separatabdruck seiner Magisterdissertation aus d. Pharm. 
Zeitschr. f. Russland . durch d. Hr. Verf. eingesandt. Die Red. 



204 lieber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

Bei dem Studium der bisherigen Untersuchungen über 
diesen Gegenstand, ist es nie aufgefallen, dass sich die Che- 
miker sowohl wie die Botaniker nicht klar zu sein schei- 
nen, welche Stoffe sie eigentlich zu den Gerbstoffen zählen 
sollen. 

Es ist in der That schwer, eine Definition des Begriffs 
„Gerbstoff" zu geben. Er ist ein Begriff, der vom Gesichts- 
punkt des Chemikers aus eben so viel und eben so wenig 
heisst, wie etwa „ Extractivstoff, " „Harz," „Oel, " u. v. a. 

Streng und wörtlich genommen kann man hierzu nur 
diejenigen in Pflanzen vorkommenden Stoffe zählen, welche 
die Eigenschaft haben Leimlösung zu fällen, die, welche zum 
Gerben tauglich sind, die Stoffe, welche die Eigenschaft 
haben mit thierischer Haut eine in Wasser unlösliche, der 
Fäulniss widerstehende Verbindung — das Leder — zu 
geben. 

Diese Eigenschaft allein für sich charakterisirt aber die 
Gerbstoffe nicht vollständig. Andere für diese bezeichnende 
Eigenschaften sind die, dass ihre wässrigen Lösungen sauer 
reagiren, dass sie einen eigenthümlichen adstringirenden Ge- 
schmack besitzen, mit Eisenoxydsalzen einen blauschwarzen 
oder grünen Niederschlag oder eine ähnliche Färbung geben, 
dass sie überhaupt mit den Salzen schwerer Metalloxyde 
charakteristisch gefärbte Niederschläge geben. In diesen allge- 
meinsten Eigenschaften stimmen alle Gerbstoffe mit einan- 
der überein, indessen giebt es auch andere Stoffe, die diese 
Ueactionen in ähnlicher Weise theilen. Man darf desshalb 
nicht blindlings jede Substanz , die mit Leimlösung einen Nie- 
derschlag giebt, für Gerbstoff halten, oder eine solche, die mit 
Eisenoxyd salzen sich blau oder grün färbt, wenn sie nicht die 
übrigen, für den Gerbstoff charakteristischen Beactionen 
theilt. Es würde dies zu Irrthümern führen, die der Wissen- 
schaft mehr schaden als nützen. 

Nur aus der Summe des Verhaltens eines Stoffes gegen 
Reagentien kann man seinen Charakter bestimmen. Das ist 
der erste Grundsatz der heutigen analytischen Chemie. Man 
weiss schon von den ältesten Zeiten her, dass thierische 



lieber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 205 

Häute, wenn sie mit gewissen Substanzen behandelt werden, 
der Fäulniss widerstehen, dass sie Leder geben; man nannte 
diesen Prozess „Gerben" und leitete für solche Stoffe den 
Namen „Gerbstoff" ab; da diese Gerbstoffe alle sauer reagi- 
ren, so nannte man sie auch häufig „Gerbsäuren." Sie sind 
mehr oder weniger in fast allen Pflanzen enthalten; diejeni- 
gen, welche am meisten davon enthalten, gebrauchte man in 
der Gerberei. 

Es scheint mir hier die geeignetste Stelle, um das Ver- 
halten der Gerbstoffe oder Gerbsäuren gegen chemische Rea- 
gentien nochmals zusammen zu fassen; die oben angegebenen 
Eigenschaften sind, wie mehrfach erwähnt w^orden ist, nur 
die allgemeinsten. Die Gerbstoffe sind in Wasser, Wein- 
geist und Aether löslich, die Lösung reagirt stark sauer 
und schmeckt adstringirend. In fetten und flüchtigen Oelen 
sind sie unlöslich. Concentrirte Mineralsäuren scheiden sie 
aus der wässrigen Lösung ab, indem sie sie in weisslichen 
Flocken fällen. 

Gerbsäurelösungen verändern sich an der Luft rasch, sie 
nehmen Sauerstoff auf und ßirben sich gelb und braun unter 
Kohlensäure -Abscheidung. Dabei bilden sich neue Producte, 
z. B. Gallussäure und dieser ähnlich Säuren. Dieselbe Um- 
setzung wird durch Fermente, Bierhefe, Emulsin, Proteinver- 
bindungen etc. eingeleitet. Mineralsäuren bringen ebenfalls 
eine ähnliche Zersetzung hervor. Salpetersäure, oxydirt sie 
rasch zu Oxalsäure, färbt sie erst roth, dann gelb und bewirkt 
zuletzt Entfärbung und vollständige Zersetzung. 

Die Lösung der Gerbsäure in Alkalien absorbirt aus der 
Luft Sauerstoff, färbt sich dunkler und zersetzt sich voll- 
ständig. 

Die Gerbsäurelösung giebt mit Stärkekleister, Albumin, 
Chinin, Cinchonin, Strychnin und andern Lösungen, Nieder- 
schläge. 

Das Verhalten gegen Leimlösung, thierische Haut und 
Eisenlösungen ist bereits erwähnt. Mit Baryt-, Zinkoxyd-, 
Bleioxyd-, Antimonoxyd- und Zinkoxydulsalzen geben die Gerb- 
säuren weisse , voluminöse Niederschläge ; Kupferoxj^dsalze 



206 Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

geben gelbbraune, Quecksilberoxydulsalze gelbe, Quecksilber- 
oxydsalze rothe Niederschläge. 

Will man in einer Pflanze oder einem Pflanzentheil Gerb- 
stofi" nachweisen, so muss man die wesentlichsten Keactio- 
nen ausführen; einzelne anzustellen, wie z. B. die Fällung 
mit Leimlösung oder die Färbung und Fällung mit Eisen- 
salzen, genügt nicht, das Vorhandensein von Gerbstofi" zu 
präcisiren. 

2) Die chemischen Untersuchungen über die 

Gerbs toffe. 

Es liegt nicht in meiner Absicht diese Arbeit so weit 
auszudehnen, dass ich eine eingehende Beschreibung der Gerb- 
säure gebe; ich will vielmehr nur die historische Entwicke- 
lung der Untersuchungen über diesen Gegenstand in dem 
folgenden Abschnitte zusammenfassen. 

Von jeher hat man als den Urtypus des Gerbstoffs den- 
jenigen angenommen, welcher in den türkischen oder chinesi- 
schen Galläpfeln (die ersteren sind Auswüchse an den Zwei- 
gen der Quercus infectoria, veranlasst durch die Stiche der 
Gallwespe, die letzteren durch Aphisarten auf einer Art Bhus 
hervorgerufen) und den Knoppern (den normalen Früchten 
von Quercus Aegilops) vorkommt und dem man auch den 
gleichstellt, welcher in der Eichenrinde enthalten ist. Bei 
der allgemeinen Verbreitung der Gerbstoffe im Pflanzenreich 
giebt es eine grosse Anzahl derselben, die die allgemeinen 
Eigenschaften mit jenen theilen, die also auch sauer reagiren 
und adstringirend schmecken und der thierischen Haut die 
Eigenschaft ertheilen, der Fäulniss zu widerstehen, so dass 
man sie früher für identisch mit dem Galläpfelgerbstoff und 
Eichengerbstoff hielt. Bei näherer Untersuchung fand man 
aber, dass sie nur in den allgemeinsten Eigenschaften mit 
jenen übereinstimmen. Die Unterschiede zeigen sich theils 
in einem verschiedenen Verhalten gegen Beagentien, theils 
in seiner Verschiedenheit der Zersetzungsproducte durch Ein- 
wirkung von Säuren, Alkalien oder höhere Temperatur. 



TTclDev die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich, 207 

Zunächst auffallend ist das bekannte Verhalten gegen 
Eisenoxydsalze, insofern nämlich der Gerbstoff gewisser Pflan- 
zen Eisenoxydsalze blauschwarz färbt und fällt, während dies 
andere in grüner Earbe thun. Man bezeichnet daher den 
einen als eisenbläuenden, den andern als eisengrünenden 
G-erbstoff. Dieses Verhältniss beider Gerbstoffarten zu einan- 
der ist bis jetzt weder chemisch noch physiologisch festge- 
stellt, man weiss nur so viel, dass sie specifisch von einander 
verschieden sind; genauer untersucht sind nur wenige und 
diese auch erst in der letzten Zeit. 

Von verschiedenen Seiten neigt man sich zu der An- 
sicht hin, dass namentlich nach den Angaben von Geiger*) 
die Färbung der Eisensalze durch die verschiedenen Gerb- 
stoffe nicht stichhaltig sei, indem es ihm gelungen, unter 
Umständen eisenbläuenden Gerbstoff in eisengrünenden und 
umgekehrt, eisengrünenden in eisenbläuenden zu verwandeln. 
Er giebt an , dass Gallustinctur weinsaures Eisenoxyd grün 
färbe; darauf zeigte Berzelius,**) dass dies seinen Grund 
darin habe, dass die schwarzblaue Eärbung des gerbsauren 
Eisenoxyd's durch überschüssiges gelbes weinsaures Eisen- 
oxyd in grün verwandelt werde. Ferner sollte eisengrünen- 
der Gerbstoff durch Abstumpfung der Säure in eisenbläuenden 
verwandelt werden. Diese letztere Angabe habe ich mit den 
verschiedenen Gerbstoffen versucht und gefunden, dass, so 
lange nur so viel Alkali zugesetzt wird, dass der Auszug 
noch schwach sauer bleibt, eine Umänderung der Farbe nicht 
eintritt. Dagegen kann ich eine weitere Angabe Geiger 's 
durchaus bestätigen, dass in einer und derselben Pflanze, in 
dem einen Organ bläuender, in dem andern grünender Gerb- 
stoff vorkommt; indessen ist diese Erscheinung an gewisse 
Vegetationsperioden gebunden. 

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass Beziehungen 
zwischen den beiden Gerbstoffarten bestehen, wenn sie in 
einer und derselben Pflanze vorkommen und dass sie im Ver- 



*) Liebig, Handbuch der Chemie. Bd. 2. p. 8G2. 
**) Dasselbe. Bd. 2. p. 86.3. 



208 Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

lauf des physiologischen Prozesses in einander überg-ehen, 
es ist aber meiner Ansicht nach durchaus unrichtig, wenn man 
annimmt, dass beide Modificationen eines und desselben Stof- 
fes seien. Die Zersetzungsproducte der beiden Gerbstoffe 
geben uns die beste Auskunft hierüber. 

Abgesehen davon, dass bei Einwirkung von Mineralsäu- 
ren auf, in reinem Zustande dargestellte, eisengrünende und 
eisenbläuende Gerbstoffe verschiedene Spaltungsproducte ent- 
stehen, die später genauer beschrieben werden sollen, geben 
die Untersuchungen von Eissfeldt*) und üloth**) hier- 
über Aufschluss. Diese geben als allgemeines Eesultat, dass 
wahrscheinlich alle eisengrünenden Gerbstoffe bei der trocke- 
nen Destillation Brenzcatechin liefern, im Gegensatz zum 
eisenbläuenden Gerbstoff, aus welchem unter gleichen Umstän- 
den Brenzgallussäure erhalten wird. Diese Angaben sind von 
den Genannten an einer Anzahl von Pflanzen bewiesen, so 
namentlich von Eissfeld an Kino, Krameria triandra, von 
Uloth an Vaccinium Myrtillus, Pyrola umbellata, Calluna 
vulgaris und Ledum palustre. Ferner fand Eis sfeldt, dass 
Tormentilla erecta und Polygonum Bistorta eisenbläuenden 
und eisengrünenden Gerbstoff zugleich enthalten und dass 
beide durch partielle Eällung mit essigsaurem Bleioxyd von 
einander getrennt werden können, indem zuerst die Bleiver- 
bindung des eisenbläuenden und dann erst die des eisengrü- 
nenden niedergeschlagen wird. Ausser diesen giebt die Mo- 
ringerbsäure und die Catechugerbsäure Brenzcatechin. 

Von eisenbläuenden Gerbstoffen ist es namentlich von 
der Galläpfelgerbsäure, so wie von allen andern Gerbstoffen, 
welche Gallussäure liefern, erwiesen, dass sie bei der trocke- 
nen Destillation Pyrogallussäure geben. 

Man hat bis jetzt aus eisengrünenden Gerbstoffen nicht, 
wie aus den eisenbläuenden die Gallussäure, durch Behand- 
lung mit Säuren oder Fermenten eine Verbindung abscheiden 
können, welche als der Weiterträger des Brenzcatechin's anzu- 



*) Annalen der Chemie und Pharmacie. Bd. CVII. p. 101. 
**) Ebendaselbst. Bd. CXT. p. 215. 



Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 209 

sehen wäre und wie es scheint, so zersetzen sich die eisen- 
grünenden Grerbstoffe überhaupt nicht in einer ähnlichen Weise. 
Es ist wahrscheinlich, dass sich bei der trockenen Destilla- 
tion eisengrünender Gerbstoffe erstProtocatechusäure(C^4Hß Og) 
bildet und aus dieser durch Austritt von Kohlensäure Brenz- 
catechin (Cj^ Hg Og — 2CO2 = Ci, H^ OJ. — Mit Alkalien 
geben die Einen sowohl wie die Anderen rothgefärbte Zer- 
setzungsproducte unter SauerstofFabsorption. 

Nach den geschilderten Verhältnissen scheint mir die 
Annahme wohl berechtigt, dass die beiden Gerbstoifarten , so 
lange sie in ein und derselben Pflanze gemeinschaftlich oder 
in verschiedenen getrennt von einander vorkommen, wesent- 
lich von einander verschieden sind. Dies schliesst nicht aus, 
dass beide während des Lebensprocesses der Pflanze in ein- 
ander übergehen können. 

Lange Zeit kannte man nur von der Galläpfelgerbsäure, 
in Bezug auf ihre chemische Constitution , nichts als ihre 
empirische Formel. P e 1 u z e hatte für sie die Formel 
CigHgOig, Liebig CigHgOia, Wetherill — Ci^HgOio 
aufgestellt. 

Endlich brachte Strecker durch seine classische Ar- 
beit über den Galläpfelgerbstofi" einigermaassen Licht über 
diesen Gegenstand und stellte namentlich die chemische Con- 
stitution der Galläpfelsäure fest. 

Lieb ig sprach schon die Vermuthung aus, dass bei 
der Behandlung des Galläpfelgerbstoö's mit verdünnten Mi- 
neralsäuren neben der Gallussäure wahrscheinlich ein Koh- 
lenhydrat auftrete. Braconnot hatte die Beobachtung 
gemacht, dass mit Wasser befeuchtete Galläpfel in gei- 
stige Gährung übergingen und dadurch Kohlensäure und Al- 
kohol lieferten, und man setzte desshalb voraus, dass auf 
irgend eine Weise Zucker gebildet werden müsse, der bis 
dahin in den Galläpfeln nicht gefunden worden war. 1 Atom 
Gerbsäure enthält in der That die Elemente von 3 At. Gal- 
lussäure und 1 At, Traubenzucker. Strecker stellte zunächst 
als Formel für den Gallengerbstoff' C^oHjgOgf; auf, nach sei- 

Arch. d. Pharm. CLXXXVH. Bds. 3. Hft. 14 



210 lieber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

neu späteren Untersuchungen und auf zahlreiche Analysen 
und das Studium der Zersetzungsproducte gestützt, die Formel 

Mittelst dieser Formel erklärt Strecker die Zersetzung 
des Gallengerbstoffs in Gallussäure und Zucker, nach der 
Gleichung : 

C54H22 Ö34 +8HO=3Ci4H6 O^o +Ci2Hi2Öl2- 

Bei der quantitativen Bestimmung der Zersetzungspro- 
ducte fand er, dass 100 Th. Gerbsäure 22 Th. Traubenzucker 
lieferten, während nach seiner Gleichung 82,5 Gallussäure und 
29,1 Traubenzucker erhalten werden müssten. 

Ich will an dieser Stelle noch bemerken, dass der von 
Strecker benutzte Gallengerbstoff aus käuflichem Tannin in 
der Weise rein dargestellt wurde, indem er zu der ätherischen 
Lösung desselben so viel Wasser setzte, dass sich drei 
Schichten bildeten; die untere derselben Hess er durch einen 
Scheidetrichter abfliessen, erwärmte sie zur vollständigen Yer- 
flüchtigung von Aether oder Weingeist mit Wasser ver- 
mischt, verdunstete im Yacuum über Vitriolöl und trocknete 
bei 120—1300. 

Die Menge Wassers in der Gallengerbsäure, welche 
durch Metalloxyde vertretbar ist, bestimmte Strecker direct 
aus dem durch Fällen mit essigsaurem Bleioxyd erhaltenen 
Bleisalz; er fand sie 3 Aeq. entsprechend und erklärte dar- 
nach die Säure für eine dreibasische Säure. 

Ausserdem ergiebt sich aus seinen Untersuchungen, dass 
sich die von Pelouze, Liebig, Berzelius und anderen 
erhaltenen Formeln recht gut auf seine Formel C54 H^g Ogj 
für wasserfreie Gerbsäure zurückführen lassen, wenn man 
berücksichtigt, dass die analysirten Salze nicht völlig trocken 
waren. Den Angaben Strecker 's treten andere namhafte 
Chemiker in so fern auf das Bestimmteste entgegen, als sie 
behaupten, die Gallengerbsäure und die ihr verwandten Gerb- 
säuren spalteten sich durch Einwirkung von Mineralsäuren 
nicht in Gallussäure und Zucker. 



lieber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 211 

So namentlich zuerst Eobiquet,*) welcher angiebt, dass 
sich bei Umwandlung der Gerbsäure in Gallussäure ein 
grosser Theil der ersteren zersetze und man höchstens die Hälfte 
des Gewichts der Gerbsäure an Gallussäure erhalte, wäh- 
rend die übrige Gerbsäure zu einem amorphen schleim artigen 
Körper werde, der sich nicht mehr in Gallussäure umsetze. 

W. Knop**) fand, dass 100 Theile Gerbsäure 95 Gal- 
lussäure lieferten und ausserdem andere Zersetzungsproducte, 
deren Gesammtmenge mit der Gallussäure der angewandten 
Quantität der Gerbsäure gleich käme. Er liess nämlich auf 
eine Lösung von 2 Theilen Gerbsäure in Wasser, eine Mi- 
schung von 1 — 2 Th. concentrirten wässrigen schwefelsauren 
Ammoniaks und 4 — 6 Th. concentrirten Salmiakgeistes ein- 
wirken, dampfte möglichst rasch bis zum Verschwinden des 
Ammoniakgeruchs ein und erhielt eine krystallisirende Sub- 
stanz und eine braune Flüssigkeit. Durch Umkrystallisiren 
gereinigt, zeigte es sich, dass die kr5^stallisirte Substanz das 
Amid der Gallussäure, die Tanningenamsäure (C^gHgi ]^3 O^^) 
sei. Durch anhaltendes Kochen mit verdünnter Salzsäure 
verwandelte sie sich vollständig in Gallussäure. 

Zu ganz ähnlichen Eesultaten führten die Untersuchungen 
von Rochleder und Kawalier. — Kawalier suchte 
sich durch partielle Fällung einer concentrirten wässrigen Lö- 
sung von officinellem Tannin mit Bleizuckerlösung und Zerle- 
gung der Bleisalze mit Schwefelwasserstoff, Verjagen des 
Schwefelwasserstoffes durch Erhitzen und Eindampfen im Was- 
serstoffstrom, möglichst reinen Gerbstoff darzustellen. Die 
erste und dritte Fällung gaben, nach dem Fällen mit Schwe- 
felwasserstoff und Verdampfen der Lösung in der beschriebe- 
nen Weise, Behandeln mit Salzsäure, bedeutende Mengen von 
Ellagsäure. Die zweite Portion wurde eben so zerlegt und 
dann die Lösung des Gerbstoffs mit einer Lösung von Brech- 
weinstein, unter Zusatz voii kohlensaurem Ammoniak gefallt. 
Der Niederschlag wurde nach dem Auswaschen mit Schwefelwas- 



*) Journal pharmac. XXVI. 29. 

**} Pharmaceut. Centralblatt. 1854 und 1855. 

14* 



212 Üeber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

serstoff zerlegt, das Filtrat in einem Strom von Kohlensäure vom 
Schwefelwasserstoff befreit und über Schwefelsäure imYacuo ver- 
dunstet. IS^ach mehrmaliger Auflösung und Filtration von einer 
sich beim Trocknen abscheidenden bräunlich gefärbten Sub- 
stanz und Abdampfen im Yacuo erhielt Kawalier einen 
farblosen amorphen Rückstand , der bei Behandlung mit Salz- 
säure in einer Atmosphäre von Wasserstoff keine Ellagsäure 
gab. Neben Gallussäure entstand indessen eine kleine 
Menge Zucker und eine braune pulverige Materie. 

Kawalier folgert aus seinen Untersuchungen, dass der 
Gallengerbstoff in möglichst reinem Zustande nur relativ kleine 
Mengen Zucker (4% vom Gewicht des Tannins) liefert und 
kein Glykosid sei, alsdann müssten nämlich bei der Spaltung 
des Gerbstoffs auf 11 Aeq. 1 Aeq. Zucker entstehen. Es 
würden sich also das Tannin und die Gallussäure etwa so 
gegenseitig verhalten, wie Dextrin und Traubenzucker und 
jenes durch Aufnahme von Wasser in Gallussäure verwan- 
delt werden. 

Wenn auch von allen übrigen Chemikern und Physiolo- 
gen die Strecker' sehen Angaben als richtig angenommen wer- 
den, so kann man doch bei einer unparteiischen Beurtheilung 
den Angaben von Robiquet, Knop und Kawalier eine 
Berücksichtigung nicht versagen. Man kann , so wie die 
Dinge jetzt liefen, eigentlich mit Becht sagen, dass die Frage 
über die chemische Constitution der Galläpfelgerbsäure noch 
eine mehr oder weniger offene ist. 

Bei der Behandlung des Gerbstoffs mit Mineralsäuren 
fällt es namentlich auf, dass die Spaltung erst nach dauern- 
der Einwirkung vor sich geht, während bei allen andern Gly- 
kosiden die Spaltung sehr leicht und rasch stattfindet. Es 
ist nicht unmöglich, dass sich neben dem Gerbstoff und aus 
demselben ein wirkliches Glykosid bilden kann, wie es wahr- 
scheinlich auch aus andern Gerbstoffen der Fall ist. 

Wenn die Gallengerbsäure kein Glykosid ist, so Hesse 
sie sich betrachten als eine Digallussäure, nämlich 2^1 4 Hg O^o 
— 2HO=C28 HjQ O^g- — -Di^ Analysen stimmen annähernd 
hiezu. Auch die Pflanzonphysiologen neigen sich zu der 



Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 213 

Ansicht Strecker 's hin und erblicken desshalb in den 
Gerbstoffen eine reichliche Quelle für Zuckerproduction in der 
Pflanze. 

Galläpfelgerbstoff findet sich, ausser in den bereits 
angeführten Pflanzen, im Sumach (E,hus coriaria), in Arbutus 
uva ursi, in dem schwarzen Thee, in der Fruchtschale von 
Caesalpinia coriaria, Dividivi, in der Granatwurzelrinde u. v. a. 
Die Gerbstoffe dieser Pflanzen sollen sämmtlich bei ihrer Spal- 
tung Gallussäure und Zucker geben. 

Der Eichengerbstoff (von Quercus pedunculata und 
Q,. Robur) ist eigentlich noch nicht so genau untersucht, dass 
man darüber sicher ist, ob er identisch mit der Galläpfelgerb- 
säure ist oder nicht. Stenhouse fand, dass er mit der 
Sumachgerbsäure identisch und sich wie diese in Gallussäure 
und Zucker bei Einwirkung von Mineralsäuren spalte. Eine 
nähere Untersuchung der Eichengerbsäure, als eines der für 
die Technik wichtigsten Gerbstoffes würde von grossem 
Werth sein. 

Von eisengrünenden Gerbstoffen ist eine grössere Anzahl 
näher untersucht, als von eisenbläuenden. Die wichtigsten 
derselben will ich hier erwähnen. Alle eisengrünenden Gerb- 
stoffe unterscheiden sich von den eisenbläuenden, ausser der 
Eisenreaction , wie bereits bemerkt, durch ihre Zersetzungs- 
producte in höherer Temperatur und bei Einwirkung von 
Mineralsäuren. Sie geben im letztern Ealle keine Gallussäure, 
sondern jeder Gerbstoff zerfällt in der Regel in einen ihm 
eigenthümlichen Paarung und Zucker. Pei der trocknen De- 
stillation geben sie wahrscheinlich alle Brenzcatechin (Oxy- 
phensäure). 

Genauer untersucht sind folgende: 

1) Die Moringerbsäure im Gelbholz (Morus tincto- 
ria). Sie findet sich in der Mitte der grossen Gelbholz stücke 
in rothgelben Ablagerungen, aus .denen man sie durch mehr- 
maliges Umkrystallisiren aus heissem Wasser und zuletzt aus 
verdünnter Salzsäure, rein darstellt. Beim Kochen mit ver- 
dünnter Salzsäure oder concentrirter Schwefelsäure bildet sich 
die Rufimorinsäure. 



214 Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

2) Die Kaffeg erb säure (Ci4llg07), in den Samen 
der Kaffepflanze und im Paraguaythee enthalten. 

Sie wurde von Rochleder und in neuester Zeit von 
Hlasiwetz untersucht. Ersterer stellte die obige Formel 
auf, die indessen noch der Bestätigung bedarf. Hlasiwetz*) 
bestätigt auch die Angabe von E-ochleder, dass die Kaffe- 
gerbsäure Brenzcatechin giebt, welcher Angabe früher von 
Grraham, Stenhouse und andern widersprochen wurde. 
Er zeigte ferner, dass sich bei Behandlung der Kaifegerb- 
säure mit verdünnter Kalilauge eine andere dreibasische 
Säure , die Kaffesäure ( Cj g Hg Og ) und eine Zuckerart 
(Ci2H^2 0]^q) bilde. Hieraus schliesst Hlasiwetz, dass die 
Kaffegerbsäure auch ein Glykosid sei. 

Beim Eindampfen mit Kalihydrat giebt sowohl die Kaffe- 
gerbsäure, als die Kaffesäure Protocatechusäure in grosser 
Menge. 

3) C atechugerbsäure. Sie ist nur soweit bekannt, 
dass man weiss, dass sie im Catechu vorkommt. Es ist weder 
Berzelius noch l!»5^ e u b a u r gelungen , sie rein darzustellen. 
Nach der Ansicht von ISTeubaur steht sie im umgekehrten 
Yerhältniss zum Catechin, wie die Galläpfelgerbsäure zur 
Gallussäure. Die Catechugerbsäure soll sich nämlich aus 
dem Catechin und nicht dieses aus jener bilden. E iss- 
fei dt hält sie für identisch mit dem Kinogerbstoff, welcher 
bei trockner Destillation auch Brenzcatechin giebt. 

4) Chinagerbsäure zerfallt nach den Untersuchungen 
von B e m b 1 d beim Kochen mit verdünnter Schwefelsäure 
in Chinaroth, für welches er die Formel (Cgg Hgg Ogg), Schwarz 
nach seinen Analysen Cgg Hg^ Og^ und Cgg Hgg O32 aufstellt, 
— und Zucker, Ci2Hj^2^i2- Hlasiwetz bemerkt zur 
Verschiedenheit der Resultate der Analysen von Schwarz 
und Rembold, dass man diese nicht in einem Mangel der 
Untersuchungen suchen dürfe, sondern es sei wahrscheinlicher, 
dass die Zusammensetzung von „Vegetationsbedingungen" 



*) Sitzungsbericht der Wiener Academie. Bd. 55. Heft 1. S. 7. 
Jan. 1867. 



lieber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 215 

der Wachstliumsphasen der Pflanzen abhänge und demnach 
difFeriren könne. Vergleichende Untersuchungen der Rinden 
verschieden alter Bäume können hierüber Aufschluss geben. 

Die Chinagerbsäure giebt beim Behandeln mit schmel- 
zendem Kali neben einer humusartigen Substanz, Protocate- 
chusäure. 

5) Chinovagerbsäure verhält sich der Chinagerb- 
säure ganz ähnlich; sie spaltet sich bei Behandlung mit Säu- 
ren in Chinovaroth und Zucker und giebt beim Behandeln 
mit schmelzendem Kali, Protocatechusäure. 

6) Batanhiagerbsäure, von Grabowsky unter- 
sucht, zerlegt sich, mit Säuren behandelt, in ein rothes amor- 
phes Harz (Ratanhiaroth C52 H22 O22?) nnd Zucker. Mit Aetz- 
kali in der Hitze behandelt, giebt sie Protocatechusäure und 
Phloroglycin. 

7) Gerbsäure aus Filix mas. Maly hat aus Filix 
mas eine Gerbsäure durch Fällen des Decoctes mit Bleizucker 
und Zerlegen des Bleisalzes mit Schwefelwasserstoff und Ab- 
dampfen dargestellt. 

Diese bildet eine amorphe, gelbbraune Masse, die viel 
Aehnlichkeit mit dem Chinagerbstoff hat. Bei Behandlung 
mit Säuren zerfällt sie auch in einen , dem Chinaroth ähnli- 
chen, rothen, harzartigen Körper, das Filixroth (C32H18O24) 
und Zucker. 

Mit schmelzendem Kalihydrat bildet sich Protocatechu- 
säure und Phloroglycin. 

8) Der Ka st an ien gerbst off ist neuerdings von 
Bochleder untersucht worden; die wässrige Lösung dessel- 
ben färbt Eisenoxydsalze grün, mit einer kleinen Menge Na- 
tron oder Ammoniaklösung versetzt, violett. Er fallt Leim, 
aber nicht Brechweinsteinlösung. Essigsaures Bleioxyd fällt 
ihn als blass rehfarbenes Pulver, der Niederschlag ist in Essig- 
säure löslich. "Wird eine wässrige Lösung des Gerbstoffs mit 
Salz- oder Schwefelsäure versetzt, bis auf 100^ erwärmt, so 
färbt sich die Flüssigkeit dunkelkirschroth , es scheiden sich 
dunkelrothe Flocken ab, deren Menge sich beim Erkalten noch 
etwas vermehrt. 



216 Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

Kochleder berechnet für den reinen Gerbstoff die For- 
mel: C52H24O24. 

Bei der Behandlung dieses Grerbstoffs mit verdünnten 
Säuren findet keine Zuckerbildung statt, der sich abscheidende 
rothe Körper bildet sich unter Austritt von Wasserstoff und 
Sauerstoff in Form von Wasser. Für diesen Körper giebt 
Eochleder die Formel CggHggOgg und C52 Hgo Ogo, es 
treten also 2 oder 4 Aeq. Wasser aus. 

Durch Erhitzen bei Luftabschlnss bildet sich das Anhy- 
drit C52H22O225 welches durch Kochen mit Wasser wieder in 
den Gerbstoff übergeht. 

In Bezug auf den übrigen Inhalt dieser interessanten 
Untersuchung verweise ich auf die Originalarbeit.*) 

Dieser Gerbstofi' oder seine rothen Entwässerungspro- 
ducte geben mit schmelzendem Kali Protocatechusäure und 
Phloroglycin. 

Aehnlich dem Kastaniengerbstoff scheint der neuerdings 
von üloth**) aus Acer striatum dargestellte G. zu sein. 
Bei Behandlung mit Säuren scheidet sich auch ein amorpher, 
rother, harzartiger, in Alkohol löslicher, in Wasser unlösli- 
cher Körper ab, ohne dass sich Zucker dabei bildet. 

Ausser diesen Gerbstoffen sind noch eine Menge anderer 
eisengrünender Gerbstoffe beschrieben worden, so die Ledi- 
tannsäure aus Ledum palustre, die Callutannsäure aus Calluna 
vulgaris , indessen sind die erhaltenen Besultate noch zu 
unsicher. Bekanntere Pflanzen, welche eisengrünenden Gerb- 
stoff enthalten, sind Eheum- und Eumexarten, Pyrus Malus, 
Vaccinium Myrtillus und V. Vitis Idaea, Cinnamomum, Aconi- 
tum, viele Labiaten. 

Ich will hier noch einige Mittheilungen über die neuesten 
Untersuchungen über den Gerbstoff machen , die ich bisher 
nicht einflechten konnte. Es betrifft dies theils speciell Gerb- 
stoffe, theils Stoffe, die ihnen nahe stehen und höchst wahr- 
scheinlich aus ihnen gebildet werden. 



*) Sitzungsbericht der Wiener Academie. Novemberheft, 1866. 
**) Flora. 1867. Nr. 72. 



üeber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 217 

Hlasiwetz hat es durch seine schönen und geistreichen 
Untersuchungen mehr als wahrscheinlich gemacht, dass die 
Gerbstoffe zu den Glykosiden in sehr naher Beziehung stehen. 
Wie wir bereits oben besprochen haben, so liefern die Gerb- 
stoffe bei ihrer Spaltung durch Mineralsäuren oder andere 
Agentien neben dem Zucker Paarlinge, die entweder Säuren 
oder amorphe, braune, harzartige Substanzen sind, welche mit 
schmelzendem Kali behandelt, entweder nur Protocatechusäure 
oder neben dieser Phloroglycin liefern. Hlasiwetz hat 
diese Verhältnisse übersichtlich in einer Tabelle zusammen- 
gestellt. 

Galläpfelgerbsäure, zerfällt in Zucker und Gallussäure 

Granatgerbsäure „ „ „ „ Ellagsäure 

Kaffegerbsäure „ „ „ „ Kaffesäure 

Chinagerbsäure „ „ „ „ Chinaroth 

Chinnovagerbsäure „ „ „ „ Chinovaroth 

Filixgerbsäure „ „ „ „ Filixroth 

Ratanhiagerbsäure „ „ „ „ Ratanhiaroth 

Quercitrin „ „ „ „ Quercetin 



Rutin „ „ „ „ Quercetin 

Mit Kalihydrat oxydirt giebt: 

Gallussäure: Pyrogallussäure und Kohlensäure 

Ellagsäure: Gallussäure „ „ 

Kaffesäure: Protocatechusäure „ Essigsäure 
Chinaroth: „ „ „ 

Chinovaroth : „ „ 



» 



Eilixroth: „ „ Phloroglycin; 

ebenso Ratanhiaroth , Quercetin, Maclurin, Luteolin, 
Scoparin, Catechin und Kastanienroth. 

Hlasiwetz betont namentlich, dass es durchaus noch 
nicht erwiesen sei, dass die Gerbstoffe wirklich Glykoside 
seien, dass es namentlich unwahrscheinlich sei, dass sie den 
Zucker eben so praeformirt oder vorbereitet enthielten, wie 
die Glykoside. Er meint, dass es sich in der Eolge genauer 
beweisen lassen würde, dass parallel den eigentlichen Glykosi- 
den, die Zuckerderivate sind, es Verbindungen gebe, die von 



218 Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

Dextrin oder Gummiarten abstammen ; diese würden amorph 
sein, wie die Gerbstoffe, müssten aber bei der Behandlung 
mit Säuren oder Alkalien auch Zucker geben. 

Wir können diesen Ansichten nicht versagen, dass sie 
geistreich und consequent sind, der Beweis wird sich bei der 
veränderlichen I^atur der Kohlenhydrate allerdings schwer 
führen lassen. 

Unter der Bezeichnung Phlobaphen hatten Stähelin und 
Hofstetter einen Bestandtheil der Binde oder Borke von 
verschiedenen Bäumen beschrieben; er findet sich in Pinus 
sylvestris, Betula alba, der gelben Chinarinde und der Rinde 
von Platanus acerifolia. 

Das Phlobaphen ist eine amorphe braunrothe Substanz, 
welche die Farbe der Piianzentheile, in welchen sie vorkommt, 
bestimmt. Stähelin und Hofstetter stellen diese Substanz 
in der Weise dar, dass sie die mit Aether vom Wachs 
befreite Borke mit wässrigem Ammoniak ausziehen, die Flüs- 
sigkeit mit verdünnter Schwefelsäure neutralisiren , wodurch 
sich rothbraune Flocken niederschlagen. Diese Flocken wer- 
den abfiltrirt und durch mehrmaliges Auflösen in Weingeist 
und Verdunsten der Lösung gereinigt. Stähelin und Hof- 
stetter stellen nach ihren Analysen die Formel CgoHgOg 
für wasserfreies und C2oH8 08 4-HO für wasserhaltiges Phlo- 
baphen auf 

Aus ihren Zersetzungsproducten kann man auf eine 
Beziehung der Phlobaphene zu den Gerbstoffen schliessen; so 
geben z. B. die Chinaphlobaphene mit schmelzendem Aetzkali 
Protocatechusäure , ebenso wie das Chinaroth. Die Kenntniss 
dieser Stofi'e ist noch zu beschränkt, um sich über ihre Ent- 
stehungsweise sowohl als über Beziehungen zu andern, ihnen 
nahe stehenden Substanzen , bestimmter auszusprechen. Un- 
streitig sind sie sowohl, wie die Gerbstoffe und deren Zer- 
setzungsproducte, den Vegetationsperioden der Pflanzen durch- 
aus unterworfen. 

Es scheint mir hier der passende Ort, einige Bemerkun- 
gen W i g a n d ' s über die Beziehungen der Gerbstofie zu 



üeber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 219 

gewissen Farbstoffen, mitzutheilen , denn wenn dieselben auch 
ein mehr physiologisches Interesse haben, so stehen sie doch 
in einem engen A'erhältniss mit den vorher Erwähnten, 

Wigand*) fand, dass der Farbstoff der rothen tropi- 
schen Farbhölzer seinen Sitz in den Zellenmembranen des 
Holzes habe, diesem Farbstoff liegt ein farbloser Stoff zu 
Grunde, aus welchem er sich erst unter gewissen Einflüssen 
an der Luft erzeugt. Das frische Holz dieser Pflanzen, so 
wie unserer einheimischen Holzgewächse enthält in seinen 
Zellenmembranen einen an sich farblosen , durch Wasser und 
Alkohol ausziehbaren Stoff, der sich durch Salzsäure und 
Schwefelsäure violett und durch Ammoniak so wie an der 
Luft roth färbt. W i g a n d nennt diesen Stoff Cyanogen. Er 
verhält sich gegen Reagentien wie Gerbstoff und erscheint 
überhaupt als nahe verwandt mit diesem. So kommt er nur 
in gerbstofl'haltigen Pflanzen vor und hier nur in solchen 
Zellen, die ursprünglich Gerbstoff enthielten. Wigand 
glaubt, dass das Cyanogen aus einer Metamorphose des 
Gerbstoffs hervorgegangen sei. 

Es scheint mir wahrscheinlich, dass mit diesem Stoff die 
Phlobaphene in näherer Beziehung stehen, dass sie vielleicht 
aus ihm hervorgegangen. Ob das Cyanogen wirklich ein 
Stoff ist, der füi' sich existirt, ob er nicht etwa ein Gemisch 
aus verschiedenen andern, leicht zersetzbaren Stoffen sei, ist 
eine weitere Frage. 

3) Pflanzenphysiologische Untersuchungen über 

den Gerbstoff. 

Es ist in dem Vorhergehenden schon mehrfach betont 
worden, dass die Gerbstoffe zu den Substanzen gehören, 
welche man in den höheren Gewächsen, namentlich den peren- 
nirenden und den Holzgewächsen am allgemeinsten verbreitet 
findet und es giebt in der That wenige derselben, welche 
nicht zu jeder Jahreszeit mehr oder weniger davon enthalten. 
Eei einjährigen Pflanzen ist sein xA^uftreten seltener; bei Dico- 



*) Botan. Zeitung vonMohl und Schlechtendal. 1862. p. 122. 



220 Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im ^Pflanzenreich. 

tyledonen häufiger als bei Monocotyledonen und bei diesen 
häufiger als bei Cryptogamen. So giebt es selbstverständlich 
auch bestimmte Pflanzenfamilien und Pflanzen, welche wenig 
oder keinen G. enthalten. Besonders reich an ihm sind die 
Cupuliferen und unter diesen besonders die Eiche, die Erle; 
ferner die Rosaceen und unter diesen besonders die Rose, 
die Acerineen, Ericineen, Sanguisorbeen , Leguminosen, Cassu- 
yieen u. v. a. — Pflanzen, welche keinen, oder nur sehr wenig 
Gerbstoff" enthalten, sind z. B. folgende: Bambucus nigra, 
Bobinia Pseudacacia, Gleditschia triacanthus, Morus alba. Für 
diese Pflanzen kann ich die Angabe Sanio's*) bestätigen. 

Die bisherigen pflanzenphysiologischen Studien über den 
Gerbstoff' besitzen in der Beziehung einen gewissen Grad der 
Mangelhaftigkeit, dass sie sich einer Methode zur ]!^achwei- 
sung des Gerbstoff's bedienen, welche an und für sich zur 
Feststellung so wichtiger Fragen nicht ausreichend ist. Man 
hat sich damit begnügt alle Stoffe in der Pflanzenzelle für 
Gerbstoff zu halten, welche mit Eisensalzen blaue oder grüne 
Färbungen oder Niederschläge geben. Wer sich eingehender 
mit diesen Beactionen beschäftigt hat, der wird bald eingese- 
hen haben, wie wenig diese oder ähnliche Beactionen aus- 
reichend sein können. U 1 o t h ^'^^) hat bereits in einer ^N'otiz 
zu seiner Untersuchung: „Ueber Wachsbildung im Pflanzen- 
reich" richtig bemerkt, dass viele Glykoside, so wie salicy- 
lige Säure und Salicylsäure und deren Yerbindungen mit 
Eisensalzen ganz täuschend ähnliche Färbungen und Fällun- 
gen geben, die natürlich alle für Gerbstoff mitgingen; es sei 
zwar wahrscheinlich, dass die Glykoside in directer Beziehung 
zum Gerbstoff ständen, es sei aber durchaus nicht anzuneh- 
men, dass die Umwandlung des Gerbstoffs in Glykoside in 
einer und derselben Zelle vor sich gehe; im Gegentheil haben 
wir aus Allem, was wir von der Stoffmetamorphose wissen, 
anzunehmen, dass mit der Ortsveränderung und mit der Stoff- 
wanderung, auch gleichzeitig eine Stoffänderung verbunden sei. 



*) Sanio, Botanisclie Zeitung. 1863. p. 18. 
**) Flora. 1867. Nr. 72. 



lieber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 221 

Diesen Ansichten muss ich mich vollständig anschliessen. 
Man kann auf den qualitativen Werth solcher Eeactionen 
nur sehr wenig Gewicht legen. Daher kommt es auch, dass 
sich die Angaben nur in den allgemeinsten Grenzen bewegen 
und dass sie, wenn man sie näher untersucht, mit den wenigen 
annähernd genauen quantitativen Bestimmungen, die man im 
Interesse der Technik angestellt hat, selten übereinstimmen. 
Darnach fallt das Maximum des GerbstoiFgehalts der Pflanzen in 
den Frühling und Sommer, das Minimum in den Winter; mit 
Bezug auf den Gehalt der einzelnen Zellen giebt man an, dass 
nur junge und lebenskräftige Zellen Gerbstoff enthalten, dass 
solche, welche sich nicht mehr theilen und sich verdicken, 
wenig oder keinen solchen mehr enthalten. Dies versteht 
sich eigentlich von selbst. 

Der Gerbstoff findet sich in der Pflanzenzelle in der 
Kegel im Inhalt gelöst. Die Membran enthält keinen Gerb- 
stoff; beim Austrocknen der Pflanzentheile oder beim Einle- 
gen derselben in Lösungsmittel, durchdringt er natürlich auch 
die Membran; dies ist indessen zufällig, giebt aber häufig und 
namentlich bei dünnw^andigen Zellen Veranlassung zu Täu- 
schungen. Nach neueren Untersuchungen von H a r t i g , *) 
die alle Beachtung verdienen, kommt der Gerbstoff in der 
Zelle in, dem Stärkemehl ähnlichen, Körnern vor. Vom 
Stärkemehl und Grünmehl (Chlorophyll) unterscheidet sich 
das Gerbmehl durch seine Löslichkeit in kaltem Wasser und 
durch seine Eeaction auf die Salze schwerer Metalle. Durch 
letzteres, so wie durch seine, dem Stärkemehl gleiche Keaction 
auf Jod unterscheidet es sich vom Klebermehl. Durch die 
mangelnde Fähigkeit der Farbenspeicherung ist es vom Zell- 
kern und dessen körnigem Inhalt verschieden. Es ist ent- 
weder farblos (Leucotannin) oder v^e das Grünmehl gefärbt 
(Chlorotannin) . oder gelb (Xanthotannin) , oder roth (Erythro- 
tannin). Das körnige Gerbmehl fliesst häufig im Inhalt zu 
einer zusammenhängenden spröden Masse zusammen oder es 
geht in die Bildung einer sehr verdickten, secundären ZeUen- 



*) Botanische Zeitung. 186.5. Nr. 7. 



222 Ue'ber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

membran ein, oder es bildet einen, in Verbindung mit Kalk, 
krystallinischen Körper. 

Diese Angaben Hartig's bedürfen noch der Bestätigung. 
Mir ist es nicht gelungen, den G-erbstoff so präcis in einer 
organisirten Form, wie der iu Körnern, noch in amorphen 
Massen, noch als krystallinische Körper zu finden. Ich habe 
oft geglaubt, Gerbstoff in Körnern gefunden zu haben, über- 
zeugte mich aber jedesmal, dass ich Stärkekörner sah, auf die 
sich der ausserordentlich zarte und copiöse Mederschlag von 
gerbsaurem Eisenoxyd abgesetzt hatte. 

Es scheint mir überhaupt, als wenn häufig Täuschungen 
durch die Reactionsmethode, deren man sieh zur Nachweisung 
des Gerbstoffs bedient, herbeigeführt werden. Man behandelt 
zu diesem Zwecke in der Regel geeignete fertige Präparate, 
also Längs- und Querdurchschnitte mit der Lösung eines 
Eisenoxydsalzes (schwefelsaures Eisenoxyd oder Eisenchlorid) 
und betrachtet sie dann unter dem Mikroskop. Hierbei ist 
eine Täuschung in sofern möglich, als bei Objecten aus fri- 
schen so wie aus getrockneten Pflanzentheilen der Gerbstoff 
leicht .die Zellenwandungen durchdringen kann, so wie dass 
auch die Gerbstofflösungen sich benachbarten Zellenpartien 
mittheilen können, die in der lebenden Pflanze in Wirklichkeit 
keinen enthalten. 

Sanio empfiehlt eine recht zweckmässige Methode, bei 
welcher Täuschungen ziemlich vermieden werden. Er lässt die 
zu untersuchenden Pflanzentheile etwas austrocknen und legt 
sie in halbirtem Zustande in Stücken von passender Länge in 
die betreffenden Lösungen ein, lässt sie mehre Tage in den- 
selben liegen, lässt sie dann abtrocknen und fertigt hieraus 
geeignete Quer- und Längsschnitte an. 

Eecht gute Eesultate habe ich durch folgende Modifica- 
tion obiger Methode erhalten. Ein Zweigstück von circa 
4'' Länge wird mit einem Ende etwa ^2" ^^^^ i^ ^^^^ genau 
passende circa 3 — 4'^ lange Kautschukröhre eingepresst, so 
dass sie genau schliesst. Das andere Ende des Kautschuk- 
rohres verbindet man mit einem entsprechend weiten Glas- 
rohr von mehren Fuss Länge, das Grlasrohr füllt man mit 



lieber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 223 

der Lösung des anzuwendenden Metallsalzes und hängt den 
kleinen Apparat so lange senkrecht auf, bis die untere freie 
Fläche des Zweiges gefärbt erscheint. Dann leert man das 
Glasrohr in ein Becherglas aus, nimmt das Zweigstück aus 
dem Kautschukrohr heraus, trocknet es und fertigt daraus 
geeignete Präparate an. Die angewandte Metallsalzlösung 
kann man natürlich wiederholt benutzen. 

Zur Nachweisung des Gerbstoffs hat man die Salze ver- 
schiedener schwerer Metalle benutzt, vor allen namentlich 
Eisenoxydsalze, welche, wie bekannt, mit Gerbsäure blau- 
schwarze und grüne Färbungen und ^Niederschläge geben. 
Die Eisensalze haben den Nachtheil, dass der Niederschlag 
in überschüssiger saurer Lösung mehr oder weniger löslich 
ist, indessen kann man bei einiger Vorsicht mit einer neutra- 
len Lösung zuverlässige Resultate erhalten. Ich habe mir 
eine solche aus trocknem schwefelsauren Eisenoxyd bereitet, 
indem ich 1 Theil Salz in 50 Theilen Wasser löste und die 
Lösung so lange mit Aetzammoniak versetzte, bis ein schwa- 
cher Niederschlag von Eisenoxydhydrat entstanden war; 
darauf filtrirte ich die Lösung klar ab. Ganz gut ist auch 
die von Sanio empfohlene Lösung von saurem chromsauren 
Kali, mit welcher der Gerbstoff eine unlösliche braune Ver- 
bindung eingeht. Die Reaction des Chlorzinkoxyds, die in 
einem rosenrothen Niederschlag besteht, lässt sich in dieser 
Weise nicht anwenden, eben so wenig salpetersaures Queck- 
silberoxyduloxyd, welches eine rosenrothe Färbung giebt; 
noch weniger alkalische Lösungen. Diese drei letzteren 
Reagentien eignen sich besser bei mikroskopischen Präparaten. 

Von neueren Untersuchungen in pflanzenphysiologischem 
Interesse sind die von Wigand am eingehendsten. Wi- 
g a n d *) giebt in 8 Sätzen seine Ansichten über den Gerb- 
stoff kund, von denen der wesentlichste Inhalt folgender ist. 
Zunächst, erwähnt er das Bekannte über das allgemeine Vor- 
kommen des Gerbstoffs; es gebe kein Organ bei der einen 
oder andern Pflanzenart, welches nicht mit Gerbstoffgehalt 



*) Botanische Zeitung. 1862. p. 121 und 200. 



224 Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

vorkäme, keines der verschiedenen Gewebe sei ein für alle- 
mal gerbstofffrei, jedoch so, dass die lebendigsten Gewebe 
des Pflanzenkörpers vorzugsweise als der Sitz des Gerbstoffs 
erscheinen. 

In Bezug auf Gerbstoffgehalt unterscheidet Wigand 

a) solche, welche überhaupt niemals Gerbstoff enthalten, 

b) solche, in denen derselbe zu einer gewissen Zeit für immer 
verschwindet, c) solche, in welchen der Gerbstoff stationär 
ist (z. B. die Epidermiszellen, gewisse Zellen der primären 
Eindenschicht etc.) dann solche, in denen der Gerbstoff im 
Laufe des Jahres periodisch ab- und zunimmt, verschwindet 
und wieder auftritt (z. B. Bast und Holz). 

Das Maximum erreicht der Gerbstoff im Frühjahre und 
Sommer, das Minimum im Winter. Die Gerbstofferzeugung 
steht im Zusammenhange mit der grössten Intensität des 
Zellenlebens. 

In Bezug auf die Geschichte des Gerbstoffs will ich hier 
nur folgendes aus Wigand 's Arbeit mittheilen, da das 
Xlebrige über diesen Gegenstand bereits bekannt ist. 

Der, bei der Entwickelung des Jahrestriebes auftretende 
Gerbstoffgehalt erreicht alsbald sein Maximum und dieses 
erhält sich in dem obern Theile des Jahrestriebes, soweit der- 
selbe im Wachsen begriffen ist; nach unten hin nimmt der 
Gerbstoff in dem Verhältniss ab, wie die Internodien sich zu 
strecken aufhören. Nach Beendigung des Längenwachsthums, 
etwa im Juni, tritt ein gewisses Minimum des Gerbstoffgehal- 
tes ein, welches für die ganze Länge des Jahrestriebes und 
im Allgemeinen auch für alle Jahrestriebe eines Sprosses und 
für alle Sprossen eines Individuums gleichmässig ist. 

Pur jede einzelne Pflanzenspecies biete die Erzeugung 
des Gerbstoffs ein eigenthümliches Gepräge dar, indem sowohl 
die Zu- als Abnahme desselben individuellen Schwankungen 
unterworfen seien. Das Fruchtfleisch unreifer Früchte ent- 
halte viel Gerbstoff und da dieser beim Beifen ab- und der 
Zuckergehalt in diesem Verhältniss zunehme, so sei es wahr- 
scheinlich, dass hier ein directer Uebergang des Gerbstoffs 
in Zucker stattfinde. 



üeber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 225 

Aus dem Vorkommen des Grerbstotfs und des Stärke- 
mehls , die , wo sie in einer Pflanze auftreten , nicht nur in 
denselben Geweben, sondern auch in denselben Zellen sich 
finden, und aus dem bestimmten Wechselverhältniss , in dem 
sich beide Stoffe alsdann vertreten, zieht Wigand den Schluss, 
dass beide in einer bestimmten Beziehung zu einander hin- 
sichtlich ihrer gegenseitigen Entwickelung stehen. 

Wigand folgert ferner aus seinen Sätzen: „dass der 
Gerbstoff einen wesentlichen Factor im chemischen Process 
des Plianzenlebens bilde und zwar physiologisch als ein Glied 
der Kohlehydrate erscheine." 

Man vermisst bei den Angaben Wigand' s jeden analy- 
tischen Beleg, namentlich über die temporären Quantitäten 
des in den Pflanzentheilen vorhandenen Gerbstoffs, auf wel- 
chen man doch eigentlich nur solche Folgerungen, wie sie 
Wigand ausspricht, gründen kann. Gründeten sie sich aber 
auf quantitative Bestimmungen, so hätte dies Wigand unstrei- 
tig mitgetheilt. Schätzungen , auf die mehr oder weniger 
directe Färbung mit Eisenoxydsalzen oder mit andern Beagen- 
tien sind unmassgeblich und die daraus gezogenen Conse- 
quenzen unhaltbar. Jeder, der sich mit älmlichen Arbeiten 
beschäftigt hat, wird wissen, wie schwer es ist, aus der Fär- 
bung einer gerbstoffh altigen Zelle einen Schluss auf die Quan- 
tität des Gerbstoffs zu ziehen. 

Sachs*) hat bereits richtig bemerkt, dass die Behaup- 
tung Wigand's, als bilde sich das Stärkemehl aus dem 
Gerbstoff, geradezu unrichtig sei, indem in Samen, welche 
grosse Mengen Stärke enthalten, sich kein Gerbstoff finde und 
dieser auch erst dann auftrete, sobald der Keimungsprocess 
beginne. Von der Bichtigkeit dieser Angaben habe ich mich 
zu überzeugen Gelegenheit gehabt. Man kann eigentlich 
hiernach viel eher annehmen, dass sich der Gerbstoff aus dem 
Stärkemehl entwickle. 

Sachs hat bei seinen Untersuchungen über die Keimung 
verschiedener Pflanzen**) (der Schminkbohne, der Mandel) 



*) Sachs, Expovimontalphysiologic 18G6. p. 3G1. 
**) Sitzungshericlite der "Wiener Aoadeniie. 1859. p. 2.'} ii. w. 
Arch. d. Pharm. CLXXXVII. Bds. 3 Ilft. 15 



226 üeber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

gefunden, dass sich bei diesen Samen im reifen, trocknen Zu- 
stande gar kein Gerbstoff vorfindet. Bald nach der Keimung 
trete Grerbstoff in einem gewissen Zellensystem auf. Sachs 
spricht von einem „ streng charakterisirten Gerbstoffsystem , " 
welches er namentlich bei Phaseolus multiflorus und Dolichos 
Loblab beobachtet haben will. In dem Maasse, als sich die 
Gefassblmdel innerhalb der Cotyledonen umbilden und Spiral- 
gefässe auftreten, kommen bei den genannten Pflanzen auch 
die Gerbstoffzellenreihen zur Ausbildung. Sachs schliesst 
aus seinen Beobachtungen, dass der Gerbstoff bei der Kei- 
mung eine wichtige physiologische Rolle spiele. Worin diese 
bestehen soll, verschweigt uns Sachs. 

Pettenkofer zieht aus seinen Untersuchungen '^') den 
Schluss, dass der Gerbstoff wahrscheinlich in enger Beziehung 
zur Holzbildung stehe, weil derselbe meist in perennirenden, 
holzbildenden Pflanzen vorkomme, weniger in einjährigen. 
Wir können dieser Ansicht nicht beipflichten, weil das Vor- 
kommen irgend eines Stoffes in einer Holzpflanze und nicht 
in einer andern, die Folgerung nicht nach sich ziehen kann, 
dass er in jener in Beziehung zur Holzbildung stehe; es 
würde dies zu vielen Inconsequenzen führen. Wir werden 
Gelegenheit nehmen , hierauf zurück zu kommen. Ausserdem 
hat noch Wiessner in seiner Arbeit über Harzbildung 
interessante Mittheilungen über das Verhalten des Gerbstoffs 
bei der Harzmetamorphose gemacht. Wiessner bemerkt 
ganz richtig, dass keine Thatsache vorliege, welche darauf 
schliessen lasse, dass alles Harz aus ätherischem Oele ent- 
stehe, nachdem Wigand auf Grund eigner und von Kar- 
sten angestellter Beobachtungen behauptet hatte, dass die in 
den Balsamen vorkommenden ätherischen Oele andern Ur- 
sprungs als die Harze seien; erstere entständen in kleinen, 
in Zellen eingeschlossenen Bläschen, aus denen sie durch 
Verflüssigung der Bläschenmembran heraus treten und sich 
mit dem, durch Desorganisation der Zellenmembran entstehen- 
den Harz mengten. 



*) Neues Repertorium Pharm. III. Heft 4. 



Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 227 

Ferner geht nach W ig- and und Karsten die Wand 
der Holzzellen in Harz über und nach den Angaben von 
Wiessner soll der Gerbstoff den Uebergang von der Cellu- 
lose zum Harz vermitteln. 

Wir müssen diese Annahmen näherer Prüfung unter- 
werfen. 

Wenn man die Frage über die Entwicklung des Gerb- 
stoffes und seine physiologische Bedeutung zu beantworten 
im Stande sein will, so ist es zuerst nöthig, experimentell 
und quantitativ festzustellen, wie der Gerbstoffgehalt je nach 
den verschiedenen V^etationsperioden ab - und zunimmt und 
wie dies im Verhältniss zu andern Substanzen, die im Zellen- 
inhalt enthalten sind, geschieht. Solche Untersuchungen sind 
mit viel mehr Schwierigkeiten verbunden, als wenn man etwa 
die Entwickelung einer Zelle oder Zellenschicht verfolgt oder 
als wenn man sogen, mikroskopische Untersuchungen anstellt ; 
dort handelt es sich bei jedem einzelnen Versuch um eine 
oft mühsame, zeitraubende, mit der Wage angestellte Analyse, 
die die aufmerksamste Arbeit in Anspruch nimmt, hier höch- 
stens um ein gut gelungenes Präparat. 

Indessen ist nur auf diesem Wege ein sicheres Resultat 
zu erwarten. 

In dem Folgenden habe ich mir zur Aufgabe gestellt, 
die Entwickelung des Gerbstoffs in der Eiche 
quantitativ und zwar getrennt, sowohl in der Rinde als auch 
im Holze zu bestimmen. Nach dem bisher Bekannten scheint 
es mir fest zu stehen, dass zu allen Zeiten die Binde mehr 
Gerbstoff enthalte als das Holz, von welchem einzelne Zellen- 
systeme zu gewissen Zeiten wenig, andere keinen Gerbstofi 
enthalten. Es lässt sich aus den erhaltenen Resultaten mög- 
licherweise auch ermitteln, wie der Gerbstoff eigentlich gebil- 
det werde. 

Bis jetzt sind die Ansichten in dieser Beziehung sehr 
auseinander weichend. Einzelne Physiologen glauben, der 
Gerbstoff werde direct aus , durch die Wurzelthätigkeit in die 
Pflanze gelangten, elementaren Stoffen gebildet, andere, er 
entstehe aus den reservirten Kohlehydraten, gleichsam als 

15* 



228 Ueber die Bedeutunsr der Gerbstoffe im Pflanzenreicb. 



^ö 



Uebergang aus dem unlöslichen in den löslichen Zustand und 
umgekehrt diene der Gerbstoff wieder als Reservestoff zur 
Bildung der Kohlehydrate, namentlich des Stärkemehls. 
Eine dritte Ansicht ist die, dass der Grerbstoff bei der Um- 
wandlung der Fette und Kohlehj'-drate sich bilde und weite- 
ren Veränderungen im Stoffwechsel der Pflanzen unterworfen 
sei, dass er also gewissermaassen ein Uebergangsstadium zur 
rückbildenden Metamorphose bilde. 

Zunächst habe ich mir durch mikroskopische Beobach- 
tungen ein Bild über die Vertheilung des Gerbstoffs zu machen 
gesucht. Dabei bin ich, wie folgt, verf^iren. 

Die Holzstücke wurden mittelst des oben beschriebenen 
kleinen Apparates mit Lösungen von schwefelsaurem Eisen- 
oxyd, saurem chromsauren Kali und salpetersaurem Queck- 
silberoxyd imprägnirt, selbstverständlich mit jedem Salz ein 
Holzstück; dieselben dann einige Tage zum Trocknen hinge- 
legt und dann die Präparate daraus angefertigt. 

In der Eiche findet sich der Gerbstoff das ganze Jahr 
hindurch in grosser Menge und zwar mehr oder weniger zu 
jeder Zeit in denselben Zellen und Zellensystemen. 

So findet er sich im Herbst und Winter, wenn alle Ve- 
getation ruht, in den Markzellen und in der Markscheide; im 
Holz , im Holzparenchym und in den Holzmarkstrahlen , in 
beiden jedoch in bedeutend geringerer Menge als im Sommer ; 
kein Gerbstoff ist in den Holzzellen enthalten. Die Cambial- 
zellen sind frei davon und nur die das Cambium durchsetzen- 
den Markstrahlen enthalten Gerbstoff. Die Bastschicht ist 
reich daran im Parenchym und in den Markstrahlen ; frei sind 
die Krystalldrusen führenden Parenchymzellen und die Bast- 
zellen. Die grüne zellige Eindenschicht enthält in dem Paren- 
chym grosse Mengen Gerbstoff, ebenfalls mit Ausnahme der 
Zellen, welche Krystalle enthalten. Die Korkschicht enthält 
ebenfalls eine Substanz, welche sich mit Eisensalzen, wie 
Gerbstoff, färbt, die aber mehr aus Phlobaphen zu beste- 
hen scheint, als aus einem Gerbstoff. — Während des Som- 
mers enthalten genau dieselben Zellen Gerbstoff, nur in offen- 
bar weit grösserer Menge; ja während der grössten Saftfülle 



Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 229 

enthalten sogar die Holzzellen der jüngeren Jahresschichten 
Gerbstofl'. Im Allgemeinen enthalten auch jetzt die Zellen 
des Holzes weit weniger Gerbstoff als die Rinde. 

Bevor ich nun zur Mittheilung meiner quantitativen 
Resultate über den Gerbstoffgehalt der Eiche übergehe, will 
ich vorher die Methoden kurz beschreiben, nach denen es möglich 
ist, genaue Bestimmungen des Gerbstoffgehaltes zu erzielen. 

Man hat sich im Interesse der Technik von jeher bemüht, 
Methoden zur quantitativen Bestimmung des Gerbstoffgehaltes 
pflanzlicher Gerbmaterialen zu ermitteln. Nur wenige dersel- 
ben sind der Art, dass man wirklich genaue Resultate davon 
erwarten kann; da nur solche für unsere Zwecke maassge- 
bend sein können, will ich hier nur zwei der besten Methoden 
kurz beschreiben, nämlich: 

1) Die Methode von Hammer. 

Hammer hat vorgeschlagen, den Gerbstoff dadurch zu 
bestimmen, dass man das specifische Gewicht der gerbstoff- 
haltigen Flüssigkeiten bestimmt, dann den Gerbstoff aus den- 
selben auf eine Weise entfernt, durch die die sonstigen Eigen- 
schaften der Flüssigkeit nicht alterirt werden; hierauf wird 
das specifische Gewicht nochmals bestimmt und aus der Diffe- 
renz nach der von Hammer ermittelten Tabelle der Gehalt 
an Gerbstoff berechnet. 

Man führt die Operation in folgender Weise, die auch 
ich befolgt habe, aus. 

25 Gramme Eichenrinde oder Holz werden fein geschnit- 
ten und zweimal mit soviel dem Kochen nahen Wasser aus- 
gezogen, dass die rückständigen Flüssigkeiten zusammen 
ungefähr 250 Gramme betragen, die Flüssigkeit wird nun 
durch Leinwand filtrirt und das specifische Gewicht entweder 
mit dem Pyknometer oder einem genauen Aräometer bestimmt 
und notirt. 'Nim wägt man eine hinreichende Menge der 
Flüssigkeit, am besten eine runde Anzahl von Grammen ab 
und versetzt sie mit der vierfachen Menge angefeuchteten 
thierischen Hautpulvers. Dieses letztere kann man sich auf 
folgende Weise bereiten: Man nimmt ein Stück thierische 



230 



lieber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 



Haut, welche in Kalkmilch eingeweicht, darnach durch Scha- 
ben von den Haaren entblösst worden war (sogen. Blosse), 
die man übrigens in diesem Zustande aus jeder Gerberei 
erhalten kann, spannt dann die Haut auf ein Brett auf und 
lässt sie an der Luft rasch trocknen; sobald sie hinlänglich 
spröde geworden ist, wird sie durch eine Easpel in ein mög- 
lichst feines Pulver verwandelt, welches man in einer gut 
verschlossenen trocknen Flasche aufbewahrt. 

Die mit dem Hautpulver versetzte Flüssigkeit wird nun 
eine Zeit hindurch unter öfterem Durchschütteln digerirt, 
hierauf wieder durch Leinwand filtrirt und das specifische 
Grewicht bestimmt. 

Zur Berechnung des Gerbstoffgehalts zieht man alsdann 
die für die specifischen Gewichte gefundenen Zahlen von ein- 
ander ab, zählt zu der Differenz die Zahl 1 und sucht dann 
für den erhaltenen Werth in der Tabelle die entsprechenden 
Gerbstoffprocente. 

Die von Hammer aufgestellte Tabelle liefert folgende 
Zahlen, sie reicht bis zu 10 7o Gerbstoffgehalt und ist von 
Procent zu Procent in 10 Theile getheilt. 



Procente 


Spec. Gew. 


Procente 


Spec. Gew. 


an Gerbstoff. 


bei 150 c. 


an Gerbstoff. 


bei 15° C. 


0,0 


1,0000 


1,5 


1,0060 


0,1 


1,0004 


1,6 


1,0064 


0,2 


1,0008 


1,7 


1,0068 


0,3 


1,0012 


1,8 


1,0072 


0,4 


1,0016 


1,9 


1,0076 


0,5 


1,0020 


2,0 


1,0080 


0,6 


1,0024 


3,0 


1,0120 


0,7 


1,0028 


4,0 


1,0160 


0,8 


1,0032 


5,0 


1,0201 


0,9 


1,0036 


6,0 


1,0242 


1,0 


1,0040 


7,0 


1,0283 


1,1 


1,0044 


8,0 


1,0325 


1,2 


1,0048 


9,0 


1,0367 


1,3 


1,0052 


10,0 


1,0409 


1,4 


1,0056 







Ucber die Bedeutimg der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 231 

Bei allen Bestimmungen nach der Hammer' sehen Me- 
thode hat man besonders darauf zu achten, dass die Tempe- 
ratur von 15^ genau eingehalten wird. 

Diese Methode ist diejenige, welche allen Anforderungen 
auf Genauigkeit am meisten entspricht, und die Principien, 
auf die sie sich stützt, sind in jeder Beziehung richtig. Die 
Bestimmungen nach ihr fallen der Wirklichkeit am näch- 
sten aus. 

Um mich von der Richtigkeit der Tabelle zu überzeugen, 
habe ich folgende Versuche angestellt: 

1) 1 Grrm. Galläpfelgerbsäure in 100 Grm. Wasser gelöst 
hatte ein spec. Gew. von genau 1,0040. Nachdem der 
Gerbstoff durch 4 Grm. Hautpulver entfernt worden war, 
gab die Lösung ein spec. Gew. von 1,0000. Nimmt man 
also das spec. Gew. der Gerbstofflösung = 1,0040 

zieht das der gefällten Flüssigkeit == 1,0000 davon ab und 

= 0,0040 
addirt 1 hinzu -f 1, 



so erhält man .... 1,0040 = 1% Gerb- 
stoff. 

2) 1,7 Gr. Gerbstoff in 100 Grm. Wasser gelöst, zeigte 
mit dem Pyknometer bestimmt, ein spec. Gew. von 1,00689. 
Die Flüssigkeit nach dem Ausfällen mit Hautpulver = 1,0000. 
Differenz = 0,00689 4- 1 = 1,00689, entsprechend 1,67% 
Gerbstoff. 

3) 2,37 Grm. Gerbstoff in 100 Grm. Wasser gelöst, gab 
1,0094 spec. Gew., das spec. Gew. der ausgefällten Lösung 
= 1,0000, Differenz = 0,0094 -f 1 = 1,00944 = 2,367o 
Gerbstoff. 

Diese Resultate zeigen zur Genüge, dass die Bestim- 
mungen nach dieser Methode genau ausfallen. 

2) Die Methode von Löwenthal. 

Diese Methode ist eigentlich eine Verbesserung eines 
von Monier vorgeschlagenen Verfahrens, welches darin 



232 Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

besteht, dass man die Gerbsäure mit übermangansaurem Kali 
titrirt. 

Es findet hierbei eine Oxydation derselben und eine E,e- 
duction des übermangansauren Kali's statt, welche mit einer 
Farbenveränderung verbunden ist; es sollte so lange von der 
Lösung jenes Salzes zugesetzt werden , bis die Flüssigkeit 
röthlich gefärbt sei. Wenn auch diese Voraussetzungen 
richtig sind, so iässt sich doch der Endpunkt der Eeaction 
nicht genau bestimmen, da der Farbenwechsel nicht genau 
zu erkennen ist. 

Löwenthal hat diese Methode dadurch zu verbessern 
gesucht, dass er eine Lösung von schwefelsaurem Indigo oder 
auch Indigocarmin von bestimmtem Grehalt zu der zu titriren- 
den Gerbstolflösung zusetzte. Wird eine so gemischte Flüs- 
sigkeit mit einer Lösung von übermangansaurem Kali ver- 
setzt, so wird mit dem Gerbstoff gleichzeitig der Indigo oxy- 
dirt und entfärbt und zwar genau so , dass mit der letzten 
Spur Indigo auch aller Gerbstoff zersetzt ist. Die vollstän- 
dige Entfärbung der Flüssigkeit zeigt die Beendigung der 
Reaction an. 

Die Rechnung hierbei ist sehr einfach. Man stellt die 
Lösung des übermangansauren Kali's auf eine Gerbstoff- 
lösung von bestimmtem Gehalt, ebenso auch eine Indigolö- 
sung von bestimmtem Gehalt. Will man den Gerbstoffgehalt 
einer Flüssigkeit hiernach bestimmen, so setzt man eine runde 
Zahl Cubikcentimeter Indigolösung zu, mischt die Flüssig- 
keiten und titrirt. Den A^erbrauch an übermangansaurem 
Kali notirt man. Man hat zur Oxydation des Gerbstoffes + 
Indigo die notirte Menge übermangansauren Kali's nöthig, 
zieht dann von dieser die Menge übermangansauren Kali's 
ab, welche zur Oxydation des Indigo's nöthig war, und 
berechnet aus dem Rest des verbrauchten Salzes den Gehalt 
an Gerbstoff. 

10 Cubikcentimeter einer gcrbstoff haltigen Flüssigkeit 
wurden mit 10 CO. Indigolösung gemischt und mit überman- 
gansaurem Kali titrirt. Es sind hierzu 35,12 CG. nöthig. 



lieber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 233 

Vorher wurde durch Titrirung gefunden, dass zur Oxydation 
von 10 CC. einer Gerbstofflösung, welche 3,2 Grm. Tannin 
im Litre enthielt, 22,26 CC. und zu 10 CC. Indigocarmin- 
lösung 12,86 CC. übermangansaures Kali erforderlich waren; 
es berechnet sich also der Gerbstoffgehalt wie folgt: 

35,12 CC. übermangansaures Kali = Indigo -j- Gerbstoff 

12,86 CC. „ „ = Indigo 

22,26 CC. übermangansaures Kali = 10 CC. Gerbstofflösung. 

Da also 22,26 CC. übermangansaures Kali = 10 CC. 
Gerbstofflösung, welche 0,032 Grm. Tannin enthalten, sind, so 
entsprechen 100 CC. jenes = 0,1437 Grm. Tannin. 

Ich habe diese Methode, die sich, wenn man die betref- 
fenden Flüssigkeiten bereitet hat, durch ihre schnelle Aus- 
führbarkeit besonders qualificirt, zu verschiedenen Bestimmun- 
gen neben der Hamm er' sehen benutzt und gefunden, dass 
die Resultate im Yerhältniss zu jener brauchbar sind; in der 
Kegel fallen sie etwas höher aus. 

Da , wo ich bei meinen Gerbstoff bestimmungen die L ö - 
wenthal'sche Methode benutzt habe, werde ich die nach 
derselben erhaltenen Werthe mit einem * bezeichnen. Die in 
der folgenden Tabelle ausgeführten Analysen sind, wie schon 
gesagt, im Verlaufe eines Jahres mit Eichen vorgenommen 
von zwei Standorten, die in Bezug auf den Boden variiren; 
der eine hat einen guten humusreichen Boden, der andere 
einen schlechten, magern Sandboden. Zur Untersuchung 
wurden 15 — 20jährige Stämmchen genommen und von die- 
sen jedesmal stärkere und dünnere Zweigstücke verwendet. 
Die Binde wurde sorgfältig vom Holz getrennt und in bei- 
den gesondert, der Gerbstoff bestimmt. 



2iö4 


Ueber die Be 


ieutung der 


Gerbstoffe im Pflanzenreich. 


Datum an welchem 


Gehalt an Gerbstoff 


Gehalt an Gerbstoff 


die Eichen abge- 


in Procenten. 


in Procenten 


schnitten wurden. 


Humusboden. 


Sandboden. 




8. Juni 


Einde. 


Holz. 


Einde. 


Holz. 


1866 


16,10 


3,44 


12,55* 


3,57 




17. „ 


15,21 


4,09 


11,82 


3,99 




28. „ 


17,00 


3,00 


14,00 


4,00* 




5. Juü 


15,18 


.5,27 


14,13 


2,52 




20. „ 


14,87 


4,22 


11,10* 


1,72 




1. August 


10,18 


2,73 


11,10 


1,89 




15. „ 


11,10 


3,25 


8,27 


3,10 




1. Septbr. 


9,72 


4,10 


9,13 


2,11 




8. „ 


8,10* 


4,19* 


7,33 


1,10 




15. „ 


9,29 


2,12 








1. October 


10,13 


1,00 


8,22 


1,75 




15. „ 


8,27 


2,25 


8,54 


2,09 




1. I^ovmbr. 


7,32 


1,44 








1. Decmbr. 


8,55 


2,48 


6,31 




1867 


5. Januar 


6,20 


1,32 


8,12 


0,97 




5. Februar 


5,18 


1,90 


6,75 


3,22 




20. „ 


7,81 


2,45 


5,20 


1,88 




6. März 


4,12 


1,20 


6,81 


0,92 




25. „ 


8,72 


2,72 


7,10 


2,74 ' 




10. April 


5,31 


1,09 


6,20 


2,20 




20. „ 


6,10 


2,53 


6,21 


1,99 




30. „ 


8,07^ 


2,00* 


5,32 


1,12 




5. Mai 


10,18 


3,20 


8,00 


2,27 




15. „ 


12,79* 


2,18* 


9,78 


3,29* 




23. „ 


14,11 


3,55 


10,53 


3,12 




30. „ 


14,98 


4,02* 


9,11 


2,20 



Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 235 

Aus der vorstellenden Tabelle ist ersichtlicli , dass aller- 
dings das Minimum des GerbstofFgehaltes in den Winter, das 
Maximum in den Sommer fällt, und zwar kurz nach dem 
Eintritt des ersten Saftes, während der stärksten Wachs- 
thumsintensität. Man könnte nach der Tabelle recht gut 
4 Perioden in Bezug auf den Gerbstoffgehalt annehmen, näm- 
lich: 1) vom 1. Januar bis zum 1. Mai, 2) vom 1. Mai bis 
zum 20. Juli, 3) vom 20. Juli bis zum 1. October und 4) vom 
1. October bis zum 1. Januar. 

Eichen, welche auf besserem Boden gewachsen, schei- 
nen mehr Gerbstoff zu enthalten als solche von schlechtem 
Boden. 

Die Rinde enthält bei weitem mehr Gerbstoff als das Holz. 

Nachdem wir in dem Vorhergehenden das Wesentlichste 
über die bisherigen Untersuchungen über den Gerbstoff zusam- 
mengestellt haben, ist es uns vielleicht eher möglich, Schlüsse 
über die physiologische Bedeutung des Gerbstoffs zu ziehen. 

Es sind wohl zunächst zwei Fragen, die zu beantworten 
sind, ob nämlich der Gerbstoff eine ähnliche Rolle spielt wie 
die Kohlehydrate im Ernährungsprocess der Pflanzen oder 
ob er als Nebenproduct bei der Metamorphose anderer Stoffe 
entstanden ist. Wir haben gesehen, dass die Beobachtungen 
über die Gerbstoffe noch in verschiedener Beziehung lücken- 
und mangelhaft sind ; es liegt namentlich die Möglichkeit vor, 
dass man häufig Zersetzungsproducte des Gerbstoffs für die- 
sen selbst gehalten hat, da die mikrochemische Analyse noch 
nicht zu einer solchen Vollkommenheit gelangt ist, dass keine 
Täuschungen dabei möglich wären; wie schon mehrfach 
erwähnt, hat man sich mit den Färbungen, welche der Zellen- 
inhalt mit Metallsalzen erleidet, befriedigt. 

Nach den Untersuchungen von Sachs tritt im Samen, 
welcher vor der Keimung keinen Gerbstoff enthalten, dieser 
mit der ersten Regung der Stoffmetamorphose in eigenen 
Zellensystemen auf; wir haben aus unseren eigenen Unter- 
suchungen gesehen, dass der Gerbstoffgehalt der Eiche in der 
That sein Maximum erreicht, in der Zeit, in welcher die Le- 
bensthätigkeit am stärksten ist, mit ihr beginnend und mit 



236 lieber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

ihr abnehmend. Fast genau mit dem G erbstojffgehalt wech- 
selt der des Stärkemehls und zwar in denselben Zellen und 
zu denselben Zeiten; der Stärkemehlgehalt erreicht aber sein 
Maximum im Winter und sein Minimum im Sommer. W ig and 
sieht sich desshalb zu der Annahme veranlasst, dass beide 
Stoffe in directer Beziehung zu einander ständen, dass einer 
die Bildung des andern vermittle und dass beide als Reserve - 
und ISTährstoffe zu betrachten seien. 

Wir sind der Ansicht, dass sich diese Verhältnisse auch 
anders deuten lassen und werden dies in Folgendem darzu- 
legen suchen. 

Im Herbst beginnen sich gewisse Zellengruppen mit 
Stärkemehl zu füllen, welches in denselben den Winter über 
ruhig liegen bleibt und der Pflanze im Frühjahre als Eeser- 
venahrung dient , bis alle Organe , namentlich die Blätter, so 
weit entwickelt sind, dass sie die durch die Wurzel zu assi- 
milirenden und zugeführten elementaren Nährstoffe verarbeiten 
kann. Wenn im Frühjahr die Lebensthätigkeit der Zelle 
beginnt, so ist die nächste wahrnehmbare Folge die, dass sich 
die in grosser Menge in den Zellen aufgespeicherte Stärke 
löst. Man nimmt in der Eegel an, dass sich die Stärke hier- 
bei in Dextrin und Zucker verwandle und durch gewisse 
Zellenpartieen des Holzes fortgeleitet und zur Bildung von 
Cellulose, als welche sie sich theils in bereits vorhandenen 
Zellen niederschlage, theils zur ISTeubildung von Zellen ver- 
wendet werde. Diese Annahme gründet sich darauf, dass 
das Stärkemehl nur unter Umwandlung in Dextrin und Zucker 
in Lösung gehe, so wie wir es in unsern Apparaten beobach- 
ten und es hat allerdings viel Wahrscheinlichkeit für sich, 
dass dieser Process somit auch in der Zelle in derselben 
Weise verlaufe, um so mehr, als wir zur Zeit der Saftfülle 
grosse Mengen von Zucker und kein Stärkemehl in den Zel- 
len der saftführenden Gewebe finden. 

Eine andere Frage ist es, ob die Umwandlung des 
Zuckers in Cellulose ohne Weiteres vor sich gehen kann. 

Es ist bekannt, dass ein Körper um so leichter zersetzt 
wird, dass sich seine Atome um so leichter unter einander, 



Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 237 

oder unter Austritt einer gewissen Anzahl Atome anders 
gruppiren , je grösser die Anzahl seiner Atome ist. 

Der Zucker ist eine solche Verbindung von hoher Atom- 
zahl, die im gelösten Zustande, wenn ihre Atome durch 
andere Substanzen (Hefe etc.) in Bewegung gesetzt werden, 
leicht zersetzt wird. 

Neben dem Zucker haben wir ausserdem in der Zelle 
eine grosse Menge anderer Kohlehydrate, Fette, eiweissar- 
tige Substanzen, deren Atome sich während der Thätigkeit 
der Zelle anders gruppiren. 

Die neugebildeten Stoffe sind theils solche, welche zuln 
Wachsthum und Neubildung der Zelle erforderHch sind, theils 
solche, welche gleichsam als Nebenproducte des Stoffwechsels 
abfallen, in den Zellen mit fortgeführt, in der Pflanze einen 
Kreislauf machen, und während dieses mehr oder weniger 
zersetzt und verändert werden. 

Es scheint mir die Annahme nicht ungerechtfertigt, dass 
der Gerbstoff als Nebenproduct bei einem solchen Process 
sich bilde. 

Hierfür sprechen verschiedene Umstände: 

Sobald die Lebensthätigkeit der Pflanze im Frühjahr 
beginnt, sobald sich die Stärke löst, tritt bald nachher Gerb- 
stoff auf und vermehrt sich in dem Verhältniss wie die Wachs- 
thumsintensität der Pflanze zunimmt. Im Herbst und Winter, 
wenn die Thätigkeit der Pflanze nachlässt oder ganz aufhört, 
nimmt auch die Production des Gerbstoffes ab. 

Man hat sich zu der Annahme, dass der Gerbstoff eine 
den Kohlehydraten ähnliche Rolle spiele, offenbar dadurch 
verleiten lassen, dass man die Resultate der Untersuchungen 
von Strecker adoptirt und darnach angenommen hat, dass 
die Umwandlung des Gerbstoffes in Gallussäure und Zucker 
auch in der Zelle vor sich gehe. 

Die Untersuchungen von Robiquet, Knop, Rochle- 
der und Kawalier lehren aber mit nicht geringer Wahr- 
scheinlichkeit, dass die Bildung der Gallussäure nicht aus 
einer Spaltung der Gerbsäure, sondern aus einer durch 



238 tJeber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreich. 

Wasseraiifnahme bewirkten Zersetzung herzuleiten sei und 
dass die Zuckerbildnngj, welclie wir in unseren Apparaten bei 
dieser Gelegenheit beobachten , ein begleitender Umstand sei 
und aus einer dem Gerbstoff beigemischten fremdartigen Sub- 
stanz gebildet werde. Der Gerbstoff ist an und für sich ein 
so leicht zersetzbarer Körper, er hat namentlich eine so 
grosse Begierde Sauerstoff aufzunehmen, der ihm ja in den 
Pflanzenzellen in hinreichender Menge geboten wird, und 
umgekehrt findet die Spaltung in Gallussäure und Zucker 
relativ sehr schwer statt, dass wohl anzunehmen ist, dass 
der erste Process auch in der Zelle leichter als der zweite 
vor sich gehe. 

Der Gerbstoff liefert, wie Magnus richtig bemerkt, das 
Material zu gewissen Farbstoffen; diese scheinen aus dem 
Gerbstoff zunächst durch Einwirkung des Lichtes und des 
atmosphärischen Sauerstoffs sowohl, wie des in der 
Pflanze selbst, durch die in ihr vorgehenden chemischen 
Processe erzeugten Sauerstoff's, hervorzugehen. 

Dabei findet jedesmal die Bildung einer oder mehrer 
anderer Verbindungen statt. Diese Umwandlung findet also 
hauptsächlich in den Zellen statt, welche der Einwirkung des 
Lichtes ausgesetzt sind, also in den Zellen der Eindenschicht, 
in den. Blumenblättern und ähnlichen Organen. In der Binde 
namentlich lagert sich als Zersetzungsproduct des Gerbstoffs 
das Phlobaphen ab. Diese Substanz ist es namentlich, welche 
der äusseren Bedeckung der Pflanzen, der Rinde, die eigen- 
thümliche Färbung ertheilt und hier natürlich einen bedeuten- 
den Einfluss auf den ganzen sichtbaren Charakter des Ge- 
wächses ausübt. 

Der in den tiefer liegenden Schichten der Rinde und 
des Holzes befindliche Gerbstoff, scheint eine andere Zer- 
setzung zu erleiden, als die oben beschriebene, wahrscheinlich 
findet hier die Bildung der Glykoside statt und es ist mög- 
lich, dass die Glykoside eine weitere Zersetzung erleiden, 
dass, als Producte ihrer Metamorphose, die Stoffe der soge- 
nannten aromatischen Reihen und aus diesen gewisse Harze, 
Balsame oder ätherische Oele hervorgehen, so dass die 



Ueber die Bedeutung der Gerbstoffe im Pflanzenreicli. 239 

Beobachtung Meissners, dass der Gerbstoff bei der Harz- 
bildung betbeiligt sei, einige Wahrscheinlichkeit hat. Nach 
den Untersuchungen von Lautemann lässt sich die Gallus- 
säure als Dioxysalicylscäure *) betrachten und es wäre also 
hierdurch eine Beziehung der Gerbsäure zu den aromatischen 
Säuren erwiesen. 

Wo die eigentliche Bildung des Gerbstoffs vor sich geht, 
lässt sich nur vermuthen; es scheint mir, als wenn die durch 
das Holz und seine Elemente, die Blätter, zugeführten Stoffe, 
in diesen verarbeitet und hierbei der Gerbstoff gebildet und 
abgeschieden würde und hier zum Theil stationär bliebe, zum 
Theil durch die Markstrahlen in das Holz übergeführt werde. 
Die Aufklärung hierüber muss weiteren Untersuchungen vor- 
behalten bleiben. 



T H E S E TS. 

1. Obgleich die Angaben von Strecker über die 
Galläpfelgerbsäure von fast allen Chemikern als richtig ange- 
nommen, so kann doch die Frage über die chemische Con- 
stitution der Galläpfel gerbsäure nicht als abgeschlossen 
betrachtet werden. 

2. Nur quantitative chemische Bestimmungen sind im 
Stande, gewisse Eragen über den Stoffwechsel in der Lebens- 
thätigkeit der Pflanze zu lösen. 

3. Die Bildung des Gerbstoffes spielt keine Bolle im 
Ernährungsprocess der Pflanzen; dieser ist vielmehr als 
ein Nebenproduct bei der Metamorphose anderer Stoffe zu 
betrachten. 

4. Die Einsammlung der Eichenrinde für den medici- 
nischen Gebrauch im Monat März ist nicht als die beste zu 
bezeichnen. 

5. Bei einem Verdacht auf Vergiftung sind dem Che- 
miker nicht allein die innern Theile der Leiche (Magen, Le- 
ber etc.) zur Untersuchung zu senden, sondern es müssen ihm 



") Annalen der Chemie und Pharmacie. Bd. CXVIII. p. 124. 



240 Literaturnachweis. 

* 
zugleich das Sectionsprotokoll , so wie der Bericht über die 

Krankheitserscheinungen niitgetheilt werden. 

6. Eine weise Beschränkung der Zahl der freien Apo- 
theken liegt nicht bloss im Interesse der Inhaber, sondern 
ist für das Wohl des Publicums von grosser Bedeutung. 



Literaturnachweis. *) 

A, Geuther, über die Constitution einiger Siliciumverbin- 
dungen und Einiges, was sich auf das Mischungsgewicht 
des Silicium bezieht. (Jenaische Zeitschrift f. Medic. und 
Naturwiss. Bd. IV. H. 2. S. 313 — 319.). 

über die Bildung der Aethylessigsäure aus Aethyldia- 

cetsäure. (Jenaische Zeitschrift f Med. u. Naturw. Bd. lY. 
Heft 3 u. 4. S. 570—577.). 

über die sog. Diaethoxalsäure. (Jen. Zeitschr. f Med. u. 

Naturw. Bd. III. Heft 4. S. 421— 442.). 

G. Döbrich u. E. Beichardt, Mittheilungen von der Ver- 
suchsstation zu Jena, über die von den Erdbestandtheilen 
absorbirten Gase. (Zeitschrift f. deutsche Landwirthe 1868.). 

E. Beichardt, über Entfernung u. Verwerthung der Düng- 
stofFe in den Städten. (Polytechn. Journ. 1868.). 

über die Gase, welche durch Erhitzen von Eisenoxyd - 

und Thonerdehydrat ausgetrieben werden. (Fresenius Zeit- 
schrift. VII. Jahrg.). 

A. Beyer, Bodenstudien aus der Versuchsstation Regen walde. 
(Annalen der Landwirthschaft. Bd. LH.). 

Beinhold Heinrich, Untersuchungen über den Stoffwech- 
sel während der Vegetation der Weizenpflanze. (Annalen 
d. Landwirthschaft. Bd. L.). 

H. Köhler, über die Anwendbarkeit bleierner Utensilien u. 
Leitungsröhren für das Hausgebrauchwasser. (Zeitschrift f 
d. gesammt. Nat. - Wissensch. Mai 1868. S. 345 — 374.). 



*) Von den hier verzeichneten Abhandlungen sind mir von d. Herrn 
Verfassern gütigst Separatabdrücke zugesendet worden. S. L. 



241 



II. Gelieiraraittel. 



Untersuchung- einiger Oeheimmittel ; 

von G. C. AV^ittstein.*) 
1) Alpenkräuter- Trank. 

Nikolaus Backe in Stuttgart, als Zahnarkanist unsern 
Lesern bereits unrühmlich bekannt,**) hat sich auch auf die 
Alpenkräuter- Industrie geworfen, und zwar in derselben 
Weise wie seine Vorgänger, d. h. ohne dabei Alpenkräuter 
zu verwenden. 

Sein sogenannter Alpenkräuter - Trank , in Gläsern zu 28 
und 42 kr. verkauft, ist von einem 15 Seiten langen Schrift- 
chen begleitet, laut welchem die regelmässige Anwendung des 
Tranks zum höchsten und gesunden Lebensalter hilft und alle 
inneren Krankheiten heilt. In W. Bach, dem Verleger des 
Schriftchens, hat Backe einen Helfershelfer erworben, welcher 
den Absatz auf dem Buchhändlerwege besorgt. 

Das Fabrikat ist eine tief goldgelbe, klare, weingeistig 
und fast safranartig riechende, entschieden bitter schmeckende, 
schwach sauer reagirende Flüssigkeit, welche durch Zusatz 
von Wasser ein wenig opalisirend wird. Zieht man etwa 
zwei Drittel davon ab, so zeigt das Destillat ausser einem 
fuselig weingeistigen, auch noch einen schwach nel- 
kenartigen Geruch. 

Die rückständige, nunmehr trübe Flüssigkeit liefert durch 
weiteres Verdunsten, wobei ein deutlich aloe- und rhabar- 



*) Vom Hrn. Verfasser als Separatabdruck eingesendet. 
**) Wittstein* s Vierteljahresschr. XVI. 216. 
Arch. d. Pharm. CLXXXVH. Bds. 3. Hft, 16 



242 Untersuchung einiger Geheimmittel. 

bei' artiger Geruch auftritt, ein hygroskopisches Extract, 
welches durch Wasser in eine tiefgoldgelbe Lösung und ein 
Harz zerfällt. Dieses Harz erweist sich nach dem Auswaschen 
und Trocknen durch Farbe, Sprödigkeit, Geruch, Bitterkeit 
und Verhalten zur Salpetersäure (Bildung von Chrysammin- 
säure, welche sich mit tiefrother Farbe in Wasser löst) als 
das Harz der Aloe. 

Die tief goldgelbe wässerige Lösung des Extracts wird 
durch Alkalien stark verdunkelt, durch Eisenchlorid tief 
schmuziggrün gefällt, entbindet beim Verdunsten wieder einen 
entschieden aloe- und rhabarberartigen Geruch, schmeckt 
ähnlich, als Extract noch deutlicher danach, und lässt dabei 
auch das eigen thümliche Arom der Enzianwurzel wahr- 
nehmen. 

In dem eingetrockneten wässerigen Extracte kann weder 
durch conc. Schwefelsäure eine blaue, noch durch Salpeter- 
säure eine grüne Farbe hervorgerufen werden; Safran ist 
mithin nicht zugegen und der beobachtete safranähnliche Ge- 
ruch allein auf Bechnung der vorhandenen Aloe zu setzen. 

Ein Fläschchen zu 28 kr. enthält 12 Drachmen Tinctur, 
wovon 30 Gran oder ^24 ^^^ fester Materie und die übrigen 
^%4 ^^s fuseligem Weingeist von 0,917 spec. Gew. (58 Vol. 
Proc. absoluten Alkohol enthaltend) nebst Spuren [N^elkenöl 
bestehen. 

Die 30 Gr. fester Materie lieferten bei der Behandlung mit 
Wasser 10 Gran Aloeharz; diese entsprechen ohngefähr 
20 Gran Aloe, mithin vertheilt sich der Rest = 10 Gran der 
festen Materie auf die in Weingeist von der angegebenen 
Stärke löslichen Theile der Bhabarberwurzel und Enzianwurzel. 

Auf Vorstehendes gestützt, gebe ich folgende Vorschrift 
zur Darstellung von 12 Drachmen Tinctur, welche mit dem 
Originale völlig übereinstimmt: 



Aloe 


20 Gran, 


Bhabarberwurzel 


12 „ 


Enzian Wurzel 


12 „ 


Gewürznelken 


5 Stück, 



Weingeist von 0,917 12 Drachmen. 



Untersuchung einiger Geheimmittel. 243 

Man digerirt einige Stunden in gelinder Wärme und 
filtrirt dann. 

Dem Hersteller kommt das Präparat noch nicht .auf 3 kr. 
zu stehen; nach obigem Verkaufspreise wirft es tausend Pro- 
cent Gewinn ab. Diess und die Art der Anpreisung kenn- 
zeichnen den gewiegten Schwindler genügend. 

2) Nussschalen-Extract. 

„ Neuestes , bestes und unschädliches Haarfärbemittel von 
Ad. Hube, Parfümeur in Stettin. Prämiirt Stettin 1865." 
Preis per Fläschchen von kaum 4 Loth Inhalt 10 Sgr. = 35 kr. 
Ein schwarzbrauner dünner S)^rup, etwas trübe, vom spe- 
cifisclien Gerüche der unreifen Pomeranzen, schmeckt schwach 
aromatisch bitterlich, aber zugleich auch sehr süss, und mischt 
sich mit Wasser in jedem Yerhältniss. 

Nach der damit vorgenommenen Untersuchung ist der- 
selbe bereitet durch Ausziehen grüner Wallnussschalen und 
unreifer Pomerans^en mit Wasser, Verdunsten des Auszugs 
zum dünnen Extracte und Vermischen dieses Extracts mit 
gleichen Theilen Glycerin. 

Da die grünen Wallnussschalen im frischen Zustande 
den Händen eine dunkelbraune, erst mehrmaligem Waschen 
wiederum weichende Farbe geben, so hat man daraus denSchluss 
gezogen, dieselben seien auch zum Braun- bis Schwarzfärben 
der Haare anwendbar. So berechtigt dieser Schluss nun auch 
an und für sich ist, so irrig erweist er sich in der Praxis, 
denn man behandelt ja die Haare nicht mit den frischen grü- 
nen Schalen, sondern mit einem daraus bereiteten Extracte. 
Während der Extraction der frischen Schalen erleidet aber der 
zur Dunkelfärbung so geneigte Bestandtheil der Schalen schon 
diese Umwandlung, und bei Anwendung getrockneter Schalen 
zur Extraction braucht die Umwandlung nicht erst vor sich 
zu gehen, denn sie hat sich bereits während des Trocknens 
vollzogen. Das dunkle Umwandlungsproduct hängt sich aber 
keineswegs nach Art der FarbestofFe an Haut und Haare, 
sondern verhält sich gegen hellfarbige oder weisse Materien 

16* 



244 IJntersucliung einiger Geheimmittel. 

wie ein jedes andere dunkelfarbige Extract, indem es nur 
Spuren von Färbung darauf zurücldässt. Weisse oder blonde 
Haare können daher durch wiederholtes Bestreichen mit der- 
gleichen Extracten und nachheriges Abwaschen wohl eine 
etwas dunklere Farbe annehmen, aber niemals eine dunkel- 
braune oder gar schwarze. Der Fabrikant des in Rede ste- 
henden Nussschalen - Extracts weiss das auch recht gut, 
konnte sich wenigstens leicht davon überzeugen, begeht mit- 
hin einen offenbaren Betrug, indem er dasselbe als Haarfärbe- 
mittel, und noch dazu als bestes für theuren Preis ausbietet. 
Die Käufer — meist alte Gecken — wollen ihren Haaren 
nicht etwa bloss eine kaum dunklere Nuance, sondern eine tiefe 
Bräunung bis Schwärzung ertheilen, und erreichen, dem Ge- 
sagten zufolge, nicht im Entferntesten ihren Zweck damit. 

Da das Präparat auch zu nichts Anderem verwendbar 
ist, so reducirt sich sein ganzer Werth auf den des Glases, 
d. h. auf 1 Sgr. 

Damit steht freilich das auf dem Glasschilde abgedruckte 
„Prämiirt Stettin '1865" im Widerspruche, aber gerade so, 
wie die über die Wirksamkeit der Geheimmittel publicirten 
Zeugnisse mit diesen selbst, d, h. Prämiirung und Zeugnisse 
sind Lügen. 

3) Nussöl-Extract 

zur Färbung und Conservirung der Haare von H. Müller, 
Parfümeur in Leipzig. Der Begleitzettel lautet: 

„Dieser von mir aus grünen Wallnüssen aufs Sorgfäl- 
tigste bereitete Nussöl- Extract giebt selbst grauen Haaren den 
tiefsten und schönsten schwarzen Glanz, ersetzt alle bis jetzt 
angepriesenen HaarÖle und Pomaden und conservirt das Haar 
aufs schnellste; für dessen sichern Erfolg birgt die Firma H. M." 

Wird in l^/g Loth enthaltenden Fläschchen zu 5 Ngr. = 
18 kr. verkauft, ist ein fettes, bräunlich- gelbes, nicht vollkom- 
men klares, vorherrschend nach Bittermandelöl, dann nach 
Bergamott- und Lavendelöl riechendes Oel, schmeckt etwas 
scharf, kratzend, verdickt sich nicht bei 0^, und giebt an 
Wasser, welches man heiss damit behandelt, nur Spuren eines 



Untersuchung einiger Gehcimmittel. 245 

sogenannten Extractivstoffs ab, welcher auf Zusatz von Eisen- 
salzen graugrün wird. 

Von einer haarfärbenden Materie enthält dieses Oel gar 
nichts, die dahin zielende Behauptung ist also eine freche 
Lüge. Herr Müller hat Mandelöl über getrockneten grünen 
Wallnussschalen eine Zeit lang stehen lassen, dadurch eine 
Spur des gerbstoffhaltigen Extracts dieser Schalen in das 
Oel eingeführt, letzteres dann durch Abgiessen und Koliren 
wieder von den Schalen befreit, und ihm schliesslich mittelst 
Bittermandel-, Bergamott- und Lavendelöl einen angenehmen 
Geruch ertheilt. 

Der geforderte Preis ist mindestens um das Doppelte 
zu hoch. 

4) E-os skastanienöl. 

Emil Genevoix, Apotheker in Paris (rue des Beaux- 
Arts Nr. 14), verkauft in Gläsern von etwa 1 Loth Inhalt 
zu 5 Eres. = 2 fl. 20 kr. ein fettes Oel, welches, seiner Ver- 
sicherung zufolge, aus den Rosskastanien bereitet ist, und 
das, laut zahlreichen gedruckten Zeugnissen von Aerzten und 
Kranken, als äusserliches Mittel gegen gichtische Affectionen 
ganz vorzügliche Dienste leisten soll. 

Dieses Oel ist braungelb, riecht etwas scharf, schmeckt 
anhaltend kratzend , besitzt keine hautreizenden Eigenschaften 
und gehört zu den nicht trocknenden Oelen. 

Da ich das in den Bosskastanien enthaltene fette Oel 
zufäUig genau kenne, indem über diese Erüchte früher einmal 
in meinem Laboratorium gearbeitet wurde,*) so glaube ich 
beurtheilen zu können, ob das Pariser Oel der behaupteten 
Abstammung entspricht, und muss nun diese Erage mit Nein 
beantworten. Die Rosskastanien enthalten nicht über 6 Proc. 
fettes Oel, das sich also keinenfalls durch Pressen, sondern 
nur durch Extraction (mit Aether) gewinnen lässt. Es ist 
allerdings nicht trocknend, aber gelb und vom Geschmacke 
des Mohnöls. Durch längeres Erhitzen nimmt zw^ar jedes fette 

*) Wittsteiu's Vierteljahresschr. III. 19. 



246 Untersuchung einiger Geheimmittel. 

Oel eine dunklere Farbe, scharfen Geruch und kratzenden Gre- 
8chmack an, und es wäre daher möglich, dass das Genevoix'sche 
Oel ein durch solchen Einfluss verändertes Rosskastanienöl 
sei. Wozu aber dann erst auf umständlichem Wege Eoss- 
kastanienöl bereiten , wenn das Ziel mit jedem andern fetten 
Oele erreicht werden kann?! Genevoix müsste kein Pari- 
ser sein, wenn ihm nicht ebenfalls schon ähnliche Gedanken 
aufgestiegen wären, und — von da zur That ist ja nur ein 
kleiner Schritt, der um so weniger Scrupel verursacht, als er 
durch tausendfältigen Gewinn belohnt wird. 

5) Stärke-Glanz. | 

Unter diesem Namen verkauft P. J. Kletten in Köln 
etwa 1 Loth schwere, 2^2" lange, l^j^" breite und 1"' dicke 
Täfelchen von himmelblauer Farbe, schwach lavendelartigem 
Gerüche und mildem Geschmacke, welche, der Stärke zuge- 
setzt, die Wäsche nicht nur spiegelglänzend, sondern sogar 
blendend weiss machen sollen. Zu diesem Behufe soll man 
zu ^2 ^^^- Stärke ein Stückchen der Masse von der Grösse 
eines Fünfgroschenstücks nehmen und dasselbe, wenn die 
Stärke kocht, 2 bis .3 Minuten mitkochen. 

Die Untersuchung stellte sehr bald heraus, dass die 
Substanz eine schwach parfümirte und durch Ultramarin 
gefärbte Stearinkerzenmasse (von 53^0. Schmelzpunkt) ist. 
Beim vorsichtigen Schmelzen setzt sich nämlich daraus ein 
blaues Pulver ab, welches durch Säuren sofort zerstört wird 
und dabei Schwefelwasserstoff entwickelt; und mit Sodalösung 
giebt die Masse beim Kochen rasch einen klaren Seifenleim, 
der durch Zusatz von Weingeist wasserklar und dünnflüssig 
wird und dann beim Erkalten opodeldokartig erstarrt. 

Da ein solches Täfelchen 2^/2 Sgr. kostet und 1 Loth 
wiegt, so rechnet sich das Pfund zu 80 Sgr. oder 2% Thaler, 
während das Pfd. Stearinkerzen nicht über ^/g Thaler zu stehen 
kommt. Das Geschäft mit dem „ Stärke - Glanz '' wirft also 
einen Gewinn von circa 800 Procent ab! 



Dr. Killisch's Heilmittel gegen Epilepsie. 247 

Dr. Killisch's Heilmittel gegen Epilepsie. 

Von F. K s t k a , Apotheker. 

Ein Weber aus hiesiger Gegend, der schon lange an 
Epilepsie leidet und schon Vieles und Vielerlei hierfür ohne 
Erfolg gebraucht hatte, wandte sich im September v. J. an 
Dr. 0. Killisch in Berlin, jetzt Mittelstrasse Nr. 6, welcher 
Herr sich, wie es scheint, meistens in kleinen Localblättern 
als Specialarzt für epileptische Krämpfe (Fallsucht) empfiehlt. 
In grösseren Zeitungen, wie Kölnische-, Volks-, Elberfelder 
Zeitung, Tribüne u. s. w. habe ich wenigstens bisher solche 
Anzeigen nicht finden können. 

Es erhielt Patient hierauf 6 Flaschen, der von „dem 
Apotheker des Herrn Dr." bereiteten Medicin nebst einem 
lithographirten Schreiben, w^orin die Cur beschrieben, die Ver- 
haltungsmassregeln während derselben angegeben, Ausdauer 
als ein Haupterforderniss für das Gelingen der Cur verlangt 
und schliesslich nur drei der schw^ersten Fälle, bei denen 
Heilung erfolgt , vorgeführt werden , während der Herr Dr. 
1209 seiner Kranken über den Erfolg seiner Behandlung 
könnte sprechen lassen, wenn er wollte. (In den Zeitungs- 
anzeigen heisst es übrigens nur: „über 100 geheilt") 

Als ärztliches Honorar erbittet sich Herr Dr. Killisch 
monathch 3 Thlr., während die übersandten 6 Flaschen Arznei 
einschliesslich Verpackung 4 Thlr. kosteten. Später wurden 
jedesmal 12 Flaschen übersandt, die mit 7 Thlr. berechnet 
wurden. Als Patient Ende December, da er keine Erfolge 
sah, die Cur nicht weiter fortsetzen wollte, erbot sich Herr 
Dr. Killisch, wenn vielleicht finanzielle Bücksichten daran 
Schuld sein sollten, auch hierin dem Patienten entgegen kom- 
men zu wollen und ihm den Preis für 12 Flaschen auf 6 Thlr. 
und das monatliche Honorar auf 2 Thlr. zu ermässigen, wel- 
ches Anerbieten jedoch nicht angenommen wurde. 

Patient hatte während dieser drei Monate an ärztlichem 
Honorar 9 Thlr. und für 54 Flaschen Arznei in 6 Sendungen 
33 Thlr. bezahlt, abgesehen von dem Porto, welches, da das 
Geld immer durch Postvorschuss entnommen wurde, sich ziem- 



248 Dr. Killisch's Heilmittel gegen Epilepsie. 

lieh hoch belief. Es ist dies für einen armen Weber gewiss 
eine recht bedeutende Summe. 

Der Mann übergab mir Anfang d. J. zwei der erhaltenen 
Flaschen Medicin zur Untersuchung. Dieselbe bestand aus 
einer blauen Flüssigkeit, die sich in grünen, cylind erförmigen 
121Öthigen Gläsern befand. Die Gläser waren mit einem 
violetten Lack verschlossen. Die Flüssigkeit war geruchlos, 
schmeckte etwas salzig, reagirte neutral und wog 190 Gramme. 
100 Gramme derselben zur Trockne eingedampft, hinterliessen 
in einem Falle 3 Gramme trocknen Rückstandes von grau- 
blauer Farbe und salzigem Geschmack, während in einem 
andern Falle nur 2,8 Gramme hinterblieben. Beim trocknen 
Erhitzen wurde die Masse weiss mit eingemischten schwar- 
zen Theilchen, die beim Lösen der erkalteten Masse unge- 
löst zurückblieben. 

Hieraus geht hervor, dass der färbende Stoff eine orga- 
nische Substanz war und da Herr Dr. Killisch angiebt, er 
habe der Arznei zur „Conservirung des Appetits" einen Heil- 
stoff zugesetzt, der bei Abschluss der Luft bisweilen eine 
Farbenveränderung eingehe; es genüge, sobald die Flüssig- 
keit eine gelblich - grüne oder weissliche Beschaffenheit ange- 
nommen habe, dieselbe in ein weites Wasserglas zu schütten 
und einige Stunden mit der atmosphärischen Luft in Berüh- 
rung zu lassen, so wird dieser „Heilstoff zur Conservirung 
des Appetits" aus Indigolösung bestehen. 

Die Untersuchung des trocknen Rückstandes ergab ausser 
Spuren von Kalk, Schwefelsäure und Chlor nur Brom kalium. 

Die Medicin bestand daher aus 5,6 bis 6 Gramme Brom- 
kalium auf die Flasche, in gewöhnlichem Wasser gelöst und 
mit etwas Indigolösung gefärbt. 

Der Preis einer solchen Mischung stellt sich nach der 
vorigjährigen Taxe auf 6^2 Sgr., während er sich nach der 
diesjährigen auf 5V2 ^S^- reducirt. Die 54 Flaschen, die 
jener Mann erhalten, repräsentirten somit einen Werth von 
11 Thlr. 21 Sgr. Rechnen wir für Verpackung für 6 Sendungen zu 
5 Sgr. noch 1 Thlr. hinzu, so macht das 12 Thlr. 21 Sgr., wäh- 
rend Herr Dr. Killisch sich 33 Thlr. dafür hat zahlen lassen. 



GeheinimitteleuthüUuugen. 249 

Ist es nun auch richtig-, dass Eromkalium gegen Epilepsie 
angewandt wird, (viele andere Aerzte verordnen dasselbe ja 
ebenfalls dagegen, ohne gerade durch Herrn Dr. Kill i seh 
auf dieses Mittel, das er durch „Aufbietung seiner ganzen 
Geisteskraft" gefunden, aufmerksam gemacht Avorden zu 
sein,) und mag auch Herr Dr. KiUisch hier und da Er- 
folge mit demselben erzielen, wie das von einem der von 
ihm angeführten Geheilten mir bestätigt w^orden, so ist es 
doch jedenfalls Unrecht und doppelt Unrecht von einem Arzte, 
das leidende Publikum auf solche Weise auszubeuten. 



Weitere Greheimiuittelentlittlluiigeii : *) 

1) Eau des Fees (Industrieblätter 1868. S. 182.). 

2) Serapion-Zeltchen des Dr. Schlemm (ebend. 
S. 174.). 

3) Driffield-oil (ebend. S. 206.) auch K Jahrb. für 
Pharm. Jan. 1869. Beide auch im N. Jahrb. f. Pharm. Nov. 
Dec. 1868. 

1) Kräuterbrustsy rup des F. W. Bockius in Ot- 
terberg. (N. Jahrb. f. Pharm. Jan. 1869.). 

5) Chlorodyn. (iN^. Jahrb. f. Pharm. Jan. 1869.). Com- 
bination von Morphin und Chloroform. 

6) Salbe des Einsiedler 's Johann Tr eitler. (In- 
dustrieblätter 1868.; daraus i. K Jahrb. f Pharm. Januar 1869.). 

7) Zahnhalsbänder von Zehle und G ehr ig. (In- 
dustrieblätter 1869. Nr. 1.). 

8) Fleischextractliqueur (ebendaselbst. Nr. 2.). 

9) Dr. Kent's Pectorin (ebend. Nr. 5.). Die Mode'- 
sche Buchhandlung, Poststrasse Nr. 28. Berlin, welche dieses 
Geheimmittel vertreibt , handelte früher mit „James Sto- 
ma c h i n und gab Mittel und Brochüren gegen Taubheit, 
Flechten, Nervenkrankheiten etc. heraus. H. L. 



*) Das TJeberwuchern dieses Unkrauts und seiner Vertilguugsmittel 
zwingt uns, das Mittel der kurzen Notiz zu ergreifen, um Eauiu für 
erquicklichere Mittheilungen zu behalten. Die Red. 



250 



B. Monatsbericht. 

I. XJnor^anisolie Clieinie. 

lieber die Dichtigkeit des Ozons 

hat J. L. Soret weitere Versuche angestellt. Im 1. Theile 
seiner Untersuchungen bestimmte er die Dichtigkeit des Ozons 
durch eine Methode, gegründet auf die Absorption dieses 
Grases durch Terpenthinöl und äther. Zimmtöl ; dabei fand er 
die Dichtigkeit des Ozons 1 Y2 so gross als die des Sauer- 
stoffgases ; da jedoch diese Zahl noch etwas zweifelhaft war, 
weil sie aus zu kleinen Volumenänderungen , gemessen über 
Wasser, ermittelt worden war, und ausserdem die Eeaction 
zwischen Ozon und den ätherischen Oelen nicht rasch genug 
stattfindet, so wollte er diese Bestimmung durch Experi- 
mente von ganz verschiedener Natur controliren. 

Die Greschwindigkeit der Diffusion der Gase ist bekannt- 
lich abhängig von ihrer Dichtigkeit und die Gesetze, denen 
dieselbe unterworfen ist, haben uns die Versuche von Gra- 
ham und Bunsen kennen gelehrt. Herr Soret glaubte 
nun durch Vergleichung der Diffusion des Ozons mit derjeni- 
gen anderer Gase von bekannter Dichtigkeit, die Dichtigkeit 
des Ozons ebenfalls ableiten zu können. Hier folgt das Er- 
gebniss seiner bemerkenswerthen Beobachtungen. 

Die im 1. Theile seiner Arbeit berichteten Experimente 
zeigten, dass, wenn man das mit Ozon beladene Sauerstoff- 
gas mit Terpenthinöl oder ZimmtÖl behandelt die Vermin- 
derung des Volumens genau das Doppelte beträgt 
von der Vergrösserung des Volumens, welche man 
beobachtet, wenn man dasselbe Gas stark erhitzt, d. h. das 
darin enthaltene Ozon zerstört. Der natürliche Schluss aus 
diesen Thatsachen ist, dass die Dichtigkeit des Ozons ein und 
ein halbmal diejenige des Sauerstoffs sei, nemlich 1,658. 

Die im 2. Theile beschriebenen Versuche lieferten voll- 
kommen dasselbe Resultat: die Geschwindigkeit der Diffusion 
des Ozons ist beträchtlich grösser, als diejenige des Chlors, 



Selbstentzündung v. Feuerwerkskörpern. — Mischung um Gewebe etc. 251 

liegt sehr nahe derjenigen der Kohlensäure, ist aber etwas 
schwächer als bei dieser; daraus muss man schliessen, dass 
die Dichtigkeit des Ozons beträchtlich niedriger sei, als die- 
jenige des Chlors, aber benachbart derjenigen der Kohlensäure 
und ein wenig grösser als diese; die Zahl 1,658 stimmt voll- 
ständig mit dieser Schlussfolgerung. {Journ. d. pharm, et d. 
chim. L s6r. Sepfbr. 1868. t 8. p. 220.). K L. 



Selbstentzündung von Feuerwerkskörpern. 

Die Selbstentzündung der Feuerwerkskörper, die mit chlor- 
saurem Kali bereitet sind, ist stets sehr gefahrlich. Clarke 
theilt mehre Fälle mit, welche er wahrgenommen und welche 
vielleicht Anleitung geben, die Ursache mehrer grossen Feuers- 
brünste aufzuklären. 

Mischungen von salpetersaurem Strontian (oder Baryt), 
Schwefel und chlorsaurem Kali explodiren, wenn sie aus frisch 
bereiteten und stark getrockneten Stoffen bereitet sind , bin- 
nen wenigen Stunden von selbst, wenn sie an einem etw^as 
feuchten Orte aufbewahrt werden. Diese Entzündung, w^elche 
Clarke zw^eimal sehr genau beobachtet hat, beginnt mit der 
Entwicklung eines orangefarbigen Gases ; die Masse wird 
an verschiedenen Stellen flüssig , ein zischendes Geräusch 
lässt sich hören und unter Entwicklung der gasförmigen Be- 
standtheile explodirt das Gemenge. Es ist bemerkenswerth, 
dass sich diese Erscheinungen nicht zeigen, wenn eine geringe 
Menge Schwefelantimon beigemischt ist. Ob Holzkohle diese 
Wirkung ebenso ausübt, ist noch nicht erwiesen. Bringt man 
Feuerwerkskörper, welche feucht geworden sind, beim Trock- 
nen zu dicht an einen Trockenapparat, dann entstehen diesel- 
ben Erscheinungen auch dann, wenn Schwefelantimon zuge- 
setzt ist. 

Auch Gemenge für Purpurfeucr, mit schwarzem Kupfer- 
oxyd bereitet, sind eben so sehr, früher oder später, der 
Selbstentzündung ausgesetzt, gleichgültig ob sie an feuch- 
tem oder trocknen! Orte aufbewahrt werden. Deshalb wird es 
gut sein, das schwarze Kupferoxyd immer durch kohlensaures 
Kupferoxyd zu ersetzen. {Mechanics Magazine). J. M. 



Mischung um Gewebe unTerbrennlich zu machen. 

Das Wolfram saure Natron dient in England zu die- 
sem Zwecke, ist aber zur allgemeinen Anwendung noch zu 



252 Notiz über die Löslichkeit des Gypses. 

theuer. Kletzinsky empfiehlt statt densen ein Gemenge 
aus gleichen Theilen Zinkvitriol, Bittersalz und Sal- 
miak mit drei Theilen Alaun. Man reibt die 3 erstgenannten 
Salze zusammen und mengt sie mit ihrem 3fachen Gewichte 
Ammoniak-Alaun. Die Masse dieser 4 Salze setzt sich 
während der letzten Mengung um und wird, in Polge einer Ab- 
scheidung von Krystallwasser zu einem feuchten Brei, den 
man bei gelinder Wärme austrocknet. Wenn man mit 
gewöhnlichem Stärkekleister, wie er zum Stärken der Wäsche 
dient, die Hälfte seines Gewichtes von dem Salzgemenge ver- 
reibt und sich dieses Gemisches zur Appretur der leichten 
Gewebe bedient, wobei man ganz wie gewöhnlich verfährt, 
so macht man diese Gewebe unverbrennlich, ohne dass irgend 
ein Uebelstand damit verknüpft wäre. {Mittheilungen aus d. 
Gebiete der Cham). H. L. 



Notiz über die Löslichkeit des Grypses. 

Lecoq de Boisbaudran sagt in einer Abhandlung 
über die Uebersättigung , dass die Löshchkeit des Gypses in 
Wasser geringer sei, als man bisher allgemein geglaubt, und 
dass im Liter einer mit Gypsüberschuss dargestellten Lösung 
sich höchstens 2,51 Grm. CaO,S03 ^ 2HO bei 12,5^ erge- 
ben habe. P g g i a 1 e giebt folgende Löslichkeitstabelle : 

rr i. "Wasserfreier Gyps im Grm. 

Temperatur. ^„^ ^^^ ^^^^^^ 

0^ 0,205. 

50 0,219. 

12^ 0,233. 

20<^ 0,241. 

30^^ 0,249. 

35 ö 0,254. 

40« 0,252. 

50« 0,251. 

60<^ 0,248. 

70« 0,244. 

80« 0,239. 

90« 0,231. 

100« 0,217. 

Bei 35« ist also das Löslichkeitsmaximum und nimmt 
dann ab; bei 100« ist Gyps fast eben so löslich als bei 5«. 
Die Löslichkeitscurve ist für Gyps und Glaubersalz ziemlich 



Krystallisirte Antimonoxyde und Antimonoxyd - Verbindungen. 253 

gleich, der TJmkehningspunkt (point de rebroussement) ist 
bei beiden fast gleichmässig 35^. {Journ. de Fharm. et de 
Ghim), R. 



Krystallisirte Antimoiioxyde und Antimonoxyd- 
Yerblndungen (antimonigsaure Salze). 

Terreil untersuchte die physikalischen und chemischen 
Eigenschaften der beiden von W ö h 1 e r auf trocknem Wege 
erhaltenen und entdeckten dimorphen Antimonoxyde, unter 
welchen Bedingungen sie sich bilden und wie sie sich zu den 
auf nassem Wege darstellbaren Oxyden verhalten , die man 
bis jetzt für wasserfreie Antimonoxyde mit octaedrischer Ge- 
stalt gehalten hat. Terreil kommt zu den Resultaten: 

1) Wenn man Antimon glüht oder Schwefelantimon unter 
Luftzutritt röstet, so bildet sich immer prismatisches Oxyd. 

2) Das octaedrische Antimonoxyd entsteht nur durch 
langsame Sublimation des prismatischen Oxydes in nicht oxy- 
direnden Gasen. 

3) Das prismatische Oxyd zeigt grössere chemische Ver- 
wandtschaften als das octaedrische , welches das beständigste 
Antimonoxyd ist; Schwefelammonium färbt die prismatischen 
Krystalle fast augenblicklich braunroth und löst sie schliess- 
lich völlig, während die octaedrischen Krystalle dadurch unbe- 
rührt, weiss und glänzend bleiben. 

4) Das spec. Gew. des prismatischen Oxyds ist immer 
3,72; das des octaedrischen immer 5,11. 

5) Die spec. Gew. der natürlichen und künstlichen Oxyde 
sind für dieselben Formen dieselben. Es wurde für Exitel 
von Algier in sehr reinen Krystallen 3,70; für Senarmon- 
tit 5,20 gefunden. 

6) Die krystallisirten Verbindungen, die sich aus alkali- 
schen Antimonoxyd enthaltenden Flüssigkeiten absetzen und 
die man oft im Kermes findet, sind Hydrate von Antimonoxyd - 
Natron von der Formel NaO,SbO^,6HO (neutrales Salz) und 
NaO,3(Sb03),2HO (3fach Antimonoxyd - Natron). 

Die Analyse ergab: 
Neutrales Salz. 

Antimonoxyd SbO^ 

Natron 

Wasser 

~ 100,00. 100,00. 



gefunden : 


berechnet : 


62,83 


63,05 


13,47 


13,47 


23,70 


23,48 



254 Die Mineralschätze des westlichen Nord - Amerika. 



reif ach 


ant 


i in n i 


g s a u r e s 

gefunden : 


S 


alz. 

berechnet : 


Antimonoxyd 


SbO^ 


90,40 




89,88 


Natron 






6,35 




6,40 


Wasser 






3,25 




3,72 



100,00. 100,00. 

7) Das Ifach und 3fach Antimonoxyd - Natron krystallisi- 
ren in kleinen octaedrischen Krystallen, die dem rectangulären 
Systeme angehören ; sie depolarisiren das Licht und zeigen 
oft farbige Einge, begleitet von hyperbolischen schwarzen 
Kreuzen. 

8) Schwefelammonium greift das Ifaeh Antimonoxyd - 
Natron nicht an, das dreifach Antimonoxyd -Natron wird davon 
sogleich zersetzt und langsam aber vollständig gelöst; dadurch 
unterscheidet es sich von dem octaedrischen Oxyde, mit wel- 
chem man es verwechseln könnte. 

9) Die Lösung von Antimonoxyd - Natron fällt salpeter- 
saures Silberoxyd weiss, der Niederschlag ist löslich in ver- 
dünnter Salpetersäure, Ammoniak färbt ihn erst dunkelbraun, 
löst ihn dann. Die letzte Reaction ist charakteristisch. Schwe- 
felwasserstoff und Schwefelammonium fällen diese Lösung nur, 
wenn man sie vorher ansäuert. Antimonoxyd - Natron fällt 
Eisenoxyd gelbHch weiss, Bleizucker weiss, Kupfervitriol bläu- 
lich weiss, salpetersaures Quecksilberoxydul weiss. Alle diese 
Niederschläge sind löshch in Salpetersäure. 

Terreil wird weiter den Isomorphismus der Antimonite 
mit den arsenigsauren und phosphorigsauren Salzen unter- 
suchen. {Journ. de Pharm, et de^Chim^. R. 



Die Mineralschätze des westlichen Nord - Amerika. 

Ross Browne sagt in seinem officiellen Berichte an 
den Finanzminister. Es lieferten Gfold und Silber 1866: 

Californien 25,000,000 Dollars. 

Montana 18,000,000 

Idaho 17,000,000 „ 

Colorado 17,000,000 „ 

Nevada 16,000,000 „ 

Oregon 8,000,000 „ 

Andere Orte zusammen 5,000,000 „ 



106,000,000 Dollars. 



Die Eriiptions - Gase in der Nähe der Azoren. 255 

Grass-Valley in Nevada County, Californien, ist der 
ergiebigste Golddistrict der Welt, denn die jährliche Ausbeute 
eines Bezirks, dessen Radius nur 4 engl. Meilen beträgt, lie- 
fert 3,500,000 Dollars, was einem mittlem Durchschnitt von 
1700 Dollars für den Kopf der Minenarbeiter gleich kommt. 
Der reichste Silberdistrict der Welt ist Washoe in Nevada; 
dort producirte der Comstock-Gang, 600 Yards weit und 
3 engl. Meilen lang im Jahre 1866: 16,500,000 Dollars Silber. 

Die Kupfer aus beute Californiens wächst enorm. Aus 
San Franzisko wurden Kupfererze ausgeführt: 

1862 3,660 Tonnen. 

1863 5,553 

1864 10,234 

1865 17,787 

1866 21,476 
Quecksilber wurde aus Californien exportirt: 

1859 3,999 Flaschen. 

1860 9,448 

1861 35,995 

1862 33,747 

1863 26,014 

1864 36,918 

1865 41,800 

1866 45,900 

In einem californischen See werden täglich 2 Tonnen 
roher krystallisirter Borax gewonnen. {Petermann's Mitthei- 
lungen). R, 

Die Eruptions - Grase in der Mlie der Azoreu. 

Die submarine Eruption, welche im Sommer v. J. in der 
Nähe der Insel T e r c e i r a stattfand, war durch eine Gasent- 
wicklung bezeichnet, welche noch mehre Monate bestand, nach- 
dem alle anderen Erscheinungen vollständig aufgehört hat- 
ten. Eouque konnte von diesen Gasen etwa 30 Cubikcen- 
timeter sammeln, die er nun genauer analysirt, und nach 
einer Mittheilung an die Pariser Akademie vom 11. Mai in 
folgender Weise zusammengesetzt fand. 100 Theile des Ga- 
ses enthielten: Kohlenwasserstoff 16,75, Wasserstoff 
0,32, Kohlensäure 2,27, Sauerstoff 12,21, Stickstoff 
68,45 Theile. 

Die grossen Schwierigkeiten, welche sich dem Sammeln 
des Gases entgegenstellten, Hessen fürchten, es möchte sich 
den durch die Eruption entwickelten Gasen zuviel atmosphä- 



256 Die Eruptions - Gase in der Nähe der Azoren. 

rische Luft beimengen. Aber der Stickstoff ist im Verhält- 
niss zum Sauerstoff in solch überwiegender Menge vorhanden 
(in der atmosphärischen Luft kommt bekanntlich nur 4mal 
soviel Stickstoff als Sauerstoff vor), dass er in der Zusammen- 
setzung des Eruptions - Grases mehr als die Hälfte beträgt. 
Besonders charakterisirt ist das Eruptions -Gras durch die bei- 
den brennbaren Luftarten, von denen der Kohlenwasserstoff 
bei Weitem den Wasserstoff überwiegt. Die Kohlensäure end- 
lich kommt wahrscheinlich deshalb in so kleinen Mengen vor, 
weil sie vom Wasser gelöst und zurückgehalten wurde. 

Um zu entscheiden, ob die Gase bei ihrem Durchgang 
durchs Meerwasser vielleicht verändert worden, untersuchte 
Fouque verschiedene Wasserproben, die einen an der Ober- 
fläche des Meeres, die andern aus einer Tiefe von 205 Faden 
(1230 Fuss) genommen, durch Kochen auf die in ihnen gelösten 
Luftarten. Er fand so im Liter oberflächlichen Wassers 22,4 
Cubikcentimeter Gras, das aus 10,19 Procent Sauerstoff, 
76,40 Proc. Stickstoff und 13,41 Proc. Kohlensäure bestand; das 
tiefe Wasser hingegen enthielt im Liter 61,3 Cubikcentimeter 
Gas, welches zusammengesetzt war aus 1,21 Proc. Sauerstoff, 
26,43 Proc. Stickstoff, 72,36 Proc. Kohlensäure und Spuren 
brennbaren Gases. Die starke Absorption der Kohlensäure 
durch das tiefe Meerwasser spricht sich in diesen Zahlen 
auf das Deutlichste aus. 

Auffallend war jedoch, dass weder das oberflächliche noch 
das tiefe Wasser eine Spur von Schwefelwasserstoff zeigte, 
trotzdem sich dieses Gas in jenen Gegenden in sehr reichli- 
chen Mengen entwickelt hatte. Fouque untersuchte deshalb 
die verschiedenen Meerwasser -Proben auf ihren Salzgehalt. Er 
fand im oberflächlichen 35,379 Gramme, im tiefen 38,222 Grm. 
im Liter und zwar enthielten 100 Grm. von der ersten Probe 
1,730 Grm. Chlor und 0,222 Grm. Schwefelsäure, während 100 
Grm. Wasser aus den tiefen Schichten 1,761 Grm. Chlor und 
0,339 Grm. Schwefelsäure ergaben. Das Verhältniss der Chlor- 
verbindungen nimmt somit nur sehr wenig mit der Tiefe des 
Wassers zu, während die Menge der Schwefelsäure etwa um 
die Hälfte wächst. Dieses Resultat kann im Verein mit der so 
geringen Menge Sauerstoff, welche man in den tiefern Schichten 
des Wassers gelöst fand, erklärt werden durch die Annahme, 
dass der Schwefelwasserstoff durch den ursprünglich gelöst gewe- 
senen Sauerstoff zu Schwefelsäure und Wasser oxydirt worden 
sei. {Der 'Naturforscher'). ^9- 



257 



II. Organisclie diemie 
im ^llgenieinen und Pliytodiemie. 



Der rolie Holzessig 

giebt bei der Umwandhing in essigsaures Natron eine Mutter- 
lauge, in welcher die Natronsalze der Propionsäure, But- 
tersäure und V aleri an säure vorhanden sind (valerians. 
Natron nur in kleinen Mengen). Die genannten Säuren gehö- 
ren also mit zu den Producten der trocknen Destillation des 
Holzes. {Th. Anderson, in Cheni. Neivs , daraus in Witt- 
stein's Vierteljahr ssch?-ift f. pract. Pharm. 1868. S. 577.). 

H.L. 



Allophaiisäureäther. 

Die Synthese des Allophansäureäthers gelang Th. Wilm 
und G. Wisch in dadurch, dass sie 1 Aeq. Harnstoff mit 
1 Aeq. Chlorkohlensäureäther in einem Kölbchen mit aufstei- 
gendem Kühlrohr erhitzten. Der zu einem weissen Krystall- 
brei erstarrte Inhalt des Kölbchens wurde aus kochendem 
Wasser umkrystallisirt und stimmte in seinen Eigenschaften 
mit dem von L i e b i g und W ö h 1 e r auf ganz andere Weise 
dargestellten Allophansäureäther vollständig überein. {Abma- 
len d. Gh. u. Pharm. CXLVII, 155. August 1868). G. 



Ueber Aldehydiii. 

Diese flüchtige Base erhält man nach Ader und B a e y e r 
beim Erhitzen von Aldehydammoniak, Harnstoff und essigsau- 
rem Ammoniak auf 120 — 130^. Es geht dabei neben einer 
wässrigen Flüssigkeit ein Oel über, das bei 175^ siedet und 
die Zusammensetzung NCgH^^ besitzt. Das Aldehydin ist ein 
Oel, welches leichter wie Wasser ist, sich wenig darin lös 
und einen starken , betäubenden Geruch nach Coniin besitzt 

Arch. d. Pharm, CLXXXVII. Bds. 3. Hft. 17 



258 Natürliclie u. künstl. Valeriaiisäure. — Teb. d. Caprylalkohol aus Ricinusöl. 

Es unterscheidet sich in der Zusammensetzung von dem Co- 
niin nur durch einen Mindergehalt Yon 4 Atomen Wasser- 
stoff. Die üeberführung des Aldehydins in Coniin durch Xa- 
triumamalgam gelaug indessen nicht. Mit ChlorwasserstofFsäure 
giebt das Aldehydin ein sehr leicht lösliches, in Nadeln kry- 
stallisirendes Salz. Das Aldehydin entsteht aus dem Alde- 
hydammoniak nach folgender Gleichung: 

4[CH3,CH(NH2)(OH)] = NC8Hii +3]S"H3 -f 4H2O. 

(BericJit der deutschen chemisch. Gesellsch. I. Jahrg. Nr. 15. 
August 1868.). Seh. 



Uelber natürliche und künstliche Yaleriansäure. 

Es war von Einzelnen behauptet worden, dass zwischen 
der in der Baldrian wurzel enthaltenen natürlichen Yalerian- 
säure und der durch Oxydation des Amylalkohols dargestell- 
ten künstlichen Yaleriansäure Yerschiedenheiten vorhanden 
wären, die sich vorzugsweise im Chininsalze äussern sollten. 

C. Stalmann hat nun aus beiden Säuren die Baryt -, 
Strontian-, Zink- und Chininsalze dargestellt und dergleichen 
Unterschiede, mit einer einzigen Ausnahme, nämlich bei den 
Barytsalzen, nicht zu constatiren vermocht. Während das 
Barytsalz der natürlichen Säure im Yacuum über Schwefel- 
säure leicht in grossen Blättern krystallisirte, war es unmög- 
lich , das aus der künstlichen Säure gewonnene zur Krystalli- 
sation zu bringen; es resultirte schliesslich immer nur ein 
zähflüssiger Syrup. Die Chininsalze aus beiden Säuren erwie- 
sen sich als vollständig identisch, bestehen aber, abweichend 
von den Angaben Prinz Lucian Bonapartes aus 1 Aeq. 
Säure, 1 Aeq. Chinin und 1 Aeq. Wasser. Aus dem verschie- 
denen Yerhalten der valeriansauren Barytsalze zieht Stal- 
mann den Schluss, dass die beiden Säuren nicht identisch, 
sondern nur isomer seien. {Annalen d. Ch. u. Pharm. CXL VII, 
129 — 134. August 1868.). G. 



Ueber den Caprylalkohol aus Ricinusöl. 

Die durch Einwirkung von Aetzkali auf Bicinusöl bei 
der Destillation entstehende alkoholische Flüssigkeit war von 
einigen Chemikern für Caprylalkohol, von anderen für 
Oenanthylalkohol erklärt worden. 



Vorkommen des Cholesterins in der Gerste. 259 

Nach den Untersuchungen von C. Schorlemmer nun 
ist diese alkoholische Flüssigkeit Caprylalkohol oder nach 

ICH3 
TT 
OH 

indem sie bei der Oxydation zuerst in das entsprechende Ace- 
ton, das Methylönanthol, übergeht, welches bei weiterem 
Oxydiren in Capronsäure und Essigsäure zerfällt, wie 
es die Theorie verlangt. 

Ausser dem Caprylalkohol bilden sich aus dem Ricinusöl 
durch Behandlung mit Aetzkali noch verschiedene Kohlen- 
wasserstoffe, unter denen das bei 125^ siedende Octylen 
besonders vorherrschend ist. {Aiuialen d. Ch. u. Pharmac. 
CXL VII, 222 — 228. August 1868.). G. 



Vorkommen des Cholesterins in der erste. 

Nachdem bereits B e n e k e das Cholesterin, welches früher 
als dem Thierreiche ausschliesslich angehörig betrachtet wurde, 
in den Erbsen und Bohnen aufgefunden hatte (Studien 
über das Vorkommen, die Verbreitung und die Function der 
Gallenbestandtheile in den thierischen und pflanzlichen 
Organismen. Giessen 1862; auch in den Annalen der Che- 
mie und Pharmacie, Bd. 122. S. 249), wurde dasselbe von 
Ritthausen bald darauf im Weizen und nun in neuester 
Zeit auch im Roggen nachgewiesen. (Journal für pract. 
Chemie 1867. Nr. 22. S. 324.). 

Ueber die Art der Darstellung des Cholesterins aus den 
Fetten des Boggens theilt Ritthausen Folgendes mit: 

Das Gemenge von Fetten, welches man aus ätheri- 
schen oder in der Wärme dargestellten alkoholischen 
Extracten des Roggens erhält, ist tief braunroth gefärbt, 
bei gewöhnlicher Temperatur sehr dickflüssig und sondert bei 
längerem Stehen eine gewisse Menge fester Fette ab. 
Vermischt man dasselbe danach wieder mit wenig Aether, so 
wird das Ole'in so dünnflüssig, dass man den grössten Theil 
desselben auch bei niedriger Temperatur durch Filtriren von 
den festen Ausscheidungen trennen kann. Den Filterinhalt 
presste ich darnach zwischen Papier stark aus und 
behandelte ihn dann mit warmem Alkohol, welcher, 
sofern ätherische Lösung des Roggens angewendet war, einen 

17^' 



260 Vorkommen des Cholesterins in der Gerste. 

sehr schwer löslichen farblosen Rückstand liess. Ich kochte 
diesen mit 25procentiger Natronlauge, wusch die grössten- 
theils unverseifte, in der Hitze geschmolzene Masse mit war- 
mem Wasser und lösste dann in Aether. 

Aus der ätherischen Lösung krystallisirten nun während 
der Erkaltung grosse durchsichtige Blätter. Die so möglichst 
rein dargestellte Substanz färbte sich mit Schwefelsäure oder, 
mit Salzsäure und Eisenchlorid erhitzt schön blau (Eeaction 
auf Cholesterin nach SchiffJ; mit Salpetersäure vorsichtig 
eingetrocknet unter Zufügung von Ammoniak hochroth; 
mit concentrirter Schwefelsäure und Chloroform erhält man 
nach einiger Zeit eine sehr schöne blaue bis violette 
Lösung. Nach diesen Reactionen ist die Substanz Choleste- 
rin, das ich auch schon früher im Weizen aufgefunden habe.'' 

Diese Untersuchungen und Resultate des Prof. Dr. R i 1 1 - 
hausen veranlassten Prof. Dr. K. L i n t n e r , auch das Fett 
der Grerste auf Cholesterin zu prüfen, da nicht zu zweifeln 
war, dass dieser Stoff, der in dem Weizen und im Roggen 
vorhanden ist, auch in der Gerste sich vorfinden werde. 
Das Gerstenfett, w^elches derselbe benutzte, war vor einem 
Jahre durch Extraction mit Aether aus Gerste dargestellt 
worden und betrug gegen 30 Gramme. Es war von bräun- 
lich gelber Farbe und hatte eine bedeutende Menge 
fester Fette abgeschieden. Diese wurden nun ganz nach 
dem Verfahren von Ritthausen von dem dünnflüssigen 
Theile getrennt und weiter behandelt, was zur Folge hatte, 
dass Lintner in der That zuletzt reines krystallisir- 
tes Cholesterin erhielt. Die gewonnene Quantität war 
mehr als hinreichend, um die verschiedenen Reactionen für 
das Cholesterin vornehmen zu können, w^elche auch sämmtlich 
gelangen. Somit enthält auch die Gerste, wie der Weizen 
und Roggen, Cholesterin. 

Bei der weiteren Untersuchung det Fette des Roggens 
hat nun Ritthausen noch gefunden, dass in demselben 
kein Stearin und keine Stearinsäure, aber Palmitin ent- 
halten sei, und ausser diesem wahrscheinlich noch ein anderes 
Fett, dessen Natur zu bestimmen ihm durch einen Unfall 
vereitelt wurde. 

Nach Kaiser (Bayerisches Kunst- und Gewerbeblatt 
1863. S. 577.) hat die durch Yerseifung des Fettes der 
Gerste abgeschiedene Fettsäure ihren Platz zwischen der 
Myristinsäure (im Fett der Muskatnüsse) und der Pal- 
mitinsäure (im Palmfett, Butterfett, Schweinefett); ausser- 
dem ist noch L aurin säure vorhanden. Nach Kaiser ist 



Ozokerit od. ErdAvachs a. Galizieu. — lieber Julin's ChlorkohlenstoflF. 261 

das Fett im Gerstenkorn vorzüglich in der Nähe des Paren- 
chyms enthalten und zwar in der Kleie in der Menge von 
3 — 3,5 Proc, im Mehle zu 1 Procent. {Prof. Dr. K. L int - 
ner , in Buchners N. Uepertor. f. Pha?^m. 1868. Bd. 17. H. 5. 
S.279 — 281.). lieber das Vorkommen des Cholesterins im Mut- 
terkorn und in den gelben Möhren siehe Jan. Febr. Heft 
des Archivs d. Pharm. 1869. KL. 



Ozokerit oder Erdwachs aus Gralizien. 

iN^ach B. Hoffmann (Polytechn. Centralbl. 1867, 288.) 
findet man den Ozokerit seit mehren Jahren in dem an Stein- 
ölquellen und Bergtheer reichen Gralizien und zeichnet sich 
derselbe durch hohen Gehalt an Paraffin aus. Am reich- 
lichsten kommt er von der Abdachung der Karpathenkette 
zur Ebene j in der Nähe von Dobrobiltz vor, wo er, oft erst 
über 20 Klafter tief, grosse Nester in dem bituminösen Thone 
bildet. Man gewinnt ihn dort bergmännisch, schmilzt ihn in 
eisernen Kesseln aus, giesst nach dem Absetzen der beige- 
mengten erdigen Theile ab und füllt in hölzerne Fässer. Der 
Schmelzpunkt dieses Bohproducts liegt bei 62 bis 63 ^C. 
(ist also etwa gleich dem des Bienenwachses). 

Durch ein Verfahren , welches dem bei der Verarbeitung 
der Braunkohlen- und Torftheere befolgten ähnlich, jedoch 
einfacher ist, da man hier keine Phenylverbindungen abzu- 
scheiden braucht, gewinnt man aus dem Ozokerit durchschnitt- 
lich 40 bis 45 Proc. zur Beleuchtung tauglicher Oele, so wie 
30 bis 33 Proc. Paraffin, dessen höchster Schmelzpunkt 60 
bis 62^0. ist. Daneben erhält man noch Chrysen und Py- 
ren, während Kreosot, Leukolin und Anilin nur in Spuren 
vorhanden sind. Der Centner Ozokerit kostet an Ort und 
Stelle 8 bis 10 Fl. Österr. W. Für Galizien ist der Ozokerit 
ein bedeutender Handelsartikel geworden, da mehre Fabriken 
in und um Wien, Pesth, in Mähren etc. denselben verarbeiten. 
( Wittsteins Vierteljahr ssch?'ift f. pract. Pharm. 1868. Bd. X VII. 
H.4. S.582.). H..L. 



lieber Julin's ChlorkolilenstofiP. 

H. Müller (Journ. ehem. Soc. 1864) erhielt bei der 
Einwirkung von SbCl^ auf Benzol den Körper C^^Cl^, das 
Hexachlorbenzol und vermuthete, dass dieses mit Julin's 
Chlorkohlenstoff identisch sei, während ihm Berthelot 



262 Ueber Julin's Chlorkohlenstoff. 

die weniger wahrscheinliche Formel C^^CP^ ertheilte, wie es 
scheint, weil er aus diesem durch Einwirkung von Wasser- 
stoff in Rothgluht Naphtalin erhalten hat; da nun aber 
Naphtalin in hohen Temperaturen aus niederen Kohlenwasser- 
stoffen entsteht, so ist der von Berthelot benutzte Grund 
für seine Ansicht nicht beweisend. 

H. Bassett (Journ. of the ehem. Soc. 2. ser. Vol. 5. p. 443. 
Sept. 1867) hat einige Versuche mit Julin's Chlorkohlenstoff 
angestellt, welche beweisen, dass er wirklich C^^Cl^ ist. Die 
Substanz wurde dargestellt durch Leiten von Chloroform- 
dampf durch ein langes, hellrothglühendes , mit Porzellan- 
stücken gefülltes B/Ohr, Verdampfen des halbfesten Products 
im Wasserbade zur Trockne, Auskochen mit kleinen Mengen 
schwachen Weingeist und einmaliges Krystallisiren des Bück- 
standes aus einem Gemische von Alkohol und Benzol. 

Das Product besass noch bräunliche Farbe, die sich durch 
Umkrystallisiren nicht entfernen Hess; durch Sublimation 
erhielt es Bassett jedoch ganz weiss und noch weitere Kry- 
stallisationen lieferten es völlig rein. Diese Substanz gab 
75,26 Proc. Chlor (die Formel verlangt 74,74% Cl.). Sie 
löst sich nur wenig in Alkohol, sehr leicht hingegen in Ben- 
zol und Chloroform. Am besten krystallisirt sie aus einem 
Gemisch von Benzol und Alkohol, und zwar in langen, 
dünnen, farblosen, geruch- und geschmacklosen 
ISi'adeln. Bei 100^ C. verflüchtigt sie sich in geringem 
Grade und entwickelt dann einen sehr schwachen eigenthüm- 
lichen Gerubh. Siedende Säuren oder Alkalien, übermangan- 
saures Kali u. s. w. greifen dieselbe nicht an. Bassett 
hat sein Product mit dem von H. Müller aus Benzol erhal- 
tenen verglichen und beide als völlig identisch erkannt; sie 
schmelzen beide bei 231 ^C. (corrigirt) und erstarren bei 
226 ^C. Die Dampfdichte der aus Chloroform dargestellten 
Substanz wurde, da ihr Siedepunkt über 300^ liegt, in Queck- 
silberdampf (350 ^C.) bestimmt und ergab sich dabei zu 10,06; 
für C12Q16 berechnet sich 9,87. {Chem. Cenb^alUatt. 5. Sept. 
1868. Nr. 40. S. 639.). 

Ueber die Benutzung der Bildung dieses Jul in' sehen 
Chlorkohlenstoffs neben freiem Chlor beim Hindurchleiten des 
Chloroformdampfs durch glühende Glasröhren zur Nach Wei- 
sung des Chloroforms in organischen Gemengen 
habe ich auf den Versammlungen der Weimar. Apotheker in 
Suiza und der deutschen Apotheker in Cassel im vorigen 
Jahre Mittheilungen gemacht. H. L. 



263 



III. Botanik und Pliarmaco^nosie. 



Ueber €rranatbaumrinde 

hat Dr. 0. Harz, Apotheker in Berlin, in Wittsteins Viertel- 
jahrsschrift. (Bd. XVni. H. 4. S. 560. Oct. 1868.) mitgetheilt, 
dass er von dem Hause Lotier fils in Grasse die bestimm- 
teste Versicherung erhalten habe, dass seit den ältesten Zei- 
ten nie die Wurzelrinde, sondern stets die Stammesrinde 
in den Handel gekommen sei. Dass auch viel Wurzelrifide 
mitgefunden werde , sei natürlich , weil man einmal den gan- 
zen Baum durch Abschälen tödte und dann die manchmal 
sehr bedeutenden Wurzeltheile nicht verloren geben wolle. 

Einige Aerzte wenden auf den Vorschlag des Herrn Dr. 
Harz die von ihm als Stammesrinde erkannte Drogue gegen 
den Bandwurm an und zwar jedesmal mit Erfolg. 

Mag die Wurzelrinde auch ursprünglich einzig ange- 
wandt und weiter empfohlen worden sein — für uns ist dies 
heute gleichgültig, da die Wurzelrinde für sich allein f ac- 
tisch nirgends mehr angetroffen wird und es feststeht, dass 
alle Kuren, welche angeblich mit der Wurzelrinde seit einer 
Eeihe von Jahren gemacht worden sind, durch die Stammes- 
rinde stattgefunden haben. H. L. 



Ueber giftige Leguminosen 

schreibt Dr. Ferd. Müller aus Melbourne (Australien) an 
Dr. C. G-. Wittstein: 

In Bezug auf die von H. Er aas ausgeführte chemische 
Untersuchung von Gastrolobium bilobum (Vierteljahrs- 
schrift f. Pharm. XV, 330) muss ich doch der Schlussfolge- 
rung desselben, dass diese Pflanze überhaupt als nicht giftig 
zu betrachten wäre, entgegentreten. Durch zahlreiche Ver- 
suche der Heerdenbesitzer ist es nämlich zweifellos festge- 



264 "Welche Pflanzen dienten 2sur Bildung der Steinkohlen? 

stellt, dass gerade die genannte Pflanze die schädlichste aller 
Gattungsverwandten ist. Es entsteht nun aber die Präge, 
ob der Giftstoff" in den Samen oder in den Blüthen con- 
centrirt sei. 

Das Arnicin der Arnicabliithen hat Tetanus herbeige- 
führt, und gerade unter Tetanus starben zwei Schafe, die ich 
mit Lotus australis fütterte, wenn das Kraut an den 
gefährlichen Stellen im Inneren wuchs, während, wenn ich 
dieselbe Pflanzenart an der Küste sammelte, die damit gefüt- 
terten Thiere keinen Schaden litten. 3 Unzen trocknen Krau- 
tes des Lotus australis vom Lake Torrens reichten 
hin, um ein Schaf in ^/g Stunde zu tödten, während Pfunde 
des frischen, hier an der Küste gesammelten Krautes keine 
schädliche Einwirkung auf diese Thiere hatten. 

Dann haben wir ja auch Beispiele, wie giftig die Sa- 
men von Cytisus Laburnum, Spartium scoparium, 
Lathyrus Aphaca und anderen Leguminosen sind, nicht 
zu gedenken der schnell tödtenden Ordealbohne aus Calabar, 
Physostigma venenosum. 

Im Laburnum schreibt man dem Cytisin die schäd- 
liche Wirkung zu und desshalb wäll ich hier nun von Swain- 
sonia, Lotus und Gastrolobium jetzt die Samen sam- 
meln, diese auf Cytisin u. a. Stoff'e prüfen und namentlich 
speciell toxikologisch anwenden. Wenn dann nähere Anhalts- 
punkte sich gezeigt haben , könnte ich grössere Mengen der 
Samen zur genaueren Analyse überschicken. (Vterteljahrs- 
schrift f. pract. Pharm. 1. Oct 1868. Bd. XVIll Bft. 4. 
S.561.). H.L, 



Welche Pflanzen dienten zur Bildung der 
Steinkohlen? 

In der 4. Sitzung der Section für Botanik und Pflanzen- 
physiologie bei der Naturforscher - Versammlung in Dresden, 
am 23. Sept. 1868 gab Bergschuldirector Kreis eher aus 
Zwickau einige Notizen über das von ihm beobachtete Vor- 
kommen organischer Structuren in der Steinkohle (deren er 
auch einige vorlegte). Es sind Prosenchymzellen und 
Spiralge fasse oder Fragmente solcher, wie sie den Arau- 
carien und Verwandten eigen sind. 

Es widerlegt sich dadurch die Mohr'sche Ansicht, dass 
die Steinkohlen von Algen gebildet worden seien. Der 



Von d. Novaraexped. mitgebr. Sporenpflanzen. — Pflanzengeogr. Karte etc. 265 

Vorsitzende, Geh. Medicinalrath Göppert bestätigte die 
Beobachtiing-en und Schlüsse Kreise her' s. {Floi^a, Nr. 31 ; 
Regensburg, 15. Novbr. 1868. S. 489.). K L. 



Ueber die Yon der Noyaraexpedition mitgebrachten 

Sporenpflanzen 

(gesammelt von Hofgärtner J e 1 i n e k) 

sprach Dr. H. W. Reichardt (in d. 2. Sitzung der Section 
für Botanik bei d. Naturforscher - Versammlung in Dresden, 
21. Sept. 1868). Er gab einige Mittheilungen über die wich- 
tigsten der von der Expedition besuchten Punkte (darunter 
die Niko baren, Insel St. Paul im indischen Ocean , die 
Koralleninseln Puynipet undSikayana, Tahiti) u. zählte 
dann die an der Bearbeitung des kryptogam. Theiles der Aus- 
beute betheiligten Botaniker auf; es bearbeiteten: 

Grunow die Algen, A. Braun die Characeen, v. Krem- 
pelhuber die Elechten, Milde die Equisetaceen und Ophio- 
glosseen, Mettenius die übrigen Farne, Beichardt die 
Pilze, Leber- und Laubmoose. Zugleich legte Ders. die im 
Druck bereits fertige Bearbeitung der Algen vor und bemerkte, 
dass auch die übrigen Abth. d. Kryptog. im Manuscript und 
die Tafeln vollendet seien. Die Zahl sämmtlicher von der 
Expedition mitgebrachten Kryptogamenspecies belaufe sich 
auf 1450, worunter 102 neue; es sei dies zwar absolut die 
reichste Ausbeute, die je eine Expedition gemacht, rück- 
sichtlich der Novitäten jedoch eine verhältniss- 
mässig geringe. Beichardt meint, dass künftige Expe- 
ditionen immer weniger Neues finden würden, und wünscht 
daher, dass dieselben in Zukunft sich nicht sowohl aufs Sam- 
meln, als auf Untersuchungen nach anatomischer, mor- 
phologischer, pflanzengeographischer etc. Bich- 
tung verlegen möchten. {Flora, Nr. 31. Regensburg, 15. Nov. 
1868. S.484.). H.L. 



Pflanzengeographische Karte der Nilländer. 

In der Sitzung der geographischen Gesellschaft zu Ber- 
lin vom 9. März 1868 legte Dr. Schweinfurth als Ergeb- 
niss seiner Beisen den ersten Versuch einer pflanzen geo- 
graphischen Karte der Nilländer vor, auf welcher 



266 Seltenere Pflanzen Thüringens. 

in der Weise einer geologischen Karte die verschiedenen Ve- 
getationsgebiete durch 12 Farbenstufen angedeutet sind. Hier- 
bei bemerkt er, dass unter den Stromsystemen der grössten 
Flüsse der Erde keinem eine so grosse Mannigfaltigkeit des 
Pflanzencharakters eigen sei, wie dem des Nils. Von den 
Gestaden des Delta's bis zu den höchsten Regionen der Quell- 
länder des blauen Nils im Südosten des Gebietes und weiter 
bis zu denen des weissen Nils im äussersten Süden desselben, 
seien daselbst alle Uebergänge anzutrefien, welche eine end- 
lose Formenreihe der verschiedensten Floren der alten Welt 
darbiete. Erst in einer Höhe von 12,000 Fuss seien in Ahjs- 
sinien bisher noch keine aus anderen Gebirgsländern bekann- 
ten Pflanzenarten aufgefunden worden, indess entsprechen die 
Gattungen, denen dieselben angehören, vollständig der alpinen 
Natur anderer Zonen. Während zwischen den süd-, w^est-, 
und ost - afrikanischen Hochgebirgen und denen Abyssiniens 
vielfache Beziehungen hinsichtlich der Flora existiren, bieten 
sich für diejenige des Himalaya's nach dem Stande unserer 
Kenntnisse keine solchen dar. {Flora, 1868. Nr. 23. S. 364.). 

H. L. 



Seltenere Pflanzen Thüringens, nacli Th. Irmisch. 

Carex limosa. Ilse giebt in seiner Flora von Mit- 
telthüringen als die beiden einzigen ihm in ganz Thüringen 
bekannten Fundorte derselben die Gegend von Jena und den 
Mühlhäuser Wald, an welchem letzteren Orte sie Dr. Möl- 
ler entdeckte, an. Th. Irmisch fügt einen dritten Fundort 
hinzu, C. limosa wächst nämlich auch auf einem grossen 
Sumpfe in der unmittelbaren Nähe des Teufelsloches in dem 
Hanfsee, einem zwischen Schlotheim und Neunheilingen gele- 
genen Laubwalde, mit Utricularia minor, Htr. vulga- 
ris, Drosera rotundifoliau. a. Sumpfpflanzen zusammen. 
Der Standort ist in nassen Jahren nicht gut zugänglich; 1859 
war durch Abzugsgräben das Wasser z. Th. abgelassen wor- 
den und fand J. beträchtliche Strecken in der Mitte des Sum- 
pfes dicht mit C. limosa überzogen. 

Carex elongata L. , welche im nördlichen Thüringen 
nur selten vorzukommen scheint, fand J. vor längerer Zeit 
schon in der Nähe des Possens bei Sondershausen; nicht fern 
von da, auf d. sogenannten Schwuckensee wächst auch Spar- 
ganium minimum Fr. 

Carex hordeistichos Vill. fand Herr Apotheker 
Grosser in Frankenhausen in der Umgegend dieser Stadt, 



Seltenere Pflanzen Thüringens. 267 

ferner Ophrys apifera Hiids. und Anacamptis pyra- 
midalis Rieh. Frische Exemplare zeigten bezüglich der Ge- 
sammtgrösse der Blüthe und in der Form der Lippe mehre 
Abänderungen. 

Polycnemum majus A. Br. fand J. vor einigen Jah- 
ren in einigen wenigen Exemplaren am Frauenberge bei Son- 
dershausen, suchte jedoch im vorigen Jahre vergebens danach. 
Auf einer beschränkten Fläche desselben Berges kommt auch 
Diplotaxis muralis vor, wie schon früher J. in d. Botan. 
Zeitung verölfentlicht hat. 

Veronica Buxbaumii Ten. (Y. persica Poir.) ist 
um Sondershausen nicht selten ; recht üppige Exemplare findet 
man im Herbste in feuchten Jahren ; sie bewurzeln sich dann 
oft an den niederliegenden Stengeln und blühen im folgenden 
Jahre bis in den Mai und Juni hinein. Yeronica opaca 
Fr. kommt ebenfalls bei Sondershausen vor. 

Epilobium tetragonum L. fand J. 1861 am Baden- 
see zwischen Schlotheim und Gross -Mehlra; Epil. obscu- 
rum Schreb. ist an fruchtbaren Stellen in den Sondershäii- 
ser Waldungen auf buntem Sandstein nicht selten. 

Pyrus (Sorbus) domestica findet sich in 2 älteren 
Bäumen in der Hainleite bei Sondershausen: der eine im 
Hachelbicher, der andere im Furra'schen Reviere, letzterer 
nicht gar weit von den Eibenbäumen, die J. in der Bot. Zeit, 
beschrieben. Im vorigen Jahre trugen jene beiden Exemplare 
von P. domestica reichlich Früchte; wie gewöhnlich finden 
sich in denselben immer nur wenige gut ausgebildete Samen ; 
eine Partie, die J. aussäte, keimte zeitig in diesem Frühjahre. 

Pyrus Aria. Hievon sah J. am Zengenberge (Muschel- 
kalk) unfern des Dorfes Rüxleben, ziemlich viel Exemplare, ist 
aber nicht sicher, ob sie angepflanzt sind oder nicht. 

A s t r a n t i a major, welche J. früher nur bei Jechaburg 
und in der Nähe von Holzthalleben und Grossbrüchter fand, hat 
Ders. vor einigen Jahren auch bei Hachelbich im Schneidgraben 
beobachtet; daselbst auch Lasei'pitium pruthenicum. 

In dem letzten Jahrzehnt hat die Sondershäuser Flora durch 
die Separation, durch Fluss - und Bachregulierungen, Trockenle- 
gung von Wiesen , Ausroden von Hecken und kleinen Feldhöl- 
zern vielfache Einbusse erlitten, so dass mancher Standort, den 
Ir misch in seinem 1846 gedruckten syst. Yerzeichniss der bei 
Sondershausen vorkommenden Pflanzen angiebt, nur noch ein 
historisches Interesse hat. {Zeitschr. f. d. gesammt. Nat. -Wis- 
senschaft 1868. Bd. 32. S.17 — 18.). H.L. 



268 



TV. Zoologie und Zooclieniie. 



Spiroptera sanguinolenta. 

Dieser Schmarotzerwurm findet sich in den Herzen der 
Hunde in China, sowohl der einheimischen wie der fremden 
und wird anders wo sehr selten oder gar nicht gefunden, 
iludolphi, Dujardin und Die sing geben seine Grösse 
zu 40 — 80 MM. an. IS'ach Baird wird er bis 80 Ctm. lang 
und bringt merkwürdiger Weise keine Störung im Körper des 
Wirthes hervor, solange dieser überhaupt gesund ist. Wer- 
den die Hunde von einer Krankheit befallen, so bewirken 
diese Schmarotzer eine ernstliche Störung des Blutumlaufes. 
Ein von China nach dem Cap gebrachter Hund wurde vom 
Fieber ergriffen und starb. In den Höhlungen des Herzens 
fand sich ein grosses Bündel dieser Würmer. {Gaea 4:. Jahr- 
gang. 9. Heft. p. 543.). C. Schulze. 



Australische Blutegel. 

Seit einiger Zeit liefert Australien eine ansehnliche Menge 
Blutegel. Den Fang derselben und den Handel damit besorgt 
hauptsächlich die Fischereigesellschaft am Murray - Flusse 
(the Murray Biver Fishing Company) , deren Leute sich in 
der für die Fischerei ungünstigen Jahreszeit mit dem Fange 
der Blutegel beschäftigen. 

Die Thiere werden alle nach Melbourne gebracht und 
von da aus versendet. In Paris und London zieht man die 
australischen Egel allen anderen vor; die meisten gehen aber 
nach Amerika, denn dort kommen wenig oder gar keine vor. 

Die jährliche Ausfuhr aus Melbourne beträgt 2 bis 3 
Millionen Stück. {Pharm. Jomm. and Transact. 1867. VIII. 
Wütstein's Vierteljahrsschrift 1868. S. 596.). H. L. 



Aufblähen d. Wiederkäuer. — Der angebl. Guano. — Harnstoff im Urin. 269 

Aufblähen der Wiederkäuer. 

Reiset (Compt. rend. 1868, Nr. 4) untersuchte bei einer 
Kuh, welche durch Aufblähen auf der Kleeweide nach 2 Stun- 
den zu Grrunde gegangen war, das im Magen befindliche 
Gas und fand dasselbe zusammengesetzt aus 
74,33 Vol. % Kohlensäuregas 
23,46 „ „ Kohlenwasserstoffgas und 
2,21 „ „ Stickgas. 

100,00. 
Aber weder Sauerstoffgas, noch Schwefelwasserstoffgas. 

In dem Gase eines aufgeblähten Hammels fand er 76 Pro- 
cent Kohlensäuregas. 

Darnach erscheint bei diesen Zufällen die Anwendung von 
alkalischen Mitteln ganz geeignet, namentlich von 
gebrannter Magnesia und von Zuckerkalk. {LandwirthschafÜ. 
Zeitung für Thüringen). H. L. 



Der angebliche Gruano der Insel Sombrero. 

Aus St. Thomas wird gemeldet, es finde sich auf 
Sombrero kein Guano, sondern die ganze Insel bestehe aus 
phosphorsaurem Kalk, der gebrochen und verschifft werde, An- 
fangs nach Nord - Amerika, später nach England und Deutsch- 
land (Haarburg). Die Insel Aves hingegen enthielt unter 
einer Grasdecke eine dünne Lage wirklichen Guano, der aber 
von den Amerikanern längst völlig ausgebeutet ist. Das 
Quantum soll 1000 — 1500 Tonnen betragen haben. (Peter- 
mann's Mittheilungen IV.) B.. 



Nachweis von Harnstoff im Urin. 

Schüttet man nach Betz in ein Proberöhrchen 1 Volum 
concentrirter Weinsäurelösung und giesst dann langsam etwa 
2 Volum Urin darauf, so scheidet sich der Harnstoff sofort 
in glimmerartig glänzenden Schuppen, die aus Conglomeraten 
farbloser, an den Enden abgesetzter Säulchen bestehen, aus. 
Betz hält es sogar für möglich, mit diesem Verfahren eine 
quantitative Schätzung des Harnstoffs zu verbinden. (Zeitschr. 
f. analyt Chem. 1867. S. 500.). 

Der Versuch ergab, dass die farblosen Krystalle sich zwar 
nicht sofort, wohl aber nach Verlauf einer Stunde ausschieden, 



270 Mittel Fleisch weich zu kochen. — Schmelzpunkte von Giften. 

sich an den Wandungen der Probierröhre anfangs festsetzten, 
bald aber in der Flüssigkeit untersanken und am Grunde der- 
selben sich ansammelten. Hbg. 



Mittel Fleisch weich zu kochen. 

Die Gazette de medecine veröffentlicht folgendes Mittel, 
Fleisch weich zu kochen. Wenn das Fleisch abgeschäumt ist 
und die Bouillon kräftig kocht, fügt man auf etwa 3 Pfund 
Fleisch 2 Löffel voll Branntewein zu. Mag das Fleisch noch 
so zähe sein, es wird sogleich weich und behält nicht die 
Spur von Branntweingeschmack, iflourrier de la Cöte). R. 



^. Toxikologie. 



lieber die Temperaturen, hei denen organische und 
anorganische Crifte schmelzen. 

Es ist kein Zweifel, dass das Verhalten einer Substanz 
beim Erhitzen, so weit es Schmelzen und Sublimiren betrifft, 
wesentlich zur Charakteristik derselben beiträgt und dass 
man, wo es sich um Ermittlung von Giften handelt, hiervon 
Nutzen ziehen kann. Guy hat im Anschluss an seine frühe- 
ren Versuche über die Sublimation der Alkalo'ide ein Instru- 
ment construirt, welches sich zu diesem Zwecke sehr gut 
eignen soll. Es besteht aus einer Kupferplatte, in deren 
Mitte sich eine Hülse befindet, welche die Kugel eines Ther- 
mometers aufnimmt, das alle Temperaturen bis zu 700^ Fht. 
anzeigt. Die Scala des Thermometers geht durch einen Kork, 
der in den Ring eines Betortenhalters gepasst ist. Beim Ge- 
brauch des Apparats verfährt man folgendermassen : 

Eine kleine Quantität der zu prüfenden Substanz (7ioo Grran) 
wird auf ein Glasplättchen gelegt und dieses auf einen Theil 
der Kupferplatte zwischen dem Centrum und der Peripherie. 
Man umgiebt sie hierauf mit einem Glasriuge, auf welchen 
eine reine trockne Glasscheibe zu liegen kommt. Darnach 
erhitzt man die Kupferplatte von unten mit der Spiritus- 
lam])e an einer von der Substanz und dem Thermometerrohr 



Schmelzpunkte von Giften. 



271 



100 "F. 



gleich weit entfernten Stelle. Das Licht 
muss von der Seite auf das Instrument 
fallen und das Auge des Beobachters 
in solcher Stellung sein, dass er die 
Substanz, die Oberfläche der Glasscheibe 
und die Thermometerscala leicht wahr- 
nehmen kann. Um gute Resultate zu 
erhalten, muss die Temperatur langsam 
und regelmässig gesteigert werden, so 
dass jede Wahrnehmung an der zum 
Versuch dienenden Substanz und der 
darüber liegenden Grlasscheibe mit der 
angezeigten Temperatur coincidirt. Da 
aber die dem Quecksilber in der Ther- 
mometerkugel mitgeih eilte Wärme nicht 
augenblicklich auch auf das in dem Sca- 
lenrohr befindliche Metall wirkt, so muss 
man die Lampe alsbald fortziehen, wenn 
eine Veränderung an der Substanz oder 
auf der Grlasplatte wahrgenommen wird. 
Das Thermometer wird dann um einige 
Grade steigen, der höchste Punkt, wel- 
chen es erreicht, gilt (approximativ) als 
die Temperatur, bei welcher die in Frage 
stehende Veränderung stattfand. 
Die Methode ist nicht völlig genau, man kann leicht das 
Moment verpassen, wo die Substanz anfängt zu schmelzen 
oder zu sublimiren und darnach die Temperatur zu hoch 
schätzen. Es ist desshalb gut, den Versuch zu wiederholen 
und daraus das Mittel zu nehmen. Für praktische Zwecke 
giebt die Methode übrigens genügend approximative Resul- 
tate , w^enn man nur auf Differenzen von einigen Graden im. 
Schmelz- und Sublimirpunkt zweier Substanzen kein zu 
grosses Gewicht legt. Hielten wir z. B. eine bei 220^ schmel- 
zende Substanz für Kodein, so könnte diess ein Irrthum sein, 
da Paramorphin und Papaverin bei 210^ schmelzen. Ebenso 
würde eine Schmelztemperatur von 140^ nicht dazu berech- 
tigen, auf Aconitin zu schliessen, da Atropin bei 150^ schmilzt, 
aber wenn wir finden, dass eine gewisse gegebene Substanz 
bei 210^ sublimirt, so lässt sich mit Sicherheit sagen, dass 
es nicht Veratrin ist, welches nämlich bei 200^ schmilzt, 
oder Paramorphin und Papaverin, die bei 210^^ schmelzen. 
Aber es könnte Salmiak sein, der bei 210^ subhmirt, oder 
Cantharidin, welches bei 212^, oder selbst Quecksilberchlorid, 




272 Sclimelzpunkte von Giften. 

das bei 200^ sublimiit, indem es entweder gar nicht oder 
erst bei höherer Temperatur nach der Sublimation schmilzt. 

Diese Beobachtungen geben eine Classification der Sub- 
stanzen an die Hand folgender Art: 

1) Substanzen, die ohne Veränderung der Gestalt oder 
Farbe sublimiren. 

Quecksilberchlorid sublimirt (annähernd) bei 200*^ Fht. 
Cantharidin „ „ „ 212^ „ 

Calomel „ „ „ 240 « „ 

Arsenige Säure „ „ „280*^ „ 

2) Substanzen, die ohne Veränderung der Gestalt oder 
Farbe sublimiren, hinterher aber schmelzen mit oder ohne 
Veränderung der Farbe und mit weiterer Sublimation. 

Oxalsäure sublimirt bei 180*^, schmilzt bei 280^ Fht. 
Morphin „ „ 330 o, „ „ 340 » „ 

Strychnin „ „ 345 o, „ „ 430 <> „ 

3) Substanzen, welche schmelzen und die Farbe verän- 
dern, hinterher sublimiren. 

Aconitin schmilzt bei 140*^, sublimirt bei 400^ (?) Fht. 
Atropin „ „ 150°, ,, „ 280^ 

Delphinin „ „ 150^ „ „ 300^^ 

Veratrin „ „ 200<>, „ „ 360^ 

Brucin „ „ 240^ „ „ 400^ 

Digitalin „ „ 310^, „ „ 310« „ 

Pikrotoxin „ „ 320^, „ „ 320» 

Solanin „ „ 420 <>, „ „ 420 o 

Die Opiumalkaloide (Morphin s. o.) schmelzen und sublimiren 

wie folgt: (das nicht alkaloi'dische Mekonin einbegriffen). Fht. 

Mekonin schmilzt bei ungefähr 120^, sublimirt bei ungefähr 180^ 

j; » V ^'^^ 

» iy « ^■^O 

^100 
» 77 )} 220 

>? 77 7? *^^^ 

„ „ „ ooyj 

{Tharmac. Journ. and Transact. Fehr. 1868. See. Series. Vol. IX. 
Nr. VIII. R 370 ff.). Wp. 



Narcein „ 


?> 


77 


1700, 


Paramorphin „ 


?> 


77 


2100, 


Papaverin „ 


jj 


77 


210«, 


Kodein „ 


77 


77 


2200, 


Narkotin „ 


?7 


»7 


2400, 


Kryptopin „ 


>7 


77 


3500, 



273 



C. Literatur und Kritik. 

Lehrbuch der gesammten Pharmacie und ihrer Hülfswissen- 
schaften für Apotheker und Aerzte von Dr. A. Cassel- 
mann in St. Petersburg und Carl Frederking, Apo- 
theker in Riga. Erster Theil. Erste Abtheilung, üiga, 
N. Kymmel, Buchhandhmg. gr. 8. 390. 

lieber die Veranlassimg zur Verabfassung des vorliegenden Lehr- 
buchs sagen die Hrn. Verfasser in dem Prospeet, dass sie von vielen Seiten 
aufgefordert, in Rücksicht auf die ihnen durch theoretische und praktische 
Ausbildung junger Pharmaceuten gewordenen Erfahrungen, sich entschlos- 
sen haben , ein Lehrbuch der Pharmacie und der zum Verständniss des 
speciellen Theils nöthigen Zweigtheile der allgemeinen IS'aturwissenschaft 
zu bearbeiten, ein Buch, welches namentlich das für den Apothekergehül- 
fen, den angehenden Apotheker und den Arzt T^öthigste der pharma- 
ceutischen Theorie und Praxis geben soll. 

Das Werk wird in zwei Bänden erscheinen , von denen die erste Ab- 
theilung des von dem Apotheker C. Frederking bearbeiteten ersten 
Bandes vorliegt. Dieselbe führt den Titel „ Lehrbuch der pharmaceuti- 
schen Chemie." 

Die zweite Abtheilung wird die organische Chemie , der zweite von 
Dr. Casselmann bearbeitete Band, die Pharmacognosie bringen. 

Diejenigen, welche vor vierzig oder fünfzig Jahren der Pharmacie 
sich widmeten, werden sich erinnern, dass der erste theoretische Unter- 
richt der Apothekerlehrlinge sich damals fast nur darauf beschränkte, 
dass dem durch allerlei meist mechanische, mitunter auch niedrige Arbei- 
ten den Tag über abgemühten Lehrling der „alte Hagen" in die 
Hand gegeben und ihm überlassen wurde , aus der etwas schwerfälligen 
Diction dieses s. Z. einzig in seiner Art dastehenden Buches, das der Fas- 
sungskraft des Lesenden Entsprechende geistig zu assimiliren. Um dies 
zu erreichen, bedurfte es zuweilen harter geistiger Arbeit, aber das Er- 
lernte ging dafür auch in Fleisch und Blut über. 

Buchner's Inbegriff der Pharmacie, Tr ommsd o r ff 's Lehrbücher 
der Pharmacie und Waarenkunde, vor Allem aber G e i g e r ' s Werk und 
die noch unerreichte „Theorie und Praxis etc." von Buchholz gaben 
in erfrischender Weise der Eintönigkeit dieses ersten theoretischen Unter- 
richts eine andere Wendung und von dem Erscheinen der ersten Auflage von 
Berzelius Lehrbuch der Chemie, übersetzt von Blöde, datirt sich ein 
weiterer Umschwung , welcher in dieser Hinsicht , bis in die neueste Ge- 
genwart reichend, seinen Abschluss noch nicht gefunden hat. 

Die Methode, welche Stöckhardt zuerst in mustergültiger Art in 
seiner gegenwärtig in 15. Auflage vorliegenden „Schule der Chemie"" in 
Anwendung gebracht, hat seit den letzten Decennien in mehr oder weniger 
hervortretender Weise die für angehende und wissenschaftlich weiterstrebende 
Pharmaceuten bestimmten Lehrbücher influirt. Liebig hat aber schon vor 
30 Jahren ausgesprochen, dass der Pharmaceut nicht allein Medic^n , der 
Landwirth nicht bloss Dünger, der Techniker nicht nur Soda und Seife fabri- 

Arch. d. Pharm. CLXXXVH. Bds. 3. Hft. 1 8 



274 Literatur und Kritik. 

ciren und der Hüttenmann nicht allein Erze ausbringen lerne, sondern dass 
dieselben alle, gleichviel ob sie Chemiker von Fach sind, oder ob sie von 
der Chemie als Hülfswissenschaft irgend welche Anwendung zu machen 
beabsichtigen, die Befähigung erlangen, chemische Fragen geschickt zu 
behandeln, die entgegentretenden Schwierigkeiten mit den einfachsten Mit- 
teln zu beseitigen und aus den gewonnenen Eesultaten richtige Schlüsse 
zu ziehen, mit einem Worte, dass sie chemisch denken lernen. 

Hiernach giebt es streng genommen keine eigentliche „pharmaceu- 
tische Chemie, Botanik oder Mineralogie." 

Das vorliegende Lehrbuch verfolgt, wie es scheint, neben seinem allge- 
meinen noch das besondere Ziel, in dem weiten Reiche, in welchem die 
Verfasser leben und wirken, die wissenschaftliche Behandlung der Phar- 
macie fördern helfen zu sollen und dürfte, wie die Verhältnisse in Euss- 
land zur Zeit angethan sind, ein in Eussland verfasstes Lehrbuch der 
Pharmacie dort einen fruchtbareren Boden finden, als ein aus dem Aus- 
lande importirtes. 

Den Werken von Duflos, Hager, Ludwig und Wittstein, 
welche gegenwärtig, wenn es sich darum handelt, den angehenden Apo- 
thekern ein angemessenes theoretisches Hülfsmittel zu ihren Studien in die 
Hand zu geben, die erste Stelle einnehmen, reiht die gegenwärtige Publi- 
cation sich würdig an. Die erste Abtheilung des ersten Bandes enthält 
nach kurzer Definition des Begrifl's Pharmacie und ihrer Diciplinen, einen 
Abriss der Geschichte der Pharmacie, welchem die Chronik der Pharmacie 
in Eussland folgt. Aus dieser Chronik wird ersichtlich, dass der erste 
Apotheker in Eussland, der von der Königin Elisabeth von England 
dem Zaaren Iwan Wassiljewitsch empfohlene James Frencham 
war, der im Jahre 1583 die erste Hofapotheke im Kreml in Moskau 
anlegte. 

1721 wurde in Petersburg die erste Apotheke errichtet; 1739 die 
ersten Physici in Eussland ernannt; 1798 erschien die erste russische Phar- 
makopoe; 1850 zählte man in Eussland 714 Apotheken, 1866 über 1000. 

Gehemmt wird, wie der Verfasser anführt, die Pharmacie in 
Eussland durch ihre NichtSelbstständigkeit, durch den Verkauf 
der Medicamente aus Buden, endlich durch die geringe wis- 
senschaftliche Bildung vieler Apotheker. 

Hierauf werden die pharm. Technik , der Handverkauf, die Eeceptur 
und die Defectur und die pharmaceutischen Operationen alDgehandelt und 
hat der Verfasser in diesen Capiteln die Früchte einer langjährigen prakti- 
schen Erfahrung wiedergegeben. 

Der nun folgende Abschnitt, Grundzüge der Physik und allgemeinen 
Chemie, ist von dem Apotheker L. Seezen bearbeitet und mit zahlrei- 
chen Holzschnitten illustirt. 

Ein fernerer Abschnitt, allgemeine Chemie, gliedert sich in Geschichte 
der Chemie, einfache und zusammengesetzte Stofi'e, Stöchiometrie, Nomen- 
klatur, Eintheilung der chemischen Stofi'e, Typentheorie , Dimorphie, spe- 
cielle Eigenschaften der Körper, chemischer Process. 

Der letztere grössere Abschnitt ist der speciellen anorganischen phar- 
maceutischen Chemie gewidmet und werden hier, wenngleich der Verfas- 
ser die dualistischen Formeln der Verbindungen voranstellt, jedesmal die 
der Typentheorie beigefügt. 

Der Prospect sagt in Beziehung auf die Typentheorie, dass die Be- 
rücksichtigung derselben zur gründlichen Vorbereitung der Apothekerge- 
hülfen zum Universitätsstudium hier um so mehr berücksichtigt werden 
musste, als diese Theorie wohl in den chemischen, nicht aber schon in 
den pharmaceutischen Lehrbüchern Eingang gefunden habe. 



Literatur und Kritik. 275 

Hervorzuheben ist, dass dieser theoretische Theil mit besonderer 
Sorgfalt und Klarheit bearbeitet und dem angehenden Apotheker auf 
solche Weise ein Lehrgebäude vorgeführt wird , welches geistvoll conci- 
pirt, aber auch viel angefochten, die Theorie der chemischen Wissen- 
schaft unter allen Umständen wesentlich gefördert hat und fördern wird. 

Der Abschnitt der pharmaceutischen Chemie ist wie üblich eingetheilt, 
bei den pharmaceutischen Präparaten sind die Eigenschaften, die Erken- 
mmg derselben und die Darstellungsweisen mit schematisch ausgedruck- 
tem Bildungsvorgauge kurz aber charakterisirend angegeben und bei allen, 
namentlich aber auch bei den neueren chemischen Präparaten ist der Ver- 
fasser bemüht gewesen, durch eigene Arbeiten Neues zu bieten und Lücken 
zu ergänzen. 

Wir nennen hier u. A. Ammonium bromatum, Calcaria hypophospho- 
rosa, Magnesia sulphurosa, Ferrum bromatum, Ferrum trishydrico — oxy- 
datuni. Auch die technisch wichtigen Präparate sind gebührend berück- 
sichtigt worden. 

Wenn wir in einzelnen praktischen Punkten mit dem Verfasser auch 
nicht ganz übereinstimmen, so kann dieser Umstand doch das Gesammt- 
urtheil über seine Arbeit nicht wesentlich alteriren. Zu bedauern ist, 
dass durch die Entfernung des Druckorts , im Texte nicht wenige, mit- 
unter sinnentstellende Druckfehler vorkommen, auch wäre eine grössere 
Consequenz in der Nomenklatur wünschenswerth gewesen. 

Die zweite Abtheiluug des ersten Bandes wird zu Anfang des Jahres 
1869 erscheinen. Die äussere Ausstattung des Werkes ist gut und durch 
den ökonomisch gehaltenen Druck ermöglicht worden, dass in demselben 
eine grosse Menge Stolf untergebracht werden konnte. — Bei Besprechung 
des obenerwähnten Werkes wurden wir zu einer Parallelisirung desselben 
mit dem demselben nach Inhalt und Disposition des Stoffs nahe stehenden 
Lehrbuch der praktischen und theoretischen Pharmacie von Dr. Cla- 
mor Marquart, zweite Auflage, drei Bände, bearbeitet von Dr. Her- 
mann Ludwig und Dr. Ernst Hallier, Kunze's Verlag. Mainz, 
hingeleitet. 

Zur Zeit kommt hier nur erst der zweite Band dieses Werkes , wel- 
cher unter dem Titel „die Einführung in die praktische Pharmacie und 
die Kenntniss der pharmaceutisch wichtigen anorganisch - chemischen Prä- 
parate, neu bearbeitet von Dr. Hermann Ludwig" bereits im Jahre 
1866 erschienen ist, in Betracht und ergiebt die Vergleichuug, dass wie in 
allen Arbeiten des Verfassers auch hier das geschichtliche Moment eine 
Berücksichtigung gefunden, wie solche in Werken dieser Art kaum zum 
zweiten Male angetroffen werden dürfte. 

Bei jedem Element, bei jedem Präparate wird man inne, wie vieler 
und wie langer Geistesarbeit es bedurft hat, um die Kenntnisse über die- 
selben bis hierher zu vervollständigen und zu klären. 

Wie solche Erkenntniss nur vor Selbstüberhebung zu schützen ver- 
mag, so wird dieselbe zugleich dem denkenden Leser einen ebenso inter- 
essanten als belehrenden Einblick in die verschiedeneu Entwickelungs- 
stadien der Wissenschaft gewähren. Aus der Pharmacie hervorgegangen 
und gleich dem Verfasser des zuerst besprochenen Buches, und zwar als 
Vorsteher eines pharmaceutischen Instituts, in noch umfassenderer Weise 
mit den Mitteln und Wegen bekannt, durch welche und auf welchen die 
Pharmaceuten chemisch denken zu lernen angeleitet werden können , führt 
Ludwig denselben die Resultate der bisherigen Forschungen in klarer 
und verständlicher Diction vor und wenn, der elektrochemischen Theorie 
auch vorzugsweise , so ist doch in dem Abschnitt ,, atomistische Theorie," 
auch der entgegengesetzten Anschauungsweise im Allgemeinen Rechnung 

18* 



276 Literatur und Ki'itik. 

getragen worden. Ein Vorzug ist, dass den Elementen wie den Präpara- 
ten meist die englischen und die französischen Bezeichnungen und die 
mineralischen Verbindungen der Elemente gehörigen Orts beigefügt wor- 
den sind. 

Angesichts des Umstandes , dass die Kritik sich nur anerkennend 
über die Arbeit des Dr. Ludwig geäussert hat resp. äussern konnte, 
wollen wir zum Schluss hervorheben, wodurch dasselbe sich von dem 
zuerst besprochenen Werke unterscheidet. Das Ludwig 'sehe "Werk 
setzt bei dem Lernenden im Allgemeinen keine oder nur geringe natur- 
wissenschaftliche Vorkenntnisse voraus und geht in Folge dessen von 
Stufe zu Stufe. Das Fr ederkin g 'sehe "Werk fasst bei dem rein phar- 
maceutischen Theil nur den Anfanger, bei dem pharmaceutisch chemi- 
schen Theil schon mehr den Geübteren in's Auge. 

Beide Bücher werden ihr Publicum finden und gefunden haben, und 
steht zu hoffen, dass durch diese und ähnliche Werke die Pharmacie zu 
immer freudigerer wissenschaftlicher Blüthe sich heraus bilden werde. 

— rg. 



Vollständiges Wörterbuch zur 2. Ausgabe der Pharmacopoea 
Grermaniae für Aerzte und Apotheker, ausgearbeitet von 
Friedr. Moritz Ed. Opel, Dr. d. Philos,, früher geprüf- 
tem Apotheker und Lehrer a. d. Forstacademie zu Tha- 
rand. Dresden 1868. Verlag von M. Heinsius. 

Gewidmet ist das Werkchen dem Professor Dr. H. E. Richter. 

Im Vorwort deutet der Verfasser die Schwierigkeiten an, die sich 
meist wegen der häufigen Anwendung technischer Ausdrücke und Formeln 
im Text einer lateinisch geschriebenen Pharmak. dem Uebersetzer ent- 
gegenstellen. „ Er habe desshalb geglaubt , auch auf die Herren Aerzte 
Eücksicht nehmen zu müssen. " — ,, Eine Trennung des J vom I im 
Text sei von ihm vorgenommen worden, gegen den gewöhnlichen Ge- 
brauch, wegen der bequemen Handhabung des Lexicons." 

Wenn sich dagegen auch nichts sagen lässt, so wäre doch nach An- 
sicht des Ref. bei der geringen Anzahl der Wörter , welche mit J in 
diesem Lexicon beginnen, diese Trennung nicht sehr geboten gewesen. 

Es folgen nun Erklärungen der in dem Wörterbuche vorkommen- 
den Abkürzungen. Neutrum wird im Text abgekürzt einmal mit N. 
aber auch mit Neutr. bezeichnet. — Numerale mit Num. und 
Numer.; Participium mit Part, und Partie, u. s. f. — Dies 
geschah jedenfalls im Interesse der Raumersparniss , sonst wäre zweck- 
mässiger wohl immer nur eine und dieselbe Abkürzung gebraucht wor- 
den. — Zeile 5. Spalte 2 auf eben der Seite, welche die Erklärungen ent- 
hält, sind die Buchstaben „u s. w." überflüssig. 

Verfasser ist bemüht gewesen in dem Wörterbuche Erläuterungen 
und Erklärungen der verschiedensten Art einfliessen zu lassen, ebenso- 
wohl für den angehenden, als auch älteren Pharmaceuten berechnet. (Als 
Beleg dafür diene z. B. das Wort ., Abomasum.") 

Bei geographischen Begriffen, bei Thier- und Pflanzennaraen, ist wie 
in dem kleinen Wörterbuche von Lindes auf die Stellung im Systeme hin- 
gewiesen worden. So bald solche Erläuterungen sich in den richtigen Grenzen 



Literatur und Kritik. 277 

halten (siehe das AVort Acipenser !), ist dagegen nichts zu sagen. — Auf 
die Anführung der griechischen Ahstammung ist, wo es nöthig erschien, 
sehr zweckmässig stets Bedacht genommen und die Ableitung hervorgeho- 
ben worden. 

Die Länge oder Kürze der Silben findet sich meist bezeichnet, wenn 
auch in einzelnen Fällen unrichtig (z. idem statt idem u. s. f.). Allerdings 
ist nicht durchweg auf diese Bezeichnung Rücksicht genommen worden 
und ist nach der Richtung hin das bekannte Lexicon von Hager ganz 
vollständig. 

Indem sich Referent zu dem AVortverzeichniss selbst nunmehr wen- 
det , gestattet er sich folgende Bemerkungen. Welche Gründe Verfasser 
gehabt haben mag statt des Namens des Pflanzengenus „Aconitum" — 
Aconitus — zu setzen, ob vielleicht nur ein Druckfehler vorliegt — 
ist Referenten nicht klar geworden. 

Statt der gebräuchlichen SchreibAveise des Wortes „ A c t a e a " findet 
sich „Actea;" diese Schreibart muss mindestens als aussergewöhnlich 
bezeichnet werden. 

„ Das " Alaun statt „ der " Alaun widerspricht ebenso gänzlich 
dem Sprachgebrauch. Amygdalus. Der Mandelbaum wächst nicht nur 
im südlichsten Theile Europas, man findet bereits in der bayrischen Pfalz 
alte Mandelbäurae in Menge an den Landstrassen. 

Atropinum. Im Wörterbuche wird das Atropin entgegen der Be- 
zeichnung in der Pharmak. „Atropinium" genannt. 

pag. 15. bei dem Worte avolans, Zeile 13 von oben, Sp. l lies 
statt ,,artic" — „partic. von avolare." 

pag. 15. ist unter balsamifluus der Satz „radix ductibus balsamifluis 
aurantiacis" übersetzt: „eine Wurzel ^Rad. Levistici) mit orangefarbenen 
Balsam liefernden Gängen," statt: „mit Balsam haltigen (gefüll- 
ten) Gängen versehen." 

pag. 21. bei dem Worte Calefio muss das Komma zwischen ,,factus 
sum" wegfallen, und statt der Endung des Particips „iri" gesetzt wer- 
den „ieri." 

pag. 24. lies Z. 10 von oben, Spalte 2. „Carica" statt „Caarica." 

pag. 57. unter facio lies ,,thun" — statt „thuen. " 

pag. 59. bei dem Worte ,, findo " muss es heissen „issum" statt — 
„ ssum." 

pag. 60. bei „ fio ", muss nach — factus — das Komma wegfallen. 

pag. 67. statt ,,glaber, a, um, Adj. " muss stehen glaber, bra, brum. 
Ueberdies dürfte auch die Bedeutung „ glatt " noch aufzunehmen sein. 

pag. 71. bei ,, Hicce " steht ,, angehangen " statt „ angehängt." (ebenso 
pag. 124. bei „ Que.") 

pag. 82. In dem Artikel Kali muss es heissen ,, Hebraeischen " statt 
— „ Hebäischen." 

pag. 91. statt „Manaca" muss es heissen: „Manica" (Spitzbeutel). 

pag. 92. Marshianus. — Genauer würde gesagt werden müssen im 
Text nach dem Satz: „mit Salpetersäure u. s. w. behandelten Masse*' — 
„nach gänzlicher Wiederaustreibung der Salpetersäure nebst" etc. 

pag. 100. steht bei nascor zwischen ,,natus sum" abermals ein Komma, 
was den Sinn stört. 

pag. 101. die deutsche Bedeutung des Wörtchens „ne," Conj. — 
wäre besser etwas ausführlicher behandelt werden. 

pap. 107. Artikel „Ordinarius." Der Eigenname Drouoti wird gewöhn- 
licher „Drouotti" geschrieben. 

pag. 111. Im Artikel Penang lies: „Benzoe" statt — „Benzole." 

pag. 117. Polygala, ae, f. hier fehlt die Endung „ae." 



278 Literatur und Kritik. 

pag. 126. recens und recente. Die deutsche Bedeutung dieser Wör- 
ter schlechthin als „unlängst" ist wohl nicht ganz zutreffend , nur ver- 
ständlich wird dieselbe in Verbindung mit den "Wörtern „bereitet " 
„gemacht," „fertig." 

pag. 126. In dem Artikel „Reeido" lies ,, Benzoesäure" statt — 
„ Benz or säure." 

pag. 127. statt „Pefringens" lies „Refringens." etc. 

Zum Gebrauch bei der Uebersetzung der Pharm. Germaniae erscheint 
d. Referenten das vorliegende Wörterbuch hinreichend vollständig und 
sehr brauchbar, wenn auch hie und da ein einzelnes Wort ganz fehlt 
(z. B. das Verbum infundere) , obgleich dasselbe im Text d. Pharm, vor- 
kommt. 

Bezüglich der angeführten deutschen Bedeutungen der Wörter hätte 
in einzelnen Fällen noch eine wesentliche Bedeutung mehr — ange- 
führt werden können. (Bei valde fehlt die Bedeutung „sehr.") Es sind 
das jedoch nur kleine Mängel, die sich bei einer künftigen neuen Auflage 
leicht beseitigen lassen. Referent erkennt hier am Schlüsse gern an, dass 
Verf. seine Aufgabe recht gut gelöst und zugleich durch die Herausgabe 
einem wirklichen Bedürfnisse abgeholfen hat, da die Einführung der 
Pharmak. im Königr. Sachsen nunmehr wirklich erfolgt ist. Dafür 
gebührt ihm aller Dank ! 

Die Verlagsbuchhandlung ihrerseits hat das Büchelchen gut ausge- 
stattet und einen angemessenen Preis gestellt. Dr. Jß. Mirus. 



A. Schnitzlein. Botanik als Gegenstand der allgemeinen 
Bildung. Eine kurze Anleitung zur verständigen Betrach- 
tung der Pflanzenwelt im Ganzen und zur Kenntniss der 
wichtigsten Familien und Einzelformen. Naturfreunden 
und der Frauenwelt gewidmet. Erlangen 1868. Verl. v. 
E. Besold. 8. 134 Seiten mit 4 Tafeln Abbild. 

Die vorliegende Schrift ist leider ein opus posthumum des um die 
Botanik so hochverdienten Verfassers, dessen Hinscheiden wir um so mehr 
zu beklagen haben, als derselbe zu den wenigen Botanikern gehörte, 
welche man als echte Naturforscher bezeichnen darf S c hnitzl ein war 
nicht der Ansicht so vieler unserer Fachgenossen, dass zu einem Botani- 
ker nichts weiter gehöre als eine leidliche Geschicklichkeit im Gebrauch 
des Mikroskopes und einige Kenntniss von der Histologie und Physiolo- 
gie der Pflanzen oder gar nur einer kleinen Gruppe derselben. 

Schnitzlein lebte der üeberzeugung, dass der Botaniker, wollte er 
anders diesen jN'amen verdienen, sich vor allen Dingen eine Kenntniss der 
Pflanzenformen verschaff"en müsse und dass ohne diese eine gründliche 
Kenntniss der Zellenlehre oder gar der Physiologie und Morphologie 
unmöglich sei. 

Diese über das gemeine Schulbedürfniss hinausgehende Richtung zeigt 
sich bei Schnitzlein auch in der obengenannten Schrift. Er betrach- 
tet die Botanik als einen für die allgemeine Bildung nothwendigen Wis- 
senszweig und wendet sich vorzugsweise an Gebildete , nicht an Gelehrte, 
denen leider die wahre Bildung nur zu oft mangelt. Der erste Abschnitt 
des Buches ist betitelt : Grundzüge zur Formenlehre (Morphologie) der 
Blüthenpflanzen. Es wird hier in kurzer praktischer Weise die Lehre 



Literatur und Kritik. 279 

von der Zelle und von den wichtigsten Orgauen mitgetheilt. Der zweite 
Abschnitt : „ Systematische Botanik " bietet in nicht minder zweckmässiger 
Weise dem Antanger eine Gelegenheit, sich mit diesem Manchen mit Un- 
recht trocken und langweilig erscheinenden Wissenszweige zu befreunden. 
In diesem Abschnitt giebt der Verfasser 1) einen Ueberblick über die 
natürlichen Pflanzenfamilien, geht dann 2) näher auf die Morphologie der 
Phanerogamen und ihrer grösseren Gruppen ein ; es folgt 3) eine ,,Ueber- 
sicht der Musterfamilien zu ihrer Erkennung," 4) eine systematische Auf- 
zählung der überhaupt w^ichtigeren Familien, " 5) ein „ Verzeichniss der 
häutigsten „Gattungen von Zierpflanzen,'' 6) eine Besprechung der „all- 
bekannten Pflanzen, welche als Grundlage vorausgesetzt werden/' 

Nun folgt eine kurze Einleitung in die Kryptogameukunde. Ein 
Anhang enthält noch eine sehr praktische ,, Anweisung, um zur Kenntniss 
der Namen der Pflanzenarteu der Umgebung zu gelangen und eine Pflau- 
zensammluug anzulegen," ein „kleines Wörterbuch der botanischen Aus- 
drücke " und zwei Register der Pflanzenfamilien. 

Schnitzlein hat bis kurz vor seinem Tode dem Lehrerberuf an 
der Universität Erlangen mit einer Liebe und einem Geschick obgelegen, 
welche seinen Schülern in dankbarer Erinnerung bleiben werden. Zu sei- 
nen besten Schülern zählte er stets diejenigen, welche, wie die Pharma- 
ceuten, dem praktischen Leben im Berufe dienen. Grade der Pharmaceut 
ist am meisten geneigt , die Augen oflfen zu halten für den Zusammen- 
hang der Thatsachen in der Pflanzenwelt, wie in der Natur überhaupt und 
ihm genügt nur derjenige Lehrer , welcher diesen Zusammenhang klar 
erfasst hat und klar mitzutheilen weiss. Wir haben daher gar nicht erst 
nöthig, den Herren Pharmaceuten das vorliegende kleine Buch besonders 
zu empfehlen, aus dem sie mehr lernen werden, als aus den zahlreichen 
zur Examenvorbereitung bestimmten Schriften. Beliebt machen wird 
sich das kleine Buch um so eher, als der Herr Verleger es zwar anspruchs- 
los, aber recht hübsch und sauber ausgestattet hat. Zu loben sind beson- 
ders die Tafeln nach Schnitzleins Zeichnungen , worin der Verfasser 
bekanntlich ganz besonderes Talent hatte. Mallier. 



Utile cum dulci. Heft YII. Pharmaceutisch - lyrische Klänge. 
Breslau 1868. Maruschke und Berendt. 

Wieder liegt eines dieser harmlosen Büchelchen zur Besprechung vor 
uns und wir wollen ihm ^vie den früheren eine freundliche Aufnahme 
wünschen bei den Freunden harmloser scherzhafter Leetüre, ohne allzu- 
sehr den Maassstab strenger Wissenschaftlichkeit anzulegen. 

Das Schriftchen zerfallt in sechs kleine Abschnitte. Der erste der- 
selben behandelt in gelungen humoristischer Weise: ,,Die Auffindung des 
Cadraiums , eine komisch - chemisch - pharmaceutisch - revisorische Ent- 
deckungsgeschichte." 

In ähnlichem Styl behandelt der zweite Abschnitt ,, Botanisches" 
einen Wettstreit der Compositen und Umbelliferen : 

„ Wer wohl am meisten könnt erschweren 

Die Staatsprüfung dem Pharmaceuten." 

Etwas ernsterer Natur ist der dritte Abschnitt: ,, Die Familie der 

Labiaten, zu Nutz und Frommen der an Botanik- Schwäche leidenden 

pharmaceutischen Menschheit im Knittelverse gebracht." Wir möchten 

aber der „pharmaceutischen Menschheit" doch allen Ernstes widerrathen, 



280 Literatur und Kritik. 

ihrer „ Botanik - Schwäche " hier Abhülfe zu isuchen, denn es findet 
sich in diesem Abschnitte mancher absichtliche oder unabsichtliche bota- 
nische Schnitzer, Wenn z. B. der arme Examinand die Stachydeen 
bloss an der Länge der unteren Staubblätter erkennen soll, so dürfte ein 
geschickter Examinator ihn doch gewaltig in die Klemme bringen , denn 
die Zahl der Gattungen und Arten, deren obere Staubblätter länger 
gestielt sind als die unteren, ist bei den Stachydeen mindestens ebenso 
gross, als die des angeblichen Normalfalles. 

Auch der vierte Abschnitt „ Gramineen " enthält manches Bedenk- 
liche in zu ernstem Tone gesprochen: wogegen der fünfte Abschnitt 
„Examen*' und der sechste ,,]Srothschrei" wieder dem reinen Humor die 
Zügel schiessen lassen, Sallier. 



lieber dss Studium der Chemie von H. L. Buff, Dr. 
ph., Privatdocenten der Chemie an der Universität zu Göt- 
tingen; Berlin, Ferd. Dümmlers Verlags -Buchhandlung. 
(Harrwitz und Grossmann) 1868. 24 Seiten in kl. Octav. 

Der durch seine chemischen Arbeiten und Schriften rühmlichst 
bekannte Herr Verfasser dieser Abhandlung hatte dieselbe schon im Jahre 
1866 im Bremer Handelsblatte (Nr. 777) erscheinen lassen. Nach sei- 
nem Geständnisse sind in ihr schmerzliche und kostspielige Erfahrungen 
niedergelegt, welche er für die studirende Jugend nutzbar zu machen, 
für seine dringende Pflicht gehalten hat. 

Von Freunden, welche die Lage der betreffenden Verhältnisse kennen 
und dieselben unbefangen beurtheilen, ist er wiederholt aufgefordert wor- 
den , die Abhandlung nochmals erscheinen zu lassen und so tritt sie nun, 
mit dem Namen des Verfassers bezeichnet als selbstständiges Schrift- 
chen auf. 

Durch dasselbe soll durchaus nicht von dem Studium der Chemie 
abgemahnt, wohl aber auf die Gefahren aufmerksam gemacht werden, 
welche dieses Studium begleiten. Der Pharmaceut , der Mediciner , der 
Berg - und Hüttenmann , der Landwirth , der angehende Lehrer an mitt- 
leren und höheren Schulen, der Fabrikant, — sie alle finden beherzigens- 
werthe Winke in dieser mit Sachkenntniss geschriebenen Abhandlung. 
Auch das Verhältniss der Assistenten an chemischen Lehranstalten zu den 
Privatdocenten der Chemie wird einer Besprechung unterzogen, und dabei 
auf den Uebelstand aufmerksam gemacht, dass eine so bewährte Institu- 
tion, wie das der freien Concurrenz unterworfene Privatdocententhum 
dadurch zu verkrüppeln anfange, dass die Praktikanten bei keinem Pri- 
vatdocenten, der nicht Assistent sei, mehr Vorlesungen besuchen mögen. 
Es werden die Worte des Verfassers gewiss dazu beitragen, das Stu- 
dium der chemischen Wissenschaft und die rechte Pflege derselben zu 
fördern. Das vorliegende Schriftchen wird desshalb angehenden Che- 
mikern angelegentlichst zur Kenntnissnahme empfohlen. 

H. L. 



Literatur und Kritik. 281 

Das Apothekerwesen in Bayern bei der Einführung 
der Gewerbefreiheit im J. 1868. Von Albert Frickhin- 
ger, Apotheker in Nördling-en. (Nördlingen, Eecks'che 
Buchhandlung 1868.). 

Wenn wir, wenn afuch vielleiclit etwas spät, obiges Büchelchen jetzt 
zur Sprache bringen , so geschieht das mit Eücksicht auf die Bestrebun- 
gen , die uns jetzt in Norddeutschland bewegen. Wenn auch nicht in 
Folge des Gewerbegesetzes , so doch im Hinblick auf die neu zu entwer- 
fende Apothekerordnung, ist es vor allen Dingen auch die Frage: Schutz 
oder Freiheit der Apotheken .*' die viele Federn und Zungen auch bei 
uns in Bewegung gesetzt hat und setzen wird. Gerade in Bezug auf 
diese Frage aber, hat der unermüdliche Herr Verfasser ein so vortreff- 
liches Material zusammengebracht , dass wir ihm zu aufrichtigsten Danke 
uns verpflichtet fühlen müssen. 

Nach einem Vorwort , in dem er die Gründe zur Zusammenstellung 
des Büchelchens angiebt, dann aber den Franzosen Dorvault sprechen 
lässt, der die deutschen Apotheker den Franzosen gegenüber lobt und 
alle Gründe für das Schlechterwerden der französischen Apotheken in 
dem unbeschränkten Gewerbetrieb findet, geht der Verfasser in einer 
Reihe von Artikel, die zu verschiedenen Zeiten entstanden sind und in ver- 
schiedeneu Zeitungen etc. gestanden haben , Alles durch , was für einen 
Schutz der Apotheken und gegen Freiheit derselben spricht und sein 
ceterum censeo, auf das er in allen Aufsätzen zurückkommt, ist immer 
,, Schutz und nicht Gewerbefreiheit," wenn wir nicht in kurzer Zeit die 
traurigen französischen, englischen und amerikanischen Zustände haben 
wollen , während diese Länder bisher immer mit Neid auf unsere phar- 
maceutischen Zustände geblickt haben. 

Ueberall weiss der Verfasser durch zwingende Gründe seine Ansicht 
zu belegen, und wir müssen gestehen , dass wir mit Bewunderung auf die 
Rührigkeit des Verfassers blicken, der, wie früher in der Geheimmittel- 
frage , so auch jetzt wieder in der Frage über Gewerbefreiheit mit 
einer Energie eingegriffen hat, die wir bisher noch bei keinem Süddeut- 
schen gefunden haben. 

JF. D. 



H. Hager, Phil. Dr. Pharmacopoeae recentiores 
Anglica, Gallica, Germaniae, Helvetica, E,us- 
siae, inter se collatae. Vratislaviae , Ernst Günther 
1869. 21 Bogen, gr. 8. 

Diese zeitgemässe Zusammenstellung der neusten Pharmacopöen ist 
sowohl ein Supplement zu des Verf. Manuale pharmaceuticum , als auch 
ein selbstständiges Werk, gewissermassen eine Pharmacopoea universalis 
von massigem Umfange. 

Es beabsichtigt der Hr. Verfasser, von Zeit zu Zeit, je nach Bedürf- 
niss eine neue Auflage derselben zu veranstalten , in welcher die ausser 
Kraft getretenen Pharmacopöen ausgeschieden, und die neu erschienenen 
eingeschoben werden sollen. ff, Z. 



282 

Anzeigen. 

Im Verlage von Jos. Alit. Finsterlin in München erscheint: 

Aerztliches lutelligenzblatt. 

Herausgegehen vom ständigen Ausschusse bayerischer Aerzte : 

Dr. V. G-raf. Dr. Ernst Büchner. Dr. v. Schleis. Dr. Seitz. 
Dr. V. Rothmund sen. Dr. Jacnbezky, 

Redigirt von Professor Dr. Ernst Buchner. 

(Verfasser des „Lehrbuchs der gerichtlichen Medicin." *) 

16. Jahrgang. 1869. 52 Nummern. Hoch 4". 42/3 Thlr. oder 8 fl. 

Nachdem Herr Bezirksgerichtsarzt Professor Dr. Alois Martin von 
der Redaction des „ Aerztlichen IntelligenzTblattes " zurückgetreten ist, 
hat der Ständige Ausschuss bayerischer Aerzte dieselbe dem Unterfertigten 
übertragen. 

Der bei der Gründung der Zeitschrift im Jahre 1854 ausgesproche- 
nen Absicht gemäss soll das Aerztliche Intelligeuzblatt das Organ für 
Eayerns staatliche und öffentliche Medicin bilden. Diesem Ziele es näher 
zu führen , Averde ich ernstlichst bemüht sein und erbitte mir hierfür die 
Mitwirkung der bisherigen Freunde des Blattes, sowie neuer, die ich 
demselben bereits erworben habe und zu erwerben gedenke. 

Die hohe Staatsregierung hat ihr Wohlwollen und ihre Unter- 
stützung auch für fernerhin dem Aerztlichen Intelligenzblatt zugesichert. 

Von mehren Klinikern und Krankenhaus- etc. Vorständen habe 
ich freundliche Versprechungen erhalten. Die monatlichen Berichte über 
die Morbilitäts - und Mortalitäts - Verhältnisse der grösseren Städte Bayerns 
werden auch fernerhin erscheinen, ebenso der monatliche Witterungsbe- 
richt der Sternwarte München. 

Das Aerztliche lutelligenzblatt soll vorzugsweise das Medicinalwesen 
Bayerns, aber auch alles in den Bereich der öffentlichen Medicin Ein- 
schlagende in Betracht ziehen. Vorzugsweise die dieses Gebiet berüh- 
renden neu erscheinenden Schriften werden berichtlich angezeigt werden, 
ebenso auch die Schriften der bayerischen Aerzte und des bayerischen 
medicinischen Verlages. 

Die wesentlichsten wissenschaftlichen und praktischen Ergebnisse der 
in- und ausländischen Journalliteratur sollen wie bisher in regelmässig 
wiederkehrenden ,, Literarischen Beilagen" gebracht werden. Die Corre- 
spondenzen aus Nah und Fern sollen Kunde geben von Dem, was in der ärzt- 
lichen Welt vorgeht, im bayerischen und deutschen Vaterland sowie ander- 
wärts. Die Nachrichten über das Vereinswesen werden hier ihre Stelle 
finden. Schliesslich sollen auch die persönlichen Verhältnisse der baye- 
rischen Aerzte berücksichtigt und Anstellungen, Beförderungen, Nieder- 
lassungen etc. mitgetheilt werden, in welch letzterer Beziehung ich die 
neu sich niederlassenden oder ihren bisherigen Wirkungsort verlassenden 
Collegen in ihrem eigenen Interesse um bezügliche Mittheilung ersuche. 

Einsendungen werden portofrei erbeten unter der Adresse der Re- 
daction (Arcostrasse 9), und die Original - Beiträge mit 10 Gulden der 
Bogen honorirt. 

Prof. Dr, Ernst Buchner. 



*) Gr. 8. XXX. und 470 Seiten. 1867, Brochirt fl. 3. 36 oder Thlr. 
2. 4. Gebunden fl. 4. — oder Thlr. 2. 10. Verlag von Jos. Ant. Finsterlin. 



Anzeigen. 283 

Die Direction der Liebigs Extract of Meat Comp. (Ld), London 

hat den Preis für 

Fleiscli - nExtract 

namhaft ermässigt. 

Wir bringen denselben, nachdem er bereits von uns in der Bunz- 
lauer Pharm, Zeitung und in der Leipziger Apotheker -Zeitung veröffent- 
licht worden ist, hierdurch noch zu Ihrer speciellen Kenntniss, und hofien, 
dass die nun erreichte Billigkeit des Artikels zu einem recht lebhaften 
Verbrauche Yeranlassung geben wird. 

Detail -Preise für ganz Deutschland: 
95 Ngr. pro i'i Pfund. — 50 Ngr. pro i 2 Pfund. — 271/2 Ngr. pro 1/4 Pfund. — 
15 Ngr. pro i,g Pfund engl. 

Unsere Preise für Wiederverkäufer: 
75 Ngr. in Vi P^und — 80 Ngr. in 1/2 Pfund — 86 Ngr. in V4 Pfund — 

89 Ngr. in Vs Pfund bei 5— 24 Pfund. 
73 Ngr. in i/j Pfund — 78 Ngr. in V2 Pfund — 84 Ngr. in 1/4 Pfund — 

87 Ngr. in 1 « Pfund bei 25 - 49 Pfund. 
71 Ngr. in Vi Pfund — 76 Ngr. in V2 Pfund — 82 Ngr. in V4 Pfund — 
85 Ngr. in ^ g Pfund bei 50 Pfund und mehr. 
Alle Preise verstehen sich per Casse. 

Leipzig, im Januar 1869. Brückner, Lampe & Comp. 



Liebig's Fleisch-Extract 

der Liebig's Extract of Meat Company (Ld). 

Es ist in der letzten Zeit von Concurrenten und Nachahmern in 
Marktberichten und Annoncen mehrfach behauptet worden, dass das 
Fleisch-Extract unserer Compagnie nicht aus reinem Rind- 
fleische, sondern aus einer Mischung von Rind- und Schaffleisch berei- 
tet sei ; andere wollen sogar glauben machen , dass es von wildem 
Vieh gemacht werde und dass das australische Vieh Vorzüge habe vor 
dem der la Plata- Staaten. 

Man beabsichtigt damit augenscheinlich das Extract unserer Com- 
pagnie zu verdächtigen, um anderes Extract anzupreisen. 

Die Compagnie, welche in Verbindung mit dem ersten Darsteller des 
Extractes , Herrn Baron von L i e b i g , und als Nachfolgerin der Fray - 
Bentos Societät, die Gründerin dieser Industrie ist, sieht sich aus die- 
sem Grunde veranlasst, das Publicum aufzuklären durch folgende Berich- 
tigung : 

1) Dass weder die Fray-Bentos Societät, noch die Lieb ig' s Extract of 
Meat Compagnie jemals Fleisch-Extract aus gemengtem Rind- und Ham- 
melfleisch bereitet und dass sie nur Extract aus reinem Rindfleisch 
in den Handel gebracht hat. 

(Es wurde nur einmal ein Quantum von circa 400 Pfund Extract 
aus reinem Hammelfleisch versuchsweise und zu wissenschaftlichen Zwecken 
fabricirt.) 

2) Dass es in den la Plata - Staaten schon lange kein wildes Vieh 
mehr giebt und dass dasselbe dort in gleicher Weise wie in Australien 
im Freien gehalten wird. 



284 Anzeigen. 

3) Dass alles Extract unserer Compagnie ohne Ausnahme durch 
die Herren Professoren Freiherr J. von L i e b i g und Dr. M. von P e t - 
tenkofer statutenge mäss analysirt und gutgeheissen werden muss, 
bevor es in den Handel kommt, und dass sich deren Unterschrift als 
Bürgschaft für die Reinheit und Güte des Extracts auf jedem Topfe 
befindet. 

Wir erlauben uns dieser Berichtigung noch folgende Thatsachen hin- 
zuzufügen. 

Es ist hinlänglich bekannt, dass die Pampas von Südamerica bei 
weitem das schönste und ausgedehnteste Weideland der Welt bilden und 
das dortige Vieh, von der edelsten spanischen und englischen Race abstam- 
mend, unter dem Einflüsse des gemässigten Klimas und der besseren 
Weide grösser und schöner als in Australien ist. Der Beweis des grösse- 
ren und schöneren Vieh - Schlages am la Plata liegt evident in den grösse- 
ren Häuten im Vergleiche zu denen der australischen. Es ist ferner eine 
Thatsache, dass der Export von Häuten aus Australien sich zu dem aus 
Südamerica wie circa 1 zu 10 verhält, was wohl genügend für den Reich- 
thum und die Güte unserer Fleisch - Bezugs - Quelle spricht. 

Wir müssen ausserdem noch bemerken, dass unsere Compagnie in 
Fray- Bentos die specielle Einrichtung getroffen, dass sie auf ihrem 
Weide -Areal von circa 60,000 Acres immer einen Vorrath von circa 
20 — 30,000 Stück Vieh hält, um dasselbe vor der Schlachtung stets in 
guter Condition zu erhalten, was auf die Qualität des Extracts einen 
wesentlichen Einfluss hat und eine unerlässliche Vorbedingung guter Fa- 
brication ist. 

Es wird einem Jeden erklärlich sein, dass es für Einzelne sehr 
schwierig oder gar unmöglich ist, ein Areal von nahe 100 englischen 
□ Meilen zu erwerben und ein so bedeutendes Capital für Anlagen und 
Betrieb zu verwenden, wie es die Compagnie thut, und gerade dieses ist 
von höchster Wichtigkeit, um den Anforderungen einer vorzüglichen. 
Fabrication von Fleisch - Extract genügen zu können. Die Maschinen 
und Apparate der Compagnie , welche meistens Erfindungen des Herrn 
Giebert sind und von demselben praktisch verbessert wurden, sind ausser- 
dem eigenthümlicher Construction und das Geheimniss der Compagnie. 

Eine nächstens im Drucke erscheinende Beschreibung nebst Abbildung 
der Etablissements der Compagnie in Fray -Bentos wird es einem jeden 
Consumenten deutlich machen, mit welcher gewissenhaften Vorsicht und 
Reinlichkeit die Bereitung des Extracts daselbst stattfindet und in einer 
Vollendung, wie sie kein zweites Etablissement aufzuweisen hat. 

Eine eclatante Anerkennung der Superiorität der Qualität unseres 
Extractes in Vergleich zu allen anderen ähnlichen Producten wurde unse- 
rem Extracte bereits durch Verleihung von zwei goldenen Medaillen auf 
der Pariser Ausstellung von 1867 und so eben auf der Exposition 
maritime in Hävre ebenfalls durch Zuerkennung der goldenen Medaille 
zu Theil. 

London, November 1868. 

Die Direction 
der Liebig's Extract of Meat Company (Ld). 



Uall6, tlrück der SVaiseuluiuD-ßuchclrückferfei: 



ARCHIV 



DER 



PHARMACIE 

Eine Zeitsclirift 

des 

allgemeinen deutschen Apotheker -Vereins^ 

Abtheilung Norddeutsch! and. 



Herausgegeben vom Directorium unter Redaction 



von 



H. Ludwig. 



XIX. Jahrgang. 



Im Selbstverlage des Vereins. 
In Ooramission der Buchhandlung des Waisenhauses in Halle a/S 

1869. 

Wittstock'sches Vereinsjahr. 



ARCHIV 



DER 



PHARMACIE. 



Zweite Reihe OXXXYIII. Band. 
Der ganzen Folge CLXXXVIII. Band. 



Unter Mitwirkung der Herren 

R. Bender, H. BSlmke -Reich, Dragendorff, Euders, A. Faust, 

Flttckiger, W. A. Herl), L. Hoffmaim, Horuemaim, Klotz, Köhler, 

Martensoii, Ney, J. Philipps, C. Schacht, F. Schulze, 

R. Theile, 

herausgegeben vom Directorium unter Redaction 



H. Ludwig, 



Wittstock'sches Vereinsjahr. 



Im Selbstverlage des Vereins. 
In Commission der Buchhandlung des Waisenhauses in Halle a S. 

1869. 



ARCHIV DER PHARMACIE. 



^ 



OLXXXYIII. Bandes erstes und zweites Heft. 

A. Originalmitthellungen. 

I. Clieiiiie und Pharmacie. 
lieber die Thermen yon Bertrich. 

Von E. Bender in Coblenz. 

Bertrich, ein Dorf etwa 7 Yg Meilen von Trier und 9 Mei- 
len von Coblenz entfernt, liegt an dem Südostrande der Vul- 
kanspalte der Vordereifel und ist besonders seiner warmen 
Quellen wegen bekannt. Dieselben sind die einzigen, welche 
auf ziemlich weite Entfernungen hier hervortreten. Die näch- 
sten sind Ems an der Lahn und Neuenahr bei Ahrweiler. 
Die Thermen von Bertrich waren schon den Römern bekannt 
geworden bei ihren Heerzügen über die Eifel und Moselge- 
birge im 2. und 3. Jahrhundert nach Chr., wie dieses in der 
Umgebung von Bertrich aufgefundene Goldmünzen vom Kai- 
ser Vespasian und Constantin bew^eisen. Im 14. Jahr- 
hundert hatte ein Eremit , Namens Bertrich, in diesem 
Thale sich eine Zelle gebaut und nach und nach viele Leute, 
gegen ihre Krankheiten Hülfe suchend, durch das von ihm 
der Quelle gespendete Lob dahin gezogen. In mehren Ur- 
kunden aus dem 14. Jahrhundert wird die Heilquelle Ther- 
mae ad Sanctum Bertricum genannt. 

Im Jahre 1392 wurde Bertrich von Heinrich von 
Pyrmont an den Erzbischof von Trier Werner von Fal- 
ken stein käuflich abgetreten. Der Nachfolger desselben 
Erzbischof Johann von Baden verwendete im Jahre 1456 
die Summe von 16,000 Gulden auf die Wiederherstellung 
der Bäder und baute ein grosses Badebassin als Gemeinde- 

Arch. d. Pharm. CLXXXVIII. Bds. 1. u. 2. Hft. 1 



2 lieber die Thermen von Bertrich. 

bad. Die älteste phj^siscli - chemische Charakteristik des Ba- 
des» Bertrich stammt von L, Thurneiser, knrbrandenburgi- 
schem Leibarzt und Schüler des Paracelsus. Derselbe schreibt 
in seinem Werke: von kalten, warmen, mineralischen und 
metallischen Wassern, Frankfurt 1572: „Zu Bertrich, unge- 
fähr 1^/2 Meilen von der Mosel, in der Grafschaft Mander- 
scheid, da hat ein warmer Quell gutes gesundes Wasser, aus 
dem 4. Grade der Erde herauskommend und enthält die Men- 
sur (16 Loth Nürnberger Markgewicht) 2 part. Quecksilber, 
2 part. Schwefel, 1 part. Lasur, 2 part. Vitriol, 1 part. Niter, 
2 part. Alaun, 13 part. wildes Wasser und wiegt IT^/^g Loth, 
oder eine Maass von 2 Pfunden 68 ^^/^g Loth. Das Bad 
hat mancherlei Heilkräfte, von wegen seiner wunderlichen 
zusammengesetzten Mineralien." 

Die Quelle kam später in Vergessenheit, bis der kur- 
trierische Leibarzt Eug. Cohausen im Jahre 1741 Ber- 
trich nebst einigen andern Mineralquellen der Eifel ins An- 
denken zurückrief und im Jahre 1 748 die Crenographia Tre- 
virensis Bertlichio-Biresborniensis oder gründliche physikalische 
Untersuchung zweier im Erzstift Trier gelegener, theils war- 
mer, theils kalter Gesundbrunnen, herausgab. Für diese Heil- 
quelle begann jedoch erst 1770 unter der Eegierung des 
letzten Kurfürsten von Trier, Clemens Wenzeslaus, 
eine neue und glänzendere Epoche. Der Fürst Hess die dop- 
pelte Quelle bis tief in den Felsen hinab in solider Weise 
fassen, errichtete das jetzige Kurhaus und Badegebäude, 
sorgte für ein grosses Gasthaus und Wohnungen für die 
Badegäste. Der Kurfürst stellte ferner einen besoldeten Bade- 
arzt und Apothekergehülfen an. Letzterer musste während 
der Sommermonate mit den nöthigen Arzneien aus der Apo- 
theke von Cochem versehen sein. 

Durch den Ausbruch des französischen E-evolutions- 
krieges, welcher den Kurfürsten vertrieb, gerieth auch das 
Bad wieder in Verfall. Doch ist es besonders anzuerkennen, 
dass unter der französischen Regierung der Präfect Lezay- 
Marnesia die Wiederherstellung Bertrichs und die Ver- 
schönerung seiner Anlagen mit vielem Eifer betrieb. 



lieber die Thermen von Bertrich. 3 

Im Jahre 1815 wurde Bertrich der preussischen Re- 
gierung zugetheilt und die Administration seiner Badeanstalten 
wurde unter das Ressort der Königl. Regierung zu Coblenz 
gestellt. Seit dieser neuen Epoche ist viel für die Ausstat- 
tung mit neuen und verbesserten Einrichtungen geschehen 
und noch Mehres lässt sich von der fortgesetzten Sorgfalt 
der Regierung für seine Aufnahme erwarten. Es sind pracht- 
volle Parkanlagen , bequeme Promenaden bis 400 Euss hoch 
ansteigend geschaffen, ein neues Badehaus und eine Molken- 
anstalt errichtet, eine neue Kirche im Bau begriffen. Die 
Quellen von Bertrich liegen 496 Euss über dem Spiegel der 
Nordsee und entspringen aus dem Thonschiefer. Die Garten- 
quelle westlich vom Kurhause, die Berg- oder Trinkquelle 
östlich davon. Erstere findet sich in einem 44 Euss tiefen 
Brunnen und ist kürzlich neu gefasst worden. Die Tempera- 
tur der Trinkquelle ist 25,8^ R. Beide Quellen kommen 
wahrscheinlich aus einer gemeinschaftlichen Stammquelle und 
sind bei der im Jahre 1786 vorgenommenen Eassung und Lei- 
tung in einen Kanal vereinigt worden, indem beide sich in 
Temperatur und Qualität vollkommen gleichen. 

Das Bertricher Thermal wasser wurde im Jahre 1826 
vom Apotheker Eunke in Linz zuerst einer Untersuchung 
unterworfen. Derselbe fand in 16 Unzen des Wassers: 

Schwefelsaures Natron 

Chlornatrium 

Kohlensaures Natron 

Kohlensauren Kalk 

Kohlensaures Eisenoxydul 

Thonerde 

Kieselerde 

Kohlensaures Lithion 

Schwefelwasserstoff 

Kohlensäure 

Summa d. Bestandtheile : 12,292 Gran. 
Spec. Gewicht des Wassers 1,0016. 

Das Bertricher Thermal wasser wurde später von C. 
Mohr analysirt. Derselbe Chemiker fand in 10,000 Theilen 

1* 



3,260 


Gran. 


0,585 




7,645 




0,708 




0,028 




0,008 




0,008 




Spurer 


i. 


Spuren 


i. 


0,055 


KubikzoU. 



14,146 


Gran. 


6,684 




2,837 




1,250 




0,987 




0,585 




0,368 




0,636 





4 Ueber die Thermen von Bertrich. 

des Wassers, die kohlensauren Salze als einfache Carbonate 

berechnet : 

Schwefelsaures Natron 

Chlornatrium 

Kohlensaures Natron 

Kohlensauren Kalk 

Magnesia 

Thonerde 

Kieselerde 

Organische Substanzen 

Spuren von Eisen. 

Summe d. Bestandtheile : 27,493 Gran. 

Freie und halbgebundene Kohlensäure 17,328% ^^^ 
Yolum des Wassers von O^K und 28 Zoll Barometerstand. 

Das Bertricher Wasser wurde zuletzt von Professor 

Fr. Mohr analysirt und enthalten nach ihm 10,000 Theiie 

desselben: 

Schwefelsaures Natron 

Chlornatrium 

Kohlensaures Natron 

Kohlensauren Kalk 

Kohlensaure Magnesia 

Thonerde 

Kieselerde 

Organische Substanzen 

Eisen 

Lithion 

Summe d. festen Bestandtheile: 16,9669 Gran. 

Freie und halbgebundene Kohlensäure 21,660 Procent 
vom Yolum des Wassers bei 28 Zoll Barometerstand. 

Die vom Wasser aufgenommenen organischen Bestand- 
theile, früher Baregin genannt, sind in mehren warmen Quel- 
len Frankreichs (Bareges) und Deutschlands beobachtet wor- 
den; es sind mikroskopische Gebilde, die sich fortpflanzen 
und zu der Klasse der Conferven und Oscillatorien gehören. 

Eine spectralanalytische Untersuchung des Abdampfrück- 
standes des Thermalwassers ergab ebenfalls die durch die 



8,8295 


Gran. 


4,1768 




1,5939 




0,7822 




0,6203 




0,3367 




0,2305 




0,3970 




Spuren. 





Ueber die Thermen von Bertrich. 5 

gewöhnliche Analyse aufgefundenen Bestandtheile. Zu bemer- 
ken ist das Vorhandensein von Lithiumverbindungen, sowie 
das gänzliche Fehlen der Kalisalze in dem Mineralwasser. 

Was kurz die interessanten geognostischen Verhältnisse 
der nächsten Umgebungen von Bertrich anbetrifft, so wird 
B. von dem üesbache durchflössen, welcher 6 — 700 Fuss 
tief in das Plateau einschneidet und bei Alf mit einem Ge- 
fälle von 200 Fuss sich in die Mosel ergiesst. Die Abhänge 
des Uesthales bei Bertrich sind sehr steil, mit Felsen von 
Thonschiefer und Grauwacke besetzt, darüber erhebt sich das 
Plateau, welches nur allmählig ansteigt. Das Plateau ist 
theilweise mit vulkanischem Tuff bedeckt, theilweise finden 
sich Schlackenkegel vor, unter welchen die Falkenlei zunächst 
zu erwähnen ist. Die 1276' hohe Falkenlei, an der Südost- 
spitze von Bertrich ansteigend, ist ein halbkugelförmiger Hü- 
gel mit einer 150 Fuss hohen Felswand nach Südosten, 
welche aus theils lose über einander gehäuften, theils fest 
zusammengesinterten Schlacken besteht und äusserlich eine 
gelbröthliche Farbe zeigt. Diese gehört nicht dem Gesteine, 
sondern einem zusammenhängenden Ueberzuge einer Flechte, 
Lecanora saxicola Ach. an, welche mit Verrucarien und 
Grimmien dieselbe reichlich überzieht. Die blasige Beschaffen- 
heit der Schlacken, aus denen der Hügel besteht, erzeugt in 
einer natürlichen Höhle, welche 120 Fuss unter der Spitze 
liegt, durch Verdunstung des eindringenden Wassers eine 
sehr niedere Temperatur, sodass der Name Eishöhle darauf 
angewandt wird. 

Die Schlaokenfelsen der Falkenlei sind ferner stellen- 
weise mit Auswitterungen eines Salzes bedeckt, welches die 
Zersetzung des Gesteines durch die Luft und das eindrin- 
gende Wasser bekunden. Das Salz besteht aus salzsauren - 
und schwefelsauren Salzen von Thonerde, Kalk, Magnesia, 
Kali und lis^atron, sowie einer nicht näher bestimmten organi- 
schen Substanz. Auch kohlensaurer Kalk bedeckt die Ober- 
fläche der Schlacken in kleinen Partieen. 

In einer Höhe von 577 Fuss liegt die sogenannte Käse- 
grotte; es ist dieses ein 7 — 8 Fuss hoher und breiter Gang 



6 Die in Zuckersyrup u. Glycerin lösl. Modification d. Eisenoxydhydrates. 

aus senkrechten Säulen von Basaltlava gebildet, dessen Wände 
ganz mit Marchantia conica bedeckt sind, welches dem Gan- 
zen eine gelb - grünliche Earbe verleiht. Die Säulen sind 
durch horizontale Ablagerungen gegliedert, welche über ein- 
ander geschichteten Käsen nicht unähnlich sind. 

An der Südwestseite von Bertrich, umgeben von Schlacken 
und Blöcken, liegt der sogenannte Bömerkessel, ein kleiner 
Teich, welcher die niedrigste Stelle des Bertrichthaies ein- 
nimmt. 



lieber die in Zuckersyrup und Olycerin l(5sliche 
Modification des Eisenoxydhydrates. 

Vorläufige Mittheilung 

von Dr. H. Köhler, Docenten der Pharmakologie und Toxikologie, 
und Dr. H. Hörnern an n, Apotheker zu Halle.*) 

Sowohl Fleischer's Eisenoxydsaccharat - Capseln , als 
Wagner 's und Grossinger's „Ferrum oxyd. dia- 
lysatum" bestehen der Hauptsache nach aus einem sehr 
basischen Oxychlorid des Eisens, schmecken, nament- 
lich das zuletzt genannte Präparat, styptisch, schwärzen, ohne 
dieselben wesentlich zu corrodiren, die Zähne, und gehen 
zum Theil in einen gelatinösen und das Dispensiren so sehr 
erschwerenden Zustand über, dass beispielsweise das E. dia- 
lysatum von Handlungen, welche dasselbe angeboten, gegen- 
wärtig nicht mehr geliefert wird. Da ferner dem Einen von 
uns die Bereitung eines klaren, säurefreien, nur nach Zucker 
schmeckenden und angeblich 2 Procent eines mit 3 Aequi- 
valenten Wasser verbundenen Eisenoxyds enthaltenden Sy- 
rups nach Hager' s Vorschrift nicht gelungen war, so 
wurde die Darstellung eines, allen oben bezeichneten, an das- 
selbe zu stellenden Anforderungen entsprechenden Eisenoxyd- 



*) Von den H. H. Verfassern als Separat - Abdruck aus der Berliner 
klinischen Wochenschrift mitgetheilt. 



Die in Zuckersyrup u. Glycerin lösl. Modificatiou d. Eisenoxydhydrates. 7 

saccharates nach einer der (uns damals noch unbekannten) 
Siebert' sehen sehr ähnlichen Methode mit positivem Resul- 
tate versucht, jedoch anstatt des von S. empfohlenen Eisenoxyd- 
nitrates Eisenchlorid und anstatt der mindestens 20 pCt. hal- 
tigen Ammoniakflüssigkeit officinelle Natronlauge angewen- 
det. Wiewohl nach beiden Vorschriften ein bis zu 30 pCt. 
Fe^O^ enthaltendes, tadelloses Präparat erhalten werden kann, 
müssen wir doch auch jetzt noch einen besonderen, in der 
Wahl des Eisenoxydnitrates beruhenden Vorzug, es sei denn 
der sehr zweifelhafte, dass im ausgefällten Eisenoxydhydrate 
Spuren von Salpetersäure weit schwieriger, als Chlorwasser- 
stoffsäure nachweisbar sind, in Abrede stellen. Ausserdem 
jedoch trifft beide Methoden, des dazu erforderlichen und des 
Wiederabdestillirens ohnerachtet, in beträchtlichen Mengen 
verloren gehend en Alkohols wegen, der Vorwurf 
der Kostspieligkeit, und wird desswegen die Darstel- 
lung des Eisenoxydsaccharates nach der uns eigenthümlichen 
Vorschrift folgendermassen bewerkstelligt. 

Eerrum sesquichloratum solutum und Syrupus sacch. 
werden zu gleichen Gewichtstheilen vermischt, bis zur Aus- 
scheidung des Eisenoxydhydrats mit Natronhydrat versetzt, 
und von letzterem ein solcher Ueberschuss, dass der entstan- 
dene Niederschlag sich wieder vollständig klar auflöst, zuge- 
fügt. Auf die Wiedergewinnung dieses in Lösung gegange- 
nen und, wie alsbald gezeigt werden wird, von dem gewöhn- 
lichen Eisenoxydhydrate durch einen grösseren Gehalt an 
Hydratwasser abweichenden und sowohl in Zuckerwasser 
als in Glycerin löslichen Eisenoxydes kommt es hier beson- 
ders an, und fällt die Darstellung eines Eisenoxydsaccharates 
auch desswegen um so weniger in's Gewicht, als dasselbe 
jedenfalls nicht als solches resorbirt^ sondern, ehe es in's Blut 
tritt, im Magen verändert wird. Dieses Geheimniss der Wie- 
derabscheidung des löslichen Eisenoxydes besteht darin, dass 
die abfiltrirte, Zucker, Natronhydratüberschuss und gebildetes 
Chlornatrium neben Fe^O^ enthaltende Flüssigkeit mit viel 
destillirtem Wasser vermischt und einige Zeit im Sieden 
erhalten wird. Die Gegenwart eines neutralen Salzes, des 



8 Die in Zuckersyrup u. Glycerin lösl. Modification d. Eisenoxydhydrates. 

KaCl, in der Mischung genügt alsdann, alles Eisenoxydhy- 
drat in der in Zucker löslichen Modification zu präcipitiren, 
und bleibt jetzt nur noch übrig, den Niederschlag abzufiltri- 
ren, bis das ablaufende Filtrat durch Silbersalpeter nicht 
mehr getrübt wird, auszusüssen, den Rückstand in Zucker - 
Pulver aufzunehmen, die Lösung im Wasserbade zur Trock- 
niss einzudampfen und das so zubereitete Präparat zu pul- 
verisiren. 

Das nach dieser Vorschrift dargestellte Eisenoxydsaccha- 
rat zeigt folgende, zur Controle seiner Reinheit dienende 
Eigenschaften: 

1) es giebt mit Wasser eine gelbbraune, vollkom- 
men klare und durchsichtige, chemisch indiffe- 
rente, nicht im Geringsten styptisch, sondern nur 
nach Zucker schmeckende Auflösung, Vielehe 
weder beim Verdünnen, noch in der Kochhitze 
Eisenoxydhydrat fallen lassen darf; 

2) in dieser Solution ist die Gegenwart des Eisen- 
oxydes durch keines der gewöhnlichen Reagen- 
tien, wie phosphor -, kohlen-, benzoe-, bemstein- und gerb- 
saures Alkali, Rhodankalium, Kalium eis encyanür und arsen- 
saures Kali, nachweisbar, und werden nur durch 

Schwefelammonium und 
Galläpfeltinctur 
die bekannten Pällungen bewirkt; 

3) mit der wässrigen Auflösung des zweiba- 
sisch phosphorsauren Natrons versetzt, darf 
weder in der Kälte, noch in der Siedhitze eine 
Ausscheidung von Eisenoxydhydrat erfolgen; 

4) dagegen ruft das der E isenoxy dsacchar at- 
lösung zugefügte Minimum eines neutralen Sal- 
zes (die Verbindungen der Jod-, Brom-, Chlor-, Cyanwas- 
serstofFsäure , Jodsäure, jodigen Säure, Chlorsäure, Schwefel- 
säure und unterschwefligen Säure, Salpeter- und Phosphor- 
säure wurden in ihrem Verhalten geprüft) beim Kochen 
und Verdünnen der Mischung sofortige, beim 
Stehenlassen der concentrirten Mischung allmä- 



Die in Zuckersyrup u. Glycerin lösl. Modification d. Eisenoxydhydrates. 9 

lige Abscheidung des gesammten, in Lösung ge- 
gangenen Eisenoxydhydrates hervor, und beruht 
hierauf die oben angegebene Darstellungsweise. Kaliumeisen- 
cyanür und Rhodankalium verhalten sich dem Eisenoxyd- 
saccharat gegenüber wie Neutralsalze. 

5) Der Eisenoxydsaccharatsolution zugesetzte concen- 
trirte Mineral- und organische Scäuren bewirken 
Ueberführung der in Zucker löslichen Modifi- 
cation des Fe^O^ in die gewöhnliche, ein Vorgang, 
welcher sich durch Entfärbung der Mischung und dadurch 
kund giebt, dass das Fe^O^ in letzterer wieder durch die 
gewöhnlichen Reagentien, namentlich durch Rhodankalium 
und Kaliumeisencyanür nachw^eisbar ist (Gerbsäure verhält 
sich wie die übrigen organischen Säuren und präcipitirt 
gerbsaures Eisenoxydoxydul). 

6) Bitterstoffe, wie Salicin , Cetrarin etc. ; ferner 
Digitalin und die eigentlichen (stickstoffhaltigen) 
Pflanzenalkaloide — namentlich diejenigen des Opium 
— endlich kleine Mengen ätherischer Oele scheiden 
das Eisenoxydhydrat in der löshchen Modification aus der 
Saccharatlösung ab. 

Dass nicht die Gegenwart organischer Substanz, sondern 
ein höherer Gehalt des mit letzterer verbunde- 
nen Fe^O^ an Hydratwasser die von denen des gewöhn- 
lichen Fe^O^ so wesentlich abweichenden Eigenschaften des- 
selben bedingt, wird dadurch erweislich, dass das durch Farbe 
und Durchsichtigkeit in dünnen Schichten vom gewöhnlichen 
Pe2Q3 verschiedene, durch Zufügung einer Spur irgend eines 
Neutralsalzes zur Saccharatlösung ausgefällte und abfiltrirte 
Eisenoxydhydrat beim Trocknen im Luftbade 
(110^ C.) seine Löslichkeit in Zucker und Glycerin 
einbüsst. Die Bestimmung dieses Hydratwassers durch 
Entziehung desselben mittelst absoluten Alkohols und Ver- 
drängung dieses durch Aether lieferte keine günstigen, über- 
einstimmenden Resultate, und musste durch Bemühungen des 
Einen von uns (Hornemann) auf einem Umwege folgender- 
massen ausgetührt werden. Das frisch gefällte Eisenoxyd- 



10 Die in Zuckersyrup u. Glycerin lösl. Modification d. Eisenoxydhydrates. 

hydrat wurde in einer Reibschale vertheilt und unter beständigem 
Reiben bei der Temperatur eines warmen Sommertages die mög- 
lichste Verdunstung des Wassers angestrebt. IJm den Wasser- 
gehalt, bei welchem das in Rede stehende Eisenoxydhydrat 
in Zucker auflöslich zu sein aufhört, zu ermitteln, wurden 
von Zeit zu Zeit Proben, in denen der Wassergehalt quan- 
titativ bestimmt worden war, auf ihre Löslichkeit in Zucker 
untersucht, und hierbei gefunden, dass, während bei einem 
Gehalte von 7,2, 7,03 und 6,6 Aequiv. Wasser die Löslich- 
keit in Zucker eine vollkommene ist, sich ein Fe^O^, wel- 
ches mit 5,8 Aequiv. Wasser verbunden ist, in Zucker nicht 
mehr klar auflöst. Hieraus dürfte der Schluss zu ziehen 
gestattet sein, dass das in Zuckerund Glycerin lös- 
liche Eisenoxydhydrat 6 Aequivalente Wasser 
enthält. 

Die vielseitige Anwendbarkeit des Saccha- 
rates desselben zu Heilzwecken wird sich in der 
Kürze aus folgenden pharmakologischen Eigenschaften ergeben: 

a) es erfüllt das pium desiderium eines leicht löslichen, 
geschmacklosen, reinen Eisenpräparates; dass es resorbirt 
wird und in das Blut übertritt, geht aus seiner nachweisba- 
ren Ausscheidung im Nierensecrete hervor. 

b) Nach mehrwöchentlichem Gebrauche des im 
Vergleich mit den officinellen Eisentincturen eisenreichen 
(2 pCt. haltigen) Eisenoxydsaccharat - Syrups , oder der aus 
dem 10 pCt. Ee^O^ haltigen Saccharat gefertigten, wohl- 
schmeckenden Trochiscen treten Zungenbeleg, Schwär- 
zung der Zähne und Stuhlverstopfung so wenig 
ein, dass das Mittel von chlorotischen, durch 
Blutungen bei Abortus geschwächten und leicht 
erregbaren Erauen, Eeconvalescenten und zarten 
Kindern stets vertragen wird, und höchstens , wenn 
es Neigung zu leichter Diarrhöe verursachen sollte, 
dann und w^ann auf Tage ausgesetzt werden muss. 

c) Wiewohl das frisch gefällte Fe^O» -f 6H0 in Gum- 
milösungen, Amylum, Dextrin, löslichen Protein Verbindungen, 



Die in Zuckersyrup u. Glycerin lösl. Modification d. Eisenoxydliydrates. 11 

Leim und Fleischextractivstoffen unlöslich ist, bewirken die 
mit der Eisenoxydsaccharatsolution vermischten Auflösungen 
der eben genannten Stoffe eine Ausscheidung von Fe^O^+ßHO 
nicht, und können hiernach frische, alkalisch reagi- 
rende Milch (für Kinder), oder Arowr ootabkochung, 
Mehl- und Fleischextract-Suppen, Bouillon, Kaffe 
und Chokolade, deren Wohlgeschmack durch Zusatz die- 
ses Eisenpräparates durchaus nicht verdorben wird, als Ve- 
hikel desselben dienen. 

d) Soll das Eisenoxydsaccharat als tonisiren- 
des, antidyscrasisches , antichlorotisches etc. Mittel gegeben 
und mit Amaris verbunden werden, so kann es den 
Infusen der Gentiana, Juglans, Quassia, Menyan- 
thes trifol. , oder dem Colombo-Aufguss nach Er- 
kalten der Colatur zugesetzt, oder mit den Extracten 
dieser Mittel zu Pillen verarbeitet gereicht werden. Die 
Bestandtheile der Chinarinden dürfen, da sie Ee^0^4- 6H0 
aus den Saccharat enthaltenden Infusen ausscheiden, nur in 
Pillenform mit dem Eisenoxydsaccharat gleichzeitig verordnet 
werden. Dagegen sind alle Sorten Wein als Vehikel 
des Eisenoxyd-Saccharats geeignet. 

e) Will man das eben genannte Präparat zur Beseiti- 
gung auf A tonie der Digestionsorgan e beruhen- 
der Dyspepsieen in kleinen Dosen anwenden und mini- 
male Mengen zu den Stomachicis oder Gewürzen 
gehörender Mittel zusetzen, so muss dies, mit Ausnahme von 
Cortex aurantiorum und C. Cassiae cinnamomeae, 
deren erkaltete Infusa als Vehikel dienen können, des 
Gehaltes obiger Medikamente an ätherischen Oelen wegen 
in Pulverform geschehen. 

f) Zur Erfüllung der Indication eines adstringi- 
renden Mittels darf das Eisenoxy d-Saccharat mit 
den Infusen der gerbs toffh altigen Binden, welche 
dadurch ein dintenartiges Aussehen bekommen, überhaupt 
nicht verbunden werden. Am besten eignete sich noch 
das Infus, r a d i c. B a t a n h a e als Vehikel. Uebrigens 
kommen dem Eisenoxydsaccharate als solchem secretions- 



12 Ueber die "Wiedergewinnung des Silbers aus den Cyansilberbädern. 

beschränkende, zusammenziehende oder Blutungen stillende 
Eigenschaften nicht zu. 

g) Mit Eesolventien und Lebermitteln (Aloe, 
Galle, -Extr. Taraxaci, Carduus benedict. etc.) kann dasselbe 
nur in Pillenform und mit Jodkalium Solution nur so, 
dass es als (2 pOt.) Syrup hinterher genommen wird, zugleich 
angewandt werden. 

h) Als Antidot gegen Arsenik wird das Eisen- 
oxyd saccha rat alle übrigen Eisenprä paratever- 
drängen. Kaninchen, welche bis 0,1345 Grrm, AsO^, und 
in Pausen von zehn Minuten vier Dosen von je 2 Grm. Ei- 
senoxydsaccharat als G-egengift erhalten hatten, frassen bereits 
nach 18 Stunden wieder; am Tage der Vergiftung war die 
Harnmenge sehr gering und das Secret eiweisshaltig. I^ach 
18 Stunden wurde jedoch auch die Harnentlee- 
rung regelmässig und waren sow^ohl Arsen, als Ee^O^, 
welches in saurer Lösung (als Saccharat der mit 6H0 ver- 
bundenen Modification) mit der AsO^ einen unlöslichen Nie- 
derschlag giebt, im Harne nachzuweisen. 
Halle, den 15. Juli 1868. 



lieber die Wiedergewinnung' des Silbers aus den 
Cyansilberbädern. 

Von J. N e y , Goldarbeiter in Saarlouis. 

Bei der Fabrikation von Christofle - Waaren kommt es 
vor, dass das Cyan-Silberbad zuletzt so verdorben, dass 
es zur ferneren Versilberung unbrauchbar ist. Das in dem 
Eade noch befindliche Silber wieder zu gewinnen , sind 
bis jetzt vielerlei Vorschläge gemacht worden, die alle sehr 
umständlich , kostspielig und mitunter unpraktisch sind , da 
man es mit grossen Quantitäten Flüssigkeit (Hunderten von 
Quart) zu thun hat. 

Die meisten Vorschläge laufen darauf hinaus, das Bad 
zur Trockne abzudampfen, den E,ückstand mit Beductionsmit- 
tel im Tiegel zu schmelzen u. s. w. In den Handbüchern, die 



Ueber Werth - Bestimmung der Seifen. 13 

die Reduction der Silberbäder besprechen, heisst es überall: 
bei Flüssigkeiten, die das Silber als einfaches Salz gelöst 
enthalten, genügt es, Salzsäure zuzufügen, um das Silber als 
Chlorsilber zu fallen. Flüssigkeiten dagegen, welche das Sil- 
ber als Doppel cyanür enthalten, müssen anders behandelt 
werden, d. i. abgedampft u. s. w. 

Dem ist nicht so. Es gelingt ebenso gut, mittelst Salz- 
säure, alles Süber als Chlorsilber auszufällen, welches man 
nach dem Auswaschen, sofort zur Bereitung neuer Bäder 
anwenden kann, wenn man das Bad mit der 5 bis 
Gfachen Menge Wassers verdünnt, und Salzsäure 
zufügt. 

Die Fabrikation Yon Christofle - Waaren wird jetzt schon 
vielfach von kleinen Gewerbetreibenden ausgeübt, die sich in 
schwierigen Fällen gewöhnlich beim Apotheker Baths erholen. 
Vielleicht dürfte Obiges dazu beitragen, Manchen, der bisher 
die alten Cyansilber - Bäder verzettelte, vor Schaden zu 
bewahren. 

Saarlouis, den 9. Februar 1869. 



lieber Werth - Bestimuumg der Seifen. 

Von Franz Schulze in Rostock. 

Bei einer Menge von Gegenständen hat die Naturwissen- 
schaft der Technik, dem Handel und Verbrauch durch Auf- 
stellung sicherer is^ormen der Werthschätzung wichtige 
Dienste geleistet. Manche dieser Hülfen sind so populär 
geworden, dass man sie als selbstverständlich hinnimmt und 
des grossen Aufwandes an wissenschafthcher Thätigkeit, welche 
zu ihrer Auffindung erforderlich war, kaum noch eingedenk 
ist oder sie wohl gar als Errungenschaften der empirischen 
Technik rühmt gegenüber den Ausgeburten unfruchtbarer 
Theorie. Als Beispiele , auf welche hinzuweisen genügt, 
können die Alkoholometrie und aus neuerer Zeit die auf che- 
mische Untersuchung sich gründende Beurtheilung der Hülfs- 
dünger und der Futtermittel angeführt werden. Viele wich- 



14 üeber "Werth - Bestimmung der Seifen. 

tige Handelswaaren entbehren noch solcher Hülfe. Das Be- 
dürfniss danach wird nicht selten angeregt durch Fälschungen, 
welche eine auf diesen sittlichen Abweg sich verirrende Industrie 
mit ebensoviel Unverschämtheit wie Raffinement einzuschmug- 
geln versucht. Dass Meklenburg ein Terrain ist, wo auswär- 
tige Fäischungs- Industrie sich gute Ernte verspricht, muss 
man begreiflich finden, wenn man vergebens nach landwärth- 
schaftlicher Lehranstalt, Versuchsstation und anderen Sympto- 
men des Zusammenhanges in dem Hauptgew^erbe des Landes 
mit den grossen naturwissenschaftlichen Strebungen der Neu- 
zeit sucht. 

Zu den aus anderen Zollvereinsgebieten und vom Aus- 
lande her neuerdings hier vielverbreiteten Fabrikaten, wobei 
es mehr oder minder auf Täuschung des Pubücums und Prel- 
lerei abgesehen ist, gehört die Seife. Mancher Leser dieser 
Zeilen wird es von vornherein ablehnen, sich hierfür zu inter- 
essiren, da er bisher in dem süssen Wahne gestanden hat, 
dass in seinem eigenen Haushalte das Gewerbe der Seifen- 
fabrikation, wenn auch nur für den Bedarf des Hauses nach 
ausgezeichnetem Becepte und von geschickter Hand betrieben 
werde; ich komme jedoch auf das nach meiner Ueberzeugung 
beste Haushaltungs-Seifenrecept zurück, welches in einer 
früheren Weihnachts - Nummer der „Annalen" mitgetheilt 
wurde, dahin lautend: „man solle die in der Wirthschaft 
angesammelten Fettabfälle an einen soliden Seifensieder ablie- 
fern und sich dafür ein Werthäquivalent an guter Seife 
geben lassen;'^ auch hat sich ja die Privat - Seifenkocherei 
bis jetzt nicht zu den Schmierseifen verstiegen, und gerade 
diesen hat sich die moderne Fälschungs- Industrie mit beson- 
derer Vorliebe zugewendet. 
I Von eigentlicher Fälschung der Seifen, wobei Zusätze 

von Kartoffelmehl, Wasserglas und anderen fremdartigen das 
Gewicht der Seife direct vergrössernden und indirect durch 
reichliche Wasserbindung den Werth herabsetzenden Körpern 
in Anwendung kommen, ist die schon seit längerer Zeit 
übliche Fabrikations - Maxime zu unterscheiden, welche ohne 
solche Zusätze ein dem äusseren Ansehen und Verhalten nach 



Üeber Werth - Bestimmung der Seifen, 15 

den guten Kernseifen ähnliches, aber weniger gehaltvolles, 
die I^ebenbestandtheile der Fabrikationsmaterialien und ver- 
hältnissmässig viel Wasser einschliessendes Product liefert. 
Zu derartigen „ Täuschungs - Seifen " qualificirt sich in beson- 
derem Grade das Cocosfett. Sollen sie für die Toilette die- 
nen, so mögen die Consumenten es mit sich abmachen, um 
wieviel über den wirklichen Werth hinaus sie für das Par- 
füm und für die Annehmlichkeit ausgeben wollen, dass die 
lockere salz-, glycerin- und wasserreiche Seife sich schneller 
als die harte Hausstands - Seife löst und entsprechend leich- 
ter Schaum giebt, dafür aber auch um so rascher consumirt 
wird. Der Mensch ist bekanntlich sehr dazu geneigt, für 
Annehmlichkeit und Befriedigung der Eitelkeit lieber als für 
ernste Dinge Opfer zu bringen. Dies spricht sich u. a. in 
den enormen Preisen aus, welche für die mehr oder minder 
parfümirten und leicht schäumenden Toilette - Seifen gern 
bewilligt werden, während der Hauptzweck einer gründlichen 
Hautreinigung durch gute Talg - Kernseife mindestens ebenso 
gut erreicht wird, und der Gebrauch einer solchen auch nicht 
mehr^ Zeit erfordert , wenn man sich dabei des Schwammes 
oder eines nassen Flanell - Stückes bedient, worauf man etwas 
davon aufreibt. 

Wir gedenken hier noch einzelner mit besonderen Na- 
men belegter Seifen - Arten , deren Werth ein imaginärer ist: 
Glycerin-Seifen sind in letzter Zeit ein förmlicher Mode- 
artikel gewesen und sind es zum Theil noch, obschon das 
Glycerin die eigenthche Seife in ihren Wirkungen weder 
ersetzt noch unterstützt. Harz-Seifen täuschen durch 
ihre Wohlfeilheit, der Preis ist aber niemals in dem Verhält- 
niss geringer als die Leistung. Gall-Seifen sollen durch 
Färbung und Namen an die Ochsengalle erinnern, welche, d 
bei ihr die alkalische Nebenwirkung wegfallt oder wenigstei.. 
noch mehr als bei neutraler Seife vermindert ist , zum Wa- 
schen zarter WoU- und Seidenzeuge geschätzt wird; sollte 
bei einer so benannten Seife wirkliche Galle mit Seife com- 
binirt sein, so ist es verhältnissmässig zu wenig, um den 
Zweck zu erfüllen; meistens ist keine Spur von Galle dabei. 



16 Ueber Werth- Bestimmung der Seifen. 

TJeberdies empfiehlt sich besser als Galle überall da, wo es 
nur auf eine von der Eigenschaft des Waschmittels zu schäu- 
men sich herleitende Wirkung abgesehen ist, die saponinhal- 
tige Abkochung der Seifenwurzel oder der Quillaya - Rinde. 

Dem Consumenten kann es gleichgültig sein, ob wegen 
des geringeren Werthes, den eine von ihm gekaufte Seife 
im Verhältniss zum Kaufpreise hat, den Fabrikanten der 
Vorwurf der eigentlichen Fälschung oder einer blossen usuell 
gewordenen vom Publicum förmlich recipirten Täuschung 
trifft. Es muss ihm darum zu thun sein, dass er den wirk- 
lichen Werth sicher beurtheilen könne, oder ein Forum habe, 
von welchem er sich ein solches Urtheil einholen darf. Wel- 
ches ist nun aber der richtige Massstab? und wie wird er 
gehandhabt r Diese Fragen will ich in Folgendem zu beant- 
worten versuchen. 

Die Ermittelung der chemischen Zusammensetzung einer 
Seife, wenn dabei auch nur die Hauptbestandtheile berück- 
sichtigt werden sollen, wird immer einen geübten Analytiker 
und einen zu grossen Zeitaufwand erfordern, als dass man 
erwarten dürfte, es werde auf solche Weise die Werthsprü- 
fung der Seifen allgemeinen Eingang finden. Qualitativ lässt 
sich Einzelnes, namentlich Fälschung betreffend, leicht ermit- 
teln, z. B. das neuerdings sehr allgemein gewordene Ver- 
setztsein der Schmierseife mit Kartoffelmehl — eine in jeder 
Beziehung abscheuliche Verirrung der Industrie — ; (Jie 
mikroskopische Betrachtung einer auf den Objectträger dünn 
aufgestrichenen Probe lässt die Gegenwart der aufgequollenen 
Stärkekörnchen sofort erkennen, und noch deutlicher treten 
dieselben auf Zusatz von etwas Jodtinktur hervor; Wasser- 
glas, dessen reichliche Hineinarbeitung in harte und Schmier- 
seifen jetzt in vielen Fabriken mit grosser technischer Kunst- 
fertigkeit betrieben wird, befindet sich in dem unlöslich blei- 
benden E-ückstande, wenn man die Seifenprobe in heissem 
Weingeist löst, und kann darin durch nachherige Behandlung 
mit etwas Salzsäure erkannt werden. Auch gewisse quanti- 
tative Bestimmungen lassen sich selbst von dem Laien leicht 
ausführen: so namentlich der Wassergehalt an dem Gewichts- 



üeber Werth - Bestimmung der Seifen. 17 

Verluste, den die Seife bei andauerndem Erwärmen erleidet, 
auch wohl die salzigen Bestandtheile, welche als Einäsche- 
run g'srückstand bleiben ; dies genügt aber nicht und auch die 
relativ schwer ausführbare genaue quantitative Bestimmung 
des werthvollsten Theils , der Fettsäure , wwde den Zweck 
nicht ganz erfüllen, da die verschiedenen Fettsäuren oder viel- 
mehr ihre Alkalisalze einen ungleichen Werth für die Wirk- 
samkeit als Seife haben. 

Von der Ansicht ausgehend, dass die Wirksamkeit ui^d 
also der Werth einer Seife nach dem Grade ihrer Leistung 
zur vollständigen Enthärtung des Waschwassers und der 
hierauf folgenden Schaumbildung beim Schütteln zu bemessen 
sei , empfehle ich ein Prüfungs - Verfahren , w^elches gewisser- 
massen die Umkehrung des Princips der Clark' sehen Me- 
thode der Prüfung des Härtegrades von Wasser ist. Von 
der zu prüfenden Seife wird ein bestimmtes Gewichtsquantum 
in heissem Wasser gelöst, die Lösung durch weiteren Zu- 
satz von Wasser auf ein bestimmtes Volumen verdünnt; von 
dieser Lösung nun wird aus einer Bürette, einem graduirten 
unten mit Hahn versehenen Glasrohre, zu dem in einem 
Glaskolben befindlichen abgemessenen Quantum eines ein- 
für allemal bereiteten kalkhaltigen Wassers von bestimmtem 
Kalkgehalt zugelassen, bis nach starkem Schütteln ein Schaum 
sich bildet, welcher binnen 5 Minuten nicht zusammensinkt; 
je weniger von der Seifenlösung hierzu verbraucht wird, um 
so besser ist die Seife und ein Aequivalent- Werthausdruck 
ergiebt sich aus dem Versuche , wenn man berechnet, wieviel 
der verbrauchten Seife auf 1 Gewichtstheil des in dem kalk- 
kaltigen Wasser vorhandenen Kalkes kommt. 

Auf diese Weise habe ich eine Anzahl von Seifen aus 
einer hiesigen Seifenfabrik und vergleichsweise solche, welche 
aus Stettin, Magdeburg, Kiel, Stralsund und Ystad durch 
hiesige Kaufleute vertrieben werden , untersucht. Die Kalk- 
lösung enthielt im Liter 1,6 Gramm CaO; es wurden jedesmal 
3 Cubik - Centimeter derselben abgemessen , dann noch 20 CG 
reines Wasser und etwas Sodalösung zugesetzt, das Gemisch 
enthielt also 4,8 Milligramm CaO; von den Schmierseifen 

Arch. fl. Pharm. CLXXXVIII. Bds. 1. u. 2. Hft. 2 



18 



tJeber "Werth - Bestimmung der Seifen. 



wurden je 5 Gramm auf 100 CG gelöst, so dass also jedes 
CC der Lösung 50 Milligramm Seife enthielt; von den festen 
Seifen wurden je 5 Gramm auf 200 CC gelöst, es waren 
also in 1 CC der Seifenlösung 25 Milligramm Seife. 

Die Versuchs - Resultate sind aus nachstehender Tabelle 
ersichtlich : 



Bezeichnung der Seife nebst Bemer- 
kungen; die hiesigen Fabrikate sind 
mit * bezeichnet. 



Zahl der 
CC Seifenlö- 
sung , auf 
3 CCd. Kalk- 
lösung ver- 
braucht. 



Gewichts- 
theile Seife, 
welche auf 
1 Theil CaO 

kommen. 



Detail- 
preis 
pro 
Pfd. 

Schill. 



1) Reine Kali- Schmierseife, aus 
einer Mischung von Hanf- 
und Leinöl. * 
Wassergehalt 36,9 pCt. 

2) Grüne Schmierseife von aus- 
w^ärts, enthält viel Kartof- 
felmehl. 

3) Grüne Schmierseise von aus- 
wärts, enthält Kartoffelmehl 
und Wasserglas. 
Wassergehalt 42,01 pCt. 

4) Grüne Schmierseife von aus- 
wärts , muthmasslich nach 
demselben Recepte wie Nr. 2 
fabricirt. 

5) Neutrale Talg - Kernseife. * 
Wassergehalt 11,6 pCt. 

6) Neutrale Kernseife aus halb 
Talg halb Palmöl. * 

7) Feste Seife a. Talg u. Cocosöl, 
durch Salz nicht geschieden. * 

8) Stangenseife von auswärts, 
enthält Wasserglas. 
Wassergehalt 25,5 pCt. 

9) Harz-Kernseife von auswärts. 

10) Stark getrocknete Kernseife 
von auswärts. 

11) Cocosseife von auswärts. 

12) Leim -Seife mit dem natür- 
lichen Glyceringehalte. * 



3,5 



4,5 



5,0 



4,5 
4,3 



4,2 

4,7 

7,7 

6,2 

3,8 
11,8 



4,7 



36,46 

46,87 
52,08 



46,87 
22,40 



21,87 

24,48 

40,10 

32,29 

19,80 
61,46 

24,48 



4V2 

4V2 
4V2 



4V2 

7 



XTeber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 19 

Das dem wirklichen Werthe entsprechende richtige Preis- 
verhältniss obiger Seifen würde, wenn für die grünen Seifen 
Nr. 1, für die Kernseifen das Mittel zwischen Nr. 5 und 6 nor- 
mirt, sein müssen für 

Nr. 2 31/2 Schi.*) 

j? ^ ^ /s » 
. 7 6V3 „ 

V ^ ^ IS " 
>' " '* /ö " 

. 11 2V2 „ 

. 12 6V3 „ 
Zu den angeführten Detailpreisen bemerke ich noch, dass 
dieselben, sofern sie zu hoch sind, theils dem auswärtigen 
Fabrikanten, theils dem hiesigen Kaufmann zu Gute kommen, 
da z. B. der Kaufmann dem auswärtigen Fabrikanten für die 
Tonne Schmierseife 16 Thlr. bezahlt, während ihm die bes- 
sere Seife hier mit 17 Thlr. berechnet wird; um dieser Diffe- 
renz willen muss der Consument, welcher vom Kaufmann 
anstatt vom hiesigen Fabrikanten kauft, für das geringere 
Fabrikat denselben Preis bezahlen, w^ofür er das bessere 
haben könnte. 



lieber Albumin und dessen Zersetzungsproducte 

durch Kali. 

Von Dr. R. Theile, 1. Assistent am landwirthschaftl. Institute zu Jena.**) 



I. Darstellung reinen Albumins aus dem Weissen 
des Eies und dessen chemische Untersuchung. 

Für meine Untersuchungen über Entwicklung von Am- 
moniak bei Behandlung reinen Albumins mit einem starken 



*) 8 Schi. = 5 Gr. 

**) Als Separatabdruck aus der Jena'ischeu Zeitschrift f. Medicin 
und Naturwissensch. Bd. III, durch Hrn. Prof. Dr. Reichardt erhalten. 

Die Red. 

2* 



20 üeber Albumin und dessen Zersetzungsproducte dureh Kali. 

Ueberschuss von Aetzkali, deren Resultate ich schon mit- 
getheilt,"^') hatte ich mir grössere Mengen reinen Albumins 
nach einer von den üblichen etwas abweichenden Methode 
dargestellt und lag es daher nahe, mich von der E-einheit 
meines Präparates durch specielle Analysen zu überzeugen. 

Das Weisse von 16 Eiern wurde mit Wasser stark ver- 
dünnt, durch Eühren und Schütteln vom Gewebe befreit und 
die klar überstehende Flüssigkeit in möglichst kurzer Zeit 
filtrirt, um der Zersetzung vorzubeugen. Das wasserklare 
Filtrat wurde in einer ungefähr 8 Liter fassenden Flasche so 
lange mit absolutem Alkohol versetzt, bis keine w^eitere Fäl- 
lung erfolgte. Nach längerem Stehen in der geschlossenen 
Flasche und öfterem Um schütteln wurde filtrirt und das so 
erhaltene flockige Product mit absolutem Aether behandelt 
und zwar mehre Tage, unter öfterem Umschütteln. So 
wurden Fett, Farbstoff und Wasser zugleich entfernt. Die 
abermals filtrirte Masse wurde während eines ganzen Tages 
einem, durch einen Aspirator erzeugten und über Chlorcal- 
cium getrockneten Luftstrome ausgesetzt. Um die Wirkung 
zu erhöhen, wurde die das Eiweiss enthaltende Flasche durch 
Unterstellen einer fortlaufend mit warmem Wasser gefüllten 
Schale auf einer constanten zwischen 40 — 50^ schwankenden 
Temperatur erhalten, so dass der Gerinnungsgrad des Ei- 
w^eisses nicht erreicht werden konnte. Das nun elastische 
und einen Stich ins Graue besitzende, körnige Albumin wurde 
14 Tage über Chlorcalcium stehen gelassen, wobei es hart, 
spröde, weiss und durchscheinend wurde. Mit Wasser dige- 
rirt, wurde aus dem klaren Filtrat durch absoluten Alkohol 
eine flockige Fällung erzielt, es war das Albumin demnach 
in Wasser löslich. 

Die auf solche Weise aus dem Weissen von 16 Eiern 
gewonnene Menge Albumin betrug gegen 20 Grm. 

Zweimal stellte ich mir auf diese Weise grössere Mengen 
Albumin dar, die ich untersuchte. Wie wir sehen werden, 



*) Zeitschrift für deutsche Landwirthe. XVII. Jahrg. Heft X. 



Ueber Albumin und dessen Zevsetzungsproducte durch Kali. 21 

war dus Resultat, dass sich beide Male eine ganz analoge 
Zusammensetzung ergab, unser Albumin also auch keine 
zufälligen Beimengungen haben konnte. 

Aschenbestimmung. 

I. 4,886 Grm. Substanz gaben 0,1145 Grm. Asche = 2,34%. 

IL 1,8675 „ „ „ 0,0415 „ „ =2,29,, 

Der mittlere Aschengehalt beträgt demnach. 2,37o- 
Die Untersuchung dieser Asche nach „Reichardt's 

Aschenanalyse" ergab auf kohlenstofffreie Substanz bezogen 

und auf Salze berechnet: 

In Salzsäure unlöslich 2,68%. 
Kieselsäure .... 3,22 „ 
Chlornatrium . . . 2,17 „ 
Kohlensaures Natron . 27,94 „ 
Schwefelsauren Kalk . 12,21 „ 
Kohlensauren Kalk . 6,84 „ 
Phosphors. Eisenoxyd 10,10 „ 
Phosphors. Thonerde . 15,04 „ 
Phosphorsauren Kalk . 10,94 „ 
Magnesia .... 8,48 „ 

99,62%. 

Auffallend ist der geringe Chlorgehalt, sowie die gänz- 
liche Abwesenheit des Kali's. 

Auffallig ist ferner der bedeutende Grehalt an kohlensau- 
ren» Natron. Uebrigens fand Bar r e s wil ■•'') bei seinen Un- 
tersuchungen über Ei weiss , dass die alkalische Heaction des- 
selben dem Gehalte an kohlensaurem Natron beizumessen sei. 

W a s s e r b e s t i m m u n g. 
Um Aufklärung zu erhalten, wie weit Eiweiss ohne Zer- 
setzung erwärmt werden dürfe, wurde vorerst ein Versuch 
mit direct durch Kochen coagulirtem Eiweiss gemacht. Die 
Substanz wurde in einem Eöhrchen im Luftbade behandelt, 
durch das Eöhrchen Hess sich durch Saugen ein Luftstrom 



^) Liebig, Jahresbericht 1849. Seite 513. 



22 Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 

ziehen und angebrachtes Eeagenspapier die Natur der Dämpfe 
erkennen. Wir geben die Reihenfolge der vielfachen Wä- 
gungen genau an, weil wir uns später speciell darauf bezie- 
hen werden. Jeder einzelne dieser Trocknungsversuche 
dauerte 20 Minuten bis ^/g Stunde, so dass die Substanz 
mindestens 4 Stunden lang erhöhter Temperatur ausgesetzt war. 
I. 0,839 G-rm. Substanz wogen mit dem Röhrchen 
9,692 Grm. Es wurde erst längere Zeit bei 100^, dann bei 
allmählich steigender Temperatur getrocknet: 
bei 100<^ I 9,641 Grm. entspricht 6,07% Wasser. 

„ „ IL 9,630 „ „ 7,38 „ „ 

111.9,622 „ „ 8,34,, 

IV. 9,622 „ „ 8,34,, 

V. 9,617 „ „ 8,93,, 

„ „ Vi. y,bio „ „ 9,1/ „ „ 

VII. 9,613 „ „ 9,42,, 

„ YIIL 9,613 „ „ 9,42,, 

„ 100—1300 IX. 9,610 „ „ 9,77,, 

„ 130—1450 X. 9,603 „ „ 10,61,, 

„ 145 — 165« XI. 9,603 „ „ 10,61,, „ 

„ 165 — 200^ XII. 9,590 „ „ — „ 

Bei III. fing die Substanz an sich allmählich zu bräunen. 
Selbst bei der Temperatur von 165^ war weder Ammoniak- 
entwicklung, noch überhaupt irgend welche Reaction auf 
Reagenspapier zu bemerken, obwohl während der ganzen 
Dauer des Versuches beim Saugen das Auftreten von ^J^as- 
serdämpfen an dem Feucht werden des Papiers erkenntlich 
war. Als die Temperatur von 165 — 200 ^ gesteigert wurde, 
trat deutlich ein unangenehmer Geschmack und brenzlicher 
Geruch auf, und Curcuma zeigte alkalische Reaction an. 

Es war demnach bei 130^ schon alles Wasser ausge- 
trieben, da die Substanz bei 165^ nicht weiter an Gewicht 
abnahm, und der weitere Verlust beim Erhitzen bis 200 ^ auf 
Rechnung der nun auftretenden Zersetzungsproducte gestellt 
werden muss. 

Man kann also die Temperatur von 130^ als die Grenze 
ansehen, bei welcher das durch Trocknen zu bestimmende 



üeber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 23 

Wasser vollständig ausgetrieben wird, ohne dass die Substanz 
selbst irgend welche Zersetzung erleidet und daran wurde 
auch bei den mannigfach vorgenommenen Wasserbestimmun- 
gen verschiedener Eiweissarten festgehalten. 

IL Nach dieser Methode wurde nun im reinen Albumin 
das Wasser bestimmt, wobei also nur bis 130^ gegangen 
wurde; auch hier mögen die einzelnen Trocknungsversuche, 
die wiederum je gegen eine halbe Stunde dauerten, wegen 
späterer Besprechung speciell angeführt werden. 1,638 Grm. 
Substanz wogen mit der Eöhre 11,199 Grrm. 

I. Wägung 95^0. 11,071 Grm.= 7,81% Wasser. 



II. 


j> 


lOO^C. 


11,036 


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— 9,95 „ 


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in. 


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11,021 1) 


jj 


= 10,86 „ 


?> 


IV. 


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11,008 


» 


= 11,66,, 


f> 


V. 


V 


100— 130^0. 


11,003 


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= 11,96,, 


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VI. 


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10,0005 


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= 12,14,, 


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vn. 


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10,997 


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= 12,33,, 


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VIII. 


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— 


10,994 


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= 12,51 „ 


» 


IX. 


j) 




10,992 


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= 12,63,, 


}y 


X. 


5? 




10,990 


5) 


= 12,76,, 


jj 


XL 


jj 


— 


10,9905 


JJ 


"^^ jj 


}} 


Die 


1,638 Grm. reines 


Albumin verloren also 0,209 Grm. 


Wasser, 


w^as 


, 12,76% HO 


entspricht. 









Besl^immung des Schwefels und Phosphors. 

Der unoxydirte Schwefel und Phosphor wurde in Schwe- 
felsäure und Phosphorsäure übergeführt und von dem Ge- 
sammtgehalt der Schwefelsäure der auf die Asche entfallende 
Theil in Abzug gebracht. 

1,157 Grm. Substanz wurden mit der dreifachen Menge 
Salpeter und kohlensaurem Natron geschmolzen, nach dem 
Erkalten die Masse in Salzsäure gelöst und liltrirt. Das Fil- 
trat wurde getheilt und die eine Hälfte auf Schwefelsäure, 
die andere auf Phosphorsäure untersucht. 



*) Bei III. fing die Substanz an sich zu bräunen. 



24 lieber Albumin und dcssou Zcrsetzungsproducte durch Kali. 

Schwefel. Die saure Lösung mit BaCl versetzt ergab 
0,072 X 2=0,144 BaO,S03. Es entspricht dies 0,0197 Grm. 
S = 1,702% Schwefel. 

In der Asche wurden 7,18% Schwefelsäure gefunden, 
entsprechend 0,066% Schwefel auf ursprüngliche Substanz 
bezogen, die von 1,702% S abzuziehen sind, es ergiebt sich 
demnach ein Gehalt an Schwefel von 1,63%. 

Phosphor. Die andere Hälfte der sauren Flüssigkeit 
ergab bei der Prüfung auf Phosphorsäure 0,005 x 2 = 0,01 
Grm. 2MgO,P05 =: 0,0028 Grm. := 0,247o Phosphor. In der 
Asche wurden aber gefunden: 19,59% Phosphorsäure ;= 
8,765% Phosphor = 0,199% in der Substanz. Diese 0,199% 
sind von den 0,24% in Abzug zu bringen, so dass wir nur 
0,041% Phosphor anzunehmen hätten, wenn diese Quantität 
nicht viel zu gering wäre, um daraus einen sicheren Schluss 
zu ziehen; es ist der Yersuch weit eher dafür beweisend, 
dass überhaupt kein Phosphor als solcher vorhanden ist, son- 
dern nur in Form von Phosphorsäure. 

G e r h a r d t '^') führt an , dass das Auftreten von Phos- 
phor im Eiweiss wohl nur als durch geringe Verunreinigun- 
gen mit Phosphaten bedingt aufzufassen sei und leugnet sein 
Vorkommen als solcher im reinen Eiweiss, welche Ansicht 
unser Versuch nur bestätigen dürfte. 

Bestimmung des Stickstoffs. 

I. 0,2755 G-rm. Albumin wurden mit Natronkalk* geglüht, 
das entwickelte Ammoniak in Normal - Schwefelsäure aufge- 
fangen und titrirt, es ergaben sich : 

0,0^32 Grm. == 12,073% Stickstoff. 

II. Der Stickstoff wurde als Gras bestimmt und daraus 
nach der bekannten Formel sein Gewicht ermittelt. 

0,310 Grm. Albumin gaben 33,3 C.C. Gas bei einem Ba- 
rometerstand von 738,88 Mm. und einer Temperatur von 
9,5*' C. Auf Normaldruck und Normaltemperatur bezogen 
ergiebt dies: 

0,0387 Grm. = 12,48% Stickstoff. 

*) Gerhardt, Organische Chemie IV. 468. 



Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducto durch Kali. 25 

III. Es wurde nochmals eine Bestimmung des Stickstoffs 
in Gasform aiisg-eführt. 

0,395 Grm. Albumin lieferten 41 CG. Gas bei 14^0. 
und 756,82 Mm. Barometerstand. Auf Normaldruck und Nor- 
maltemperatur bezogen giebt dies: 

0,04795 Grm. = 12,147o Stickstoff. 

I. und III. stimmen fast genau überein, so dass wir im 
Mittel 12,1% Stickstoff erhalten. 

Bestimmung von Kohlenstoff und Wasserstoff. 

I. 0,4555 Grm. Albumin mit Kupferoxyd verbrannt 
gaben : 

0,3165 HO == 0,0351 Grm. H = 7,7% H. 
0,585 C02 =: 0,1595 „ C = 35,01% C. 
IL 0,4485 Grm. Substanz ganz gleich behandelt: 
0,318 Grm. HO = 0,0353 Grm. H = 7,87 7o H. 
0,572 „ 002 ^ 0,156 „ C = 34,78 C. 
Bei den ferneren Verbrennungen wurde auf die Bestim- 
mung des Wasserstoffs meist keine weitere Rücksicht ge- 
nommen. 

III. 0,373 Grm. Substanz w^iederum mit Kupferoxyd 
verbrannt, jedoch bei späterem Durchleiten von Sauerstoff 
ergaben : 

0,527 Grm. CO^ = 0,1439 Grm. C = 38,57% C. 

IV. 0,370 Grm. Substanz ebenso behandelt lieferten: 
0;529 Grm. 00^ = 0,147 Grm. C = 39,72% C. 

Es wurde nun mit chromsaurem Bleioxyd verbrannt und 
hier wiederum das Wasser mit bestimmt. 

V. 0,207 Grm. Substanz gaben: 

0,348 Grm. CO^ = 0,0949 Grm. C = 45,85% C. 
0,142 „ HO =0,01577 „ H= 7,62% H. 

VI. 0,219 Grm. Substanz lieferten: 

0,374 Grm. CO^ = 0,10202 Grm. C =46,58% 0. 

0,157 „ HO =0,0174 „ H= 7,96% H. 
Der Wasserstoffgehalt beträgt demnach im Mittel 7,8%., 
der Kohlenstoffgehalt ist nach der V. Bestimmung zu 45,85% 
anzunehmen, da die VI. Bestimmung mit einem zwar nach 



26 lieber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 

derselben Methode dargestellten, aber doch nicht mit dem 
gleichen Albumin ausgeführt wurde, eine kleine Schwankung 
demnach leicht denkbar ist. Dieses andere dem ersten analog 
dargestellte Albumin, dessen Zusammensetzung in der Polge 
mitgetheilt wird, stimmt vollständig mit unserem eben vorlie- 
genden überein und konnten wir deshalb seinen Kohlenstoff- 
und Wasserstoffgehalt füglich hier einreihen. Was nun den 
Kohlenstoff und dessen Bestimmung betrifft, so ist ein eigen- 
thümhches Verhalten nicht zu erkennen. 

Die Schwerverbrennlichkeit der Eiweisskörper ist ein von 
Allen, die damit gearbeitet haben, anerkanntes Uebel und die 
vorstehenden Analj^sen liefern von Ifeuem den Beweis. 

Der bei den einzelnen Methoden der Verbrennung gefun- 
dene Gehalt an Kohlenstoff ist ein sehr verschiedener. 

Eine constante, aber von der Gesammtmenge bedeutend 
abweichende Quantität ergiebt sich beim Verbrennen mit 
Kupferoxyd allein, die Differenz beider Analysen schw^ankt 
nur um 0,2%. Beim Durchleiten von Sauerstoff findet eine 
Zunahme von 4 — ö^o statt und bei der Anwendung von 
chromsaurem Bleioxyd tritt eine abermalige Steigerung um 
volle 6% ein. So viel steht also fest, dass bei verschieden 
kräftiger Einwirkung auch der Gehalt an Kohlenstoff ver- 
schieden gefunden wird. Die abweichenden Eesultate der 
Analysen scheinen davon herzurühren, dass von den 45%^ 
direct gefundenen Kohlenstoffs 35 7o ^^so ^9 anders und zwar 
für die Verbrennung günstiger gelagert sind als der Best, 
welcher wiederum kein gleiches Verhalten zeigt, sondern aus 
mehr und minder leicht zu Kohlensäure verbrennbarem Koh- 
lenstoff zu bestehen scheint. 

Aber erst die genauer studirten Zersetzungsproducte wer- 
den darüber entscheiden lassen, ob wirklich eine Spaltung des 
Kohlenstoffs sich in der Weise annehmen lässt, wie sie durch 
das Verhalten gegen verschieden energisch wirkende Ver- 
brennungsmittel angedeutet wird. 

Sicher ist aber bei einem Körper so zusammengesetzter 
Natur, so hohen Aequivalentes und so ausgesprochenen Be- 
strebens, durch die verschiedensten äusseren Einflüsse in eine 



lieber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 27 

wahre Fülle der mannigfaltigsten Producte zu zerfallen, alles 
von Interesse, was uns vielleicht eine Andeutung über das 
verschiedene Verhalten eines und desselben seiner Grund- 
stoffe giebt, was uns vielleicht ein Fingerzeig werden kann, 
wie die in der Formel einheitlich und gesammthch dastehende 
Masse ihrer einzelnen näheren Bestandtheile sich wieder in 
relativ mehr oder minder gegen fremde Einflüsse resistente 
Theile scheiden lässt. 

Bestimmung des relativen Verhältnisses zwischen 
Kohlenstoff und Stickstoff. 

Die Methode der relativen Bestimmung rührt von Lie- 
big her, wenigstens wurde sie von ihm zuerst ausführlich 
beschrieben*) und als scharf und genau hingestellt für Kör- 
per, in denen der Stickstoffgehalt zu dem des Kohlenstoffes 
in keinem kleineren Verhältnisse stehe wie 1:8. Lieb ig 
giebt an, nachdem man sich von der Abwesenheit der Luft 
und gebildeten Stickstoffoxydes überzeugt habe, mehre cali- 
brirte Röhren mit dem Gasgemenge zu füllen, darin den Ge- 
halt an Kohlensäure und Stickstoff zu bestimmen und aus 
diesen so erhaltenen Gesammtresultaten das Mittel zu nehmen. 

Aber schon Rose"^*) führt aus, dass man nur dann die 
richtige Menge Stickstofl' und Kohlenstoff finde, wenn das 
relative Verhältniss zwischen Stickstoff und Kohlensäure in 
allen, oder wenigstens den meisten E-öhren dasselbe sei, er 
schloss also schon das Liebig' sehe Verfahren der Repar- 
tirung aus. 

Gewöhnlich fährt man jetzt mit der Füllung und Unter- 
suchung der einzelnen B.öhren so lange fort, bis zwei auf- 
einanderfolgende Versuche dasselbe relative Verhältniss erge- 
ben und so wurden auch von mir die Versuche ausgeführt. 

Nachdem längere Zeit geglüht und so die Luft ausge- 
trieben , auch die Abwesenheit von Stickstoffoxyd constatirt 
war, begann die Füllung und Untersuchung der einzelnen 
Röhren und wurden folgende Resultate erhalten: 



*) Handwörterbuch: Artikel, Organische Analyse. 
**) Rose, Analytische Chemie IL 818. 



28 Ueber Albumin und dessen Zersctzungsproducte durch Kali. 

I. Röhre 002+^ = 22,63 CG. N = 2,25 CG. 
iL „ „ =23,6 „ „=2,6 „ 

III. „ „ = 30,8 „ „ = 3,8 „ 

IV. „ „ =26,2 „ „=3,3 „ 
Es ergaben sich daraus folgende Verhältnisse: . 

I. Stickstoff : Kohlensäure = 1 : 9,06. 

IL „ : „ = 1 : 8,07. 

in. „ : „ = 1 : 7,10. 

IV. „ : „ = 1 : 6,97. 

Die beiden letzten Versuche führen also auf das Verhält- 
niss 1 : 7, das heisst N : G^ oder 14 : 42. 

Gefunden wurden 12,1% ^> denen demnach 12,1 x 3 ^= 
36,3% Kohlenstoff entsprechen würden. Man erhält also 
dadurch noch lange nicht den wahren Kohlenstoffgehalt, son- 
dern beinahe genau wiederum die Menge, die beim Verbren- 
nen mit Kupferoxyd allein früher auch schon gefunden wurde. 
Es beweist dieser Versuch nochmals das schon oben ange- 
deutete Verhalten des Kohlenstoffs. Anderntheils beweist er 
aber auch das Unsichere bei der Methode der relativen Be- 
stimmung. Diese kann offenbar nur dann genaue Resultate 
liefern, wenn man über das Wesen der zu untersuchenden 
Substanz einigermassen im Klaren ist, wenn man weiss , dass 
das Auftreten von Stickstoff einerseits und Kohlensäure ande- 
rerseits durch eine durchschnittlich gleichgeartete Zersetzung 
bedingt ist. Beim Eiweiss haben wir aber schon die Erfah-* 
rung gemacht, dass ^9 seii^es Kohlenstoffs leichter zu Koh- 
lensäure verbrennen als der Rest, dass auch dieser wiederum 
ein verschiedenes Verhalten zeigt. Es ist demnach einleuch- 
tend, dass, wenn wir kein gleiches, correlates Verhalten des 
Stickstoffs annehmen können, Kohlensäure und Stickstoff in 
relativ sehr variablen Mengen auftreten müssen. Die allmäh- 
liche Abnahme der Kohlensäure zeigt uns auch der Versuch 
deutlich : 

L 1 : 9. IL 1 : 8. IIL 1,7. IV. 1,69. 

Auch wenn man nach Lieb ig aus den verschiedenen 
Einzelversuchen das Mittel nehmen wollte, hätte man offenbar 
keinen festen Stützpunkt, man könnte ihn nur dann haben, 



Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 29 

wenn in dem Maasse, als der Kohlensäuregehalt allmählich 
abnimmt, der Gehalt an Stickstoff eine entsprechende allmähliche 
Zunahme erführe, dem aber im seltensten Falle so sein wird. 

Wollte man beispielsweise aus obigen 4 Versuchen das 
Mittel nehmen , so käme man auf das Verhältniss 4 : 30,9 
oder 1 : 7,72; N : C = 14 : 46,2. Man erhielte von den gefun- 
denen 12,1% Stickstoff ausgehend 39,9% C. also 6% zu wenig. 

Ich habe diese relativen Bestimmungen desshalb etwas 
ausführlieher besprochen, weil ihrer fortwährend Erwähnung 
geschieht und man sich bei den Analysen der Eiweisskörper 
von Gay-Lussac, Thenard, Michaelis, Vogel, 
Scher er und anderer fortwährend darauf beruft. Uebrigens 
giebt Scher er ausdrücklich an, dass er bei der relativen 
Methode stets einen höheren Gehalt an Stickstoff gefunden 
habe, als bei dessen directer Bestimmung nach Varren- 
trapp und Will. 

Zusammenstellung der Resultate. 

Die Bestandtheile des hier untersuchten und über Chlor- 
calcium getrockneten Albumins ergeben sich nun wie folgt: 
Asche Wasser C H N S 

2,30 12,76 45,85 7,80 12,10 1,64 Proc. 

Von dem gefundenen Wasserstoff ist jedoch der auf die 
bei 130^ ausgetriebene Wassermenge entfallende Theil in Ab- 
zug zu bringen. Den 12,76% Wasser entsprechen 1,42^0 
Wasserstoff. Berechnet man dann auf Wasser- und Aschen - 
freie Substanz und stellt das an 100% fehlende auf Bech- 
nung des Sauerstoffs, so ergiebt sich folgende procentische 
Zusammensetzung unseres Albumins: 

C H N S 

53,98 7,51 14,24 1,93 22,34 Proc. 
Die hieraus versuchte Ableitung einer Formel führt zu: 






53,98. 


8,99. 


C 


74,3 Aeq. 


H 


7,51. 


7,51. 


H 


62 „ 


N 


14,24. 


1,02. 


N 


8,43 „ 


S 


1,93. 


0,121. 


S 


1 . 





22,34. 


2,79. 





23 „ 



30 Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 

Wir kämen also bei der YerdoppeluBg auf die Formel: 

Ci^8Hi24]s[i7S2046^ Aequivalent = 1650. 
Vergleicht man die direct gefundenen Bestandtheile mit 
den berechneten, so ergiebt sich: 

Berechnet. Gefunden. 

C 53,82. 53,98. 

H 7,51. 7,51. 

N 14,42. 14,24. 

S 1,93. 1,93. * 

22,30. 22,34. 

Lieberkühn stellte nach den Resultaten seiner Unter- 
suchungen des reinen Albumins folgende Formel dafür auf: 
Gi44Hii2]sfi8S2044, Aequivaleut = 1610. 

Vergleicht man die dieser Formel entsprechende procen- 
tische Zusammensetzung mit der der unsrigen, die von der 
Berechnung so gut wie nicht abweicht: 





Lieberkühn. 




Theile. 


C144 


53,59. 


- Cl*8 


53,82. 


H112 


6,95. 


H124 


7,51. 


^18 


15,65. 


]yfi7 


14,42. 


S2 


1,98. 


S2 


1,93. 


044 


21,85. 


046 


22,30. 



Aequivalent = 1610. Aequivalent = 1650. 

so stellt sich vor allen Dingen heraus, dass beiderseits, mit 
Ausnahme des Stickstoffs, der procentische Grehalt ziemlich 
übereinstimmt, trotzdem die Formeln doch ziemlich abweichen. 
Man bedenke namentlich, dass der hier in beiden Ana- 
lysen angelegte Maassstab der Schwefel ist, der beiderseits 
genau übereinstimmt. Man sieht, wie die geringsten Abwei- 
chungen bedeutende Veränderungen der Formel bewirken. 
Eine Differenz von 0,23 ^/q Kohlenstoff, die also noch inner- 
halb der Grenze der Versuchsfehler liegt, bedingt eine Zu- 
nahme von 4 Aequivalent Kohlenstoff, eine Differenz von 
0,5 6 ^/o Wasserstoff hat sogar ein Mehr von 12 Aequivalent 
Wasserstoff im Gefolge. Es entscheidet demnach hier jedes 
0,1% über 2 Aequivalente H. Es ergiebt sich daraus von 
selbst die Schlussfolgerung, dass eine feste Aequivalentformel 



Ueber Albumin und dessen Zersetzungspro ducte durch Kali. 31 

bei so complicirten Körpern wie Eiweiss, auf dem Wege der 
einfachen Analyse aufzustellen, ein Unternehmen ist, das den 
Keim der TJnwahrscheinlichkeit in sich trägt, weil selbst 0,1 ^/o 
Differenz ganze Aequivalente von Wasserstoff und Kohlen- 
stoff in Frage stellt, die Genauigkeit der Bestimmung aber 
nicht bis auf 0,1 ^/q herabgedrückt werden kann. 

So viel steht aber trotzdem fest, dass eine Anzahl 
genauer, wenn auch um 0,1 ^/q schwankender Analysen, die 
Grenzen, in denen sich die Formel überhaupt bewegen kann, 
immer enger ziehen muss; den schliesslichen Ausschlag wird 
aber erst eine genaue Kenntniss der Zersetzungsproducte geben. 

Ueber das mit dem Albumin nach festen Verhält- 
nissen verbundene Wasser. 

Als ich bei der Bestimmung des Wassers im Albumin 
genauere und andauernde Versuche machte, um zu erfahren, 
bis zu welcher Temperatur erhitzt w^erden dürfe, ohne eine 
Zersetzung der Substanz herbeizuführen, fiel mir schon bei 
der ersten Versuchsreihe mit direct coagulirtem Eiweiss eine 
gewisse Gesetzmässigkeit in Betreff der allmählich entwiche- 
nen Wassermengen auf. Es veranlasste mich dies, auch das 
dargestellte reine Albumin demselben Verfahren anhaltender 
und allmähKch bei höheren Temperaturen eingeleiteter Trock- 
nung zu unterziehen. 

Schon Lieberkühn stellte die Formel: 

C144H110X18S2O42_|_2HO. 

auf, deutete also an, dass im Albumin Wasser in festen, äqui- 
valenten Verhältnissen verbunden, vorhanden sei. Betrachtet 
man die oben angeführten Beihen der Wasserbestimmungen, 
so bemerkt man, dass die Hauptmenge des Wassers gleich 
anfangs ausgetrieben wird, der Best aber nur langsam und 
allmählich. Man stösst ferner auf gewisse stationäre Buhe- 
punkte, sie treten namentlich in der Beihe I. bei III. und IV., 
VII. und VIII. sowie X. und XI. deutlich auf, ausserdem 
beginnt bei III. und IV., wie schon betreffenden Orts bemerkt 
wurde, eine allmähliche Bräunung der Substanz. 



32 Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 

Eei der Reihe IL finden sich zwar die stationären Ruhe- 
punkte nicht vor, aber das analoge Verhalten zeigt sich 
auch hier. 

Bei III. tritt allmähliche Bräunung ein. 

Von IV. ab nimmt, im Gegensatz zu den 3 vorhergehen- 
den Bestimmungen, die Trocknung einen sehr langsamen 
innerhalb 2^/2 Stunden nur 1,1 7o betragenden Verlauf. 

Wir sehen , es trifft alles ein , was für ein verschiede- 
nes Verhalten der überhaupt auszutreibenden Wassermengen 
spricht. 

In der Beihe I. sind es die 3 Wägungen 
IV. 9,622 = 8,34% Wasser. 
VIII. 9,613 = 9,42 „ 
XI. 9,603 = 10,61 „ 
die einer näheren Betrachtung zu unterziehen sind, wobei XI. 
die wasserfreie Substanz repräsentirt. Zwischen XI. und VIII. 
beträgt die Differenz im Wassergehalte 1,19^0, zwischen XI. 
und IV. aber 2,2 70/0- 

Welcher Wassergehalt entspricht aber den Verbindungen: 

C148H124]>^17S2046^ 2 HO? 
Q148H124]>^27S2046 _|_ 4 HO ? 

1668 : 18 = 100 : x = 1,1 % Wasser. 
1686 : 36 = 100 : x = 2,18 „ 
Also genau die Mengen Wasser, die uns die Wägun- 
gen VIII. und IV. ergeben. 

Zu ganz gleichen Besultaten gelangt man auch bei der 
Beihe II., wo also das reine Albumin untersucht wurde. Es 
sind hier die 3 Wägungen: 

III. 11,021 = 10,86% Wasser. 

IV. 11,008 = 11,66 „ 
X. 10,990 = 12,76 „ 

unter sich zu vergleichen. Es betragen hier die Differenzen 
im Wassergehalte bei 

X. und IV. 1,1% Wasser. 
X. und III. 1,9 „ 
Aber auch direct lässt sich das wirkliche Verhalten, wie 
die Annahme darthun. 



Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 33 

III. entspricht 1,460 Grm. Albumin. 

IV. „ 1,447 „ 
X. „ 1,430 „ 

Es müssen daher die folgenden Proportionen Geltung 
haben : 

1,430 : (x) 1,447 = 1650 : 1668. 
1,430 : (xj 1,460 = 1650 : 1686. 
Berechnet man die beiden Mittelglieder links, so findet man 

X = 1,446 Xi = 1,461. 
Ich halte mich daher nach den vorliegenden Untersu- 
chungen zu der Annahme berechtigt, dass das Albumin min- 
destens 4 Aequivalente Wasser in festen stöchiometrischen Ver- 
hältnissen enthält, von denen 2 Aequivalente schon bei der 
Temperatur von 100^ C, die übrigen beiden aber erst beim 
Erhitzen bis zu 130^ ausgetrieben werden. 

Ueber den Gehalt an Schwefel. 

Die Bestimmungen des Schwefelgehaltes im Albumin 
sind bei vielen älteren Analysen ganz unterlassen worden und, 
wo sie angegeben sind, sehr von einander abweichend. 

Mulder fand ihn zwischen 0,4 und 0,7 ^Z^; bei seiner 
Darstellung des sog. reinen Proteins ward jedenfalls beim Lösen 
in Kali und nachherigen Fällen durch Essigsäure ein Theil 
des Schwefels in Form von Schwefelkalium ausgeschieden. 
Spätere Analysen von Eüling, Verdeil, Lieb erkühn 
und Anderen, ergeben einen bedeutend höheren Gehalt an 
Schwefel. Es fanden Procente Schwefel : 

Lieberkühn 1,90, Rüling 1,72 u. Verdeil 2,167o- 

Nach den neuesten Untersuchungen von Schw^arzen- 
bach *) schwankt der Schw^efelgehalt des Albumins stets 
zwischen 1,85 und 2,2%. Wir fanden 1,93% S. 

Untersuchung eines zweiten, ganz nach derselben 
Methode dargestellten Albumins. 
Es handelte sich darum, festzustellen, dass mein nach 
oben angegebener Methode dargestelltes Albumin, ein constant 



*) Annalen der Chemie. 1865. Februarheft. 
Arch. d. Pharm. CLXXXVITI. TJrls. 1. u. 2. Hft. 



34 lieber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durcb Kali. 

zu erhaltendes , nach festen Yerhältnissen zusammengesetztes 
Product sei. 

Es wurde hierbei auf Schwefel und Phosphor keine Rück- 
sicht genommen. Die Analj'-se ergab nun folgende Mengen 
der einzelnen Bestandtheile: 

Asche. 4,678 Grm. Substanz, langsam verascht, lieferten 
0,100 Grm. Asche = 2,137o. 

Wasser. 0,878 Grm. Albumin in einem Röhrchen bei 
130^ getrocknet, verloren 0,109 Grm. = 12,41% Wasser. 

Stickstoff. Es w^urden zwei Bestimmungen nach der 
Methode von V a r r e n t r a p p und Will ausgeführt. 

I. 0,363 Grm. Albumin gaben: 

0,04376 Grm. = 12,05% Stickstoff. 

II. 0,286 Grm. Albumin gaben: 

0,03501 Grm. = 12,24% Stickstoff. 
Also im Mittel wiederum genau 12,1% N. 

Kohlenstoff und Wasserstoff. 

0,219 Grm. Albumin mit chromsaurem Bleioxyd verbrannt, 
lieferten: 

0,374 Grm. CO^ = 0,10202 Grm. C = 46,58% C. 
0,157 „ HO =0,01744 „ H= 7,9 % H. 
Bringt man von dem gefundenen Wasserstoff den auf 
die bei 130^ entweichenden 12,41% Wasser entfallenden An- 
theil (1,38%) in Abzug und berechnet auf aschen- und was- 
serfreie Substanz, so enthält dieses zweite Albumin: 

C H N 

54,4 7,6 14,15 

Resultate, die mit der früheren Analyse übereinstimmen. 

I. II. 

Kohlenstoff 53,98 7^ 54,4 «/o 

Wasserstoff 7,51 „ 7,6 „ 

Stickstoff 14,24,, 14,15,, 

Diese beiden Analysen, die nicht nur in Betreff des Koh- 
lenstoffs, Wasserstoffs und Stickstoffs, sondern auch in Bezug 
auf Aschen- und Wassergehalt vollständige Uebereinstiramung 
zeigen, ergeben das hier zunächst wichtigste Resultat, dass 



Ueber Albumin und dessen Zersetzimgsproducte durch Kali. 35 

die Methode ihrer Darstellung' ein ebenso reines Product lie- 
fert, als die umständlicheren und dennoch keine grössere 
Sicherheit geAvährenden älteren Darstellungsweisen. 

Schliesslich muss ich aber auf etwas aufmerksam machen, 
worin obige Analysen yon beinahe sämmtlichen, bis jetzt yer- 
öffentlichten , abweichen; es betrifft dies den Stickstoffgehalt. 
Ueberall fanden frühere Analytiker seinen Grehalt in sehr 
engen Grenzen schwankend zwischen 15,6% ^^nd 15,8%. 
Nun haben mir aber 5 mit den beiden Producten durch- 
geführte Analysen beinahe ganz dieselben Mengen Stickstoff 
ergeben : 

I. IL 

12,07 12,14 12,48 12,05 12,24. 

Nur das eine Resultat 12,48^0 bei der Bestimmung des 
Stickstoffs als Gas erhalten, weicht um etwas weniges ab. 
Doch giebt H. Rose*) ausdrücklich an, dass bei dieser Bestim- 
mung der Gehalt in der Regel ein weniges zu hoch gefun- 
den werde. 

Ich muss mich daher, was den von den übrigen Analy- 
sen abweichenden Mindergehalt an Stickstoff betrifft, auf meine 
5 übereinstimmenden, sogar nach verschiedenen Methoden 
gewonnenen Resultate berufen und kann sogar noch ein wei- 
teres, diesen Mindergehalt bestätigendes Ergebniss anführen. 

In dem im ersten Abschnitte auf sein Verhalten gegen 
Kali untersuchten und dort schon mit theilweiser Angabe 
seiner Zusammensetzung angeführten Kartoffeleiweiss ergaben 
sich nachfolgende Werthe der betreffenden Bestandtheile : 

3,148 Grm. Substanz lieferten: 

0,209 Grm. Asche = 6,63 ^o- 

3,463 Grm. Substanz aber; 

0,230 Grm. Asche = 6,64%. 

1,342 Grm. Substanz, im Röhrchen bei 130^ getrocknet, 
verloren : 

0,168 Grm. == 12,52% Wasser. 



*) H. Rose, Analytische Chemie. IL 814. 



36 Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 

Der Stick stoffgeh alt betrug: 

I) in der Form von Platinsalmiak bestimmt 11,77^/q. 

II) durch Titriren bestimmt 11,54 „ 

Daraus ergiebt sich, auf aschen- und wasserfreie Substanz 
bezogen, ein Gehalt an Stickstoff von 14,2 7 ^/q. 

Also genau wiederum die Menge, die wir bei 5 Ver- 
suchen im Albumin fanden. 

II. lieber die Zersetzungsproducte des Albumins 
durch Behandlung mit Kali. 

Die Anzahl der durchgeführten Untersuchungen über 
Oxydation oder Spaltung der EiweisskÖrper ist bis auf den 
heutigen Tag noch eine sehr beschränkte, den Gegenstand in 
keiner Weise erschöpfende. 

Es mag dies einestheils in der unverkennbaren Schwie- 
rigkeit und Mühseligkeit derartiger Untersuchungen seinen 
Grund haben, anderseits liegt aber der Hauptumstand, dass 
unsere Ansichten über die Constitution der EiweisskÖrper 
noch immer so verschwommen sind, wohl darin, dass die mei- 
sten der einschlägigen Arbeiten mehr qualitativer Natur sind 
und dadurch jeder Maassstab fehlt, um die ursprüngliche Sub- 
stanz nach ihren Zersetzungsproducten zu bemessen. 

Es sind 4 Richtungen, nach denen hin das Verhalten 
der EiweisskÖrper näher untersucht wurde; sie betreffen ihr 
Verhalten : 

1) bei der Eäulniss und Verwesung, 

2) „ „ Behandlung mit Säuren, 

3) ,, dem Erhitzen oder Schmelzen mit Kali und 

4) „ der Behandlung mit Oxydationsmitteln. 

Die meisten der Proteinsubstanzen sind nach diesen 
4 Hichtungen untersucht worden und hat sich gewöhnlich 
bei analoger Behandlung auch eine unleugbare Analogie der 
erhaltenen Zersetzungsproducte herausgestellt. Die vorlie- 
gende Untersuchung beschränkt sich ausschliesslich auf die 
bei Einwirkung von Kali auf Eiweiss auftretenden Zersetzungs- 
producte und mag desshalb eine kurze Uebersicht dessen fol- 



lieber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 37 

gen, was bisher in dieser speciellen Richtung gesucht und 
gefunden wurde. 

Mulder*) war der erste, der die Bildung von Leucin 
wahrnahm beim Kochen eiweissartiger Körper mit Kali; nach 
ihm entstehen daneben noch Kohlensäure, Ameisensäure, Am- 
moniak und zwei stickstoffhaltige extractartige Körper, das 
Erythroprotid und Protid. 

Diese Mulder' sehe Auffassung ward auch von Ber- 
z e 1 i u s **) adoptirt. Bald darauf nahm auch L i e b i g ***) 
diesen Gegenstand auf. Er entdeckte dabei als ferneres Zer- 
setzungsproduct das Tyrosin ; Erythroprotid und Protid erklärte 
er für variable Gemenge von Zwischenproducten, die je nach 
Concentration , Temperatur und Dauer der Einwirkung des 
Kali ganz veränderlich seien. 

Auf Liebig's Veranlassung von Boppf) ausgeführte 
Untersuchungen, die eigentlich nur den Zweck hatten, die 
beste Methode der Leucin- und Tyrosingewinnung aus Albu- 
min, Casein und Fibrin bei Einwirkung von Kali aufzufinden, 
führten zu weiteren Entdeckungen. 

B p p fand, dass beim Schmelzen mit Kali ein gasiger oder 
flüchtiger Körper von Eäkalgeruch gebildet werde; ferner 
erwähnt er gelbe oder braune, nicht näher erforschte Körper, 
so wie die Zersetzungsproducte des Leucins (Kohlensäure, 
Wasserstoff, Ammoniak und Baldriansäure). 

Dies die gesammten Resultate, welche über die Einwir- 
kung von Kali auf Eiweisskörper bis heute vorliegen. Wenig, 
wenn wir bedenken, dass Leucin und Tyrosin nur in sehr 
geringen Mengen auftreten, Erythroprotid und Protid sehr 
fraglich sind und weder die von Lieb ig als Gemenge erklär- 
ten, noch die von Bopp gefundenen braunen Körper unter- 
sucht sind. 



*) Pbarraaceut. Centralblatt 1839. 243. 
**) Berzelius, Lehrbuch IX. 879. 
***) Annalen der Chemie 57. 129. 
t) Annalen der Chemie 69. 16. 



38 Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 

Bei den hier vorzuführenden Untersuchungen wurde Vi- 
tellin verwendet, welches bei der Darstellung des Albumins 
für die obigen Zwecke reichlich nebenbei erhalten wurde. 
Das Gelbe im Ei wurde dazu so lange mit Aether behandelt, 
bis die ätherische Lösung farblos wurde und die zurückblei- 
bende, anfangs zähe und schmierige Masse anfing, weiss und 
bröcklig zu werden; hierauf wurde noch mit absolutem Alko- 
hol digerirt und getrocknet. 

Da die gesammten Untersuchungen mit Eiweisskörpern 
ein ganz analoges Verhalten der verschiedenen Modificationen 
gegen ein und dasselbe einwirkende Agens ergeben haben, 
so konnte, selbst wenn man der Ansicht beitritt, Yitellin sei 
ein Gemenge von Albumin und Case'in, dies nicht störend 
auf den Gang der Untersuchung einwirken. 

43,57 Grm. Yitellin wurden mit 75 Grm. Kali und bei- 
läufig 250 C. C. Wasser gemischt und diese Mischung in einer 
Flasche mit lose schliessendem Kork, damit Ammoniak ent- 
weichen konnte, 4 Wochen stehen gelassen, darunter 3 Wo- 
chen bei einer mittleren Temperatur von 50^0. Es hatte 
sich so schliesslich eine intensiv braunrothe, klare Flüssig- 
keit gebildet, welche nur schwach ammoniakalisch roch. Die 
Flüssigkeit wurde über Asbest abfiltrirt; es hinterblieb ein 
geringer grauer Rückstand von beiläufig 0,5 Grm., unlöslich 
in Wasser und glühbeständig. Die quantitative Analyse 
ergab: Eisen, Kalk, Pbosphorsäure , Kieselsäure, Kohlensäure, 
sowie Spuren von Magnesia und Chlor. Um zu sehen, ob 
noch weitere Ammoniakentwickelung stattfände, wurde die 
Hälfte der filtrirten Flüssigkeit in einem Kolben erwärmt und 
das Ammoniak in der üblichen Weise in Normalschwefelsäure 
aufgefangen und titrirt. 

Es wurden, auf die ganze Flüssigkeit bezogen, 0,212 Grm. 
Ammoniak gefunden, was 0,45^0 ^^s Yitellins entspricht. 
Die Zersetzung konnte demnach als ziemlich beendet angese- 
hen werden. Eine Probe der kaiischen Lösung wurde hierauf 
auf Schwefelkalium geprüft und zwar sowohl mit essigsaurem 
Bleioxyd als auch mit Nitroprussidnatrium. Beide Eeagen- 
tien erwiesen die Anwesenheit von Schwefelkalium. Die von 



Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 39 

Ammoniak durch massiges Kochen befreite, rothbraune, klare 
alkalische Lösung wurde hierauf mit verdünnter Schwefel- 
säure vorsichtig bis zur Neutralisation versetzt. 

Es zeigten sich hierbei merkwürdige Earbenübergänge. 
Die Flüssigkeit ging nämlich dabei von Braun in Gelb und 
dann plötzlich in Grün über. Es entwich viel Kohlensäure, 
zum Theil jedenfalls durch das längere Stehen vom Kali absor- 
birt, doch wissen wir nach den Untersuchungen im ersten 
Abschnitte, dass auch direct nicht unbedeutende Mengen von 
Kohlensäure als Zersetzungsproduct auftreten. Zugleich trat 
aber auch beim l^eutralisiren ein äusserst widerlicher Ge- 
ruch auf, jedenfalls derselbe, dessen Bopp schon Erwähnung 
that und als Fäkalgeruch bezeichnete; es lässt sich dieser 
üble Geruch wohl am besten mit dem des faulen Leimes ver- 
gleichen. 

Die neutralisirte Flüssigkeit wurde hierauf stark mit 
Wasser verdünnt, um das theilweise herausgefallene schwefel- 
saure Kali wieder zu lösen. Hierbei ging die grüne Fär- 
bung wieder in Gelb über und schied sich ein flockiger Kör- 
per ab, jedoch in so geringer Menge, 0,039 Grm., dass er 
sich bis auf wenige äussere Kennzeichen jeder näheren Unter- 
suchung entzog. 

Die von diesem Körper befreite Flüssigkeit wurde hierauf 
im Wasserbade zur Trockne eingedampft, der Rückstand pul- 
verisirt und das trockne Pulver in einen Kolben gebracht. Bei 
wiederholtem Behandeln desselben mit Aether gingen äusserst 
geringe Mengen eines mit der Zeit krystallisirenden , fettarti- 
gen Körpers in Lösung. Charakteristisch war vor allem des- 
sen äusserst penetranter Geruch, der genau an den erin- 
nerte, der bei angehender Zersetzung von Eieröl auftritt 
und nicht etwa mit dem des Acrole'ins zu verwechseln 
war. Die Yermuthung liegt daher nahe, dass dieser in 
Aether lösliche Körper seinen Ursprung einer geringen Ver- 
unreinigung des angewandten Yitellins mit Eieröl verdankt 
und daher von den eigentlichen Zersetzungsproducten auszu- 
schliessen ist. 



40 üeber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 

Nach der Behandlung mit Aether wurde die Substanz 
mit Alliohol ausgezogen und zwar erst mit absolutem, dann 
stufenweise mit 90 7o, ^O^o ^^^ herunter zu 60% Weingeist. 

Nach schliessUcli zweimaliger Behandlung mit 60^0 Wein- 
geist löste sich nichts weiter auf und war auch der Rück- 
stand im Kolben weiss und farblos. Ein Theil dieses Rück- 
standes wurde untersucht. Im Wasserbade getrocknet und 
dann auf Schwefelsäure geprüft, ergaben sich 45,95% Schwe- 
felsäure, diese entsprechen aber 54,1% Kali. Der Rückstand 
enthielt sonach nur noch schwefelsaures Kali. 

Abgesehen von der geringen Menge in Aether löslicher 
Substanz hatte sich sonach alles bis auf den grössten Theil 
des schwefelsauren Kalis in Weingeist gelöst. 

Die verschiedenen weingeistigen Lösungen wurden stehen 
gelassen; überall traten mit der Zeit Ausscheidungen auf. 

Im absoluten Alkohol hatten sich nur äusserst geringe 
Spuren eines braunen Körpers gelöst. Aus den Lösungen 
des 90% und 80% Weingeists schieden sich mit der Zeit 
weisse, warzenförmige G-ruppen aus, welche sich unter dem 
Mikroskop als Gemenge von Leu ein und Ty rosin erwie- 
sen. Diese beiden sind bekanntlich in hochgradigem Wein- 
geist wenig löslich, und zwar Tyrosin noch weniger als 
Leucin. 

Mit der Zeit schieden sich aus sämmtlichen weingeistigen 
Lösungen braune, extractähnliche Massen ab, welche sich 
überall als Gemenge zweier Körper erwiesen, die durch 
Kochen mit absolutem Alkohol getrennt werden konnten, 
worin der eine sich löste. 

Wir sagten oben, es habe sich aus der Lösung mit 
absolutem Alkohol ein Körper in geringer Menge ausgeschie- 
den; dieser Körper erwies sich unter dem Mikroskop als 
identisch mit demjenigen, welcher beim Trennen des braunen 
Gemenges mit absolutem Alkohol in Lösung ging. Diese 
aus dem Gemenge durch Alkohol für sich abgeschiedenen 
beiden Körper waren aber noch nicht rein, der im Alkohol 
gelöste enthielt noch Leucin, der unlöslich zurückgebliebene 



üeber Albuiuiu und dcsscu Zcrsetzuugsproducte durch Kali. 41 

aber Tyrosin, deren specielle Trennung in der Folge genauer 
angegeben wird. 

Easst man die Resultate dieses Versuches kurz zusam- 
men, so sind es im Ganzen 5 Körper, die sich als Producte 
der Zersetzung ergeben, wobei wir von dem in Aether lösli- 
chen und von dem, den Geruch beim Neutralisiren der kaii- 
schen Flüssigkeit mit Schwefelsäure bedingenden, dessen Ge- 
winnung übrigens wiederholt umsonst versucht wurde, abse- 
hen. Diese 5 Körper sind nun folgende: 

1) Der beim Neutralisiren mit Schw^efelsäure und nach- 
herigem Verdünnen mit Wasser herausgefallene flockige Körper. 

2) Das Leucin. 

3) Das Tyrosin. 

4) Der aus der concentrirten weingeistigen Lösung mit 
absolutem Alkohol ausgezogene. 

5) Der beim Behandeln der concentrirten weingeistigen 
Lösung mit absolutem Alkohol unlöslich zurückgebliebene. 

Nachdem so durch die eben kurz skizzirten Vorver- 
suche ermittelt worden war, welche Körper überhaupt bei 
längerer Behandlung von Vitellin mit Kali als Zersetzungs- 
producte auftreten und viele fernere Versuche, deren Schilde- 
rung füglich unterlassen werden kann, über die beste Tren- 
nung dieser Körper und deren Keingewinnung Licht ver- 
schafft hatten, wurde abermals eine grössere Menge Vitellin 
mit Kali behandelt und die Lösung mit Benutzung der gemach- 
ten Erfahrungen untersucht. Der Gang bei dieser zw^eiten 
Untersuchung war folgender: 40 Grm. Vitellin wurden mit 
80 Grm. Kali und 250 C. C. Wasser in einer Flasche mit lose 
aufgestecktem Korke 3 Wochen lang bei einer den Tag über 
höchstens auf 50^0. steigenden Temperatur stehen gelassen. 
Nach dieser Zeit hatte sich alles zu einer schönen rothbrau- 
nen öligen Flüssigkeit gelöst. Die über Asbest abfiltrirte 
Flüssigkeit hinterliess wiederum einen geringen glühbestän- 
digen Rückstand. Nachdem durch Kochen das Ammoniak 
vollständig ausgetrieben war, wurde mit verdünnter Schwefel- 
säure neutralisirt , unter Rücksichtnahme darauf, den flüch- 
tigen übelriechenden Körper zu isoliren, was jedoch zu 



42 Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 

keinem Resultate führte. Das Farbenspiel beim J^eutralisiren 
war wiederum ganz dasselbe. 

Als die neutralisirte Flüssigkeit zur Lösung des schwe- 
felsauren Kalis mit Wasser verdünnt wurde, schied sich aber- 
mals ein flockiger Körper ab, aber diesmal in grösserer 
Menge (1,6 Grrm.). Der Grang der weiteren Behandlung war 
folgender: 

I. Die mit Schwefelsäure neutralisirte und von dem 
dabei ausgeschiedenen flockigen Körper befreite Flüssigkeit 
wurde im Wasserbade zur Trockne eingedampft, der Rück- 
stand gepulvert, in einen Kolben gebracht und mit absolutem 
Aether ausgezogen. Es lösten sich wiederum nur äusserst 
geringe Spuren des wahrscheinlich von Eieröl herrührenden 
krystallinischen Körpers, so dass eine zweimalige Extraction 
genügte. 

IL Nach der Behandlung mit Aether wurde so lange 
in gelinder Wärme mit 70^0 Weingeist extrahirt, bis der Rück- 
stand farblos war und, wie die Analyse ergab, nur noch aus 
schwefelsaurem Kali bestand. Es löste sich somit auch bei 
70% Weingeist alles und wurden die Extracte weniger mit 
schwefelsaurem Kali verunreinigt. Der gesammte weingei- 
stige Auszug ward nun bis zur Syrupsdicke eingedampft 
und mit einem IJeberschuss von absolutem Alkohol unter 
Erwärmung behandelt, wobei ein zäher und consistenter Rück- 
stand blieb, ein grosser Theil aber in Lösung überging, 

IIL Der in absolutem Alkohol unlösliche Rückstand 
wird mit Wasser behandelt, worin er sich löst, wobei sich 
aber in weissen, dünnen Blättchen Tyrosin abscheidet. 

Man thut am besten, zu dem Rückstande etwas Wasser 
zu geben, mit einem Glassstabe tüchtig umzurühren und die 
Flüssigkeit, worin das Tyrosin in weissen schillernden Blätt- 
chen suspendirt ist, schnell zu filtriren. Den Rückstand 
behandelt man wiederholt nach dieser Methode, wo man 
schliesslich alles Tyrosin aufs Filter bringen kann. 

Eine bessere Methode der Trennung vermochte ich nicht 
aufzufinden, sie beruht darauf, dass Tyrosin in Wasser 
schwer löslich ist. Oftmals muss man die filtrirte wässerige 



lieber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 43 

Lösung nochmals eindampfen und abermals unter Umrühren 
mit Wasser behandeln, um die letzten Spuren von Tyrosin 
zu trennen. 

IV. Die nach II. aus dem Gemenge mit absolutem Al- 
kohol erhaltene Lösung wird ebenfalls zur Syrupsdicke einge- 
dampft und ganz dem Verfahren in III. entsprechend mit 
Wasser behandelt. Es scheidet sich hierbei das Leucin in 
weissen dünnen Flittern ab. Da Leucin in Wasser nicht so 
sehr schwer löslich, der mit ihm verbundene Körper aber äusserst 
leicht löslich ist, so beruht die Trennung wiederum theilweise 
auf der geringeren Löslichkeit des einen Bestandtheiles ; den 
Hauptvortheil bei dieser Trennung gewährt aber jedenfalls die 
Eigenschaft des Leucins, von Wasser schwierig benetzt zu 
werden. Die Trennung hier ist noch etwas schwieriger als 
bei Tyrosin, das heisst zeitraubender. Man thut gut, das 
Gemenge ziemlich zur Trockne einzudampfen, ehe man mit 
der Trennung durch Wasser beginnt. Auch hier muss das 
Eiltrat oft nochmals eingedampft werden, um die letzten 
Mengen Leucin zu gewinnen. 

Dies in Kürze der Process, nach welchem die in Vorlie- 
gendem theilweise nur angedeuteten und nun gleich näher zu 
besprechenden Körper erhalten wurden. Was ihre Quantität 
betrifft, mögen w^enige Worte genügen. 

Leucin und Tyrosin treten nur in sehr geringer 
Menge auf, vielleicht 0,2 Grm. von den 40 Grm. Vitellin, und 
abgesehen von den Spuren des in Aether löslichen Körpers 
und der 1,6 Grm. betragenden Abscheidung beim Neutralisi- 
ren mit SO^, besteht die Hauptmasse aus den beiden braunen 
extractartigen Körpern. 

Es mag nochmals hervorgehoben werden, dass gerade 
Leucin und Tyrosin nur in geringer Menge gebildet wer- 
den, entgegen den meistens anders zu deutenden bisherigen 
Angaben, Bopp, w^ elcher die Eiweisskörper namentlich in 
Bezug auf das Auftreten von Leucin und Tyrosin bei 
Einwirkung von Alkalien, Säuren und Fäulniss untersucht hat 
und es sogar betont,*) dass er seine Untersuchungen nament- 



*) Bopp, Annalen d. Chemie. 69, p. 20. 



44 lieber Albumin uud dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 

lieh darauf gerichtet habe, Leucin und Tyrosin „mit 
Sicherheit und in grösster Menge" darzustellen, erwähnt der 
Mengen, welche er dabei erhalten, auch nicht einmal annähernd. 
Die einzige Andeutung hierüber giebt Schlossberger,^') 
„die aus complexen ThierstofFen erhaltenen Mengen Leucin 
betragen selten über 1 — 2%." 

a) Flockiger Körper, gefällt beim Neutrali siren mit SO^ 
und Verdünnen mit Wasser. 

Bei der ersten Behandlung von Eiweiss mit Kali und 
Neutralisiren durch Schwefelsäure wurden nur äusserst geringe 
Mengen gefällt. Die zweite Darstellung ergab der Unter- 
suchung zugängliche Quantitäten. Nach dem Trocknen über 
Chlorcalcium und im Wasserbade besass dieser Körper ganz 
das Ansehen eiweissartiger Körper, nur etwas mehr ins 
Graue gehend. Anfangs elastisch, wurde er beim Trocknen 
hart und spröde. 

Wasserb estimmun g. 0,509 G-rm. Substanz gaben 
beim Trocknen bei 120^ 0,019 Grm. Wasser ab; es entspricht 
dies 3,73% Wasser. 

Aschenbestimmung. Sie wurde mit derselben Menge 
ausgeführt, die zur Bestimmung des Wassers gedient hatte. 
Bei der Veraschung blieben 0,02 Grm. Rückstand, wonach 
sich der Aschengehalt zu 3,92% berechnet. 

Bestimmung des Schwefels. Diese Asche wurde 
mit Salzsäure behandelt und durch Chlorbaryum die Schwefel- 
säure gefällt. Die Menge des gefällten schwefelsauren Ba- 
ryts betrug 0,0035 Grm. = 0,235% Schwefelsäure auf 
ursprüngliche Substanz bezogen. 0,215 Grm. Substanz mit 
salpetersaurem Kali und kohlensaurem ]!^atron geschmolzen, 
nach dem Erkalten in Salzsäure gelöst und im Eiltrat die 
Schwefelsäure bestimmt, ergaben 0,012 Grm. BaO,S03 = 
0,0041 Grm. Schwefelsäure also 1,906% SO 3; ziehen wir 
davon die auf Asche entfallenden 0,2305% ab, so bleiben 
1,67% Schwefelsäure = 0,67% Schwefel. 



*) Schlossb erger, die Chemie der Gewebe, 



Üeber Albumin und dessen Zersetzungaproducte durch Kali. 45 

Bestimmung des Stickstoffs. 

I. 0,105 Grm. Substanz , mit Natronkalk verbrannt und 
den Stickstoff aus Platinsalmiak berechnet, lieferten: 

0,0415 Grm. Pt = 0,00588 Grm. = 5,6 7o Stickstoff. 

II. 0,069 Grm. Substanz, ebenso behandelt, ergaben: 
0,0288 Grm. Pt = 0,00404 Grm. Stickstoffe 5,857o. 

Bestimmung des Kohlenstoffs und Wasserstoffs. 

I. 0,265 Grm. Substanz mit chromsaurem Bleioxyd ver- 
brannt, ergaben: 

0,595 Grm. CO^ = 0,162 Grm. C = Q1M%' 
0,245 „ HO =0,0272 „ H= 10,26 „ 

II. 0,201 Grm. Substanz, ebenfalls mit chromsaurem 
Bleioxyd verbrannt: 

0,185 Grm. HO = 0,0205 Grm. H = 10,19^0 H. 

Es ergiebt daher die Analyse dieses Körpers direct an 
Bestandtheilen : 

HO Asche C H N S 

3,73 3,92 61,24 10,26 5,70 0,67 Proc. 

Zieht man von dem Wasserstoffgehalt den auf die 3,73^0 
entfallenden Antheil ab und berechnet auf wasser- und 
aschen- freie Substanz, so erhält man: 

C H N S 

66,31 10,66 6,17 0,72 16,14 Proc. 

Mulder*) giebt bei seinen Untersuchungen über die 
Zersetzungsproducte des Albumins mit Kali an: „Dass beim 
Behandeln von Albumin mit Kali und Neutralisiren der kaii- 
schen Lösung mit Schwefelsäure oft ein flockiger Körper 
neben schwefelsaurem Kali herausfiele, wenn die Metamor- 
phose durch Kali noch nicht vollständig beendet sei, dieser 
Körper sei noch unzersetztes Protein." 

Es ist dies offenbar unser Körper, der aber eben kein 
Protein sein kann. Dieser Körper, welcher die Bestandtheile 
und im ursprünglichen Zustande auch einigermassen das We- 
sen eiweissarfciger Körper besitzt, scheint ein intermediäres 

*) Berzelius, Lehrbuch der Chemie. IX, p. 880. 



46 Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durcb Kali. 

Zersetzungsproduct des Albumins zu sein. Bei dem ersten, 
4 Wochen dauernden Versuche der Einwirkung von Kali auf 
Yitellin war die Zersetzung schon weiter vorgeschritten und 
es waren nur noch geringe Mengen dieses Körpers vorhanden. 

Der Schwefelgehalt hat im Yergleich zu Albumin abge- 
nommen und ergiebt von Neuem einen frappanten Beleg, dass 
selbst nach wochenlangem Behandeln mit concentrirter Kali- 
lauge der Schwefel noch lange nicht vollständig ausgeschie- 
den wird, viel weniger bei der kurzen Behandlung mit ver- 
dünnter Kalilauge, wo, nach Mulder's Ansicht, das schwe- 
felfreie oder wenigstens nur durch geringe Mengen Schwefel 
verunreinigte Protein erhalten werden soll. 

Wir hatten unser Product einen ganzen Tag lang warm 
ausgewaschen; es konnte also füglich keine Verunreinigung 
dess. mit Schwefelkalinm angenommen werden. 

b) Leucin und Tyrosin. 

Die Art und Weise der Gewinnung und Abscheidung 
dieser beiden Körper ist schon oben genauer angegeben wor- 
den, auch betonten wir schon, dass sie nur in sehr geringer 
Menge auftreten. Die Beactionen derselben und vor allem 
die mikroskopisch nicht verkennbare Krystallisation derselben, 
gestatten ihre genaueste Feststellung. Für die quantitative 
Analyse waren die Mengen stets zu gering, jedoch wäre 
diese Bestimmung auch völlig unnöthig gewesen. Charakte- 
ristisch für beide Körper ist das grosse Volumen, welches sie 
bei der Lösung zeigen, so dass man bei mikroskopischen Un- 
tersuchungen die Lösungen kaum verdünnt genug anwenden 
kann. Die Krystallisation des Tyrosins ist im Ganzen leich- 
ter zu bewerkstelligen , die kleinste Menge mit Wasser ver- 
dampft, lässt schon mit der Lupe, oft auch schon mit freiem 
Auge, die zu Büscheln gruppirten feinen Nädelchen erkennen; 
sie sind blendend weiss. Leucin erscheint unter dem Mi- 
kroskop meist in Gestalt dunkler Kugeln, mit stachlich her- 
vorragenden Nadeln. Bei nur einigermassen concentrirter 
Lösung zeigen sich nierenförmig gestaltete dunkle Streifen, 
ein Conglomerat einzelner Kugeln. 



Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 47 

Was die Eeactionen auf Leiicin und Tyrosin betrifft, so 
sind sie theilweise scharf und zutreffend. Sehr eigenthiimlich 
und untrüglich ist die Sublimation des Leucins bei 170^, 
wobei es sich in weissen Flocken am kalten Theile der Röhre 
anlagert, während Tyrosin bei ähnlicher Behandlung zu einer 
braunen Masse schmilzt. Als sehr gutes Unterscheidungsmit- 
tel beider Substanzen muss auch die von Scher er her- 
rührende Reaction genannt werden, Verdampfen der Substanz 
mit etwas Salpetersäure und nachheriges Behandeln mit einem 
Tropfen !N'atron. Leucin mit Salpetersäure behandelt bleibt 
so gut wie farblos, nach Zugabe eines Tropfens I^s^atron tritt 
eine geringe gelbe Färbung ein und bildet sich ein Öliger 
Tropfen. Tyrosin mit KO^ behandelt, bildet citrongelbes 
Xitrotyrosin , das sich in einem Tropfen Natron rothbraun 
löst. Kennzeichnend für Tyrosin ist auch seine Unlöslichkeit 
in absolutem Alkohol. Nach halbstündigem Kochen damit 
hatte sich nicht eine Spur gelöst. 

Was die Hoffmann'sche*) Beaction betrifft, wo durch 
möglichst neutrales salpetersaures Quecksilberoxyd in wässe- 
riger Lösung von Tyrosin ein rother, flockiger Niederschlag 
entstehen soll, so gelang mir diese, trotz verschiedener Ver- 
suche mit vollkommen reinem Tyrosin, nicht, die Fällung war 
stets schmutzig weiss. 

Auch die von Meyer**) verbesserte Methode, wonach, 
wenn durch salpetersaures Quecksilberoxyd wohl eine Fällung, 
aber nicht in r o t h e n Flocken erfolgt , die Röthung der 
Flocken oder wenigstens eine deutlich rothe Färbung der 
Flüssigkeit eintreten soll, wenn eine stark verdünnte, wässe- 
rige Lösung rauchender Salpetersäure tropfenweise zugefügt 
wird, ergab keine Färbung der Flocken, und nur eine schwach 
weinrothe Färbung der Flüssigkeit. 

Auch die sehr umständliche Probe nach Piria (Lösen 
des Tyrosins in Schwefelsäure, Verdünnen mit Wasser und 
Sättigen mit kohlensaurem Baryt, anhaltendes Kochen, Filtriren 



*) Annalen d. Chemie. 87. p. 123. 
**) Fresenius, Zeitschrift. III. 199. 



48 Ueber Albumin und clesi?en 2cr.setzungsproducte durch Kali. 

und Versetzen mit möglichst neutralem Eisenchlorid , wo vio- 
lette Färbung auftritt) gab sehr unsichere Reactionen. 

c) flothbrauner, extract artiger, in absolutem Alkohol 
theilweise, in 90 procen tigern vollständi g löslicher 

Körper. 

Es ist dies der Körper, welcher gleich bei Beginn unserer 
Versuche beim Auszuge der zur Trockne eingedampften, neu- 
tralisirten Flüssigkeit, mit absolutem Alkohol, in geringer 
Menge gefunden wurde, dessen Hauptmasse aber beim Ein- 
dampfen des mit 70 ^/q Weingeist gewonnenen Auszuges und 
Behandlung mit absolutem Alkohol als darin löslich, erhalten 
wurde. Beim Eindampfen- und Trocknen im Wasserbade 
trat deutlicher Leimgeruch auf. Der Körper bildet anfäng- 
lich eine äusserst zähe, fadenziehende Masse, die sich nur 
mit der grössten Mühe und nach lange anhaltendem Reiben 
im Wasserbade zu einem feinen Pulver verarbeiten lässt. 
Dabei wird die Färbung immer lichter und im feingepulver- 
ten Zustande sieht der früher dunkelbraune Körper ganz 
lichtrehbraun aus. Er ist äusserst hygroskopisch, und nament- 
lich in fein gepulvertem Zustande genügt ein kurzes Stehen- 
lassen an der Luft, um wieder eine dunkelbraune extractar- 
tige Masse zu erhalten ; es hat demnach den Anschein , als 
ob die Färbung der Substanz nicht von einem sie verunrei- 
nigenden Farbstoff herrühre, sondern einfach von der Auf- 
nahme des Wassers, ein Verhalten, wie es beispielsweise der 
Kupfervitriol zeigt. Dafür spricht auch, dass, wenn man eine 
alkoholische Lösung dieses Körpers mit absolutem Aether 
behandelt, er sich in Form einer weissen milchigen Trübung 
abscheidet, ohne dass der Aether irgendwie gefärbt erscheint; 
hier wirkt offenbar der Aether ebenfalls wasserentziehend and 
damit zugleich als Fällungsmittel. 

Der Körper verbrennt leicht mit dem Gerüche nach ver- 
brannten Federn und hinterlässt dabei kaum bemerkbare 
Spuren eines Rückstandes. Mit absolutem Alkohol in der 
Wärme verdunstet, fängt er an, krystallinisch zu werden; 
diese Krystallisation geht nur allmählich vor sich, um so 
schöner und vollkommener, je mehr die Feuchtigkeit entfernt 



üeber Albumin und dessen Zersetzungsproduete durch Kali. 



49 




wird. Nach kurzem Stehen an freier Luft geht die schönste 
Krystallisation wieder in eine braune schmierige Masse über. 
Folgende Abbildungen mögen ein Bild geben von den allmäh- 
lig sich bildenden Krj'stallen. 






Fig. 1. Fig. 2. Fig. 3. 

Fig. 1 zeigt uns die beginnende Krystallisation, die 
gewöhnlich so auftritt, wie sie Fig. 2 zeigt. Die ausgezeich- 
net schöne Krystallisation von Fig. 3 zeigte der Körper, der 
gleich nach dem Eindampfen der mit Schwefelsäure neutrali- 
sirten kaiischen Flüssigkeit durch Kochen mit absolutem Al- 
kohol extrahirt worden. 

Bevor noch die durch Fig. 1 repräsentirte Krystallisation 
auftritt, zeigen sich lauter kleine einzelne Nädelchen. Ganz 
dieselben Kiystallisationen ergaben sich, als die alkoholische 
Lösung dieses Körpers mit absolutem Aether versetzt und 
die entstandene milchige Trübung nach dem Trocknen unter's 
Mikroskop gebracht wurde. Die nähere Untersuchung dieses 
Körpers ergab folgende Resultate: 

Bestimmung des Kohlenstoffs und Wasserstoffs. 

L 0,328 Grm. Substanz mit chromsaurem Bleioxyd ver- 
brannt gaben: 

0,425 Grm. CO^ == 0,1232 Grm. C = 37,587o C. 



0,206 



HO = 0,0228 



H = 6,97 „ H. 



IL 0,367 Grm. Substanz ebenso behandelt: 
0,504 Grm. CO^ = 0,13745 Grm. C = 37,45 «/^ C. 
0,214 „ HO = 0,0237 „ H=: 6,47 „ H. 

III. 0,259 Grm. Substanz : 
0,163 Grm. HO = 0,0181 Grm. H = 6,980/o H. 

Arch. d. Pharm. CLXXXVm Bds. 1. u. 2. Hft. 4 



50 Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 
Bestimmung des Stickstoffs. 

- I. 0,227 Grrm. Substanz mit Natronkalk geglüht gaben 
nach Varrentrapp und Will: 

0,024508 Grm. = 10,79% Stickstoff. 
II. 0,361 Grm. Substanz gaben: 

0,0376 Grm. = 10,41% Stickstoff. 

Bestimmung des Schwefels. 

0,456 Grm. Substanz wurden mit Salpeter und kohlen- 
saurem Natron geschmolzen und die Schmelze auf Schwefel- 
säure geprüft. Es wurde keine Schwefelsäure gefunden. 

Die Analyse ergiebt demnach: 

C H N 

37,58 6,97 10,79 44,66 

Sucht man daraus auf eine Formel zu kommen, so ergiebt 
die Rechnung C^^H»,05NiO7,2 ]y[an kann demnach die For- 
mel C^H^NO'^, als den richtigen Ausdruck der Analyse 
ansehen. 





Berechnet : 


Gefunden : 


c» 


37,8 


37,6 37,5 


H9 


7,1 


7,0 7,0 


N 


11,0 


10,8 10,4 


0^ 


44,2 


44,6 



Aeq. = 127. 

Ueber das Verhalten dieses Körpers wäre vorläufig Folgen- 
des anzuführen. Die wässerige Lösung reagirt schwach sauer. 
Mit schwefelsaurem Kupferoxyd versetzt, entsteht eine 
intensiv smaragdgrüne Färbung, aber selbst nach längerem 
Stehen keine Fällung. Salpetersaures Silberoxyd giebt eine 
weisse, mit der Zeit braunviolett werdende Fällung. Unter 
dem Mikroskop war keine deutliche Krystallisation zu erken- 
nen, sondern eine braune flockige Masse. 

Platinchlorid erzeugt eine gelbe Fällung. Der Nie- 
derschlag zeigt unter dem Mikroskop dasselbe flockige Aus- 
sehen wie der Silberniederschlag. 



Heber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 5l 

Salpetersaur es Quecksilberoxyd giebt einen sehr 
voluminösen , flockigen , weissen Niederschlag , der aber eben- 
falls unter dem Mikroskop kein krystallinisches Gepräge zeigt. 

Essigsaures Bleioxyd giebt nur eine geringe Trübung. 

Basisch essigsaures Bleioxyd giebt eine weisse, 
flockige Fällung. 

Barytwasser und JS^atronhydrat geben langsam 
entstehende weisse Eällungen. Die meisten Säuren bewirken 
keine Aenderung in der wässerigen Lösung des Körpers. 

Ich behalte mir selbstverständlich ein näheres und 
genaueres Studium dieses Körpers vor. Yon beiläufig 30 Grm 
wasserfreiem Yitellin wurden gegen 4 Grm. dieses Körpers 
erhalten, wesshalb derselbe* jedenfalls zu den auch der Menge 
nach hervorstechenden Zersetzungsproducten zu zählen ist. 

M u 1 d e r fand bei ganz analoger Behandlung des Eiweisses 
einen unkrystallinischen Körper, den er Protid nannte und 
ihm die Formel C^^H^^N^O'^ gab; es ist wohl anzunehmen, 
dass Mulder mit einem Gemenge arbeitete. Sehr inter- 
essant ist die Beziehung unseres Körpers zu Glykokoll, dem 
Zersetzungsproducte des Leims durch gleiche Einwirkung 
von Kali. JS^ach M u 1 d e r \vird Glykokoll erhalten, wenn man 
Leim so lange mit Kalilauge kocht, als noch Ammoniak ent- 
weicht, dann mit Schwefelsäure neutralisirt , stark eindampft 
und den Bückstand mit heissem Weingeist auszieht. Auch 
in vielen seiner Eigenschaften stimmt unser Körper mit dem 
Glykokoll überein. 

So in seinem Verhalten gegen Alkohol und Aether. Gly- 
kokoll giebt mit Quecksilber-, Silber- und anderen Salzen 
ebenfalls Fällungen, mit schwefelsaurem Kupferoxyd jedoch 
nur eine tiefblaue Lösung; auch unser Körper gab keine 
Fällung, wohl aber eine smaragdgrüne Lösung. Auch Gly- 
kokoll reagirt in wässeriger Lösung schwach sauer wie unser 
Körper. 

Die Formel des Glykokolls ist: C^H^NO^ + HO. 
unsers Products ist: C^HSNOe + HO. 

Die Zersetzungsproducte des Leims durch Kali sind 
analog denen des Albumins ; es treten ebenfalls Leucin, Tyro- 

4* 



52 Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproduete durch Kali. 

sin, Ammoniak, sowie ein übelriechendes Gas als Zersetzungs- 
produete auf, ausserdem aber das bei Albumin nicht gefun- 
dene Grlykokoll. Dieses , dem Glykokoll entsprechende Zer- 
setzungsproduct , glaube ich eben im besprochenen Körper 
gefunden zu haben. 

d) Rothbrauner, extractartiger, in absolutem Alkohol 
und 90% Weingeist unlöslicher Körper. 

Es ist dies der beim Behandeln des zur Syrupsconsistenz 
eingedampften Gemenges mit absolutem Alkohol in der Wärme 
unlöslich zurückgebliebene und auf oben näher beschriebene 
Weise mittelst Wassers vom Tyrosin befreite rothbraune 
extractartige Körper. 

Was sein Verhalten im Allgemeinen betrifft, so nähert 
er sich in manchen Beziehungen dem vorhergehenden Körper. 
Auch er zeigt beim Eindampfen im Wasserbade den deut- 
lichen Leimgeruch, wird dabei erst äusserst zäh und faden- 
ziehend, lässt sich aber schliesslich zu einem feinen hell- 
rehbraunen Pulver zerreiben. 

Auch dieser Körper ist namentlich in fein vertheiltem 
Zustande äusserst hygroskopisch, wenn auch nicht in dem 
Maasse wie der vorangehende. Die Form, in der dieser Kör- 
per bei vorsichtigem längeren Eindampfen eines Tropfens 
wässeriger Lösung krystallisirte , blieb sich bei seiner zwei- 
maligen Darstellung nicht ganz gleich. 

Es hat dies wohl hauptsächlich darin seinen Grund, dass 
er bei seiner Scheidung mit absolutem Alkohol und Tren- 
nung von Tyrosin mittelst Wasser nicht rein, sondern in Ver- 
bindung mit bedeutenden Mengen anorganischer Bestandtheile 
erhalten wird, namentlich ist er stets von einem bedeutenden 
Gehalt an schwefelsaurem Kali begleitet. 

Es gelang mir vorläufig noch nicht, den organischen Be- 
standtheil aus dem Gemenge rein abzuscheiden. Dagegen 
wurde die beim Verbrennen zurückbleibende Asche genauer 
untersucht und ergab sich, dass die einzelnen direct gefunde- 
nen Bestandtheile sich vollkommen unter sich zu Salzen ver- 
binden lassen. 



Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 53 

Bei der ersten Behandlung des Vitellins mit Kali war 
die durch Schwefelsäure neutralisirte Flüssigkeit, nach dem 
Eindampfen im Wasserbade, mit bis zu 60 7o Alkoholgehalt 
herabsteigendem Weingeist behandelt worden und zeigte sich 
dann bei der Untersuchung des eben zu besprechenden Kör- 
pers ein Aschengehalt von 51,7%. Seine Krystallisation, 
die auch etwas schwierig erfolgte, erinnerte an diejenige, 
die die Teich mann 'sehen Blutkrystalle *) zeigen. 

Bei der zweiten Darstellung dieses Körpers aus Vitel- 
lin, wo der Alkoholgehalt des zum Extrahiren der mit Schwe- 
felsäure neutralisirten und zur Trockne eingedampften Flüs- 
sigkeit verwandten Weingeists nicht unter 70% sank, betrug 
der Aschengehalt des der Untersuchung unterzogenen Kör- 
pers nur 24,25%. Unter dem Mikroskop zeigten sich dies- 
mal nur an den Bändern des Objectes die Teichmann'- 
schen Formen, in der Mitte dagegen ein Haufwerk einzelner 
kleiner Nadeln. 

Untersuchung der Asche. 0,349 Grm. Asche erga- 
ben als direct gefunden: 

0,197 Grm. AgCl = 13,95% Gl 

0,241 „ KCl = 36,10 „ K 

0,210 „ BaO,S03 = 20,65 „ SO» 
0,047 „ Fe203,P05= 13^46 ,, Fe^Oa^PO^ 
0,0123 „ CaO = 3,52 „ CaO 

0,023 „ P05 = 6,60,, PO^ 

0,005 „ MgO = 1,43 „ MgO 

Eine directe Prüfung auf Kohlensäure ergab die Abwesenheit 
derselben; es sind also in Betreff des Kohlenstoffs keinerlei 
Beductionen nothwendig. 

Berechnet man aus den directen Bestandtheilen die Salze: 
29,317,, Chlorkalium 
45,61 „ schwefelsaures Kali 
13,46 „ phosphorsaures Eisenoxyd 
7,98 „ phosphorsauren Kalk 
3,97 „ phosphorsaure Magnesia 
100,34% 



^) Funke, Atlas der physiologischen Chemie. Taf. IX. Fig. 5. 



54 Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali. 

SO ergiebt sich, dass die anorganischen Bestandtheile vollständig 
gegenseitig gebunden werden können und wir in unserm Pro- 
duct wenigstens keine salzartige Verbindung anzunehmen haben. 

Gehalt an Schwefiel. 0,73.2 Grm. ursprüngliche 
Substanz wurden in Salzsäure gelöst und in dieser Lösung, 
die eine vollständige war, die SO^ bestimmt. Ich erhielt 
0,2545 Grm. BaO^SO^ = 0,0873 Grm. SO^ = ll,927o- 

0,253 Grm. Substanz wurden mit Salpeter und kohlen- 
saurem Natron geschmolzen und hier wiederum in salzsaurer 
Lösung die SO^ bestimmt. Ich erhielt 0,087 Grm. BaO,S03 = 
0,0298S03=ll,937o SO^. Der Körper ist demnach schwefelfrei. 

Aschen bestimmun g. 0,536 Grm. Substanz auf dem 
Platindeckel vorsichtig verbrannt, bis der Rückstand weiss 
war, gaben 0,130 Grm. == 24,25% Asche. 

Bestimmung des Kohlenstoffs' und Wasserstoffs. 

I. 0,245 Grm. Substanz mit chromsaurem Bleioxyd ver- 
brannt gaben: 

0,319 Grm. CO^ = 0,0870 Grm. C = 35,51% C. 
0,142 „ HO = 0,01577 „ H = 6,43 „ H. 
IL 0,274 Grm. Substanz lieferten unter denselben Um- 
ständen : 

0,363 Grm. 00^ = 0,09445 Grm. C = 34,47% 
0,158 „ HO =0,01755 „ H = 6,40,, 

Bestimmung des Stickstoffs. 
0,391 Grm. Substanz mit Natronkalk verbrannt und nach 
Varrentrapp und Will den Stickstoff bestimmt, gaben: 

0,03851 Grm. = 9,84% K 
Eine Wasserbestimmung wurde unterlassen, da die Substanz 
vor ihrer Untersuchung im Wasserbade eingedampft, getrock- 
net und gepulvert worden war. 
Wir fanden demnach: 

C H N 

35,51 6,43 9,84 Proc. 
oder wenn man auf aschenfreie Substanz berechnet: 

C H N 

46,87 8,48 12,99 31,66. 



Ueber Albumin und dessen Zersetzungsproducte durch Kali, 55 

Berechnet man daraus eine Formel, so kommt man als am 
nächsten liegend auf: C^H^NO^. 

Derselbe Körper, der bei der ersten Darstellung aus Vi- 
tellin gewonnen wurde, ergab bei den betreffenden näheren 
Bestimmungen folgende Resultate : 

0,675 Grm. Substanz hinterliessen 0,349 Grm. = 51,70^0 
Asche. 

Bestimmung des Kohlenstoffs und Wasserstoffs. 

I. 0,226 Grm. Substanz gaben: 

0,192 Grm. CO^ = 0,0523 Grm. C = 23,177o 
0,083 „ HO =0,0092 „ H= 4,3 „ 

II. 0,244 Grm. Substanz lieferten: 

0,208 Grm. 00^= 0,0567 Grm. C = 23,27o. 
Es ergiebt dies, auf aschenfreie Substanz berechnet: 

C = 47,6 H = 8,9 Procent. 
Fassen wir die Resultate des zweimal untersuchten Körpers 
kurz zusammen: 

irechnet : 

1 

46,87 

8,50 

13,0 — — 

31,6 — — 

Es finden allerdings im KohlenstofFgehalte noch bedeu- 
tende Schw^ankungen statt, die aber doch in ihrem Mittel- 
werthe sich dem berechneten Gehalte anschliessen. 

Wir müssen nochmals betonen, dass wir eben keine 
ganz reine Substanz vor uns hatten, und dass wegen des 
hohen Aschengehaltes sich jeder Versuchsfehler ziemlich ver- 
doppelt, wenn man auf aschenfreie Substanz berechnet. 

Jedenfalls sind die Schw^ankungen nicht so bedeutend, 
um unsere aufgestellte Formel als illusorisch erscheinen zu 
lassen. Der Formel nach gehörte dann unser Körper in die 
homologe Gruppe des Glykokoll, Alanin etc. 

Man kannte bis vor Kurzem nur 3 Glieder dieser Reihe: 
Glykokoll C^H^NO^ Alanin C^H^NO^ Leucin Ci^Hi^NO^ 





Berechnet : 


c» 


46,6 


H9 


8,7 


N 


13,5 


0^ 


31,1 



Gefunden : 




2 


3 


45,5 


47,6 


8,5 


8,9 



56 Ueber Albumin und dessen Zersetzuugsproducte durch Kali. 

Gorup-Besanez*) fand später in der Milz und Spei- 
cheldrüse des Ochsen neben Leucin das Butalanin C^^H^^NO*. 
Der von uns gefundene Körper würde in der Keihe den 
Uebergang von Alanin zum Butalanin bilden C^H^NO^. Er tritt 
ebenfalls wie dieses neben Leucin auf und hat verschiedene, 
den Körpern dieser Gruppe gemeinsame Eigenschaften. Sie 
sind sämmtlich schw^ache Basen und vereinigen sich sowohl 
mit Säuren als auch mit Basen zu Verbindungen. Aber auch 
mit Salzen, namentlich mit salpetersauren, gehen sie leicht 
Doppelverbindungen ein, so kennen wir vom Glykokoll: 

04H5]S^O^ + HgO,NO^ 
Quecksilbersalz. 

Eine wässerige Lösung unseres Products gab, mit sal- 
petersaurem Quecksilberoxyd versetzt, einen voluminösen 
grauen Mederschlag, der beim Trocknen über Chlorcalcium 
zu einer rothbraunen wasserklaren, spröden Masse wurde. 

1,035 Grm. davon wurden mit Salpetersäure angesäuert 
und Schwefelwasserstoff eingeleitet. Ich erhielt 0,446 Grm. 
HgS, entsprechend 0,415 HgO. 

Es enthielt mithin der Körper 40,09% HgO. 

Einem Körper von der Zusammensetzung C^H^NO^-f 
HgO,NO^ würden aber 40,7% HgO entsprechen. 

Dieser Versuch spricht somit auch zu Gunsten der auf- 
gestellten Formel. 

Glykokoll und Leucin, zwei Körper, die derselben Gruppe 
angehören, werden ebenfalls bei der Zersetzung eiweissartiger 
Körper durch Kali gebildet , und das von Gorup-Besanez 
entdeckte Butalanin, da es neben Leucin gefunden wurde, 
lässt auch seinen Ursprung aus eiw^eissartigen Gebilden ver- 
muthen, lauter Analogieen, die für die Existenz unserer Ver- 
bindung und zwar von der Eormel C^H^NO* sprechen. 

Ich behalte mir selbstverständlich ein genaueres und ein- 
gehenderes Studium auch dieses Körpers vor, w^elcher auch 



*) Annulen d, Chemie und Pharmacic. 98. p. 15. 



Ueber einen neuen, dem Tyrosin und Leucin ähnliclien Körper. 57 

der Quantität nach, in der er als Zersetzungsproduct auftritt, 
eine hervorragende Rolle unter den Zersetzungsproducten 
des Eiweisses durch Kali zu spielen scheint, wenigstens kann 
man seine gewonnene Menge zu mindestens 10 bis 15^0 
des ursprünglich angewandten lufttrockenen Vitellins an- 
nehmen. 



lieber einen neuen, dem Tyi'osin und Leucin 
älinliclien Körper. 

Von Demselben.*) 



Mit 3 Figuren in Holzschnitt. 

In der Jenaischen Zeitschrift für Medicin und Natur- 
wissenschaft **) theilte ich die Eesultate von Arbeiten mit, 
welche bezweckten, die Zersetzungsproducte des Eiweisses 
durch einen Ueberschuss von Kali genauer zu studiren. *^'*) 

Ausser einigen nicht weiter untersuchten flüchtigen Kör- 
pern fand ich als Hauptrepräsentanten der Zersetzung zwei 
syrupartige, schwer krystallisirbare braunrothe Körper, sodann 
einen eiweissartigen, noch schwefelhaltigen unkrystallisirbaren 
elastischen Körper sowie Leucin und Tyrosin. 

Auch weiterhin beschäftigte ich mich mit der Lösung die- 
ser Erage und da hierbei absichtlich kleine Modificationen des 
ursprünglichen Verfahrens stattfanden, gelangte ich zu Ke- 
sultaten, welche, wenn auch im Ganzen von den ursprünglich 
erzielten nicht abweichend, doch manches Neue boten. 

Vorläufig eine dieser neuen Thatsachen mitzutheilen ist 
der Zweck vorliegender Arbeit. 



*) Als Separatabdruck aus der Jenaischen Zeitschrift. Bd. IV. Heft 2. 
vom Hrn. Verfasser (Dr. R. Theile) erhalten. Die Med. 

**) Band III. Seite 166. 
***) Die vorhergehende Abhandlung. Die Med. 



58 Ueber einen neuen, dem Tyrosin und Leucin ähnlichen Körper. 

Bei meinen ersten Untersuchungen wurde Yitellin mit 
der doppelten Menge Kali vier Wochen lang unter öfterem 
ümschiitteln in Berührung gelassen und hierauf die braun- 
rothe klare Flüssigkeit filtrirt. 

Es blieben nur geringe Mengen ungelöster Substanz 
zurück, die sich grösstentheils als phosphorsaure Erden er- 
wiesen. 

Bei zwei so ausgeführten Versuchen wurden je 40 Grm. 
Vitellin mit 80 Grm. Aetzkali behandelt. 

Ein dritter, zu demselben Zwecke wiederholter Ver- 
such wurde mit 154 Grm. Vitellin und 100 Grm. x\etzkali 
ausgeführt. 

War daher das Verhältniss des Vitellins zu Kali früher 
wie 2 zu 1 , so war es nun wie 3 zu 2 ; auch wurde der 
Versuch nicht auf 4 Wochen ausgedehnt, sondern schon nach 
14 Tagen zur Untersuchung geschritten. 

Beim Abfiltriren der alkahschen Lösung war diesmal der 
Bückstand weit beträchtlicher; er bestand wiederum zum 
Theil aus phosphorsauren Erden, ferner aber aus einem blen- 
dend weissen, schon auf dem Eilter für das blosse Auge sich 
als krystallinisch erweisenden Körper. 

Meine erste, naheliegende Vermuthung war, dass hier 
wahrscheinlich Leucin oder Tyrosin vorläge. 

Die Masse wurde mit absolutem Alkohol unter Erwär- 
men behandelt, wobei der fragliche Körper leicht in Lösung 
überging, beim Erkalten aber theilweise wieder herausfiel. 

Unter dem Mikroskop zeigte der Körper eine vollkom- 
men wasserhelle , überaus schöne , aus sichelförmigen Nadeln 
arabeskenartig zusammengesetzte Krystallisation. 

Durch abermaliges Umkrystallisiren des Körpers aus 
heissem Alkohol erhielt ich eine zur weiteren Untersuchung 
dienende, blendend weisse, im Aeusseren von Tyrosin und 
Leucin nicht zu unterscheidende Masse. 

Die damit angestellte nähere Untersuchung lieferte fol- 
gende Besultate: 

Auf Platinblech vorsichtig erhitzt, schmolz der Körper 
zu einer rothbraunen Flüssigkeit und verbrannte mit dem den 



lieber einen neuen, dem Tyrosin und Leucin ähnlichen Körper. 59 

Stickstoffhaltigen Verbindungen eigenthümlichen Geruch ohne 
Hinterlassung eines E-ückstandes. 

1) 0,0850 Grm. Substanz mit Natronkalk verbrannt gaben: 

0,00717 Grm. N = 8,447o. 

2) 0,121 Grm. Substanz gaben bei analoger Behandlung 

0,0098 Grm. N = 8,18^0- 

3) 0,1835 Grm. Substanz mit Kupferoxyd und vorgeleg- 
tem metallischen Kupfer verbrannt gaben : 

0,187 Grm. 00^ = 0,0510 Grm. C = 36,82% C. 
0,125 „ HO =0,01388 „ H=10,027oH. 

4) 0,146 Grm. Substanz ebenso behandelt: 

0,199 Grm. CO^ = 0,05427 Grm. C = 37,17% C. 
Daraus berechnet sich die Formel C^^H^^NO^. 

Berechnet : Gefunden : 

10 Aeq. Kohlenstoff 60 37,03%. 36,82%. 37,17. 

16 „ Wasserstoff 16 9,87 „ 10,02 „ — 

1 „ Stickstoff 14 8,65 „ 8,44 „ 8,12. 

9 „ Sauerstoff 72 44,45 „ — — 

1 Aeq. 162 100,00%. 

Schon vor der genaueren Untersuchung glaubte ich, der 
Körper sei vielleicht Butalanin, ein dem Leucin homologer 
lind von Gorup-Besanez*) in der Bauchspeicheldrüse des 
Ochsen gefundener und von ihm näher untersuchter Stoff. Ich 
gelangte jedoch durch näheres Studium zu der Ueberzeugung, 
dass hier kein Butalanin vorliege. 

Gorup-Besanez giebt dem Butalanin die Formel 
C10H11N04. 

Schreibt man die Formel des von mir untersuchten Kör- 
pers C^'^H^^NO* + 5H0, so war es denkbar, dass mit Was- 
ser inniger verbundenes Butalanin vorläge, wesshalb der Best 
meiner Substanz wieder anhaltend bei 120*^0. getrocknet und 
nochmals der Analyse unterworfen wurde. 

0,195 Grm. Substanz gaben mit I^atronkalk geglüht: 

0,01794 Grm. N = 9,2'7„. 
0,1205 Grm, Substanz mit Kupferoxyd und metallischem 
Kupfer verbrannt gaben: 



") Annalen d. Chera. Band 98. Seite 15. 



60 Uebcr einen neuen, dem Tyrosiu und Leucin ähnlichen Körper. 



• 0,177 Grm. CO^ = 0,04827 Grm. C = 40,05"/,,. 
0,111 „ HO =0,01233 „ H= 10,23,, 

Berechnet : Gefunden : 

C^^ 39,2 40,05. 

H15 9,8 10,23. 

N 9,15 9,20. 

Die Zahl des Kohlenstoffes ist zu hoch, jedoch sieht man, 
dass nur 1 Aequivalent Wasser durch das Trocknen bei 120^ 
ausgetrieben worden war, wesshalb die Formel C^'^H^^NO^ 
-}-H0 gegeben werden muss. 

In kaltem Wasser löst sich der Körper nur schwierig, 
leichter in heissem, aus dem er beim Erkalten theilweise 
wieder herausfallt. 

Leucin löst sich leicht in Wasser, Butalanin und Tyrosin 
schwierig. 

Im absoluten Alkohol ist der Körper leicht löslich, noch 
leichter, wenn dabei Erwärmung stattfindet. 

Leucin ist in kochendem Alkohol schwer löslich, Butala- 
nin noch schwieriger, Tyrosin unlöslich. 

In Aether löst sich der Körper vollständig, namentlich 
beim Erwärmen. 

Leucin und Tyrosin sind in Aether vollkommen unlös- 
lich, ebenso Butalanin. 



Charakteristisch ist 
vor Allem die Krystal- 
lisation. 




Eig. I. zeigt den aus 
wässriger Lösung kry- 
stallisirten Körper. Die 
Krystallisation bildet 
ein zusammenhängenden 
Netz von wasserklaren, 
arabeskenartigen Ver- 
schlingungen. 



Fig. I. 



Üeber einen neuen, dem Tyrosin und Leucin ähnlichen Körper. 61 





Fig IIT. 



Fig. II. 

Fig. IL giebt einen Theil dieser Krystallisation etwas 
vergrössert. 

Die Krystallisation aus ätherischer Lösung ist zarter und 
feiner, sie besteht aus einem regellos ausgebreiteten Netze 
mondsichelförmig gekrümmter Nädelchen, die oft farrenkraut- 
artig zusammengefügt sind , doch auch der Typus von Fig. II. 
ist vorhanden. 

Fig IIL zeigt eine Krystallisationsform, wie sie öfters aus 
alkoholischer Lösung erhalten wurde. Sie trägt genau das 
Gepräge eines maschenförmigen Gebildes. 

Die vorgeführten Krystallisationen erhielt ich jedesmal 
ohne Mühe schön und klar, nur muss mit verdünnten Lösun- 
gen operirt werden. Sie weichen vollkommen von denen des 
Leucins und Tyrosins ab, niemals zeigte sich auch nur eine 
Spur jener meist kugeligen oder büschelförmigen Gebilde. 

Yon Butalanin liegt keine Abbildung vor. G o r u p - 
Besanez schildert die aus kochendem Alkohol erzielte Kry- 
stallisation als aus breiten rhombischen Tafeln und Prismen 
bestehend, meist sternförmig gruppirt. 

Die wässrige Lösung krystallisirt in farrnkrautähnlichen, 
zuweilen auch in garbenförmig gruppirten feinen Nadeln. 

Leucin und Tyrosin stimmen darin mit dem neuen Kör- 
per überein, dass sich alle 3 bei geringer Menge durch 
ausserordentliches Yolumen auszeichnen. Man hat dies bei 
der Darstellung mikroskopischer Objecte zu beherzigen. 



62 Ueber einen neuen, dem Tyrosin und Leucin ähnlichen Körper. 

Beim vorsichtigen Erwärmen schmilzt der Körper erst 
zu einer rothbraunen Flüssigkeit und sublimirt dann in weissen 
Flocken. Der Versuch wurde in einer^ beiderseits offenen 
Röhre angestellt. Erst bei einer Temperatur von 190^ C. 
fing die rothbraune Flüssigkeit an, Nebel zu bilden, dichte 
weisse Nebel lagerten sich unmittelbar neben der erwärmten 
Stelle ab und konnten bei vorsichtigem Erwärmen die ganze 
Röhre entlang getrieben werden. Diese Dämpfe reagirten 
nicht alkalisch. 

Bei Leucin tritt kein Schmelzen ein, sondern schon bei 
170" eine directe Sublimation. Tyrosin schmilzt, ohne zu 
sublimiren, Butalanin schmilzt und sublimirt hierauf in gelben 
Flocken, w^obei deutlich alkalische Beaction auftritt. 

Verdampft man den Körper auf dem Platinblech vorsich- 
tig mit einem Tropfen Salpetersäure, so wird die Masse inten- 
siv citronengelb. 

Leucin bleibt dabei ungefärbt, Tyrosin dagegen giebt 
ebenfalls eine gelbe Verbindung. 

Bei nachheriger Behandlung der gelben Verbindung mit 
einem Tropfen Natronlauge tritt eine intensiv braunrothe Fär- 
bung ein, gerade wie bei Tyrosin. 

Mit einer wässrigen Lösung des Körpers wurden fol- 
gende Beactionen angestellt: 

Ammoniak bewirkte keine Fällung, die damit ver- 
setzte Flüssigkeit zeigte die Krystallisation des ursprünglichen 
Körpers. 

Natron bewirkte keine Fällung, doch zeigte sich unter 
dem Mikroskope eine von der des reinen Körpers abweichende 
Krystallisation. Zur Controle Hess ich das angewandte Na- 
tron, sowie kohlensaures Natron für sich krystallisiren und 
überzeugte mich, dass die Krystallisation durch diese allein 
nicht bedingt sein konnte. Es dürfte demnach eine Natron- 
verbindung vorgelegen haben. 

Die Verbindung w^ar in Wasser sehr leicht löslich, was 
der Körper an und für sich bekanntlich nicht ist. 

Barythydrat bewirkte keine Fällung. 



üeber einen neuen, dem Tyrosin und Leucin ähnlichen Körper. 63 

Die mit Salzsäure versetzte wässrige Lösung krystal- 
lisirte in schönen verfilzten Xadeln , nach Längerem Auswa- 
schen mit Aether, um alle überschüssige Salzsäure zu entfer- 
nen, trat bei Zugabe von salpetersaurem Silberoxyd eine deut- 
liche Eeaction auf Chlor ein, so dass jedenfalls eine Verbin- 
dung des Körpers mit Chlorwasserstoffsäure vorlag. 

Dieselbe Verbindung existirt bekanntlich auch von Leu- 
cin. Ein Theil der wässrigen Lösung wurde mit Salpeter- 
säure im Wasserbade verdampft. Die Krystallisation erwies 
sich theilweise als die des reinen Körpers, theilweise traten 
gerade Nadeln auf, es zeigten sich aber auch an vielen Stel- 
len citronengelbe Partieen, die aus keulenförmig zusammen- 
gesetzten Massen kleiner gerader Nädelchen bestanden. 

Dieser gelbe Körper dürfte wohl auf eine dem Nitroty- 
rosin entsprechende Verbindung hinweisen. 

Platinchlorid bewirkte auch nach längerem Stehen 
keine Fällung. 

Essigsaures Kupferoxyd bedingte weder eine Fäl- 
lung noch eine Färbung; unter dem Mikroskope Hessen sich 
die Krystalle des ursprünglichen reinen Körpers und die des 
essigsauren Kupferoxydes genau erkennen und trennen. 

Quecksilberchlorid gab auch nach Zugabe von 
Aether keine Fällung. Leucin verhält sich ebenso. 

Salpetersaures Quecksilberoxyd bewirkte eine 
starke weisse, flockige Fällung, die überstehende Flüssigkeit 
zeigte eine deutliche rosenrothe Färbung. 

Leucin wird dadurch weder gefärbt noch gefallt. 

Bei Tyrosin tritt eine rothe Fällung ein und auch die 
überstehende Flüssigkeit zeigt eine intensive Färbung. 

Phosphor-Molybdänsäure, Jodkalium, salpetersaures Queck- 
silberoxydul, sowie schwefelsaures Zinkoxyd bewirkten weder 
in der Kälte noch in der Wärme eine Fällung. 

Soweit in Kürze, was ich von dem neuen Körper ermit- 
melt habe. 

Im Folgenden stelle ich die hauptsächlichsten E-eactionen 
und Eigenschaften parallel mit Leucin , Tyrosin und Buta- 
lanin zusammen, es wird dadurch das Verschiedene und 



64 Üeber einen neuen, dem Tyrosin und. Leucin ähnlichen Körper. 

das Gemeinsame dieser 4 Körper am besten und deutlichsten 
charakterisirt. 

Bei Butalanin konnte selbstverständlich nur das bis jetzt 
über dasselbe Bekannte mit aufgenommen werden. 





Leucin 


Tyrosin 


Butala- 


Neuer 


Löslichkeit 






nin 


Körper 


in Wasser 


Leicht 


Schwer 


Schwer 


Schwer 




löslich 


löslich 


löslich 


löslich 


Löslichkeit 








Leicht 


in Alkohol 


Schwer 
löslich 


Unlöslich 


Sehr schwer 
löslich 


löslich 


Löslichkeit 








Leicht 


in Aether 


Unlöslich 


» 


Unlöslich 


löslich 




Bei 170*^ 




Schmilzt 


Unter 190 « 


Verhalten bei 


sublimirbar 


Schmilzt 
ohne zu 


und subli- 
mirt dann 


schmelzbar, 
bei 190« in 


höherer Temperatur 


ohne zu 
schmelzen 


sublimiren 


in gelben 
Flocken 


weissen 

Flocken 

sublimirbar 


Auf Platinblech 


"n T 1 








mit Salpetersäure 
behandelt : 


Farblose 
Masse 


Gelbe Masse 




Gelbe Masse 


Nach Zugabe von 


Bleibt 


Braimrothe 




Braunrothe 


Natron 


farblos 


Masse 




Masse 






Rothe 




Weisse 




Keine Fäl- 


flockige Fäl- 
lung, 
Flüssigkeit 




flockige Fäl- 


Salpetersaures 


lung, Flüs- 




lung, 


Quecksilberoxyd 


sigkeit 


— 


schwach 


bewirkt : 


bleibt unge- 


stark rosa 




rosa ge- 




färbt 


gefärbt 




färbte Flüs- 
sigkeit. 



Bopp*) erwähnt in seinen Untersuchungen ,, lieber Albu- 
min , Casem und Fibrin , " dass er nach dem Schmelzen des 
Albumins mit Aetzkali neben Leucin und Tyrosin noch einen 
dritten Körper in sehr geringen Mengen gefunden habe , der 



") Annalen der Ch. u. Ph. LXIX. S. 28 u. 29. 



Ueber einen neuen, dem Tyrosin und Leucin ähnlichen Kärper. 65 

im äussern Ansehen dem Tyrosin, in einigen Eigenschaften 
dem Leucin gleiche. Die erhaltene Menge war so gering, 
dass es bloss möglich war zum Zweck seiner Wiederauffin- 
dung seine äussern Eigenschaften kennen zu lernen. 
Bopp charakterisirt diesen Körper kurz wie folgt: 

1) Sublimirbar und hierbei baumwollenartige Flocken 
bildend, ohne Hinterlassung eines Rückstandes. 

2) Schwer löslich in Wasser. 

3) Leichtlöslich in absolutem Alkohol. 

4) Nadeln, die keinen besonderen Glanz haben und sich 
beim Auskrystalliren aus absolutem Alkohol gerade so durch 
das ausserordentliche Volumen bei geringer Menge auszeichnen, 
wie das Tyrosin beim Auskrystallisiren aus Wasser. 

Diese Eigenschaften stimmen soweit mit denjenigen unsers 
Körpers überein. 

In einem Harne, der aus dem hiesigen Krankenhause 
zur Untersuchung auf Leucin und Tyrosin eingeschickt wor- 
den war, fand ich den einen Tag Leucin, die beiden folgen- 
den Tage aber zeigte sich weder Leucin noch Tyrosin, wohl 
aber ganz deutlich die Krystallisation des fraglichen Körpers. 

Der Kranke litt an einer allmählichen Zersetzung der 
Muskeln. Es scheint also dieser Körper auch wie Leucin, 
Tyrosin und Butalanin im Urin aufzutreten. 

Frerichs und Städeler*) haben einmal im Harne 
neben dem Tyrosin einen dem letztern sehr ähnlichen und 
wie sie aus einer Stickstoffbestimmung schliessen, ihm wahr- 
scheinlich homologen Körper gefunden; der Stickstoffgehalt 
betrug nach ihren Angaben 8,83 7o- I^ie hier gefundene 
Formel C^'^Hi^NOs + HO entspricht einem Gehalte von 
8,64^7,, Stickstoff. 

Frerichs und Städeler theilen nichts Näheres über 
ihre Nachweisung mit, die Vermuthung liegt aber nahe, dass 
ihnen der gleiche Körper vorgelegen habe. 



^) Frerichs, Deutsche Klinik 1855. Nr. 31. p. 343. 



Aj-ch. a. Pharm. CLXXXVIU. Bau, 1. u. 2. Hft. 



66 Ueber die chemisclie Zusammensetzung eines Harnsteins. 

Uelber die chemische Zusammensetzung eines 

Harnsteins. 

Von Dr. C. Schacht, Apotheker in Berlin. 

Der Ereundlichkeit eines meiner hiesigen Herrn Collegen 
verdanke ich den Besitz eines Harnsteins von interessanter 
Porm nnd Zusammensetzung. Der gelblich weiss gefärbte 
Harnstein von der Form und Grösse des Seeale cornutum 
zeigte bei glatter Oberfläche auf dem Bruche verschiedene 
concentrische Schichten. Letztere gaben der Yermuthung 
Raum, dass der vorliegende Harnstein aus mehren Substan- 
zen bestehen würde, wie es auch die Analyse gezeigt hat. 
Der Gang der Analyse war folgender. 

Ein kleiner Theil von dem gepulverten Harnsteine auf 
einem Platinbleche erhitzt, gab unter Schwärzung und Ent- 
wicklung von urinartig riechenden Dämpfen einen bedeuten- 
den weissen, unschmelzbaren Bückstand, welcher mit Wasser 
benetzt Curcumapapier stark bräunte. In Chlorwasserstoff- 
säure gelöst, mit Ammoniak und oxalsaurem Ammoniak ver- 
setzt, resultirte ein weisser, in Essigsäure unlöslicher Nieder- 
schlag von oxalsaurem Kalk. In dem restirenden Eiltrate war 
Magnesia nicht vorhanden. 

Ein anderer Theil des gepulverten Harnsteins wurde mit 
Salpetersäure und Ammoniak auf Harnsäure untersucht. Ich 
erhielt eine prachtvolle Beaction von Murexid. Da beim Be- 
handeln des Harnsteins mit verdünnter Salpetersäure keine 
Gasentwicklung eintrat, so war kohlensaurer Kalk in demsel- 
ben nicht enthalten. Auch entwickelte Kalilauge aus demsel- 
ben kein Ammoniak, wodurch die Abwesenheit von harnsau- 
rem Ammoniak constatirt ist. 

Da nun beim Glühen des Harnsteins ein bedeutender, 
weisser, unschmelzbarer Bückstand erhalten wurde, so wäre 
die schon nachgewiesene Harnsäure wahrscheinlich an Na- 
tron, Kalk oder Magnesia gebunden. Um dies zu constatiren, 
wurde ein Theil des gepulverten Harnsteins mit destillirtem 
Wasser ausgekocht, die eine Hälfte des erhaltenen Eiltrats 
abgedampft, geglüht, der Bückstand mit Wasser aufgenom- 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 67 

men und auf Alkalien geprüft. Diese waren nicht vorhanden. 
Der in Wasser unlösliche Rückstand wurde in Chlorwasser- 
stoffsäure gelöst, die Lösung mit Ammoniak und oxalsaurem 
Ammoniak versetzt. Es resultirte ein in Essigsäure unlösli- 
cher Niederschlag von oxalsaurem Kalk. Magnesia war nicht 
vorhanden. Die zweite Hälfte des oben erhaltenen Eiltrats 
wurde auf Harnsäure geprüft und gab eine schöne Murexid- 
reaction. In der ausgekochten, von harnsauren Salzen befrei- 
ten Masse wurde freie Harnsäure mit Salpetersäure und 
Ammoniak ebenfalls deutlich nachgewiesen. Der untersuchte 
Harnstein besteht demnach aus freier Harnsäure und harn- 
saurem Kalk. Aus seiner Form kami man den Schluss zie- 
hen, dass derselbe aus einer weiblichen Blase stammt. 



Untersuchungen aus dem pharmaceutiselien Institute 

in Dorpat. 

Mitgetheilt von Dragendorff. *) 



Beiträge für den gerichtlich- chemischen Nach- 
weis des Morphins und Narkotins in thierischen 
Flüssigkeiten und G-e weben. 



o 



Bereits im vorigen Jahre konnte ich eine^ auf meine 
Veranlassung unternommene Arbeit über einzelne, das Mor- 
phin betreffende Fragen, welche von der gerichtlichen Chemie 
bisher entweder nicht, oder doch nur mangelhaft gelöst waren, 
in Aussicht stellen. Diese von Dr. med. Th. Kauzmann 
mit grossem Fleiss ausgeführte Arbeit ist nun in der Disser- 
tation desselben, deren Titel mit der Ueberschrift dieses Auf- 
satzes gleichlautet, veröffentlicht und hier vertheidigt worden. 



*) Als Separatabdruck aus d. Pharmac. Zeitschrift f. Russland 1868. 
4. H. Yora Hr. Verfasser gütigst schon am 9,6. 1868 mitgetheilt , aber 
aus Mangel an Raum von uns erst jetzt zum "Wiederabdruck befördert. 

Die Red. 

5* 



68 Üntersuckungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

Ich will mir erlauben, die wesentlichsten Punkte der Disser- 
tation mitzutheilen. 

Durch meine früheren, der Abscheidbarkeit von Alkaloi- 
den aus organischen Gemengen gewidmeten Arbeiten, sowie 
durch die Untersuchungen K u b 1 y ' s , war im Ganzen der 
Weg vorgezeichnet, auf dem man bei forensisch- chemischen 
Arbeiten eine Abscheidung und sichere Nachweisung des 
Morphins zu erwarten hatte. Es bedurfte aber, da diese Ver- 
suche nur an künstlich nachgemachtem Speisebrei angestellt 
waren, um alle möglichen Einwände zu beseitigen, noch eini- 
ger weiterer Versuche, bei denen in der That das Alkaloid 
wieder aufgesucht wurde, nachdem es im thierischen Körper 
seine Wirkung ausgeübt hatte. Herr Kauzmann hat 
zunächst übernommen, diese Lücken durch Experimente an 
Thieren auszufüllen. Als bereits diese letztern fast zum 
Abschluss gebracht waren, wurde mir unerwartet Gelegenheit, 
bei einer mir von der Behörde gegebenen Untersuchung in 
den Leichentheilen des hiesigen Kaufmanns A. Morphin auf- 
zufinden. Die unter Betheiligung Kauzmann's zu Ende 
geführte Arbeit, gab ihm die seltene Gelegenheit, auch von 
dieser Seite aus auf die vorliegende Frage einzugehen. 

Dass sich bei Vergiftungen an Menschen und Thieren 
Morphin häufig nach dem Tode im Magen und im weiteren 
Verlauf des Darmes auch mit Hülfe anderer Methoden nach- 
weisen lasse, dafür liegen in der Literatur Beispiele vor. 
Nicht ganz so sicher unterrichtet sind wir hinsichtlich der 
Frage über die Verbreitung und die weiteren Schicksale, die 
das dem Körper zugeführte Morphin in diesem erfährt. Häu- 
figer ist z. B. Sißhon bei Vergiftungen versucht worden auch 
in der Leber, dem Blute und anderen Organen des Körpers 
einen Theil des Morphins wieder aufzufinden. Wenn man 
aber von einigen Versuchen Lassaigne's und r f i 1 a ' s , 
die wegen der benutzten Methoden nicht jeden gegen ihre 
Untrüglichkeit gerichteten Einwurf ausschliessen , ferner von 
zwei kurzen Angaben von Stas aus den Jahren 1845 und 
1847, welche sich, da die benutzte Methode nicht bekannt 
ist, der Kritik entziehen, sowie endlich von einem 1863 von 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 69 

Hai dien mitgetheilten Fall, in dem das Gift im Blute eines 
Menschen dargethan wurde, dessen Einzelheiten mir aber 
ebenfalls nicht bekannt geworden sind, absieht, so muss man 
bekennen, dass über das Vorkommen in diesen Organen und 
über die Frage, ob eine Abscheidung des eventuell in ihnen 
vorhandenen Morphins möglich ist, wenig Klarheit existirt. 
Aehnliches gilt über die Frage, ob Morphin unverändert den 
Körper verlasse. Man hat namentlich versucht, eine Abschei- 
dung des Giftes durch den Harn experimentell ausser Zwei- 
fel zu stellen, ist aber auch hier bisher nicht sehr glückhch 
gewesen. Gegen die von Orfila beigebrachten Beweise für 
Abscheidbarkeit mit dem Harn sind dieselben Bedenken, 
welche ich für seine Versuche mit Blut etc. angedeutet habe, 
mit Recht geltend gemacht worden. Ich kann nicht umhin, 
dieselben auf Bouchardat's und Lefort's Experimente 
auszudehnen. E r d m a n n konnte mittelst der von ihm und von 
üslar erdachten Methode im Harn nur sehr geringe Mengen 
des Alkaloides wiederfinden und Cloetta bestreitet in sei- 
ner im Jahre 1866 veröffentlichten Arbeit überhaupt die Mög- 
lichkeit eines derartigen Nachweises. Er nimmt eine im Kör- 
per erfolgende Zersetzung des Morphins an. Bei der grossen 
Bedeutung, die gerade die hier angedeuteten Fragen für den 
Gerichtschemiker besitzen, wird es nicht weiter motivirt zu 
werden brauchen, wenn Hr. Kauzmann neben der schon 
früher angegebenen Aufgabe sich zweitens ein weiteres Ein- 
gehen auch auf sie vorgenommen hatte. 

Indem der Verfasser zur Lösung dieser zweiten Aufgabe 
schritt, musste ihm dann weiter drittens Gelegenheit werden, 
zu beurtheilen, ob die früher erwähnten Abscheidungsmetho- 
den des Morphins für so verschiedenartig zusammengesetzte 
Objecto ausreichen, oder ob einzelne derselben Modificationen 
des Verfahrens beanspruchen. 

Endlich wurden viertens einige Versuche unternommen, 
welche ähnliche Fragen, als sie eben für das Morphin aufge- 
stellt worden sind, auch in Betreff des JS^arkotins beantworten 
sollen und zwar sowohl dort, wo es allein zur Vergiftung 
eines Thieres gedient hatte, als dort, wo es in Gemein- 



70 Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

Schaft mit Morphin, in Eorm von Opium, dem Thiere zuge- 
führt war. 

Ich will zunächst auf die erste der aufgestellten Fra- 
gen eingehen. Hr. Kauzmann leitet seine Dissertation mit 
einer kritischen Besprechung derjenigen Methoden ein, welche 
früher zur Nachweisung des Morphins vorgeschlagen und 
benutzt worden sind. Ich glaube diesen Theil der Arbeit hier 
übergehen zu können. Das von ihm benutzte Verfahren der 
Abscheidung brschreibt der Verf. mit folgenden Worten : 

„Die verdächtige Substanz wird, wo nöthig, nach voran- 
geschickter gehöriger Zerkleinerung, mit Wasser*) und soviel 
Schwefelsäure, dass das Gemenge deutlich sauer reagirt, ange- 
rührt und unter mehrmaliger Digestion etwa 12 — 24 Stunden 
lang einer Temperatur von 60 — 80^0. ausgesetzt. Dann 
wird sie colirt, ausgepresst und der auf dem Colatorium 
gebliebene Rückstand nochmals wie oben mit säurehaltigem 
Wasser ausgezogen und colirt. Die vereinigten Colaturen 
werden, nachdem die Säure durch Ammoniak zuvoi? möglichst 
abgestumpft worden ist, auf dem Wasserbade in einer Abrauch- 
schale auf ein kleineres Volumen (1 — ^4 Unzen) gebracht und 
dann mit dem 3 — 4fachen Volumen Alkohol versetzt. Nach 
24stündigem Stehen wird der durch den Alkohol - Zusatz 
erfolgte Niederschlag von der Flüssigkeit durch Filtriren 
getrennt, letztere in eine tubulirte Eetorte gethan und der 
Alkohol auf dem Dampfbade abdestillirt. Die zurückgeblie- 
bene wässrige Flüssigkeit wird nach dem Erkalten, wobei 
sich meist Fette und andere unlösliche Substanzen abgeschie- 
den haben, durch ein mit Wasser benetztes Filter filtrirt und 
noch sauer mit ^4 — V2 Volumen Amylalkohol tüchtig geschüt- 
telt. Nachdem die Sonderung der beiden Flüssigkeiten voll- 
ständig eingetreten ist (welchen Vorgang man zweckmässig 
durch Anwendung von Wärme von 60 — 80<^C. beschleunigen 



*) Ist das TJntersuchungsobject schon an und für sich flüssig, so fällt 
der Wasserzusatz selbstverständlich fort, ja es ist im Gegentheil oft 
(so bei Harn) erforderlich, die Flüssigkeit auf ein geringeres Volumen zu 
concentriren. 



Untersuchungen aus dem pharmaceutisclien Institute in Dorpat. 71 

kann), wird die obenstehende, jetzt stark gefärbte Amylalko- 
holschicht vermittelst eines Scheidetrichters abgeschieden und 
die saure wässrige Lösung nochmals in gleicher Weise mit 
Amylalkohol behandelt. Ueberschichtet man dann zum drit- 
ten Mal mit Amylalkohol und schüttelt tüchtig durch , so 
wird nach erfolgter Absetzung der Amylalkohol schon meist 
eine ziemlich farblose klare Schicht darstellen*) und man 
kann dazu schreiten, das noch heisse Gemenge mit Ammoniak 
zu übersättigen und es eine Zeit lang tüchtig zu schütteln. 
Letzteres muss mehrmals wiederholt werden, um möglichst 
alles Alkaloid in den Amylalkohol überzuführen. !N'ach Ab- 
scheidung des Amylalkohols, der nun schon den grössten 
Theil des Alkaloids aufgenommen hat, wird die alkalische 
Lösung wenigstens nochmals mit einer frischen Portion des- 
selben Abscheidungsmittels geschüttelt. N^achdem auch diese 
getrennt ist, werden die beiden alkalischen Auszüge verei- 
nigt **) und durch Schütteln mit destillirtem Wasser gewa- 
schen, welches einen Theil der Verunreinigungen dem Amyl- 
alkohol entzieht. Aus letzterem wird dann das Alkaloid wie- 
derum entfernt, indem man es durch Schütteln mit dem zehn- 
bis zwölffachen A^olumen heissen schwefelsauren Wassers 
(etwa 1 Theil Säure auf 60 — 80 Theile Wasser) in dieses 



*) Sollte auch diese Portion noch stark gefärbt erscheinen , so schei- 
det man sie ebenfalls ab , ohne vorher Ammoniak zugesetzt zu haben, 
was dann erst bei der nächsten Ueberschichtung mit Amylalkohol vorzu- 
nehmen ist. 

**) Es wollte Herrn Kauzmann und auch mir nicht gelingen, 
durch 2maliges Ausschütteln alles Alkaloid in den Amylalkohol überzu- 
führen. Selbst als bei einem Versuche 5 Mal mit immer frischen Mengen 
von Amylalkohol behandelt worden war, fand sich in der wässrigen Flüs- 
sigkeit noch wenig, aber doch so viel Morphin, dass es durch Fröh- 
d e ' s Reagens constatirt werden konnte. In der grössten Mehrzahl der 
Fälle ist , wie ich mich überzeugt habe , der so entstehende Verlust so 
gering , dass er durch die Waage nicht controlirt werden kann , doch 
darf man nicht verschweigen, dass hier immer noch ein kleiner Mangel 
des Verfahrens vorliegt, der unter Umständen Fehler und Irrthümer 
bedingen kann. Wenn ich ein besseres Lösungsmittel für Morphin 
wüsste, ich würde gerne den Amylalkohol aufgeben. D. 



72 Untersucliiingeii aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

Überführt;. Diese Operation muss zum min4esten zweimal 
vorgenommen werden und, wie gesagt, mit einer grösseren 
Quantität Wasser, weil sonst leicht Spuren des Alkaloides im 
Amylalkohol zurückbleiben. Die so gewonnenen und vereinig- 
ten wässrig - sauren Auszüge werden auf ein kleineres Vo- 
lumen eingedampft und abermals so lange mit Amylalkohol 
geschüttelt, bis letzterer ungefärbt erhalten wird. Dann folgt 
wiederum die Uebersättigung mit Ammoniak und die minde- 
stens zweimalige Extraction der alkalischen Flüssigkeit mit 
Amylalkohol. Diese letzten beiden Amylalkoholauszüge wer- 
den dann schliesslich, nachdem sie vereinigt worden, filtrirt, 
und zwar durch ein trockenes Filter, um die letzten Spuren 
etwa noch anhaftender wässriger Flüssigkeit zu beseitigen. 
Vom Filtrate wird der grössere Theil abdestillirt und der 
Rest schliesslich in Glasschalen auf dem Wasserbade zur 
Trockne gebracht. Mit dem so gewonnenen Rückstände kön- 
nen meistens die Reactionen angestellt werden. Sollte er 
aber dazu noch nicht rein genug sein, so wird er nochmals 
in saurem Wasser aufgenommen und, nach Abscheidung der 
unlöslichen Stoffe durch Filtration, das soeben beschriebene 
Verfahren wiederholt. 

Die TJeberführung des Alkaloides aus dem alkalischen 
Amylalkohol aus zuge in saures Wasser wurde aber, besonders 
in den letztern Versuchen, als umständlich und leicht zu Ver- 
lusten führend meist weggelassen und statt dessen vorgezo- 
gen, den sonst ganz auf die angegebene Weise gewonnenen 
trockenen Rückstand nochmals, und wo nöthig zum dritten, 
ja sogar vierten Mal in saurem Wasser zu lösen und nach 
dem Filtriren und TJebersättigen mit Ammoniak mittelst Aus- 
schütteln durch Amylalkohol einer erneuten Reinigung zu 
unterwerfen. Man kommt auf diesem Wege rascher zum 
Ziele, ohne dass die Reindarstellung des Alkaloides dabei 
grosse Einbusse erlitten hätte. Auch bei der Lösung des 
trocknen Rückstandes in saurem Wasser bleibt der grösste 
Theil der Verunreinigungen ungelöst mit den harzigen Massen 
zurück und man erzielt nach dem Filtriren eine verhältniss- 
mässig sehr reine Lösung. Ausserdem hat man den Vortheil, 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat, 73 

mit beliebig kleinen Quantitäten weiter operiren zu können 
und ist endlich mehr vor Verlusten gesichert, indem das Al- 
kaloid auf diese Weise leicht in Lösung gebracht wird, vor- 
ausgesetzt, dass man die Vorsichtsmaassregel beobachtet hat, 
das mit dem Eückstand verriebene saure Wasser auf ersteren 
längere Zeit einwirken zu lassen, damit auch das in den har- 
zigen Substanzen eingeschlossene Alkaloid vollständig gewon- 
nen werden kann."*) 

Die Erkennung des abgeschiedenen Alkaloides als 
Morphin wurde mit Hülfe der unlängst von Fröhde und der 
von A. Husemann beschriebenen Eeaction ermöglicht, die 
unter den augenblicklich bekannten als die sichersten bezeich- 
net werden müssen.**) Es wurden zur Ermittlung der Em- 
pfindlichkeitsgrenze der Fröhde'schen Reaction im Uhrgläs- 
chen bekannte Mengen einer Lösung von Morphinsulfat unter 
einer Grlasglocke, unter welcher zugleich concentrirte Schwe- 
felsäure vorhanden war, völlig ausgetrocknet, und der Rück- 
stand dann mit dem Reagens befeuchtet. Noch bis zu 
0,000005 Gramm (d. h. nicht voll 0,0001 Gran) hinab, war 
die Reaction deutlich erkennbar. Man muss aber, um diesen 
günstigen Erfolg zu erzielen, das Alkaloid oder seine Salze 
trocken mit dem Reagens behandeln. Wendet man wässrige 
Lösungen an, so kann für so grosse Empfindlichkeit nicht 
eingestanden werden. Ferner darf das Reagens nicht zu 
lange Zeit aufbewahrt werden. Bei einer Portion der F r ö h - 

*) Es ist mehrmals der in saurem Wasser unlösliche Harzrückstand 
später in Alkohol gelöst, die alkoholische Lösung schnell mit überschüs- 
siger warmer verdünnter Schwefelsäure geschüttelt, dann nach dem Erkal- 
ten filtrirt worden, ohne dass im sauren Auszuge Morphin nachweisbar 
gewesen wäre. B. 

**) Fröhde' s Reagens ist molybdänsäurehaltige Schwefelsäure, welche 
mit Morphin in Berührung eine prächtige violette Färbung annimmt. 
Man löst 5 Milligramme molybdänsaures Natron in 1 CG. conc. Schwefel- 
säure. (Archiv d. Pharmacie. April - Maiheft 1866. Bd. 126. S. 54.). 

A. Husemann' s Reaction auf Morphin (aufeinanderfolgende Ein- 
wirkung von conc. Schwefelsäure und Salpetersäure auf das Alkaloid, 
wobei blauviolette Färbung entsteht) findet sich beschrieben in Annalen 
der Chemie und Pharmacie 128, 305; daraus in Will's Jahresbericht für 
1863. S. 705. H. L. 



74 Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

de 'sehen Mischung, die etwa ^/g Jahr im Laboratorium vor- 
räthig gewesen war, sahen wir die Reaction, selbst bei 
grösserer Morphinmenge, nicht mehr eintreten, während wir 
nach 4 — 6 wöchentlichem Aufbewahren an anderen Portionen 
eine Abschwächung der Wirksamkeit nicht nachweisen konn- 
ten. Gleichzeitige Gegenwart von Caffein bewirkt bei der 
Morphinreaction keine, oder doch kaum nachweisbare Störun- 
gen. Ueberhaupt bieten auch andere Alkaloide in ihrem Ver- 
halten gegen das in Rede stehende Reagens , soweit meine 
Erfahrungen reichen, zu Verwechselungen keine Gelegenheit, 
Höchstens wäre die Reaction des Papaverins mit der des 
Morphins zu vergleichen, doch ist das Verhalten des letzt- 
genannten Alkaloides gegen reine Schwefelsäure so bezeich- 
nen^d und das Verhalten seiner sauren wässrigen Lösung gegen 
Amylalkohol, seiner alkalischen wässrigen Lösung gegen Ben- 
zin etc. von dem des Morphins so abweichend, dass dadurch 
einer Verw^echselung vorgebeugt ist. Ich verweise in Betreff 
des ersten Punktes auf eine Arbeit, welche ich im zweiten 
Jahrgange der pharmac. Zeitschrift für Russland veröffentlicht 
habe, in Betreff des letzteren auf Kubly's sowie auf meine 
im fünften und sechsten Jahrgange der genannten Zeitschrift 
niedergelegten Mittheilungen. In der letzten dieser Mitthei- 
lungen habe ich schon darauf aufmerksam gemacht, dass ein- 
zelne stickstofffreie G-lykoside mit dem P r ö h d e ' sehen Rea- 
gens charakteristisch gefärbte Lösungen geben, von denen 
ein Theil allenfalls einmal mit Morphin verwechselt werden 
könnte, wenn uns nicht, was ich ebenfalls dort bereits ange- 
geben habe, Mittel zur Verfügung ständen, um diese Stoffe 
aus dem Alkaloidrückstande fern zu halten. Von solchen 
Stoffen, die dem thierischen Organismus entstammen und darum 
bei einer forensisch - chemischen Untersuchung mit dem Mor- 
phin isolirt werden könnten, hat K. nur bei den Gallensäuren 
den Eintritt einer (rothen) Färbung bei Einwirkung des 
Eröh de' sehen Reagens beobachtet, es erfolgt aber dieser 
Eintritt bei ihnen nicht wie beim Morphin, sofort nach der 
Durch tränk ung, sondern allmälig, oft erst nach Verlauf einer 
Stunde und länger. 



Untersuchungen aus dem pharmaceutisclien Institute in Dorpat. 75 

Die Husemann'sche Probe fand K kaum weniger 
empfindlich als Fröhde's Morphinreaction. 0,00001 und 
0,000015 Gramm trocknes Morphinsulfat zeigten beginnende 
leicht röthliche Färbung, 0,00002 imd 0,000025 Gramm deut- 
lichere , 0,00003 Gramm recht deutliche Reaction (es war 
24 Stunden mit reiner Schwefelsäure kalt in Berührung 
gelassen und dann die Salpetersäure, — häufiger auch und 
bei so kleinen Mengen, wie ich glaube, besser — eine geringe 
Menge von Salpeter in die Lösung gebracht). Auch Huse- 
mann sah bei 0,00001 Gran nach einer halben Minute noch 
deutlich rosa Färbung eintreten. Mitunter liess bei geringen 
Mengen eines nicht A'öllig reinen Alkaloidrllckstandes Huse- 
mann's Reaction im Stich, wo diejenige Fröhde's noch 
erlaubte das Morphin darzuthun. Gleichzeitige Gegenwart 
von Caff'ein hindert auch das Zustandekommen der Huse- 
mann' sehen Reaction nicht. 

Die Eisenchloridprobe, so wichtig dieselbe auch für den 
Nachweis des Morphins erachtet wird, kann hinsichtlich der 
Empfindlichkeit mit den beiden eben genannten Morphin- 
reactionen nicht concurriren. Bei einer Verdünnung von 
1 Theil Morphinsulfat auf 2000 Theile Wasser konnte K. den 
Eintritt der Blaufärbung nicht nachweisen. Erst bei Anwen- 
dung einer ^/g^^ Lösung konnte er einigermaassen befriedi- 
gend Andeutungen einer solchen und auch das nur in den 
völlig farblosen Solutionen des reinen Salzes beobachten. Man 
wird zur Nachweisung kleinster Mengen des Alkaloides auf 
Benutzung dieser Beaction verzichten müssen, wenn man 
auch dort, wo z. B. Untersuchung eines Mageninhaltes reich- 
liche Mengen des Alkaloides geliefert hat, ihre Anstellung 
nicht unterlassen darf. Mit Recht macht K. auf einen Ver- 
giftungsfall mit Mohnköpfen aufmerksam , welchen \V i n k 1 e r 
im vorigen Jahre in Buchner's Bepert. mitgetheilt hat, 
der eben durch die ausschliessliche Benutzung des Eisenchlo- 
rides als Beagens völlig unbrauchbar geworden ist.*) Ich 

*) K. referirt : „ Es handelte sich um einen , einige Wochen alten 
Säugling, der am Abend eine Portion einer wässrigen Abkochung von 
einem ziemlich grossen vertrockneten Mohnkopf genossen hatte und am 



76 Untersuchungen aus dem pharmaeeutischen Institute in Dorpat. 

habe neuerdings die Versuche über Empfindlichkeit der Eisen- 
chloridprobe wiederholt. In ganz reinen Lösungen des Ace- 



darauf folgenden Tage zwischen 11 — 12 Uhr Mittags gestorben war. 
Symptome und Leichenbefund konnten für Opiumvergiftung sprechen. 
Der Magen nebst Inhalt, mit etwas Weingeist Übergossen, wurde Wink- 
ler zur Untersuchung übergeben. Der Mageninhalt bestand aus einer 
braunröthlich gefärbten, mit Fetttheilchen und coagulirtem Schleim unter- 
mengten , an sich ziemlich klaren Flüssigkeit von rein weingeistigem Ge- 
ruch und stark saurer .Reaction. Der Gesammtinhalt betrug 13 Drachmen. 
Er wurde , weil an sich sauer reagirend , ohne weiteres bis zur dünnen 
Syrupconsistenz auf dem Wasserbade abgedampft, der Rückstand dreimal 
mit je einer Unze heissem reinen "Weingeist von 80^ R. ausgezogen , die 
filtrirten Auszüge vereinigt und im Wasserbade eingedampft. Es hinter- 
blieb ein amorpher, fast durchsichtiger gummiähnlicher Rückstand, welcher 
25 Grm. betrug. Dieser wurde mit wenig kaltem destillirten Wasser Über- 
gossen. Der grösste Theil löste sich dabei leicht mit bräunlich gelber 
Farbe , unter Hinterlassung einer sehr geringen Menge eines schmutzig 
bräunlichgelben Fettes und einer sehr geringen Menge eines gelblichweissen 
krystallinischen Pulvers, welches sich durch Abschlämmen leicht von dem 
vorhandenen Fett trennen Hess und sich sehr leicht in kochendem Was- 
ser löste. Die noch heiss filtrirte Lösung schied beim langsamen Ver- 
dunsten nach und nach einige sehr feine Kryställchen aus, welche sich 
gegen Chlorwasserstoffsäure wie reinstes Narce'in verhielten. Die von dem 
Rückstand abfiltrirte wässrige Lösung wurde nun noch bis zum Gewicht 
von 200 Grm. mit destillirtem Wasser verdünnt und in zwei gleiche Theile 
getheilt. Die eine Portion dieser Flüssigkeit färbte sich auf Zusatz von 
sehr wenig neutraler Eisenchloridlösung sehr bemerklich bläulich - grün, 
wie eine verdünnte Lösung eines Morphinsalzes; die andere Hälfte wurde 
in einer kleinen gläsernen Abrauchschale mit Ammoniakflüssigkeit im 
„Ueberschuss" versetzt; hierbei schied sich sogleich ein feinpulveri- 
ger schmutzig - gelbweisser Niederschlag aus, welcher sich im „Ammo- 
niaküberschuss" fast ganz wieder auflöste. Beim gelinden Erwär- 
men der Lösung schied sich während des Verflüchtigens des freien Am- 
moniaks nach und nach an den Wandungen des Schälchens ein deutlich 
krystallinischer Anflug aus. Dieser , aus mikroskopischen Kryställchen 
bestehende Anflug , welcher im Lichte stark glänzte , verhielt sich genau 
wie reines Morphium, und färbte sich namentlich durch neutrales Eisen- 
chlorid sogleich dunkelblau. Nach dem Abgiessen der Flüssigkeit und 
Abwaschen der Krystalle mit Wasser wurden diese in sehr wenig heissem 
Weingeist gelöst und die klare Lösung auf einigen Uhrgläsern dem frei- 
willigen Verdunsten überlassen. Das Morphium hinterblieb hierbei in 
gut ausgebildeten Kryställchen, welche unter dem Mikroskop genau die 
charakteristische Gestalt der Morphiumkry stalle zeigten und sich gegen 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 77 

tats, Sulfats und der ChlorwasserstofFverbindung konnte man 
eine leise blaue Färbung, selbst wenn sie etwas verdünnter 
als bei den Kauzmann 'sehen Versuchen waren (1 : 1000 — 
1 : 1500) erkennen und zwar am reinsten in den Lösungen 
der ChlorwasserstofFverbindung. Auf 0,01 Gramm salzsaures 
Morphin genügen (bei Anwendung seiner Lösung in 100 — 



Eisenchlorid und Jodsäure wie reinstes Morphium verhielten. Nach der 
Reaction , welche Eisenchlorid in der Gesammtflüssigkeit der Morphium- 
lösung bewirkte , enthielt dieselbe annähernd Y20 ^^- Morphium. Mekon- 
säure konnte durch die bekannten Eeagentien nicht ermittelt werden; die 
in der Flüssigkeit enthaltene Säure wurde als Milchsäure erkannt," 
„1/20 Gr." liest K. = Y20 Gran, da Win kl er in seiner Arbeit das Wort 
Gramm entweder ausgeschrieben oder ,,Grm." abbrevirt hat. Bedenkt 
man, dass Winkler eine bräunlich - gelb gefärbte Lösung hatte, so muss 
man K. wohl beistimmen, wenn er auf Grundlage seiner Controlversuche 
behauptet, es sei nach Winkler' s Beschreibung weit mehr Morphin vor- 
handen gewesen, als er berechnet hat, oder es sei von AVinkler mehr 
Morphin gefunden worden, als überhaupt nach den mitgetheilten Antece- 
dentien erwartet werden konnte. Ein sehr grosser Mohnkopf hat ein 
Gewicht zwischen 5 — 6 Gramm. Es ist weiter allerdings der Morphin- 
gehalt der Capita papaveris verschieden hoch gefunden, man hat mitunter 
gar kein Morphin nachweisen können, niemals aber mehr als 1,9 pro 
mille. Durchschnittlich kann man wohl auf 1 pro mille rechnen. Neh- 
men wir an , der Mohnkopf habe 4 Grm. gewogen, 1 pro mille Morphin 
d. h. 0,004 Grm. oder ^/jg Gran enthalten. Wie viel konnte, als der 
Tod etwa 12 — 16 Stunden nach Einführung des Trankes erfolgte, noch 
von diesem Quantum im Magen sein? Aber auch zugegeben, dass die 
ganze Menge von Winkler wiedergewonnen worden, so konnte doch in 
den 200 CG. Lösung, die Winkler anfertigte, nur ein Verhältniss von 
1 : 50,000 sein. Wemi man nun bei möglichster Beobachtung aller Cau- 
telen erst überhaupt in einer farblosen Yeoo his Viooo Lösung des Sulfates 
die Reaction einigermassen sichtbar werden sieht, hätte nicht mindestens 
die 0,3 Grm. Sulfat entsprechende Morphinmenge , d. h. gegen 0,26 Grm. 
des Alkaloides und 65 Mal mehr als in einem Mohnkopfe erwartet wer- 
den kann, in jenen 200 CG. vorhanden sein müssen? Wie es möglich 
ist, aus der mit Ammoniak übersättigten gefärbten Lösung bei blossem 
Erwärmen einen krystallinischen Anflug zu gewinnen, der sich genau wie 
„reines Morphin" verhielt, ist nicht recht verständlich. Endlich wäre 
es auch in Betreff des Narceins wünschenswerth gewesen, weitere Be- 
weise für die Identität beizubringen, denn „reinstes Narce'in" erleidet 
unter Einfluss von Chlorwasserstoffsäure keine weitere Veränderung, als 
dass es sich in derselben löst. 



78 Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

200 Wasser) 0,2 CC. einer fünfprocentigen Eisenchloridsolution. 
Ueberschuss der letzteren ist nachtheilig", ebenso wie bekannt- 
lich freie Salzsäure stört (in 4 CC. einer ^/^qq Lösung schadet 
schon ein Tropfen 12procentiger ChlorwasserstofFsäure und 
drei Tropfen derselben verhindern die Reaction völlig). Man 
thut gut, den Morphinrückstand, welchen man der Eisenchlo- 
ridprobe unterwerfen will , in verdünnter Salzsäure zu lösen, 
die Lösung wieder im Wasserbade zu verdunsten, das salz- 
saure Morphin dann in Wasser zu lösen und mit dieser Lö- 
sung den Versuch anzustellen. 

Auf die Proben, welche sich auf die Keduction der Jod- 
säure und der Silbersalze mittelst Morphin beziehen, ist K., 
da er sie für seinen Zweck nicht empfindlich genug hält, 
nicht weiter eingegangen. Doch will ich auch hier bemerken, 
dass nach meiner Erfahrung Jodsäure in 10 — 15 CC. einer 
Viooo — Viöoo Lösung des reinen Sulfates innerhalb einer bis 
zweier Minuten noch deutliche Reaction giebt. Man braucht 
für das vorhandene Quantum höchstens 0,2 CC. concentrirter 
Solution des l^atriumjodates und 1 Tropfen Schwefelsäure und 
macht das ausgeschiedene Jod vortheilhaft durch Schütteln 
mit 1 CC. Schwefelkohlenstoff sichtbar. Will man die Blau- 
färbung der Jodstärke erzielen, so muss man bei dieser Ver- 
dünnung längere Zeit auf den Eintritt derselben warten. 
Weit über die Verdünnung von 1 : 2000 geht die^ Empfind- 
lichkeit der Jodsäurereaction nicht. 

Sehr grosses Gewicht hat K. mit Recht darauf gelegt, 
das Alkalo'id selbst krystallinisch zu gewinnen. 
Bekanntlich hinterlässt die bei dem benutzten Abscheidungs- 
verfahren gewonnene Amylalkohollösung das Alkalo'id amorph. 
Um Krystalle zu gewinnen, die unter dem Mikroskop als 
solche des Morphins oder seiner Salze recognoscirt werden 
konnten, standen drei Wege offen und zwar X) Lösen des, 
freies Alkalo'id enthaltenden Bückstandes in starkem Alkohol 
und Krystallisiren bei langsamer Verdunstung dieser Lösung, 
2) Lösen in säurehaltigem Wasser und Fällung durch stär- 
kere Basen, 3) Lösen in säurehaltigem Wasser und Verdunsten 
der Salzlösung. Bekanntlich haben neuerdings namentlich 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 79 

Helwig und ferner Erhard solche Kry stall isationsversuche 
beschrieben und die betreffenden Objecte abgebildet. Der in 
1 angezeigte Weg hat mehrmals zum Ziele geführt, so 
namentlich bei Untersuchung des Mageninhaltes aus der Leiche 
des Kaufmann A. — Las Alkaloid wurde hier in farblosen 
sternförmigen Gruppen von 2 — 3''' Durchmesser gewonnen, 
deren einzelne Krystallindividuen aus scharf begrenzten schief 
abgestumpften Prismen bestanden. Will man diesen Ver- 
such ausführen, so kann man, falls grössere Mengen zu erwar- 
ten sind, die Krystallisation in einem ührschälchen unter einer 
Glasglocke ausführen; falls aber nur kleine Mengen vorhan- 
den sind, ist Erhard 's Vorschlag empfehlenswerth , der die 
Verdunstung auf einem Objectträger, in welchem eine kleine 
kreisförmige Vertiefung einge schliffen ist, vornehmen lässt. 
Man bringt einen Tropfen der fraglichen Lösung in die Ver- 
tiefung des Objectträgers , bedeckt sogleich mit einem Deck- 
gläschen und lässt bei gewöhnlicher Temperatur stehen bis 
die Krystallisation vollendet ist. Die in 3 genannte Abschei- 
dungsweise ist nur selten benutzt worden, es würden sich 
für dieselbe namentlich wässrige Lösung des Sulfates und 
des salzsauren Alkaloides eignen. Letzteres hat noch einen 
Vorzug, insofern der Säureüberschuss , der sich kaum vermei- 
den lässt, nicht so leicht schädlich werden kann, als das bei 
Anwendung der Schwefelsäure möglich ist. In den meisten 
Fällen hat K. den Alkaloidrückstand in verdünnter Schwefel- 
säure gelöst, dann durch ein möglichst kleines Eilter filtrirt, 
mit überschüssigem Ammoniak versetzt und abgewartet, ob 
nach Abdunsten des überschüssigen Ammoniaks bei gewöhn- 
licher Temperatur Fällung krystallinischer Massen erfolgte, 
die dann, nachdem ihre Formen unter dem Mikroskop con- 
trolirt waren, vorsichtig von der überstehenden Flüssigkeit 
getrennt und stets schliesslich durch Husemann's und 
Fröhde's Reaction als Morphin constatirt wurden. Dieser 
Weg hat 2 TJebelstände , zunächst sind die Formen des so 
abgeschiedenen Morphins nicht sehr charakteristisch, und dann 
ist die Fällung des Morphins unvollkommen. Es wurden 
meist einseitig ausgebildete sechsseitige Pyramiden, seltner 



80 Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

tafelförmige Platten mit gekrümmten Begrenzungen, auf den 
ersten Blick gewissen Formen der Harnsäure nicht unähnlich, 
erhalten, mitunter auch Formen, wie sie Erhard*) als Mor- 
phium purum e solutione aquosa abbildet. Verdunstung einer 
mit Ammoniak versetzten Losung in verdünnter Säure, welche 
Helwig 6seitige Prismen geliefert hat, wurde nicht vorge- 
nommen, da hier das mitauskrystallisirte Ammoniumsulfat 
leicht Unbequemlichkeiten herbeiführen kann. "Was den zwei- 
ten Einwand betrifft, so ist bemerkenswerth, dass selbst, falls 
man das überschüssige Ammoniak wieder abdunstet, die Fäl- 
lung aus wässriger Lösung keine vollständige ist. Es ist 
uns nie möglich gewesen aus der Lösung in schwefelsäure- 
haltigem Wasser durch Ammoniak alles Morphin zu fällen, 
auch wenn wir tagelang warteten;"**) meistens entziehen 
sich relativ bedeutende Mengen "^der Präcipitation und lassen 
sich durch Ausschütteln mit Amylalkohol aus der wässrigen 
Flüssigkeit fortnehmen. Offenbar ist die nächste Erklärung 
hierfür in der Löslichkeit des Morphins in Wasser zu suchen, 
welche Duflos für gewöhnliche Temperatur wie 1 : 1000 
(Abi wie 1 : 960) fand. Aber selbst wenn man diese Löslichkeit 
in Bechnung bringt, so schien sie nicht immer zu genügen 
den negativen Ausfall eines Präcipitationsversuches zu erklä- 
ren. Ich sowohl als Kauzmann waren geneigt, die Ur- 
sache dieses letzten Besultates darin zu suchen, dass die in 
der. Flüssigkeit vorhandenen Ammoniaksalze die Löslichkeit 
des Alkaloides erhöhen. Doch ist diese Erklärung nicht rich- 
tig; im Gegentheil ist die Löslichkeit des Alkaloides in den 
Ammoniaksalzlösungen geringer als in reinem Wasser. Ich 
habe von Stud. Grünther 5 Fällungsversuche mit je 0,2 Grm. 
krystallisirten Morphinsulfates in je 30 CO. Wasser gelöst 
ausführen lassen: Portion 1 ohne weiteren Zusatz, Portion 2 
mit Zusatz von 1 Grm. Ammoniumsulfat, Portion 3 mit eben- 
soviel Ammoniumchlorid, Portion 4 mit ebensoviel Ammonium- 



*) Neues Jahrb. f. Pharm. Bd. 26. Taf. IX. 

**) Der Ammoniaküberschuss war nicht unnöthig gross genommen, 
also nach Kräften dafür gesorgt, dass nicht secundäre Zersetzung, welche 
in der stark ammoniakalischen Lösung stattfinden kann, eintrete. 



Untersuchungen aus dem pharniaceutischen Institute in Dorpat. 81 

Oxalat und Portion 5 mit 1 Grm. Harnstoff versetzt. Alle 
Proben wurden mit je 1 CC. einer 4,5 procentigen Ammoniak- 
flüssigkeit versetzt, dann 48 Stunden in Bechergläsern auf- 
bewahrt, endlich das abgeschiedene Morphin abfiltrirt und mit 
je 35 CG. destillirtem AVasser ausgewaschen. Die bei 100^ 
getrockneten Niederschläge wogen: bei Portion 1 — 0,1330 Grm., 
Portion 2 — 0,1292 Grm., Portion 3 — 0,1214 Grm., Portion 
4 — 0,1430 Grm., Portion 5— 0,1102 Grm. Aus Portion 1 
Hess sich mit Amylalkohol noch ausschütteln 0,0086 Grm. 
Morphin, aus den folgenden mit Ammoniumsalzen versetzten 
Proben resp. 0,0240 Grm., 0,0219 Grm., 0,0172 Grm. Bei 
der 5. Portion unterblieb das Ausschütteln, weil durch das- 
selbe auch Harnstofi" gewonnen worden wäre. N^ach Duflos 
lösen die 65 CC. Wasser, welche bei den einzelnen Versuchen 
angewendet wurden, 0,065 Grm. Morphin, während hier 
nur Ys "^0^ diesem Quantum in Lösung blieb. 

Es müssen also noch andere Ursachen vorhanden sein, 
die die Löslichkeit des Morphins bei diesen Versuchen erhöhen. 
Vielleicht dass die kleinen Mengen organischer Stoffe, welche 
hier mit aus dem Objecte abgeschieden werden, auf den Aus- 
fall influiren. Diesem Einfluss dadurch zu begegnen, dass 
die Morphinlösung zunächst mit überschüssigem Natronhy- 
drat versetzt wurde und dann das Alkalo'id durch Salmiak 
gefällt, gab ebenfalls keinen ganz zufriedenstellenden Erfolg. 
Auch hier äst es ein Unterschied , ob man mit ganz reinen 
Alkaloidlösungen experimentirt oder mit der Lösung eines 
aus thierischen Organen abgeschiedenen Morphins. In ersterem 
Falle ist selbst der Einfluss überschüssig zugesetzten Ammo- 
niumchlorides nicht so bedeutend, als Kauz mann und ich 
anfänglich glaubten. Herr Stud. Günther nahm mit je 
0,2 Grm. derselben Sorte Morphinsulfat, die zu den ebenbe- 
schriebenen Versuchen gedient hatte, 2 Versuche vor, in 
jedem wurden je 20 CC. der wässrigen Lösung mit je 10 CC. 
einer Viooo Natronlösung versetzt, zur ersten Portion 0,55 Grm. 
Ammoniumchlorid zugegeben, zur zweiten 1,55 Grm. desselben 
Salzes. Portion 1 lieferte nach 48 Stunden 0,1375 Grm. 
Präcipitat und es liessen sich im Filtrate und Waschwasser 

Arch, d. Pharm. CLXXXVIU. Bds. 1. u. 2. Hft. 6 



82 Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

noch 0,0146 Grm. Morphin auffinden, bei Portion 2 wurden 
0,1224 Grm. gefällt und das Ausschütteln des Filtrates lie- 
ferte 0,0156 Grm. Alkaloid. Das zu allen diesen Experimen- 
ten dienende Morphinsulfat war das gewöhnliche krystallisirte 
Salz mit 5 HO d. h. es waren in den 0,2 Grm. 0,1502 Grm. 
Morphin zu erwarten. Eine directe Bestimmung durch Aus- 
schütteln lieferte 0,1508 Grm. und 0,0568 Grm. Baryum- 
sulfat. 

Durch die oben erwähnte Abscheidungsmethode gelang 
es, das Morphin, welches im Magen- und Darminhalte, in den 
Faeces und in der Leber vorhanden ist, zu gewinnen. Eine kleine 
Unbequemlichkeit steht der Anwendung der Methode bei Un- 
tersuchung von Harn im Wege, weil der Amylalkohol neben 
Morphin auch den Harnstofi' der alkalischen Flüssigkeit ent- 
zieht.*) Allerdings hat sich Kauzmann sowohl durch Prü- 
fung selbst bereiteter Gemische von Morphinsulfat und Harn- 
stoff in verschiedenen Mischungsverhältnissen, sowie durch 
Prüfung solcher Gemenge, die aus dem Harn mit Morphin 
vergifteter Thiere gewonnen waren, überzeugt, dass der Harn- 
stoff" nicht nachtheilig das Zustandekommen der F r ö h d e ' - 
sehen und Husemann' sehen Beactionen beeinflusst. Ebenso 
habe ich gesehen, dass die Eisenchloridprobe bei Gegenwart 
von Harnstoff" nicht leidet. Aber die Beimengung des Harn- 
stoffs ist schon desshalb störend, weil sie einer quantitativen 
Bestimmung des Alkaloides Schwierigkeiten bereitet. Eine 
Befreiung des Morphins vom Harnstoff durch Behandlung des 
trocknen Gemisches mit Wasser gelang nicht gut, weil das 
Morphin beim Abgiessen der Harnstofflösung zum Theil 
mechanisch von den Wandungen der Glasschale fortgespült 
wurde. Vorheriges Ausschütteln der ammoniakalischen Lö- 
sungen mittelst einer Flüssigkeit, wie Petroleumäther oder 
Benzin, die Morphin nicht aufnimmt, gestattet nicht, den 
Harnstoff zu beseitigen, da diese den letzteren auch nicht zu 
lösen vermögen. Auch Chloroform und Aether sind zu diesem 



*) Der Harn war vorher stets auf circa ^/4 verdunstet und dann die 
Alkoholbehandlung vorgenommen worden. 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 83 

Zwecke unbrauchbar. Es wurde beobachtet, dass Amylalko- 
hol auch schon aus saurer wässriger Solution einen Theil des 
Harnstoffs aufnimmt und dass der Amylalkohollösung des 
letzteren saures Wasser diesen nur schwer entzieht. Mit 
Zuhülfenahme dieser Erfahrungen und durch auf sie basirte 
Umarbeitung gelang es allerdings, das Morphin frei von Harn- 
stoif zu gewinnen, aber es war auch hier eine Einbusse an 
Alkaloid nicht zu vermeiden. Gerade angesichts dieser 
üebelstände wird es erklärlich w^erden , wenn die beabsich- 
tigte quantitative Controle der Abscheidung des Alkaloides 
durch den Harn unterbleiben und man sich auf eine qualita- 
tive beschränken musste. Uebrigens habe ich jetzt Grund 
anzunehmen, dass sich in einer wässrigen Flüssigkeit, in 
welcher sich neben Morphinsalz Harnstoff befindet, dennoch 
eine quantitative Bestimmung des Alkaloids ausführen Hesse. 
Man muss zunächst die Lösung mit einem oder einigen CG. 
Harn, welcher in alkalische Gährung übergegangen ist, 2 bis 
3 Tage stehen lassen. Der grössere Theil der Pflanzenbase 
muss sich unter diesen Umständen krystallinisch ausscheiden, 
der Rest nach dem Ansäuern mit Schwefelsäure und darauf 
folgendem Uebersättigen mit Ammoniak durch Amj'^lalkohol 
ausschütteln lassen. Herr Günther erhielt von 0,13 Grm. 
Morphinsulfat (siehe oben), das mit 1 Grm. Harnstoff in 
13 CG. Wasser gelöst war, nach 3 tägigem Stehen mit 3 CG. 
faulenden Harns 0,0713 Grm. Morphin im Präcipitat und 
konnte 0,0240 Grm. durch Amylalkohol ausschütteln. 

Aehnliches als das eben vom Harnstoff Gesagte gilt von 
den bei Untersuchung der Galle auftretenden Gallensäuren. 
Auch sie gehen beim Ausschütteln der alkalischen Lösung 
mit Amylalkohol in diesen leicht über, aber sie werden durch 
denselben auch schon der sauren wässrigen Lösung entzo- 
gen.*) 20 CG. Rindergalle, mit 0,0025 Grm. Morphinsulfat 



*) Ich habe von dem Verhalten des Amylalkohols gegen Gallensäu- 
ren auch für die Nachweisung- dieser Säuren Vortheil zu ziehen gesucht 
und habe in der That recht befriedigende Resultate gewonnen. Schüttelt 
man 25 CG. eines Harns, dem man 0,25 CC. Rindergalle zugefügt hat, 

6* 



84 TJntersucliungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

versetzt, nach der besprochenen Vorschrift so bearbeitet, dass 
der saure Auszug dreimal mit Amylalkohol ausgeschüttelt 
wurde, gab nach dem Sättigen mit Ammoniak an Amylalkohol 
soviel Morphin ab, dass nach Yerdunstung der Lösung sehr 
deutliche Morphinreactionen gewonnen werden konnten. Ver- 
suche, die Gallensäure vorher durch Benzin oder Chloroform 
zu beseitigen, blieben erfolglos. Zwar nimmt Chloroform auch 
die in saurer wässriger Lösung vorliegenden Gallensäuren 
allmählig auf, aber eine völlige Erschöpfung des Auszuges 
tritt schwiei'iger ein, als bei Anwendung von Amylalkohol. 



nachdem er mit Schwefelsäure angesäuert worden ist , zunächst mit Ben- 
zin aus, so nimmt dieses nur einen Theil der Farbstoffe fort. Behandelt 
man dann nach dem Abheben des Benzins die wässrige Flüssigkeit mit 
Amylalkohol, so nimmt dieser die Gallensäuren auf. Da in letztere Lö- 
sung auch ein Theil der Schwefelsäure übergeht, die bei Verdunstung des 
Amylalkohols auf die Gallensäure zersetzend einwirken könnte, so ver- 
dunste ich den Auszug unter Zusatz von Aetzammoniakflüssigkeit. Der 
Verdunstungsrückstand giebt (meist schon ohne weitere Eeinigung) mit 
Schwefelsäure und Zucker die schönste Gallensäurereaction. Sollte aber 
mitunter noch viel Farbstoff zugegen sein, so kann man den völlig trock- 
nen Eückstand mit möglichst wenig Wasser behandeln. Letzteres bringt 
vorzugsweise die Gallensäuren in Lösung, die man in dieser, nachdem 
man ein Körnchen Zucker zugesetzt und dann concentrirte Schwefelsäure 
unter sie geschichtet hat, durch die an der Berührungsfläche der beiden 
Flüssigkeiten auftretende rothe Färbung erkennen kann. Stellt man den 
Versuch so in einem Eeagensglase an, so dringt die Färbung sehr allmählig 
durch die Lösung vor und noch nach 24 Stunden und drüber kann man 
sie deutlich wahrnehmen. Ich habe den Versuch mit einem Gemische von 
Harn und Galle, in dem ich die Menge der Gallensäuren zu 0,02 Grm., 
d. h. 0,08% annehme , oft wiederholt und bin über den Ausfall nicht in 
Zweifel geblieben ; auch im tief braunen Harn eines Hundes , welchem 
Galle in's Blut injicirt war, habe ich die Gallensäure leicht so darthun 
können. Nur in seltenen Fällen wird zugleich vorhandener Farbstoff den 
Ausfall unsicher machen. Die Schwefelsäurelösung der letzteren ist wohl 
rein braun, aber nicht in der bekannten Weise roth gefärbt. Da auch 
Chloroform beim Ausschütteln Gallensäure aufnimmt , kann mitunter die 
Aufsuchung dieser mit der bekannten Ermittelung der Gallenfarbstoffe 
vereinigt werden, man theilt nach dem Ausschütteln die Chloroformlösung 
in zwei Theile , von denen man einen auf Gallensäuren, den anderen auf 
Gallenfarbstoffe prüft. Uebrigens gehen Gallenfarbstoffe auch in Amyl- 
alkohol über. B. 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 85 

Der ammoniakalischen Lösung die Gallensäure durch Chloro- 
form zu entziehen, ist schon desshalb unthunlich, weil kleine 
Mengen von Morphin so doch auch verloren gehen. Durch 
Wasser, Aether, Chloroform lassen sich aus dem Verdun- 
stungsrückstande des Amylalkoholauszuges die Gallensäuren 
ebensowenig befriedigend ausziehen, als der Harnstoff. Be- 
seitigt müssen , wenn man die Säuren überhaupt berücksichti- 
gen will, diese Säuren werden, denn sie sind, wie oben 
gesagt, nicht indifferent gegen Fröhde's Eeagens. 

Wie anderen Experimentatoren, gelang auch uns der 
Nachweis von Morphin im Blute vergifteter Thiere anfangs 
nicht. Als schliesslich Gemische von Einderblut mit resp. 
0,005 Grm., 0,010 Grm. und 0,015 Grm. nach obiger Methode 
untersucht wurden, konnte in der ersten und dritten Portion 
Morphin dargethan werden, in der zweiten nicht. Es konnte 
hier demnach nur durch einen Mangel der Nachweisungs- 
methode das negative Besultat erklärt werden. Der einzige 
Grund, auf welchen ein solcher Fehler zurückgeführt werden 
konnte, war der, dass die bedeutende Menge der Albuminat- 
gerinnsel das Morphin zu sehr einschlössen, als dass man es, 
nach der gewöhnlichen Weise verfahrend, isoliren könnte. Es 
wurde desshalb das Blut zunächst im Wasserbade so weit 
eingedampft, dass eine fast trockene krümliche Masse hinter- 
blieb, diese wurde nun in der Reibschale mit schwefelsäure- 
haltigem Wasser gleichmässig fein zerrieben und nach Zu- 
satz von Wasser bis zu dünnflüssiger Consistenz bei einer 
Temperatur von 60 — 80^ mehre Stunden digerirt, die Cola- 
tur wurde endlich in gewöhnlicher Weise weiter verarbeitet. 
In der That wurde durch die Hülfe dieser Modification der 
Nachweis von Morphin z. B. im Blute des A. ermöglicht. 
Wenn auch Andere nach Erdmann-TJslar's Methode das 
Alkaloid im Blute nicht darzuthun vermochten, so glaube ich, 
war daran der Umstand schuld, dass ebenfalls entweder a 
priori das Alkaloid nicht in den sauren Auszug übergeführt 
worden war, oder, dass der nach dem Austrocknen des neu- 
tralisirten Auszuges hinterbleibende Bückstand das Morphin an 
den Amylalkohol nicht abgegeben hatte. 



86 Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in I>orpat. 

Zur Beantwortung der als zweite Hauptaufgabe vorlie- 
gender Arbeit zusammengefassten Fragen will ich einen kur- 
zen Ueberblick geben über die Resultate der an Thieren und 
Menschen angestellten Versuche. 

I. Einer Katze werden in einer Gallertkapsel 0,17 Grra. 
Morphinsulfat gereicht. Sie erbricht nach einer Stunde, die 
erbrochenen Massen enthalten reichlich Morphin, welches nach 
dem Lösen des abgedampften Amylalkoholauszuges in ver- 
dünnter Schwefelsäure durch Ammoniak krystallinisch ausge- 
fallt werden kann. J^ach 9 Stunden nimmt sie wieder die 
erste Nahrung zu sich, etwas später lässt sie Harn, in dem 
Morphin durch F r ö h d e ' s und Husemann's E-eaction 
deutlich nachgewiesen werden kann. Nach 21 Stunden wird 
Oesophagotomie vorgenommen, ein neues Quantum von 0,18 
Grm. Morphinsulfat in einer Gallertkapsel beigebracht, die 
Speiseröhre unterbunden. Das Thier lässt ca. 5 und 40 Stun- 
den nach letzterer Operation Harn; in beiden Portionen ist das 
Alkaloid nachweisbar, aus der nach 5 Stunden gelieferten 
Portion wird es in Krystallen ausgeschieden (als die letzte 
Portion Harn gelassen wurde, hatten die Vergiftungssymptome 
des Morphins einer hochgradigen Schwäche Platz gemacht, die 
nur durch die operativen Eingriffe und das Fasten erklärt 
werden können). Etwa 72 Stunden nach der Operation wird 
die Katze strangulirt. Es wurden einige Drachmen Blut, die 
dem Herzen und den grösseren Gefässen entnommen waren 
(gewöhnliche Methode) , ferner Magen und Oesophagus , end- 
lich der Dünndarm mit negativem Erfolge auf Morphin unter- 
sucht. Leber und Gallenblase, die gemeinschaftlich verar- 
beitet wurden, enthielten Morphin, ebenso die festen Koth- 
massen, welche den Inhalt des Dickdarms ausmachten. Die 
Harnblase war völlig leer gefunden und wurde desshalb nicht 
weiter geprüft. 

IL Einer sehr abgemagerten Katze werden nach der 
Oesophagotomie 0,183 Grm. Morphinsulfat in wässriger Lö- 
sung beigebracht, dann eine Ligatur des Oesophagus ange- 
legt. Nach etwa 16 — 18 Stunden verendet das Thier, nach- 
dem es resp. 10 Minuten nach Beibringung des Giftes und 



Untersucliungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 87 

kurz vor dem Tode Harn gelassen hat. Auch in der Blase findet 
sich noch Harn. Der nach 10 Minuten gelassene Harn lie- 
fert kein Morphin. Die beiden anderen Portionen geben die 
Morphinreaction in exquisiter Weise. Magen und Leber sind 
reich an Morphin. Wenig von dem Alkaloide findet sich bei 
Untersuchung des oberen Dünndarmes; nur durch Fröhde's 
Reaction, nicht durch diejenige Husemann's, lassen sich 
im unteren Theile des Dünndarmes Spuren constatiren, ebenso 
in den Nieren. Im Dickdarm und im Blute (gewöhnliche 
Methode) wird vergeblich nach Morphin gesucht. 

III. Eine Katze erhält 0,31 Grm. Morphinsulfat in So- 
lution und stirbt, ohne erbrochen zu haben, nach 2 Stunden. 
Mit Zuhülfenahme der früher erwähnten Erfahrungen wird 
untersucht das Blut, die Galle und ausserdem das Hirn. 
Letzteres liefert ein negatives Resultat, die Galle enthält 
so viel Morphin, dass Fröhde's Bcaction es deutlich anzeigt 
und Ammoniak einzelne Krystalle fällt. Aus dem Blute wer- 
den neben den nöthigen Beactionen 0,0065 Grm. Morphin in 
Krystallen gewonnen. 

IV. Eine Katze erhält 0,03 Grm. Morphinsulfat in 
einer Gallertkapsel, sie zeigt wenig Vergiftungssymptome, 
lässt nach 3 Stunden Faeces, in denen kein Morphin gefun- 
den wird. Nach 26 Stunden (1 Uhr Nachmittags) erhält sie 
eine gleiche Menge des Giftes, auf welche während der Nacht 
Harn- und Faecalentleerung erfolgt, die beide den deutHchen 
Nachweis des Morphins gestatten. Nach 25 Stunden , wäh- 
rend welcher sich allmälig die Vergiftungssymptome gestei- 
gert haben, erfolgt eine zweite Harn - und eine dritte Koth- 
entleerung, von denen erstere die zweifellose Erkennung von 
Morphin gestattet. Ein in der darauf folgenden Nacht gelas- 
sener Harn lässt über seinen Morphingehalt zweifelhaft, eine 
kurz vor dem Tode, 52 Stunden nach der letzten Darreichung 
des Giftes, excernirte Portion ist entschieden frei von Mor- 
phin. Es ist übrigens möglich, dass das Thier an einer inne- 
ren Krankheit zu Grunde gegangen ist, welche sich, als etwa 
39 Tage nach dem Tode die Section vorgenommen wurde, 
nicht mehr constatiren Hess. Die nach Ablauf dieser Zeit 



88 Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

vorgenommene Analyse der inneren Organe blieb erfolglos. 
Offenbar war schon vor dem Tode das Gift aus dem Körper 
eliminirt. 

Y. Einer Katze werden in einer G allertkapsel 0,31 Grm. 
Morphinsulfat beigebracht, die bald erbrochen werden. Nach 
7 Stunden erneuerte Gabe von 0,43 Grm. in Lösung und An- 
legung der Oesophagusligatur. Tod erfolgt nach Ablauf einer 
Stunde. Der Cadaver bleibt 40 Tage der Päulniss überlas- 
sen. Nach Ablauf dieser Zeit sind die Haare am ganzen 
Körper abgelöst, die Haut pergamentartig, einzelne Knochen 
liegen, von den Weichtheilen entblösst, frei zu Tage, die ein- 
zelnen Theile der Unterleibshöhle sind kaum noch erkennbar. 
Die Ueberbleibsel der inneren Weichtheile werden gemein- 
schaftlich analysirt und es lässt sich Morphin in Krystallen 
abscheiden. 

YI. Einer Katze werden 0,132 Grm. gelöstes Morphin- 
sulfat in die Innenfläche des Oberschenkels an einer hinteren 
Extremität subcutan injicirt. Nach 36 Stunden ist das Thier 
verendet, nachdem vor dem Tode Harnentleerung stattgefun- 
den hatte. Auch in der Blase findet sich bei der Section noch 
ein Quantum Harn. In beiden Portionen ist Morphin mit 
grosser Deutlichkeit aufzufinden, Blut (gewöhnliche Methode), 
Hirn, Leber und Galle, Magen und Oesophagus, Dünndarm, 
Dickdarm, welche alle gesondert untersucht werden, enthal- 
tei keine nachweisbare Mengen des Alkaloides. 

YII. Eine halbjährige Katze erhält in die Bauchfläche 
subcutane Injection von 0,03 Morphinsulfat und wird darauf 
nach 2 Stunden strangulirt. 2 Unzen aus den Jugularvenen 
entnommenes Blut (gewöhnliche Methode) und die mit der 
Gallenblase verarbeitete Leber enthalten Morphin nicht in 
nachweisbarer Menge. Etwa 4 Drachmen der Harnblase ent- 
nommener Harn enthalten zweifellos Morphin. 

YIII. Ein grosser Yiehhund erhält in einer Gallert- 
kapsel 0,702 Grm, Morphinsulfalt. Er lässt nach etwa 16 — 
18 Stunden 1^2 Pfd. (ä 12 Unzen) Harn, aus dem viel Mor- 
phin wiedergewonnen werden kann. Nach etwa 32 Stunden 
erhält er neue 0,315 Grm. desselben Salzes, auf welche, nach- 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischeu Institute in Dorpat. 89 

dem 24 Stunden darauf das Thier wieder zu fressen beginnt, 
nach 30 Stunden reichlich Koth und nach 40 Stunden 2 Pfd. 
Harn erfolgen. Aus beiden wird krystallinisches Morphin 
gewonnen. Da sich da Thier völlig erholt zu haben scheint, 
erhält es bald nach Entleerung des Harns neue 2,007 Grm. 
Morphinsulfat. Resp. 30 Stunden und 54 Stunden später 
Harnexcretion , erstere 2^/^ Pfd. Mit letzterer auch starke 
Faecalentleerung. Der erstere Harn und die Faeces enthalten 
reichlich Morphin (Krystalle gewonnen) , besonders fällt die 
Ausbeute an krystallinischem Morphin bei dieser Harnportion 
recht reichlich aus. Der zuletzt gelassene Harn gestattet 
nicht mehr Morphin darzuthun. Am Abende vorher war der 
Hund bereits wieder ziemlich munter. Er bekommt 75 Stun- 
den nach der letzten Darreichung wieder 2,48 Grm. Morphin- 
sulfat. Erst nach etwa 54 bis 58 Stunden giebt das Thier 
2^2 ^^^' Harn und beinahe 72 Stunden nach der letzten 
Darreichung des Giftes neue 2^/^ Pfd. Beide enthalten Mor- 
phin, ebenso 3 Pfd. eines etwa 84 Stunden nach Darreichung 
excernirten Harnes. Eine letzte 94 Stunden nach der Dar- 
reichung producirte Quantität von 3 Pfd. war frei, allerdings 
das Thier auch bereits scheinbar völlig wieder hergestellt. 
Nach Abgabe dieser letzten Harnmenge bekommt das Thier 
nochmals 1,12 Grm. Morphiusulfat in Lösung. Als nach 
^/^ Stunden das Thier den Eindruck der möglichst intensiven 
K'arkose darbietet, werden ihm 2^/2 Pfd. Blut aus der Carotis 
entzogen, welches leider, nach der unveränderten Methode 
untersucht, kein Morphin liefert. Bald darauf wird der Hund 
durch Lufteinblasen in die Jugularvene getödtet. Aus dem 
Magen wird viel (ungereinigt 1,2385 Grm.) Morphin gew^on- 
nen, der Dünndarm giebt wenig, aber unzweifelhaft Morphin, 
kein Alkaloid ist aus Dickdarm, Nieren, Harn und Galle 
(unveränderte Methode) zu gewinnen. Die Leber liefert neben 
den äusserst intensiven Earbenreactionen durch Fällung 
mikroskopische Krystalle. 

IX. Einer mittelgrossen Hündin werden durch die 
Schlundsonde 0,31 Grm. Morphinsulfat in Lösung eingeführt. 
Der nach Ablauf von 4Y2 Stunden mittelst eines Katheters 



90 Untersucliiuigen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

aus der Blase gewonnene Harn (2^2 Unzen) ist reich an 
Morphin, ebenso 6 Unzen des nach 24 Stunden, 2 Unzen eines 
29 Stunden, und 2 Unzen eines 34 Stunden nach Darreichung 
des Giftes in gleicher Weise aufgefangenen Harnes. Wäh- 
rend der Nacht (etwa 40 Stunden nach der Intoxikation) waren 
3 Unzen spontan entleert, der höchstens noch Spuren des 
Alkaloides enthielt (alle Yergiftungserscheinungen hatten auf- 
gehört). Drei im Laufe der beiden nächsten Tage producirte 
Harnportionen waren entschieden frei von Morphin. Alle 
Harnproben reagirten, wohl in Folge des durch Katheterap- 
plication hervorgerufenen Blasenkatarrhs, alkalisch. Paeces 
waren innerhalb der Beobachtungszeit zweimal gelassen, 
45 Minuten und etwa 60 Stunden nach geschehener Darrei- 
chung des Giftes. Erstere Portion, in der allerdings a priori 
kein Morphin zu erwarten war, wurde durch einen Unfall 
verloren, die zweite Probe lieferte unzweideutig Morphin. 

X. Derselben Hündin wird nach über 3 - wöchentlicher 
Pause subcutan 0,31 Grm. Morphinsulfat, und zwar an ver- 
schiedenen Stellen des Körpers injicirt, 15 Stunden darauf 
werden durch das Katheter 1^4 Pfd. Harn von schwach alka- 
lischer Beaction gewonnen, der reichlich Morphin enthält, auch 
(nachdem es mehrmals umgearbeitet worden) die Fällung von 
0,0249 Grm. krystallisirten Alkaloides gestattet, aber auch 
noch im Fil träte von diesem Niederschlage reichlich Morphin 
enthält. 26 Stunden nach der Injection werden wieder ^g ^^d- 
stark alkalischen Harnes entzogen, welcher den Morphinnach- 
weis (0,0138 Grm. Krystalle) deutlich gestattet. Ebenso der 
etwa 6 Stunden später spontan entleerte (2^2 Unzen). 50 Stun- 
den nach der Injection producirt das Thier mehre Unzen 
Harn, welche kein Morphin enthalten. 

XI. Kaufmann A. hierselbst hatte am 1. October 1867 
kurz vor 3 Uhr Nachmittags Gift zu sich genommen und war 
etwa 10 Minuten darauf in seiner Wohnung angelangt. Er 
war innerhalb der ersten Viertelstunde einige Male auf den 
Hof gegangen und hatte darauf seiner Familie gestanden, 
dass er sich vergiftet habe. Weder jetzt noch später war er 
zu bewegen , das genommene Gift namhaft zu machen. Das 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 91 

einzige , wozu er sich verstand , war , zu erklären , dass er 
„Gemischtes" genossen habe. Der bald eintreffende Arzt 
fand ihn schon bewusstlos, doch erlangte Patient durch Was- 
serbegiessungen etc. zeitweise' Besinnung wieder. Da ich dem 
behandelnden x\rzte in seiner Besprechung der Krankheits- 
symptome, die zu einigen nicht uninteressanten Erörterungen 
Anlass bieten können, nicht vorgreifen will, so möge hier 
nur gesagt sein, dass der Patient, nachdem ihm nach einan- 
der 10 Gran Kupfervitriol, dann Gerbsäure, endlich noch 
Eisenoxydhydrat gereicht worden war, 6^3 Stunden nach 
gescheher Aufnahme des Giftes verschieden ist. 

Den bei der später vorgenommenen Section erlangten 
Befund übergehe ich, da derselbe für uns nichts besonders 
Wichtiges liefert und ebenfalls von andrer Seite aus in die 
Oeffentlichkeit gelangen wird. 

Bei Durchsuchung der Kleidungsstücke hatte man in der 
Tasche des Beinkleides eine Flasche von höchstens 3 Unzen 
Capacität gefunden, an welcher sich die Etiquette „Glycerin" 
befand, in welcher aber 13 Grm. einer fast farblosen Spiri- 
tuosen Flüssigkeit und ein krystallinischer Bodensatz vorhan- 
den waren. Letzterer erwies sich bei meiner Untersuchung 
als Morphium purum, seine Menge betrug 0,3717 Grm.; in 
der Flüssigkeit fanden sich weitere 0,05 Grm. des Alkaloides 
gelöst. Die Flüssigkeit selbst bestand der Hauptmasse nach 
aus starkem Weingeist, enthielt aber auch kleine Mengen von 
Glycerin. — Im Laden des Defunctus hatte man in einer Pa- 
pierkapsel mit der Aufschrift „Strychnin" ein Pulver gefun- 
den, welches in der That Strychnin war. Eine andere dort 
gefundene Papierkapsel enthielt ein Gemisch aus Kupfervi- 
triol und Zucker. 

Zur chemischen Untersuchung waren mir am 3. October 
übergeben worden: 1) Magen und Mageninhalt 420 Grm. 
schwer. 2) Darm und ein Theil des Inhaltes, zusammen 
1400 Grm. (ein anderer Theil war bei der Section verloren 
worden. Da der Darm der ganzen Länge nach aufgeschnit- 
ten war, so war der Inhalt seiner einzelnen Theile mit ein- 
ander vermischt worden, die Frage also, wie weit das Gift 



92 üntersuchuugen aus dem phavmaceutischen Institute in Dorpat. 

im Tractus vorgeschritten sei, nicht zu lösen). 3) 150 G-rm. 
Blut. 4) 52 Grm. aus der Blase genommener Harn. 5) Eine 
dunkle Flüssigkeit, welche sich aus Mund und Nase der 
Leiche ergossen hatte. 6) Die Leber mit der Galle. 7) Das 
Hirn. 

Die makroskopische und mikroskopische Untersuchung 
dieser Objecte boten keine besonderen Anhaltspunkte dar. 
Der sauer reagirende Mageninhalt zeigte die dunkle Färbung, 
die man in ihm nach den Antecedentien erwarten durfte; er 
enthielt aber keine krystallini sehen Beimengungen. Der Harn 
reagirte sauer. Aus meinem Berichte gebe ich nur diejenigen 
Theile, welche die Aufsuchung alkaloidischer Gifte zum Ge- 
genstand haben. Ich bemerke einfach, dass es möglich war, 
aus 85 Grm. des Magens (und seines Inhaltes), aus 100 Grm. 
des Darmes (und Darminhaltes) und einem Theil der Leber 
Kupfer in Substanz (elektrolytisch abgeschieden) zu gewinnen, 
dass aber keine sonstigen Metall- oder Metalloidgifte aufzu- 
finden waren. Die Untersuchung auf alkaloidische Stoffe war 
erschwert durch den Umstand, dass Defunctus nachweislich 
im Besitze verschiedener hierher gehöriger Gifte gewesen 
war und dass er, unmuthig über die ihn mit Fragen über 
das gewählte Gift Bestürmenden, deren Andringen er bis zu 
Ende energisch widerstand, den Ausspruch gethan hatte, er 
habe „Gemischtes" genossen. Die Untersuchung wurde 
zunächst mit 125 Grm. des fein zerschnittenen und dann mit 
dem Inhalte gemischten Magens vorgenommen. Ich gebe 
den hierauf bezüglichen Theil meines Protokolls wörtlich. Die 
bezeichnete Menge wurde mit dem 10 -fachen Gewicht schwe- 
felsäurehaltigen Wassers 24 Stunden . hindurch bei einer Tem- 
peratur von 60 — 70^ C. digerirt und dann colirt. Die Cola- 
tur wurde im Wasserbade bis zur beginnenden Syrupcon- 
sistenz eingeengt, sodann mit dem vierfachen Gewicht Wein- 
geist von 95 ^/o Tr. gemengt, das Gemisch 24 Stunden lang 
der Ruhe überlassen und endlich filtrirt. Aus dem Fil träte 
wurde der Weingeist wiederum abdestillirt, der Destillations- 
rückstand filtrirt und noch sauer mehrmals mit neuen Por- 
tionen Amylalkohol geschüttelt, so lange dieser noch gefärbte 



Untersuchungen aus dem pharm aceutischen Institute in Dorpat. 93 

Stoffe aufnahm. Die von der wässerigen Flüssigkeit abgeho- 
benen, vereinigten, gehörig mit destillirtem Wasser gewasche- 
nen und filtrirten Portionen des Amylalkohols lieferten, ver- 
dunstet, einen Eückstand, in welchem vergeblich auf Mekon- 
säure und Alkaloide reagirt wurde (Piperin, Caffei'n, Theo- 
bromin, Delphinin, Yeratrin, Narkotin, Papaverin und Thebain 
hätten eventuell zum Theil auf diesem Wege gewonnen wer- 
den müssen). 

Die durch Ausschütteln mit Amylalkohol gereinigte saure 
wässerige Flüssigkeit wurde mit Y2 ihres Volums Benzin 
überschichtet, durch Ammoniak deutlich alkalisch gemacht 
und sogleich anhaltend geschüttelt. Das später wieder abge- 
trennte Benzin wurde auf mehre TJhrschälchen vertheilt und 
bei circa 60^0. verdunstet. Es hinterblieb ein unkrystallini- 
scher Bückstand, in welchem (Portion I) die G-ruppenrea- 
gentien für Alkaloide, namentlich auch Kalium -Wismuthjodid, 
die Gegenwart einer Pflanzenbase constatirten. Portion II 
des Bückstandes wurde durch concentrirte Schwefelsäure 
auch nach halbstündigem Stehen und Erwärmen nicht auf- 
fällig gefärbt (Abwesenheit von Veratrin, Narkotin , Papa- 
verin, Thebain). Portion III gab mit chromsaurem Kali 
und Schwefelsäure eine mahagonifarbene, aber durchaus nicht 
blaue Lösung (Beweis für die Abwesenheit von Strychnin). 
Portion IV, mit F r ö h d e ' schem Beagens behandelt, lieferte 
deutliche Morphinreaction. Portion V wurde in concentrirter 
Schwefelsäure gelöst und 24 Stunden lang der Einwirkung 
der letzteren ausgesetzt. Nach Zusatz von einigen Salpeter- 
krystallen entstand eine schön blaue, schnell in roth und dann 
in orange übergehende Streifung. Portion VI des Bück- 
standes wurde in verdünnter Salzsäure gelöst, die Lösung ver- 
dunstet und der Bückstand in wenig destillirtem Wasser auf- 
genommen. Auf Zusatz einer verdünnten Eisenchloridlösung 
erfolgte deutliche Blaufärbung. Portion VII in schwefel- 
säurehaltigem Wasser gelöst und auf die Conjunctiva eines 
Katzenauges applicirt, wirkte nicht pupillenerweiternd (Abwe- 
senheit von Atropin und Hyoscyamin). 



94 Untersuchungen aus dem pharmaceutisclien Institute in Dorpat. 

Es lag also offenbar Morphin allein vor. Dieses sollte 
zwar aus alkalischer wässerig-er Lösung nicht in das Benzin 
übergehen. Es ist indessen zu berücksichtigen, dass bei der 
vorausgeschickten Behandlung der sauren Lösung mit Amyl- 
alkohol kleine Mengen dieses letzteren in der zu extrahiren- 
den Flüssigkeit sich gelöst haben mussten. Indem dieser 
Amylalkohol der inzwischen alkalisch gewordenen wässerigen 
Lösung durch Benzin entzogen wurde, führte er seinerseits 
Spuren von Morphin in den Benzinauszug über, welche, dann 
hier zum Nachweis kamen. 

War die oben entwickelte Ansicht richtig, so mussten 
in der mit Benzin erschöpften wässerigen Flüssigkeit noch 
beträchtliche Mengen von Morphin vorhanden sein. Es wurde 
daher diese wässerige Flüssigkeit wiederum angesäuert, mit 
^/g ihres Volumens Amylalkohol überschichtet, dann wieder 
durch Ammoniak alkalische Beaction herbeigeführt und durch 
anhaltendes Schütteln das in Amylalkohol Lösliche der wässe- 
rigen Solution entzogen. Nachdem diese Amylalkoholschicht 
abgeschieden w^orden war, wurde dieselbe Procedur mit einer 
neuen Menge desselben Lösungsmittels wiederholt. Die ver- 
einigten Auszüge wurden mit destillirtem A¥asser gew^asehen 
und filtrirt. Vom Filtrat wurde der grössere Theil des Amyl- 
alkohols durch Destillation entfernt und der restirende, even- 
tuell morphinhaltige Theil zur Verdunstung gebracht. Es 
hinterblieb ein amorpher harzartiger, wenig gefärbter Rück- 
stand. Ein kleiner Theil desselben genügte, um die Fröhde'- 
sche, ein anderer, um die Huse mann 'sehe Morphinreaction 
mit grosser Schärfe eintreten zu sehen. Eine dritte Portion 
wurde in schwach salzsäurehaltigem Wasser gelöst, die Lö- 
sung im Wasserbade völlig abgedunstet und der Bückstand 
derselben in wenig destillirtem Wasser gelöst. Auf Zusatz 
von Eisenchlorid erfolgte die blaue Färbung, wie sie für 
Morphin erforderlich ist. Eine vierte Portion endlich wurde 
in schwach schwefelsäurehaltigem Wasser gelöst und diese 
Lösung mit Stärkemehlkleister und darauf mit etwas jodsau- 
rem Natron versetzt. Es trat die blaue Färbung des Jod- 
amylons auf, welche als Beweis der durch Morphin bewirkten 



Untersucliungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 95 

Reduction der Jodsäure dienen kann. Für diese Reactionen 
war ein Dritttheil des Rückstandes verbraucht. Die noch 
übrigen zwei Dritttheile wurden aufs Neue in schwefelsäure- 
haltigem Wasser gelöst, filtrirt, mit Ammoniak versetzt und 
24 Stunden lang in einem offnen Becherglase der Luft expo- 
nirt. Nach dieser Zeit hatten sich zwei kugelförmige Kry- 
stallgruppen von etwas 2'" im Durchmesser und ein ziemlich 
reichlicher, wenig gefärbter, pulverförmiger Bodensatz abge- 
schieden. Der Niederschlag wurde auf einem Filter gesam- 
melt und gewogen; er betrug 0,Q216 Grm. Die grössere 
Menge des Alkaloides war noch im Filtrate gelöst und wurde 
diesem durch erneutes Ausschütteln mit Amylalkohol entzo- 
gen. Beim Verdunsten des letzteren hinterblieb ein reichlicher, 
schwach gelblich gefärbter, amorpher harzartiger Bückstand. 
Derselbe löste sich in Weingeist vollständig und hinterblieb 
bei freiwilliger Verdunstung der alkoholischen Solution in 
wenig gefärbten, schön ausgebildeten, stern- oder büschel- 
förmigen Drusen von 0,0836 Grm. Gewicht, die aus mehrsei- 
tigen schief abgestumpften Pyramiden bestanden. Ein Theil 
dieser Krystalle wurde dem Gutachten als corpus delicti bei- 
gefügt, der andre zu weiteren Beactionen verwandt. Es 
wurde eine kleine Portion des Alkaloides in AVasser gelöst. 
Diese sehr morphinarme Lösung schied aus zugemengtem 
Silbersalpeter nach kurzer Zeit einen graublauen Nieder- 
schlag von Silber ab. Auch die Jodsäure -Probe wurde wie- 
derholt, mit dem Unterschiede, dass die Lösung von schwe- 
felsaurem Morphin nach dem Zusatz von jodsaurem Natron 
mit Schwefelkohlenstoff geschüttelt wurde, welches das redu- 
cirte Jod in exquisiter Weise kenntlich machte. 

Die Gesammtsumme des Morphins , welches aus zwei 
Dritttheilen in Arbeit genommenen Objectes dargestellt war, 
betrug 0,1052 Grm.; demnach waren in den 125 Grm. Magen 
und Mageninhalt, welche verbraucht waren, 0,1578 Grm. Mor- 
phin nachgewiesen worden, was auf das Gesammtgewicht des 
zur Untersuchung übermittelten Magens und seines Inhaltes 
(420 Grm.) berechnet, eine Quantität von 0,5302 Grm. (nahezu 
9 Gran) ergiebt. 



96 Untersuchungeu aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

Obigen Resultaten zufolge war man berechtigt, von den 
übrigen Alkaloiden im weiteren Verlaufe der Untersuchung 
abzusehen und nur auf die Abscheidung des Morphins sein 
Augenmerk zu richten. 

Der Darm lieferte Morphin in geringer Menge, doch 
so viel, dass'Fröhde's und Husemann's Reaction deut- 
lich, minder die Eisenchloridprobe eintraten. Krystalle von 
Morphin wurden nicht isolirt. 

1 344 Grm. der Leber lieferten kein Morphin , auch bei 
einer Mitte Januar vorigen« Jahres vorgenommenen Untersuchung 
eines anderen Theiles dieses Organes wurde dasselbe Resultat 
gewonnen. Es musste dasselbe um so mehr auffallen , als es 
im Widerspruch steht zu den an Thieren beobachteten. Das 
in beiden Fällen Isolirte gab merkwürdigerweise mit Kalium - 
Wismuthjodid reichlichen Niederschlag, wie er für die meisten 
Alkalo'ide charakteristisch ist, Morphin war aber, wie gesagt, 
nicht die Ursache letzterer Reaction. 

Die gesondert untersuchte Gr a 1 1 e lieferte keine Krystalle 
von Morphin, überhaupt nur so wenig, dass Fröhde's 
Reaction spurenhaft , Husemann's nicht eintrat. 

Der Harn (52 Grm.) war reich an Morphin. Ausser 
den Reactionen Fröhde's und Husemann's trat auch die 
mit Eisenchlorid deutlich hervor, auch konnten einige mikro- 
skopische Morphinkrystalle gefällt werden. 

Beim Blute ^\nirde ein ganz ähnliches Resultat erzielt. 

Der Ausfluss aus Nase und Mund entstammte 
unzweifelhaft dem Magen; er war sehr reich an Morphin. 

Die Untersuchung desHirus gab ein negatives Resultat. 

Es wird wohl nicht überflüssig sein, darauf aufmerksam 
zu machen , dass in diesem Falle Gerbsäure als Antidot 
gereicht war, von der ein Theil noch bei der Section im Ma- 
geninhalte anwesend war, ohne die Abscheiduug des Alka- 
loides zu stören. Ferner bemerke ich, dass auch die nicht 
ganz geringen Mengen von Eisenoxydhydrat, die dem Magen- 
inhalte beigemengt waren, keine Störung bei der Analyse 
veranlassten. 



Untersuchungen aus dem pharmaccutischen Institute in Dorpat. 97 

XII. Von einem Patienten der chirurgischen Klinik, 
■welcher Y^ Gran Morphin erhalten hatte, wurden am nächsten 
Morgen mittelst des Katheters ^/^ Pfund Harn entnommen, 
in dem sich Spuren von Morphin z\Yeifellos nachweisen Hessen. 
Der in den nächsten 24 Stunden ausgeschiedene Harn gestat- 
tete den iSTachweis nicht. 

XIII. Ein Patient der therapeutischen Klinik hatte an 
4 auf einander folgenden Tis'achmittagen Opiumpulver von je 
1 Gran stündlich erhalten und zwar am ersten und vierten 
Tage 6 Gran , am zweiten 7 , am dritten 8 Gran. Die von 
Mittag zu Mittag gelassenen Harnmengen wurden gesondert 
untersucht. Das Resultat war bei Portion 1 unentschieden, 
bei den Portionen 2, 3 und 4 ein positives. Die FrÖhde'- 
sche Eeaction Hess über das Vorhandensein des Morphins 
hier nicht im Zweifel. Das Opium hatte gegen 8^/q Morphin. 

XIY. Von einer Krebskranken, welche täglich 4 Gran 
Morphinacetat und 2 Gran Opiumextract erhielt, wurden 
6 Unzen Harn der Untersuchung unterworfen. F r ö h d e ' s 
und Husemann's Eeaction constatirten deutlich Gegenwart 
des Morphins. 

XY. Gegen 8 Unzen Harn eines an Morphingenuss 
gewöhnten Patienten, der 6 Gran Morphinacetat genommen 
hatte, lieferten, ausser den höchst intensiven Eeactionen, das 
Morphin in Krystallen. 

XYI. Zwei Portionen des in je 24 Stunden gelassenen 
Harnes einer an Intercostal-lN'euralgie leidenden Frau, welche 
allmählig innerhalb 24 Stunden 4 Gran Morphinacetat subcu- 
tan injicirte, wurden jede für sich verarbeitet. Sie gestatteten 
den Nachweis des Morphins auf das deutlichste. In beiden 
Fällen wurden auch Krjstalle des Alkaloides erhalten. 

Ich will zunächst die wichtigeren Resultate der eben 
vorgeführten Beobachtungen recapituliren. 

1. Im Magen ist Morphin nach Einführung durch den 
Mund oder Oesophagus stets gefunden worden, falls nicht 
bereits mehre Tage zwischen dieser Einführung und dem 
Tode verflossen waren. In Yers. 1 war es innerhalb 72 Stun- 
den sicher aus dem Magen einer Katze verschwunden. In 

Arch. d. Pharm, CLXXXVIII. Bds. 1. u. 2. Hft. 7 



98 UntersucliuTigen aus dem pharmaceutischen Institute in Borpat. 

Vers. 2 ist bei dem 16 — 18 Stunden nach der Darreichung" 
erfolgten Tode im Magen noch viel Alkalo'id enthalten.*) 
Nach subcutaner Application fand sich im Magen niemals 
Alkalo'id. 

2. Der Darm ist für dieses, wie für andere Alkaloide 
offenbar kein so ungünstiges Untersuchungsobject, als man 
früher hie und da behauptet hat. Im Vers. XI., wo der Tod 
des Menschen 6^2 Stunden nach geschehener Zuführung des 
Giftes erfolgte, enthielt dieses Organ bereits, wenn auch nur 
wenig doch nachweisbar. Morphin (allerdings war ein Theil 
des Inhaltes durch fremde Schuld für uns verloren worden). 
Bei der Katze in Versuch IL findet es sich 16 — 18 Stunden 
nach der Darreichung in kleinen Mengen im oberen Theile 
des Dünndarmes und spurenweise im unteren Theile dessel- 
ben. Aus dem Dünndarme des Hundes in Vers. VIII. lässt 
es sich in geringer Menge nachweisen , nachdem . die letzte 
Morphindosis ^/^ , die vorletzte etwa 95 Stunden vor dem 
Tode beigebracht war. Es kann dieses Morphin nur der 
letzten Dosis angehören, weil die Prüfung des Dickdarmes 



*) Wie ich erklären soll , dass andere Experimentatoren nach Zufüh- 
rung selbst grösserer Morphinmengen im Magen kein Morphin nachwei- 
sen konnten, weiss ich nicht. Noch neuerlich erklärt Herr Schach- 
trupp, einer Katze innerhalb 24 Stunden 15 Gran Morphin (wie grosse 
Dosen auf einmal ?) beigebracht zu haben , welches sonderbarer Weise 
„keine Wirkung auf sie auszuüben schien." Als er 4 — 5 Stunden nach 
letzter Darreichung des Giftes das Thier tödtete, konnte er „ trotz genaue- 
sten Arbeitens " weder in dem fast leeren Magen, noch im Herzen, in 
den Lungen , Gedärmen , Faeces , auch nicht im Inhalte der fast ganz 
gefüllten Harnblase Morphin darthun. Er arbeitete theils nach Sonnen- 
schcin's, theils nach Er dmann-U slar' s Methode. Jeder, welcher 
sich mit hieher gehörigen Arbeiten beschäftigt hat, wird zugeben, dass 
ein Fall, in welchem 15 Gran Morphin auf eine Katze keinen Eindruck 
machen, ungewöhnlich ist. Meistens erfolgt, wenn man nicht grössere 
Mengen, in Lösung beigebracht, auf einmal wirken lässt, bei diesen Thie- 
ren sehr schnell Erbrechen, durch welches der grösste Theil des Giftes 
wieder aus dem Körper fortgeschafft wird. Dass Erbrechen nicht statt- 
gefunden, betont Herrn Schach trupp's Aufsatz nicht ausdrücklich, 
auch lässt er im Unklaren, ob innerhalb der 28 — 29 Stunden seit erster 
Darreichung des Morphins gar kein Harn gelassen worden. 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 99 

ein negatives Resultat giebt. In dem später zu besprechen- 
den Vers. XVIII. sind schon 25 Minuten nach geschehener 
Intoxication nachweisbare Mengen von Morphin im unteren 
Theile des Dünndarmes der Katze. Im Vers. I. ist bei der 
Katze 72 Stunden nach Darreichung des Alkaloides dieses 
nicht mehr im Darme anzutreffen. Es kann wohl nicht geleug- 
net werden, dass die Resorption des Morphins im Magen 
ziemlich langsam erfolgt, dass es sich hier (vielleicht in Folge 
einer Störung in der Peristaltik) theilweise auch recht lange 
hält, bevor es in die übrigen Theile des Tractus weiter beför- 
dert wird. Einmal in diese gelangt, scheint es auch hier 
nicht völlig zur Resorption zu kommen, sondern theilweise 
mit den Eäces entleert zu werden. Allerdings kann aber 
wenigstens ein Theil des mit diesen excernirten Quantums 
durch die Galle wieder in den JDarm gelangt sein. Im Inhalte 
des Dickdarmes fand sich bei der Katze von Vers. I. nach 
72 Stunden nach der Zuführung Morphin; die Katze von 
Vers. IL hatte 16 — 18 Stunden, die von Vers. IV. 3 Stunden 
nach derselben im Dickdarm noch kein Alkaloid. Der Hund 
in Vers. VIII. hatte 56 Stunden nach der ersten und 24 Stun- 
den nach der zweiten Darreichung von Morphin einen Theil 
des Alkaloides in seinen Fäces, auch 54 Stunden nach der 
dritten Darreichung fand sich dasselbe vor, ebenso bei dem 
Hunde des Vers. IX. 60 Stunden nach der Einführung des 
Giftes. Nach subcutaner Application konnte im Inhalte des 
Darmes kein Morphin nachgewiesen werden. 

3. Das Blut bot in den Fällen, wo die modificirte 
Methode der Abscheidung zur Anwendung gekommen war, 
Morphin dar, und zwar gleichgültig, ob das Gift subcutan 
oder durch den Mund resp. Oesophagus beigebracht war. 
Exquisit fand es sich im Rlute der Katze von Vers. III. , wo 
2 Stunden nach Darreichung, und im Menschenblute (Vers. XI.) 
wo 6^/2 Stunden nach derselben der Tod erfolgt war. Bei 
dem später zu erwähnenden Vers. XVIII. mit einer Katze 
war es schon nach 25 Minuten vorhanden. Sollte bei ver- 
mutheter Morphinvergiftung die Transfusion ausgeführt wer- 

7* 



100 Untersuchungen aus dem pliarmaceutischen Institute in Dorpat. 

den, so möge man doch ja das gewonnene Blut zu einer 
Analyse auf Morphin verwenden. 

4. Durch den Harn wird unzweifelhaft eine reichliche 
Menge des Morphins eliminirt, mag dasselbe vom Darme oder 
vom Unterhautzellgewebe aus resorbirt sein; es muss das 
trotz der widersprechenden Angaben anderer Experimentatoren 
nachdrücklichst behauptet werden. Im Ganzen kann man 
wohl den Grundsatz vertheidigen , dass bei Thieren, so lange 
mit dem Harne Morphin secernirt wird, als Intoxications- 
symptome an ihnen bemerkt werden, d. h. also, dass diese so 
lange anhalten, bis alles Gift aus dem Blute durch Harn 
(und Galle) entfernt worden ist. Hinsichtlich der kürzesten 
Zeitdauer, nach welcher bereits das Alkaloid im Harn ange- 
troffen wurde, kann Yers. IL, wo es bei einer Katze 10 Minu- 
ten nach (innerlicher) Darreichung noch nicht, Yers. VIL, wo 
es 2 Stunden nach subcutaner Application bei einer Katze 
bereits zweifellos vorhanden ist, Yers. IX., wo 4^2 Stunden 
nach (innerlicher) Darreichung beim Hunde der Harn sehr 
reich an Morphin ist, Aufschluss geben. Die Abscheidung 
des Morphins mit dem Harn ist in Yers. YI. bei einer Katze 
innerhalb 36 Stunden nicht vollendet (subcutane Application), 
in Yers. lY. ist sie bei der Katze, welche nur 0,03 Grm. 
erhalten hat, nach 52 Stunden völlig beendet, in Yers. VIII. 
hat der Hund 54 Stunden nach letzter Einführung von 
(2,007 Grm.) Morphin kein Alkaloid, bei einem späteren Yer- 
suche (2,48 Grm.) nach 84 Stunden noch ein nachweisbares 
Quantum, nach 94 Stunden nichts mehr. Im Yers. IX. gab 
die Hündin 40 Stunden nach innerlicher Anwendung kaum 
noch Spuren, später auch diese nicht mehr, im Yers. X. das- 
selbe Thier nach 50 Stunden kein Morphin. In beiden Yer- 
suchen waren 0,31 Grm. Morphinsulfat angewendet, das 
zweite Mal subcutan. Im Yers. XII. war nach Ye Grran nur 
in den ersten 12 Stunden Morphin im Harne eines Menschen 
aufzufinden. Im Yers. VIII. hat der Hund das letzte Mal 
8 Pfund Harn entleert, bis die Morphinabscheidung beendet 
ist, im Yers. IX. die weit kleinere Hündin 15^2 Unzen, im 
Yers. X. dieselbe !^172 Unzen. Ich will nicht unterlassen 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 101 

darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, dort, wo eine subcu- 
tane Anwendung von Morphin dargethan werden soll, den 
Harn in Untersuchung zu ziehen. Wenn ich früher die Be- 
weiskraft der von Bouchardat und L e f o r t für eine 
Abscheidung des Morphins durch den Harn beigebrachten 
Versuche bestritt, so werde ich das hier durch eine blosse 
Vorführung ihres Experimentirverfahrens erläutern können. 
Bouchardat prüft ohne weitere Vorbereitung des Harnes 
diesen, indem er ihn mit einer Lösung von 1 Th. Jod und 
2 Th. Jodkalium in 5 Th. Wasser versetzt. Erfolgt ein Nie- 
derschlag, so erklärt er das Morphin für constatirt. Es ist 
ganz von der Menge der zugesetzten Jodlösung abhängig, ob 
überhaupt Fällung erfolgt und wenn letzteres geschieht, so 
ist es fraglich, ob der Niederschlag vom Morphin herrührt. 
Kleine Mengen der Jodlösung, die aus reinem Wasser das 
Morphin schon fällen, bewirken im Harn keinen Niederschlag, 
weil gewisse Bestandtheile dieser Flüssigkeit Jod unwirksam 
machen. Lefort dampft unter Zusatz von etwas Essigsäure 
auf ^/iQ ab, versetzt mit Jodsäure und dann mit Ammoniak, 
bis zur Sättigung der Säure. Er will nun bei Gegenwart 
von Morphin eine leichte rosarothe Färbung wahrnehmen. 
Schon Neubauer spricht seine Verwunderung darüber aus, 
wie diese Färbung in der beim Eindampfen doch unzweifel- 
haft sehr dunkel werdenden Flüssigkeit wahrgenommen wer- 
den kann und mir ist die Sache auch namentlich Angesichts 
der von Nadler angestellten Versuche, nach denen frei 
gewordenes Jod durch gewisse Harnbestandtheile sofort wie- 
der zu ungefärbten Verbindungen umgewandelt wird, ganz 
unverständlich. Kleine Mengen von Morphin, welche ich dem 
Harn beimengte, konnte ich durch Jodsäure, selbst wenn ich 
Schwefelkohlenstofi" zu Hülfe nahm, nicht darthun. 

5. Die Leber gestattete in allen Fällen, wo Morphin 
vom Tractus intestinalis aus resorbirt war, den Nachweis die- 
ses Alkaloides, selbst in Vers. L, wo das Gift bereits aus 
Magen und Dünndarm völlig geschwunden war. Im später 
zu erwähnenden Vers. XVIII. findet es sich 25 Minuten nach 
der Darreichung. Nur der Vers, XI. macht eine Ausnahme, 



102 Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

die allerdings um so auffälliger ist, als gerade hier, bei der 
Menge des zur Disposition stehenden Materials, reichliche Aus- 
beute erwartet wurde. Die auch von anderer Seite 
aufgestellte Hypothese, dass Morphin im Körper 
eine Zersetzung erfahren könne, gewinnt hier 
einigermaas sen an Halt, da jedenfalls die Anwe- 
senheit eines alkaloidischen Stoffes, welcher 
nicht mehr die Id entitätsreaction des Morphins 
theilte, ermittelt werden konnte. Ich bin auch aus 
anderen Gründen nicht abgeneigt zuzugeben, dass wenigstens 
bei einzelnen Thierklassen eine partielle Zersetzung des 
Morphins im Körper stattfinden könne, deren Verlauf sich, 
wie ich glaube, controliren Hesse, muss mich aber entschieden 
gegen die Ansicht derer yerwahren, welche glauben, dass 
alles einem (höheren) Thiere zugeführte Morphin, oder auch 
nur der grössere Theil desselben von dieser Zersetzung ergrif- 
fen werde. Die Leber wurde relativ reicher an Alkaloid 
gefunden, wie andere blutreiche Organe, z. B. die Nieren; ich 
halte sie auch relativ reicher an Morphin, als es das Blut 
desselben Thieres ist. Bei subcutaner Anwendung von Mor- 
phin lässt sich das Gift nicht in der Leber darthun, offenbar 
weil die Pfortader dann nur Spuren zuführt. Die Galle 
lieferte im Vers. IIL entschieden Morphin. Für den Gerichts- 
chemiker verspricht ihre Untersuchung, wenn man die Mühe, 
welche durch die Reinigung des Alkalo'ides verursacht wird, 
mit in Anschlag bringt, kein günstiges Besultat. Dagegen 
sollte, ebenso wie beim Blute, wenigstens der Versuch nicht 
unterlassen werden. Morphin in der Leber aufzufinden. 

7. Das Gehirn hat uns stets negative Resultate ge- 
geben. 

8. Die auch von anderer Seite constatirte Wider- 
standsfähigkeit des Morphins gegen die in Leichen 
stattfindenden Fäulnissprocesse ist auch durch diese Arbeit 
wiederum bestätigt worden. (Cfr. Vers. V.) 

Die Abscheidung des Narkotins macht, wie das aus 
meinen früheren Versuchen und denjenigen Kubly's hervor- 
geht, keine Schwierigkeiten, wenn man sich des von mir für 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 103 

Strychnin und andere Alkaloide empfohlenen Abscheidungs- 
verfahrens bedient, d. h. wenn man in der oben beschriebe- 
nen Methode überall statt des Amyalalkohols das Benzin 
benutzt. Zur Nachweisung des Alkaloides steht besonders 
die von Husemann empfohlene Methode durch Erwärmen 
mit Schwefelsäure zu Gebot, namentlich ist aber die Isolirung 
des Narkotins in Krystallen weit leichter als beim Morphin, 
da jenes schwieriger durch Ammoniak und fremde Stoffe in 
Lösung erhalten wird. Die Fällung der Krystalle wurde 
nach Aufnahme des aus der Benzinlösung gewonnenen Bück- 
standes in verdünnter Schwefelsäure durch Ammoniak bewerk- 
stelligt. Ueber die Formen, unter denen sich das Narkotin 
abscheidet, hat bereits Erhard geschrieben. Die durch Fäl- 
lung von K. gewonnenen Krystalle glichen theilweise denen, 
welche Erhard als aus wässriger Lösung krystallisirt abbildet. 
XVII. Eine Katze erhält 0,31 Grm. Narkotin in einer 
Gallertkapsel. Sie lässt 2^2 Stunden darauf Harn (I.); 
4 Stunden und etwa 20 Stunden darauf erfolgt neue Harn- 
entleerung (IL und III.). Etwa 44 Stunden nach der Dar- 
reichung ist das Thier verendet. Erstere Harnmenge liefert 
kein Narkotin in Krystallen, die beiden folgenden, namentlich 
die letzte, geben Krystalle, ebenso der Mageninhalt, welche mit 
KaHumwismuthjodid, Kaliumquecksilberjodid , Jodlösung, Gerb- 
säure, Phosphorantimonsäure, Platinchlorid die Beactionen eines 
Alkaloides darbieten. Wenn K, die Husemanns'sche Beaction 
mit diesen Objecten nicht gelingen wollte, so fand das später 
darin seine Erklärung, dass statt reiner Schwefelsäure durch 
ein Versehen das Erdmann 'sehe Säuregemisch zur Anwen- 
dung kam, welches auch mit reinem Narkotin beim Erwär- 
men nicht die charakteristischen blauen Streifen liefert. Aus 
ähnlichem Grunde sind die mit der Leber, Galle, dem Gehirn 
und dem oberen Theile des Dünndarmes angestellten Ver- 
suche unbrauchbar. Dagegen konnte der Fehler bei Prüfung 
der schönen Krj^stalle, welche aus dem unteren Theile des 
Dünndarmes , aus den Fäcalmassen des Dickdarmes und dem 
bei der Section in der Blase vorgefundenen Harn gewonnen 
waren, eliminirt werden. Mit reiner Schwefelsäure trat 



104: XJntersucliimgen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

hier die verlangte Färbung beim Erwärmen mit Evidenz 
hervor. 

Bei einer Vergiftung" mit Opiumpulver*) w^urden die 
für Morphin und für Narkotin gegebenen Methoden mit ein- 
ander combinirt. Es wurde der gehörig vorbereitete saure 
wässerige Auszug durch Schütteln mit Benzin gereinigt, dann 
alkalisch gemacht und ihm durch mehrmaliges Ausschütteln 
mit Benzin das ISTarkotin entzogen. !N^ach Abnahme der letz- 
ten Benzinportion wurde die wässrige Flüssigkeit wieder 
sauer gemacht und nun durch Amylalkohol die darin löslichen 
fremden Stoffe aufgenommen (auch Mekonsäure wäre in die- 
sem Auszuge zu erwarten gewesen, doch wurde das betref- 
fende Object durch einen Unfall für uns unbrauchbar). Nach 
Uebersättigung der wässrigen Flüssigkeit mit Ammoniak lie- 
ferte Ausschütteln mit Amylalkohol das Morphin. 

XVITL Einer Katze werden 2 Grm. Opiumpulver, mit 
Wasser angerührt, beigebracht, darauf eine Ligatur des Oeso- 
phagus angelegt. Das Thier wird schon nach 25 Minuten 
todt gefunden. Der Magen (mit Oesophagus) liefert reich- 
lich ]*^arkotin und Morphin in den ihnen zukommenden Kry- 
stallformen, die Krystalle geben die zu sicherer Erkennung 
nöthigen Beactionen. Der durch Ammoniak erzeugte Narko- 
tinniederschlag wiegt 0,0532 Grrm. Da in demselben auch Kodein, 
Thebain und Papaverin anwesend sein musste, so wird er 
mit verdünnter Essigsäure (15 Tropfen auf 10 CG. Wasser) 
ausgezogen. Leider ging aber selbst bei dieser Verdünnung 
ein Theil des ISTarkotins in Lösung, so dass nach Abdampfen 
der essigsauren Lösung der Bückstand nur die Beactionen 
dieses Alkaloides nicht aber die der drei übrigen Opiumalka- 
loide gab. Allerdings konnte die ganze Menge des angewen- 
deten Opiumpulvers von den drei Stoffen in Summe nur 
0,016 Grm., d. h. etwas über ^^ Gran, enthalten. Der durch 
Ammoniak gefällte Morphinniederschlag wog 0,0215 Gramm, 
doch hielt die Flüssigkeit noch bedeutende Mengen dieses 



*) Ich hatte in demselben 8,227„ Morphin, l,67o Narkotin, 1,1% Nar- 
cein und in Summa 0,87o Kodein -{- Papaverin -j- Thebain gefunden. 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 105 

Akaloides in Lösung. Die Untersuchungen, die mit dem 
oberen und dem unteren Theile des Dünndarmes vorgenom- 
men wurden, lieferten in Betreff des Morphins dasselbe Resultat, 
bei der ersteren wurde auch Narkotin in Krystallen gewon- 
nen, bei letzterer auf dieses Alkalo'id keine Rücksicht genom- 
men. Die Prüfung des Dickdarmes gab nur ein höchst zwei- 
felhaftes Resultat. Dagegen lieferten Blut und Leber sowohl 
das Narkotin als das Morphin krystallinisch. Die Galle (nur 
etwa 4 Grm.) bot kein Narkotin, aber durch Froh de' s 
Reaction deutlich nachweisbares Morphin dar. Die Nieren 
und das Gehirn enthielten keines der beiden Alkaloide in nach- 
weisbarer Menge. Leider hatte dies Thier keinen Harn 
geliefert. 



Nachschrift. 

Nachdem bereits die Dissertation des Herrn Kauz- 
mann dem Drucke übergeben war, kam mir das October- 
und Novemberheft 1867 des Archivs für Pharmacie zu 
Gesicht und in diesem eine schon früher erwähnte Ar- 
beit des Herrn Schachtrupp, welche „über die An- 
wendung des Amylalkohols zur Darstellung und quanti- 
tativen Bestimmung des Morphins, zur Darstellung des 
Strychnins, sowie auch zum Nachweise der Alkaloide bei 
gerichtlich - chemischen Analysen " handelt. Ich muss bedauern, 
dass das so späte Eintreffen dieses Aufsatzes es Herrn 
Kauzmann unmöglich machte, denselben in seiner Disser- 
tation zu besprechen, und dass mir selbst jetzt die Aufgabe 
zulallt, auf einige Abschnitte desselben kurz einzugehen. 
Herr Schachtrupp bespricht einige zur quantitativen Be- 
stimmung des Morphins gebräuchliche Methoden. Ich will 
es den Verfassern dieser einzelnen Methoden überlassen, sich 
für dessen Kritik zu bedanken. Sodann stellt Herr Schach- 
trupp selbst eine Methode auf, welche auf die Unlöslichkeit 
des Morphins in Benzin, welches Narkotin aufnimmt und die 
Löslichkeit des ersteren in Amylalkohol, basirt ist. Kubly 



106 Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

hat bereits ein Jahr zuvor denselben Unterschied im Löslich- 
keitsverhalten des Morphins gegen diese beiden Flüssigkeiten 
zur Bestimmung des Alkaloides z. B. in Opiumtinctur benutzt. 
Auch für die Darstellung des Strychnins giebt Herr Seh. eine 
Methode und ebenso spricht er sich über den Nachweis letz- 
teren Alkaloides bei Vergiftungen aus. Es wird mir da 
(pag. 40) bei Besprechung der Stas' sehen Methode die 
Aeusserung in den Mund gelegt, dass saures weinsaures und 
oxalsaures Brucin in Alkohol schwer löslich sind. Diese 
Aeusserung ist einem nicht von mir besorgten Referate aus 
einer meiner Arbeiten entnommen ; ich habe im Original nur 
die Schwerlöslichkeit des sauren Brucin Oxalat es behauptet, 
in welcher Angabe ich auf viel ältere Mittheilungen Witt- 
stein's fusse. Herr Seh. kommt dann auf meine Erfahrun- 
gen über die Erdmann-IJslar'sche Methode zu sprechen, 
die mit den von ihm gesammelten „ nicht völlig übereinstim- 
men," Merkwürdig, dass, während Herr Seh. bei den übrigen 
aus der Literatur geschöpften Angaben stets sehr genau die 
Zahl des Bandes und die betreffende Seitenzahl seiner Quelle 
angiebt, bei den verschiedenen Citaten aus der „Pharm. Zeit- 
schrift f. Bussland" nur letzterer Titel, nie die Zahl des Ban- 
des oder Jahrgangs und die Seitenzahl genannt werden. 
Man kommt fast zu der Yermuthung, dass Herr Seh. meine 
der Ermittlung von Alkaloiden gewidmeten Arbeiten nicht 
im Original gelesen hat. Für diejenige Arbeit, welche 
sich mit der Abscheidung des Strychnins beschäftigt, ist 
mir das ziemlich zweifellos, denn der betreffende Aufsatz 
der Pharm. Zeitschrift, den Herr Schachtrupp im Auge 
hat, ist selbst schon jenes oben citirte Beferat. Ich muss 
bemerken, dass von mir in meiner Originalarbeit und 
überhaupt auch anderorts niemals geleugnet ist, dass die 
Erdmann-Uslar' sehe Methode für den Nachweis des 
Strychnins, so wie es gewöhnlich .vorkommt, sehr brauchbar 
sei. Wenn ich in dieser und in späteren Mittheilungen*) 
einzelne Modificationen jener Methode in Vorschlag gebracht 



*) Pharm. Zeitschr. f. Russland. Bd. 5. S. 85. 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 107 

habe, so geschah es zunächst in der Ueberzeugung , dass sie 
die Nachweisung des Giftes erleichtern, oder bequemer und 
für gewisse Fälle auch sicherer machen. Meine Vorschläge 
sind kurz folgende: 

1) Das Verdunsten des mit Ammoniak übersättigten 
wässrigen Auszuges aus dem Objecte zu unterlassen, statt 
seiner aber den zur Syrupconsistenz eingedampften sauren 
wässrigen Auszug mit dem 4 — öfachen Volum Alkohol zu 
fallen. 

2) Anstatt des Amylalkohols zum Ausschütteln des wie- 
der vom Alkohol befreiten und mit Ammoniak übersättigten 
wässrigen Auszuges Benzin anzuwenden , auch vorher schon 
den sauren wässrigen Auszug mit Benzin auszuschütteln, um 
Verunreinigungen fortzuführen, und so meistens ein erneuertes 
üeberführen des Alkaloides aus Benzin in saures Wasser 
und aus dem mit Ammoniak übersättigten wässrigen Auszuge 
in neues Benzin zu umgehen. 

Die Motive für diese meine Vorschläge sind folgende: 
ad 1. Ich hatte die Absicht, dort w^o man nicht sicher ist, 
ob Strychnin oder ein anderes Alkaloid zugegen sei, auch 
die Grewinnung anderer alkaloidischer Stoffe zu ermöglichen 
und ich fürchtete einen Theil der sogenannten flüchtigen Pflan- 
zenbasen Coniin, Nicotin etc. durch Verdunstung des alkalisch 
geraachten Auszuges zu verlieren. Nun hat zwar E-eichardt 
für Coniin dargethan, dass selbst kleine Mengen desselben 
diese Procedur so weit ertragen, dass ein späterer qualitativer 
Nachweis möglich bleibt. Aber es ist nicht quantitativ ermit- 
telt worden, ob hier nicht ein anderer Theil des Alkaloides 
mit den Wasserdämpfen entweiche. Der hohe Siedepunkt 
des Coniins reicht jedenfalls nicht hin , meinen Einwurf zu 
entkräften. — Jeder, welcher meinen Arbeiten gefolgt ist, 
wird mein Bestreben erkannt haben, Wege zu ersinnen, auf 
denen ein in Organen des Thierkörpers etc. vorkommendes 
Gift möglichst rein und möglichst vollständig gewonnen wer- 
den kann. — Würde ich die erste der angezogenen Arbeiten 
noch einmal zu schreiben haben, so würde ich ferner zur 
Motivirung der vorliegenden Propositionen den schon früher 



108 Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

erwähnten Umstand in den Vordergrund stellen, dass, wo in 
Blut und ähnlichen Substanzen kleinste Mengen eines Alka- 
lo'ides dargethan werden sollen, der feste Verdunstungsrück- 
stand diese so innig umschliessen kann, dass Amylalkohol 
und ähnliche Flüssigkeiten sie nicht ausziehen und dass 
andere Alkaloide, die so lange sie feucht und amorph sind 
und in diesem Zustande aus wässriger Lösung in Amylalko- 
hol, Benzin etc. übertreten können, von letzteren schwerer 
oder nicht gelöst werden, wenn sie beim Verdunsten mit dem 
Wasserauszuge fest und krystallinisch geworden sind. — 
ad 2. Was den Ersatz des Amylalkohols durch Benzin anbe- 
trifft, so habe ich hervorgehoben, dass Benzin die Bequem- 
lichkeit eines niederen Siedepunktes darbietet, was auch 
zunächst für Coniin und ähnliche Stoffe Bedeutung hat. Ich 
bleibe auch hier vorläufig bei meinem schon im vorigen Ab- 
sätze angegebenen Einwänden und mache darauf aufmerk- 
sam, dass auch Eeichardt bei seiner Aufsuchung von Coniin 
es vorgezogen hat, die letzte Isolirung des Alkalo'ides durch 
Verdunstung seiner Aetherlösung vorzunehmen, dass ferner 
Koppe*) den directen Beweis geliefert hat, wie beim Destil- 
liren einer Lösung von Atropin in Amylalkohol ein Theil des 
Alkalo'ides mit überdestillirt, ein anderer Theil desselben, was 
auch Herr Seh. (p, 38) beobachtet hat, sich zersetzt. Wenn 
Herr Seh. glaubt, dass niemals in einem gerichtlichen Falle 
geringere Mengen eines Alkaloides als das einem Tropfen 
Coniin entsprechende Quantum „in Betracht kommen,'' so 
muss ich bedauern, darüber abweichender Ansicht zu sein. 
Mit solchen Grundsätzen wird Herr Seh. darauf verzichten 
müssen, für die meisten Alkaloide einen geschehenen Ueber- 
gang in's Blut, in die Leber und andere Organe darzuthun. 
Augenblicklich legt die forensische Medicin, so viel ich weiss, 
auf diesen Gegenstand noch ziemlich grosses Gewicht. — ■ 
Dass Amylalkohol, und namentlich nicht ganz reiner, wie ich 
ihn nicht selten habe anwenden sehen, bei langsamem 
Verdunsten harzige Zersetzungsproducte liefern kann, muss 



*) Pharm. Zeitschr. f. Eussland. Bd. 5. S. 92, 



Untersuchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 109 

ich auch jetzt noch, allerdings als ein nebensächliches Moment, 
aufrecht erhalten. Ebenso bleibe ich dabei, dass für meine 
Respirationsorgane und, so viel ich weiss, nicht allein für die 
meinigen das Einathmen von Amylalkoholdämpfen unbequem 
ist. Es muss natürlich in solchen Dingen jeder nach seiner 
eigenen Erfahrung urtheilen. Ob nun in all' diesen Fragen 
Herrn Seh. oder mir dieselbe in reicherem Maasse zu Gebote 
steht, darüber fühle ich mich zu keinen Untersuchungen ver- 
anlasst. Ich sage dies auch in Bezug auf die Meinung des 
Herrn Seh., der von mir ertheilte Rath, man möge das Ver- 
dunsten der Amylalkohollösung der Alkaloide in möglichst 
reiner Atmosphäre vornehmen, sei überflüssig. Herr Seh. 
führt Erfahrungen aus dem akademischen Laboratorium in 
Göttingen vor; mir stehen Erfahrungen zu Gebote, die in 
meinem Laboratorium gesammelt sind. Wichtiger als diese 
Kleinigkeiten ist schon der Einwand des Herrn Seh., dass 
bei hierher gehörigen Untersuchungen man beim Schütteln 
mit Benzin „in vielen Fällen ein so schleimiges zähes Magma" 
erhalte, „dass man rathlos hinsichtlich der weiteren Verar- 
beitung dastehe." Er sagt, dass mir dies selbst aufgefallen 
sei und dass ich für diesen Fall Zuhülfenahme einer Tempe- 
ratur von 50 — 60^ und Klärung durch einige Tropfen Alko- 
hol vorgeschlagen habe. Herr Seh. hat ganz Recht, nur 
theilt er seinen Lesern nicht mit, dass ich, gerade um einer 
solchen Unbequemlichkeit vorzubeugen, die schon oben in 
1 bezeichnete Alkoholbehandlung unternehme. 
Wird diese unterlassen, so wird der von Herrn Seh. bezeich- 
nete Uebelstand ebensowohl beobachtet, wenn man Amylalko- 
hol als wenn man Benzin oder Chloroform nimmt. Ich w^enig- 
stens kann hier einen Vorzug dem Amylalkohol nicht zuspre- 
chen. Einen zweiten Uebelstand erkennt Herr Seh. darin, 
„dass das Benzin sich schwer vom Wasser trennen lässt;*' 
er will damit sagen, dass es schwer ist, im Benzin suspendir- 
tes Wasser aus ersterem fortzuschaffen. Die Reinigung mit 
Alkohol lässt in den meisten Fällen der ganzen Unbequem- 
lichkeit, dass das Wasser im Benzin suspendirt bleibt, vor- 
beugen. Bleiben aber einmal kleine Mengen von Wasser, 



110 Unteifsüchungen aus dem pharmaceutischen Institute in Dorpat. 

SO rathe ich heute wie früher (1. c. p. 90) durch ein „nicht 
genässtes" Filter zu filtriren. Herr Seh. legt mir den 
Ausdruck „angenässtes Filter '* in den Mund und zwar 
nicht allein in der Mittheilung im Arch. f. Pharm., sondern 
auch in seiner gleichlautenden Dissertation. Ich gebe zu, wie 
ich a priori den Verdiensten der Erdmann-TJslar' sehen 
Methode volle Gerechtigkeit gezollt habe, dass, wenn ein 
wässriger Auszug zur Trockne gebracht und dann mit Amyl- 
alkohol oder Benzin extrahirt wird , die schleimigen Stoffe 
für die spätere Abtrennung dieser Flüssigkeiten in befriedi- 
gender Weise ausgeschlossen werden. Aber ich weiss auch, 
dass die von mir und meinen Schülern ausgeführten Unter- 
suchungen an Thieren Alkaloide in Organen und Körperthei- 
len darthun Hessen, in denen sie häufiger bisher, auch nach 
der Erdmann-Uslar'schen Vorschrift nicht oder nicht 
sicher nachgewiesen werden konnten. Wenn diesen Arbeiten, 
gerade weil sie Beiträge über wichtige Fragen der Resorption 
geliefert haben, die Anerkennung Sachverständiger nicht spär- 
lich zugeflossen ist, so werde ich keine Ursache haben, die in 
ihnen gebrauchten Methoden aufzugeben. Herr Seh. giebt 
ferner zu, dass „eine Methode, welche gleichzeitig den Nach- 
weiss aller hierher gehörenden Alkaloide gestattet" für die 
gerichtliche Chemie von doppelt grossem Werth sei. Ich 
habe inzwischen in einer Abhandlung,*) die Herr Seh. bei 
Abfassung seiner Dissertation nicht kennen konnte, den Be- 
weis geliefert, dass dieses Ideal von keiner bekannten Methode 
erfüllt wird, dass namentlich auch die unveränderte Methode 
Erdmann-Uslar's eine Beihe von Pflanzenbasen ganz 
oder theilweise der Nachweisung entziehen muss. Ich habe 
dem nichts weiter hinzuzufügen, als dass man versuchen muss 
aus diesem Uebelstande Vortheil zu ziehen. Man kann sich 
aus demselben Objecte mit verschiedenen Lösungsmitteln 
(Benzin, Amylalkohol, Chloroform), durch Ausschütteln der 
Auszüge, theils so lange sie sauer, theils nachdem sie alka- 
lisch gemacht sind, Lösungen bereiten, die nur eine bestimmte 



*) Pharm. Zeitschr. f. Russland. Bd. 6. S. 663. 



Medicinal - Verfügungen des nordamerikanischen Gouvernements. 111 

Zahl der bekannten Alkalo'ide enthalten. Es gelingt so Tren- 
nung verschiedener Pflanzenbasen zu ermöglichen (z. B. Nar- 
kotin von Morphin, Atropin von Morphin, Strychnin von Mor- 
phin, CafFein vom Strychnin), die wohl einmal gemeinschaftlich 
in einem Untersuchungsobjecte auftreten können und die auf 
anderem Wege schwieriger zu scheiden sind. Auch dazu 
giebt mein letztbezeichneter Aufsatz Anleitung. 



Zwei Medicinal -Verfügungen des nordamerikanischen 

GrouYernements. 

Trotz der anscheinenden Lässigkeit der Nordamerika- 
ner hinsichtlich ihres Medicinal - Wesens , bringe ich zwei 
beachtenswerthe Verfügungen zur Kenntniss, die wenigstens in 
Louisiana und Neu -Orleans, und so viel ich weiss, auch 
in den anderen Staaten geltend waren. 

Die erstere bestimmt, dass alle dispensirten oder ver- 
kauften Artikel, selbst im kleinen Handverkauf, mit ihrem 
Namen bezeichnet sein müssen. 

Desshalb hat man für die gangbarsten Artikel, z. B. 
Leinsamen, Bittersalz, Laudanum etc. gedruckte Signaturen, 
Labels, die mit Kleister, Gummi oder Tragantschleim auf 
das Packet geklebt werden. 

Auch werden die Signaturen zu Mixturen stets an die 
Flasche geklebt, nicht angebunden, und um nun noch 'einige 
Eigenheiten der nordamerikanischen pharmaceutischen Praxis 
zu erwähnen, so hat man dort für die nach Becepten dispen- 
sirten Pulver keine Kapseln vorräthig, sondern nur zuge- 
schnittene Papiere. Diese werden auf den Tisch gelegt, die 
dispensirten Pulver darauf geschüttet, und nun mit den Inhalt 
zusammengefaltet. Es wird das Aufblasen dabei vermieden. 

Auf ein gutes Packet giebt der amerikanische Droguist 
viel, aber auch hier giebt es Eigenheiten, die der Fremde 
erst spät zur Fertigkeit bringt. Auch für diese Packete wer- 
den selten geklebte Beutel vorräthig gehalten. Die Sub- 



112 Die Taxbereciinüng der drei iTnguenta der Preiiss. Pharmacopöe etc. 

stanzen werden auf ein zugeschnittenes Blatt, oder einen 
Bogen geschüttet und dieser darüber zusammengefaltet, das 
Packet auf das eine Ende gestülpt, das andere zusammen- 
gepackt , worauf auch das erstere zusammengepackt wird. 
Wenn man nicht viel Papier verschwenden will, so hat dies, 
namentlich im Anfang und bei leicht verschieblichen Sub- 
stanzen z. B. Hanf- und Leinsamen, grosse Schwierigkeiten. 
Desshalb kann ein neuer Ankömmling, der sich bei einem 
Amerikaner engagiren will, wohl gefragt werden. Ob er ein 
Packet machen könne, ob er Prescriptions (Prehschkripschens) 
machen und Soda - Wasser - Syrupe bereiten könne. Viel mehr 
wird für's Erste nicht verlangt. 

Die andere Bestimmung verfügt, dass kein Todter begra- 
ben werden darf ohne einen ärztlichen Todtenschein , welcher 
die Todesart angiebt. 

JC. Hoffmann, Apotheker in Bukowitz. 



Die Taxberechnung der drei üngueiita nonnisi ad 
dispensationem paranda der Preuss. Pliarmacopöe. 

Unguentum Hydrargyri amidato - bichlorati. 



5,0 


Hydr. am. bichl. 
Adip. suill. 
Mischen 




0,5 
4,5 


1 


3 
5 
6 




S. 


5,0 


2 


2 


10,0 


Hydr. am. bichl. 
Adip. suill. 
Mischen 




1,0 
9,0 


1 


3 
9 
6 




S. 


10,0 


2 


6 


15,0 


Hydr. am. bichl. 
Adip. suill. 
Mischen 




1,5 
13,5 


1 
1 


5 
2 
6 




s. 


15,0 


o, 
♦^ 


1 



Die Taxbereclmung der drei Uuguenta der Preuss. Pharmakopoe etc. 113 



20,0 


Hydr. am. bichl. 
Adip. suill. 
Mischen 


2,0 
18,0 


1 

1 


6 
6 

6 




S. 


20,0 


3 


6 


25,0 


Hydr. am. bichl. 
Adip. suill. 
Mischen 


2,5 
22,5 


1 
1 


8 

11 

6 




S. 


25,0 


4 


1 


30,0 


Hydr. am. bichl. 
Adip. suill. 
Mischen 


3,0 
27,0 


2 

1 


9 
6 



s. 



30,0 



Unguentum Hydrargyri oxydati rubri. 



5,0 


Hydr. oxyd. 
Adip. suill. 
Mischen 


rubri 




0,1 
4,9 


1 - 


3 
5 
6 




S. 


5^ 


2 


2 


10,0 


Hydr. oxyd. 
Adip. suill. 
Mischen 


rubri 




0,2 
9,8 


1 


3 

10 

6 




»• 


10,0 


2 


7 


15,0 


Hydr. oxyd. 
Adip. suill. 
Mischen 


rubri 




0,3 
14,7 


1 
1 


3 
3 

6 




s. 


15,0 


3 




20,0 


Hydr. oxyd. 
Adip. suill. 
Mischen 


rubri 




0,4 
19,6 


1 
1 


3 
8 
6 




s. 


20,0 


3 


5 


25,0 


Hydr. oxyd. 
Adip. suill. 
Mischen 


rubri 




0,5 
24,5 


2 
1 


3 
6 




s. 


j 25,0 


3 


9 



Arch. d. Pharm. GLXXXVm Bds. 1. u. 2. Hft. 



114 Die Taxberechnung der drei Unguenta der Preuss. Pharmakopoe etc. 



30,0 



Hydr. oxyd. rubri 
Adip. suill. 
Mischen 




ünguentum Kalii jodati. 



5,0 


Kai. jod. 


0,5 


— 


5 




Aq. dest. 


0,33 




3 




Adip. suill. 


4,16 




5 




3. Wägung 






3 




Mischen 




1 


6 




s. 


5,0 


2 


10 


10,0 


Kai. jod. 


1,0 




9 




Aq. dest. 


0,66 


— 


3 




Adip. suill. 


8,33 




9 




3. Wägung 






3 




Mischen 






6 




S. 


10,0 




6 


15,0 


Kai. jod. 


1,5 




2 




Aq. dest. 


1,0 


— 


3 




Adip. suill. 


12,5 




1 




3. Wägung 




— 


3 




Mischen 






6 




S. 


15,0 


4 


3 


20,0 , 


Kai. jod. 


2,0 




6 




Aq. dest. 


1,33 


— 


3 




Adip. suill. 


16,66 




5 




3. Wägung 






3 




Mischen 






6 




S. 


20,0 


4 


11 


30,0 


Kai. jod. 


2,5 




11 




Aq. dest. 


1,66 




3 




Adip. suill. 


20,83 




9 




3. Wägung 






3 




Mischen 






6 




S. 


25,0 


5 


8 



Die Taxberechnung der drei Ünguenta der Preuss. Pharmakopoe etc. 115 



30,0 


Kai. jod. 


3,0 


2 


3 




Aq. dest. 


2,0 


— 


3 




Adip. suill. 


25,0 


2 


— 




3. Wägung 






3 




Mischen 




1 


6 




s. 


30,0 


6 


3 



Die Taxation solcher gemischten Salben, welchen die drei 
obigen incorporirt werden , wird aus den nachfolgenden Bei- 
spielen klar werden: 



]^. Ungt. Hydr. am. bichlor. 

„ „ oxyd^ubr. 

aa 5,0 

M. f. ungt. D. in oll. alb. 


Ungt. H. am. bichl. 

„ „ oxyd. rubr. 
Mischen 
011a alba 


5,0 
5,0 


2 

2 
1 

1 


2 
2 

4 




Preis- Abrundung 






^"4 




Summa 




7 




B^. Ungt. Hydr. rubr. 5,0 
Zinc. oxydat. alb. 0,5 
Tinct. Opii crocat. 0,25 
M. f. ungt. D, in oll. alb. 


Ungt. Hydr. rubr. 
Zinc. oxydat. alb. 
Tinct. Opii crocat. 
3. Wägung 
Mischen 
011a alba 


5,0 
0,5 
0,25 


2 

1 
1 


2 
3 
3 
3 
6 
4 




Preis - Abrundung 






3 




Summa 




6 




1^. Ungt. Kai. jodat. 5,0 
Jodi 0,3 
M. f. ungt. D. in oll. alb. 


Ungt. Kai. jodat. 

Jodi 

Mischen 

011a alba 


5,0 
0,3 


2 

1 
1 


10 
3 
6 
4 




Preis - Abrundung 






1 




Summa 




6 





L. Hoffmann, Apoth. in Bukowitz. 



8* 



116 



II. ISTaturgescliichte -and Phar- 
macognosie. 



Uelber Lerp, über Strychiios potatorum und 
Vorkommen des Coffeins. 

Von Dr. Flückiger in Bern. 

(Sitzungsberichte der naturforschenden Gesellschaft zu Bern, 
576. Sitzung vom 9. Januar 1869.). 

Vorsitzender: der Präsident Herr Dr. Flückiger, 
Staatsapotheker. — Secretär Dr. E.. Henzi. — 26 anwesende 
Mitglieder. 

Zum Präsidenten für das Jahr 1869 wurde erwählt Herr 
Prof. V. Fellenberg-E-ivier. 

Dr. Flückiger erinnert an seinen Vortrag vom 16. No- 
vember 1867, worin er der Gesellschaft eine besondere Form 
des Amylum Lerp genannt, vorgeführt hatte. Von der 
Psylla Eucalypti, welche nach der Angabe australischer Na- 
turforscher das Lerp erzeugt, hatte sich in der von Dr. 
Flückiger untersuchten Probe keine Spur vorgefunden. 
Durch weitere Nachforschung glückte es demselben, die 
Abschrift einer bezüglichen Abhandlung von Thomas Dob- 
son, in Hobart Town, aus den „Papers and Proceedings of 
the royal Society of van Diemens Land, I (1851), p. 235," 
zu erlangen. Diese Arbeit giebt über die Thätigkeit und das 
Aussehen jenes Tnsectes ganz befriedigenden Aufschluss, so 
dass Dr. Flückiger sich veranlasst sah, eine Uebersetzung 
derselben, nebst Abbildung der Psylla, in Wittstein's „Vier- 
teljahrschrift für praktische Pharmacie, 1869" erscheinen zu 
lassen, um seinen dort (XVII, 161) niedergelegten Aufsatz 
über das Lerp zu vervollständigen. 

Ferner legt Herr Dr. Flückiger der Versammlung die 
Samen von Stry chnos potatorum L. vor, welche in 



üeber Lerp, über Strychnos potatorum und Vorkommen des Coffeins. 117 

Ostindien zur KKirung schlammigen oder wohl richtiger mode- 
rigen (muddy) Wassers dienen. Sie sind gleich gebaut, wie 
die bekannten Krähenaugen (Nuces vomicae), jedoch kleiner, 
mehr gewölbt oder gar kugelig und mehr bräunlich. Wäh- 
rend die Krähenaugen oder Brechnüsse gegen 1 p. C. des 
furchtbar giftigen Strychnins enthalten und daher äusserst 
bitter schmecken , bieten die Samen von Strychnos potatorum 
nur einen faden schleimigen Geschmack dar. Man reibt die 
Trink- oder Kochgefässe mit dem zerkleinerten und befeuch- 
teten Samen aus, worauf das unreine Wasser, auf welches 
Reisende in Indien oft angewiesen sind, alsbald geniessbar 
wird. Nach mehrfachen Zeugnissen vorurtheilsfreier Bericht- 
erstatter sind die Dienste, welche diese Samen, z. B. den 
englischen Trappen erweisen, ganz belangreich. — Pereira 
hat die Wirkung jener Samen, wie es nahe liegt, durch 
einen Gehalt von Eiweiss erklärt. Dr. Flückiger findet 
aber, dass ihr wässeriger Auszug keineswegs Eiweiss enthält, 
und zeigt, dass in dem Samen überhaupt nur ungefähr 6 p. C. 
Protein - Stoffe vorkommen , indem Herr Stud. T rechsei, 
unter seiner Leitung, daraus nur 0,896 bis 1,073 p. C. Stick- 
stoff erhielt. Ein verhältnissmässig so unbedeutender Gehalt 
an Eiweisstoffen , und dazu noch in nicht löslicher Form, 
erscheint offenbar unzureichend zur Erklärung der reinigenden 
Wirkung der Samen. Anderseits traf Dr. Flückiger in 
denselben als Hauptbestandtheil nur eine sehr reichliche Menge 
von Gummi an. Ein Theil desselben wird durch kaltes Was- 
ser sofort w^eggeführt, die Hauptmenge aber erst durch die 
Einwirkung heissen Wassers auf das Zellgewebe geliefert. 
In der schleimigen, stark gequollenen Masse erkennt man 
schliesslich durch das Mikroskop nur noch geringe Trümmer 
der sehr verdickten und geschichteten Zellwände. — Es ist 
nun freilich gar nicht einzusehen, wie eine Gummilösung zur 
Klärung von unreinem Wasser beitragen kann, da ja eine 
solche sich im Gegentheil gerade dazu eignet, Unreinigkeiten 
am Niedersinken zu verhindern. — Den Schlüssel zur Erklä- 
rung der in Rede stehenden Erscheinung glaubt Dr. Flücki- 
ger, nach mancherlei Versuchen, in der Wahrnehmung gefun- 



118 Ueber Lerp, über Strychnos potatorum und Vorkommen des Coffeins. 

den zu haben, dass schon ein kalter wässeriger Auszug der 
Samen von Strychnos potatorum in geringster Menge mit Gerb- 
stoff einen reichlichen weissen ^Niederschlag erzeugt. Yer- 
muthlich handelt es sich in den meisten Fällen in Indien um 
Wasser, welches durch gerbstoff haltige Pflanzentheile verun- 
reinigt ist. Dann begreift man leicht, wie der erwähnte Nie- 
derschlag eine Menge der im Wasser suspendirten fremden 
Einmengungen mitreissen und in der That das Wasser zu 
klären und geniessbar zu machen vermag. — Dr. E lückig er 
bemerkte in der concentrirten Abkochung der Samen einen 
schwachen, aber deutlich bittern Geschmack, konnte jedoch 
keine Spur von Strychnin auffinden. Strychnos potatorum 
giebt daher in diesem Sinne nicht eben einen Beleg ab zu 
dem Satze von der chemischen Gleichartigkeit verwandter 
Pflanzen. Es ist aber auch nicht zutreffend , . die chemische 
Vergleichung hier auf nur einen quantitativ so untergeordne- 
ten Stoff wie Strychnin beschränken zu wollen. 

Herr Professor Schwarzenbach vermuthet, dass die 
von Dr. Elückiger aufgefundene Keaction des Auszuges 
von Strychnos potatorum vielmehr auf einem leimartigen Kör- 
per beruhe. *) 

Dr. Elückiger bespricht ferner die instinctive Yerwer- 
thung des Coffeins im Haushalte der Völker der drei grossen 
Continente, nämlich des Thees und Kaffees in Asien, der 
Kola- oder Guru-lS^uss in Afrika, und des sogenannten Para- 
guay -Thees in Südamerika. — Die Veranlassung zu die- 
sen Notizen hatte nämlich eine schöne Probe des letztern 
gegeben, welche Dr. Elückiger von dem in Bern eben 
anwesenden vormaligen schweizerischen Consul in Uruguay, 
Herrn R. Kissling, empfangen hatte. Auch das primitive 
Trinkgefäss, Mate, dessen man sich in jenem Lande zur Her- 
stellung des Getränkes bedient, sowie die eigen thümliche 



*) Ein nachträglich von Dr, Flückiger angestellter Versuch 
bestätigte diese Vermuthung nicht; der ausgewaschene Gerbstoff -Nieder- 
schlag entwickelt beim Kochen mit Aetzlauge kein Ammoniak. Getrock- 
net und mit Natrium geschmolzen, liefert er kein Cyan; ist demnach frei 
von Stickstoff. 



Nochmals Dr. Killisch's Heilmittel gegen Epilepsie. 119 

Röhre, Bombilla,- mittelst welcher der Thee geschlürft wird, 
verdankt Dr. Flückiger Herrn Kissling, und zeigte sie 
der Gesellschaft vor. 

Mit wenigen Worten deutet Dr. Flückiger die der 
Hauptsache nach wohl bekannte chemische Zusammensetzung 
des Paraguay - oder Mate - Thees an , und hebt an der Hand 
einiger statistischer Daten dessen bedeutende Rolle im Ver- 
kehr Südamerikas hervor. 



lU. Gelieiinmittel. 



Nochmals Dr. Killisch's Heilmittel gegen Epilepsie; 

von W. KlotZj Apotheker in Gebesee. 

Von einem hiesigen Arzte wurde mir eine mit violettem 
Lacke verschlossene Flasche mit blauer Flüssigkeit zur Unter- 
suchung der letzteren übergeben^ die er bei einem hiesigen wohl- 
habenden Bürger gefunden, der an Epilepsie leidet und sich 
in Folge einer in einem Journale gelesenen Ankündigung an 
Dr. Kill i seh, Specialarzt für Epilepsie, Berlin, Jägerstrasse 
Nr. 75, 76 gewendet hatte. Von diesem erhielt Patient vor 
fast ^/g Jahre eine Kiste mit 12 Flaschen solcher blauen Mix- 
tur, für welche er 12 Thlr. zu zahlen hatte, dazu noch 
2 Friedrichsd'or an Honorar für die Behandlung, mit dem 
Bathe, nach Verbrauch dieser Arznei, den Grebrauch derselben 
bis nach Ablauf eines halben Jahres fortzusetzen. Patient 
hatte so bereits die Summe von über hundert Thalern 
an Dr. Kil lisch für die empfangene Arznei gezahlt, ohne 
von seinem Leiden befreit worden zu sein. Das Resultat mei- 
ner Untersuchung war das von Apotheker Kostka schon 
mitgetheilte. Eine Flasche enthielt 180 G-ramme Flüssigkeit, 
deren blaue Farbe durch Salpetersäure hellbräunlich wurde, 
und durch Chlor völlig verschwand (also Indigo). 30 Gramme 
der Flüssigkeit Hessen nach dem Verdampfen 0,83 Gramme 
Salzrückstand, der Hauptsache nach aus Brom kalium beste- 
hend. Jede Flasche enthielt hiernach gegen 5 G-ramme KBr, 
wofür sich Dr. Killisch 1 Thlr. zahlen Hess. 



120 



B. Monatsbericht. 

I. Pliysik land anorganisclie Cliemie. 



€eber den Einfluss des Lichtes auf die Vegetation und 

über eine Bezieliung dieser Function zu derjenigen 

der Wärme. Statut des Liclites in den Lebens- 

ersclieinungen der Pflanzen und Thiere; 

nacht Dubrunfaut. 

Wenn man die Wirkung untersucht, welche die ver- 
schiedenen brechbaren Strahlen, aus denen das weisse Son- 
nenlicht zusammengesetzt ist, auf die Function der Blätter 
ausüben, so beobachtet man, dass das zur Vergleichung 
benutzte matte Glas eine unvergleichliche Wirksaml^eit 
besitzt. Darauf folgen in Ansehung der Wirksamkeit der 
gelbe Strahl, dann der rothe und zuletzt auf einer unter- 
geordneten Stufe der blaue und der violette Strahl. 
Der mit Joddampf erfüllte Hohlschirm ist völlig unwirksam; 
der grüne Schirm producirt eine negative Wirkung d. h. er 
begünstigt die Kohlensäureentwickelung anstatt einer 
Absorption und Zersetzung der CO 2. 

Welches auch die Erklärungsweise der Functionen des 
Sonnenlichtes im Acte der Vegetation sein möge, a priori 
kann man nicht zweneln, dass die Zerlegung der Kohlensäure 
auf Rechnung der absorbirten und nicht auf diejenige der 
reflectirten Lichtstrahlen zu setzen sei. Bei dieser 
Ideenrichtung ist es wohl sicher, dass die von den Herren 
Cloez, Gratiolet und Cailletet experimentell erhaltene 
Lösung vorhergesehen werden konnte, ebenso dass die Zer- 
setzung der Kohlensäure ausschliesslich durch diejenigen 
Lichtstrahlen angeregt werden würde , welche das C m p 1 e - 
ment der vom weissen Sonnenlichte beleuchteten grünen 
Blätter bilden. Man konnte ausserdem die Entwickelung der 
Kohlensäure vorhersagen , weil die nur von den grünen 
Strahlen allein beleuchteten Blätter, was die Beaction auf die 
Kohlensäure anlangt, sich unter den Bedingungen einer wah- 
ren Dunkelheit befanden. 



Ueber den Einfluss des Lichtes auf die Vegetation etc 121 

Dubrunfaut repräsentirt die ganze Arbeit der Vege- 
tation durch Wärmeeinheiten (par des calories) und in Folge 
dessen durch mechanische Aequivalente. Man kann dieselbe 
Schätzungsweise auch auf den Dünger anwenden. Abge- 
sehen von diesem, ist Dubrunfaut zu dem bemerkenswer- 
then Resultat gelangt, dass bei der gewöhnlichen Cultur der 
Eübe, während der Landwirth eine Tagesarbeit durch ein 
Ackerpferd vollziehen lässt, das einzige natürliche Agens, die 
Wärme, deren mehr als tausend leistet. 

Bis jetzt hat man noch keine Thatsache, noch kein An- 
zeichen bemerken können, welche erlaubten, eine vom Lichte 
geleistete Arbeit mit einer messbaren mechanischen Arbeit zu 
vergleichen. Bis man nun das mechanische Aequivalent des 
Lichtes wie dasjenige der Wärme darstellen könne , lenkte 
Dubrunfaut die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf eine 
merkwürdige Vergleichung , welche ihm seine Studien über 
die Production des Ackerbaues eingegeben hat. 

Wenn man betrachtet, sagt er, dass in dem Acte der 
Assimilation des Kohlenstoffs durch die Pflanzen, das Licht, 
welches von den Blättern assimilirt wird, eine Umwandlung 
erleiden muss, die durch eine Arbeit, sei es nun eine mecha- 
nische oder eine chemische, dargestellt werden kann, wenn 
man ausserdem betrachtet, dass die Zerlegung der Kohlen- 
säure nur unter Einfluss des Lichtes möglich ist, so wird 
man ohne Schwierigkeit annehmen, dass die Kraft oder die 
mechanische Arbeit , welche ein solches Resultat bewirkt, 
noth wendigerweise stärker sein müsse als die Kraft der Affi- 
nität, welche die Verbrennung des Kohlenstoffs bewirkt; dass 
sie folglich auch nothwendigerweise stärker sein müsse als 
die mechanische Arbeit, welche durch die unter jenen Um- 
ständen entwickelte Verbrennungswärme geleistet wird. 

Es ist also wahrscheinlich, dass die Arbeit des Lichtes 
bei dem Acte der Vegetation, welche den Kohlenstoff der 
Kohlensäure fixirt, derjenigen wenigstens gleich ist, welche 
durch das mechanische Aequivalent der Verbrennungswärme 
des Kohlenstoffs repräsentirt wird ; man hätte darin ein Mittel, 
um das Licht in Wärmeeinheiten, folglich in Kilogramm - 
Metern auszudrücken, wenn man mit einiger Präcision die 
Menge vom Licht bestimmen könnte, welche von den Pflanzen 
in derselben Zeit absorbirt wird, in welcher ein bekanntes 
Quantum Kohlensäure von derselben zerlegt wird. Das so 
gestellte Problem scheint H. Dubrunfaut nicht unlösbar. 

Nach ihm führen die Blätter eine wahre Ana- 
lyse des weissen Lichtes aus. Sie bemächtigen sich 



122 üeber den Eiatiuss des Lichtes auf die Vegetation etc. 

unter einer noch unbekannten Form der rothen Strahlen 
desselben, verweig'ern aber die Absorption der grünen 
Strahlen, welche das physische Complement des absorbir- 
ten Lichtes bilden ; so begreift und erklärt man die Färbun- 
gen, unter denen uns die Yegetationsorgane erscheinen, 
welche die Fähigkeit haben, die Kohlensäure unter Mitwir- 
kung des Lichtes zu zerlegen. Bedenkt man, dass die durch 
grünes Licht beleuchteten Pflanzen sich unter den Bedingun- 
gen einer völligen Lichtberaubung befinden, so ist man nach 
den Versuchen der Herren Cloez, Gratiolet und C a i 1 - 
1 e t e t zu glauben berechtigt , dass sie nur unter dem alleini- 
gen Einflüsse des rothen Lichtes die Phasen der Vegetation 
durchlaufen können, welche sie gewöhnlich während der acti- 
A^en Lebensperiode ihrer Blätter durchzumachen haben. Auch 
kann man behaupten, dass die unter dem Namen „ V^ e r g e i - 
lung" (etiolement) bekannte Krankheit, welche die des Lich- 
tes beraubten Pflanzen befällt, sich nicht unter dem Einflüsse 
des rothen Lichtes entwickeln werde, wohl aber in ihrer 
ganzen Energie unter Einwirkung der grünen Strahlen. 
Das wird der Versuch bewahrheiten können. Bis solches 
geschehen, macht H. Dubrunfaut die Physiologen auf die 
Eigenschaften des Lichtes aufmerksam, welche in so hohem 
Grade die Gresundheit und das Leben der Menschen und 
Thiere interessiren. Er citirt als Beispiele die Krankheiten, 
welche durch Beraubung des Lichtes verursacht werden und 
welche besonders die Bergleute, die im Kielraum der Schiffe 
beschäftigten Seeleute, die Arbeiter in schlecht erleuchteten 
Fabriklokalen, die Bewohner von Kellern, engen Strassen etc. 
befallen. Dubrunfaut denkt, dass die von den Pflanzen 
verschmähten grünen Strahlen, als untauglich zur Erfüllung 
ihrer Assimilirungskraft, im Gegentheil diejenigen seien, welche 
im Thierorganismus die Functionen der Assimilation beför- 
dern und dass die Farbe der Bevölkerungen mit rother Haut 
bei ihnen das Bedürfniss nach grünen Strahlen anzeigt. 
So würden die Bedingungen des statischen Gleichgewichts, 
welche man bei den chemischen Phänomenen der organischen 
Wesen beobachtet , sich zu einer wichtigen physischen 
Function erweitern. 

Das Chlorophyll und die Blutkörperchen stellen 
die beiden grossen Angelpunkte des organischen Lebens der 
Pflanzen und Thiere dar, aber die Bedingungen ihrer Bildung 
sind in Bezug auf das Licht sehr verschiedene. Das weisse 
Licht der Sonne, welches dem normalen Leben der Pflanzen 
und der Thiere unentbehrlich ist, t heilt sich unter 



Verfertigung von Photographieeu mit verschiedeneu Farben. 123 

ihrem Einflüsse in zwei complementaire Bündel, 
welche für die Bedürfnisse der Functionen der Assimilation 
absorbirt werden. Man sieht die Anwendungen voraus, welche 
von diesen Principien für die Hygiene, die Therapie, 
die Bekleidung, die Wohnräume etc., erfliessen; so 
werden künftighin die rothen Tapeten, die rothen Möbel aus 
unseren Zimmern verschwinden mü«en, mit Ausnahme der 
Vorhcänge, die grünen Stoffe müssen dieselbe Aechtung erlei- 
den, was unsere Kleider betrifft; aber das Grün wird die 
bevorzugte Farbe der Papiere"^') oder der Gemälde sein müs- 
sen, welche unsere Wohnungen schmücken. 

Herr Dubrunfaut denkt, dass die Salubrität der Wäl- 
der im Sommer vielmehr dem Einflüsse ihres grünen Lichtes 
als der Qualität ihrer Luft zuzuschreiben sei. 

Hier in Wahrheit ist der Körper des Menschen während 
des Tages in einem wirklichen Bade von grünem 
Licht, w^elches in so bewundrungswürdiger Weise von dem 
Laube der Bäume bereitet wird. {Compt rend.; Jouni. d. 
pharm, et d. chim. L s6r. Sept. 1868. tom. 8. pag. 217—220.). 

H.L. 



Verfertigung roii Photograpliieen mit yersclüedeneii 

Farben. 

Die Behandlung beruht auf der Eigenschaft des Kalium- 
eisencyanids mit einigen Metallsalzen hellere Auflösungen zu 
liefern, welche unauflösliche Verbindungen erzeugen, sobald 
sie mit einem Beductionsmittel in Berührung kommen. Als 
solches wirken die Sonnenstrahlen , w esshalb sich auf Papier 
oder einem andern Stoffe, welcher mit genannter Auflösung 
versehen, durch Einwirkung des Sonnenlichts ein voU- 
kommner Niederschlag bildet. Das Papier wird getränkt mit 
einer starken Auflösung von gleichen Theilen rothem Blut- 
laugensalz und salpetersaurem Bleioxyd und, nachdem es 
genug getrocknet, eine halbe Stunde der Einwirkung der 
Sonnenstrahlen ausgesetzt, hierauf in Wasser zur Entfernung 
der Auflöslichgebliebenen gewaschen. Da das Sonnenlicht 
am stärksten auf feuchtes Papier wirkt, bringt man es wäh- 
rend der Einwirkung des Lichts auf ein feuchtes Tuch, wel- 
ches durch zwei oder drei Bogen Papier von dem bereiteten 
Papier geschieden ist. Nach dem Auswaschen bleibt ein blas- 



'^) Nur keine arsenikalischen grünen Farben. H. L. 



124 Galvanische Ketten m. Pikrinsäure. — Einschliessung d. Wasserstoflfgases. 

ses graues Bild zurück, welches auf folgende Weise ver- 
schieden gefärbt werden kann: 

1) Blau. Das Bild wird ungefähr zehn Minuten lang 
in eine schwache Auflösung von salpetersaurem Eisenoxyd 
getaucht und nachher mit Wasser ausgewaschen. 

2) Grün. Das Bild wird hierzu aus dem Eisenbade (1) 
noch in eine schwache» Auflösung von doppeltchrom saurem 
Kali gebracht. 

3) Rothbraun, Man bringt das Bild in eine Auf- 
lösung von salpetersaurem Kupferoxyd und wäscht es aus. 

4) Braun. Diese Farbe entsteht , wenn man das Bild 
in ein Gemenge von einer schwachen Lösung von salpeter- 
saurem Eisenoxyd und salpetersaurem Kupferoxyd bringt. 

5) Dunkelbraun wird ebenso erhalten wie 4, aber 
mit mehr Eisenoxyd. 

Wenn man die blaue Farbe durch ein Alkali entfernt 
und darauf auswäscht, bleibt Eisen- und Bleioxyd zurück, 
welche mit Hülfe vegetabilischer Farbstoffe verschiedene 
Nuancen liefern. Eine 4jährige Erfahrung bürgt für die Erhal- 
tung der Farben. {Chem. News). J. M. 



(jalyanische Ketten mit Pikrinsäure. 

D u c h e m i n ersetzt die Salpetersäure in den B u n s e n - 
sehen Elementen durch eine Auflösung von Pikrinsäure in 
AVasser und die verdünnte Schwefelsäure durch eine Salz- 
auflösung ; einige Tropfen Schw^efelsäure verstärken den Strom. 
Die Kette ist sehr geeignet für elektrische Glocken und Tele- 
graphen und entwickelt keinen Dampf. {Compt rend.). J. M. 



Uelber die Einschiliessung des Wasserstoffgases durch 

Metalle. 

Th. Graham hat früher gezeigt, dass eine Einschliessung 
von Wasserstoffgas durch die Metalle Palladium, Platin 
und Eisen sicher eintritt, wenn das Metall in der Form von 
Schwamm oder gehämmert erhitzt und dann in einer Atmo- 
sphäre von WasserstofFgas langsam und vollständig abkühlen 
gelassen wird. Jetzt hat derselbe Chemiker ein neues Verfah- 
ren, die Metalle bei niedrigen Temperaturen mit Wasser- 
stoff zu beladen, veröffentlicht. 



lieber die Einschliessung des "Wasserstoffgases durch Metalle, 125 

"Wenn eine Zinkplatte in verdünnte Schwefelsäure gebracht 
wird, so wird Wasserstoff von der Oberfläche des Metalls 
aus entwickelt, aber kein Wasserstoff wird eingeschlossen und 
zurückgehalten. Bringt man aber eine dünne Palladiumplatte 
in dieselbe Säure und mit dem Zink in metallische Berührung, 
so wird dieselbe bald stark mit dem Wasserstoff beladen, wel- 
cher dann an ihrer Oberfläche auftritt. Die in einer Stunde 
von einer Palladiumplatte bei 120^ aufgenommene Ladung 
betrug das 173fache Volumen derselben. Wendet man eine 
Batterie von sechs Bunsen' sehen Elementen an, deren nega- 
tive Elektrode die Palladiumplatte ist, so ist die Entwicklung 
von Sauerstoffgas an der positiven Elektrode sehr reichlich, 
während die Gasentwicklung an der negativen Elektrode in 
Folge der Einschliessung des Wasserstoffs durch das Palla- 
dium in den ersten 20 Secunden vollständig ausbleibt. Die 
Absorption betrug schliesslich das 200,4 fache Volumen. 
Obwohl nun der Wasserstoff unter diesen Umständen in das 
Metall tritt und durch die ganze Masse desselben verbreitet 
ist, so zeigt das Gas doch keine Neigung, bei der Absorptions- 
temperatur von dem Metalle w^eg zu gehen und in einen 
leeren Raum zu entweichen. Beim Erhitzen der mit dem 
Gase beladenen Platte entwickelt sich das ganze Gasvolumen. 
Wasserstoff kann in beträchtlicher Menge in Metallen anwe- 
send sein, ohne irgend bemerkliche Tension bei niedrigen 
Temperaturen zu äussern. 

Eingeschlossener Wasserstoff ist nach Th. Graham 
kein Gas mehr, da durch eine Beihe von Versuchen gefun- 
den wurde, dass für die Einschliessung des Wasserstoffs 
durch Palladium und selbst durch Eisen es nicht nöthig war, 
das Gas unter stärkerem Druck einwirken zu lassen, sondern 
dass dasselbe selbst noch in stark verdünntem Zustande 
durch diese Metalle leicht absorbirt wird. Der eingeschlossene 
Wasserstoff wird leicht in der Art aus dem Palladium wie- 
der entfernt, dass man die Stellung des letzteren in der Zer- 
setzungszelle der Batterie umkehrt, so dass man nun Sauer- 
stoff an der Oberfläche des Metalls sich entwickeln lässt. 

Der Wasserstoff' w^ird sehr schnell entfernt und die Me- 
tallplatte wird vollständig frei von Wasserstoff. Wird mit Was- 
serstoffgas beladenes Palladium der Atmosphäre ausgesetzt, so 
ist das Metall fähig, plötzlich heiss zu werden, und das in 
ihm enthaltene Gas gänzlich durch freiwillige Oxydation zu 
verlieren. Platin und Eisen verhalten sich ähnlich gegen 
Wasserstoffgas. Werden Palladium und Platin als positive 
Elektroden angewendet, so wird an den Oberflächen derselben 



126 lieber die Einschliessung des Wasserstoffgases durch Metalle. 

reichlich Sauerstoffgas entwickelt, ohne condensirt zu werden. 
Den Zustand des durch ein Metall eingeschlossenen Wasser- 
stoffs hat Th. G-raham in der Vereinigung des letzteren 
mit Palladium untersucht, wo die Menge des eingeschlossenen 
Grases eine beträchtliche ist. In dem pulverigschwammigen 
Zustande nahm Palladium 655 Volume Wasserstoff auf, und 
so beladen gab es kein Gas nach dem Vacuum hin bei 
gewöhnlicher Temperatur ab, sondern erst, als die Tempera- 
tur bis nahezu auf 100^ C. erhöht wurde. Den für die grösste 
Absorptionsfähigkeit passendsten Zustand nimmt das Palla- 
dium an, wenn es aus einer etwa 1,6 procentigen Lösung 
des Chlorides durch die Einwirkung einer V o 1 1 a ' sehen Bat- 
terie in der Form eines compacten Metalles ausgefällt wird. 
Das so in glänzenden Blättchen ausgeschiedene Metall ent- 
hält keinen Wasserstoff. Werden aber diese Blättchen in 
Wasserstoff auf 100^ erhitzt und in demselben Gase eine 
Stunde lang langsam erkalten gelassen, so ergiebt sich, dass 
dieselben 982,14 Volume Gas, gemessen bei 11^ und 756 MM. 
Barometerstand, eingeschlossen hatten. 

Dies ist die beträchtlichste Wasserstoffabsorption, welche 
beobachtet wurde. Die Belastung dieses Palladiums ist, nach 
Gewichten ausgedrückt: 

Palladium 1,0020 Grm. 99,277 
Wasserstoff 0,0073 „ 0,723 

100,000. 

Graham ist der Ansicht, dass dem Durchgang von Was- 
serstoff durch eine Metallplatte immer eine Condensation oder 
Einschliessung des Gases 'vorhergehe , doch ist die Schnellig- 
keit des Durchganges nicht dem Volumen des eingeschlosse- 
nen Gases proportional. Die Geschwindigkeit des Durch- 
gangs wächst aber rasch mit der Temperatur. Bei 265*^0. 
beträgt der Durchgang von Wasserstoff 327 CC. in der Minute 
für 1 Quadratmeter Oberfläche , während bei höherer, dem 
Schmelzpunkte des Goldes nahe kommender Temperatur, bei 
denselben Verhältnissen in der Minute 3992, 22 CC. Wasser- 
stoff durch einen hohlen Cylinder aus Palladium von 1 MM. 
Dicke hindurch gehen. Kohlensäure geht in viel geringerer 
Menge durch Palladium hindurch, als Wasserstoff. {Annalen 
der Chemie und Pharmacie. VI. Supplementhand, 3. Haft, 
Dechr. 1868). Seh, 



Eromgewinnung in Stassfurt. 127 

Bromgewiniiuiig in Stassfurt. 

Bisher lieferten Brom : die Mutterlaugen des Meerwassera 
in Südfrankreich, der Kelp oder Varec in der Mederbretagne 
und in England ; in Deutschland die letzten Laugen der Sali- 
nen Neusalzwerk bei Minden und Kreuznach, die Mutterlauge 
des Nordseewassers auf der Insel Wangerooge. Die reichste 
Quelle des Broms, das Wasser des todten Meeres, das schon 
bei geringer Tiefe nahe an 0,7 Proc. desselben enthält, war 
bis jetzt verschlossen, was von lokalen Verhältnissen abhing.*) 

Dagegen ist durch Aufschliessung des Steinsalzlagers in 
Stassfurt ein Material zur Bromgewinnung geliefert, das 
zur Darstellung der grössten Mengen Broms geführt hat. 
Schon bei Aufdeckung des Stassfurter Salzbeckens fand man 
in den oberen unreinen Salzschichten, dem sogen. Abraum- 
salze, deutliche Spuren von Brom; aber erst im Frühjahr 
1865 begann dessen fabrikmässige Darstellung. Sie wurde durch 
Dr. A. Frank angeregt, der sie jetzt auch ausschliesslich in 
Händen hat und dem w^ir diese Mittheilungen zum grössten 
Theile verdanken. Sein Verfahren ist folgendes: Die letzten 
bei Gewinnung des Chlorkaliums aus den Abraumsalzen 
fallenden Laugen, die ein spec. Gew. von 1,32 und einen von 
0,15 bis 0,35 Procent wechselnden Bromgehalt haben, werden 
je nach ihrer Zusammensetzung entweder mit MnO^ und 
HCl, oder mit MnO^ und SO^ in Blasen von in Theer 
gekochtem Sandstein durch direct einströmenden Dampf erhitzt 
und das sich in Dampfform entwickelnde Brom zunächst in 
thönernen Kühlschlangen condensirt und mit dem gleichzeitig 
übergehenden Bromwasser in Woulff sehen Flaschen auf- 
gefangen. Der hierzu verwandte Apparat hat viel Aehnlich- 
keit mit dem zur Chlorentwickelung benutzten, Frank ver- 
bindet mit der Bromgewinnung gleichzeitig die Darstellung 
eines ehem. reinen KBr und erhält solches dadurch, dass er 
das in der ersten Flasche nicht condensirte Brom, so wie das 
durch das Wasser nicht zersetzte Chlorbrom und das 
Chlor in eine zweite mit unreiner Natronlauge leitet, aus der 
es in eine dritte, die reine Kalilauge enthält, übergeht. Das 



*) Nach Wagner' s ehem. Technologie. 6. Aufl. 1866. S. 174 wird 
seit Kurzem auch in einer Fabrik am todten Meere Brom in grosser 
Menge dargestellt. In dems. "Werke 7. Aufl. 1868. S. 197 lesen wir, dass 
nach dem 1866 in England patentirten Verfahren von Leisler**) aus dem 
Wasser des todten Meeres Brom gewonnen werde (durch Kalibichromat 
und Salzsäure). Nach Lartet enthält 1 Liter Wasser des todten Mee- 
res bei 300 Meter Tiefe 7,093 Gramme = 0,7 Procent Brom. 

**) Arch. d. Pharm. Oct. Nov. 1868. S. 118. 



128 Bromgewinnung in Stassfurt. 

Gemisch von Bromdampf und Chlorbrom wird zunächst in den 
Natronlauge haltenden Waschflaschen vollständig absorbirt. 
Ist das Natron gesättigt und treten neue Mengen des Gas- 
gemisches in die Waschflasche, so treibt das darin enthaltene 
Chlor, das vom Natron aufgenommene Brom wieder aus, wel- 
ches in die letzte, mit Kalilauge gefüllte Flasche als chlor- 
freies Brom übergeht. Ist die Kalilauge mit Brom gesättigt, 
so wird sie durch neue ersetzt und das erhaltene Gemisch 
von Bromkalium und bromsaurem Kali durch Eindampfen und 
Glühen unter Zusatz von Kohle in bekannter W^eise weiter 
verarbeitet. Die Benutzung der in der mittleren Waschflasche 
enthaltenen Natronlauge darf indessen nicht so weit getrieben 
werden, bis alles Brom daraus entfernt ist, da sonst leicht 
etwas Chlor mit in die Kalilauge übergehen könnte. Ist die 
Natronwaschflüssigkeit nicht mehr brauchbar, so wird sie, um 
das darin enthaltene Brom wieder zu gewinnen mit einem 
entsprechenden Zusätze von HCl in die steinerne Blase 
zurückgegeben und dort ebenso w^ie die Bohlauge mit MnO^- 
zusatz abdestillirt. So gelingt es, aus rohem Brom che- 
misch reines Bromkalium darzustellen, doch erfordert 
diese Methode grosse Aufmerksamkeit. 

Das in der ersten Woul ff sehen Flasche condensirte 
rohe Brom wird zunächst gewaschen, dann aus Glasretor- 
ten, die in mit Dampf geheitzten Sandbädern liegen, nochmals 
rectificirt, wobei zur Beseitigung des darin noch enthaltenen 
Chlors die ersten Portionen, welche das flüchtige Chlorbrom 
enthalten, besonders aufgefangen werden. Die Betortenrück- 
stände werden auf Brom o form verarbeitet. Das so gewon- 
nene Brom ist nahezu chemisch rein, absolut frei von Jod 
und NO^ und ganz wasserfrei; es übertrifft sonach sowohl 
das französiche als auch das englische Brom und hat diese 
Sorten, welche stets Jod enthalten, für pharmaceutische und 
photographische Zwecke ganz verdrängt, um so mehr als es, 
durch seine massenhafte Darstellung und die fast kostenlos 
zu bewirkende Beschaff'ung des Bohmaterials , gelungen ist, 
den Preis desselben, welcher Anfangs 1865 bis zu 8 Thaler 
pro Pfund betrug, nahezu auf ^/^ dieser Summe zu reduciren. 
Wegen dieser Billigkeit findet das Brom nun grosse Ver- 
wendung bei der Darstellung von Anilinfarben nach dem 
Yerfahren von Hof mann und Perkins und tritt hierbei 
wegen seines niedrigeren Atomgewichtes mit Vortheil an die 
Stelle des Jodes. In chemischen Laboratorien findet das Brom 
in Form von Bromwasser Anwendung als Ersatz für 
Chlorwasser, da es stets ohne Mühe dargestellt und in 



Darstellung des salpetrigsauren Kalis. 129 

gleichmässiger Zusammensetzung erhalten werden kann; es 
dürfte sich auch als Desinfectionsmittel für Krankenräume 
und bei Sectionen empfehlen, da der Bromdampf die Lungen 
und Schleimhäute weniger afficiren soll als der Chlordarapf 

Im 1. Jahre, 1865, betrug die Bromproduction 1500 Pfund, 
im Jahre 1866 bedeutend mehr und gegenwärtig täglich gegen 
40 Pfund, also jährlich nahe an 15000 Pfund. 

Neben dem reinen Brom werden in Stassfurt auch rohes 
Bromnatrium , Brommagnesium und Bromcalcium gewonnen 
und in den Handel gebracht, die zur Verstärkung der Sool- 
und anderer Bäder benutzt werden und den Mutterlauo-en 
und Badesalzen Yon Kreuznach , Rehme und Wittekind ihres 
reichen Bromgehalts und ihres billigen Preises wegen (das 
Bromnatrium für Bäder enthält 70 Proc. Brom) sehr erheb- 
liche Concurrenz machen. {Dr. C. Hörn, Pharmaceut. Cen- 
traJMUe f. Deutschland. 5. Dec. 1867. Nr. 49. S. 429 — 431.). 

H.L. 



Darstellimg" des salpetrigsauren Kalis. 

Nach 0. L. Erdmann (Journ. f pract. Chem. Bd. 97. 
S. 387.) schmilzt man in einem gusseisernen Tiegel Salpeter 
mit dem Mehrfachen seines Gewichtes Eisen feile oder 
Eisenbohrspähne bei sehr massiger Glühhitze. Sobald eine 
herausgenommene Probe, die man in Wasser gelöst und filtrirt 
hat, mit Schwefelsäure eine starke Entwickelung von salpe- 
triger Säure zeigt, giesst man die Masse aus und füllt den 
Tiegel aufs Neue. Die Lösung der Schmelze wird stark con- 
centrirt, um den grössten Theil des unzersetzten Salpeters 
auskrystallisiren zu lassen, sodann mit salpetriger Säure, aus 
Stärke und Salpetersäure entwickelt, vollständig gesättigt 
oder übersättigt und der Ueberschuss durch gelindes Ver- 
dampfen wieder entfernt. Sehr reines salpetrigsaures Kali in 
fester Form kostet bei H. Trommsdorff in Erfurt 2 Tha- 
ler das Pfund. {Wittsteins Vierteljahrsschrift 1868. Bd. 17. 
S. 451). H. L. 



Ärch. d. Pharm. CLXXXVIII. Bds. 1. u. 2. Hft. 



130 Ucbcr cl. isomeren Zustände d. Kieselsäure u. über d.Polyatomicitätetc. 

Ueber die isomeren Zustände der Kieselsäure und 
über die Polyatomicität der Säuren. 

Fremy hebt zunächst hervor, dass die Lehre von der Viel- 
atomigkeit der Säuren von ihm 1837 in die moderne Chemie 
eingeführt sei; er hat sich hauptsächlich mit Untersuchung" 
der Ursachen , welche die Affinität der Säuren zu den Basen 
verändern, beschäftigt und gezeigt, dass die isomeren Zu- 
stände derselben Säure von verschiedenen Condensationsgra- 
den der Molecüle herrühren, so die beiden Zinnsäuren SnO^ 
und Sn^O^*^; ferner hat er erkannt, dass alle gelatinösen 
Pflanzenstoffe betrachtet werden können als Derivate des Mo- 
lecüls C^H^O"^, wie die folgenden Formeln zeigen: 

Metapectinsäure C ^H ^0 '^ 

Parapectinsäure (C^H^O^)^ 

Pectinsäure (C^H^Oy 

Pectin (C8H507)8. 

Fremy hat als allgemein erkannt, dass chemische Agen- 
tien ein Säuremolecül durch mehre isomere Zustände treiben 
können, indem sie seine Verbindungsfähigkeit entwickeln und 
sein Aequivalent folglich vereinfachen , und versucht diese 
Idee auf die Isomerie der Kieselsäure anzuwenden, die in 
verschiedenen allotropischen Zuständen vorkommt und sich 
mit Basen in sehr wechselnden Verhältnissen verbindet. I^ach 
vielfachen Versuchen fand er als Hauptpunkt in der Greschichte 
der Kieselsäure: dass ihre beiden hauptsächlichsten 
isomeren Zustände nicht dasselbe Aequivalent 
haben, und dass diese, wenn sie sich mit Basen 
vereinigen, zwei Beihen Salze bilden, die durch 
ihre Eigenschaften von einander unterschieden 
sind. Also ein neues Beispiel von Molecülcondensation. 
Zwei der zahlreichen allotropischen Zustände sind besonders 
deutlich unterschieden: der Quarz, Dichtigkeit 2,6, unlös- 
lich in verdünnten alkalischen Lösungen und das Präpa- 
rat, welches man erhält durch Zersetzung des 
Fluor siliciums mittelst Wasser und Calciniren 
des Hydrates, Dichtigkeit 2,2, löslich in alkalischen Flüs- 
sigkeiten. 

Quarz geht durch Hitze in einen glasartigen Zustand 
von 2,2 über und löst sich dann in Alkalien. Nach H. Böse 
besitzen beide Kieselvarietäten specielle chemische Eigen- 
schaften. Fremy 's Vermuthung, dass Differenzen im Aequi- 
valent bestehen dürften, bestätigten sich in dem Grade, dass 
für jede dieser Kieselvarietäten ein besonderer Name nöthig 



üeber d. isomeren Zustäncle d. Kieselsriure u. über d. Polyatoniieität eto. 131 

wird. Quarz behtält den K"ameii Kieselsäure, die aus 
dem Fluorsilicium entstehende Säure erhält den JS'amen 
Meta kieselsaure. Letztere bildet mit Basen Salze, die 
sich durchaus von denen des Quarzes unterscheiden. Die 
alkalischen Metasilicate sind löslich in Wasser, gummiartig, 
nicht krystallisirbar. Um sie im festen Zustande zu erhalten, 
muss man sie durch Alkohol fällen. Bei einigen Metasilica- 
ten spielt das Wasser eine beachtenswerthe constitutive Bolle, 
wie es Fremy schon bei den alkalischen metazinnsauren 
Salzen beobachtete. Bei Rothgluth entweicht das Wasser 
und bewirkt eine theilweise Zersetzung in Säure und Base. 

Die hauptsächlichste chemische Eigenschaft der Metasili- 
cate ist folgende: Behandelt man ein alkalisches Metasilicat 
mit einer Säure, so erzeugt man dadurch ein Hydrat, wel- 
ches sich bei Bothgluth zersetzt unter Bildung einer wasser- 
freien Säure, welche die Zusammensetzung des Quarzes hat, 
aber in verdünnten alkalischen Flüssigkeiten löslich ist 
selbst nach lange anhaltender Calcination. 

Die Metakie sei säure ist dreiatomig, ihr Hydrat hat 
die Formel: 3H0, (SiO^)», In Gegenwart von Basen ver- 
liert sie nach und nach die 3 Molecüle Wasser, die durch 
gleiche Aequivalente der Base ersetzt werden; es bildet sich 
successive: 

MO, 2H0, (Si03)3 

2M0, HO, (Si03)3 

3M0, (Si03)3. 
Die Kieselsäure unterscheidet sich von der Metakie- 
selsäure durch ihre Eigenschaften, ihr Aequivalent und die 
Natur ihrer Salze. Das Aequivalent der Säure bezeich- 
net Fremy durch SiO^. Sie ist ebenfalls dreiatomig und 
bildet mit Basen folgende Salzreihen: 

MO, 2H0, Si03 

2M0, HO, Si03 

3M0, Si03. 
Diese verbinden sich unter einander zu intermediären 
Salzen. Die Silicate und Metasilicate enthalten ferner Kry- 
stallwasser, welches jedoch keine basische Eolle in den Salz- 
molecülen spielt. Die alkalischen Silicate und besonders die 
Natronsilicate unterscheiden sich von den Metasilicaten durch 
ihre Neigung zur Krystallisation. Durch Einwirkung von 
Hitze verlieren sie niemals ihre Löslichkeit in Wasser wie 
die Metasilicate. Mit Säuren behandelt geben sie ein Hydrat, 
welches man mit dem Metakieselsäurehydrat verwechseln 
könnte, erhitzt man es aber zur Eothgluth, so giebt es was- 

9* 



132 lieber d. isomeren Zustände d. Kieselsäure u. über d. Polj'atomicität etc. 

serfreie, in alkalischen Flüssigkeiten unlösliche Kiesel- 
säure. 

Die von dem Quarz derivirenden Silicate behalten ihren 
generischen Charakter, welchen man auch in der Säure findet, 
die aus ihrer Zersetzung hervorgeht (unlöslich) ; ebenso die 
Metasilicate den ihren (löslich). 

Kieselsäurehydrat verbindet sich mit Säuren und bildet 
viel beständigere Verbindungen als die Metakieselsäure unter 
denselben Umständen. Fremy erhielt alkalische Silicate, 
indem er Quarz mit einem Ueberschusse von Alkali glühte, 
oder indem er Metasilicate dem Einflüsse eines Ueberschusses 
von Base aussetzte. Das am leichtesten krystallisirende alka- 
lische Silicat ist das von Fritzsche beschriebene von der 
Formel 3NaO, 2SiO^ 27HO. Vernachlässigt man das Wasser, 
so kann man dieses Salz betrachten als Natronaugit, 
Natronpyroxen. Des Cloizeaux findet in den Krj^stall- 
verhältnissen eine gewisse Analogie mit Rhodonit 3MnO, 
2SiO^. Bei Einwirkung von Wasser darauf erhält man 
verschiedene Hydrate, die Fremy in Natronsilicate der ersten 
und zweiten Reihe trennt. Er stellte ein Salz dar, welches, 
wenn es wasserfrei wäre, Katronchrysolith, Natron- 
peridot sein würde und die Formel hat 3NaO, SiO^-f-HO; 
es wird dargestellt durch lange dauerndes Glühen von 
Quarz mit einem Ueberschusse von Natron und aus einer 
stark alkalischen Flüssigkeit krystallisirt. Das Salz ist zer- 
fliesslich, zersetzt sich unmittelbar durch Wasser in freies 
Natron und in Silicate, in welchen die Base durch Wasser 
ersetzt ist. 

In einer zweiten Mittheilung wird Fremy über die Iso- 
merie der Säuren handeln, die Modificationen erläutern, welche 
durch Hitze bei gewissen Säurehydraten eintreten, wie bei 
Phosphor-, Wein- und Paraweinsäure. Die einmal entwässer- 
ten Säuren werden nur mit äusserster Langsamkeit wieder 
zu Hydraten, wenn man sie in Wasser löst. Nach Chevreul's 
Ansicht bewirkt Hitze allein keine Entwässerung, sondern es 
tritt wahrscheinlich eine Modification in dem Molecül der 
wasserfreien Säure ein. 

Die von Becquerel beobachtete Thatsache über die 
beiden Kalke, die verschieden sind, je nachdem sie von 
Isländischem Späth oder von Arragonit abstammen, 
zeigt den Einfluss physikalischer Ursachen auf das Phänomen 
der Isomerie. (Journ, de p?iar?n. et de chim.), R. 



lieber Vorkommen und Bildung von krystallisirtem Sylvin etc. 133 

Ueber Vorkommen und Bildung Ton krystallisirtem 
SyMn und krystallisirtem Ka'init im Steinsalzwerk 

zu Stassfurt. 

Seit Kurzem sind in einem angehauenen Abbauorte der 
Kalisalzbaue sehr schön ausgebildete Krystalle von Sylvin 
(Chlorkalium) und von Chlornatrium, sowie in kleineren Dru- 
sen Krystalle gefunden worden, welche sich als krystalli- 
sirter Kainit (K0,S03 + MgO,S03 + MgCl + 6H0) erwie- 
sen haben. 

Die Chlorkaliumkrystalle kommen theils als vollständig 
ausgebildete Octaeder vor, theils haben sie in ihren Haupt- 
flächen noch die Form des Hexaeders, zeigen dann aber stets 
an ihren Ecken Uebergänge zum Octaeder und unterscheiden 
sich dadurch sofort von dem ebenfalls in schön ausgebildeten 
Krystallen vorkommenden Steinsalz, welches hier stets in rei- 
nen Würfeln auftritt. Der Kainit kommt in kleinen gelbli- 
chen, anscheinend zwei- und eingliedrigen Krystallen in Dru- 
sen vor. Sowohl der krystallisirte Sylvin als die NaCl - und 
Kainitkrystalle müssen als secundäre Bildungen angesehen 
werden. Um deren Entstehung zu erklären, muss man das 
ursprüngliche Vorkommen, wie es sich im Stassfurter Lager 
an anderen Stellen zeigt, berücksichtigen. In dem preussi- 
schen Steinsalzwerk besteht das Kalisalzlager aus wechselnden 
Schichten von 

Carnallit KCl -]- 2MgCl -f 12H0 
Kieserit MgO,S03 + HO 
Steinsalz NaCl 
und aus kleineren Einschlüssen von 

Tachhydrit CaCl -f- 2MgCl + 12H0 
Stassfurtit, Mergel etc. 

Zu diesen normal gebildeten Ablagerungen ist nun stel- 
lenweise Tagewasser eingedrungen und hat Umsetzungen der 
einzelnen Verbindungen bewirkt. So hat sich aus dem Car- 
nallit in derselben Weise, wie dies bei der technischen Ver- 
arbeitung desselben jetzt geschieht, Chlorkalium in Krystallen 
abgeschieden, während das Chlormagnesium NaCl löste, wel- 
ches sich später ebenfalls wieder ausschied. Kieserit ist in 
krystallisirtes Bittersalz übergegangen; ein Theil der schwe- 
felsauren Magnesia hat sich ganz gelöst und sich mit KCl 
umgesetzt, wodurch dann der krystallisirte Kainit entstan- 
den ist: 



134: Zur Verhütung des Kesselsteins. 

2(MgO,SO 3) 4- KCl + HO = KO,SO ^ -f MgO,SO ^ -f MgCl + HO, 
ein anderer Theil der MgO,SO^ hat sich mit dem im Tach- 
hydrit vorkommenden CaCl umgesetzt und findet sich dess- 
halb an dieser Stelle gar kein Tachhydrit, wohl aber schlam- 
miger Gyps, wie solcher durch Fällung aus Ca CI entsteht. 

Das Vorkommen des krystallisirten Kainits ist hier 
zum ersten Male beobachtet worden. A. Frank giebt dem- 
selben die Formel: 

K0,S03 -f MgO,S03 + MgCl + 6H0 
oder vielleicht besser die Formel: 

KO,S03 + MgO,S03|^g(3; 

welche den Kaiuit als eine schwefelsaure Kalimagnesia erschei- 
nen lässt, in welcher an die Stelle von einem Atom Krystall- 
wasser ein Atom Chlormagnesium getreten ist. Durch die 
zweite Formel wird lür den Kainit eine leichte Einordnung 
in die sonst angenommene chemische Gruppirung gewon- 
nen und erhält man danach die folgende Beihe krystallisirt : 

1) Schwefelsaure Magnesia MgO,S03 + 7H0. 

/KOjSO^ 

2) Schwefelsaure Kalimagnesia MgO,SO^ + \ q^q ' 

rK0,S03 

3) Kainit MgO^SO^ -f { MgCi 

[5H0. 

{Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 6. Juni 1868.). 

Seh. 



Zur Yerliütiiiig des Kesselsteins. 

Unter den vielfachen, oft wirkungslosen Mitteln, die man 
gegen den Kesselstein, diese Calamität aller Dampfmaschinen- 
besitzer, empfohlen hat, dürfte das folgende seinen Zweck 
erfüllen. Friedrich empfiehlt rohen Holzessig, von 
welchem man dem Speisewasser nur so viel zusetzt, dass 
Lackmuspapier schwach geröthet wird. {Journ. de yharm. et 
de chim.). Fi. 



135 



II. Organisclie dieniie im A.llge- 
memen xuid Pliytodiemie. 



Pharbitis Ml Clioisy, 

ein Ersatzmittel der Jalape. Dieses Gewächs, von Rox- 
burgh Convolvulus coeruleus genannt, ist in Indien 
sehr verbreitet aber mehr in den mittleren und nördlichen 
Districten als in den südHchen. Seinen Samen findet man 
dort allgemein auf den Märkten unter dem IS amen Kaladana 
als Purgirmittel feil geboten. Der Speciesname ist hindosta- 
nischen Ursprungs, bedeutet blau und bezieht sich auf die 
Farbe der Blumen. 

Der Same ist schwarz, besitzt im frischen Zustande einen 
sehr widrigen Geruch, der aber beim Trocknen abnimmt und 
weiterhin ganz verschwindet, schmeckt anfangs süsslich, 
dann sauer. 

Dr. Shanghelly in Calcutta fand darin ein Harz, 
Gummi, Amylon, fettes Oel. Nach seinen und mehrer andrer 
Aerzte Erfahrungen ist der Same in Gaben von 1^2 bis 
2 Grammen ein kräftiges Abführmittel, welches etwa die 
Mitte hält zwischen Jalape und Rhabarber. Seine Wirksam- 
keit ist in dem Harze concentrirt und würde daher letzte- 
res sich wohl am besten für die medicinische Praxis eignen. 
Auch durch seinen billigen Preis im Vergleiche zur Jalape 
empfiehlt sich dieser Same zur Einführung in die Materia 
medica. {Journ. cl. Chirn. nmlic. 1866, 437. Wütstein's Vier- 
tel] ahrsschrift 1868. Bd. 17. H, 3. S. U6.). H. L. 



lieber cyaiihaltiges Eisenoxydhydrat. 

H. Rein seh fand, dass sich bei der Bereitung von 
schwefelsaurem Eisenoxyd aus Ferrum oxydat. fuscum , das 
er als angeblich reines Präparat aus einer chemischen Fabrik 



136 Zusammensetzung- der Krystalle von Aethernatron. 

bezogen, die Flüssigkeit nach kurzer Zeit in eine weisse 
Krystallmasse verwandelte. Beim Lösen dieser Salze in 
wenig HO erhielt er eine nickelgrüne Flüssigkeit, die nach 
24 Stunden einen reichlichen Absatz von Berlinerblau zeigte. 
Wahrscheinlich war zur Fällung des Fe^O^ cyanhaltiges koh- 
lensaures Kali oder Natron verwandt worden. 

Diese Thatsache ist jedenfalls für gerichtliche Unter- 
suchungen wichtig, wenn jemand als Gegenmittel bei Arsen- 
vergiftung mit derartigen Cy haltigen Fe^O^ behandelt 
würde. {Neues Jahrltuch für Pharmacie, Bd. XXX. Heft 1. 
Juli 1868.), C. F. Sek. 



Zusammensetzung der Krystalle Ton Aethernatron 
nach A. Gfeuther und E. Scheitz. 

Es ist bekannt, dass, wenn man Natrium auf absoluten 
Alkohol einwirken lässt, nach dem Erkalten aus der warmen 
dicken Flüssigkeit völlig durchsichtige farblose nadeiförmige 
Krystalle abgeschieden werden. Wendet man auf 1 Th. Na- 
trium 10 Th. Alkohol a,n, so befindet sich nach Beendigung 
der Reaction Alles in Lösung oder ist wenigstens durch 
Erwärmen leicht in diese zu bringen; wendet man nur 8 Th. 
Alkohol an, so ist schon eine anhaltende Erwärmung nöthig, 
um dies zu erreichen, und bei noch weniger Alkohol, etwa 
6 Th. gelingt es gar nicht mehr, eine völlige Lösung zu 
erhalten ; es überzieht sich das Natrium mit weissen, undurch- 
sichtigen, unkrystallinischen Krusten, welche die weitere Ein- 
wirkung sehr verlangsamen. Dieselben lösen sich leicht, 
wenn man mehr absoluten Alkohol zufügt und es erscheinen 
dann beim Erkalten, wie in den übrigen Fällen bloss jene langen 
klaren Kry stallnadeln. Es hat nicht den Anschein, als ob 
die weissen Krusten und die durchsichtigen Krystalle einerlei 
Zusammensetzung hätten. Um die Verbindung C^H^NaO^ 
aus diesem Product der Einwirkung von Natrium auf absolu- 
ten Alkohol zu erhalten, genügt es nicht, dasselbe einer 
Temperatur von 100^ C. auszusetzen, um sämmtlichen über- 
schüssigen Alkohol zu entfernen ; man muss dieselbe vielmehr 
bis auf 180^ steigern. 

Die zurückbleibende Verbindung erscheint vollkommen 
unkrystallisirt und zeigt an vielen Stellen noch die Gestalt 
der ursprüngl. vorhandenen Krystalle , die aber nun das An- 
sehen einer stark verwitterten Substanz besitzen. Diese 



üeber die Einwirkung des Aethernatrons auf die Aether etc. 137 

Erscheinung, zusammen mit der schwierigen Verflüchtigung 
des Alkohols liess vermuthen, dass die zuerst entstehenden 
farblosen durchsichtigen Krystalle nicht blosses Aethernatron, 
sondern vielmehr eine Verbindung desselben mit Alkohol seien. 

Die analytische Untersuchung, welche Dr. Scheitz mit 
denselben vorgenommen, hat diese Vermuthung bestätigt und 
für sie die Zusammensetzung C^H^^aO^ -f- 2C^H^0^ ergeben. 

Zu ihrer Darstellung verwandte Dr. Scheitz ein, am 
einen Ende zugeschmolzenes, am anderen ausgezogenes länge- 
res Glasrohr, in welchem auf 8 Th. absoluten Alkohol 1 Th. 
Natrium wirken gelassen wurde. Nachdem Alles durch 
Erwärmen in Lösung gegangen war, wurde das Rohr zuge- 
schmolzen, nach dem Erkalten durch Umdrehen desselben die 
Mutterlauge von den Krystallen so viel wie möglich ablaufen 
gelassen und in dieser Stellung die Spitze abgebrochen und 
die Mutterlauge entfernt. Die Krystalle wurden dann entwe- 
der sogleich oder erst nach raschem Abwaschen mit wasser- 
freiem Aether (wobei sich freilich ein grosser Theil löste) aus 
dem unmittelbar über ihnen abgeschnittnen Rohr auf Fliess- 
papier gebracht, damit möglichst rasch und vollkommen abge- 
presst und gewogen. Absoluter Alkohol löst sie noch leichter 
als Aether. Die Formel 1^3iO,C^B.^O -i- 2Cm^0^ verlangt 
19,4 Proc. Natron; gefunden wurden bei 2 Bestimmungen 
jedesmal 19,0 Proc. NaO. 

Die Krystalle verlieren im leeren Räume über Schwe- 
felsäure unter Verwitterungserscheinungen ihren Alkohol 
und werden zu der Verbindung C^H^NaO^. Die Formel 
NaO,C^H50 -f 2C*H602 verlangt 57,5 Proc. Verlust an Alko- 
hol. Der Versuch ergab 57,2 Proc. Verlust. {Jenaische Zeit- 
schrift f. Medicin u. Naturwissensch. 1868. #. Bd. H. 1. S. 16 
— 18.). H.L. 



lieber die Einwirkung des Aetliernatrons auf die 
Aetlier einiger Kohlenstoffsäuren 

hat Prof. A. Geuther Versuche angestellt und ist zu fol- 
genden Resultaten gekommen: Wenn Aethernatron auf 
die Aether der Essigsäure, Ameisensäure, Oxalsäure und Koh- 
lensäure einwirkt, so bilden sich die nämlichen Producte wie 
bei Einwirkung des Natrium, indem die Entstehung jener 
Producte durch die anfängliche Enstehung von Aethernatron 
bedingt ist: 



138 Ueber die Einwirkung des Aethernatrons auf die Aether etc. 

1) Bei Einwirkung von Aethernatron auf Essigäther 
entsteht Aethyldiacetsäure (charakterisirt durch ihr Ver- 
halten gegen Eisenchlorid , durch welches sie dunkelkirsch- 
roth gefärbt wird) und kleine Mengen von Dehydracet- 

(NaO,C^H50) -{- 2(C^H602) + 2(C4H50,C^H303) 
=4(C^H602) + NaO,Ci2H905 (äthyldiacetsaures Natron). 

2) Ameisensäureäther wird durch Aethernatron 
vollständig in Alkohol und Kohlenoxydgas zerlegt. 

3) Oxaläther zerfällt unter dem Einflüsse des Aether- 
natrons in Kohlenoxydgas und Kohlensäureäther. 
Nebenbei enstehen zwei braune amorphe Säuren, die „Ni- 
grinsäure" Löwigs = C^^H^O^ und eine braune Säure 
der Formel C^'^H 1*0 12. sodann Alkohol, Ameisensäure- 
äther, ätherkohlensaures Natron und oxalsau- 
res Natron. 

Ein nahezu richtiges Bild des Hergangs giebt die fol- 
gende Gleichung: 

12(2C*H^O,C*06) -f- 8(NaO,C*H50) == 8(2C*H50,C204) 
+ (NaO,Ci*Hö05) 
+ (2NaO,C2*Hi20io) + 2(C*H50,C2H03) -f (2NaO,C*06) -f 
3(NaO,C*H50,C20*) + Q{C^R'0^y 
Die erläuterte Einwirkung des Aethernatrons auf den 
Oxaläther liefert den Schlüssel zur Erklärung der so son- 
derbaren und bis jetzt unerklärten Einwirkung des Natriums 
auf den Oxalsäureäther. Nicht das Natrium als solches 
veranlasst die Bildung von Kohlensäureäther aus dem 
Oxaläther, sondern das erst durch dasselbe gebildete Aether- 
natron. 

Die Einwirkung des Aethernatrons auf Kohlensäure- 
äther verläuft so, dass ätherkohlensaures Natron und 
Aether gebildet werden: 

(2C*H50,C20*) + (NaO,C*H50) = (Na0,C*HS0,C20*) 

-j- 2(C*H50). 
Die Einwirkung des Natriums auf den Kohlensäureäther 
verläuft nach der Gleichung: 

3(2C*H50,020*) + 2Na = C^O^ + 2(NaO,C*H50,C20*) 

4) Benzoesäureäther giebt mit Aethernatron bis 
160** erhitzt der Hauptsache nach benzoesaures Natron und 
Aether. {Zeitschrift f. Medicin und 'Natur Wissenschaft, Jena. 
Mitte März 1868.). H. L. 



üeber die Identität des künstlichen u. des natüiiiclieu Neurins. 139 

Ueber die Identität des ktiustlichen und des natür- 
lichen Neiirins. 

In einem früheren Referate ist mitgetheilt worden, dass 
A. Wurtz auf synthetischem Wege durch Einwirkung von 
Trimethylamin auf einfach- chlorwasserstoffsaures Glykol Neu- 
rin dargestellt hat. Das chlorwasserstoffsaure Salz des Tri- 
methyloxäthylammoniums , welches auf diese Art erhalten 
wird, schien nach A. Wurtz mit dem chlorwasserstofiFsauren 
Salze des Xeurins identisch zu sein, welches mit dem aus 
Gehirn dargestellten Neurin bereitet war. Wurtz hat nun 
weiter gezeigt, dass die Platinchlorid -Doppelsalze des Tri- 
methyloxäthylammoniums und des Neurins identisch in ihrer 
Form sind. Auch in der Löslichkeit in Wasser und in der 
ünlöslichkeit in Alkohol stimmen die beiden Platinchlorid - 
Doppelsalze vollständig miteinander überein. Auch hat A. 
Wurtz aus dem chlorwasserstoffsauren Salze des künstlichen 
Neurins durch Reduction desselben mittelst Jodwasserstoff- 
säure bei Anwendung von Phosphor und bei 140^, d. h. nach 
demselben Verfahren, wie es Bayer für das chlorwasser- 
stoffsaure Salz des aus Gehirn dargestellten Neurins angege- 
ben hat, das Jodür des Trimethyljodäthylammoniums darge- 
stellt. Bei dieser Reduction vermittelst Jodwasserstoffsäure 
geht die Oxäthylbase in eine Jodäthylbase über 

(c4S) } ^'Cl + 2HJ = [c5J5y } NJ +IPO +HC1. 

Wird das entstandene Jodür der Jodäthylbase durch 
Kochen mit Wasser und Silberoxyd zersetzt und das ent- 
standene Hydrat mit Chlorwasserstoffsäure neutralisirt und 
mit Goldchlorid zersetzt, so bildet sich das Goldchlorid- Dop- 
pelsalz des Trimethylvinylammoniums von der Formel 

(C?H3/ I ^'Cl + AuCP. 

Die verdünnte Lösung des Neurins kann zum Kochen 
erhitzt werden, ohne sich zu zersetzen. Beim Erhitzen einer 
concentrirten Lösung von ^eurin entwickelt sich dagegen 
beim Sieden Trimethylamin. Dieselben Erscheinungen treten 
bei Anwendung von künstlichem Neurin ein. Erhitzt man 
eine concentrirte Lösung von künstlichem IS'eurin zum Sieden, 
so spaltet sich dasselbe in Trimethylamin und Glykol ; doch 
treten noch andere Zersetzungsproducte auf, möglicherweise 
Polyäthylenalkohole, gebildet aus dem Glykol durch Fixirung 
von Aethylenoxyd 



140 Untersuchung einiger Salze d. natürliclien u. künstlich. Yaleriansäure. 

c CoH } ^^'OH = (CH3) m+cm^[ '^^ 

Trimethyloxäthyl- 1 ^ . ^, , . ^ i i 
ammoniumoxydhydrat. | Tnmethylamm. Glykol. 

In der bei der Destillation des künstlichen ISTeurins erhal- 
tenen Flüssigkeit findet sich neben Trimethylamin auch wie- 
der Xeurin, welches sich durch die Einwirkung des Aethy- 
lenoxyds auf das Trimethylamin regenerirt hat. Diese Bildung 
von Neurin veranlasste A. Wurtz eine neue Synthese des 
Neurins zu versuchen. Durch Einwirkung einer concentrirten 
Lösung von Trimethylamin und Aethylenoxyd bildete sich 
eine dickliche Flüssigkeit, welche nach der Neutralisation auf 
Zusatz von Goldchlorid den charakteristischen gelben, aus dem 
Goldchlorid -Doppelsalz des Neurins bestehenden Niederschlag 
gab. Bei dieser Synthese bildet sich also das Neurin direct 
durch Zusammenfügen der Elemente des Trimethylamins , des 
Aethylenoxyds und des Wassers nach der Gleichung 
(CH3)3N _j_ C2H402-f- H^O 

Trimethylamin -|- Aethylenoxyd 
= Neurin==(.2^,0^[N,0H. . 

{Ännalen der Chemie und Pharmacie , VI. Supplementhand, 
2. Heft, August 1868.). Seh. 



Untersuchung einiger Salze der natürlichen und 
künstlichen Yaleriansäure. 

Zwischen beiden Säuren waren bisher Verschiedenheiten 
angenommen worden, welche sich besonders im Chininsalze 
äussern sollten. 

C. Stalmann hat dergleichen Unterschiede, mit einer 
einzigen Ausnahme, welche aber nicht bei den Chininsalzen, 
sondern bei den Barytsalzen stattfindet, nicht zu constatiren 
vermocht. 

Diese Abweichung zwischen den beiden Barytsalzen 
wurde schon von Dumas und von Lucian Bonaparte 
bemerkt. Stalmann stellte die Barytsalze durch Neutra- 
lisation von Barytwasser dar. Während das Barytsalz der 
natürlichen Säure im Vacuum über Schwefelsäure leicht in 
grossen Blättern krystallisirt, war es dem Autor unmöglich, 
das aus der künstlichen Säure dargestellte Barytsalz zur 



Verfölschte Nahrungsmittel und ihre Erkennung. 141 

Krystallisation zu bringen. Das aus der natürlichen Säure 
dargestellte Barytsalz hat die Formel: 

BaO,CioH903 + 2aq. 

Die Chininsalze beider Scäuren sind identisch, jedoch hat 
S talmann für die Chininsalze eine andere Formel berechnet, 
als Lucian Bonaparte früher angegeben hat. Das vale- 
riansaure Chinin hat die Formel: 

C*oH24X20i, HO, C10H9O3. 

Aus der Krystallisationsunfahigkeit des aus künstlicher 
Yaleriansäure dargestellten valeriansauren Baryts schliesst 
C. Stalmann, dass die beiden Säuren nicht identisch, son- 
dern nur isomer sind. {^Annalen d. Chemie und Pharmacw, 
Bd. UT, Augustheft 1868.). Seh. 



Yerfälsehte Nahrungsmittel und ihre Erkennung. 

Der Zucker. Man wende nie weichen, schmierigen, 
angelaufen und gelblich erscheinenden Zucker in der Haus- 
wirthschaft an ; er erhält seine schlechte Beschaftenheit durch 
beigemengte Glykose, welche man daran erkennt, dass 
Zucker, Wasser und Kalilauge im Verhältniss von 1:2:3 
zusammen erhitzt werden ; eine gesättigt braune Farbe 
und ein Caramelgeruch lassen hierbei auf Beimengung der 
Glykose schliessen. 

Chocolade wird mit Kreide, Eierschalen, Sägespähnen, 
Ocker, Eisenoxyd etc. vermischt. Ein Aufkochen mit Wasser 
genügt, um diese Beisätze kenntlich zu machen, die dabei 
zu Boden fallen. 

T h e e ist vielfach mit Kupfersalzen und durch Campeche- 
holz gefärbt. Die Kupfersalze weist eine Digestion des Thees 
mit Ammoniakflüssigkeit nach. Campecheholz wird 
durch Aufweichen des Thees in wenig destill. Wasser, Auf- 
rollen eines Blattes und Pressen eines solchen zwischen rei- 
nem Papier erkannt : es bleiben schwarze und durch Befeuch- 
ten mit verdünnter SO^ roth werden Flecken auf dem Papiere 
zurück. 

Pfefferkörner werden durch Samen von Rhamnus 
infectoria, Kartoffelstärke und Pressrückstände von der Be- 
reitung des Hanf- und Rüböls, welche durch Curcuma gelb 
gefärbt sind, nachgekünstelt. Durch einfaches Ueberschütten 
der Körner mit Wasser fallen dieselben auseinander. 

Gelee von Stachelbeeren und anderen Früch- 
ten. Verschiedene Fruchtsäuren werden durch Saft von 



142 Chemische UntorsiichuTi^^en über die Wachsarten. 

rothen Rüben gefärbt und mit Gelatine versetzt. Solclie 
Gelee giebt beim Erhitzen im Platinlöffel einen von dem zer- 
setzten Leim herrührenden üblen Geruch nach angebranntem 
Hörn. {La petite Presse 1867. Zeitschr. f. d. gesmnmt. Na- 
turwissenschaft. 1868 ^ Mai, S, 377.). , H. L. 



Cliemisclie Uiitersucliungen über die Wachsarten 
Ton Lies-Bodart. 

Seitdem aus Amerika grosse Mengen Paraffin - haltigen 
Wachses kommen , streben die Käufer nach einer sichern 
Methode der Bestimmung des Kohlenwasserstoffes C^'^H^*, 
der im Wachse enthalten ist. Die Methode von Lies- 
Bodart besteht in Yerseifung und Aetherbildung. 
Die Operationen wurden in böhmischen Gefässen vorgenom- 
men, die ohne zu zerbrechen die stärksten Temperaturwechsel 
aushalten. 

5 Grm. Paraffin - haltiges Wachs wurden in 50 CC. Amyl- 
alkohol gelöst und im Wasserbade auf 100^ erwärmt, ande- 
rerseits wurden 100 CC. rauchende, mit dem halben Volumen 
Wasser verdünnte Schwefelsäure auf 100^ erhitzt, in den 
Alkohol geschüttet und über dem Eeuer erhalten , bis alle 
Blasen entwichen waren, dann erkalten gelassen. Es wird so 
ein Kuchen erhalten, dessen Gewicht mehr als das doppelte 
Gewicht des angewandten Wachses beträgt. Es ist ein Ge- 
raenge von Paraffin, Melissylalkohol , cerotinsaurem und pal- 
mitinsaurem Amyläther, die letzten drei schon etwas durch 
die überschüssige Schwefelsäure verändert. Dieser Kuchen 
wird im Wasserbade bei 100^ mit 50 CC. Schwefelsäure- 
monohydrat und 25 CC. Nordhäuser Schwefelsäure behandelt. 
Die sehr massige Einwirkung dauert etwa zwei Stunden ; in 
allen Eällen so lange, bis sich selbst beim Rühren mit einem 
Glasstabe keine Gasblasen mehr entwickeln; es ist nothwen- 
dig, um alles Wachs zu verkohlen. 

Kach dem Erkalten bleibt ein kohlehaltiger Kuchen, der 
ausgepresst und in 50 CC. Amylalkohol gelöst wird ; die Lö- 
sung filtrirt man durch einen mit heissem Wasser erwärmten 
Doppeltrichter und wäscht zweimal mit je 50 CC. des Alko- 
hols nach, so dass im Ganzen 150 CC. Lösung erhalten wer- 
den. Die Lösung wird auf 100^ erhitzt und 70 CC. einfach 
gewässerte Seh w^efel säure dazugebracht, die nahezu nöthige 
Menge, um den Alkohol in Sulfamylsäure zu verwandeln, die 



Chemisclie Untersuchungen über die Wachsarten. 143 

nach Roard Paraffin nicht löst, und noch 10 Minuten erhitzt. 
IS^ach dem Erkalten erhält man einen Paraffinkuchen, den man 
nach Roard' s Methode reinigen kann. Bei guter Verkoh- 
Inng genügen zwei Reinigungen , so dass das letzte Product 
genau die Paraffinmenge ist. Bei 5 Grm. Wachs mit 29^0 1*2,- 
raffin wurden 1,39 Grrm. Paraffin erhalten. 

Nach dieser Methode wird das Paraffin nicht angegriffen, 
wie es nach Landolt's Methode mit reiner Nordhcäuser 
Säure geschieht. 

Bei der Verseifung verfährt man folgendermassen : 
Man löst bei 100^ 20 Grm. reines Wachs in 50 CC. 
Amylalkohol und bringt dazu 50 CC. auf 100*^ erhitzte Schwe- 
felsäure, wodurch die erste Verseifung bewirkt wird. Nach- 
dem man einige Augenblicke geschüttelt hat, nimmt man vom 
Feuer ab und stellt das Gefäss in kaltes Wasser. Man 
erhält einen Kuchen (A) und eine Flüssigkeit (B). 20 andere 
Grm. Wachs werden ebenso behandelt und geben dieselben 
Producte A und B. Die Kuchen A werden in 50 CC. Amyl- 
alkohol gelöst und 50 CC. derselben Schwefelsäure dazu 
gebracht Diese dritte Operation ergiebt einen Kuchen A' 
und eine Flüssigkeit B'. A' wird wie A behandelt und nach 
5 Operationen erhält man einen Kuchen von ganz veränder- 
tem Aussehn: er ist weiss, seidenglänzend, sehr fettig und 
lässt sich leicht kneten. Es ist fast reiner Melissylalko- 
h 1 , der ein schweres Oel abgiebt , das in Oolith - Form 
erstarrt, je nach der Menge der Substanz wie eine Nuss, 
eine Erbse, ein Fischei gross. Dieser Körper ist wahrschein- 
lich cerotinsaurer Amyläther, Schmelzpunct 44^. 

Die Flüssigkeiten B, B' u. s. w. werden vereinigt und in 
eine grosse Menge Wasser C gegossen. Eine feste Masse 
steigt an die Oberfläche, und wenn die Flüssigkeit C klar 
ist, wird filtrirt. Die Masse wird vom Filter abgenommen, 
in Wasser geschmolzen und mit Aether behandelt, der den 
cerotinsauren und Palmitinsäuren Amyläther löst, gar nicht oder 
nur wenig den Melissylalkohol angreift. 

Nach dem Verdunsten des Aethers bleibt in dem Glase 
ein Gemenge eines Oeles mit einem krystallisirten Körper; 
man filtrirt bei mindestens 20*^, wobei das Oel allein abfliesst. 
Der feste Körper ist Duffy's palmit in saurer Amyl- 
äther und kann gewissermassen als Thermometer dienen, 
indem er jeden Morgen fest war, bei etwa 14 •^ flüssig wurde. 

Die Flüssigkeit C wurde auf L e w y ' s C e r o l e i n unter- 
sucht. Sie wurde in zwei gleiche Theile getheilt, zum Sieden 



144 Verbindung v. Phenol m. Kohlensäure. — Paraffinkerzen schwarz färben. 

erhitzt, um die Sulfamylsäure zu zersetzen, mit kohlensaurem 
Baryt gesättigt, wobei sich durchscheinende hübsche Tafeln bil- 
deten, die das Licht sehr gut polarisirten. Wahrscheinlich ist 
es sulfomelissyls aurer Baryt. Die zweite Hälfte der 
Flüssigkeit C wurde mit kohlensaurem Natron gesättigt, und 
hierüber, wie auch Weiteres über Wachs und fette Körper 
überhaupt wird Lies-Bodart später berichten. {Journ. de 
yharm. et de chim.). R. 



lieber eine Verbindung yon Phenol mit Kohlensäui'e. 

Bringt man nach L. Barth Phenol auf poröse Körper 
getropft in eine Natterer's che Flasche , füllt sie mittelst 
der Compressionspumpe etwas über die Hälfte mit flüssiger 
Kohlensäure und lässt dann mehre Tage stehen, so findet 
man nach dem Oeffnen der Flasche den Phenylalkohol in 
eine krystallisirte Substanz verwandelt, die der äusseren Gre- 
stalt nach die grösste Aehnlichkeit mit den W'ürfel förmigen 
Aggregaten von Steinsalz hat. Die Krystalle sind nur in 
der Kälte haltbar, zersetzen sich beim Stehen an der Luft 
langsam und schmelzen unter Zersetzung bei 27^. Sie schei- 
nen aus einer, wenn auch sehr lockeren Verbindung von 
Phenol mit Kohlensäure zu bestehen und nach der Formel 
4Qi2^6Q2 _|_ QQ2 zusammengesetzt zu sein. {Annalen d. 
Ch. u. Pharm. CXLVIII, 49 — 50. Octoher 1868.). G. 



Paraffinkerzen schwarz zu färben. 

Solche bei Trauerfeierlichkeiten verwendete Kerzen erhält 
man wie folgt. 

Man erhitzt das zu den Kerzen bestimmte Paraffin zum 
Kochen, wirft einige Anacardienschalen hinein und erhält 
noch eine Zeitlang warm; das in diesen Schalen enthaltene 
dunkele Harz löst sich auf und ertheilt dem Paraffin eine 
dunkelbraune Farbe, die beim Erkalten in Kohlschwarz über- 
geht. {Böttgers yolyt. Notizblatt 1867 ^ Nr. 2. Wittsteins 
Vierteljahrsschrift 1868, S. 583.). HL. 



Üb 



TU. Botanik nnd Pliarmaco^iiosie. 



Beständige Forin der Bäume abhängig Ton der 
Umdrehung der Erde. 

In der SitzuTig- vom 15. April 1868 der Versammlung 
der gelehrten Gesellschaften Frankreichs lenkte Musset, 
Mitglied der Akademie von Toulouse, die Aufmerksamkeit der 
Versammlung auf eine beständige Form der Bäume, 
auf die man bisher noch nicht geachtet hat. In allen Fällen 
sind die Stämme der Bäume nicht kreisrund, sondern 
elliptisch; sie zeigen beständig in der Richtung von We- 
sten nach Osten eine Verlängerung und auf den Seiten nach 
Norden und Süden eine Abplattung. 

Der Durchschnitt eines Stammes bietet daher einen 
grossen und einen kleinen Durchmesser, deren Richtung bei 
allen Bäumen, die sich unter normalen Umständen entwickelt 
haben, sei es in der Ebene, sei es auf Bergen, identisch ist. 
Diese Richtung rührt von dem Einflüsse der Ro- 
tation der Erde her. Die Entwickelung der grossen 
Zweige stützt diese Hypothese. 

Der Vorsitzende, Leverrier, bemerkt, dass man die 
Form der Bäume auch dem Einflüsse des Windes 
zuschreiben könne, der in Frankreich, wie in England, vor- 
herrschend in der Richtung der Verlängerung der Baum- 
stämme weht. Musset glaubt sieh berechtigt, den Einfluss 
des Windes auf die Form der Bäume zu leugnen, denn zu 
Toulouse ist der Südwind der vorherrschende, und hat er 
Bäume beobachtet, die dem Winde sehr ausgesetzt f^ind und 
nichtsdestoweniger keine Ausnahme von der allgemeinen Re- 
gel bilden. {Flora. Nr. 22. S. 348. Bcgcnshurg, d. 30. Aug. 
1868). H. L. 



Bas grösste Exemplar Ton Dracaena Draeo. 

Nach der Vernichtung des weit und breit berühmten 
Baumriesen in der Villa da la Orotava auf Tenerife ist der 

Arch. d. Pharm. CLXXXVIU. Bds, 1. u. 2. Hft. lO 



146 Baumpflege in Russland. 

Eaiim zu Icod de los vinos auf derselben Insel das grösste 
Exemplar Yon Dracaena Draco. Es ist völlig" gesund und 
unversehrt, hat, 8 Fuss über dem Boden, einen Umfang von 
9^2 Meter und eine Höhe von 60 bis 70 Fuss. {Flora, 
Nr. 22. S. 350. 30. Aug. 1868.). 
Le roi est mort, vive le roi ! H. L. 



Baumpflege in Eussland. 

Die Versuche der russischen Regierung, Waldansamm- 
lungen und Anpflanzungen anzulegen, sind meistens, da sie 
durch Beamte betrieben wurden, vollständig misslungen, so 
z. B. in der Kalmückensteppe im Gouv. Astrachan. 

Es wurde dabei die Erfahrung gemacht, dass fast nur 
Weiden auf diesem Boden einigermaassen gedeihen, während 
alle edleren Baumsorten der Dürre des Sommers erlagen. 
Einen entschieden günstigen Erfolg hatten die Bemühungen 
der Regierung bisher hauptsächlich nur im nördl. Taurien 
bei Aleschki gehabt, wo man seit den 30ger Jahren den losen 
Sand durch Anpflanzung befestigt und zwar zuerst mittelst 
Salix acutifolia. Ist der Boden einmal gebunden, dann 
gedeihen auch Schwarzpappel und Kiefer, die weisse 
Robinie (R, Pseudacacia) und der Götterbaum (Ailan- 
thus glandulosa). Von 1834 bis 1859 wurden in dieser 
Weise 7500 Dessjätinen (gegen 1^2 Quadi^atmeilen) bepflanzt 
und zum Theil schon in recht hübsche Wäldchen verwandelt. 
Im vergangenen Jahre ist auch zur Bewaldung der Krim eine 
besondere Commission abgeschickt worden. Ohne Kosten und 
Mühe von Seiten der Regierung haben aber die deutschen 
Ansiedler in JSTeurussland, besonders die Mennoniten, 
auf der grossen Landstrasse von Kertsch bis Jekaterinoslaw, 
die über die Landzunge von Arabat, über Melitopol und 
Orzechow führt, der öden Steppe schöne Waldflächen abge- 
rungen. 

Die Feldmarken der Mennoniten haben ein laub- und 
schattenreiches, fast parkähnliches Ansehen gewonnen, welches 
ein neuerer Reisender mit landschaftlichen Bildern von Eng- 
land vergleicht. Im Jahre 1856 nahmen die angelegten 
Gemeindewaldungen bereits 515 Dessjaetinen ein und sie deh- 
nen sich von Jahr zu Jahr w^eiter aus. 

Das Beispiel der Mennoniten feuert auch ihre russischen 
und tatarischen Nachbarn zu einer Nacheiferung in der Baum- 



Eine tausendjährige Eiche. 147 

pflege an. Im Jahre 1824 (?) verkauften sie an diese 
73,770 Wald- und Maulbeerbäume und 5890 Obstbäume, 
Was die Baumarten betrifft, die durchweg in ganz Südruss- 
land mit Ausnahme der Sandflächen und Salzsteppen am 
besten gedeihen, so sind es folgende: die Eiche (Quercus 
pedunculata) , die 2 K,üsterarten: ülmus campestris und 
U. tataricus und die weisse Robinie. Die stachliche G 1 e - 
ditschia triacanthos, welche sich sehr zu Hecken eignet, 
wächst auch gut, sowie die gewöhnlichen Heckensträucher 
und Rainweide, Ligustrum vulgare. {Flora 1868. Nr. 24. 
S. 380.). H. L. 



Eine tausendjährige Eielie. 

Der „Neuen Hannoverschen Zeitung" wird aus Melle 
vom 11. Dec. 1868 berichtet: „Auf Ledebur's Hofe in 
Wetter ist von dem heftigen Orkan am 7. Decbr. auch die 
tausendjährige Wintereiche umgestürzt, welche in dem vor- 
maligen Königreiche Hannover lange Zeit wohl der dickste 
und schönste Stamm war. 

Am Boden hielt der gewaltige Stamm 40 hannover. 
Fuss im Umfange und breitete in einer Höhe von 20 Fuss 
rundum seine Biesenäste aus, welche er bis dahin beinahe 
alle behalten hatte; nur ein kleinerer Ast war ihm von dem 
furchtbaren Sturme im Jahre 1800 genommen. Die ganze 
Holzmasse, welche jetzt niedergestreckt in mehr als tausend 
Stücken am Boden liegt, beträgt mindestens 30 einspännige 
Fuder. Das Holz selbst ist durchgängig noch brauchbar. 
Noch im letzten Herbste trug der Baum vollständig ausge- 
wachsene Eicheln. 

Unter seinen mächtigen laubreichen Aesten versammelten 
sich im Mittelalter die Freien dieses Amtshofes, die soge- 
nannten Wetterfreien, um ihre Rechte zu wahren und Strei- 
tigkeiten unter ihren Mitgliedern zu schlichten. Da der Be- 
sitzer dieses Hofes im Kriege als Reiter dienen musste , ist 
es nicht unmöglich, dass König Wittekind schon im Schat- 
ten dieser Eiche geruht hat. Sie stand neben dem Wohn- 
hause, mitten zwischen grossen Oekonomiegebäuden , und 
konnte nur nach einer Seite hin ohne grössten Schaden stür- 
zen. Ein glücklicher Zufall hat sie genau auf diesen Fleck 
hingestreckt, ohne den geringsten Nachtheil, bis auf das Zer- 
schmettern ihrer Aeste, von denen einer 3 Fuss dick ist.*' 
{Weimai'ische Zeitung, vom 22. Dec. 1868.). H. L. 

10* 



148 Lebenszähigkeit d. Lewisia etc — Californ. Früclite. — D. Gurunussbaum. 

Lebenszähigkeit der Lewisia rediviya. 

Diese portulakartige , fleischige , grossblumige Alismacee, 
welche in Britisch Columbia, Oregon und Californien wächst, 
fährt fort zu wachsen, obschon 2 bis 3 Jahre lang in Herba- 
rien aufbewahrt und treibt mitten durch das Papier Schöss- 
linge. Eine derselben tauchte man vor dem Trocknen in 
siedendes Wasser, um ihre ISTeigung zum Wachsen zu zerstö- 
ren. Anderthalb Jahre darauf gab sie neue Zeichen von Le- 
ben und entfaltete im Mai 1863 im Königl. Garten zu Kew 
sehr schöne Blumen. {Les Mondes. Ausland 1867. Nr. 8. 
Wittstein's Vierteljahrsschrift 1868. S. 583.). H. L. 



Caüfornische Früchte. 

In den südlichen Counties von Californien widmet man 
dem Anbau der Südfrüchte grosse Sorgfalt. 

In Los Angelos, welches sich auch durch Weinbau aus- 
zeichnet, ergaben im vorigen Jahre 1480 Citronenbäume 
durchschnittlich jeder 2000 Citronen und der Verkauf der- 
selben brachte einen Erlös von 88,920 Dollars. Die Ernte 
von 3508 Wallnussbäumen trug 105,240 Dollars ein. 

Von San Francisco werden caüfornische Weintrauben 
mit den Panamadampfern nach New -York versandt. (Flora 
1868. Nr. 24:. S. 383.). B, L. 



Der Grurnnussbauin im Müiiehener botanischen Oarten. 

In der vorjährigen (1868) grossartigen Münchener Blu- 
menausstellung im dortigen Glaspalaste fiel unter anderen 
neuen Pflanzen die Sterculia acuminata Beauv. (Cola 
acuminata K Br.), der Gurunussbaum, auf. Diese Pflanze 
wurde von Herrn Kolb, dem thätigen Inspector des bot. 
Gartens, als das erste Exemplar, welches in europäischen 
Gärten existirt, ausgestellt. 

Der Reisende G. Rohlfs sandte an H. B. v. Liebig 
einige Samen zu einer chemischen Untersuchung, von denen 
Herr Kolb ein Stück erhielt, aus welchem das genannte 
Pflanzenexemplar im warmen Gewächshause entwickelt wer- 



Coelebagyne ilicifolia S\v. 141) 

den konnte. Dieser Baum, zu den Sterculiaceen gehörig, 
ist in Guinea zu Hause. Seine Samen sind unter dem 
Namen Kolanüsse oder Grurunüsse sehr bekannt und 
stehen bei den Negern in grossem Ansehen. Sie werden 
fast allgemein vor jeder Mahlzeit und auch sonst häufig 
gekaut, doch nicht eines besonderen Wohlgeschmackes wegen, 
sondern weil sie die Eigenschaft besitzen sollen, allem nach 
ihnen Genossenen einen guten Geschmack zu ertheilen, was 
besonders für das oft sehr schlechte und faulige Wasser gilt. 
Auch haben sie die Eigenschaft, den Schlaf zu vertreiben, 
wesshalb sie von den Eingeborenen zur Verlängerung ihrer 
Trinkgelage benutzt werden. 

Diese Eigenschaft verdanken sie einem Gehalte an Kaffein, 
welches die Herren Dr. Da nie 11 und Dr. Attfield (Pharm. 
Journ. and Transaction 1865, VI, 407, 450 und 457; auch 
Vierteljahresschr. f. pract. Pharm. 1866, XV, 81) darin auf- 
gefunden haben und welches in so grosser Menge darin ent- 
halten ist, dass man es, wie H. v. Lieb ig sich überzeugte, 
aus einem einzigen Samen ganz leicht in weissen Krystallen 
darstellen kann. Das München er pharmaceu tische Kabinet 
verdankt H. v. Lieb ig solches Kaffein und ein Paar dieser 
merkwürdigen Samen. {Buchner s N. Repertor. für Phartn. 
1868. Bd. 17. H.5. S. 315— 316.). H. L. 



Coelebagyne ilicifolia Sw. 

H. Baillon legte der franz. Akademie einhäusige 
Zweige von Coelebagyne ilicifolia Sw. vor. Diese trugen 
zugleich weibliche Blüthen und reife Früchte und an den 
oberen Theilen Tausende von männlichen Blüthen, deren 
Staubgefässe voll Pollen waren. Sie rührten aus einer Samm- 
lung von australischen Euphorbiaceen her, die F. Müller 
aus Melbourne gesandt hatte. Hiermit wäre also der letzte 
Schlag gegen die Lehre von der Parthenogenesis geführt, 
deren letzte, wiewohl schwache Stütze unter den Phaneroga- 
men Coelebagyne nach dem Ausspruche Duchartre's war. 
{Compl rend. 66, 836. Flora, Nr, 23. S. 366. Augsburg, 
10. Sept. 1868.). H. L, 



150 Limonenkrankheit. — Mata. 

Limonenki'aiiklieit . 

In Sicilien, besonders in Messina, ist in den Limonen- 
plantagen eine Krankheit aufgetreten, welche Tausende von 
Bäumen tödtete, in Folge dessen viele Plantagenbesitzer ver- 
armten und zahlreiche, bei Grewinnung der Essenz beschäf- 
tigte Arbeiter brodlos wurden. Die Krankheit fängt am unte- 
ren Ende des Stammes an; es zeigt sich ein dunkler fetter 
Eleck, nach einigen Tagen springt an dieser Stelle die Kinde 
auf und es entleert sich eine stinkende , klebrige Flüssigkeit, 
die beim Weiterfliessen ätzend wirkt. Der Eaum wird gelb 
und stirbt ab. Von dieser Krankheit werden besonders junge 
kräftige Bäume befallen, auch jene, die mit Stallmist gedüngt 
wurden. Die bisher angewandten Mittel: Schwefel, Petro- 
leum, Pottasche, Kalk, Kohlenpulver etc. waren alle erfolglos. 
Das Aufschneiden der Binde an der kranken Stelle und die 
Reinigung mit frischem Wasser, bevor die Binde von selbst 
aufspringt, hat manch günstiges Besultat gebracht. 

Gänzlich verschont blieben jene Bäume, welche statt mit 
Stalldünger, mit frischem Lupinenkraut oder mit Blättern der 
indischen Feige gedüngt worden waren. {Riv. econ. 1868. 
Flora, Nr. 2^, S. 382. Begensburg 30. Sept. 1868.). 

H. L. 



Mata. 



Mit diesem Namen wird von den Bewohnern von Neu- 
Mexico ein Kraut bezeichnet, welches man daselbst dem Ta- 
bake beim Bauchen zuzusetzen pflegt, um demselben beim 
Verbrennen einen angenehmen Geruch zu ertheilen und dem 
übelen Gerüche entgegen zu wirken, welchen der Tabakrauch 
an den Kleidern und in den Zimmern zurücklässt. Es wurde 
durch den Major Mc. Crea in Nordamerika eingeführt und 
ist besonders beim Bauchen des Tabaks aus Pfeifen empfeh- 
lenswerth. 

E. S. Wayne, welcher Samen dieser Pflanze aussäte, 
giebt an, dass die daraus erzogene Pflanze von geringer 
Grösse ist, die Inflorescenz klein, weiss, die Blumenkrone 
feingespalten. J. M. Maisch, welcher die von Wayne ihm 
zugeschickten Proben untersuchte, fand, dass die Mata aus 
leeren Samenhüllen und den vielfach geknickten Haarkronen 
eines Eupatorium bestehen. Die getrocknete Pflanze war 



Falsches Lycopodium. — Ueber die Cultur der Jalape. 151 

ohne Blüthen, zeigte auffallende Aehnlichkeit mit einigen 
nprdlichen Species dieser Gattung und entspricht genau der 
Beschreibung von Eupatorium incarnatum Walter. 
Diese Species ist in Texas einheimisch, und kommt auch 
östlich bis Florida und Georgia vor. {Americ. Journ. of 
Pharm. Fhüad. März 1868. ' Buchners N. Rep. f. Pharm. 
Bd. 17. Heft XL S. 6M). B.. L. 



Falsches Lycopodiiim. 

Potyka aus Gleiwitz warnt vor dem Ankaufe eines 
schwefelgelben Pulvers, welches in einer Quantität von 6 — 
7 Centnern aus Galizien dorthin gebracht und als Lycopodium 
angeboten, aber nichts weiter als der Blüthenstaub der 
Fichte war. (Bunzlaiier pharin. Zeitung 1867. Nr. 55. 
M'ittsteins Viertel] ahrsschrifl 1868. S. 603.). H. L. 



Ueber die Ciiltiir der Jalape 

veröifentlichte Daniel Hanbury beherzigenswerthe Andeu- 
tungen. Die Motive , welche die Cultur der Jalape ander- 
wärts als in ihrem Heimathslande nothwendig erscheinen las- 
sen, sind: 

1) Die gegenwärtige Production der Jalape ist eine wenig 
reichliche und unsichere; 

2) Die Wurzel des Handels ist von schlechter Qualität, 
selbst dann, wenn sie unvermengt geliefert wird: eine Folge 
der mangelhaften Trockenmethode und der Einsammlung zu 
junger Knollen; 

3) Die käufliche Jalape ist oft mit fremden Wurzeln 
gemengt. 

Die Jalapencultur wird jedoch nur dann nützlich sein, 
wenn sie eine Wurzel liefert, eben so wirksam als die jetzt 
angewandte, von immer gleich guter Qualität, massigem 
Preis und in hinreichender Menge, damit der Markt gehörig 
versehen sei. Nur Versuche können entscheiden, ob diese 
Resultate ganz oder theilweise erzielt werden können. 

Welches Clima und welchen Boden erfordert nun an 
seinem natürlichen Standort Exogonium Purga, welche 



*) Vgl. Arch. d. Pharm. April, Mai 1868. S. 161 und Jul. Aug. 1868. 
S. 151. 



152 Uebcr die Cultur der Jalape. 

Methode wird bei Einsammlung und Zubereitung ihrw' Knol- 
len für den Handel befolgt? 

Die genauesten Mittheilungen über diesen Gegenstand 
finden sich einem Briefe des Dr. Schiede an Dr. Schlech- 
ten dal d. d. Mexico, 26. Oct. 1829 (veröffentlicht ein Jahr 
später in der Linnaea). Aus demselben mögen einige Stel- 
len hier folgen: 

„Die Pflanze, welche die Jalape liefert, wächst nicht in 
unmittelbarer Nähe von Xalapa, sondern mehre tausend 
Fuss höher auf den Östlichen Abhängen der Mexicanischen 
Anden, hauptsächlich um Chiconquiaco und den benach- 
barten Ortschaften , sowie um San Salvator (wie man mir 
sagte), auf dem östlichen Abhänge des Coffre de Perote. 
Die geringere Höhe, auf welcher die Pflanze erscheint, kann 
auf 6000 Fuss (= 1719 Meter) geschätzt werden. In dieser 
Region regnet es fast das ganze Jahr hindurch, während des 
Sommers folgen auf schöne Vormittage heftige Platzregen am 
Nachmittag. Während des Winters finden solche Regengüsse 
zwar nicht Statt, aber sie werden durch dicke Nebel ersetzt, 
welche sowohl auf den Gebirgen als an den x\bhängen, mit 
wenigen Unterbrechungen Tage ja Wochen lang dauern. 

Die Pflanze liebt den Schatten und findet sich nur in 
den Gehölzen, wo sie an den Bäumen und Sträuchern hinauf 
klimmt. Die Blumen erscheinen im August und September. 
Man sammelt die Wurzel das ganze Jahr hindurch, doch 
würde es ohne Zweifel vorzüglicher sein, sie vor dem Erschei- 
nen der jungen Triebe d. h, im März und April aus der Erde 
zu ziehen. 

Die Knollen sind bald abgerundet, bald verlängert und 
endigen immer in eine vertrocknete Wurzel. 

Die frischen Knollen sind weisslich, fast geruchlos und 
voll klebrigen Saftes von besonderer Schärfe. Die dicksten 
Knollen werden quer durchschnitten, die kleinsten bleiben 
ganz. Da es beinahe unausführbar wäre, dieselben an der 
Sonne zu trocknen, so schliesst man sie in ein Netz ein und 
hängt dieses über einem beinahe immer mit Feuer versehenen 
Heerde auf, wo sie stufenweise austrocknen und hierbei oft 
ein schwärzliches Ansehen und rauchigen Geruch annehmen. 
Nach 10 bis 14 Tagen ist die Jalape trocken, wird von den 
Sammlern, meistens Indianern, abgeholt und nach Xalapa 
gebracht, wo sie aufgekauft wird, um über Vera- Cruz nach 
Europa geschickt zu werden. 

Die Indianer von Chiconquiaco fangen an, die Jalape 
in ihren Gärten zu cultiviren. Die Zukunft wird zeigen, ob 



Ueber die Cultur der Jalape. 153 

die Eigenschaften dieser cultivirten Jalape geringere sind als 
die der wilden; die cnltivirte würde wenigstens den Vorzug 
haben, dass man sie zur günstigsten Jahreszeit sammeln 
könnte, was bei der in Mitten dichter Wälder wachsenden 
wilden unthunlich ist. 

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Jalapenpflanze 
einst in unseren europäischen Gärten im grossen Maasstabe 
cultivirt werden könne. Stammt nicht die Kartoffel aus einer 
ähnlichen Gegend? Die Jalapenpflanze würde freilich die 
Strenge eines deutschen Winters schwerlich ertragen, aber 
der Reif des Frühjahrs und Herbstes würde ihr wahrschein- 
lich keinen Schaden zufügen, da die Pflanze in ihrem Geburts- 
lande dieselben Temperaturerniedrigungen auszuhalten hat. 

Ich höre noch sagen, dass die Jalape auch von Tam- 
pico ausgeführt werde, was zeigt, dass sie auch im Norden 
der Berge von Chiconquiaco, vielleicht in der Sierra- 
Madre vorkommt." 

Diesen Angaben Schiede's fügt D. Hanbury einige 
Zeilen aus dem Briefe eines sehr competenten Mannes in 
Mexico hinzu, welcher ihm auch etwa hundert lebende Jala- 
penknollen zusendete. 

„Die Jalapenknollen verlangen einen reichen und tiefen 
Pflanzenboden, (Reste von Fichtennadeln, Eichen- und Erlen- 
biättern etc.) und da sie in einer Höhe von 7000 bis 10000 Fuss 
(2005 bis 2865 Meter) über dem Meeresspiegel wuchsen, 
können sie einen gewissen Grad von Kälte und selbst von 
Nachtfrost vertragen. Während des Tages ist die ihnen zusa- 
gende Temperatur 15,6 bis 21^ Gels. 

Die Pflanze gedeiht nicht bei Gordova, wegen der dorti- 
gen starken Hitze. Ich rathe Ihnen, einige Knollen an freier 
Luft zu pflanzen, sie wie die Dahlien zu behandeln, deren 
Knollen man im October aus dem Lande nimmt, um sie im 
März und April wieder in dasselbe zurück zu versetzen. Selbst 
wenn die Pflanze nicht blühen also auch keine Samen zur 
Beife bringen sollte , so entwickeln sich doch die Knollen 
und, was das wichtigste ist, vermehren sich in der Erde ins 
Unendliche. Wenn die Jalape in Europa so oft fehlgeschla- 
gen, so liegt es daran, dass man sie als Warmhauspflanze 
behandelte/' 

Nachdem wir so die nöthigen Daten über das der Jalape 
zusagende natürl. Clima und Boden erlangt haben, bleibt 
übrig, die Gegenden zu suchen, welche die zu ihrer Cultur 
günstigsten Bedingungen darbieten. Es scheint mir, dass ein 
feuchtes Klima und eine Sommertemperatur von 24^ C. am 



154 Ueber die Cultur der Jalape. 

besten passen würde, wobei dann im Winter die Temperatur 
bis zum Gefrierpunkte sinken dürfte. Diese Pflanze ent- 
wickelte sich während des Sommers an freier Luft in den 
Gärten des südlichen Englands sehr gut, verträgt aber die 
Wintermonate daselbst nicht, wenn sie nicht geschützt mrd. 
Bleibt nachzuweisen, ob die Höhe, in welcher sich die Pflanze 
in Mexico findet, zu ihrer vollen Entwickelung unerlässlich ist. 

In GornwaUis und in einigen ertlichkeiten von 
Devonshire, so wie im südlichen Theile der Insel Wight, 
wird sich die Jalape wahrscheinlich im freien Lande, wie eine 
gewöhnliche Gartenpflanze gut entwickeln und es ist wün- 
schenswerth, dass der Versuch gemacht werde. Auf Ma- 
deira wird die Jalape wahrscheinlich sehr gut fortkommen, 
wenn man sie in hinreichend hoher Lage anpflanzt. 

Wenn es aber nothwendig wird, unter den englischen 
Besitzungen die Localitäten auszuwählen, die im Betreff des 
Climas und der Höhe die am meisten angenäherten Bedin- 
gungen eriüllen , welche die mexicanische Cordillere darbie- 
tet, auf welcher die Jalape gedeiht, so müssen wir vor allen 
zuerst an einige ertlichkeiten Indiens und besonders an die 
Berge der l!^eilgherry in der Präsidentschaft Madras den- 
den, da sie die vortheilhaftesten Bedingungen zu vereinigen 
scheinen. 

Die Pflanze sollte nicht allein im Gouvernements - Garten 
zu Ootacamund cultivirt werden, sondern man müsste ver- 
suchen, sie in vielen anderen Localitäten der Umgegend zu 
verbreiten. Man kann hinzufügen, dass Ootacamund der 
gewöhnliche Aufenthaltsort für viele intelligente Europäer 
geworden ist, deren Aufmerksamkeit, bei Gelegenheit der 
Cinchonencultur auf die Umstände gelenkt worden ist, welche 
am geeignetsten scheinen, die Einführung fremder Pflanzen 
zu begünstigen. 

Es giebt sicher noch andere indische Localitäten, an wel- 
chen man die Jalapencultur mit Erfolg versuchen könnte, so 
namentlich in gewissen Begionen des Himalaya; aber bis 
zu dem Punkte, wo man über eine genügende Quantität von 
Knollen wird verfügen können, wird es gut sein, die Versuche 
nur auf eine einzige Oertlichkeit zu beschränken. Man darf 
indessen nicht glauben, dass bis hieher noch keine Versuche 
gemacht worden seien, Jalape zu cultiviren. 

Schiede (s. oben) erwähnt, dass die Indianer Mexicos 
1829 anfingen, sie in ihren Gärten zu cultiviren und ein Lon- 
doner Droguist berichtet, dass eine gewisse Quantität Jalape 



Ueber die Cultur der Jalape. 155 

Ton dort herstamme. Der verstorbene Dr. Royle versicherte 
ausserdem, dass er selbst Pflanzen, die er von der Königl. 
Gartenbau - Gesellschaft erhalten, durch Dr. Balfour in Edin- 
burg nach dem Himalaja geschickt habe und dass er hoffte, 
sie würden bald einen Ertrag liefern können. Im Jahre 1862 
schickte D. Hanbury selbst an H. Wilson, Director des 
bot. Gartens zu Bath auf .Jamaika eine Jalapenpflanze und 
letzterer schrieb ihm im Monat October 1863, dass dieselbe 
in einer Höhe von 2000 engl. Euss (610 Meter) sehr gut auf- 
käme und dass die Jalape in den Bergen dieser Insel in der 
Art cultivirt werden könnte, dass sie ein Handelsartikel wer- 
den würde. 

Die Cultur von Exogonium Purga ist auch im süd- 
lichen Erankreich von H. E. Planchen, Director der 
Schule der Pharmacie in Montpellier und von H. Gustave 
T hur et von Antibes versucht worden; aber das Clima die- 
ser Gegenden ist im Vergleich zu den heimathlichen Begio- 
nen der Jalape viel zu trocken, als dass die Cultur derselben 
dort eine erfolgreiche werden könnte. Auch nach Madeira 
sind Jalapenknollen gesendet worden. 

Ifoch über einen Punkt bedürfen wir genauere Beleh- 
rung, nemlich hinsichtlich des Alters, in welchem die Jalape 
am vortheilhaftesten zu sammeln ist. Die Knollen des Han- 
dels sind von allen Grössen, vom Gewicht einer Drachme bis 
zu demj. mehrer Unzen; im Allgemeinen zieht man die dicke- 
ren, compacteren und harzreichsten vor. {JPharmaceutical Jour- 
nal, Mai 1867. Journ. d. pharm, et. d. chim. Juill. 1867. 
p. 12 — 17.). 



D. Hanbury cultivirte Jalape (Exogonium Purga) 
in Clapham bei London. Im Monat Juli 1866 pflanzte er 
eine Knolle von mittlerem Volumen in einem Garten mit 
südlicher Lage. Diese Knolle trieb kräftigst , gab im Herbst 
einige Blüthen und blühte auch im Herbste 1867 wieder. 
Während des Winters war sie durch eine Strohdecke vor 
excessiver Kälte und vor Feuchtigkeit geschützt worden. 
Im Mai 1868 herausgenommen lieferte dieses Exemplar 
20 Knollen von etwa 750 Grammen Gewicht. Die Jalape 
kann sich also rasch vermehren ; aber es wird interessant 
sein zu verificiren, ob sie in unseren Gegenden gezogen 
in einem gleichen Grade ihre medicinischen Eigenschaften 
bewahrt. 



156 Üeber die Guaco genannten Pflanzen. 

Herr Hanbury hat der Societe d'acclimatation die unter 
den oben beschriebenen Umständen geernteten Jalapenknol- 
len verehrt. {Bull, de la Sog. d'accUm. Journ. d. 'pharm, et 
d. chim. L s^r. tom. 8. p. 210. Septhr. 1868.). H. L. 



lieber die Gfuaeo genannten Pflanzen 

hat G u i b u r t botan. pharmacognostische Untersuchungen 
angestellt und in einer 19 Seiten langen Abhandlung in dem 
Journ. de pharmacie et de chimie, Aoüt 1867 veröffentlicht; 
er zeigt, dass die Pflanze Guaco (so fern sich dieser Name 
auf Mikania Guaco bezieht) ebenso wenig vor den Polgen 
des Bisses giftiger Schlangen zu schützen, als sie die Hundswuth, 
die Cholera und die Syphilis zu heilen vermöge. Mikania 
Guaco ist eine Pflanze, fast ohne Geruch und ohne alle medi- 
cinische Wirksamkeit. 

Die stark aromatischen Pflanzen hingegen, welche 
unter dem Namen Guaco angewendet w^orden sind, gehö- 
ren sämmtlich zu dem Genus Aristolochia und die vor- 
züglichste unter ihnen ist diejenige , welche die grössere Par- 
tie des im Handel vorkommenden Guaco bildet, nämlich 
Aristolochia cymbifera Martins, in Brasilien unter 
dem Namen Mil-homens bekannt. Nach ihr kommt Ari- 
stolochia maxima. (De Candolle's Prodromus, tom. XV, 
p. 456.). Eine 3. Art, Aristolochia geminiflora Kunth 
tritt sehr zurück ; eine 4, Wurzel, wenig dick , leicht, 
lang, schwarz, mit einem verhältnissmässig beträchtlichen 
Kork versehen und beinahe geruchlos, konnte noch nicht der 
Art nach bestimmt werden. Die letzte Substanz endlich, 
welche man im Guaco des Handels findet, wird durch den 
wirkungslosen Stengel einer Mikania gebildet, welche 
ungeachtet ihres Charakters als wurzelschlagende Pflanze 
(charactere radicant), nicht von Mikania Guaco zu differiren 
scheint. {Journ. d. pharm, et d. chim. 4. sör. t. 6. p. 81 — 
99.). H. L. 



*) Vgl. Arch. d. Pharm. Juli, August 1868. S. 149. 



157 



IV. Zoologie und Zooclieniie. 



lieber Arsenikbeigabe zum Yiehfiitter 

hat W. Körte in Beesdau vergleichende Versuche ange- 
stellt. Derselbe stellte 24 Ochsen im Gesaramtgewicht von 
28,340 Pfund zur Mast auf und verfütterte täglich Schlempe, 
Wiesenheu, Runkelrüben, Roggenkleie, Haferstrohhecksel 
und Rapskuchen; nach 4 Wochen betrug die Gewichtszu- 
nahme der Ochsen 1060 Pfund. Von da ab ward pr. Ochsen 
1 Gran, in den nächsten 8 Tagen 2 Gran, in den folgenden 

3 Gran Arsenik gegeben; die Thiere frassen mit erhöhtem 
Appetit, Gewichtszunahme nach 4 Wochen 1270 Pfund. In 
den nächsten 4 Wochen ward das Futter qualitativ wie quan- 
titativ verstärkt, da die Thiere aber nicht gehörig frassen, die Ar- 
senikbeigabe in den ersten 14 Tagen auf 3^2 Gran, in den näch- 
sten 14 Tagen auf 4 Gran Arsenik pro Haupt erhöht, worauf; 
erhöhte Fresslust eintrat. Gesammtgewichtszunahme nach 

4 Wochen 1690 Pfd. In der dritten Mastperiode wurden die 
Futterrationen abermals qualitativ erhöht und da die aufgestellten 
23 Ochsen im G esammtgewicht von 32560 Pfund im Fressen 
nachliessen, abermals nach 14 Tagen die Arsenikbeigabe von 
4^2 auf 5 Gran pro Haupt gesteigert. Gewichtszunahme 
1640 Pfund. In der fünften Periode ward wegen Appetits- 
mangel jene Beigabe auf resp. 5^2 ^^^^ 6 Gran erhöht und 
hatten die Ochsen schliesslich ein Gesammtgewicht von 
35650 Pfund, also Zunalime 1450 Pfund. Die Ochsen erhiel- 
ten in den letzten drei Wochen bis zum 24. Juni, wo diesel- 
ben verkauft wurden, bei demselben Futter dieselbe Arsenik- 
beigabe von 6 Gran; ihr Gesammtgewicht betrug 36376 Pfund, 
der Preis pro Stück 150 Thlr. (die aufgestellten 24 später 
23 Ochsen haben demnach in 5 Monaten über 27^2 Unzen 
Arsenikbeigabe erhalten).*) (Blonatsschrift des landw. Pro- 
vincialvereins für die Mark Brandenburg etc.). Hhg. 



*) Wie stellt sich die Gesundheitspolizei einer solchen Arsenikfütte- 
rung gegenüber ? S. L. 



158 lieber Honig nacli Stoddart. 

üeber Honig nach Stoddart. 

Der Saft der Honig liefernden Blumen färbt sich vor 
deren völliger Entwicklung mit Jod blau, enthält also Stärke, 
aber schon nach 24 Stunden verliert sich diese Reaction, die 
Flüssigkeit wird zugleich merklich süss. Bei völliger Aus- 
bildung der Blumen ist dieser süsse Geschmack am stärk- 
sten. Der auf dem Discus und in den sogenannten Nectarien 
sich sammelnde süsse Saft ist eine concentrirte Zuckerlösung. 
Unter dem Mikroskop erkennt man, dass die daraus zunächst 
sich abscheidenden Krystalle Bohrzucker sind, der aber sehr 
bald in Traubenzucker übergeht. Die Bienen saugen diesen 
Zuckersaft oder Honig der Blumen auf und bringen ihn 
zunächst in den Honigsack, wo er eine Beimischung von 
Ameisensäure erhält, die sich wahrscheinlich durch Oxydation 
aus dem Zucker bildet. So wird er nun im Stocke deponirt. 
Beim Herausnehmen aus den Waben bildet der Honig eine 
klare dickliche gelbliche Flüssigkeit von 1,423 spec. G-ew., in 
der einzelne Pollenkörner schwimmen, und welche rechts pola- 
risirenden Bohrzucker und links polarisir enden sogenannten 
Invertzucker enthält. Letzterer ist durch den Einfluss stick- 
stoffhaltiger Substanz aus ersterem gebildet. Der Bohrzucker 
scheidet sich alsbald in deutlich erkennbaren Krystallen ab, 
aber nach einigen Wochen, binnen welcher Zeit der Honig 
mehr und mehr erstarrt ist , hat er sich grossentheils in 
Traubenzucker verwandelt. Nach weiterer Aufbewahrung des 
Honigs erkennt man in demselben hier und da vierseitige 
nadeiförmige Prismen von Mannit, der wiederum aus dem 
Traubenzucker durch eine mit Wasserstoffentwicklung ver- 
bundene Gährung hervorgeht, in älterem Honig tritt aber auch 
Alkohol- und schliesslich Essiggährung ein. Der flüssige 
Theil von altem Honig ist sogenannte Lävulose oder unkry- 
stallisirbarer links polarisirender Fruchtzucker. Farbe und 
Arom des Honigs variiren bekanntlich nach den Blumen, aus 
denen er gesammelt wurde. Im Handel wird er vielfach 
verfälscht und zwar u. A. mit Bohnen- oder Erbsen -Mehl, 
Curcuma, Pfeifenthon, Gyps, gelbem Ocher, Sand, braunem 
Zucker, Melasse und Wasser, Substanzen, die sich schon bei 
mikroskopischer Untersuchung theilweise zu erkennen geben. 
Wo eine Verfälschung mit Zucker statt findet, zeigen sich 
gewöhnlich auch die zuckerliebenden Insecten, ein Acarus, in 
allen Graden der Entwicklung, {Pharmaceut. Journ. and 
Transact, Septhr. 1868. See. Ser. Vol. X. Nr. III. p. U2.). 

Wp. 



Naphtalin geg. Insecten. — Versend, v. austral. Rind - u. Hammelfleisch. 159 

Naphtalin gegen Insecteu. 

Das Naphtalin ist in neuerer Zeit als Ersatzmittel des 
Arseniks beim Ausstopfen von Thierbälgen empfohlen worden, 
hat sich- aber hierzu nicht bewährt, weil dasselbe die Insecten 
nicht tödtet. 

Nach „Les Mondes" hat Pelouze das Naphtalin zur 
Vertreibung der Insecten von den Pflanzen mit mehr Erfolg 
in Anwendung gebracht. Zu dem Ende ward 1 Theil Naph- 
talin mit 10 Theilen feinem Sand gemischt und auf die Hälfte 
eines besäten Feldes zerstreut, auf welchem die Insecten 
bereits in grösserer Menge sich gezeigt; die Vermuthung, dass 
das Kaphtalih diese Thiere vernichten werde, bestätigte sich 
aber nicht. Es wurden keine todten Insecten gefanden; ja 
selbst wenn einzelne direct mit Naphtalin in Berührung 
gebracht wurden, starben sie nicht. Gleichwohl entwickelten 
sich die Pflanzen auf dem mit Naphtalin bestreuten Felde 
kräftig und wurden in keiner Weise von den Insecten ange- 
griffen, hingegen bot der Theil des Feldes, welcher mit Naph- 
talinmischung nicht bedeckt war, durch den Insectenfrass 
einen sehr traurigen Anblick dar. — Hiernach scheint eine 
Auswanderung der Insecten von den mit Naphtalin bestreu- 
ten Pflanzen auf den Theil des Feldes , wo diese Bestreuung 
nicht stattgefunden, erfolgt zu sein. 

Da das Naphtalin nun weder in seiner Handhabung, 
noch auf die Pflanzen, welche mit demselben bestreut worden, 
nachtheilig wirkt und der Preis desselben ein nicht eben hoher, 
(100 Kilogr. kosten in Frankreich 8 bis 10 Francs) so dürfte 
es sich empfehlen, den grösseren Theil eines Feldes mit der 
Naphtalinmischung zu bestreuen und nachdem die Insecten 
auf den kleineren Theil dieses Feldes ausgewandert sind, die- 
selben dort durch energische Mittel, welche selbst die Pflan- 
zen zerstören, zu vernichten. In Gärten wird ein solcher 
Versuch leicht anzustellen sein. S^g- 



Bie Yersendung toii australischem Rind- und 
Hammelfleisch nach England 

scheint, wenn auch die ersten Versuche wenig versprechend 
waren, indem das Fleisch, trotz der grössten Vorsichtsmassre- 
geln auf der langen Seereise den Einflüssen der Luft unter- 
lag, zuletzt günstigere Aussichten zu haben. Es bestehen 



160 Aus der Veterinair - Praxis. 

bereits mehre Unternehmungen, welche von einander gänz- 
lich unabhängig, grössere Fleischsendungen nach England beför- 
dern. Die Methoden sind verschieden. Whitehead& Comp., 
Sidney, versenden concentrirtes Fleischextract, von wel- 
chem 1 Pfund 30 engl. Pfunden Fleisch entspricht; Mr. 
Tooth inSidney exportirt Fleischextract nach Liebig's 
Methode. Die Versuche, das Fleisch selbst zu verschicken, 
sind bisher wenig günstig ausgefallen, doch auch ihnen scheint 
nunmehr der Erfolg gesichert. Mr. Mort in Sidney lasst 
augenbhcklich ein Schiff mit den nöthigen Apparaten ausrüsten, 
um ein Cargo halbgef rornen Fleisches aufzunehmen, 
welches gegen December eintreffen dürfte. Ein anderes Ex- 
periment, vielleicht bisher das erfolgreichste und gewinn- 
bringendste, hat ein Herr Tattermann aus Sidney ange- 
stellt, welcher das Fleisch nach Entfernung der Knochen eine 
Zeitlang in Salz legt, dann fest in weisse Leinwand eindreht, 
in Fässer verpackt und den Zwischenraum mit Talg aus- 
giesst, um die Luft abzuhalten. Mehre Ladungen des so 
präparirten Fleisches sind in äusserst gutem Zustande in 
London angelangt, so noch kürzlich ein Cargo von 3000 gan- 
zen Schafen, 2590 Hammelkeulen und 10 Tonnen Rindfleisch. 
Das Fleisch verkauft sich gut und wird namentlich von ärme- 
ren Leuten als eine grosse Wohlthat betrachtet. Hhg. 



Aus der Yeterinair - Praxis. *) 

Trichinen in den Ratten und in einem Wasch- 
bären. 

Aus acht Abdeckereien wurden 51 Ratten auf Trichinen 
untersucht und stellte sich das Durchschnittsverhältniss heraus, 
dass in der Hälfte der untersuchten Abdeckereien Trichinen 
nachgewiesen werden konnten und zwar bei 20 Procent der 
untersuchten Ratten. 

Im Cadaver eines im zoologischen Garten in Dresden 
verendeten Waschbären wurde eine grosse Menge bereits in 
der Verkalkung begriffener Trichinen aufgefunden, und wurde 
constatirt, dass das Thier zu wiederholten Malen Ratten in 
seinem Käfig gefangen und gefressen hatte. Die Ratten des 
Dresdner zoologischen Gartens sind aber, wie aus früheren 
Berichten ersichtlich, stark trichinenhaltig. 



*) Bericht über das Veterinärwesen im Königreich Sachsen für das 
Jahr 1867 von Professor Karl Haubner. 



Aus der Veterinair - Praxis. 161 

Bestimmung* des Fleisches nach der 
T h i e r s p e c i e s. 

Zundel hat in der thierärztlichen Zeitschrift von Lyon 
eine neue Methode hierzu mitgetheilt. 

Dieses Verfahren besteht darin , dass man das grob ge- 
hackte Fleisch mit concentrirter Schwefelsäure übergiesst und 
das Gemisch mit einem Glasslabe umrührt. Der sich sofort 
entwickelnde Geruch stellte sich bei Zundel 's Versuchen 
mit Pferd efleisch als der eigenthümliche Pferdegeruch, 
wie solcher sich in Pferdeställen und an Stallknechten vor- 
findet, heraus. Rindfleisch, derselben Behandlung unter- 
worfen, gab den charakteristischen Rindsgeruch, d. h. es 
roch nach dem K u h s t a 1 1 e und nach Personen , die darin 
verkehren. 

Die Zundel' sehen Versuche gründen sich offenbar auf 
die von Barruel bereits im Jahre 1829 veröffentlichten, in 
denen er angab , dass das Blut der Thiere ein eigen- 
thümliches, bei männlichen Thieren stärker hervortretendes 
riechbares Princip besitze, welches bei Vermischung" des 
Blutes mit grossen M engen concentrirter S c h w e f e 1 - 
säure sich besonders bemerktich mache. Die Barruel' sehen 
Behauptungen haben sich aber nicht überall in der von ihm 
angegebenen Weise bestätigt. 

Professor Haubner hat das Fleisch vom Pferde, Rind, 
Bullen, Schaf, Ziegenbock, Schw^ein, Hund und Katze durch 
Uebergiessen mit chemisch reinei' concentrirter Seh w^efel säure von 
1,840 spec. Gew. behandelt, und das Gemisch theils unumgerührt, 
theils umgerührt durch den Geruch geprüft. Aber weder der 
Experimentator, noch andere bei diesen Untersuchungen Be- 
theiligte von Fach vermochten, ohne dass Letztere zuvor 
wussten, um welche Fleischart es sich handele, durch diese 
Untersuchungen einen einigermaassen sicheren Anhalt zur 
Bestimmung des Fleisches zu gewinnen. Alle mit Schwefel- 
säure behandelten Fleischarten zeigten sehr bald, nachdem 
dieselben mit der Säure Übergossen waren, einen eigenthüm- 
lichen stechenden Geruch, (flüchtige Fettsäuren), welcher 
bei allen Fleischsorten indess ziemlich derselben zu sein 
schien und besonders beim Umrühren des Gemisches inten- 
siver hervortrat. 

Professor H a u b n e r erklärt hiernach die Zundel' sehe 
Methode als für die Praxis von untergeordneter Bedeutung 
und als viel zu unzuverlässig, um ihre allgemeine Einführung 

Arch. d. Pharm. CLXXXVIII. Bds. 1. u. 2 Hft. 11 



162 lieber das Lecithin. 

ZU empfehlen und werden zur Unterscheidung der Fleisch- 
sorten die anatomischen Verhältnisse wie bisher bestimmend 
bleiben müssen. Hhg. 



lieber das Lecithin. 

Schon Vauquelin beobachtete das Vorkommen eines 
phosphorhaltigen Fettes in dem Gehirn. Später fanden 
Fremy, Grobley, Valenciennes u. A. dasselbe Fett im 
Eidotter, im Muskelfleisch und im Blute und constatirten des- 
sen Spaltbarkeit in fette Säuren, Oelsäure und Glycerin- 
phosphorsäure. G o b 1 e y nannte diesen Körper Lecithin, 
dessen Eigenschaften die von 0. Liebreich aus dem Ge- 
hirn dargestellte und als Protagon bezeichnete Substanz theil- 
weise* besitzt. Der Letztere beobachtete zuerst das Auftre- 
ten einer starken Base bei der Spaltung des Protagons durch 
Barythydrat und nannte dieselbe Neurin. Die neusten Un- 
tersuchungen von D i a k n w haben ergeben , dass das Pro- 
tagon Liebreichs ein Gemenge eines phosphorfreien mit 
einem phosphorhaltigen Körper ist. Der erste ist das 
Cerebrin, der zweite das Lecithin. Dieses hat nach den 
Analysen D i a k o n o w ' s die Formel : 

C44H90]S^pO9 _j_ H^O*) 

und wird von diesem betrachtet als eine salzartige Verbin- 
dung von Neurin mit einer als Disteary Iglycery 1- 
phosphor säure bezeichneten Säure, welche letztere durch 
Baryth\^drat in stearinsauren Baryt und in glycerinphosphor- 
sauren Baryt zerlegt Avird. 

Nach den Untersuchungen Bayer 's ist das Neurin 
eine Gemenge von wenigstens zwei Basen, von denen die 
eine Sauerstoff fr ei ist und den Namen Neurin behalten 
hat. Strecker hat nun zur Darstellung der zweiten Base 
in grösserer Menge das Eigelb angewendet. Diese zweite 
Base ist also der sauerstoffhaltige Gemengtheil des Neurins 
und stimmt in der Zusammensetzung, sowie auch in der Kry- 
stallform, mit dem zuerst von Strecker aus der Galle iso- 
lirten Cholin überein. Wurtz hat nun diese sauerstoff- 
haltige Base, wie in einem früheren Referate mitgctheilt 
wurde, durch Erwärmen von Aethylenoxyd mit salzsaurem 
Trimcthylamin synthetisch dargestellt. Strecker hat gezeigt, 
dass die aus dem Eigelb dargestellte salzartige Verbindung, 
w(ilche derselbe Lecithin nennt, durch Barythydrat in d(;r 

*) C = 12, = IG. 



Notizen über Guano. 163 

Weise zersetzt wird, dass sich neben Glycerin phosphorsanrer 
Baryt nnd Cholin , verschiedene Fettscäuron (Oelscäiire, 
Margarinsäiire) abscheiden. Während Diakonow annimmt, 
dass bei der Zersetzung- des Lecithins n u r Stearinsäure auf 
tritt, hat Strecker g-etunden, dass sich immer ein G e misch 
verschiedener Fettsäuren abscheidet, wesshalb auch die von 
Strecker ausgeführten Analysen des Platindoppelsalzos und 
der Chlorcadmiumverbindung zu keiner bestimmten Formol 
führen konnten. Das Lecithin verbindet sich ähnlich dem 
GlykokoU mit Säuren und auch mit Basen. Das verbreitete 
Vorkommen des Lecithins in dem Thierorganismus, .nament- 
lich in Begleitung von Fetten, wie im Gehirn, dem Eidotter, 
der Galle lässt eine grosse Bedeutung desselben für den 
Lebensprocess und eine nahe Beziehung desselben zur Fett- 
bildung vermuthen. {Amialcn der Chemie wid Pharmacie. 
Bd. U8. S. 77. Novhr. 1868.). Sek. 



Notizen über (xiiano. 

(Huanu - Vogelmist , Dünger). 

Bonssingault über den Guano. (Ann. d. chim. et d. 
phys. LXX. p. 319.). 

An der peruviani-^chen Küste wird der Boden, der an 
und für sich im höchsten Grade unfruchtbar ist, vermittelst 
eines Düngers, des Guanos, fruchtbar gemacht; den man auf 
mehren Inselchen des Südmeeres sammelt, (Er stammt von 
zahllosen Wasservögeln, welche jene Inselchen zur Zeit der 
Brut bewohnen ; es sind die verfaulten Excremente dersel- 
ben, die den Boden mit einer mehre Fuss hohen Schicht 
bedecken. L i e b i g). 

In einem Boden, der einzig und allein nur aus Sand und 
Thon besteht, genügt es, demselben nur eine kleine Quanti- 
tät Guano beizumischen , um darauf die reichsten Ernten von 
Mais zu erhalten. Der Boden enthält aussei- Guano nicht das 
geringste einer organischen Materie und dieser Dünger ent- 
hält weiter nichts, als harn saures, phosphor s aures, 
oxalsaures und kohlensaures A m m o n i a k und einige 
Erdsalze. (Liebig's Agriculturchemie. G.Auflage. 184G. S. G2.). 

Th. Ways Untersuchungen über den Guano. (Liebig- 
Kopps Jahresb. f 1849. S. 657.). 

Der landwirthschaftliche Werth der Guanosorten ist aus 
drei Factoren zusammengesetzt, 1) aus der Menge von Am- 

ll-'- 



164 Notizen über Guano. 

nioniak, welche eine gegebene Sorte des Guanos durch Zer- 
setzung im Boden entwickelt; als Maasstab dafür ist die 
Menge des H^K zu nehmen, welche die Verbrennung des 
Guanos mit ]S[aO,HO - CaO liefert, 2) aus dem Gehalt an Phos- 
phorsäure und 3) aus dem Gehalte an Alkalien. 
Die Sorten des Handels weichen am meisten im Ammoniakge- 
halte ab. Dem Werthe nach steht der Angamos an der Spitze 
(er ist ein peruvianischer Guano neuerer Bildung, der sich 
nur in geringer Menge findet); in abnehmender Ordnung fol- 
gen : der gewöhnliche Peruvianische, der Ischaboe 
der Patagonische und der Saldanhabay-Guano. 

Girardins Guanoanalysen. (Liebig - Kopps Jahresb. 
f. 1853. S. 748.). 13 Sorten sind von ihm untersucht worden. 

Völkers Analysen von Guano (Guanoessenz) aus Peru. 
(L. K. Jahresb. f. 1855. S. 880.). 

Andersons Analyen von columbischem , indischem und 
mexicanischem Guano (ebendas. 1855. S. 880.). Morfit's 
Anal, des columb. G. ebend. 

Sobrero, Selmi und Misaghi anal, sardinischen 
Fledermausguano. (Cimento I, 417. II, 25.). 

Kraut's Analyse des Angamosguano. (Chem. Central- 
blatt. 1856. S. 617.). 

Piggot und Hayes Analys. des harten Guanos von 
den Monks-Inseln (als columbischer Guano im Handel; 
anscheinend analysirten denselben Guano Higgins u. Bickell. 

Shepard unterscheidet in dem Guano von denMonks- 
Island als besondere Mineralspecies den Pyroklasit 
(eine rahmfarbige nierenförmige Masse, die 80 ^/q phosphors. 
Kalk, 10% Wasser und ausserdem CaO,C02 — CaO,S03 — 
NaO,SO^ und Spuren von NaCl und Fluor enthält), den 
Glaub apatit (drusige und traubige, selten aus kleinen 
tafelförmigen Krystallen bestehende, häufig derbe Massen von 
dunkler Farbe, welche 74% phosphors. Kalk, 15^0 NaO,SO^ 
10,37o Wasser und Spuren von organ. Substanz, CaO, SO^ 
und ]S"aCl enthalten) und Epiglaubit (Aggregate kleiner 
durchscheinender Krystalle , die hauptsächlich aus phosphors. 
Kalk und Wasser bestehen). 

Bobierre empfiehlt zur Verhütung des Ammoniakver- 
lustes, den Guano mit Kno eben kohle npulv er zu mengen. 

Wicke, über Guano aus Seekrebsen (Granatguano). Lie- 
big- Kopps Jahresb. 1856. S. 804. Analysen von Guano (natüi-1. 
u. künstl.) von Fledermausexcrementen , von Anderson, 
Bobierre, Karmrodt, Mangon, Taylor und Wicke 
(Kopp- Wills Jahresb. für 1857. S. 632.). 



Notizen über Giuiuo. 165 

Valparaiso- u. Sombrerog'uano, analys. v. An- 
derson; fossiler phosphors. Kalk als Dünger, nach Mo Ion 
und Reynoso. (Kopp-Wills Jahresb. f. 1858. S. 655.). 

H. Zöller, Analyse verschiedener Guanosorten. (Ann. 
Chem. Pharm. 112, 29."l859.). 

H. Ludwig, qualitative Prüfung des Guanos, (Chem. Cen- 
tralblatt. 6. Mai 1857. Nr. 19. 8. 292—298. Aus der Zei- 
tung lür deutsche Landwirthe 1857. S. 106.). 

E. Reichardt's Gang der Guanoanalyse. (Arch. Pharm. 
99, 264.). 

E. Meyer, Granat - Guano (aus Seekrebsen), 1 . wu 

Witt stein, norwegischer Fischguano, J^ ^^ 
Jahresb. f. 1859. S. 731.). 

Salpeter säuregeh alt verschiedener Guanosorten, 
nach Boussingault. (Zeitschrift f. Chem. 1860, 473. Chem. 
Centralbl. 1860. 623.). 

Boussingault über das Vorkommen , die Zusammen- 
setzung des Guano's, vrgl. Compt. rend. LI., 844. Rep. chim. 
appliq. IL 376. (K.-W. Jahresb. f. 1860. S. 700.). 

Liebig und Malaguti über Einwirkung des Wassers 
auf Guano. (K.-W. Jahresb. f 1861. S. 915.). 

Drysdale, Liebig und Wolff über Guano von den 
Bakers-, Jarvis- und Howl ands- Ins ein, der sich 
durch hohen PO^- Gehalt (bis 40% PO^) und saure Reaction, 
so wie durch die Abwesenheit von Harnsäure, Oxalsäure und 
Guanin und einen sehr geringen Ammoniakgehalt unterschei- 
det. (Kopp-Wills Jahresb. f. 1861. S. 916.). 

Malaguti analys. den sog. Guano von Patagonion, 
der weder Harnsäure noch Oxalsäure enthält; die darin vor- 
kommende Kieselerde und eisenoxydhaltige phosphors. 
Thonerde wird nach dem Glühen in Säuren fast unlöslich, 
(a. a. 0. S. 917.). 

Guanolager der Bakers-, Howlands- und Jar- 
vis - In s el n , nach J. D. Hagen; dieser Guano enthält 
2CaO,HO,P05 (bis 90%). Gefunden CaO = 38,32, PO 5 = 50,04, 
S03 1,63, Glühverlust 9,62, Wasser 0,12 (?) (Kopp-Wills 
Jahresb. f. 1862. S. 678.). 

Guano gallensäure im Peruguano nach Hoppe-Sey- 
1er. (Wills Jahresb. f. 1863. S. 654.). 

Fledermaus -Guano in einer Grotte der Gemeinde 
Chaux les Ports am rechten Ufer der Saone enthält nach 
Hardy 55,2% org. Materie, 24,3% Asche, 8,3% phosphors. 



166 Entdeckung des Zuckers iui Hurn. 

Kalk und 12/2 Proc. Stickstoff (als Ammoniak). (Wills Jahresb. 
f. 1865. S. 679.). 

Kletzinsky, dalmatinischer Höhlenguano. 
(Wills Jahresb. f. 1865. 8. 816.). 

Böhnke-Reich, Bakerguano. (Arch. d. Pharm. 124, 48.). 
C. Schmidt, peruvian. Guano u. norwegisch. Fischguano. — 
Ulex, Kavasso - Guano. {Wills Jahresb. f. 1866. S. 877.). 

H.L. 



Entdeckung des Zuckers im Harn nach Francqui 
und ran de Vyvere. 

Von den Unzulänglichkeiten der Eeagentien auf Zucker 
wird gelöstes Wismnthoxyd ausgenommen. Wismuthoxydhy- 
^ drat löst sich unter Eintluss gewisser organischer Stoffe, wie 
Glykose, Rohrzucker, Dextrin, Weinsäure u. s. w. in Aetzkali- 
lauge. Diese Lösungen geben beim Sieden nur bei Gegenwart 
von Glykose Niederschläge. Um Zucker im Harn nachzuwei- 
sen, verfährt man folgendermaassen : 

Zur Darstellung des Beagens fällt man eine Lösung von 
saurem salpetersauren W>smuthoxyd durch einen grossen 
Ueberschuss von Aetzkali und bringt tropfenweise in die 
massig erwärmte Flüssigkeit eine Lösung von Weinsäure, bis 
der Niederschlag von Wismuthoxydhydrat vollständig wieder 
gelöst ist. Um diabetischen Harn zu erkennen, erhitzt man 
einen Theil davon mit dieser Lösung. Nach minutenlaiigem 
Sieden bräunt sieb der Urin, und es fällt metallisches 
Wismuth nieder als schwarzes, krystallinisches , dem Glase 
anhaftendes Pulver, wenn Glykose vorhanden ist. Harnstoff 
und Harnsäure fällen das Keagens nicht, Eiweiss allein bewirkt 
eine braune Farbe und eine leichte Trübung wahrscheinlich 
von Schwefelwismuth. Schwefel Wasserstoff haltige Harne fäl- 
len das durch Alkali und Weinsäure gelöste Wismnthoxyd 
schwarz, doch können diese Beactionen mit den durch Zucker 
bewirkten nicht verwechselt w^erden. Es ist leicht, Eiweiss 
zu erkennen und abzuscheiden; erhitzt man Urin von einer 
an Morbus Brightii leidenden Person , so wird die Flüssigkeit 
trübe, opalisirt, das Eiweiss coagulirt. Schwefel Verbindungen 
oder Schwefelwasserstoff lassen sich leicht durch Bleilösung 
nachweisen. {Art m('^dical. — Gazette mödicale. — Journ. de 
'P?iarm. et de chim). R. 



167 



,V^. IVIediciii^ Pliarnaacie, Hygiene. 

Diätetik. 



Pulver wider die Oicht. 

(Poudre antigoutteuse) von H a d e n. 

Man mische: 

Gepulverten Herbst zeitlosensamen 3 Gramme, 
Schwefelsaures Kali 4 Gramme, 
Doppeltkohlensaures Kali 3 Gramme. 
Davon gebe man 50 Centigramme bis 1 Gramm täglich 
den von der acuten Gicht oder von Gelenkrheumatismus Be- 
fallenen. 



Pulver wider Kheumatismus. 

(Poudre antirhuraatismale) von Pereira. 
Man nehme: 

Gepulvertes Guajakharz 4 Gramme, 
Gepulverte Orangenblätter 2 Gramme, 
Essigsaures Morphin 4 Centigramme. 
Mische und theile in 12 Pulver. Alle 2 Stunden ein 
Pulver gegen acuten Rheumatismus. 



Patter son's Pulver. 

Man nehme: 

Basisch salpetersaures Wismuthoxyd 10 Gramme, 
Hydratische Magnesia 10 Gramme, 
Gepulverten Zucker 80 Gramme. 
Mische und theile in 100 Pulver. Man giebt davon täg- 
lich 1 bis 10. Man giebt dieses Gemisch auch in Form von 
Tabletten und aromatisirt den hiezAi benutzten Schleim mit 
Orangenblüthenwasser. {Union medic, daraus in Journ. d. 
pharm, et d. chim. 4. s(^r. totn. 8. p. 210. Sept. 1868.). H, L. 



1G8 Theer als Mittel die Furuukelneubildung etc. — Einreibung geg. Zona. 

Tlieer als Mittel die FurunkelneubiUliing zu verhindern. 

Das Blutgeschwür ist der Begleiter aller acuten heftigen 
Hautkrankheiten, man begegnet ihm bei Zona, Strophulus, 
Eczema u. s. w. Ist eines kaum geheilt, so ist schon wieder 
ein anderes da, und es scheint, als ob bei einzelnen Indivi- 
duen diese AfFection sich bis ins Unendliche regenerire. Eine 
Frau , die sich gegen Schmerzen im Arme einigemale mit 
Kamphersalbe einrieb^ bekam acutes Eczema, dem sich bald 
eine Menge Furunkeln zugesellte. Das Eczema wurde mit 
Kataplasmen, Bädern, Purgirmitteln behandelt, aber die Furun- 
keln dauerten fort, vermehrten sich täglich, ohne dass das 
Eczema sich merklich besserte. Die Kranke erhielt Infusum 
Violae und Sennae, dann täglich 4 Grläser Theerwasser, ab- 
wechselnd mit Wein. Nach einigen Tagen war das Eczema 
verschwunden , die Furunkelneubildung hörte auf. Derselbe 
Erfolg zeigte sich auch bei andern Kranken, so dass man dem 
Theer eine eigene Wirkung gegen Furunkelbildung zuschrei- 
ben muss, 

Hardy experimentirte gegen diese Affection mit zahl- 
reichen, therapeutischen Mitteln; erweichende Bäder und Ka- 
taplasmen begünstigten nur die Neubildung der Furunkeln; 
Purgirmittel waren ohne Wirkung. Arsenik würde vielleicht 
eine bessere Wirkung haben, aber man scheut sich davor, 
während Theerwasser leicht anzuwenden und sonst unschäd- 
lich ist; es ist das Beste, was man in diesem Falle ordiniren 
kann, und kein Grrund vorhanden, wesshalb man nicht gleich 
zu ihm seine Zuflucht nehmen sollte. {Journ. de m6d. et de 
chir. prat — Jou7m. de pharm, et de cMm.). R. 



Einreibung gegen Zona Ton Cr^pinel. 

Süssmandelöl 20 Grm. 

Chloroform 4 „ 

Man macht täglich 5 — 6 Applicationen auf die Gruppen 
der Ausschlagbläschen, wobei man das Liniment vorher durch- 
schüttelt und die eingeriebenen Stellen mit der Seite von 
Watte bedeckt, die nicht glacirt ist, oder von welcher man 
die glacirte Schicht entfernt hat. Bei Kindern werden 2 Grm. 
Chloroform angewandt, bei Erwachsenen kann man je nach 
der Stärke der Schmerzen bis 6 Grm. steigen. Die Schmer- 
zen verchwinden in einem oder zwei Tagen, vollständige Hei- 
lung tritt in 6 bis 8 Tagen ein. {Journ. de pharm, et de 
chim.). B, 



Anwendung d. Terpenthinöls. — Labiatenöle als Stimulantia etc. 169 

Formel für die Anwendung von Terpenthinöl 
nach Dannecy. 

Das Terpenthinöl ist ein Arzneimittel von einer difficilen 
Anwendung. 

Die Mixturen , in denen man es nehmen zu lassen ver- 
sucht, schmecken widerlich und die Kapseln, in denen man es 
einschliesst, haben den Uebelstand, dass sie das Oel in unver- 
dünntem Zustande in den Magen bringen, wodurch oft eine 
lebhafte Irritation desselben hervorgerufen wird. Herr Dan- 
necy hat desshalb das Wachs als Mittel benutzt, das Oel 
in Pillenform zu bringen und es so nehmen zu lassen. 

Man nimmt gleiche Theile Terpenthinöl und weisses 
Wachs, schmilzt sie bei gelinder AVärme zusammen, lässt 
erkalten und mengt soviel gepulverten weissen Zucker 
hinzu, als nöthig ist, um Pillenmassenconsistenz zu erzielen. 
Man theilt in Pillen, von denen jede 0,20 Gramme Terpen- 
thinöl enthält. {Journ. d.iiiHecine de Boi^deaiix ; Jouni. d. yharm. 
et d. chim. 4. sö\ to7n. 5. pag. M7.). H. L. 



Labiatenöle als Stimulantia in allgemeinen Bädern. 

T p i n a r d lässt zu einfachen Bädern Oele von Rosmarin, 
Thymian, Lavendel und Quendel setzen. 2 Grm. E-osmarinöl 
z. B. zu dem Badewasser gefügt erregen bei empfindlichen 
Personen nach 5 Minuten Gefühl allgemeiner Wärme und 
Wohlbefinden, nach einer Viertelstunde deutliches Prickeln, 
namentlich im Rücken und den Seiten , welches nach etwa 
45 Minuten confluent und unerträglich wird. Beim Heraus- 
steigen aus dem Bade sind die Papillen hervorragend 
und sehr empfindlich, breite rothe Flecken zeigen sich zahl- 
reich hier und da, der Puls ist bisweilen sehr beschleu- 
nigt. ]!^ach einer Stunde sind diese Erscheinungen völ- 
lig verschwunden. Thymian- und Quendelöl wirken ebenso, 
Lavendelöl um die Hälfte schwächer. In alkoholischer Lö- 
sung ist ihre Wirkung erhöht, ein Zusatz von 2 — 300 Grm. 
kohlensaures N'atron oder Kali zu dem Bade vermindert die 
Wirkung. Weniger empfindliche Personen vertragen die 
drei- und vierfache Menge. Topinard bestimmte folgende 
Dosen: 



170 Morphin - Collodium. — Das Salpeterpapier. 

1) 2 Grm. der reinen Oele von Rosmarin, Thymian oder 
Quendel. 

2) 1 Grm. derselben in 30 Grm. Alkohol gelöst. 

3) 3 — 4 Grm. , wenn dem Bade 2 — 300 Grm. kohlen- 
saures Alkali zugesetzt werden. 

Von Lavendelöl in jedem Falle die doppelte Dosis, 
namentlich tropfenweise bei kleinen Kindern vorzuziehen. 

Diese Bäder sind indicirt bei acuten und chronischen 
Krankheiten', wenn man einen allgemeinen Hautreiz bewirken 
will, um eine Reaction hervorzurufen, um alle Functionen zu 
heben oder um eine Ableitung zu Gunsten der innern Organe 
zu erzeugen. Man erreicht diesen Zweck bei acuten Krank- 
heiten durch eine starke Dosis, bei chronischen Leiden durch 
eine Reihe von Bädern mit gewöhnlicher Dosis. Sie ersetzen 
die Schwefelbäder, welche sie schon durch ihren angenehmen 
Geruch übertreffen. Abänderungen bleiben natürlich jedem 
Arzte überlassen nach seinem dem einzelnen Falle ange- 
passten Ermessen. {Gazette des hopitaux. — Jow^n. de pharm, 
et de chim.). R. 



Morphin -CoUodiuin yoii Caiiiiniti. 

Collod. 30 Grm. 

Morph, hydrochlorat, 1 „ 

Wird auf die Haut applicirt gegen Gesichtsneuralgie. 
{Journ. de pharm . et de chim?). R. 



Das Sali)eterpapier 

wird gegen Asthma angewandt, indem man den beim Verbren- 
nen aufsteigenden dichten Rauch desselben einathmen lässt. Nach 
Vohl enthält dieser Rauch: Kohlensäure, Kohlenoxyd, Cyan, 
Ammoniak , Stickstoff, Wasserdampf, kohlensaures und salpe- 
tersaures Kali. Die heilkräftigen Eigenschaften dieses Papie- 
res beruhen in dem Ammoniak und dem Salpetersäuren Kali. 
(Polyt Joimi. t. CLXXVII. p. 295. — Joimi. de pharm, et de 
chim.). R' 



171 



C. Waareiibericlit. 

Notizen aus der Preisliste von Gehe und Comp. , Dresden, 
Anfang April 1869. 



I. Drog-ueii. 

Aeruj?o in globulis. Die zollvercinsländischcn Grünspan - 
Fabriken , die wohlfeiler als die französischen producirten , vermochten 
der einheimischen Nachfraj^e zu genüf;en und haben bei ermässigter Noti- 
rung den Import aus Frankreich überflüssig gemacht. In Qualität kommt 
die deutsche ÄVaare der französischen völlig gleich, ist sogar, weil trocke- 
ner, vorzuziehen. 

Aniyloxydhydrat (Fuselöl) in Fässern, in feiner, weisser, zoUvor- 
schriftsmässig reiner Waare beschaffen wir zu etwas massigeren Ko- 
sten , nachdem sich mehr Brennereien zu der Bereitung dieses zur 
Parfümerie , zu Fruchtessenzen und neuerdings als Extractionsmittel sehr 
gesuchten Artikels herbeigelassen haben. 

A 1 o e. Nach den beiden reichlichen Ernten , die besonders von der 
wichtigsten Sorte Aloe lucida am Cap der guten Hoffnung sehr aus- 
giebig gewesen sind (es kamen in 18G6 4647 Kisten, in 1867 4109 Kisten 
nach London) , war ein drittes gleich günstiges Jahr nicht zu erwarten, 
was sich durch Abnahme der Importe auf 3087 Kisten in 1868 auch 
bestätigt hat. Dennoch hat sich der Werth dieser, übrigens stetigen flot- 
ten Abzug findenden Sorte im^ Laufe des vorigen Jahres noch nicht heben 
können , weil zu starker Stock aus dem Vorjabrc herübergenommen war. 
Ausserdem ist ein wesentlicher Preisrückgang derllepatica- undZau- 
z i b a r - Sorten wahrzunehmen gewesen. 

Amygdalae dulces et amarae. Die für die Pharmacie bevor- 
zugten und im Preise besonders hochgeschraubt gewesenen berberi- 
schen Mandeln, sowohl süsse als bittere, haben in den letzten 
Monaten ebenfalls Preisreductionen erfahren. 

Spätfröste im März geben leider Besorgnisse für die nächste Mandel- 
ernte und veranlassten die Inhaber, höhere Preise zu fordern, was indess 
für Amygdalae amarae minores durch das soeben stattgefundene 
Eintreffen einer Zufuhr von ca. 1000 Ballen von Tanger paralysirt Avurde. 

Reisstärke hat bei dem etwas höheren Preise noch nicht ganz die 
venliente grössere Verbreitung gefunden , die ihr als vorzüglich schönes 
Appreturmittel feiner Bordüren , Stickereien u. s. w. nach den bisher 
gemachten Versuchen gebührt. 

Asa foetida ist während des ganzen vergangenen Jahres äusserst 
knapp gewesen, da fast alle Zufuhren ausblieben. Es kamen in 1868 in Lon- 
don nämlich nur 270 Kisten an, gegen 4818 Kisten in 1867, wonach der 
Mangel namentlich in ordinären Sorten sehr fühlbar wurde. Der Werth 
des Artikels ist daher auch ferner ansehnlich gestiegen. 

Axungia porci. Die Importe von Schweinefett aus Amerika 
und Ungai'n haben wesentlich nachgelassen, da jene Länder das Gros 
ihrer Production für eigenen Gebrauch nöthig hatten und nur kleinere 



172 Waarenbedclit. 

Theile davon zu hohen Kosten in den auswärtigen Handel gelangen 
liessen. Die Preise haben daher allgemein eine ungewöhnliche Höhe 
erreicht und müssen bewilligt werden, so lange die Nachfrage die gleiche 
bleibt. 

Baccae juniperi. Die Wachhold erbe ei'en sind hier und in 
anderen Gegenden reichlich geerntet und zu billigen Preisen umgesetzt. 
Wir können sowohl mit deutschen als italienischen Beeren die- 
nen ; letztere sind von grosser, voller und schöner Facjon im Vergleich zu 
den eingeschrumpften deutschen Beeren , und eignen sich mehr zur Saft- 
und Extractbereitung , während die deutschen sich reicher an ätherischem 
Oele zeigten. 

Baccae myrtillorum. Die letzte Ernte war eine reichliche und 
gab zu der Voraussicht billiger Preise allen Anhalt. Eine unerwartet 
grosse Frage nach diesen besonders in der Levante starke medicinische 
Anwendung findenden Beeren für Kriegsspitäler für Frankreich , .Russland 
und Rumänien brachte indess plötzlich durch grosse, zum Theil in unvor- 
sichtige Hände gelangte Ordres eine starke Conjunctur in den Artikel 
und trieb die anfangs massigen Preise ganz bedeutend in die Höhe. Als 
bei eingetretener friedlicher Wendung diese Einkäufe jedoch aufhörten, 
ermattete jene Kauflust und nur schwache Umsätze fanden noch statt zu 
sinkenden Preisen. Neuerdings wurden die Forderungen wieder erhöht, 
weil die ungewöhnliche Milde des Winters allzuzeitiges Wachsthum der 
Pflanzen hervorgebracht, Nachtfröste aber dieselben zerstört haben sollen. 

Bismuthum. Die Aussicht, aus Peru künftig reichlicher versorgt 
werden zu können , hat das Geschäft erschlaffen lassen , und Ermässigung 
auch unserer hiesigen Hüttenpreise werden nicht ausbleiben , wenn sich 
diese Zufuhren aus Peru fortsetzen. Dabei hängt indess dem P e r u - 
Wismuth bei schönem Aussehen und sonstiger Reinheit ein variabler 
Antimon-, Kupfer- und Zinngehalt an, der um so mebr Anstoss giebt, 
als gerade die Entfernung dieser Verunreinigungen schwer und umständlich 
ist, während die dem sächsischen Werkwismuth noch anhaften- 
den ganz geringen Spuren von Arsenik mit Leichtigkeit entfernt werden. 
Immerhin werden sich unsere Hütten, wenn wirklich mehr Peru-Wis- 
muth eingeführt werden sollte, entschliessen müssen, auch dieser Con- 
currenz alle Rechnung zu tragen. 

Die Jahreslieferung allein für die französische Armee pflegt sich auf 
1250 Kilogr. Sousnitrate de Bismuth zu belaufen, wovon der stär- 
kere Theil auf Algier gegen die daselbst häufige Dysenterie kommt. 

Fast das ganze Wismuthmetallquantum findet übrigens seine Anwen- 
dung zur Umwandlung auf Bismuthum subnitricum, welcher Fa- 
brikation wir uns auch selbst im grossen Maasstabe unterziehen, imd von 
welcher wir unsere Ablieferungen in ganz weisser, chemisch reiner, leicht 
flockiger Waare garantiren , sowohl in Form von Pulver , wie auch von 
Trochiscis. 

Borax raffinatus. Nachdem die toscanische Borax s äure schon 
lange zur Herstellung dieses in grossem Umfange gefragten gewerblichen 
Artikels nicht mehr zugereicljt hat, und das Ganze dieser Production 
regulär in die Hände englischer Fabrikanten und Monopolisten überzu- 
gehen pflegte , hat sich die Fabrikation auch wesentlich dem südamerika- 
nischen Boraxkalke, als Materials dazu, zugewendet. Nach dem Erd- 
beben in Peru im vorigen Herbste ist jedoch auch dieser seltener und 
theurer geworden. Auch von ostindischem Borax und von Tin- 
cal waren Zufuhren nur schwach und es kann unter diesen Umständen 
nicht Wunder nehmen, dass es den grossen englischen Monopolisten 
gelang, die Materialien - Zufuhren und das Fabrikat gleich zu beherrschen 



•- Waarenbericht. 173 

und für letzteres übertriebene Preise zu dictiren. Nun wir jetzt auch die 
Boraxfabrikation in die Hand nehmen, hoflfen wir indess in den Stand zu 
gelangen, unseren inländischen Markt vor ganz unmotivii'ten Schwankun- 
gen zu bewahren, 

Cacao. Im Laufe des Jahres 1868 kamen 4,288,000 Pfd. nach Ham- 
burg, gegen 4,085,000 Pfd. in 1867 und 3,180,000 Pfd. in 1866 und war 
es wiederum Guajaquil, das das grösste Contingent zu dieser bedeu- 
tenden Zitfer stellte. Die weichende Tendenz des Artikels hat angehalten 
und ist bei der voraussichtlich fortschreitenden reichlichen Versorgung 
eine Retablirung früherer hohen Werthe kaum zu erwarten. 

Cadmiura. Nur wenigen Zinkhütten rentirt es, dieses Metall aus- 
zuscheiden ; es ist daher seltener und theurer geworden. 

Cantharides sind schwach gesammelt und haben auf den Messen 
in Pultawa und Nisohney- Nowgorod höhere Preise geholt. Es hat allen 
Anschein , dass sich diese Preise durchführen und befestigen werden , da 
nach längerer Unterbrechung wieder Ordres von Amerika zu uns kommen. 

Caryophylli. Die Preise der Gewürznelken haben sich wäh- 
rend des Jahres 1868 foi-twährend in steigender Eichtung bewegt, in Folge 
der bedeutenden Abnahme der Zufuhren bei Verminderung der Vorräthe 
durch lebhafte Frage, 

Castoreum Canadense. Die übertrieben hohen Preise , welche 
die Hudson -Bay- Company im December 1867 in der londoner Auction 
erzielte, sind im Wiederverkaufsgeschäfte, unerachtet der damals dazu erhal- 
tenen besonders schönen Qualitäten, nicht wieder zu erlangen gewesen, 
welche letztere wir daher jetzt mit Verlust zu den vorherigen billigen 
Preisen abgeben. Von 

Castoreum Moscoviticum in ächter Waare und guten Doppel- 
beuteln sind uns aus Südrussland verschiedene Loose consignirt, die wir 
austrocknen Hessen und jetzt zu massigen Notirungen anbieten. 

Catechu, braunes Pegu- hat manchen Preisschwankungen uiitoi-- 
legen , jedoch, unterstützt durch ansehnlichen Verbrauch, trotz starker 
Zufuhren nach jedem Preisfalle immer bald wieder höheren Preisstand 
erreicht. Nach Grossbritannien gelangten im vorigen Jahre 70,220 Ctr. 
gegen 42,220 Ctr. in 1867 und 48,680 Ctr. in 1866. Der nur kurze Zeit 
im vorigen Jahre auf 28 sh. gewesene Preis hat sich bald auf 34 sh. für 
feine Marken in England gehoben und ist so auch noch im März dieses 
Jahres bezahlt worden. 

Cera. Das Geschäft in gelbem Bienen wachs scheint bedeu- 
tend an Ausdehnung zu gewinnen. Die Sammlung im Inlande ist für den 
hiesigen Bedarf längst nicht mehr ausreichend und sind wir genöthigt 
gewesen, aus Frankreich und der Schweiz zu beziehen, wo wir schöne, 
unsere deutsche selbst übertreffende Qualitäten gefunden haben. Auch in 
Hamburg hat das Geschäft in Wachs grosse Zunahme erfahren , indem 
daselbst 67 7,000 Pfd. gegen 490,000 Pfd: in 1867, meistens von Afrika und 
Amerika, eingeführt wurden. Der starke Begehr hat die Preise etwas erhöht 
und ist auch gebleichtes Wachs dem entsprechend theurer geworden. 

Cera Japonica. Der Handel mit japanesischem Pflan- 
zenwachs, der wegen beschränkter Bestände längere Zeit ohne 
Bedeiitung blieb, hat durch das Anlangen erheblicher Zufuhren bei anhal- 
tender Frage vermehrten Aufschwung gewonnen. Holland erhielt im vori- 
gen Jahre 7500 Kisten, wovon die Maatschappy - Auction am 18 Novem- 
ber 4047 Kisten verschiedener Descriptionen zu etwas ermässigten Preisen 
hingab. England, welches in 1868 nur 5390 Kisten gegen 10,000 Kisten 
in 1867 erhalten hatte, brachte neuerlich, im Februar, auch 3400 Kisten 
zum Hammer, ohngefähr ein Drittheil der neuesten Zufuhren mit den 



] 74 Waarenbericht. 

Schiffen Nile und Pampero, was mit einem Preisrückgange von 15 sh. 
verbunden war. Was wir zu diesen gesunkenen Preisen in Holland wie 
in England genommen, zeigt sieb von guter Qualität und findet zu den 
erniedrigten Kosten lebhaften Abzug. Seitdem ging es 4 a 5 sh. wieder 
höher. Mit C arnauba-Pf anzen wa chs von Bahia haben wir uns 
ebenfalls aufs Neue gut versorgt und unsere Notirung herabsetzen können. 

Cetaceum seu Spermaceti. Neben seiner bisherigen Verwen- 
dung zu Salben, Seife und Liebten wird der Walrath jetzt auch viel- 
fach als Appreturniittel gesucht und in so starken Quantitäten, dass eine 
Steigerung seines Werthes nicht ausbleiben konnte. Die Ausfuhr im letzt- 
abgeschlossenen Rechnungsjahre der nordamerikanischen Freistaaten hatte 
46,047 Pfd. betragen. 

C o 1 o p h n i u m. Sowohl französisches als amerikanisches 
Harz ist bei massigem Abzüge geringen Schwankungen unterworfen und 
mehr sinkend gewesen. Auf der Elbe nach Hamburg sind im vorigen 
Jahre von amerikanischem 59, .596 Fässer gekommen, welche das Lager 
von 17,755 Fässern aus 1867 auf 77,351 Fässer brachten und bei einem 
Abzüge von 61,596 Fässern den Bestand in Hamburg auf 15,755 Fässer 
reducirten , wozu noch eine Einfuhr von 3687 Fässern gegen 3950 Fässer 
in 1867 aus Frankreich gekommen ist. Die C olo p h onium- Ausfuhr 
der nordamerikanisehen Freistaaten im letzten mit Ende Juni 1867 abge- 
schlossenen Fiskaljahre hatte die Höhe von 334,104 Fässern erreicht und 
dürfte seitdem nicht abgenommen haben. Dies erklärt die sehr gesunkenen 
Preise , sowie den theilweisen Stillstand der C o 1 o p h o n i u m - Fabrika- 
tion in Frankreich, weil selbst die Arbeitslöhne dafür nicht wieder einzu- 
nehmen waren. 

C o p a 1. Die Zufuhren der besten gereinigten Zanzibar- Sorte 
kamen auch im vorigen Jahre nach Hamburg, aber in unzureichenden 
Posten und sind zu bedeutend erhöhten Preisen stets flott abgegangen. 
Jetzt ist namentlich in den feinsten Sorten, die je nach Qualität sogar um 
25 bis 40"/o gestiegen sind, fühlbarer Mangel und namentlich die feinsten 
Descriptionen sind es, welche hoch bezahlt werden müssen. Auch in ande- 
ren Copalsorten, Angola, Congo und Manilla, fanden grosse Um- 
sätze zu erhöhten Preisen statt. Der Verbrauch seheint allgemein zuge- 
nommen zu haben und hat auch den australischen Kowrie-Copal zu 
grösserer Geltung gebracht, der gleichfalls ansehnlich gestiegen und beson- 
ders nach Amerika gegangen ist. Auch die Einfuhr dieser Sorte zeigte 
Abnahme und hat 1868 in London sich nur auf 33,440 Ctr. belaufen gegen 
48,540 Ctr, in 1867 und 35,900 Ctr. in 1866. Für allgemeine Zunahme 
des Verbrauchs der Haupt -Lackmaterialien Co pal und Dam mar 
scheint auch die französische Statistik zu sprechen, nach welcher in 
Frankreich 1867 597,176 Pfd. gegen nur 456,176 Pfd. Co pal und 
Dammar in 1866 zur Consumtion gelangt sind. 

Cortex chinae. Die Frage nach Chinin war sehr lebhaft, dem 
Anscheine nach indess hauptsächlich stimulirt von dem Verlangen, vor 
erwarteter Conjunctur noch billig auf Vorrath zu kaufen, und erreichte 
seit Eintritt der Conjunctur in den letzten Monaten allein bei uns die 
Höhe von circa 1000 Pfd. in einer Menge einzelner meist kleinen Posten. 
Die älteren Vorräthe in den Apotheken scheinen daher aufgeräumt und 
für allgemeine Ergänzung Notliwendigkeit eingetreten zu sein, ohne dass 
jedoch hierbei der Charakter grösserer Bedürfnisse für epidemische AVech- 
selficber , violleicht nur mit Ausnahme von den Niederlanden, schon zu 
erkennen gewesen ist. Bleiben die Fieber aus, halten dafür die Rinden - 
Zufuliren an , bringt namentlich der dampfbootberabrene Amazonenstrom 
in der doch schon einmal gelungenen Weise auf dem kürzeren und leich- 



Waarcnberichf . 1 75 

teren Wege fernere Ladungen trefilicher Prima- C alisaya -Rinden 
noch neben den reichlich vorhandenen weichen Columbia-Sorten 
über Para, statt über Arica und Islay heran, so wird auch die Preis - 
Conjunctur um so früher umwenden, die zur Zeit wohl ihre wirkliche 
Berechtigung hatte. Grosser Speculation auf weit hinaus liegende Zeiten, 
um damit die Preise sinnlos in die Hohe zu schwindeln, steht glücklicher- 
weise auch die Ptücksichtsnahme auf die Chinabaum - Culturen in Asien 
entgegen, über welche wir C. von Gorkom's vorliegendem Berichte über 
das III. Quartal 1868 entnehmen, dass die Java-Cultur bis dahin auf 
597,438 Bäume unter den günstigsten Auspicieu gestiegen war , und von 
Java möchten daher wohl auch am ehesten Zufuhren von Chinarinden, 
deren Chiningehalt dort von l,i27o ^^^ 3,32% variirte und im Durch- 
schnitte auf 2,22% bestimmt wurde, als Material dem europäischen China- 
rinden-Markte und der Chininfabrikation zu Hilfe kommen. Die in Bri- 
tisch -Indien zu gewärtigenden ßindeusamraluugen dürften dagegen wohl 
gleich an Ort und Stelle verbraught werden, direct als Arznei, wie zur 
Darstellung des bedeutenden Gouvernementsbedarfs an Chinin, und 
somit nur indirect erleichternd auf das europäische Geschäft zurück- 
wirken. 

Corte X granatorum radicum ist in der gewohnten Qualität zu 
bisherigem Preise wieder am Lager. Ausserdem haben wir durch glück- 
lichen Zufall auch eine kleine Partie wirklicher "Wurzel-Rinde, 
freilich zu höheren Kosten, anschaffen können, welche fast immer vergeb- 
lich gesucht wurde, da bekanntlich die gewöhnliche Sorte Cortex gra- 
natorum radicum nicht ausschliesslich von den Wurzeln, sondern 
hauptsächlich von den Zweigen und Aesten herrührt. 

Cortex quill ayae. Der Verbrauch der chilenischen Seife n- 
rinde in der WoU - und Seidenwäscherei hat bedeutende Dimensionen 
angenommen, und das Gros der Zufuhren, welches über Prankreich gekom- 
men, wurde gleich daselbst consumirt, ohne zur Wiederausfuhr zu gelan- 
gen, daher die Anschaffung des Artikels schwierig und sehr kostspielig 
war. Es ist sehr zu wünschen, dass grössere Abladungen als bisher nach 
Europa kommen. Disponible Waare wurde mit 80 Fcs. erste Kosfen 
bezahlt, was zu grösserer Einsammlung in Chili ermuthigen dürfte. Wir 
fahren fort , diese schwer zu zerkleinernde Rinde schneiden und pulvern 
zu lassen, und bieten beide Facjons zu massigen Preisen aus. 

Crocus. VonGatinais- sowie von Valen cia- Safran pflegen 
wir nur die besten, garantirt reinen Loose einzulegen und können bei 
dem Umstände, dass seit einigen Jahren alle Plätze mit verfälschtem 
Safran überhäuft sind, unsere absolut ächten Qualitäten als vortheilhaf- 
ter bei höheren Preisen empfehlen. Ausser der bekannten Mischung mit 
den gefärbten Blumenblättern der Ringelblume (Feminell) wird besonders 
für den spanischen Safran die Erschwerung mittelst einer aus Ho- 
nig und feinstem Schmirgelpulver bestehenden teigartigen Masse in gross- 
artigen Verhältnissen ausgeübt. Ein so verfälschter Safran ist glänzend 
roth und fühlt sich trocken an, so dass selbst Kenner damit getäusclit 
werden , wenn sie nicht eine genaue Probe in warmem Wasser anstellen. 
Ein anderes neuerdings im Handel aufgetauchtes Fälschungsprocluct ist 
ein Safran, welcher ebenfalls beim ersten Anblicke ein schönes Aeussere 
zeigt und dessen Geruch zwar nicht sehr stark , doch genügend charakte- 
ristisch ist, um Betrug nicht vermuthen zu lassen. Bei eingehender Unter- 
suchung fällt das bedeutende Gewicht des von Blei und Sand doch freien 
Safrans auf und entdeckt man einen mattgelb gefärbten Ueb'erzug von 
Kreide. Diese wurde jedenfalls als Pulver mit Honig zu Brei angerührt, 
um so den Filamenten anzuhaften und sie zu umschliessen. Bei starkem 



176 Waarenbericht. 

Trocknen bröckelt sie jedoch wieder ab und ist dann leicht als kohlen- 
saurer Kalk nachzuweisen, welcher, die ihn haltende Feuchtigkeit ein- 
gerechnet, durchschnittlich wenigstens 1/5 der gefälschten Substanz aus- 
macht. Mit über 1000 Kgr. solcher verfälsc h ten Safransorten sind 
Bordeauxer Coraniissionshäuser getäuscht worden, die solche nach Muster 
gekauft und verkauft hatten, bevor dieser grossartige Betrug entdeckt 
wurde. Neuerlich sind wir auch darauf eingerichtet, Crocus electus 
oder ausgezupften Safran zu liefern. Dies sind die abgetrennten 
reinen Narben (Stigmata) ohne die davon entfernten langen gelben Griffel 
und bestehen aus reinen, breit ausgestreiften tief orangerothen Fäden. 
Diese in unseren Listen als Crocus electus bezeichnete veredelte 
Waare bedingt dem Ai-beitslohne und dem Gewichtsabgange entsprechend 
höhere Notirung. 

Flores humuli lupuli. Hopfen wird in Folge zweier reichlichen 
Ernten zu ungewöhnlich billigen Preisen umgesetzt, die voraussichtlich bis 
zur nächsten Ernte anhalten werden. Wie früher , pressen wir auf Ver- 
langen mittelst hydraulischer Pressen kleine quadratische Ballen von 
geringstmöglichem cubischen Inhalte, um die Schiffsfracht billiger zu 
machen, und wird der Hopfen für diese Packung speciell präparirt und 
getrocknet und doppelt emballirt oder auch in Bleche gebracht. 

Folia sennae alexandrin a. Die Knappheit der alexandri- 
ner Sennesblätter dauert fort. Vorräthe sind gering und enthalten 
nur mangelhafte gebrochene Waare, mit Zweigen, Stielen und Sand bela- 
stet. Wir lassen, um nur eine leidliche Waare zu erzielen, dieselbe einen 
doppelten Siebprocess durchgehen, es ist aber trotz doppelter und drei- 
facher Kosten nicht möglich, das zu liefern, was man früher Folia 
sennae purissima und bisdepurata nannte. Folia sennae 
alexandrina parva kosten jetzt mehr, als früher die beste Waare. 
Unter solchen Umständen müssen die 

Folia sennae Tinnevelly, welche wegen ihrer elastischen Be- 
schaffenheit weniger Bruch zeigen, die erwünschte Aushilfe geben. Dass 
dies in grossem Maasstabe bereits geschehen ist, zeigt die londoner Ein- 
fuhr von 3064 Ballen gegen nur 1144 Ballen in 1867, welche erhöhte 
Einfuhr nicht nur ganz begeben wurde, sondern noch 500 Ballen aus dem 
Stocke von Ende 1867, wie aus der Ziffer der Deliveries von 3500 Bal- 
len ersichtlich ist. Auch von Tinne velly haben wir jetzt parva, den 
beliebten alexandriner parva nachgeahmt. 

G a 1 1 a e. Mit Galläpfeln werden jetzt unsere Märkte überreich- 
lich versorgt. Besonders sind es die wohlfeileren chinesischen und 
japanesischen Gallen, welche die theureren kleinasiatischen verdrän- 
gen, und ist ein bedeutender Rückgang ihres Werthes zu constatiren. 
Aleppo- und Yerli-Gallen in schöner Waare werden von Constan- 
tinopel und Smyrna zu erheblich ermässigten Preisen ausgeboten, und wenn 
die neuen Zufuhren vom persischen Meerbusen über Bussorah noch 
dazu kommen werden, so ist weiterer Preisdruck vorauszusehen. 

Glandes quercus. Eicheln, ausgehülste und gedörrte, ganze 
und gepulverte, sind in unserer Gegend reichlich gesammelt und wohl- 
feiler geworden. 

Gummi arabicum. Fühlbarer Mangel findet an achtem Gummi 
arabicum von feinster electer Waare statt, die, wo sie vorkommt, 
enorme Preise holt. Von naturellen und fein naturellen levantiner 
Sorten kamen noch eher Anfuhren, doch nicht genügend für den Bedarf 
und sind Preise nach und nach circa 25"/o höher gegangen. Auch Talca- 
und Suakim -Gummi wird entsprechend theuror bezahlt, trotz unreiner 



Waarenbericht. 177 

Qualitäten. Die Levante - Berichte melden die letzte Ernte als sehr klein, 
und wenn sich solche als richtig erweisen, so stehen noch höhere Preise 
bevor. Von ostindischem und australischem Gummi arabi- 
cum betrug der Import in London in 1868 6297 Ctr. gegen 4293 Ctr, in 
1867, doch sind dies meist geringere Sorten, die ca. 1.5 sh. pro Ctr. nie- 
driger abgingen. 

Gummi senegalense erhält sich in Bordeaux auf Frs. 240., was 
nicht zu hoch scheint, weil die Gesammtzufuhren 1868 nur 2,500,000 Kg. 
betrugen gegen die ohnehin schwach gewesene Einfuhr von 3,200,000 Kg. 
des Vorjahi-es. Auch davon sind schöne Qualitäten selten. 

Herbae medicinales. Im Allgemeinen spielen diese Vegetabi- 
lien im europäischen Droguen- Geschäfte nur noch eine untergeordnete 
Rolle. Unsere deutsche Heilkunde ist mehr und mehr von Anwendung 
der zahlreichen nur mit schwächeren Wirkungen versehenen Kräuterarz- 
neien abgekommen , und aus vermehrter Aufklärung werden sie auch als 
Volksmittel längst nicht mehr so massenhaft wie früher gesucht. Anders 
verhält es sich in Amerika und besonders scheint die deutsche Einwande- 
rung nach den Vereinigten - Staaten ihre alte Vorliebe für Kräuter - Me- 
dicin und Arzneipflanzen - Einsammlung dahin mitgenommen zu haben. 
Dorthin werden desshalb noch immer viele Kräuter von hier und auch 
die hier ganz obsoleten, oft nur Vorurtheilen dienenden indifferenten Vege- 
tabilien gesucht. Natürlich werden bei solcher Vorliebe die eignen Pro- 
ducte der dortigen Flora nicht minder gesammelt und exploitirt, wovon 
manche uns von dort zu Theil gewordene Vermehrungen des Arznei- 
schatzes , z. B. Sanguinaria canadensis, Hydrastis canaden- 
sis, Spigelia anthelmintica, Eupatorium perfoliatum, 
Po dophy llum p eltatum , S arr acenia pur pur ea Zeugniss geben, 
welche sich an die viel früher erschienenen höchst werthvollen S e n e g a 
und Serpentaria virginiana anreihen. Die vielfachen Rückwir- 
kungen von Gebräuchen und Verwendungen der einen Hemisphäre 
auf die andere stellen auch leicht noch fernere Uebersiedelungen nord- 
amerikanischer Heilpflanzen nach dem alten Europa in Aussicht, und um 
hierzu bei Zeiten der raedicinischen Welt bequeme Untersuchung zu ermög- 
lichen, haben wir eine Collection der bedeutendsten jener nordameri- 
kanischen medicinischen Vegetabilien bezogen, deren Ver- 
zeichniss wir inseriren unter den dort einheimischen englischen Benen- 
nungen mit Beifügung des botanischen Namens. Es sind: Balmony: 
Chelone glabra , Bayberry: Myrica cerifera, Bügle AVeed: Lycopus enro- 
paeus , Frostwort : Helianthemum canadense^ Parbridge Berry Wintergreen : 
Gaultheria procumbens , Life Root: Senecio aureus, Queen of theMeadow: 
Eupatorium purpureum; von diesen acht Vegetabilien ist es das Kraut, 
bei einzelnen die ganze Pflanze; Beth Root: TrilUum purpureum^ Bitter 
Root : Apocynmn androsaemifolium, , Black Cohosh : Cimicifuga racemosa, 
Blackberry Root: Rubus villosus occidentalis , Blue Cohosh: Caulophyllwm 
(Thalictrum) , Cotton Root: Gossypium herbaceum^ Dwarf Eider: Aralia 
hispida , Helonias : Helonias dioica , Indian Hemp : Asclepias incarnata, 
Lady Slipper or Nervine : Cypripedium pubescens, Pleurisy Root : Asclepias 
tuberosa , Pooke Root : Fhytolacca decandra , Queen of the Meadow Root : 
Eupatorium purpureum, Queensroot or Stillingia: Stillingia sylvestris, 
Skung Cabbage : Symplocarpus foetida, Spikenard : Aralia racemosa , Stone 
Root: Collinsonia Canadensis; diese bestehen aus den Wurzeln, einige aus 
den Wurzeln mit Stengeln und Blättern; Black Alder: Prunus versieolor, 
Dogwood: Cornus ßorida, Prickly Ash Bark: Xanthoxylum fraxineum, 
Tag Alder: Alnus rubra, Wild Cherry Bark: Prunus virginiana, Witch 
Hazel: Hamamelis virginiana; hiervon die Rinden. Indess erst nach meb- 

Arch. d. Pharm. CLXXXVIU. Bds. 1. u. 2. Hft. 12 



178 Waarenbericlit. 

ren über deren Werth oder Unwerth vorliegenden Erfahrungen werden 
wir wegen etwaiger Aufnahme derselben in unseren Catalog uns ent- 
schliessen, wozu wir auch noch Calladium seguinum von Cuba und 
Grindelia robusta von Californieu erwarten. 

Hydrargyrum vivum. Ungeachtet der bedeutenden Importation 
von spanischem und californis cheni Quecksilber im Laufe des 
Jahres 1868 von 45,900 Flaschen gegen 29,000 Flaschen in 1867 in Lon- 
don ist der Preis dieses Metalles während des ganzen Jahres unverändert 
geblieben und erst nach Feststellung der Vorräthe am 1. Januar 1869 von 
21,300 Flaschen (wovon 19,850 Flaschen spanisches und 1450 Flaschen 
c alif or nisch es) gegen 15,350 Flaschen am I.Januar 1868 bei fort- 
während im Wachsen begriffener Frage stiegen die Preise in England um 
1 sh. pro Flasche, nämlich auf Strl, 6. 17 sh. für spanisches und Strl. 6. 18sh. 
für californisches pro Eisenfiasche von 80 Pfund englisch Inhalt. Die 
Vereinigten- Staaten von Nordamerika sind wegen der califo mischen Minen 
sehr wesentlich mit diesem Artikel im Welthandel betheiligt und haben 
im letzten Fiskaljahre einen Export von 1,736,924 Pfund oder 21,711 Fla- 
schen gehabt. 

Kali carbonicum. Durch die neue zollvereinsinländische eigene 
Pottaschen -Erzeugung hat der Import der russischen Pottasche 
aufgehört, eine Nothwendigkeit zu sein und hat in einigen Häfen ansehn- 
lich abgenommen. Nach Lübeck kamen 30,629 Pud gegen 54,756 Pud in 
1867, nach Bremen 9224 Pud gegen 35,07 l Pud in 1867, nach Hamburg 
jedoch 15,216 Ctr. in 1867 gegen 14,638 Ctr. in 1866. Dafür hatte Stet- 
tin einen Import 1865 von 71,881 Ctr., 1866 42,977 Ctr., 1867 53,907 Ctr., 
1868 68,502 Ctr. ; derselbe hat also erheblich geschwankt und dürfte fer- 
nerweite Reduction erfahren, weil die an Qualität höher stehende und 
zuverlässigere deutsche Pottasche nicht nur die öfters in der Quali- 
tät ungleiche russische Pottasche, sondern selbst auch die extrafeine il ly- 
rische, letztere wegen ihrer höheren Kosten, mehr und mehr verdrängt. 
Das Wachsthum der inländischen , die stassfurter Abraumsalze verarbei- 
tenden Fabrikation hat den Werth der deutschen Pottasche gleichmässig 
niedrig erhalten. 

Für Lignum quassiae ist eine enorm starke Frage aufgetreten, die in 
der gewöhnlichen medicinischen Verwendung in den Apotheken nicht allein 
ihren Grund haben konnte. Noch erfuhren wir indess nicht, ob Bedarf 
in Brauereien, zur Insecten - und besonders Fliegen - Vertilgung oder 
welche sonstige Verwendung diese stürmische Nachfrage veranlasst haben 
mag, die Ende vorigen Jahres alle Vorräthe absorbirte. Die in Folge 
hiervon wesentlich erhöhten Preise gingen im Januar und Februar zurück, 
sind aber im März aufs Neue gestiegen. Die Surinam- Sorte , welche 
auch jetzt noch fehlt, wird bei der besonderen Güte der neuen Zufuhren 
von Jamaica fast entbehrlich gemacht. Für Fliegenpapier ist unsere 
geraspelte Secunda- Sorte (aus Rinden - Stücken) nicht allein genügend, 
so7idern wird wegen des grösseren Extractgehalts sogar vorgezogen. 

Macis et Nuces moschatae. In Folge Ahnahme der Vor- 
räthe bei ziemlich gleich gebliebenen Ablieferungen und für Muscat- 
nüsse in Rückblick auf die letzten 10 Jahre noch mittelmässig zu nen- 
nendem Preise erhöhte sich das Kaufs - Interesse für diese Artikel und 
rief Anfangs März selbst Speculation wach, unterstützt von den aus Su- 
rabaya eingetroffenen Berichten, dass die Ernte auf Banda, dem Haupt- 
productionslande von M uscatiiüssen , sehr schlecht ausgefallen sei, weil 
wegen anhaltender Dürre der grösste Theil der Nüsse von den Bäumen 
gefallen, die meisten Bäume der neuen Anpflanzung ausgestorben und die 
Blätter selbst der stärksten Bäume ausgetrocknet wären. 



Waarenbericht. 179 

Die Preise stiegen demzufolge schnell für Muscatnüsse N. I. auf 
95 bis 96 es., Nr. II. auf 87 bis 88 es. und rissen auch Macisblüthe 
mit sich fort, die La. D. mit 144 es., E. mit 141 es. bezahlt wurden, 
Preise, die bei Macis bedeutend höher sind, als sie in den letzten 10 Jah- 
ren gewesen, während bei Muscatnüssen bis 1860 zurück ebenfalls 
niedrigere Preise, 1860 die gleichen, 1859 aber noch wesentlich höhere 
Preise bezahlt wurden, nämlich 108 es. für Nr. 1. Es ist nicht unwahr- 
scheinlich, dass diese Preise sich behaupten werden, da die Statistik nach- 
weist, dass die Ausfuhr von Java und Sumatra nach Europa und Nord- 
amerika von Muscatnüssen in 1868 nur 4463 Piculs betrug gegen 
7256 Piculs im Vorjahre und von Macisblüthen 4109 Piculs gegen 
3708 Piculs im Vorjahre und weil auch in England die Vorräthe von 
Singapore- und Pe nang-N üs s en Ende 1868 in der Abnahme begrif- 
fen waren, indem sie am 31. December nur 1540 Kisten gegen 2440 Ki- 
sten zu gleicher Zeit im Vorjahre betrugen und von Macisblüthe 216 Ki- 
sten gegen 226 Kisten im Vorjahre, trotzdem von Macisnüssen 1538 
Kisten in 1868 gegen 1265 Kisten in 1867 zugeführt wurden und von 
Macisblüthe 427 Kisten in 1868 gegen 153 Kisten in 1867, was also 
auch in England eine bedeutende Zunahme der Ablieferungen bekundet. 

Manganum oxydatum. Die von den thüringischen, hes- 
sischen und harzer Br au ns t ein- Gruben lange hoch gehaltenen 
Preise haben grosse Concurrenz der spanischen Gruben herbeigerufen. 
Nach der stettiner Einfuhr - Statistik sind allein in diesem Hafen 8000 Ctr. 
spanischen Braunsteins im vorigen Jahre eingelaufen, und war es 
bei der Aussicht auf stetige Zunahme jener Concurrenz natürlich, dass die 
deutschen Gruben gegen Ende des Jahres williger wurden. Unser extra- 
fein geschlämmter Braunstein zur Streichholzfabrikation und 
Kunstfeuerwerkerei erfreut sich steigender Aufnahme. 

Manna. Auf die anfangs als klein geschilderte , nachher indess 
ganz beträchtlich gewesene Einsammlung in 1867 ist in 1868 eine noto- 
rische Missernte gefolgt, die überhaupt nur ca. 100 Kisten Manna ca- 
labrina gerace ergeben haben soll. Das Bekanntwerden dieses Er- 
gebnisses hatte im Hinblick auf die in manchen Gegenden gi'osse Beliebt- 
heit dieses Medicamentes eine rapide Preissteigerung speciell für Manna 
gerace zur Folge, die bis zu ca. 2007o höheren als den gewohnten For- 
derungen führte, welche auch, da überall die älteren Vorräthe ausseror- 
dentlich klein waren, bewilligt werden mussten. Unter diesen Umständen 
hat ein von 1867 uns verbliebener Eest längere Zeit willkommene billige 
Aushilfe verstattet, wogegen eine spätere, nach Hamburg für uns ver- 
schiffte Partie neuer Waare Havarie erlitten hat und zu einem Theile 
nur noch zur Maimitfabrikation tauglich sich erwies. Manna canel- 
lata electa et in fragmentis waren zu den nicht ganz im Verhält- 
nisse gestiegenen Preisen in guter Qualität in kleinen Partieen zu haben 
und können wir von solchen noch zur Aushilfe dienen. Die IJauptcon- 
sumtion für diese Sorten besteht in Nordamerika, wo im letzten Steuer- 
jahre 38,649 Pfd. davon verzollt wurden. Dies beruht auf dem dort noch 
immer bestehenden wunderlichen Einfuhrverbote für andere Manna, als 
solche in Röhren, aus missverstandener Medicinalpolizei, während doch 
auf die Fa^on eines Zuckers überhaupt etwas nicht ankommen kann. 

Moschus. Es scheint, das Ergebniss der Moschusjagd wird von 
Jahr zu Jahr schwächer und die Qualität des Moschus geringer. Den 
Leuten in Tibet ist eben keine Schonung bekannt und sie schiessen die 
Moschusthiere weg , ohne auf künftige Zeiten viel Rücksicht zu nehmen, 
welchen hierin eher noch Minderes als das Jetzige bevorzustehen scheint. 



180 Waarenbericht. 

Myrobalani sind ein Artikel, der sich unglaublicli schnell in die 
Industrie eingeführt hat und dessen Handel immer grössere Dimensionen 
annahm. In der Gerberei \mä Färberei hat man diese aus Ostindien zu 
-uns kommende , sehr harte Frucht wegen ihrer raschen und gleichmässi- 
gen Ausgiebigkeit von Gerbstoff schätzen gelernt, nachdem man die 
anfänglich entgegenstehende Schwierigkeit der Zerkleinerung überwunden 
hat. Da bei möglichster Zerkleinerung der Frucht der Gerbstoffgehalt am 
raschesten extrahirt werden kann, so dürfen wir unser ganz feines My- 
robalanen-Pulver als bequemes und durch die vortheilhafte Hand- 
habung die etwas höheren Kosten wieder einbringendes Material zur 
Schwarzförberei und namentlich auch zur Tintenfabrikation mit Hinweis 
auf dessen bereits gefundene Anerkennung bestens empfehlen und wollen 
auch unsere östlichen Freunde zu Versuchen damit auffordern. Einen Be- 
weis für die günstige Aufnahme der Myrobalanen giebt die londoner 
Statistik, wonach im Jahre 1868 64,000 Packen (gegen nur 35,000 Packen 
in 1867) dort eingeführt und sämmtlich verkauft sind, keinen Vorrath am 
Jahresschlüsse hinterlassend. 

Natrum nitricum. Die deutsche Salpeter - Raffinerie ist jetzt 
eine so vollkommene , dass sie auch vom Auslande stark beschäftigt wird 
und an manchen Märkten die englische Concurrenz zu überflügeln scheint. 
Die Einfuhr des rohen Chili-Salpeters betrug in Grossbritannien in 
1868 1,029,05.5 Ctr. gegen 1,217,752 Ctr. in 1867 und 966,358 Ctr. in 
1866; in Hamburg 96,150 Säcke gegen 104,202 Säcke in 1867 und 
116,823 Säcke in 1866. Der einjährige Import der nordamerikanischen 
Freistaaten ward mit 29,780,902 Pfd. angegeben. Die Abnahme in den 
Zufuhren wird in diesem Jahre vermuthlich eine noch grössere, der Preis- 
gang daher ferner ein steigender sein. 

Nuces vomicae. Brechnüsse zogen in der ersten Hälfte des 
vorigen Jahres im Preise an; im Juni bezahlt man 23 sh. in London. 
Nachdem aber aussergewöhnlich starke Anfuhren von Madras, Bombay und 
Cochin kurz nach einander auf den Markt gebracht waren, kam der Ar- 
tikel in's Sinken und sind bis jetzt die Preise unter fortwährendem star- 
ken Angebote auf 14 bis 11 sh. je nach Qualität gefallen. Für unsere 
Strychninfabrikation haben wir uns im günstigen Momente versorgt. Der 
Gesammtimport von Brechnüssen betrug 9956 Packen gegen 2337 Packen 
in 1867, die Verkäufe in London 4848 Packen gegen 2839 in 1867, der 
Stock am Jahresschlüsse 5454 Packen gegen 348 Packen Ende 1867. 

Oleum absinthii. Der Geschmack hat sich in letzterer Zeit 
sehr entschieden für Absinth - Liqueur ausgesprochen und England, Frank- 
reich und Nordamerika haben starke Quantitäten von Absinthöl consumirt, 
obgleich mehrfach auf die Gesundheitsgefahrlichkeit des daraus bereiteten 
starken Getränks hingewiesen wurde, vde z. B. zwei Mitglieder der thera- 
peutischen Gesellschaft in Marseille , zugleich Irrenärzte , durch Versuche 
an Thieren die nacbtheilige Einwirkung der dem Absinthe specifischen 
Eigenschaften auf das Nervensystem ausser Zweifel gestellt haben. Noch 
scheinen aber die Absinth - Passionisten an die Warnungen der Irrenärzte 
sich wenig zu kehren, da der Verbrauch noch immer im Wachsthum 
geblieben ist. In Bezug auf unsere drei Qualitäten haben wir zu bemer- 
ken, dass die beiden letzteren nicht minder acht sind, als die erste und 
dass der Unterschied darin liegt, dass die I^-Waare aus reinen, im Sü- 
den cultivirten Blättern destillirt ist, dagegen die II* und III* Sorte theils 
aus wildgewachsenem Kraute, theils aus aufgeschossenen und bereits in 
die Blüthe gegangenen Pflanzen. 

Oleum amygdalarum amararum ward etwas wohlfeiler , da 
dessen Herstellung aus billigerem Materiale geschehen konnte ; noch mehr 



"Waarenbericht. 181 

hat Oleum a m y g d a 1 a r u m d u 1 c i ii ni in Folge der reichen Mandel- 
ernte im Preise nachgegeben, wesshalb auch die Nachfrage sogleich weit 
stärker als in früheren Jahren auftrat. Wir haben ein ausgezeichnet fei- 
nes, absolut reines, klar gelbes Oel sorgfältig im Süden herstellen lassen, 
welches wir sowohl in Fässern, als auch in Blechcanister - Packung zu 
massiger Notiz abgeben. 

Oleum anisi russicum ist uns aus bester Hand consignirt wor- 
den zu neuerdings ermässigtem Limite. Das russische Anisöl ist 
dem deutschen unzweifelhaft vorzuziehen, weil der russische Anissamen 
kleinkörnig und besonders gewürzig ist, das deutsche dagegen nicht nur 
aus den grossen fetten Körnern, sondern auch aus der Spreu destillirt zu 
werden pflegt, um damit billigere Herstellung zu ei'zielen. Wir lassen 
unser russisches Anisöl für besonders hohe Qualitätsansprüche nochmals 
rectificiren, welche Sorte wir daher in blendend weisser AVaare abliefern. 

Wir freuen uns, von Oleum aurantiorum et citri starke Po- 
sten zur günstigsten Periode bekommen zu haben, die wir nun unseren 
Freunden zu den besonders niedrigen Notirungen zur speculativen Ver- 
sorgung empfehlen können, da der Markt nicht nur grosse Festigkeit, 
sondern ernste Tendenz zum Steigen zeigt, die ferneren Beziehungen auch 
noch durch den gebesserten Cours der italienischen Valuta höher einste- 
hen. Von Oleum bergamottae sind wegen der Zurückhaltung der 
Verkäufer Vorräthe nicht erheblich und Preise nicht einladend genug, um 
sich besonders zu empfehlen, doch wird mit Geduld auch damit wohl 
noch vortheilhafte Anschaffung gelingen. Unsere Ablieferungen aller die- 
ser Essenzen machen wir auch ferner nur in exquisiten ächten I"^ - Quali- 
täten, indem wir mit den billigeren, von italienischen Nebenplätzen ver- 
schickten n* - Qualitäten Bergamottöl und Citronenöl uns über- 
haupt nicht befassen. 

Oleum cacao. Die Cacaobutter lassen wir mit vieler Sorgfalt 
reinigen, fa(,'oniren und in Wachspapierpackung, die der Stanniolpackung 
noch vorzuziehen sein möchte, zu beliebigen Einzelgewichten abtheilen. 
Unsere an Stelle der früher vorgekommenen gebleichten Cacaobutter durch 
frischen Cacaogeruch ausgezeichnete Waare von natürlicher zartgelber 
Farbe findet ungetheilten Beifall, namentlich auch bei den überseeischen 
Freunden, die früher gebleichte Cacaobutter beorderten. 

Oleum calami ist reichlich und wohlfeiler. Wir rathen Consumen- 
ten, sich jetzt gut zu versorgen, weil die periodische Seltenheit der Cal- 
muswurzel bekannt und auch aus sonstigen Umständen ein langes Ver- 
bleiben des Preises auf dem gegenwärtigen niedrigen Punkte kaum zu 
erwarten ist. 

Oleum carvi. Der Verbrauch des K ü m m e 1 ö 1 s war ZAvar anhal- 
tend ein starker, ist aber doch mit Ueberproduction verbunden gewesen 
und diese hat zum Nachtheile der Interessenten die Preise auf efi'ectiven 
Verlust gebende Normen herabgedrückt. Wegen hierbei vorkommender 
mancherlei verschiedener Qualitäten , welche wegen grosser Wohlfeilheit 
leicht die Käufer irre führen, empfiehlt sich nun sehr, dieses Oel stren- 
gen Proben zu unterwerfen. Untrügliche Zeichen der Aechtheit sind 
starkes Eechtsdrehen von 75 bis 80*^ im Polarisationsapparate, Beginn des 
Kochpunktes nicht unter 150" C. und unverändertes Volumen beim Schüt- 
teln mit gleichen Theilen Wasser in der graduirten Eöhrc und ein speci- 
fisches Gewicht zwischen 0,905 und 0,910. Oele, welche wesentlich unter 
70° Drehungswinkel im Polarisator geben, schon bei 80 bis 90" C. leb- 
haft zu sieden beginnen und an Volumen beim Schütteln mit Wasser ver- 
lieren, sowie wesentlich unter 0,900 specifisches Gewicht zeigen, sind ver- 
werflich, erweisen sich auch meist entweder von unangenehmem Terpen- 



182 Waarenbericht. 

thingeschniack, oder, weil mit Alkohol versetzt, von nicht ausreichender 
Kraft. Trotz des ümstandes, dass der vorjährige Kümmel schwächere 
Ausbeute, als gewöhnlich gegeben hat, und obgleich unsere Notizen jetzt 
schon unter den Einstandspreisen sind, bitten wir unsere Freunde bei 
etwaigen billigeren Angeboten von anderer Seite um mit Muster beglei- 
tete limitirte Ordres, und von uns auf jeden Fall reiner ächter Waare 
gewärtig zu sein. 

Oleum chamomillae vulgaris simplex et citratum haben 
wir trotz der hohen Kosten der gemeinen Kamillen ein Pöstchen 
billig destilliren können , weil wir das Absiebsei dieser Blumen , welche 
man zur Verbesserung des äusseren Ansehens , staubfrei haben will , zum 
Zwecke der Destillation vortheilhaft ausgenutzt haben. Das Product ist 
schön blau, dickflüssig und lässt nichts zu wünschen übrig. 

Oleum crotonis. Die Darstellung des Crotonöls haben wir in 
bisherigem grossen Maasstabe fortgesetzt und uns flotten Absatzes zu 
erfreuen gehabt. Wir gewinnen das Crotonöl nach zwei verschiedenen 
Methoden, nämlich durch Auspressung, hellgelb, klar und durchsich- 
tig, ohne allen Bodensatz, wie es in Frankreich und Italien beliebt ist, 
und durch Ext rac tion, madeirafarben, doch gleichfalls klar, medicinisch 
wirksamer wegen seines grösseren Gehaltes an Crotonsäure und Croton- 
harz , in Deutschland, ßussland und Amerika vorgezogen, wonach wir 
Committenten um Bezeichnung „expressum" oder „extractum'' 
bitten. 

Oleum florum aurantiorum seu Oleum neroli. Es sind 
zwar Pomeranzenblüthen in überreichlichen Massen gesammelt worden, die- 
selben waren aber zum grösseren Theile nicht zur Destillation geeignet 
und war diese daher knapp und preishaltend. Ausser dem vorzüglichen 
französischen Destillate konnten wir auch mit hochfeinem türkischen 
und egyptischen Neroli-Oel dienen. 

Oleum humuli lupuli. Den billigen Stand des Hopfens haben 
wir benutzt, irai ein grösseres Quantum achtes Hopfenöl zu destilliren. 
Bei Aufträgen von einiger Bedeutung gewähren wir auf unsere massige 
Notiz noch Vortheile. 

Oleum jecoris aselli. Der Leberthran gehört zu den am 
schwierigsten zu taxirenden Artikeln unserer Branche und fast immer ist 
sein Handelsgang mehr beeinflusst von habsüchtiger Speculation, als von 
der Entwickelung der aus Production und Bedarf sich ergebenden natür- 
lichen Conjunctur. Die meist sanguinen Berichte der norwegischen Händ- 
ler über Umfang und Ausgiebigkeit der Fischerei leiden nur zu oft an 
UnZuverlässigkeit und sind trotz der dem Fischfange neuerlich durch die 
Dampfschifl'fahrt gewährten grossen Erleichterungen schwer oder doch 
nicht prompt zu controliren. Dabei zeigt die Erfahrung ein stetes Drän- 
gen der Käufer um die rascheste Versorgung mit der frischen, zuerst ange- 
kommenen Waare, und dies führt fast regelmässig nicht nur zu übertrie- 
ben hoher Bezahlung dieser Erstlinge , sondern auch oft zu Versuchen, 
durch Berichte über schlechten Fang diese hohen Preise möglichst lange 
beizubehalten. Ohne allzuheftige Begier der Käufer nach frischer Waare, 
die zuweilen um nichts besser als auserwählte vorjährige ist, würde dage- 
gen nach Erledigung der ersten Bedürfnisse schon nach einigen Wochen 
um vieles billiger zu kaufen sein. Möchten desshalb unsere Committenten 
Geduld haben und uns einige Zeit lassen; sie würden dann am besten 
fahren und in der Regel vor zu theuercn Preisen bewahrt werden. We- 
gen des Verlaufes des letzten Halbjahres erinnern wir an die im Juli 
augeblich unerwartet eingetroffene Nachricht, der Fang habe in Finnmar- 
ken einen neuen Aufschwung 'genommen und die Ausbeute desselben sei 



Waarenbericht. 183 

nun, statt wie anfänglich gemeint zu drei, auf zehn (!) Millionen Fische 
zu veranschlagen. Die weitere Entdeckung, dass auch der Fang in Lofo- 
den reichlicher wie angekündigt ausgefallen, bewirkte Umschlag des Mark- 
tes , und blanker Medicinalthran wich in Bergen von Spdr. 24 bis auf 
Spdr. 16 bis 17 zurück. Jetzt, wo die Läger nachgerade geräumt und 
vor Ende Mai keine neuen Zufuhren zu erwarten sind, hat sich der Markt 
etwas erholt und steht fest auf Spdr. 18 bis 18^2- Unsere Umsätze wäh- 
rend der Saison erreichten die Ziifer eines der besten Jahre und sehen 
wir darin ein angenehmes Zeichen, dass unsere geehrten Auftraggeber 
vorgekommene Preisrückgänge nicht uns zur Last legen, vielmehr unsere 
Sorgfalt in Wahrnehmung ihres Interesses anerkennen, und es wohl 
beachten , dass wir ihnen unter allen Umständen wirklich die frischeste, 
schönste, reinschmeckendste Waare sowohl von dem gelben bergener 
Medicinalthran, als von dem mit Dampf dargestellten gereinigten 
Oleum jecoris aselli album et albissimum preiswürdig abzu- 
liefern bemüht Avareu. 

Oleum menthae piperitae. Die Pfefferminz öle der ver- 
schiedenen Sorten haben sich bei starker Frage im Preise hoch gehalten. 
Die englichen Cambridge- und Mitcham-Oele wurden vorzüglich 
theuer bezahlt und bewährten ihren alten Ruf des feinsten Aroma, indem 
sie nur von unserem superfeinsten deutschen, aus ausgelesen gereinigten 
Blättern destillirteu Oleum menthae piperitae e foliis electis noch 
übertroffen werden. Von Oleum menthae piperitae americanum 
halten wir regelmässige Consignationen in den wegen ihrer Eeinheit 
berühmten Marken II. G. Hotchkiss und L. B. Hotchkiss, wodurch 
wir in den Stand gesetzt werden, dieselben zu billigsten Ursprungspreiseu 
abzugeben. Der Anbau des Pfeffermiuzkrautes in den Vereinigten - Staaten 
ist in rascher Zunahme, was auf die Vcrwerthung der anderen Prouuctio- 
nen zurückwirken muss. Während im Jahre 1855 überhaupt nur 2000 
amerikanische Acres mit Pfefferminze in Michigan und Wayne bepflanzt 
waren, hatte in 1868 die Grafschaft Wayne im Staate New -York allein 
von 2000 Acres Pfefferminzkraut - Ernte, welche 50,000 Pfund Oel zu Prei- 
sen von Doli. 4. 50 cts. bis Doli. 5. 12^2 cts. in den Handel brachten und 
damit später bis auf Doli. 6. 25 cts. stiegen. Während stete Gleichmässig- 
keit der Qualität den englischen wie den amerikanischen Oeleu 
nachgerühmt werden muss, ist dagegen zu beklagen, dass die Ablieferun- 
gen von Oleum menthae piperitae germauicum viele Verschie- 
denheit und UnZuverlässigkeit zeigen, und dass nur zu oft die spätere 
Ablieferung desselben Producenten geringere Qualität, als die verstandene 
vorhergegangene, in nicht immer sogleich erkennbarer Weise bringt. Vom 
deutschen Pf effermin z ö le können wir daher nur das vorerwähnte 
extrafeine e foliis electis als acht garautiren, nicht so aber die ande- 
ren Sorten, da beim Mangel grösserer Pfefferminzanlagen in unserer Nach- 
barschaft wir davon eigne Destillation nicht betreiben können. 

Oleum olivarum. Nach einer in die ersten Monate des 2. Seme- 
sters vorigen Jahres gefallenen kurzen Baisse der Baumöl-Preise eta- 
blirte sich in den Monaten September, October und November eine sehr 
beträchtliche Hausse, und zwar mit um so grösserer Berechtigung, als die 
Vorräthe überall aufs Aeusserste zusammeugeschwunden waren und kaum 
zur Deckung des allernothwendigsten Bedarfes hinreichten. In England 
hatten die Importe nur 15,870 Tons betragen gegen 20,273 Tons in 1867, 
in Hamburg 2,285,000 Pfd. gegen 3,700,000 Pfd. in 1867, in Stettin 
18,239 Ctr. in 1868 gegen 49,629 Ctr. in 1867. Diese Ziffern erklären 
zur Genüge, warum die Preise für vorräthige Waare eine bedeutende 
Höhe erreichen mussten, trotzdem aus allen Productionsländern bereits 



184 "Waarenbericht. 

glänzende Berichte über die ausserordentliche Ergiebigkeit der 1868er 
Oliven- Ernte vorlagen , aus welcher aber erst für Ende Februar die 
viel billigere neue Waare zu erwarten war. Wenn auch mehrfach der 
gewaltig grosse Ertrag dieser Ernte halb verleugnet ward, so steht doch 
fest , dass die Olivenöl producirenden italienischen Provinzen in über- 
schwenglicher "Weise mit e 1 gesegnet wurden und dass vielfach die vor- 
handenen Vorrichtungen (Mühlen und Cisternen) nicht ausreichten , um 
das e 1 der neuen Ernte zu pressen und zu bergen. Die Preise für 
Fabrikbaumöle sind demnach auch um ca. 40% zurückgegangen 
und erscheinen besonders be achten swerth, namentlich unter Berücksich- 
tigung der Erfahrung , dass der Olivenbaum äusserst selten 2 Jahre nach 
einander reichlieh trägt, demnach für dieses Jahr die Wahrscheinlichkeit 
einer kleinen Ernte nahe liegt. Zu den billigen Kosten erwarten wir von dem 
anerkannt besten Galli p oli-Baumö 1 mehr gelber Färbung mit dem ab 
Santo Stefano nach Hamburg am 28. März abgegangenen Dampfer „Nile" 
zunächst einen grösseren Posten in festen reel gebauten Gebinden ver- 
schiedener Grösse von 5 bis 20 Ctr. Gewicht und können darauf bereits 
Ordres auf Lieferung unter Vorbehalt glücklicher Ankunft notiren. 

Oleum papaveris. Das Mohnöl hat ungeachtet karger Mohn- 
samenernte wegen der billigen Provencerölpreise niedrige Kosten behaup- 
tet, die nur um etwa l^/^ Thlr. Erhöhung erfuhren, und Oleum sesami 
ist aus gleichem Grunde bedeutend im Preise gewichen. Die vorzügliche 
Qualität, in welcher letzteres von Frankreich in der letzten Zeit geliefert 
worden ist, hat uns veranlasst, zu den gegenwärtig sehr niedrigen Kosten 
einen grösseren Posten schönsten hellen neuen Oels ebenfalls in Fässern 
von 300 Pfd. Inhalt einzuthun, wovon wir ab hier, sowie ab Hamburg 
zu bedeutend herabgesetzten Preisen offeriren. Das in Deutschland ge- 
presste II*-Sesamöl aus ostindischem und südafrikanischem Samen ist 
zwar vorhanden, hat aber bei der grossen Billigkeit des viel schöneren 
französischen Productes an Interesse verloren und ist namentlich mit Eück- 
sicht auf seine dunklere Farbe minder beliebt, zumal auch die Fabrikan- 
ten im Preise zu wenig nachgegeben haben. 

Oleum ricini. Von besonders ausgezeichneter hochfeiner Qualität 
sind die Ablieferungen des neuen italienischen Ricinusöles gewe- 
sen und daher für die Medicin auch vielfach dem ostindischen vorgezo- 
gen worden. Das mit grosser Sorgfalt hergestellte italienische Product 
zeichnet sich dadurch aus, dass es wasserhell, dickflüssig und höchst rein- 
schmeckend, ohne einen kratzenden Gaumenkitzel zu hinterlassen, und 
selbst die höchste Qualität des ostindischen Oels kann kaum damit wett- 
eifern. Bei der Wichtigkeit, die somit das italienische Ricinusöl, 
von dem wir Lager in Wien , Hamburg , Stettin und hier unterhalten, 
für uns hat, pflegen wir uns davon in Zeiten die besten Partieen con- 
tractlich zu sichern, und dies ist so billig geschehen, dass wir unsere 
Abnehmer damit noch immer zur Parität des I* ostindischen bedienen 
konnten und auch dann keinen Aufschlag dafür in Anspruch nahmen, als 
sich herausstellte , dass die Ricinuspflanzen durch die grossen Wolken- 
brüche in den italienischen und tyroler Alpen im letzten Herbste zur 
Beeinträchtigung der Samen - Einsammlung grosse Beschädigung erlitten 
hatten. 

Oleum sinapis aethereum. Unsere Senf öl -Destillation hat 
sich anhaltend eines lebhaften Absatzes erfreut. Da sowohl der hollän- 
dische als der italienische Senfsamen theuer bezahlt werden musste , so 
waren wir genöthigt, unsere Notiz doch in etwas zu erhöhen. Unser 
Senf öl ist rectificirt, weissgelb und hält die Schwefelsäureprobe, 



Waarenbcricht. 185 

Oleum terebinthinae. Die grossen Zufuhren des Terpenthin- 
ö 1 s aus Nordamerika , welche sich jährlich auf ca. ein und eine halbe 
Million Gallonen belaufen , sind es , welche die Preise so sehr herabge- 
bracht haben ; doch scheint hiermit der Wendepunkt eingetreten , da 
sowohl das französische wie das amerikanische Terpenthinöl 
an den Seeplätzen gestiegen sind und bereits um 25^0 höher bezahlt 
wurden. Das sogenannte deutsche Terpenthinöl, welches hauptsäch- 
lich aus Südrussland und Polen zu uns gelangt, wird in grossen Posten 
umgesetzt und war im Februar beim Anlangen grosser Zufuhren zu 
Schlitten billig zu kaufen. Neuerlich fingen aber die Preise an anzuzie- 
hen, weil die durch geschmolzenen Schnee grundlos gewordenen "Wege 
die Zufuhren hemmten. 

Opium. Der Gang des Opiumhandels im Jahre 1868 hat seines 
Gleichen noch nicht gehabt. Eine Preisüberstürzung in nie vorher erfah- 
rener Höhe ist zu einem Anzeichen, was die Speculation heut zu Tage 
zur Schädigung der Consumenteu und des soliden Verbrauchshandels ver- 
mag, herauf beschworen worden von einem Häuflein Speculanten wegen 
eines nicht übermässigen Deficits in der Production nur eines einzelnen 
der zahlreichen Mohn erbauenden und auf Opium verarbeitenden Län- 
der, nämlich wegen Missernte des Mohns in dem dieser Cultur obliegen- 
den Theile Kleinasiens, welcher das im Abendlande gebräuchliche soge- 
nannte türkische Opium liefert. Diese Conjunctur wurde durch Ope- 
rationen der londoner Börse gemacht und London hat den Artikel domi- 
nirt und dabei die Märkte von Smyrna und Constantinopel, die mit ihren 
Notirungen rasch nachfolgten, ins Tau genommen, während sonst immer 
der umgekehrte Fall stattzufinden pflegt. London begann das Geschäft 
des vorigen Jahres mit Preisen von 20 — 2OV2 ^^- für P Smyrnaer Waare 
bei schwacher Frage und mit einem Rückgange auf 18^3 — 19 V2 sh. im 
März, welche Preise bis Juli ziemlich stabil blieben. Einige Exporte von 
Smyrna nach China aus den Resten der 1867er Ernte übten dann Ein- 
fluss auf die Meinung und bewirkten, dass man im August 22^2 sh, für 
gute alte Waare bezahlte. Opium der neuen Ernte war zu gleichen 
Preisen gesucht , aber die Inhaber forderten bereits höher , weii das 
gesammte kleinasiatische Jahre serträgniss nun auf nur 2500 .S'isten 
geschätzt wurde, während 5000 Kisten ein reichliches, 3000 Kisten ein 
knappes Jahreserträgniss für Kleinasien bedeuten. Als darauf später auch 
diese Schätzung sich als zu hoch herausstellte und ein Erträgniss von 
nur 2000 Kisten angegeben wurde, wurden die Preise auf 24^2» 25 und 
27 sh. gebracht. Da hat nun zu Anfang November eine zunächst von 
Nordamerika ausgegangene Speculation sich der Vorräthe in Smyrna, 
London und New -York rapide bemächtigt und ein weiteres Treiben in 
Scene gesetzt , dessen Kühnheit und für's erste auch gelungene Durch- 
führung jeden ausserhalb des Schauplatzes Stehenden Wunder nehmen 
muss. Die Preise liefen in London sofort von 27 sh. auf 32 sh. 6 d. und 
bis zum 12, December zahlte man 36 sh. , bis zum 19. 40 sh. , bis 24. 
45 sh. und 47 sh. am 31. December, alles erste Kosten für's leichte eng- 
lisch Pfund und für naturelle nicht nachgetrocknete Waare in ganzen 
Kisten. (Der letztere Preis ist gleich 16 Thlr. pro leichtes englisches 
Pfund oder 18 Thlr. pro Zollpfund, ohne Berücksichtigung der Einkaufs- 
kosten und Gewichtsabgänge). Innerhalb eines halben Jahres hatte sich 
also' der Werth des Artikels beinahe verdreifacht, wenigsten in der Ima- 
gination der Speculation und der